Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 102 Antworten
und wurde 8.299 mal aufgerufen
 Filmbewertungen
Seiten 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
Ray Offline



Beiträge: 1.323

31.01.2019 23:11
#91 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Wenn ich beim "Rächer" geschrieben habe, dass ich den Film niemals Freunden oder Bekannten vorsetzen würde, wenn ich sie für die Wallace-Reihe begeistern wollte, so kann man doch beim "Gasthaus an der Themse" mit Fug und Recht behaupten, dass dieser einen idealen Einstieg in die Wallace-Welt markiert. Warum ist das so? Nun, Vohrers dritter Streich bietet formal im Grunde alles, was einen Wallace-Film ausmacht. Neben der Präsenz Vohrers auf dem Regiestuhl versammelt der Film einmalig Fuchsberger, Arent, Kinski und Schürenberg vor der Kamera, die wohl nahezu jeder Wallace-Fan in einem idealisierten Wunschfilm auf der Besetzungliste hätte. Dazu gibt es ein kreativ erdachtes Phantom, das mit einer stimmigen Verkleidung und einer ebeso passenden, aber doch Wallace-typisch extravaganten Mordwaffe aufwartet. Schließlich wird mit diesem Film dem Serien-Gedanken der Reihe formal deutlicher Rechnung getragen, indem man den "Hallo, hier spricht Edgar Wallace!"-Ausruf einführt, wenngleich in noch nicht ganz perfekter Aussprache. Schließlich geht auch der Score ins Ohr und die Gesangseinlage der Flickenschildt trägt ein gutes Stück zum Kult- und Wohlfühl-Faktor bei.

Obschon das "Gasthaus" nahezu unbestritten zu den besseren Vertretern der Reihe zählt, kann man im Detail sicher manches aussetzen. Da wäre zum einen Brigitte Grothum, die sich als glatte Fehlbesetzung erweist und dadurch ähnlich wie Eva Anthes im "Frosch" den Film abwertet. Hier hätte man auf eine jüngere Kraft ausweichen - das naive Auftreten Grothums wirkt (wer mag es ihr ob ihres tatsächlichen Alters verdenken?) extrem gekünstelt - oder aber aus der 18-jährigen eine 23-jährige machen müssen. In diesem letzteren Fall wäre man außerdem nicht in eine andere Falle getappt. Denn wenn Inspektor Wade erst Oaks und Brown die Minderjährigkeit von Leila vorhält und am Ende dann höchstselbst vergnügt mit ihr "rumschlawinert", ist das Doppelmoral in Reinform. Zur Rollenauslegung von Fuchsberger wurden im Übrigen schon interessante Aspekte angesprochen. Die Anpassung an den veränderten Zeitgeist sowie an das andere Milieu erscheinen mir schlüssige Erklärungen dafür zu sein. Eine Szene, die mir immer ein wenig negativ auffällt ist noch jene, in der Wade Barnaby vor der Kanzlei trifft: tritt er zuvor stes freunschaftlich ihm gegenüber auf und verzeiht ihm sein eigenwilliges Gehabe, so stellt er ihn in dieser Szene von jetzt auf gleich im Grunde als Verrückten da, nur, weil er eine Lebensversicherung abgeschlossen hat. Das Motiv dahinter ist klar, man will den Verdacht ein wenig auf Arent lenken. Doch wirkt das arg bemüht und ist der eigentlich doch liebenswerten Barnaby-Figur letztlich nicht würdig. Hier hätte man wenigstens gegen Ende des Films noch eine Entschuldigung des Inspektors einbauen können. In der Mitte schließlich kann man durchaus einen kleinen Hänger festmachen, der möglicherweise mit der Abstinenz Siegfried Schürenbergs in diesem Teil zusammenhängt. Denn dieser lässt in der Rolle des Sir John schon wesentlich deutlicher als im Vorgänger aufblitzen, worauf sich der geneigte Wallace-Zuseher in der Zukunft noch freuen darf ("Wo haben sie den denn her?" in der Szene, in der Barnaby seine Schlaf-Pose demonstriert; "Mit denen werde ich Schlitten fahren, aber gründlich!" bezogen auf die sich quer stellenden Rechtsanwälte; "Großartig, aber haben tun's immer die anderen, wie?" im Hinblick auf den Einfall des Hais, die Schmuggelware mit einem magnetbesetzten Behälter am Schiff festzumachen). Schließlich kann man natürlich einwenden, dass der Täter nicht aus der Mitte der Gauner entstammt, sondern eine scheinbare Nebenrolle einnimmt. Doch das würde ich bei einem Wallace-Film, in dem es immer auch ein bisschen darum geht, das Publikum reinzulegen, nicht so eng sehen.

Ansonsten wird der Film durch die gekonnte Inszenierung Vohrers sowie den übrigen Cast getragen. Ob die gelungene Prätitelsequenz, die stlistisch und inhaltlich an jene aus den "Augen" anknüpft oder auch das durchaus spektakuläre, effektiv mit Handkamera eingefangene Finale, hier kann der Regisseur eindeutig punkten. Auf impossible shots und Reptilien wird diesmal zwar verzichtet. Dafür gibt es ein paar gelungene Spiegelaufnahmen (vor allem der gescheiterte Anschlag auf Gubanow im Mekka, aber auch der runde Handspiegel, den Leila säubert und in dem Wade beim Betreten des Mekka zu sehen ist). Dem Cast drückt freilich nicht zuletzt wegen der bereits angesprochenen Gesangseinlage Elisabeth Flickenschildt ihren Stempel auf. Doch nicht nur diese, auch ihr einerseits herrisches Auftreten gegenüber Leila, andererseits das furchtsame Gebaren, wenn der "Hai" zur Sprache kommt, sowie ihr gerolltes "R", vorzugsweise im Flüsterton, hinterlassen ihre Wirkung. Klaus Kinski sieht man in einer weiteren Paraderolle als Gewürzhändler. Seine wiederkehrende Vorstellung "Gubanow, Gewürze Im -und Export" sowie das Wiedergeben alter russischer Sprichwörter (am besten: "Ein altes russisches Sprichwort sagt: Der Feigling stirbt tausend Tode, bevor der Tod ihn küsst...") sorgen für bedeutend mehr Schmunzler als Eddi Arents oft überzogenen Slapstick-Einlagen (nett allerdings seine Einlassung: "Ich sah eine sehr interessante Dokumentation im Fernsehen und war gerade dabei, ein wenig einzunicken..."). Ein echter Hochgenuss ist Hans Paetschs kurzer Auftritt als hoffnungslos affektierter Rechtsanwalt, der offenbar zwanghaft ein jedes Prädikat wiederholen muss. Jan Hendriks zeigt seinen wohl besten Auftritt innerhalb der Reihe und behauptet sich neben Flickenschildt und Heinz Engelmann ohne Probleme. Bezüglich Engelmann bleibt insbesondere sein spektakulärer "Abgang" in Erinnerung. Rudolf Fenner und Hela Gruel fügen dem Cast noch zwei herrlich schmuddelige Figuren bei, die man sofort in einer Hafenspelunke wie dem Mekka verorten würde. Auch Richard Münch schlägt sich in seiner nicht ganz einfachen Rolle im Ergebnis wacker.

Gute Story, sehr gute Besetzung, eine erinnerungswürdige Täterfigur und ein gelungener Soundtrack - diese Faktoren machen die vorhandenen Schwächen weithin vergessen und lassen daher eine Wertung von 4,5 von 5 Punkten zu.

schwarzseher Offline



Beiträge: 480

01.02.2019 18:08
#92 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Was mich immer etwas wundert ist die doch positive Sichtweise auf die unvermeidlichen Gesangseinlagen in der unvermeidlichen Mekka/Sansibar .
Die Geschmäcker sind verschieden.....geschenkt,die einen stehen auf Rock ,die anderen auf chansons,Jazz oder was auch immer.Aber ein Merkmal ist doch bei allem gleich.....es sollte gut sein und von Künstlern dargeboten werden die auch (hier zB. ) des singens mächtig sind .
Ich sehe E. Flickenschildt gerne ais Schauspielerin aber als "Sängerin" ist das ja eher zum fremdschämen ( wie bei nahezu allen derartigen Schauspieler Auftritten in den Filmen/Krimis dieser Zeit)
Ok...war damals so modern /üblich ,aber auch nach zig maligem sehen der Filme fällt einem als erstes ein -hätten die nicht doch ein paar Mark in die Hände nehmen können und einen richtigen Sänger/in angagieren können ?
Einzige wirkliche Ausnahme die mir spontan einfällt ist Kiki Dee in " Der Tod läuft hinterher"

Giacco Offline



Beiträge: 1.840

01.02.2019 19:13
#93 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Zitat von schwarzseher im Beitrag #13

Einzige wirkliche Ausnahme die mir spontan einfällt ist Kiki Dee in " Der Tod läuft hinterher"

Kiki Dee fällt ja auch aus dem Rahmen, denn sie trat nur als Sängerin auf und spielte keine Rolle.
Eva Pflug, Ingrid van Bergen oder Elisabeth Flickenschildt hatten ihre Gesangsauftritte als Teil ihrer jeweiligen Rollenfigur.
Wobei sowohl Eva als auch Ingrid damals sogar Schallplatten veröffentlicht haben.

Jan Offline




Beiträge: 1.431

01.02.2019 19:15
#94 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Der Vergleich zu Kiki Dee hinkt insofern natürlich ein wenig, weil da keine Darstellerin des Films zum Singen animiert werden musste. Kiki Dee ist so ein typisches Ringelmann-Nebengeschäft. Da sollten die Sängerin und ihr Song beworben werden. Vergleichbares war ja kurz darauf beim Kommissar auch nicht selten (Les Humphries, Donna Hightower, etc.). Da dürfte nebenher für die Produktionsgesellschaft noch ein bisschen was abgefallen sein an Geld. Product-Placement quasi. Elisabeth Flickenschildt hingegen haucht einen Martin-Böttcher-Sound, der nur für den Film geschrieben wurde - und bestenfalls im Nachgang noch auf Platte erscheinen konnte. Nicht unbedingt deswegen, weil Frau Flickenschildt ihr Goldkehlchen entdeckte und die Leute ob des enormen künstlerischen Talentes dann die Platte kauften. Eher wurde dann gekauft, weil die Leute den Film gesehen hatten.

Wenn ich die bis hierhin in der Wallace-Serie enthaltenen Schauspielerinnen-Acts vergleiche, so ist mir die Flickenschildt am Ende noch die liebste. So ganz ernst gemeint trägt sie ihren Chanson ja nun nicht gerade vor. Eher amüsant ist da schon ein Teil des Mekka-Publikums, das aufgrund des Auftrittes der Kaschemmenwirtin geradezu in Extase gerät.

Edit: Giacco war schneller...

Gruß
Jan

Dr.Mangrove Offline




Beiträge: 84

01.02.2019 19:28
#95 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Zitat von schwarzseher im Beitrag #13
Was mich immer etwas wundert ist die doch positive Sichtweise auf die unvermeidlichen Gesangseinlagen in der unvermeidlichen Mekka/Sansibar .
Die Geschmäcker sind verschieden.....geschenkt,die einen stehen auf Rock ,die anderen auf chansons,Jazz oder was auch immer.Aber ein Merkmal ist doch bei allem gleich.....es sollte gut sein und von Künstlern dargeboten werden die auch (hier zB. ) des singens mächtig sind .
Ich sehe E. Flickenschildt gerne ais Schauspielerin aber als "Sängerin" ist das ja eher zum fremdschämen ( wie bei nahezu allen derartigen Schauspieler Auftritten in den Filmen/Krimis dieser Zeit)
Ok...war damals so modern /üblich ,aber auch nach zig maligem sehen der Filme fällt einem als erstes ein -hätten die nicht doch ein paar Mark in die Hände nehmen können und einen richtigen Sänger/in angagieren können ?
Einzige wirkliche Ausnahme die mir spontan einfällt ist Kiki Dee in " Der Tod läuft hinterher"


Ich habe diese Flüster-Einlage weiter oben auch schon erwähnt Ich finde es auch befremdlich, dass sie etwas vor sich hinmurmelt - und die ganze Spelunke, in der vorher Zeter und Mordio geherrscht haben, ist mucksmäuschenstill, sodass man jedes Wort versteht und dazu sind alle auch noch total gebannt, wenn Mrs. Oaks ihr Liedchen von sich gibt.

schwarzseher Offline



Beiträge: 480

01.02.2019 19:45
#96 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

@ Jan + Giacco

Da habt ihr wohl recht ,bei den meisten anderen Filmen gehörte es zu Rolle.....das war wohl der Knackpunkt.
Also wohl das geringere Übel ...eine Schauspielerin die nicht singen kann ,als eine Sängerin mit einem (kurzem) super Auftritt die aber dafür den Restfilm versaut
Das beste wäre also gewesen...Rolle die keinen Auftritt nötig machte und dafür einen "Gaststar"dabei.

Count Villain Online




Beiträge: 4.256

02.02.2019 07:28
#97 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

So, nachdem ich den Film vor ein paar Tagen schon gesehen habe, muss ich jetzt hier auch was dazu schreiben, bevor bereits der nächste Wallace besprochen wird.

Es dürfte sich um meine erste Sichtung des Films halten, bei der ich den Vorspann in Farbe gesehen habe. Und dabei ist mir gleich etwas aufgefallen: Bei "Getrud Prey" hat man doch glatt ein R unterschlagen.

Der König ist tot, lang lebe der König!

Nachdem bereits beim Fälscher Anklänge an das Seriengefühl der Reihe zu spüren waren (Reinl, Böttcher-Sound, überflüssige Arent-Rolle usw.) markiert das Gasthaus den eigentlichen Umbruch. Spätestens jetzt erhebt sich die Reihe über Kriminalromanverfilmungen heraus und wird zur eigenen Marke. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Auf der Habenseite ist das Gasthaus einer der ikonischsten und am besten inszenierten Filme der Reihe und daher nicht umsonst regelmäßig auf dem Podium der Wallace-Grandprixs zu finden. Mir hat er dieses Mal jedoch nicht so gut gefallen wie erwartet oder erhofft. Ich hatte quasi das spiegelbildliche Erlebnis zu meiner Tür-Sichtung (geringe Erwartung, positive Überraschung): hohe Erwartung, negative Überraschung.

Dieses Gefühl kann ich vor allen Dingen an einer Figur festmachen: Dem Hai! Sorgt er zum einen im Gegensatz zu der verkommenen, altmodischen Spelunkenseligkeit für ein modern anmutendes Element im Film, konterkariert er als Quasi-Einzeltäter die Gangsterbandenatmosphäre, die durch seine Helfershelfer entsteht - die ihn obendrein in Sachen Präsenz durch äußerst präzise Darstellerleistungen bei weitem überstrahlen! Das wirkt für mich nicht rund (und ist - natürlich wie immer in solchen Fällen - eine Ergänzung der Drehbuchautoren). Auch mit den Verbrecherfiguren der frühen Filme wie Frosch und Kreis kann es der Hai bei mir nicht aufnehmen. Hatte man es damals mit Berufsverbrechern zu tun, die eine bürgerliche und für ihre Tätigkeiten hilfreiche Tarn-Identität pflegten ("Überwachung" von Maitland als dessen Angestellter, bzw. Detektiv), hat man es hier mit einem vielbeschäftigten Arzt zu tun und bekommt als einzige Erklärung geliefert: krankhaft geltungssüchtiger Wahnsinniger. Das mag nicht so recht zu einem Einbrecher passen, dem man doch eher materielle Motive unterstellt. Was er mit Leila Smith, bzw. Delilah Pattinson vorhatte, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Wir erfahren nur, dass er seine Handlanger für eigenmächtige Handlungen in diese Richtung bestraft.

Das riecht alles zu sehr nach "Überraschungstäter" als nach Logik. Und selbst eine große Überraschung ist es spätestens nach dem Mordversuch an Gubanov auch nicht mehr. Oder hatte zu diesem Zeitpunkt wirklich einer Barnaby in Verdacht? Überhaupt überschreitet diese Rolle das ein oder Mal die Grenze zwischen gelungener Komik und Fremdschämpotential. In seinen Rollen als Kriminalassistent (Augen, Tür) konnte Arent bessere Akzente setzen. Auch Brigitte Grothum hat hier im Vergleich zur Gräfin, wo sie von Tatkraft über Glück bis hin zu Wahnsinn quasi alles zeigen durfte, die undankbarere Rolle, in der sie sich hauptsächlich von der naiven Seite zeigen darf.

Fazit
"Hallo! Hier spricht Alfred Vohrer!"
Themseatmosphäre und extrem gelungene Schauspielleistungen in den zwielichtigen Rollen entschädigen für einen freieren Umgang mit den Ausgangsstoffen des Altmeisters.

Wallacefreund Offline




Beiträge: 235

04.02.2019 10:29
#98 RE: Wallace der Woche (12): Das Gasthaus an der Themse (1962) Zitat · Antworten

Das Gasthaus an der Themse zählt zurecht zu den besten Filmen der Reihe. Hier stimmt für mich wieder alles. Die Rollen sind sehr gut besetzt, E. Flickenschildt hat hier ihren besten Wallace Auftritt, herrlich. Die Handlung ist durchweg spannend, die Atmosphäre gefällt mir auch, besonders diese Hafenspelunke Mekka.
Zählt für mich neben dem Frosch und den Augen zu den 3 besten Filmen der Reihe.
Fazit : Klare 5 von 5 Punkten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 227

04.02.2019 11:41
#99 RE: Bewertet: "Das Gasthaus an der Themse" (1962, 11) Zitat · Antworten

Das Gasthaus an der Themse (Originaltitel: Die Gummimänner) ist einer der Romane aus der letzten Periode von Wallace' Schaffen. Im Entstehungsjahr 1929 gingen die "Goldenen Zwanziger" in jeder Hinsicht zu Ende, ein Jahrzehnt mit Wirtschaftskrise, Armut, Extremismus und letztlich Weltkrieg stand bevor. Die Gangsterrorganisation der "Gummibrüder", wie sie in der Übersetzung genannt werden, ist hier bei Wallace auch schon besonders skrupellos, schießt mit automatischen Waffen um sich, begeht Überfälle am hellichten Tag und ist auch sonst nicht zimperlich. Zahllose, oft auch ausländische Verbrecher, stehen in Diensten der Organisation, deren Führer jedoch Einheimische sind und seit Kindheit dem kriminellen Milieu zugehören. In dieser feindseligen Umgebung ist auch Inspektor Wade von der Flusspolizei, Sohn eines Polizisten, aufgewachsen. Es ist definitiv nicht die Gegend, wo man Lords und Ladies vermuten würde, wenngleich im Buch auch ein abgehalfterter Adliger eine Rolle spielt und dann irgendwann unsanft "entsorgt" wird. Das zwielichtige Hafen- und Themsemilieu, in dem ein großer Teil des Romans spielt, mit seinen Schmugglern, Dieben und Hehlern, seinen Kaschemmen und Spelunken, auch dem Elend und der allgegenwärtigen Gewalt hat nicht nur auf Edgar Wallace einen besonderen Reiz ausgeübt. Die Helden des Romans sind Teil dieser Welt, und der Film hat sich auch redlich bemüht, die spezielle Atmosphäre am großen Fluss einzufangen. Die Hafenkneipe "Mekka" mit Elisabeth Flickenschildt als Inhaberin Mrs. Oaks ist genauso, wie man sie sich auch als Leser vorstellt. Viele Boote, Schiffe und Nebelhorn-Getute tun ein Übriges. Doch es gibt zwei große Abweichungen zur Literaturvorlage. Aus der großen gummigekleideten und manchmal gasmaskentragenden Verbrecherbande ist ein Einzeltäter geworden, allerdings ebenfalls als harpunenbewaffneter Taucher in einem Gummianzug. Dieser Kerl stützt sich auf eine Reihe Unterweltgestalten, die sein Diebesgut verhökern und außer Landes schmuggeln. Doch während sich im Buch der scheinbar unterdrückte Ehemann von Mrs. Oaks und Kneipenwirt als der Chef der illegalen Gesellschaft entpuppte, so bleibt doch eine ähnlich angelegte Gestalt im Film letztendlich nur ein unbedeutender Handlanger für die Gauner, der eigentliche Haupttäter ist eine andere, hinzugedichtete Figur.
Es gibt noch eine Menge andere Abweichungen, die allerdings kaum mehr ins Gewicht fallen als bei den anderen bisherigen Verfilmungen. Ich finde sogar, dass Das Geheimnis der gelben Narzissen noch viel größeren Änderungen bei der Verfilmung unterworfen war als das Gasthaus, das wesentlich mehr noch richtigen Wallace-Geist atmet. Die Geschichte von Lilas millionenschwerem Hintergrund wurde aus dem Buch übernommen, einige Hauptpersonen auf der Seite der Ganoven, die Siegel von Troja samt Kapitän sowie noch einiges mehr, doch auch ein Polizeispitzel namens "Gubanov Im- und Export" eingeführt und dafür Wades Helfer Inspektor Elk fallengelassen. Außerdem ist da noch der ewige Zeuge Barnaby, der trotz seiner Späße sogar ein wenig in Verdacht gerät. Aber – wie sollte er denn der Hai sein, wenn er von ihm von seinem Paddelboot gestoßen wurde ?
Der Arzt Dr. Collins, der auf Honorarbasis auch für die Polizei arbeitet, ist im Prinzip die einzige Figur, die der Haupttäter sein kann. Außer seiner recht freundschaftlichen Beziehung zum Inspektor gibt es keine Verbindung zu den anderen Geschehnissen - fast keine. Immerhin war er ja in den 18 Jahre zurückliegenden Fall Pattison mit dem Brand und den vertauschten Kindern involviert. Kam ihm da der Gedanke, später das Erbe zu erschleichen ? Gab es da überhaupt schon den Hai samt seiner Helferbande ? Wohl kaum, hat er doch in der näheren Vergangenheit schon mal einen Harpunenmord begangen. (Wenn das so ist, so ist seine Mordrate im neuen Jahr ja potenziert.) Das ist aber auch ein Schwachpunkt der ganzen Geschichte: Warum bringt er eigentlich seine ganzen Helfershelfer um ? Weiß er von ihren versuchten Tricksereien hinter seinem Rücken ? Aber woher ? Warum bringt er Anne Smith um ? Dass sie anfing, mit der Polizei reden zu wollen, war zwar Oakes, Willy und Lane bekannt, doch hätten die ja dem "Hai" Bescheid geben müssen, dass er sie beseitigen soll, was sie wohl nicht getan haben werden. Überhaupt macht eben die aus dem Gesamtzusammenhang gerissene Geschichte mit dem Pattison-Vermögen überhaupt keinen Sinn, weil die anderen ihren großen Boss eben dann auch als Mitverschwörer hätten kennen müssen. Nein, sonderlich logisch ist die Sache wirklich nicht. Und sonst ?
Woher weiß Kinski/Gubanov eigentlich, dass der Hai den Juwelierladen ausrauben will (wie anders soll man sein Grinsen deuten, mit dem er kurz zuvor das Schaufenster beglückt) ? Hätte man da nicht eine Falle stellen und den Wachmann retten können ?
Weiterhin ist eigentlich das Auftauchen von Raggit Lane im unbequemen Taucheranzug im Anwaltsbüro völliger Unsinn. Wozu braucht er den, wenn er sich schon zu Büroschluss einschließen ließ ? Und dann noch die Taucherbrille… Hätte er für die Arbeit mit dem Schweißbrenner nicht eine dunkel getönte Schutzbrille aufsetzen sollen ? Und das Klatschnasse, soll das Schweiß darstellen ? Woher weiß der Hai den genauen Zeitpunkt, wann er aus dem Gulli auftauchen muss, um Lane zu erschießen ?
Wenig sinnig ist ebenfalls, dass der Hai nach der Erledigung von „Nummer Siebzehn“ das Diebesgut am Schiffsrumpf hängen ließ, wo doch jetzt die Zusammenhänge der Polizei bekannt waren.
Und dann die Kelleranlagen unter der kleinen Hafenkneipe zum Schluss… Da muss die Schänke doch mal von Fabrikgröße auf Häuschenformat zusammengeschrumpft sein, und die unterirdischen Anlagen sind nicht mitgekommen…
Das sind halt wieder mal die üblichen Ungereimtheiten, die einem beim mehr oder weniger genauen Hinsehen auffallen. Und viele andere auch...

Der Film vereint noch einmal alle Wallace-Klischees in sich, auf beste Weise, aber ich finde ihn kein bisschen englisch. Das ist wohl das, was mich neben seiner etwas zu ausgeprägten Routiniertheit am meisten stört, aber sicher Jammern auf hohem Niveau. Sehr innovativ sind sowohl der Taucher an sich als auch die Harpune als Mordwaffe. Da gab es in der Folge noch einige Filme, die ebenfalls auf diese Zutaten zurückgreifen. Die Musik von Martin Böttcher ist sehr charakteristisch und gelungen. Besonders das Thema, wenn der Hai bzw. seine Harpune irgendwo auftauchen, ist genial. Ich persönlich finde es ja immer, vorsichtig formuliert, sehr befremdlich, wenn mitten im Film Schauspieler plötzlich mit Singen anfangen. Doch hier passt Mutter Oaks‘ Darbietung ganz gut, auch wieder viel besser als ähnliches beim Narzissen-Film. Dass war wohl damals Zeitgeschmack.
So bleibt einer der sicher besten Wallace-Filme übrig, mit kleinen Abstrichen hier und da.

Persönliche Wertung: 4,5 von 5 Punkten

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.446

10.05.2019 20:40
#100 RE: Bewertet: "Das Gasthaus an der Themse" (1962, 11) Zitat · Antworten

Beim "Gasthaus" handelt es sich um einen absoluten Premium-Wallace, der mir auch beim x-ten Wiedersehen außerordentlich gut gefallen hat. Formal und schauspielerisch stimmt da einfach alles. Grandios, wie effektiv Vohrer die Auftritte des Hais inszeniert, aber auch die Darsteller laufen zu absoluter Hochform auf. Für mich zählt Inspektor Wade (von der Flusspolizei, wie Sir John es gegenüber seinen anderen Inspektoren beinahe schon empört erwähnt) auch zu den besten Ermittler-Rollen, die Fuchsberger bei Wallace gespielt hat. Das leicht Ruppige steht ihm ausgezeichnet, und es passt auch vortrefflich zum Milieu, in dem Wade nach dem Hai forscht. Dass Wade sich auch mal irrt und längst nicht alle Zusammenhänge sofort erkennt (ähnlich wie die Zuschauer) macht ihn als Protagonisten zur idealen Identifikationsfigur. Brigitte Grothum spielt hier gänzlich anders als in der "Gräfin"; man glaubt beinahe eine andere Darstellerin zu bewundern. Sehr gelungen die Szenen, in der sie vor Flickenschildt kuscht und deren Rollennamen mehrmals sehr eigenartig betont ("Ja, Tante Nelly.") Zu Flickenschildt ist alles gesagt - eine überragende, ikonische Leistung - und wohl auch die Filmrolle, mit der sie am ehesten identifiziert wird (was ihr kaum gefallen würde ). Nicht minder ikonisch Klaus Kinski in seiner womöglich besten Wallace-Rolle. Zwielichtiger (einfach typisch Kinski) kann eine Figur kaum sein - dass sich Gubanow dann als Polizist entpuppt ist beinahe eine größere Überraschung, als die Enttarnung des Hais. Obwohl - man kann schon vor seiner spektakulären Todesszene drauf kommen - in der Funkkommunikation zwischen Wade und Nummer Siebzehn ist Kinskis Stimme eindeutig zu erkennen. Eddi Arent wirkt hier überhaupt nicht störend - im Gegenteil. Sein Humor lockert den Film an genau den richtigen Stellen auf, zudem hat seine Figur durchaus auch etwas zur Handlung beizutragen. Siegfried Schürenberg spielt den Sir John hier so, wie ihn Puristen am liebsten haben. Ray hat schon einige Bonmots aufgelistet. Spätestens mit diesem Film wurde er unersetzbar für die Reihe - obwohl die nächsten drei Rialto-Filme auf Sir John verzichteten, durfte Schürenberg dennoch in zwei von ihnen mitwirken. Auch der Rest der Besetzung passt ausgezeichnet - speziell möchte ich nochmal Rudolf Fenner erwähnen, der eine ähnliche Rolle wie in den "Augen" spielt und tatsächlich den Eindruck erweckt, dass man ihn direkt aus einer Hamburger Hafenkneipe ans Filmset verfrachtet hat.

Mit dem "Gasthaus" nimmt die Reihe Abschied aus Hamburg (wenngleich man später noch für einzelne Szenen zurückkehrte) - in Berlin hätte man den Film in dieser Form auch nicht herstellen können - kein anderer Beitrag der Reihe strahlt einen derart maritimen Charakter aus. Bleibt natürlich noch die Sache mit dem anscheinend aus dem Hut gezauberten Haupttäter. Im Nachhinein ist es natürlich offensichtlich. Spätestens wenn Dr. Collins mit Wade über den Brand bei den Pattisons spricht und dabei so auffällig halbwissend tut, müssen beim geübten Zuschauer sämtliche Alarmglocken klingeln. Am Ende bleibt eigentlich auch kein anderer mehr übrig. Sei's drum - die Szene, in der Wade Collins schließlich stellt und dieser nur stumm, schwitzend, rauchend, zitternd, blutend da sitzt, bis er sich schließlich selbst richtet, ist ein mehr als ansprechender Abschluss dieses Meisterwerks der Reihe. Auch die Musik von Martin Böttcher, entstanden kurz vor seinem bombastischen Karl-May-Erfolg, hält da nicht hinterm Berg - es ist dies seine beste Wallace-Arbeit. Extrem melodiös, aber dem Sujet entsprechend weniger geschmeidig als von ihm gewohnt, sticht natürlich das unvergessliche Chanson "Besonders in der Nacht" besonders positiv hervor.

Andreas Offline




Beiträge: 435

30.06.2019 10:46
#101 RE: RE:Bewertet: "Das Gasthaus an der Themse" (11) Zitat · Antworten

Das GASTHAUS ist einer der besten Wallace Filme. Zwar kommt wenig britische Atmosphäre auf, aber der Unterhaltung tut dies keinen Abbruch. Der Bodycount ist hoch, das whodoneit spannend. Über das gelegentliche Overacting sieht man hier gerne hinweg, da es zur allgemein-mysteriösen Grundstimmung passt. Schließlich gibt es auch wieder den Natur-Bezug, hier in Form der Fauna: Es ist ein Hai.
Das Gasthaus ist ein Hailight und erhält mit 5/5 Punkten die Höchstpunktzahl.

Selwyn Offline



Beiträge: 73

15.07.2019 18:39
#102 RE: RE:Bewertet: "Das Gasthaus an der Themse" (11) Zitat · Antworten

Die jüngste 3Sat-Ausstrahlung wurde von der Programmzeitschrift 'Hörzu' in einer Weise kommentiert, als hätte die Redaktion eure Wallace-der-Woche-Diskussionen um logische und anderweitige Unebenheiten amüsiert mitgelesen:

"In Londons Kanalisation schwimmt der berüchtigte 'Hai'. Inspektor Wade (Joachim Fuchsberger) von Scotland Yard will sich den Killer angeln, der mit der Harpune tötet... Fröhliche Filmfehler-Suche!"

Und:

"Logik: null. Dafür aber reichlich Atmosphäre!"

(Hörzu 27/2019, S.76)

Gubanov Offline




Beiträge: 16.127

20.07.2019 22:17
#103 RE: RE:Bewertet: "Das Gasthaus an der Themse" (11) Zitat · Antworten

Hmm, bisher hatte ich die Hörzu eigentlich für ein recht seriöses Magazin gehalten. Wie man sich irren kann ...

Seiten 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz