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Dieses Thema hat 6 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
Gubanov Online




Beiträge: 15.392

20.03.2016 13:50
Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959

Gerade bei einem wandlungsfähigen Genre wie dem Film Noir ist es nur verständlich, dass Beginn und Ende kaum felsenfest datiert werden können. Basierend auf dem Ruf, den sich einige Filme über die Jahre erarbeitet haben, werden die fließenden Grenzen der klassischen Noir-Periode üblicherweise irgendwo um die Entstehung von „Stranger on the Third Floor“ im Jahr 1940 bzw. „The Maltese Falcon“ 1941 auf der einen und Orson Welles’ „Touch of Evil“ von 1958 auf der anderen Seite gezogen. Auf diese Sichtweise aufbauend, bezeichnet die Filmwissenschaft Produktionen mit Noir-Merkmalen, die nach 1958 entstanden, häufig generell als „Neo-Noirs“, wobei hier noch eine genauere Abstufung in „Post-Noirs“, die unmittelbar auf die klassische Periode folgten, und die ab der Phase des politisch-gesellschaftlichen Umschwungs in den späten 1960ern entstandenen, noch distanzierteren „Neo-Noirs“ vorgenommen werden kann.

Die Stilmerkmale der Schwarzen Serie verloren über die Jahre keineswegs an Attraktivität oder Aktualität – im Gegenteil: Mit sich und ihrer Umgebung ringende Protagonisten inmitten einer zunehmend entfremdet-feindlichen Welt sind im Laufe der Zeit eher zum Regelfall als zur Besonderheit des Filmschaffens geworden, vor allem in Thrillern, in denen traditionell der düsteren Seite des Lebens die größere Aufmerksamkeit zukommt. Zunehmende Anforderungen in Wirtschaft und Privatleben sowie die sinkende Hemmschwelle, das Unangenehme in den Mittelpunkt filmischer Handlungen zu rücken, ersetzten derweil den direkten Einfluss des Zweiten Weltkriegs als traumatischer Katalysator im klassischen Film Noir.

Im Vergleich mit den in Hollywood zwischen 1940 und 1958 produzierten Filmen zeugen die Post- und Neo-Noirs von noch größerer Diversität – wechselnde Genres, Zeitgeiste und sogar die bunten Farben der Sixties und Seventies hindern einen inhaltlich die Motive der Klassiker aufgreifenden Film nicht daran, zum Universum der amerikanischen Noir-Nachwehen zu zählen. Gleichzeitig gab es auch solche Filme, die hauptsächlich auf stilistischer Ebene auf die Hartschattenoptik und schwarzweiße Urbanität der Noir-Welt Bezug nahmen. Der vorliegende Thread soll ausgewählte Schattierungen dieser durchmischten Palette sichtbar machen.

Bereits besprochen wurden (Liste wird nachträglich ergänzt):

  • Mirage (Die 27. Etage, 1965, Edward Dmytryk) [1]
  • Naked Kiss, The (Der nackte Kuss, 1964, Samuel Fuller) [1]
  • Point Blank (Point Blank, 1967, John Boorman) [1]
  • Seven Thieves (Sieben Diebe, 1960, Henry Hathaway) [1] [2]

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.514

20.03.2016 14:06
#2 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

BEWERTET: "Sieben Diebe" (Seven Thieves) (USA 1960)
mit: Edward G. Robinson, Rod Steiger, Joan Collins, Eli Wallach, Alexander Scourby, Michael Dante, Berry Kroeger, Sebastian Cabot, Marcel Hillaire, John Berardino | Drehbuch: Sydney Boehm nach einem Roman von Max Catto | Regie: Henry Hathaway



Der ehemalige Universitätsprofessor Theo Wilkins bittet seinen alten Freund Paul Mason an die französische Riviera: Der gerade aus dem Gefängnis entlassene Dieb soll ihm bei einem Unternehmen unterstützen, das seinesgleichen sucht. Wilkins möchte den Safe der Spielbank von Monaco knacken und hat zu diesem Zweck ein Team zusammengestellt. Trotz seines ausgeklügelten Plans vertraut er nur Mason, denn er weiß, dass die Aussicht auf viel Geld jede Vereinbarung hinfällig machen kann....

Edward G. Robinson hat sich vom Credo seines Gangsterumfelds der Dreißiger Jahre verabschiedet. Damals galt für die Filmhelden die Maxime, dass nicht Tüchtigkeit und Fairness zu Sicherheit und Wohlstand verhelfen, sondern Brutalität und Egoismus. Rücksichtslosigkeit und Macht siegten über den Glauben an einen Fortschritt, an dem jeder fleißige und rechtschaffene Bürger partizipieren kann. Der zu Unrecht suspendierte Professor will sich und den anderen beweisen, dass er imstande ist, sich noch einmal zu geistigen Höhenflügen aufzuschwingen und durch eine brillante Denkleistung Spektakuläres schaffen kann. Das Spielcasino ist in seinen Augen ein Tempel des Midas, in dem der Geldgewinn den höchstens Wert darstellt. Croupiers und Kellner verneigen sich devot vor den Trägern des Kapitals; Rang und Namen stehen über allem und decken so manche zweifelhafte Vergangenheit. So ist es für den genauen Beobachter ein Leichtes, sich mit den Regeln dieser Gesellschaft vertraut zu machen und sie zu seinen Gunsten auszunutzen. Moralische Bedenken hat der Professor keine, weil er weiß, woher die Geldflüsse stammen, die allabendlich durch die Roulettekugel vermehrt oder vernichtet werden. Der Nervenkitzel, den die Spieler empfinden, geht mit dem Prickeln in den Champagnergläsern eine elitär anmutende Symbiose ein, die dem schönen Schein frönt und menschliche Tragödien ausklammert bzw. vertuscht. Der Professor versteht es, die Schwächen dieser Parallelwelt für sich zu verwerten und sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.



Rod Steiger, Eli Wallach und Joan Collins sind die klingendsten Namen neben Robinson und setzen durch ihr individuell nuanciertes Spiel Akzente. Obwohl sie sich in das Team fügen sollten, das nur mit einer Stimme spricht, um das große Ganze nicht zu gefährden, gönnen sie sich den Freiraum für eigene Gedanken. Vor allem Joan Collins als Melanie überwindet den ersten Eindruck, den ihre Figur als Nachtlokaltänzerin gibt. Sie ist nicht das schmückende Beiwerk der sonst ausschließlich aus Männern bestehenden Gemeinschaft, sondern setzt sich mittels ihres selbstsicheren und schlagfertigen Auftretens gegen unerwartete Schwierigkeiten durch. Abgesehen von ihren Eleganz und Grazie verströmt sie eine Würde, die alle Widersacher - seien es nun alternde Snobs oder übereifrige Wichtigtuer - in ihre Schranken verweist. Die verbalen Spitzen stehen ihr gut zu Gesicht und werden sie fünfundzwanzig Jahre später in der Rolle der Geschäftsfrau Alexis Colby weltberühmt machen. Der präzise ablaufende Coup in den heiligen Hallen des Glücksspiels, macht den Zuschauer zum Komplizen, der einmal mehr mit den Dieben mitfiebert, sei es nun auf der Balustrade der Hausfassade, wo die Jacken der Männer im Wind wehen oder beim Nervenflattern am Spieltisch, kurz bevor die schlaf- oder todbringende Kapsel geschluckt werden muss. Es gilt nicht nur die kalkulierten Hürden zu überwinden, sondern auch die Konsequenzen der Tat zu meistern, bei der sich die Spreu vom Weizen trennen wird und das Motto Wilkins' "Monaco sehen und sterben" die entscheidende Prüfung sein wird.

Spannende und stilvoll choreografierte Lektion über Mut, Loyalität und Weitsicht mit einem charakteristischen Ensemble und einer eleganten Kameratechnik. Wo die Opulenz von "To Catch a Thief" (1954) übertrieben wirkt, besticht "Seven Thieves" mit einem raffiniert ausgeleuchteten Schwarzweiß-Minimalismus. 5 von 5 Punkten

Prisma Offline




Beiträge: 7.536

20.03.2016 14:34
#3 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten



DER NACKTE KUSS

● THE NAKED KISS / DER NACKTE KUSS (US|1964)
mit Constance Towers, Anthony Eisley, Michael Dante, Virginia Grey, Patsy Kelly, Marie Devereux, Karen Conrad
eine Produktion der Leon Fromkess-Sam Firks Productions
ein Film von Samuel Fuller






Die Prostituierte Kelly (Constance Towers) hat ihr bisheriges Leben satt und will aussteigen. Sie flieht vor ihrem Zuhälter und landet in der idyllischen Kleinstadt Grantville, wo sie sich auf Anhieb mit den örtlichen Sherriff, Captain Griff (Anthony Eisley) einlässt. Dieser ist jedoch nur daran interessiert, sie schnell wieder loszuwerden und rät ihr, weiterhin anschaffen zu gehen. Kelly will jedoch in der Stadt bleiben und nimmt eine Arbeit als Krankenschwester an. Wenig später lernt sie Griffs guten Freund J.L. Grant (Michael Dante) kennen, der ein sehr angesehenes Mitglied der Gemeinde ist. Er verliebt sich in die ehemalige Prostituierte, die im Bezug auf ihre Vergangenheit schließlich mit offenen Karten spielt. Trotz allem macht Grant ihr einen Heiratsantrag, doch Griff setzt zunächst alles daran, Kelly aus der Stadt zu vertreiben. Allerdings ist sie nicht die einzige, die ein Geheimnis hat...

»Der Alptraum jeder Frau in meinem Gewerbe ist, am Ende allein dazustehen...« So lautet nur eines der bitteren Zitate der Frau, die aussteigen, und den harten Alltag mit all dem Dreck hinter sich lassen wollte. Nachdem sie ihren letzten betrunkenen Freier verprügelt hatte, ist es soweit. Sie hat es endgültig satt. Gezeichnet wird hierbei allerdings keine ordinäre Hure der dunkelsten Ecken, sondern der Verlauf ist daran interessiert, positive Attribute und Tugenden zu durchleuchten. Kelly hat Prinzipien und sie ist überaus direkt. Sie eckt an. Ihren Weg kann sie nur so resolut zurücklegen, da es Schönheit und Intellekt zulassen. Regisseur Samuel Fuller zeigt in "Der nackte Kuss" von der ersten Minute an, dass er hohen Wert auf die Psychogramme der beteiligten Charaktere legen wird, vor allem ist die in Tragik umhüllte Geschichte absolut auf seine überragend agierende Protagonistin zugeschnitten. Permanent hat man allerdings den Titel des Films im Sinn und fragt sich daher, wie ein nackter Kuss wohl aussehen mag. Dieses Geheimnis wird mit einem äußerst unangenehmen Paukenschlag gelüftet, da er plötzlich und ziemlich unerwartet zur Konfrontation wird. Allerdings verhalten sich Regie und Drehbuch für lange Zeit sehr ruhig und nahezu behutsam, denn es wird eine Art unechte Idylle transportiert, alles verläuft relativ glatt und geradlinig. Insbesondere im Rahmen der Dialoge wird ein konstant hohes Niveau geboten und auch aufrecht erhalten, es gibt Peitschenhiebe und massive Kritik an Gesellschafts-Schablonen, die immer wieder gerne mit einem Spiegel vorgehalten werden, der allerdings längst unzählige Sprünge hat. Fullers Beitrag wird dem Neo-Noir zugerechnet und es handelt sich in der Tat um einen sehr charakteristischen Beitrag, der die Tradition des Film Noir fortsetzt und der unterm Strich nachdenkliche Tendenzen transportieren wird. Klassische narrative Elemente kommen zum Tragen, auch die Bildgestaltung wirkt überaus typisch und lässt diesen Beitrag im visuellen Bereich in sehr hochwertigen Schwarzweiß-Bildern erstrahlen.

»Du wirst Männer kennenlernen, von denen du lebst, und Männer die von dir leben. Und das sind die einzigen Männer die dir bleiben!« Der Verlauf ist immer wieder mir derartigen Aussagen von Kelly durchzogen, die ihre Desillusionierung unterstreichen. Eines hat sie jedoch nicht, nämlich resigniert. Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Die Leistung der US-Amerikanerin Constance Towers ist nicht nur essentiell für das glaubhafte Gelingen dieses Dramas, sondern als absolut überragend zu bezeichnen. Ihr bisheriges Leben hat sie hart gemacht, Emotionen werden vor allem in Form von Impulsivität und Angriffslust frei gelassen. Kelly kommt in der neuen Stadt an und bedient sofort einen Freier, der ihr noch zu schaffen machen wird. In ihrer Arbeit als Kinderkrankenschwester wird sie noch aufgehen und besonders hier sieht man, dass eine gewisse Härte einfach Teil ihres Wesens geworden ist. Sie geht überaus liebevoll mit den Kindern um, die hauptsächlich körperliche Beeinträchtigungen haben, aber gleichzeitig treibt sie ihre Schützlinge auch an und wirkt hin und wieder sogar unerbittlich. Jedoch entstehen keine falschen Sentimentalitäten oder gar mitleidige Blicke. Als sie auf einer Party Grant kennen lernt, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Doch es gibt innere und äußere Widerstände, tragische Launen des Schicksals und Intrigen, mit denen Kelly aber offensichtlich naturgemäß rechnet. Der trügerische Verlauf nimmt den Zuschauer an die Hand, man lässt sich führen, um plötzlich von einer schockierenden Gewissheit heimgesucht zu werden. Der Verlauf richtet sich in kürzester Zeit in die komplett entgegen gesetzte Richtung aus, und der bis dahin möglicherweise ahnungslose Zuschauer erinnert sich an die vielen mahnenden Warnungen der Protagonistin, die plötzlich hässliche Gestalten annehmen. Am Ende wird zwar scheinbar alles gut, aber es steht nicht gerade eine erbauliche Prognose zu Buche, da sich der Kreis im Zweifelsfall immer wieder schließen wird. Samuel Fullers Drama zeigt Konturen und überzeugt durch die Sterilität in der Handhabe. In allen Bereichen wirkt die Dosierung nahezu perfekt und im Endeffekt beweist "Der nackte Kuss" viel Fingerspitzengefühl beim Umgang mit einem brisanten Thema, das zu jeder Zeit einen widerlichen Geschmack haben wird, den auch die Protagonistin zu beschreiben versuchte.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

20.03.2016 21:45
#4 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

Point Blank (USA 1967)

Regie: John Boorman

Darsteller: Lee Marvin, Angie Dickinson, Keenan Wynn u.a.



Ein Mann, der von allen nur "Walker" genannt wird (Marvin), wird bei einem Coup von seinem Freund und seiner Ehefrau gelinkt und niedergeschossen am Tatort zurückgelassen. Von dieser Schmach getrieben, begibt sich Walker auf eine Jagd nach seinem Geld, welche ihn über seinen Kumpanen in eine ominöse "Organisation" führt...

Sieht man gemeinhin "Die Spur des Falken" als Beginn des klassischen Noir an, so markiert "Point Blank" den Anfangspunkt für die Ära des Neo Noir. Doch was macht diesen Film so besonders, dass er einerseits an alte Traditionen anknüpfen, dabei aber gleichzeitig neue Wege gehen kann?

Zunächst der Tradition des Noir verpflichtet, wandeln durch die Geschichte ausschließlich verkommene Individuen. Ob die Machthaber der "Organisation" auf der einen oder diejenigen, die von ihr ausgenutzt werden, auf der anderen Seite. Demgegenüber steht eine Inszenierung, die in Kontrast zu den ausgereiften Licht- und Schattenbildern der klassischen Ära das Medium "Farbfilm" äußerst gewinnbringend einzusetzen vermag. Highlights sind insoweit die Szene im Jazz-Club, in der Walker sich hinter der Bühne in grelle Farben getaucht einen Kampf mit Handlangern der "Organisation" liefert oder jene, in der er sich zu seiner (Ex-)Frau begibt und dabei zwischen ihm und ihr hin- und hergeschnitten wird. Auffallend generell der Einsatz von Vor- und Rückblenden. Der Film wird getragen von einer einmaligen Direktheit. Es ist faszinierend, dabei zuzusehen, wie Walker mit seiner ruppigen, unverfrorenen Art gelingt, die "Organisation", die sonst wie ein Uhrwerk funktioniert, Stück für Stück auseinander zu nehmen. Ganz oben wartet auf ihn schließlich eine Überraschung.

Die "Organisation" steht stellvertretend für all jene durchorganisierten Machtapparate, in dem jeder Einzelne letzten Endes nichs wert und daher fungibel ist und derjenige, der ganz oben sitzt, alle Zügel in der Hand hält.

Auffällig ist die Duplizität der Ereignisse, so spielen etwa Anfang und Ende in Alcatraz. Ansonsten sind es Details, die Walker oft in Erinnerungen einfallen, die er so oder so ähnlich schon erlebt hat, mithin zum zweiten Mal erlebt.

Neben Lee Marvin als Walker sieht man in der weiblichen Hauptrolle Angie Dickinson. Die beiden hatten schon 1964 in "Der Tod eines Killers" gemeinsam vor der Kamera gestanden, der wie "Die Killer" von Robert Siodmak auf der gleichnamigen Hemingway-Kurzgeschichte beruht. Die Chemie der beiden stimmt sichtlich. Dickinson ist keine übliche Femme Fatale, sondern auch einer der Orientierungslosen, die von der "Organisation" ausgenutzt wurde und ein persönliches Schicksal erlitten haben. Sie hat nichts zu verlieren, schließt sich daher Walkers Rache an, jedoch nicht, ohne ihm zwischendrin mit beiden Fäusten entgegenzutreten. Jene Szene, in der sie sekundenlang mit beiden Fäusten auf Walker einschlägt und dann völlig entkräftet zusammenbricht, ist beispielhaft für die enorme Intensität des Films. Dickinsons Ausstrahlung gibt dem Film im Übrigen eine besondere (erotische) Note.

Das Ganze ist derart atemlos, dass die knapp 90 Minuten wie im Fluge vergehen.


"Point Blank" bietet einen fulminanten Auftakt in die Neo Noir-Ära. Eine an sich konventionelle Rachestory wird durch eine einzigartige Inszenierung und eine einmalige Unmittelbarkeit zu einem fesselnden Vergnügen. Es gibt an diesem Film schlicht nichts auszusetzen. 5/5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.392

21.03.2016 13:05
#5 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

Wahrscheinlich hat man den Post-Noir danach benannt, dass hier mächtig die Post abgeht (Entschuldigung, der Kalauer musste sein). Ich bedanke mich für die interessanten Einblicke in drei mir bisher unbekannte Filme, die schon gut verdeutlichen, wie divers und wie hochwertig das Feld ist, das hier zur Diskussion steht. Ich habe auch schon mehrere Titel auf die Liste, zu denen ich mich an dieser Stelle bald äußern möchte; und weiterer spannender Input ist sowieso immer gern gesehen.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

30.05.2016 22:39
#6 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

Sieben Diebe (Seven Thieves) (USA 1959)

Regie: Henry Hathaway

Darsteller: Edward G. Robinson, Rod Steiger, Joan Collins, Eli Wallach u.a.



Ein in Ungnade gefallener Professor will es der Welt noch einmal zeigen. Sein Plan: mit sechs anderen "Dieben" den Safe einer Spielbank in einem Casino von Monaco ausräumen...

Sicherlich gibt es im Heistmovie-Genre inzwischen Verblüffenderes und Spektakuläreres. Man denke etwa an die Trilogie um Gentleman-Gauner Danny Ocean oder "The Italian Job" (Original & Remake). Trotzdem bietet der vorliegende Film grundsolide Genre-Unterhaltung. Zu den Pluspunkten zählt natürlich der Cast, allen voran der einmal mehr grandiose Edward G. Robinson, der einen diesmal gar fast zu Tränen rühren vermag. Der damals vergleichsweise junge Rod Steiger ("In der Hitze der Nacht") macht ebenso eine gute wie Figur wie Joan Collins, die ein paar sehr ungezwungene und atmosphärische Tanz-Einlagen sowie die ein oder andere Spitze im Dialog beisteuert. Darüber hinaus erstrahlt der Film in prächtigen Schwarzweiß-Bildern, deren Opulenz durch das Cinemascope-Format noch weiter unterstrichen wird.

Handlungstechnisch gibt es allerdings durchaus Mängel. So braucht der Film nach sympathischem Start zu lange, um in die "deliktisch relevante Phase" einzutauchen. Zudem steht dem Finale ziemlich penetrant "Und die Moral von der Geschicht..." auf die Stirn geschrieben. Das ist dann ein wenig arg brav, wie die "Gauner" reumütig an den Ort des Verbrechens zurückkehren. Derartige Filme leben schließlich ein gutes Stück weit vom Gelingen eines Coups. Der Zuschauer fiebert mit den "Helden" von der Planung bis zur Durchführung mit, zumal der Durchschnittsbürger solche Abenteuer aus Gesetzestreue niemals anstreben würde. Dann will er aber auch sehen, wie sie die Szenerie als reiche und glückliche Menschen verlassen.

Die DVD von Koch Media bietet ein ausgezeichnetes Bild und ist bereits kostengünstig zu erwerben.


Optisch prächtiges und hervorragend besetztes Heist-Movie, dem es gegen Ende an Leichtfüßigkeit fehlt. 3,5/5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

29.07.2018 23:34
#7 RE: Tradition in neuem Gewand: Post- und Neo-Noirs ab 1959 Zitat · antworten

Die 27. Etage (Mirage)

Regie: Edward Dmytryk

Darsteller: Gregory Peck, Diane Baker, Walter Matthau, George Kennedy, Kevin McCarthy, Anne Seymour, Jack Weston u.a.



Nach einem Stromausfall in einem New Yorker Wolkenkratzer flüchten die Menschen nach draußen auf die Straße. Darunter ist auch George Stillwell, der zuvor im vierten Untergeschoss einer sich merkwürdig verhaltenden Frau begegnet ist. Auf der Straße sieht er eine Menschenansammlung, die um die Leiche eines Mannes steht, der sich offenbar in Selbstmordabsicht aus dem Hochhaus gestürzt hat. In seinem Appartment angekommen, wird Stilwell überfallen. Er kann den Mann zwar überwältigen, doch kurz darauf, als er zwecks Meldung des Vorfalls bei der Polizei aufschlägt, wird ihm klar, dass er sich plötzlich an Vieles nicht mehr erinnern kann. Es stellt sich nach einiger Zeit heraus, dass er infolge eines traumatischen Ereignisses an Amnesie leidet. Doch welcher Vorfall ist der Auslöser?

Ganz im Stile eines Hitchcock-Thrillers scheint sich die Außenwelt in "Die 27. Etage" um Gregory Peck verschworen zu haben. Freunde hat er scheinbar keine, nur eine ehemalige Geliebte/Lebensgefährtin, die sich ihm gegenüber allerdings äußerst distanziert zeigt. Weder Polizei noch ein Psychiater nehmen ihn für voll, der Detektiv, den er aufsucht, ist zwar "stets bemüht", aber nicht sonderlich fähig. Trotzdem kommt Peck und mit ihm der Zuschauer der Verschwörung und den Vorgängen in der ominösen 27. Etage des New Yorker Wolkenkratzers gleich dem Lösen eines Puzzles Schritt für Schritt näher. Sequenzen, die sich dem Betrachter eingangs nicht erschlossen, werden im packenden Finale einer Erklärung zugefügt. Das Ganze ist von Regisseur Dmytryk ("Murder, My Sweet") stilsicher und mit dem nötigen Tempo in Szene gesetzt, wodurch der knapp 105 Minuten dauernde Streifen ohne Längen auskommt. Insgesamt erscheint der Film im angenehmen Sinne klassisch und man würde ihn wohl nicht nur wegen der Schwarz-Weiß-Fotografie intuitiv eher einem früheren Erscheinungsjahr zuordnen.

"Die 27. Etage" ist in der Reihe KSM-Klassiker in wirklich guter Qualität auf DVD erschienen. Als Extras gibt es eine Bildergalerie und Biografien. Habe ihn zufällig bei Thalia zu einem günstigen Preis (4,99 €) entdeckt.


Spannender Thriller klassischer Machart mit ausgeklügeltem Storytelling und einem starken Gregory Peck. 5 von 5 Punkten.

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