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Dieses Thema hat 79 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Matze K. Offline



Beiträge: 1.026

08.10.2017 16:08
#76 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Die Version von 1960 ist aber noch nicht veröffentlicht worden, oder?

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Immer wenn du lügst, muss Jesus Blut weinen.
(Todd Flanders)

Gubanov Offline




Beiträge: 15.047

01.01.2018 14:40
#77 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Nein, ist sie nicht – zumindest bisher. Wäre aber interessant, wenn sie veröffentlicht würde. Der 1938er-Kinofilm, der von @Georg besprochen wurde, liegt mir auch vor. Ich werde mich ihm bei nächster Gelegenheit auch ausführlicher widmen. Hier zunächst eines der raren Beispiele der wirklich guten Vor-45er-Krimis, die im Handel auf DVD bezogen werden können. „Kriminalkommissar Eyck“ erschien im Februar 2017 in der Reihe „Brüche und Kontinuitäten“ in bestechender Bildqualität von Icestorm.




Kriminalkommissar Eyck

Kriminalfilm, D 1939/40. Regie: Milo Harbich. Drehbuch: Christian Hallig, Walter Maisch. Mit: Anneliese Uhlig (Barbara Sydow), Paul Klinger (Kriminalkommissar Günter Eyck), Herbert Wilk (Kriminalkommissar Hans Brandner), Hans-Joachim Büttner (Kriminalschriftsteller Gorgas), Alexander Engel (Verleger van Fliet), Herbert Hübner (Kriminaldirektor Hauber), Lina Carstens (Frau Filter), Walter Lieck (Jonny, Ganove), Just Scheu (Gren, Ganove), Änne Bruck (Inge Brandner) u.a. Uraufführung: 2. Februar 1940. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH.

Zitat von Kriminalkommissar Eyck
Im Skiurlaub lernt Günter Eyck die Sängerin Barbara Sydow kennen und lieben. Ein Raubüberfall mit Todesfolge, bei dem eine Bande von Juwelendieben einen Hotelgast tötet, unterbricht die traumhafte Auszeit jäh, denn Eyck ist Kriminalkommissar und wird sofort mit der Untersuchung des Falles beauftragt. Er bringt heraus, dass der ebenfalls im Hotel anwesende Kriminalschriftsteller Sascha Gorgas in die Machenschaften der Diebesbande involviert ist. Und schlimmer noch: Zurück in Berlin enthüllt ein folgenschweres Täuschungsmanöver, aufgrund dessen Eyck vom Dienst suspendiert wird, dass auch Barbara Sydow kein Unschuldslamm ist ...


Schon der Titel verrät es: In „Kriminalkommissar Eyck“ geht es darum, die Kriminalpolizei des Jahres 1940 gut aussehen zu lassen. Paul Klinger stellt seinen Ermittler als durch und durch integre Persönlichkeit dar, einen pflichtbewussten Beamten, der immer auf dem Sprung ist und Hilfe spontan anbietet, wo sie benötigt wird, der gleichzeitig ein gewitzter Beobachter und ein schwiegermuttertauglicher Strahlemann ist. Ihm zur Seite steht in auch privat freundschaftlicher Beziehung ein zweiter Kriminalkommissar, der in etwas schnodderig-berlinerischer Art von Herbert Wilk verkörpert wird und der Eyck unter die Arme greift, wenn dessen Urteilsvermögen kurz aus amourösen Gründen umnebelt ist. So sind es am Ende die Kommissare Eyck und Brandner, die in der Schlusssequenz zu triumphaler Musikuntermalung die Treppen des Polizeihauptquartiers herunterschreiten – der Dienst bietet dem Ermittler Lebenszweck und Ablenkung von dem bitteren Ende der Liebesgeschichte.

Zitat von Joachim Linder. Polizei und Strafverfolgung in deutschen Kriminalromanen der dreißiger und vierziger Jahre. In: Michael Walter et al. Alltagsvorstellungen von Kriminalität. Münster: Lit-Verlag, 2004. S. 88f
Trotz ihrer Vorbehalte gegen die fiktional-unterhaltende Darstellung von Kriminalität und ihrer „Bekämpfung“ erhofften sich die nationalsozialistischen Literaturpolitiker bei richtiger Lenkung positive Wirkungen für den – in ihren Augen angeschlagenen – Ruf der Strafverfolgungsinstanzen. [...] Der nationalsozialistische Staat, der sich als Ordnung verstand, die sich in allen Lebensbereichen durchsetzen und abbilden sollte, hatte an allen Formen der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung dieser Ordnung ein großes Interesse. Verbrechen galt (und gilt) als die auffälligste und gefährlichste Form des ordnungsstörenden Verhaltens, seine Bekämpfung wurde als zentrale Aufgabe des Staates bezeichnet, so dass mit der Kriminalisierung von „Volks- und Rasseschädlingen“ aller Couleur Gegnerverfolung und rassistische Ausgrenzung bzw. Ausmerzung gleichermaßen zu polizeilichen Aufgaben gemacht werden konnten.


Der Polizei gegenüber steht dementsprechend die künstlerische Zunft, die der Film mit Fremde und einem Hang zur Kriminalität assoziiert. Ein Blick in das Gästebuch des Hotels genügt, um herauszufinden, dass der Hauptverdächtige in Kiew und seine Komplizin in Porto Alegre geboren sind – in Zeiten völkischer Ideologie hochverdächtig, aber nicht zuletzt auch eine Anspielung auf die brasilianische Herkunft des Regisseurs Milo Harbich. Während von Anfang an klar ist, dass der pfauische Kriminalautor (überzeugend schurkisch: Hans-Joachim Büttner mit akuratem Spitzbart) zur düsteren Seite der Handlungsträger zählt, wird die Sängerin Barbara Sydow zunächst als unschuldige Romanze eingeführt, die sich erst später als in die Verbrechen der Gangsterorganisation verwickelt herausstellt. Dies erlaubt Anneliese Uhlig eine facettenreiche Darstellung einer zerrissenen Frau, die sich von den kriminellen Vorgängen zu distanzieren versucht, daran aber immer wieder scheitert. Aufgrund ihres betörenden Aussehens eignet sie sich für die Verbrecher als Femme fatale, die den Kriminaler locken soll, agiert im Gegensatz zu ihren amerikanischen Vorbildern aber fremdgesteuert, nicht aus eigenem bösem Willen heraus.

Während „Kriminalkommissar Eyck“ als luftiger Gesellschaftskrimi in einem eleganten Skihotel in den Alpen beginnt, ändert sich die Atmosphäre nach der ersten Tat, als sich die Handlung in die Reichshauptstadt verlagert. Hier wird nun zunehmend die Unterwelt in den Fokus genommen, die sich je nach Grad der Professionalität auf anonymen Hotelzimmern oder in urigen Eckkneipen eingerichtet hat. Obwohl mit Walter Maisch ein Mitarbeiter des Reichskriminalpolizeiamts am Drehbuch mitwirkte, wirken einige der Ganoventypen reichlich überzeichnet, was in Anbetracht der deutlich feiner abgestimmten Hauptfiguren jedoch nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Neben Büttner und Uhlig liefern auch Alexander Engel, Karl-Heinz Peters und Änne Bruck passende Charakterporträts ab. Lina Carstens hat einen netten Auftritt als Eycks humorvolle Zimmerwirtin; ihre Szenen, die oft die Ankündigung von Besuch für die Hauptfigur umfassen, fielen jedoch oft nachträglichen Schnitten zum Opfer, um Hitlergrüße zu eliminieren. Einer hat sich allerdings in der fertigen Filmfassung erhalten.

Trotz aller dieser zeittypischen Charakteristika erscheint der Krimi nicht nur dem Filmhistoriker Günter Agde als „unverbindliche Unterhaltung“. Im Booklet zur DVD ordnet er „Eyck“ als „glattes, spannungsreiches, freundliches Kriminalstück [...] mit allen dramaturgischen Zutaten des Genres: Spannung, Geheimnisse, Dunkelheiten“ „abseits sozialer Grundierungen“ ein. Der Saloncharme überwiege, NS-Gegenwart sei nicht besonders präsent, denn: „er setzt auf die freundlich-sympathische Ausstrahlung seiner Titelfigur, den Schauspieler Paul Klinger“. Der wirkt viel zu nett, um in seiner Rolle als bloßes Systemvehikel wahrgenommen zu werden, was sicher auch den Erfolg des Films beim zeitgenössischen Publikum erklärt.

Feuerprobe für einen einzelnen Kommissar, Fingerübung für den gesamten Apparat: „Kriminalkommissar Eyck“ erzählt eine reizvolle Krimigeschichte im typischen Filmstil des Jahres 1940. Harbich darf in seinem Regiedebüt auf ein exzellentes Ensemble zurückgreifen. 4,5 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 2.812

01.01.2018 14:51
#78 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Den Kommissar Eyck fand ich vor allem in der Exposition (bis endlich was passiert) etwas langatmig, aber das ist wohl der damaligen Zeit und dem damaligen Erzähltempo geschuldet. Klinger als Ermittler ist jedenfalls sehr sympathisch.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.047

05.01.2018 17:37
#79 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Ich habe das nicht so empfunden. Dadurch dass der Film nur 77 Minuten läuft, fand ich ihn absolut straff und effektiv erzählt. Aber du hast auf jeden Fall insofern Recht, als am Anfang eher die Romanze als der Krimi im Mittelpunkt steht, was für den weiteren Verlauf des Falles jedoch von essenzieller Bedeutung ist. Die ganze Konstellation mit dem in eine Verbrecherin verliebten Polizisten war doch sehr noiresk. Auch vergleichbare Hollywood-Filme beginnen oft erstmal mit der Liebelei, bevor der Protagonist dann erkennt, worauf er sich eingelassen hat.

Die Urteile bzgl. "Kriminalkommissar Eyck" sind übrigens sowohl bei der zeitgenössischen Kritik als auch bei aktuelleren Vermerken gemischt. Einer überraschend positiven Einschätzung des LdIF steht z.B. ein abfälliger Goebbels-Kommentar gegenüber, wohingegen die Filmwoche ein sehr launiges Loblied auf "Eyck" sang. Für Leute, die sich für deutsche Krimis vor 1945 interessieren, ist die Veröffentlichung des Films jedenfalls Gold wert.

Ray Offline



Beiträge: 864

11.01.2018 23:45
#80 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Habe den Film nun auch gesehen und muss sagen, dass ich gerade die Exposition am stärksten fand, da sie die Hoffnung auf einen Krimi im edlen Hotel-Ambiente nährte, die sich letztlich leider nicht erfüllen sollte. Durch den beim nachträglichen Schnitt versehentlich nicht entfernten Hitler-Gruß wird man dann aus der Wohlfühl-Atmospähre auf unschöne Art und Weise in die damlige Realität zurückgeworfen. Schade, dass das Hotel recht schnell verlassen wurde und sich die weitere Handlung an eher unspektakulären Orten abspielt. Ansonsten ein recht kurzweiliger Kriminalfilm mit ein paar bekannten (Wallace-)Gesichtern (insbesondere Alexander Engel).

Besonders gefallen hat mir auch die Darstellung Anneliese Uhligs, die die für damalige Verhältnisse dankbare Rolle gekonnt mit Leben füllt. Sie ist ja erst letztes Jahr in hohem Alter gestorben, kurz bevor ihr zu Ehren eine Hommage im Frankfurter Filmmuseum abgehalten werden sollte.

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