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Dieses Thema hat 78 Antworten
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 Filmbewertungen
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patrick Offline




Beiträge: 2.678

23.02.2016 21:02
#61 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Auch ich könnte auf Gesangs- und Humoreinlagen absolut und gänzlich verzichten. Ich liebe die Edgar- und Bryan-Edgar-Wallace-Filme umso mehr je ernsthaftere Thriller sie darstellen. Der Henker ist ein wunderbarer Film, der meinen Wallace-Geschmack auf's i-Tüpfchen trifft. Schade, dass nicht alle Filme des Genres in genau diesem Stil inszeniert wurden. Da ist einfach alles drin, was ich liebe. Eine düstere Atmosphäre, alte Gemäuer, schöner Kunstnebel, eine passende Musik, der nötige Ernst, gelungene Kapuzenträger, eine hochspannende Handlung mit toller und überraschender Auflösung, gute Schauspieler, und, und, und.... Ich kann dieses Meisterwerk gar nicht genug loben. Einer meiner Lieblingsfilme überhaupt. Die Gesangs- und Tanzeinlage finde ich zwar schrecklich, doch steht diesen ein derartig massiver Überhang an Stärken gegenüber, dass der Film qualitativ einfach nicht mehr heruntergezogen werden kann. Der fehlende Glanz, der Felmy oft angekreidet wird, ist für mich kein Manko, sondern sogar eine Stärke des Films, da sie den zerrissenen Charakter glaubhaft macht. Ich lege nicht allzu viel Wert auf einen Sonnyboy-Ermittler, sondern akzeptiere bereitwillig auch andere Interpretationen. Eigentlich gefallen mir von den BEW's nur 3 wirklich. Der Henker, dicht gefolgt vom Würger und dann mit ein bisschen Abstand das Phantom. Das siebte Opfer finde ich lahm, die schwarzen Koffer habe ich lange nicht mehr gesehen, fand sie aber auch nicht besonders und die Gialli......naja, die Etikettenschwindler gehören für mich nicht mehr zum Genre, sind aber davon abgesehen auch nichts herausragendes.

Meine Vorliebe für die ernsteren Wallace-Filme ist auch eine Grund, warum ich Reinls Beiträge so schätze. Mit Ausnahme des von mir wirklich ungeliebten Zimmer 13 zeigte er bei EW und BEW keinerlei Ausfälle. Er inszenierte sogar meinen Lieblings-Wallace. Wie ich immer wieder schreibe: Auf Reinl ist eben Verlass. Bei ihm hätte der absolut unterirdische Humor mit dem z.B. Mayerinck und Behrens meinen Geschmack "attackieren" wohl kaum dermaßen Überhand genommen. Auch der Hexer wäre unter seiner schützenden Hand sicher ein ernsthafterer Thriller geworden.

patrick Offline




Beiträge: 2.678

23.02.2016 22:05
#62 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

.....Ach ja, hab das Ungeheuer von London-City vergessen zu erwähnen. Der ist auch noch ganz passabel, wenn auch deutlich hinter Henker, Würger und Phantom.

patrick Offline




Beiträge: 2.678

15.01.2017 20:18
#63 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Bryan Edgar Wallace: Der Henker von London (1963)



Regie: Edwin Zbonek

Produktion: CCC-Filmkunst - Artur Brauner, BRD 02.09.1963 - 08.10.1963

Mit: Hanjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Harry Riebauer, Rudolf Forster, Chris Howland, Rudolf Fernau, Alexander Engel, Narziss Sokatscheff, Harald Sawade, Albert Bessler, Stanislav Ledinek, Günter Glaser, Bruno W. Pantel, Heinz Petruo



Handlung:

Eine vermummte Bande von Selbstjustiz treibenden Gerechtigkeitsfanatikern, deren Kopf sich "Der Henker von London" nennt, treibt in London ihr Unwesen und verurteilt und richtet Verbrecher, die es geschafft haben, durch die Maschen der Justiz zu schlüpfen. Jedes Opfer wird erhängt aufgefunden und trägt eine Mappe um den Hals, welche ein sorgfältiges und lückenloses Beweismaterial enthält. Verwendet wird stets der historische Henkersstrick, welcher trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen immer wieder aus dem Kriminalmuseum entwendet wird. Inspektor Hillier, der auf den Fall angesetzt ist, tappt im Dunkeln und würde lieber im Fall eines Mädchenmörders ermitteln, der parallel dazu ebenfalls sein Unwesen treibt. Eine heiße Spur führt den Inspektor zu einer geheimen Verhandlung des Henkers, der sich aber als Trittbrettfahrer entpuppt und Geld von einem Opfer erpressen will. Nachdem der Fall, zumindest vorläufig, abgeschlossen ist, bietet sich Hilliers Verlobte Ann Barry als Lockvogel für den Mädchenmörder an, der tatsächlich anbeißt und die Polizei abschütteln kann. Ann gerät dadurch in allerhöchste Lebensgefahr, doch auch der echte Henker schläft nicht...


Anmerkungen:


Nach dem rundum gelungenen "Würger" vermochte sich Brauners Reihe tatsächlich noch weiter zu steigern und präsentiert einen Wallace-Thriller allererster Güte. Eine wirklich astreine Atmosphäre wird von einer spannenden Handlung und einer grandiosen Auflösung begleitet. Die alten Gemäuer, der schöne Kunstnebel und die vermummte Geheimgesellschaft bieten ein Samelsurium von Grusel-Elementen, die man als Wallace-Fan einfach lieben muss. Die Henkers-Kutsche strahlt als Draufgabe einen liebgewonnenen viktorianischen Flair aus, der zwar nicht in's Jahr 1963 passt, aber einfach eine tolle Wirkung erzielt und daher besser nicht hinterfragt wird. Hut ab vor Brauner und seinem Team, das es verstand, aus dem Stehgreif heraus ohne wirkliche Vorlage einen (unechten) Wallace nach dem anderen hervorzuzaubern und dabei der Originalreihe in nichts nachzustehen. Das hie und da kritisierte Zusammenfallen zweier Handlungsstränge stört dabei überhaupt nicht, zumal diese ja miteinander verbunden sind und die Untaten des Mädchenmörders eigentlich den Ausschlag für die Aktivitäten des Henkers geben. Die für einen Wallace-Krimi eher untypischen psychologischen Ansätze geben der Story eine zusätzliche Würze. Das ausgesprochen interessante Thema Selbstjustiz ist hier viel düsterer und spannender in Szene gesetzt als in dem, ein Jahr später entstandenen, Rialto-Wallace "Der Hexer".

Der noch ziemlich am Anfang seiner Karriere stehende Hansjörg Felmy (1931-2007) verkörpert einen krassen Gegensatz zum beliebten Wallace-Ermittler Joachim Fuchsberger. Felmy lacht nie, wirkt müde und ausgebrannt und hat nichts von einem Sonnyboy an sich. Trotzdem spielt er den durch die Umstände niedergedrückten Charakter sehr stimmig und glaubwürdig und unterstreicht die düstere und ernste Atmosphäre des Films, der ganz im BEW-Stil ein waschechter Thriller ohne Überhand nehmende komödiantische Einlagen ist. Diese Ermittler-Interpretation gefällt mir übrigens deutlich besser, als seine uncharismatischen und faden Vorgänger Joachim Hansen und Harry Riebauer. Letzterer bekleidet hier glücklicherweise eine eher untergeordnete Rolle, in der er ganz gut aufgehoben ist. Chris Howland als Ersatz-Eddi-Arent ist weniger albern als bei seinem Auftritt in den "Koffern", wobei die Gesangseinlage wirklich nicht hätte sein müssen. Etwas unglaubwürdig erscheint, wie der im recht gesetzten Alter stehende Dieter Borsche reihenweise junge hübsche Mädchen anspricht, die sich durch wenige Worte bereitwillig dazu überreden lassen, mit ihm nach Hause zu kommen. Davon abgesehen liefert Borsche aber eine tadellose Performance als "mad-scientist" ab, die man ihm ohne weiters abnimmt, ähnlich seinen Charakteren in den echten Wallace-Filmen "Augen" und "Abt". Ein deutlicher Gewinn ist die Mitwirkung der wunderhübschen Österreicherin Maria Perschy (1938-2004), die ich gern öfters in diesem Genre gesehen hätte. Ihre Ann Barry wirkt von der Schwermütigkeit ihres Liebsten angesteckt, unter der sie sichtlich leidet. Perschy wäre geeignet gewesen, eine zweite Karin Dor zu werden und übertrifft Senta Bergers Darstellung in den "Koffern" recht deutlich.

Auch Raimund Rosenbergers Musik passt sehr gut zu den Szenen. Eigentlich erstaunlich, wie Edwin Zbonek (1928-2006) trotz seiner Genre-Unerfahrenheit einen derartigen Vorzeige-Wallace zustande brachte. Aber ähnliches gelang ja bereits Harald Reinl mit dem "Frosch". Etwas widersprüchlich sind die Quellen über den Erfolg des "Henker von London". Laut dem Buch von Tobias Hohmann, das ich selbst besitze, war der Film kein kommerzieller Erfolg, was ich mir bei seiner Machart im Jahre 1963 überhaupt nicht vorstellen kann. Eine völlig gegenteilige Aussage steht bei Wikipedia, wo angegeben ist, dass der Film in einer Skala von 1(ausgezeichnet) bis 7(miserabel) unter Kinobesuchern die Note 3 bekam und damit durchaus als großer Erfolg verbucht wurde. Welche Aussage stimmt? Ich weis es nicht, kann mir aber nur Letzteres vorstellen.

Fazit:

Als wohl bester Edgar-Wallace-Epigone überhaupt bewegt sich der exzellente "Henker von London" auf dem Niveau der Top-Filme der Rialto-Reihe und lässt als düsterer und ernster Grusel-Krimi, der auch härter ist als seine Vorbilder, nichts zu Wünschen übrig. Damit sind 5 von 5 Punkte eine Selbstverständlichkeit.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.420

15.01.2017 20:20
#64 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten



Bryan Edgar Wallace: Der Henker von London


Kriminalfilm, BRD 1963. Regie: Edwin Zbonek. Drehbuch: Robert A. Stemmle (Vorlage „The White Carpet“, 1963: Bryan Edgar Wallace). Mit: Hansjörg Felmy (Inspektor John Hillier), Maria Perschy (Ann Barry), Harry Riebauer (Dr. Philip Trooper), Rudolf Forster (Sir Frank Barry), Rudolf Fernau (Butler Jerome), Wolfgang Preiss (Inspektor Morel Smith), Dieter Borsche (Dr. MacFerguson), Chris Howland (Cabby Pennypacker), Alexander Engel (Bodenspekulant), Albert Bessler (Brudermörder) u.a. Uraufführung: 22. November 1963. Eine Produktion der CCC-Filmkunst Berlin im Columbia-Bavaria-Filmverleih München.

Zitat von Der Henker von London
Von der Polizei unentdeckte Verbrecher müssen sich vor dem „Henker von London“ in Acht nehmen, der mit einem Tribunal von Gleichgesinnten geheimgerichtlich Todesurteile ausspricht und prompt vollstreckt. Die Polizei scheint machtlos zu sein, zumal sich der ermittelnde Inspektor Hillier lieber auf einen ebenfalls noch auf freiem Fuß befindlichen Mädchenmörder konzentrieren würde. Obwohl seine Schwester bereits Opfer des Unbekannten wurde, wagt er es, seine Freundin Ann als Lockvogel auf ihn anzusetzen ...


Die Besprechung enthält Spoiler.

Da sich die Rialto-Film mit einer Kinoversion der Wallace’schen Selbstjustiz-Geschichten („Der Hexer“, „Die vier Gerechten“) ausgiebig Zeit ließ, nutzte Artur Brauner die Gunst der Stunde, mit einem solchen Stoff aufzuwarten, der in mehrfacher Hinsicht an die TV-Version des „Hexers“ anschloss, die das ZDF im Juni 1963 ausgestrahlt hatte. Leider lässt der Film den guten Stil der Vorbildreihe vermissen, obwohl mit Robert A. Stemmle ein erfahrener, im modernen Sixties-Krimi aber nicht unbedingt immer treffsicherer Drehbuchautor herangezogen wurde. In Konsequenz – und sicher auch aufgrund der Verpflichtung des unerfahrenen Regisseurs Zbonek – wirkt „Der Henker von London“ hier und da ungelenk, stellenweise sogar unfreiwillig komisch in Wort („Fahren Sie weiter, ein Gehenkter.“) und Handlung (der immer wieder aufs Neue gestohlene Strick). Weitere Logiklücken tun sich auf, wenn man das Verhalten des Inspektor Hillier unter die Lupe nimmt, der im besten „roten Kreis“-Stil trotz Hauptermittlerstatus als Verbrecher enttarnt wird. Dennoch besteht Hillier mehrfach darauf, vom Fall des Henkers abgezogen und durch einen anderen Ermittler ersetzt zu werden – eine Entscheidung, die die Gefahr, gefasst zu werden, dramatisch steigen und schließlich Realität werden lässt.

Man mag sein irrationales Verhalten damit erklären, dass man mit Hansjörg Felmys John Hillier einen Gegenentwurf zum Musterermittler präsentiert bekommt. Der hier auftretende Inspektor ist chronisch übermüdet, überarbeitet und trägt einen düsteren persönlichen Schatten mit sich herum. Dennoch kann man nicht vom Publikum erwarten, dass es genießt, sich in einem fort von ihm und seinem ebenfalls ständig gereizten Vorgesetzten Wolfgang Preiss anschreien zu lassen. Diese modernen, ständig missgelaunten Scotland-Yard-Neuinterpretationen sollen wohl das Gegengewicht zu den ins andere Extrem fallenden, betulichen, fast schon britische Klischees karikierenden Figuren Sir Francis und Jerome darstellen. Einen dezenten Mittelweg sucht man jedenfalls vergebens, denn Felmys unterkühltes, zerrissenes Auftreten wird vom Spiel Maria Perschys, die mit ihrer gekünstelten Art keinem ihrer Sixties-Krimis etwas Sympathisches hinzufügte, komplementiert. Man mag dem „Henker“ zugute halten, dass er keine Romantisierung betreibt, sondern junge Figuren in einem nicht immer rosigen Alltag zeigt – zusammengenommen ergeben Felmy und Perschy hier aber das vielleicht uninteressanteste und unsympathischste Liebespaar aller Wallace-Epigonen.

Auf der Seite der Gesetzlosen wird dafür einiges geboten: Subversive Lynchjustiz in skelettbestückten Kellerverliesen geht mit einer prunkvollen (und im Spree-Londoner Straßenbild natürlich total unauffälligen) Zelebrierung des Gothic-Kults mit Kapuzenüberhängen und verschnörkelten Sarg-Kutschen einher. Dabei entfalten die Szenen nicht einmal immer ihre volle unheimliche Wirkung: Eine allzu nüchterne Synchronisation des maskierten Hillier und eine schleppende Musik, die vor allem in Verfolgungsszenen deplatziert wirkt und wie in einem Eingeständnis der eigenen Antriebslosigkeit am Ende einfach mal in doppelter Geschwindigkeit abgespielt wird, verhindern, dass ähnlich effektiver Nebelgrusel aufkommt wie im Vorgängerfilm. Außerdem meinte man offenbar, sich mit einem albernen Schlager die deutlich atmosphärischeren Kneipenstücke der Rialto-Reihe abschauen zu müssen, sodass Chris Howland – hier noch störender als in den „Koffern“ in seinem wahrscheinlich kindischsten Krimi-Auftritt überhaupt – wahlweise wie ein Kind durch die Lampignon-Bar hüpft oder sich (an einem besonderen Tiefpunkt) als Prostituierte verkleidet.

Neben den Maskenmännern soll vor allem Dieter Borsches Mädchenmörder Spannung in das Geschehen bringen. Sein erster nennenswerter Auftritt liegt aber zu spät im Film. Das Gefühl, dass seine Ankündigung als Sexualverbrecher dann auch überhaupt nicht zu seinen wirklichen Intentionen (das wissenschaftliche Interesse an der Reduzierung des Menschen auf sein „intellektuelles Körperteil“) passt, führt dazu, dass man die Einbindung des Dr.-MacPherson-Nebenplots auch abgesehen von seiner ohnehin eher fragwürdigen Sci-fi-Trash-Natur nur als unüberlegte Staletti-Kopie bezeichnen kann. Seine Einbindung in den Film scheint vor allem aus der Erkenntnis herzurühren, dass man mit dem immer gleichen Vorgehen der Henker-Bande keine komplette Spielfilmlänge hätte füllen können. Immerhin werden beide Plothälften am Ende geschickt zusammengeführt, indem der verrückte Wissenschaftler sowohl als Motivation für die Verbrechen des Henkers als auch für dessen letzten Akt der „Gerechtigkeit“ genutzt wird. So endet der Film – auch wegen des durchaus überzeugenden Überraschungsfaktors und ausbleibender Längen – mit einem versöhnlicheren Eindruck, als man ihm eigentlich aufgrund seiner zahlreichen Schwächen zugestehen dürfte. Der Wermutstropfen, dass man keinen der Schöffen des Henkers je demaskiert zu Gesicht bekommt, bringt das Glas dann auch nicht mehr zum Überlaufen.

Hübsch gefilmter, aber schwach konstruierter Krimi, der von ausgelaugten Krimiklischees zehrt und sie in zwei weitgehend unverbundenen Plakativ-Mordserien unterbringt. Das Schauspielpersonal agiert auf unterdurchschnittlichem Niveau, wobei Felmys Rolle zwar Ansätze von Komplexität zeigt, aber letztlich eben doch nicht tiefgründig genug ausgelotet wird, sodass er schon drehbuchbedingt kaum Besseres hätte leisten können. Was dagegen Chris Howland anbietet, ist gruseliger als Kapuzentribunal und Frankenstein zusammen. 2,5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.352

15.01.2017 21:07
#65 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Patrick schildert einige Aspekte sehr gut, vor allem, was die Figuren Ann und John anbelangt. Der Polizeibeamte zeigt einen Mann, wie er heute - im Zeitalter der beruflichen Überforderung - gang und gäbe ist. Seine Beziehung zu Ann ist durch den beruflichen und seelischen Stress, unter dem er leidet, belastet. Die Zeit der Butterblumenromantik ist vorbei und die Zukunft wird mit kühnen und abstrakten Pinselstrichen gezeichnet, was sich in der futuristisch anmutenden Wohnung von Dr. MacFerguson zeigt. Das Individuum ist in erster Linie allein und auf sich selbst gestellt; Verbitterung, Hass und Rachegefühle rühren aus psychologischen Verletzungen. Der Film greift hier viele wichtige Themen auf (z.B. die Hinterbliebenen eines Gewaltverbrechens, die sonst immer im Dunkeln bleiben) und bietet deshalb zahlreiche interessante Facetten.

patrick Offline




Beiträge: 2.678

16.01.2017 07:45
#66 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Ja, hier ist sehr viel unschöner Realismus drin, der von der heilen Welt mit Happy-Ending, wie man's damals gern gezeichnet, hat stark abweicht. Ich mag das. Fast schon ein Film-Noir. Das könnte der Grund für einen verhaltenen Erfolg des Films gewesen sein, sollte er tatsächlich nicht wirklich Kasse gemacht haben. Mich würde wirklich interessieren, wie nun der "Henker" damals tatsächlich gelaufen ist.

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.267

16.01.2017 08:41
#67 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Da der Film seinerzeit mit FSK16 in die Kinos kam, hatte er sicher Einbußen bei den Zuschauerzahlen. Für mich ist er jedoch einer der besten Epigonen.

Marmstorfer Online




Beiträge: 7.270

16.01.2017 09:35
#68 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Zitat von Edgar007 im Beitrag #67
Da der Film seinerzeit mit FSK16 in die Kinos kam, hatte er sicher Einbußen bei den Zuschauerzahlen.


Wieso? Das war doch die Standard-Freigabe fast aller Wallace-Filme und Epigonen.

Giacco Offline



Beiträge: 1.399

16.01.2017 12:20
#69 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Zitat von patrick im Beitrag #66
Mich würde wirklich interessieren, wie nun der "Henker" damals tatsächlich gelaufen ist.

Ich hatte schon mal an anderer Stelle folgendes gepostet:

Der Verleih "Columbia-Bavaria" meldete kurz nach dem Start in einer ganzseitigen Anzeige im Film-Echo:
"Ins Schwarze getroffen. In den ersten 3 Spieltagen in 60 Einsätzen 357.934 DM Theaterkasse."

Film-Echo Endnote: 3,1 (bei 51 Meldungen).

Zum Vergleich:
Der rote Kreis - 3,1 (58)
Der grüne Bogenschütze - 3,2 (73)
Rätsel der roten Orchidee - 3,1 (52)
Die weiße Spinne - 3,0 (60)
Teppich des Grauens (3,1 (53)

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.267

16.01.2017 12:26
#70 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Stimmt. Ich dachte, die meisten hatten FSK12 freigabe. Da habe ich mich wohl geirrt, hihi.

schwarzseher Offline



Beiträge: 319

16.01.2017 17:58
#71 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Man braucht bei diesem Film garnicht mal "tiefgründig" zu werden oder jede einzelne Scene zu analysieren...als ich ihn zum ersten mal sah ,dachte ich nur......endlich mal kein händchenhaltender um die bedrohte Schönheit herumscharwenzelder "Ermittler" und kein Ende mit "heirate mich....ja ich habe von vornherein nichts anderes gewollt "
Felmy spielt ohne dieses Sonnyboy Getue und das war einfach mal überfällig.( also ich konnte diese "Masche " fast nicht mehr sehen )Den "Komiker " CH hätte man sich natürlich wirklich schenken können,inkl. Gesang ( wie in fast allen Filmen dieser Zeit )
Also von mir 5 von 5 Punkten und ganz weit vorne bei meiner Gesamtwertung EW+BEW

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 119

16.01.2017 18:36
#72 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Ich hab den Film Gestern gesehen und auch mir hat er gut gefallen. Neben den oben erwähnten unvermeidlichen Zutaten (Nebel, Kapuzen...)hat er stellenweise eine fast atypische Ernsthaftigkeit.
Auch mir gefällt der kaputte Charakter, den Felmy auf leise, ein- aber unaufdringliche Art und Weise zum Besten gibt, und mir gefallen auch die kleinen Skurillitäten, allen voran das seltsame Paar Rudolf Forster rund Rudolf Fernau (bei dem der Dr. Crippen immer ein wenig durchschimmert) die sich, wie ein die Jahre gekommenes Ehepaar in Rollenspielen ergehen, um ihren langweilig gewordenen Alltag aufzumöbeln.
Dieter Borsche, der in seinen späteren Lebensjahren vom Fach des Schwiegermuttertraums oft in die Rollen des zwielichtigen, angsteinflößenden Psychophaten überwechselte, sieht man die Freude an, die ihm die Gestaltung dieser Rolle bereitet hat.
Auch für mich bildet Chris Howland den Schwachpunkt des Films, aber ein wenig Albernheit darf bei diesem unterhaltsamen Film ruhig sein.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.420

16.01.2017 18:56
#73 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Auf wundersame Weise scheint der "Henker" besonders gut darin zu sein, als Projektionsfläche für die Wünsche seiner Zuschauer zu fungieren. Das, was der Film laut einigen der letzten Beiträge angeblich sein und tun soll, ist bei genauerer Betrachtung zumindest fragwürdig. Zwei Beispiele:

Der Film soll, wie Patrick behauptet, zu den härteren Krimis der Sechzigerjahre zählen, stellt aber in Bezug auf sowohl Leichenzahlen als auch Mordmethoden und Inszenierung von Todesszenen einen Schritt in Richtung Harmlosigkeit gegenüber dem - wie von Reinl gewohnt - actionlastigen und expliziten "Würger" dar. Dieser verzeichnet nicht nur mehr Todesfälle und explizitere Methoden, sondern spricht auch bezüglich der Täterfiguren eine modernere Sprache. Während der Henker die klassische Kapuzenfraktion bedient und die Mädchenmorde auf Klassiker des Horrorgenres zurückgeführt werden - beides also rückgewandte Spannungsstrategien -, ist der Würger ein Mörder, der deutlicher als die meisten anderen Wallace-Täter (bei Vater und Sohn) spätere Motive des Giallo vorwegnimmt (Strumpfmaske, Lederjacke, Handschuhe, Fokussierung auf die Hände, die die Mordinstrumente führen, POV-Morde). 30 der 36 Edgar-Wallace-Filme sowie alle Mabuse-Filme haben mindestens gleich viele bzw. tlw. deutlich mehr Leichen als der "Henker" - eine saubere Argumentationsführung bei der Aussage, der "Henker" sei ein harter Film, darf auf dieser Grundlage also angezweifelt werden.

Der Film soll, wie Percy Lister, Patrick und Schwarzseher behaupten, auf typische Romantik- und Happy-End-Traditionen verzichten. Wenn sie nicht nur Hansjörg Felmys Rolle, die offensichtlich aus Überraschungsgründen aus dem "Spiel" genommen wird, in Betracht ziehen würden, kämen sie schnell zu dem Schluss, dass sie hier einem Irrtum unterliegen. Kann ja 'mal passieren - denn was hatten wir noch gleich beim "Würger" über Harry Riebauers Unauffälligkeit geschrieben? Riebauer verkörpert im "Henker" einen Polizeiarzt, dem dramaturgisch im ganzen Film keine nennenswerte Funktion zukommt, da er nur als Freund und Anhängsel von Inspektor Hillier fungiert, obwohl eine Kontroll- und seriöse Gegenspielerinstanz für diesen ja offenkundig bereits in Gestalt von Wolfgang Preiss eingeführt wurde. Warum also befindet sich Riebauers Figur überhaupt im Film? Nicht erst in den letzten Szenen wird deutlich, wie unverhohlen Dr. Trooper als "Trostpflaster" und zukünftiger Liebhaber für Ann Barry aufgebaut wird. Der Subtext des Films lässt erkennen, dass sie in ihm zunächst einen Ruhepol und einen aufrichtigen Freund findet, wenn Hillier wieder einmal überstrapaziert ist. Mit dessen Ableben, so die Aussage der Schlusssequenz, ist die Bahn für Trooper allerdings frei. Als Tröster ist er deshalb zum Ende des Films prompt zur Stelle und legt ein Fundament nicht nur für ein typisches Happy-End, sondern sogar für ein besonders rückständiges, da der Frau hier implizit nicht zugetraut wird, das Ende ihrer vorherigen Beziehung ohne einen Ersatz-Galan bzw. eine führende Hand zu überwinden. Der Drehbuchautor, der ja nachweislich ein besonders traditioneller Schriftsteller mit einer Karriere, die bis in die frühen 1930er Jahre zurückgeht, ist, verweist mit der Ersatz-Paarung Ann Barry - Philip Trooper auf ähnliche Strukturen wie z.B. bei "Der rote Kreis" (Jack Beardmore als sicherer, simpler Partner, der Thalia Drummond die Täterschaft Derrick Yales vergessen lässt).

Wohlgemerkt: Damit ist nichts gegen die handwerkliche Qualität des Films gesagt - es sei denn, irgendjemand hier sieht Brutalität oder das Nichtvorhandensein einer Schlussromanze als unbedingte Notwendigkeiten für einen guten Krimi an.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 119

16.01.2017 19:14
#74 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Zitat
Als Tröster ist er deshalb zum Ende des Films prompt zur Stelle und legt ein Fundament nicht nur für ein typisches Happy-End, sondern sogar für ein besonders rückständiges, da der Frau hier implizit nicht zugetraut wird, das Ende ihrer vorherigen Beziehung ohne einen Ersatz-Galan bzw. eine führende Hand zu überwinden.



Wenn sich der Verlobte, als psychisch gestörter Serienmörder entpuppt, ist es sicher kein Zeichen von Rückständigkeit, Trost bei einem emotional stabilen treuen Freund zu suchen, sondern von vernünftiger Stressbewältigung.
Wieso sollte es ein Zeichen von Emanzipation sein, tiefe Jammertäler alleine zu durchqueren, wenn dazu kein Anlass besteht.
Das sie die Frau aus Dankbarkeit für seine Freundschaft gleich einen Ring an den Finger stecken lässt, ist ja erst mal dahingestellt

schwarzseher Offline



Beiträge: 319

16.01.2017 19:43
#75 RE: Bewertet: BEW - "Der Henker von London" (4) Zitat · antworten

Diese " Argumente "überzeugen mich nicht.Sie wirken eher an den Haaren herbei gezogen.Ob sich jetzt bei irgendwelchen "Nebenfiguren" doch noch ein Happy-End anbahnt oder nicht ist doch vollkommen egal ( und eher Kopfkino ) Und "Härte " muss nicht immer was mit der Anzahl der leichen zu tun haben,oder wie sie ins Jenseits befördert werden.
Vielleicht sollte man sogar "Härte" durch "Ernsthaftigkeit" ersetzen.
Ersatz-Paarung/rückständig/Handschuhe u. Lederjacke = Giallo ....usw . mit Verlaub das ist doch .....
Wenn einem der Film ( und wohl hauptsächlich der Hauptdarsteller )nicht gefällt ist das ja ok ,aber diese Pseudo psychologischen Verrisse finde ich eher .....nicht überzeugend.

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