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Dieses Thema hat 75 Antworten
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Tarzan Offline



Beiträge: 940

12.09.2019 19:53
#31 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Also Gottlieb wie Reinl zu sehen, bringt mir schon ein gewisses Schmunzeln auf die Lippen. Reinls Handschrift ist unverkennbar, der steht bei Wallace und May über Vohrer (aus meiner Sicht).
Hinsichtlich der Drehbuchverfasser wollte ich eigentlich nur sagen, dass egal wie die Vergangenheit bei Bartsch & Co. war, das nicht auf die Wallace-Filme abfärbte.

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.332

12.09.2019 19:58
#32 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von Tarzan im Beitrag #31
Hinsichtlich der Drehbuchverfasser wollte ich eigentlich nur sagen, dass egal wie die Vergangenheit bei Bartsch & Co. war, das nicht auf die Wallace-Filme abfärbte.

Sehe ich genau so! Hat ja auch fast 60 Jahre keiner "gemerkt"...

DerHexer Offline



Beiträge: 11

12.09.2019 20:13
#33 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von Tarzan im Beitrag #31
Also Gottlieb wie Reinl zu sehen, bringt mir schon ein gewisses Schmunzeln auf die Lippen. Reinls Handschrift ist unverkennbar, der steht bei Wallace und May über Vohrer (aus meiner Sicht).


Was würdest du denn als typische Charakteristika der Reinl-Handschrift beschreiben?

Bei mir liegt ganz klar Vohrer oben.

Tarzan Offline



Beiträge: 940

12.09.2019 20:21
#34 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Da würde ich Dir raten, mal "Frosch" und "Bande des Schreckens" und "Fälscher von London" anschauen. Es kann ja überhaupt keine Zweifel darüber geben, wer die Rialto-Wallace-Reihe mit seiner Handschrift zum Laufen brachte. Reinl gebührt dieser Verdienst, nicht Vohrer.

patrick Offline




Beiträge: 3.108

12.09.2019 20:37
#35 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Auch ich sehe Reinl sowohl bei Wallace als auch bei Karl May vor Vohrer. Reinl hatte bei Karl May ein wahnsinnig gutes Gespür Action mit Gefühl zu verbinden. Diese Fähigkeit zeigte Vohrer sehr viel weniger. Reinls Wallace-Filme blieben alle ernst ohne überflüssige Albernheiten, denen sich Vohrer bei seinen Spätwerken leider allzu sehr hingab. Ich finde es schade, dass Reinl nach 1965 keinen Wallace mehr gedreht hat. Ich bin mir sicher, er wäre da einen anderen Weg gegangen.

patrick Offline




Beiträge: 3.108

12.09.2019 20:50
#36 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von DerHexer im Beitrag #30
...und Herbert Reineckers braune Vergangenheit ist auch hinreichend bekannt. Schwieriges Thema, aber ich denke, dass man so etwas zwar nicht ganz verdrängen sollte, aber Kunst und Künstler durchaus trennen kann.



Das will ich auch meinen. Reinecker war Jahrgang 1914. Dass man da keine einfache Jugend hatte, dürfte wohl jedem einleuchten. Wer (wie ich selbst) Großeltern hatte, die nochmal sehr viel früher geboren wurden, hat das sicher vermittelt bekommen. Es ist leicht als sehr viel später Geborener, der noch nie ernsthafte Krisen erlebt hat, im Nachhinein mit intellektuellem Hochmut an Leuten herumzuhacken, die in jugendlicher Unerfahrenheit, gebeutelt durch Krisen und widrige Umstände, entsprechende Wege eingeschlagen haben.

Tarzan Offline



Beiträge: 940

12.09.2019 20:59
#37 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #36
Zitat von DerHexer im Beitrag #30
...und Herbert Reineckers braune Vergangenheit ist auch hinreichend bekannt. Schwieriges Thema, aber ich denke, dass man so etwas zwar nicht ganz verdrängen sollte, aber Kunst und Künstler durchaus trennen kann.



Das will ich auch meinen. Reinecker war Jahrgang 1914. Dass man da keine einfache Jugend hatte, dürfte wohl jedem einleuchten. Wer (wie ich selbst) Großeltern hatte, die nochmal sehr viel früher geboren wurden, hat das sicher vermittelt bekommen. Es ist leicht als sehr viel später Geborener, der noch nie ernsthafte Krisen erlebt hat, im Nachhinein mit intellektuellem Hochmut an Leuten herumzuhacken, die in jugendlicher Unerfahrenheit, gebeutelt durch Krisen und widrige Umstände, entsprechende Wege eingeschlagen haben.


Stimmt genau!

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 184

12.09.2019 21:43
#38 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Es ist immer interessant, Filme auch im Kontext ihrer Entstehungszeit zu sehen, gerade wenn es Lieblingsfilme sind, die man schon seit der Kindheit kennt und damit gewiss auch die eine oder andere Sentimentalität verknüpft. Die Wallace-Filme wurden ja offiziell meist eher stiefmütterlich behandelt, so als schämte man sich fast dafür, solche bloßen und und ein wenig bizarren Unterhaltungsfilme in der deutschen Filmgeschichte zu verantworten zu haben. Egal, ob Filmlexika, Schauspielerbiographien oder sonstige derartige Literatur, stets kommt das Wort "trivial" im Zusammenhang mit diesen Filmen vor, und der Rest ist auch nicht schmeichelhaft. Manchmal wird beiden ersten schon von einer Wirtschaftswundermentalität mit dem häufigen Streben nach Gewinn gesprochen, und die späteren Filme mit ihren im Forum ja im Allgemeinen sehr negativ bewerteten freizügigen Szenen in Mädchenheimen zeigen ganz klar, dass der Aufbruch in eine vorgeblich freiere Zeit auch an der Serie nicht vorbei gegangen ist. Viele Dinge lassen sich nun mal aus der Zeit erklären. Der "konservative" Sichter wird eher die ersten Filme in schönem Schwarzweißnebel favorisieren, der "liberalere" wohl mehr die letzten Filme mit viel Farbe und Getöse, selbstverständlich ist auch beides möglich, wir sind ja alle verschieden. Immerhin ist es ja wenigstens lobenswert, dass sich überhaupt mal "offiziell" mit der Serie beschäftigt wird.
Dass die Regisseure mit ihrer Handschrift auch immer gewisse Überzeugungen, Einstellungen und Lebenserfahrungen mit in die Filme fließen lassen, das ist wohl klar. Reinl und Vohrer haben die Reihe wohl maßgeblich geprägt, jeder hat ein Vorleben und ein Privatleben und auch gesellschaftliche Werte und Ansichten gehabt. Das färbt auch immer auf ihr Schaffen ab, keine Frage. So was aufzugreifen ist ja auch in Ordnung.
Aber: Nachträgliches Aufpfropfen von politischen Dogmen finde ich echt ablehnenswert. In einer Zeit, wo es "Letzte Wochenenden", "Südseekönige" und Albino-Othellos gibt, ist die Richtung klar, aus der die "Bearbeitungen" kommen - natürlich nur in der allerbesten Absicht, wie es immer in solchen Fällen ist. Kein Wunder, dass das auch mittlerweile die künstlerischen Rezensionen der Wallace-Filme betrifft, und die Reaktionen hier zeigen ja auch, dass nicht alle damit glücklich sind.
Man muss nicht Homosexualität bei einer knappen Besprechung der Filme unbedingt thematisieren, nur weil es grad trendy ist, und dabei schwer nachvollziehbare Behauptungen aufstellen. Dass Hubsi von Meyerinck mit dem prallen Weiberfleisch privat nicht viel anfangen konnte, sollte ja hinlänglich bekannt sein, doch seine Darstellung als Sir Arthur war ja nun das penetrante Gegenteil. Und Kinskis Rolle im "Indischen Tuch", okay, da hat er irgendwie schon ein persönliches Geheimnis gehabt, dass er verbergen wollte, zumindest sah das so aus, doch dass es Homosexualität war, ist zumindest spekulativ. Überhaupt sollte das Thema des Geschlechtlichen nicht immer so ans Tageslicht gezerrt werden, jeder Mensch, egal ob Schauspieler, Regisseur oder sonstwas, hat ein Anrecht auf ein Privatleben. Möglicherweise wäre es Vohrer gar nicht recht, dass man darüber redet. Ob sich da mal einer Gedanken macht ?

Natürlich ist es auch interessant, das Leben seiner "Helden" auch zur Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten. Doch der ekelhafte moralinsaure Ton, mit dem dieses Thema häufig von oben herab -und meiner Ansicht auch in der Radiosendung- behandelt wurde (vielleicht sehe ich es auch übertrieben), stößt mir persönlich auch sauer auf. Ehrlich, je länger Hitler tot ist, desto mehr gibt es geborene Antifaschisten. Wären die nur alle eher auf die Welt gekommen, was wäre der da erspart geblieben. Jeder sollte sich mal genau fragen, was er oder sie unter den damaligen Umständen gemacht hätte, bedroht von Denunziation, KZ oder gleich Hinrichtung, unter den Umständen von Krieg und dazu zugedröhnt von Propaganda (das letzte sollte ja bei manchen nicht schwer sein). Man sollte nicht immer gleich über Schauspieler und Regisseure herziehen, weil die im Dritten Reich auch gelebt und gearbeitet haben, teilweise sogar als Soldat gekämpft. Haben sie tatsächlich anderen Menschen geschadet, was waren ihre Motive ? Hier wäre eine wirklich sachliche Aufarbeitung wünschenswert und sicher auch sehr lehrreich, nicht so ein oberflächliches Geschnatter. Das geht nun mal nicht in ein paar Minuten.
Und das Gerede über Globalisierung, Kritik an Nationalkultur usw., hat das echt was mit der damaligen Zeit zu tun? Kopfschüttel kopfschüttel.
Mag ja sein, dass das alles übertrieben klingt, doch beim nächsten mal wird dann noch über mangelhafte Integration und Inklusion sowie fehlende Frauenquote diskutiert und darüber, ob die Schauspieler in den Drehpausen ihren Müll ordentlich getrennt haben...

Offenbar ist das wirklich auch eine Altersfrage, dass einem solche Dinge, gelinde gesagt, auf den Keks gehen können.
Bei mir hat die idealisierte und liebenswert persiflierte Darstellung der Briten in diesen Filmen damals eine starke Anglophilie ausgelöst, die in gedämpfter Form auch heute noch vorhanden ist. Möglicherweise ging es auch anderen so, glaube ich. Doch nun gleich schwere Geschütze auffahren und davon zu reden, die Filme hätten deshalb zu mehr Internationalität und Völkerverständigung beigetragen, das wäre nun sehr weit hergeholt.
Und man überlege sich mal, wenn die politische "Gegenseite" die Filme für sich entdeckt: zweifellos ist die generelle Jagd nach Geld und Besitz in den Wallace-Filmen ein Beweis für die altbekannte Raub- und Krämermentalität der Engländer, die zudem, wie etwa in "Bogenschütze" oder "Bande" gezeigt, immer noch an einen lächerlichen Geisterglauben gebunden sind. Oder die häufigen Wahnsinns- und Mordtaten in reichen adligen Familien (Tuch, Hand) - ein klarer Hinweis auf die Verdorbenheit der plutokratischen Oberschicht. Und dann noch beispielsweise "Schlange" oder "Orchidee", diese Filme zeigen doch nur zu deutlich, welche Gefahren dem europäischen Abendland durch ausländische Gemeinschaften drohen... Da würde es wohl auch sehr heftigen Widerspruch geben, und natürlich wäre es auch ideologisch zementierter Blödsinn. Wenn man will, kann man alles hineininterpretieren.

Im Prinzip ist es mit den Filmen wie mit den Büchern damals. Die wurden (und werden ?) auch durch die Reihe weg von ganz "rechts" bis ganz "links" gelesen, weil irgendwie alle Leute ein wenig Zerstreuung und Normalität im Leben brauchten, ein kleines Phantasia im Alltag. Damit haben sie wohl recht verschiedene Leute vereint. Und bei den Filmen scheint das wohl ebenso zu sein, eher eine nicht vernachlässigbare positive Wirkung von derlei "Trivialkunst", quasi neutrales Gebiet. Dabei sollte man es doch belassen.

Tarzan Offline



Beiträge: 940

12.09.2019 22:01
#39 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

... Man kann schon manche Vita näher beleuchten und diskutieren. Johannes Kai zum Beispiel, der bei „Tür mit den sieben Schlössern“ oder „Der schwarze Abt“ mit an Bord war. Deshalb den Wallace-Filmen aber eine entsprechende politische Gesinnung anzuhängen, erschließt sich mir nicht. Das waren unterhaltsame Krimimärchen, in die man nicht so viel hinein interpretieren muss. Sie als billige Unterhaltung abzustempeln, ist aber auch falsch. Da waren schon Könner am Werk.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.445

12.09.2019 22:46
#40 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #38
Dass Hubsi von Meyerinck mit dem prallen Weiberfleisch privat nicht viel anfangen konnte, sollte ja hinlänglich bekannt sein, doch seine Darstellung als Sir Arthur war ja nun das penetrante Gegenteil.



Finde ich gar nicht. Von Meyerinck spielt Sir Arthur stockschwul - und genauso war das von Vohrer beabsichtigt; man kann sich richtig vorstellen, dass die beiden daran eine diebische Freude hatten. Allein die Ballettszene in „Im Banne des Unheimlichen“ - offensichtlicher geht es ja nun wirklich nicht. Dass Sir Arthur nach seinem eigenen Verständnis trotzdem ein Weiberheld ist - einer der besten Gags von Vohrer.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.060

13.09.2019 07:34
#41 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von Fabi88 im Beitrag #26
Ich habe keine "belehrenden Winkel" in die Wallace-Filme interpretiert, ...

Das dürften wir wohl unterschiedlich sehen. Wenn du Vohrer unterstellst, er wolle jemanden (wen eigentlich?) mit (wessen?) NS-Verbrechen konfrontieren, heißt das ganz klar: Die Wallace-Filme haben deiner Meinung nach einen erzieherischen, belehrenden Re-Education-Auftrag.
Zitat von Fabi88 im Beitrag #26
aber die eigene Haltung kann man unmöglich aus seinem Werk heraushalten, auch wenn es Auftragsarbeiten sind.

Dann nehmen wir dein Beispiel bzgl. Reinls Frosch und der Todesstrafe. Es trifft nicht zu. Welche "Haltung" Reinls in Bezug auf die Todesstrafe soll sich aus dem Film heraus zeigen? Er hat das abgefilmt, was Wallace sich ausgedacht und Bartsch/Eis davon adaptiert haben. Und selbst bei Wallace entspringt die Todesstrafe als Plotelement (zumindest in diesem Falle) nicht einer "Haltung", sondern einzig dem Wunsch, mit der irreversiblen Natur einer solchen Bestrafung handfesten Suspense zu generieren.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 184

13.09.2019 09:32
#42 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von Marmstorfer im Beitrag #40
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #38
Dass Hubsi von Meyerinck mit dem prallen Weiberfleisch privat nicht viel anfangen konnte, sollte ja hinlänglich bekannt sein, doch seine Darstellung als Sir Arthur war ja nun das penetrante Gegenteil.



Finde ich gar nicht. Von Meyerinck spielt Sir Arthur stockschwul - und genauso war das von Vohrer beabsichtigt; man kann sich richtig vorstellen, dass die beiden daran eine diebische Freude hatten. Allein die Ballettszene in „Im Banne des Unheimlichen“ - offensichtlicher geht es ja nun wirklich nicht. Dass Sir Arthur nach seinem eigenen Verständnis trotzdem ein Weiberheld ist - einer der besten Gags von Vohrer.


Tatsächlich ein interessanter Gedanke. Der feingeistige Ausdruck, der bei der Ballettszene auf Meyerincks Gesicht steht, zeigt wohl auch den tatsächlichen Menschen hinter dem Schauspieler und steht im krassen Gegensatz zu dessem üblichen Gepolter als unfähigem Yard-Chef. Aber das bei Sir John reichlich vorhandene und gockelhafte Interesse am anderen Geschlecht ("diese Playboy-Spätlese") wird bei Sir Arthur ja nun schon so weit getrieben, dass er sich Prostituierte in sein Dienstzimmer bringen lässt - eigentlich ein unmöglicher Vorgang. Ich fand es immer eher lustig, wenn ein Schauspieler in seiner Rolle den forschen Weiberhelden markiert, obwohl er ganz andere Ambitionen hat. Man denke mal an die tatsächlichen Frauenschwärme vergangener Tage, wie Jean Marais oder Rock Hudson. Da sieht man eben auch, dass das Ganze nur Illusion ist, eben Kunst, und kein Abbild der Wirklichkeit.



Zitat von Gubanov im Beitrag #41
[quote=Fabi88|p7397113]
Dann nehmen wir dein Beispiel bzgl. Reinls Frosch und der Todesstrafe. Es trifft nicht zu. Welche "Haltung" Reinls in Bezug auf die Todesstrafe soll sich aus dem Film heraus zeigen? Er hat das abgefilmt, was Wallace sich ausgedacht und Bartsch/Eis davon adaptiert haben. Und selbst bei Wallace entspringt die Todesstrafe als Plotelement (zumindest in diesem Falle) nicht einer "Haltung", sondern einzig dem Wunsch, mit der irreversiblen Natur einer solchen Bestrafung handfesten Suspense zu generieren.


Das ist mir auch so aufgefallen. Ich finde soger, dass die Szene in der Todeszelle im Film viel schärfer rüberkommt als im Buch. Im Roman wird bei der plötzlichen Gegenüberstellung von Vater und Sohn gar nicht über Rays Schuld oder Unschuld gesprochen, da kommen bei Bennett verständlicherweise gleich die Vatergefühle durch. Im Film dagegen heißt es ja sinngemäß: "Schau mich an. Und wenn du es getan hast..." - dann schweift Henker-Bennetts Blick unheilvoll zu der genüpften Schlinge - eher eine verstörende Sequenz, die ja andeutet, dass dem Recht auch unter dem Zurückstellen privater Gefühle stets Genüge getan werden muss.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.144

13.09.2019 10:10
#43 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #36

Das will ich auch meinen. Reinecker war Jahrgang 1914. Dass man da keine einfache Jugend hatte, dürfte wohl jedem einleuchten. Wer (wie ich selbst) Großeltern hatte, die nochmal sehr viel früher geboren wurden, hat das sicher vermittelt bekommen. Es ist leicht als sehr viel später Geborener, der noch nie ernsthafte Krisen erlebt hat, im Nachhinein mit intellektuellem Hochmut an Leuten herumzuhacken, die in jugendlicher Unerfahrenheit, gebeutelt durch Krisen und widrige Umstände, entsprechende Wege eingeschlagen haben.


Hier fehlt leider das Verständnis. Volle Zustimmung

Gruss
Havi17

Mr. Igle Offline




Beiträge: 96

13.09.2019 12:17
#44 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Prinzipiell sehe ich das ähnlich. Aber gerade im Falle Reineckers - finde ich - ist diese Trennung doch sehr schwer möglich, weil das verbindendene Element eben sein Metier ist: Das Schreiben. Wer als Propaganda-Mitarbeiter mit seinem literarischen Geschick dabei half Kinder und Jugendliche zu indoktrinieren und bis zum Kriegsende fürs "Schwarze Korps" schrieb, dem steht eben das belehrende, moralisierende Element einiger der späteren "Kommissar"- und "Derrick"-Arbeiten nicht sonderlich gut zu Gesicht. Trotzdem schätze ich Reinecker als ungemein fähigen Autor. Mich stört es nicht, aber ich kann verstehen, wenn das jemandem aufstößt. Vielleicht wird heute vorschnell und überhart geurteilt, aber man kann die Menschen weder durch die Prägung, noch durch irgendetwas anderes vollends von ihrer persönlichen Verantwortung entbinden. Es gibt Menschen, die genauso alt oder noch jünger waren und sich unter widrigen Umständen trotzdem für ein anderes Verhalten entschieden haben. Die Denkrichtung "Die sind eben zu anderen Zeiten aufgewachsen und wurden alle verführt" greift in ihrer Pauschalität eben auch zu kurz. Die meisten Menschen wussten damals sehr genau was sie (häufig aus Überzeugung) taten und sie wussten auch viel mehr, als sie später zugeben wollten. Nur war es später sehr viel leichter, die Verantwortung nach oben abzuschieben, anstatt sich einzugestehen, dass man sich selbst geirrt und einen Fehler begangen hatte. Zu diesem simplen Eingeständnis waren viele leider nicht in der Lage und zwar unabhängig davon, ob sie persönlich schwere moralische Schuld auf sich geladen hatten oder nicht. Dieser größtenteils fehlende Wille zur Reflexion über mehrere Jahrzehnte hinweg hat unter anderem zur Folge, dass man heute eben ganz genau hinschaut und bisweilen mit dem Moralisieren übertreibt. Ich kann diese Biographien mit all ihren Brüchen akzeptieren, aber man muss diese Menschen für ihr Handeln weder entschuldigen, noch muss man endgültig den Stab über sie brechen. Tiefere Botschaften in den Wallace-Filmen kann ich weder in die eine, noch in die andere Richtung allerdings auch nicht erkennen. Wallace ist klassische Genre-Ware, die durch die von der Produktion engagierten Regie-Handwerker wie Reinl oder Vohrer als Unterhaltung für die breite Masse konzipiert wurde.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Jan Offline




Beiträge: 1.421

14.09.2019 00:19
#45 RE: 60 Jahre Edgar Wallace Filme - Sondersendung im Radio Zitat · Antworten

Nun nimmt dieser Thread ja doch eine durchaus interessante Wendung. Was die Vergangenheit der Wallace-Macher anbelangt, die zwangsläufig alle auf ihre Weise mit dem NS-Regime in Berührung kamen, plädiere ich dafür, diese nicht hinsichtlich einer Einordnung der Wallace-Filme in die Waagschale zu werfen. Es ist absurd, der Reihe oder auch nur einzelnen Filmen daraus die Absicht einer Kritik im Hinblick auf bestehende bundesdeutsche Verhältnisse unterzujubeln. Noch absurder wäre, einzelne Macher - wie beispielsweise Herbert Reinecker - herauszupicken und eine Analogie zum Schaffen im NS-Staat herbeizudichten. Mir missfällt die in der deutschen Öffentlichkeit und Medienlandschaft grassierende und bisweilen selbstgerechte Be- oder gar Verurteilung z.T. ohnehin. Aus der Sicherheit der heutigen Zeiten heraus lässt sich da leicht der Stab über jemandem brechen wie es beispielsweise Horst Tappert postum widerfuhr. Nichts ist leichter als eine Recherche im Bundesarchiv und nichts ist leichter als das Recherchierte bei einem Glas Rotwein, funktionierender Zentralheizung und bequemem Ohrensessel zum moralinsauren Cocktail zu verwursten. Da wird dann ein Sanitätsgefreiter zur Persona non grata stilisiert, sofern im Bundesarchiv dokumentiert ist, dass er 1944 einen SS-Mann ins nächstgelegene Lazarett fahren musste. Um nicht falsch verstanden zu werden: Greueltaten und Greueltäter sind zu verurteilen und das auch mit jedweder Direktheit. Da darf es keine Verwässerung geben. Hieraus darf jedoch in meinen Augen keine "Sippenhaft" entstehen, wie sie leider bisweilen entsteht.

Dies einmal vorangestellt, sind die Wallace-Filme im Wesentlichen unpolitisch. Alle. Man mag die Definition ja gerne dahingehend ausweiten, dass ein Film alleine durch das Zurschaustellen seiner Entstehungszeit eine politische Aussage enthält. Diese Definition ist mir aber zu wachsweich. Ein politischer Film beabsichtigt etwas. Ein unpolitischer Film beabsichtigt dahingehend nichts und muss zwangsläufig ein Produkt seiner Zeit sein. Einen zeitlosen Film gibt es nicht. Die Wallace-Filme sollten möglichst große Menschenmassen in die Kinos locken und Geld bringen. Es sind Unterhaltungsfilme, die keinem Zuschauer in seiner politischen Sichtweise zu nahe treten sollten. Darin hätte die Gefahr der Verprellung und damit die Gefahr der Mindereinnahmen gedroht. Dauerhaft eine politische Botschaft in diese Filme hinein zu bringen hätte bedeutet, dem obersten Ziel der Einnahmenmaximierung zuwider zu laufen.

Dennoch finden sich natürlich gerade zum Ende der "echten" deutschen Filme in den Jahren 1966 bis 1969 einige Seitenhiebe, die man mit viel Fantasie als politisches Statement interpretieren mag. Der bereits angesprochene Umgang mit Homosexualität beispielsweise. Das Thema wird durch Alfred Vohrer und in Darstellung von Hubert von Meyerink in Form der "halbfiktionalen Groteske" durchaus auf die Leinwand gebracht. Ein bekanntermaßen schwuler Darsteller, nahezu tuntenhaft angezogen, balletttanzend (Schwanensee!) und ungelenk mit Prostituierten bzw. offensichtlich gekauften Damen poussierend und das in der Rolle des höchsten Polizeichefs! Selbstredend war das Absicht, und es war auch ein Statement. Alfred Vohrer selbst sagt man nach, homosexuell gewesen zu sein (ganz sicher ist das so klar und deutlich im Übrigen nicht). In jedem Fall hatte er auch Beziehungen zu Männern und war hinsichtlich §175 entsprechend sensibilisiert. Was lag da näher, als im Rahmen des Möglichen - und mehr als mit Hubsi war ganz sicher nicht möglich! - Anspielungen unterzumischen, die man dahingehend deuten kann, dass auch hochdotierte und angesehene Beamte homosexuell sein können, sich jedoch aufgrund der gültigen Gesetzgebung ein Alibi mit reichlich stupiden Mädchen verschaffen müssen. Derartige Nebensächlichkeiten sind bei den Wallace-Filmen jedoch klar die Ausnahme. Schon Constantin und Rialto hätten bei allzu viel Kreativität in die eine oder in die andere Richtung protestiert!

Da er nun oft angesprochen wurde: Alfred Vohrer war nach allem, was ich von Hinterbliebenen in Erfahrung bringen konnte, ein weitgehend unpolitischer Mensch. Er war nachweislich niemals Mitglied in der NSDAP oder anderen NS-Verbänden oder -Vereinigungen. Auch war er nach dem Krieg bis zu seinem Lebensende nie (partei)politisch aktiv. Bekannt ist, dass er - wie so viele seinerzeit - einen Faible für Willy Brandt hatte, diesen jedoch nur im engsten Familienkreis zu erkennen gab. Welche politische Botschaft außer dem Genannten und vielleicht einigen wenigen weiteren Kleinigkeiten hätte er da in seine 14 Wallace-Filme einbauen sollen? Das ist abwegig! Auch Vohrer unterlag dem Ziel der Umsatzmaximierung. Und er litt darunter zeitlebens. Der Spagat zwischen Kunst und Kommerz war ihm aus seiner Sicht immer zu sehr in Richtung Kommerz gelungen. Nicht zuletzt auch zugunsten des eigenen Kommerzes wohlgemerkt. Vohrer konnte weder mit Edgar Wallace aber erst recht nichts mit Karl May anfangen. Seine Welt bestand aus Bach, Brahms, Hemingway, Karajan und Bernstein. Verwirklichen konnte er zeitlebens davon filmisch aber kaum etwas. Ich denke aber nicht, dass er deswegen behauptet hätte, dass seine Wallace-Filme eine entsprechende Botschaft hatten. Er wusste zeitlebens, was er da machte und das unterschied ihn von manch einem seiner Kollegen.

Gruß
Jan

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