Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 57 Antworten
und wurde 5.091 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2 | 3 | 4
Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

13.11.2016 13:40
#46 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten



Hafenmelodie (In Sydney verschollen)

Kriminaldrama, BRD 1949/50. Regie: Hans Müller. Drehbuch: A. Artur Kuhnert. Mit: Heinz Engelmann (Heinrich Osthaus), Katja Görna (Inge Jansen), Paul Henckels (Vater Jansen), Kirsten Heiberg (Marietta), Arno Assmann (Bulli), Wolfgang Lukschy (Klaas Jansen), Josef Sieber (Freddersen), Peter Mosbacher (Jan), Joseph Offenbach (Bruno), Erwin Geschonneck (Emil) u.a. Uraufführung: 20. Januar 1950. Eine Produktion der Real-Film Hamburg im Herzog-Filmverleih Berlin.

Zitat von Hafenmelodie
Vor achtzehn Jahren verstieß Vater Jansen seinen Sohn Klaas wegen eines Diebstahls. Der Junge fuhr zur See und der Vater, der im Alter die Einsamkeit spürt, sucht sein erwachsenes Kind nun mit allem Nachdruck. Bei seinen Nachforschungen in der Hafenkneipe Baltimore, in der die Sängerin Marietta auftritt, bringt er eine Bande von Einbrechern, die es schon lange auf Jansens Speicher abgesehen haben, auf eine zündende Idee: Sie schleusen den Beleuchter Heinrich Osthaus, der wegen eines Fehlurteils dringend neue Papiere braucht, als angeblich heimgekehrten Sohn in den Jansen-Haushalt ein. Sie wissen nicht, dass der echte Klaas Jansen auch anwesend ist ...


Bedenkt man, dass selbst der Filmdienst zu einem positiven Urteil über „Hafenmelodie“ kam, so kann man getrost vermuten, dass es sich nicht um einen Krimi mit der herkömmlichen Prioritätensetzung auf Verbrecherjagd und Detektivarbeit handelt. Stark in der Schule des Melodrams verankert, präsentiert die Walter-Koppel- und Gyula-Trebitsch-Produktion stattdessen zuvorderst familiäre Heilungsprozesse, die geschickt von einer Bande Kleinverbrecher ausgenutzt werden. Der Fokus liegt weder auf der Schwere des geplanten Raubzugs noch auf der Suche nach einem unbekannten Hintermann, sondern einzig und allein auf der Abscheu, mit der man der Instrumentalisierung der Gefühle des sich nach häuslichem Frieden sehnenden Vaters beobachtet. Viele Szenen sind von allegorischer Qualität und weisen auf den desolaten Zustand vieler von Krieg und Gefangenschaft zerrissener Familien hin, auch wenn diese Thematik ebenso wenig unmittelbar angesprochen wird wie die Schuld mancher Väter an dieser Misere. Wenn Barsängerin Marietta zur notengewordenen Rührseligkeit anstimmt, meint man sogar, ein Stimmungsbild der jungen Bundesrepublik ertönen zu hören: „Auch viele von uns sind verlorene Kinder, aber niemand in der Welt wartet auf uns“, sinniert sie – scheinbar improvisierend – zur Melodie von Franz Grothe.

Gespielt wird Marietta von Kirsten Heiberg, deren persönlicher Werdegang dem ihrer Filmfigur frappierend ähnelt. Zu Kriegszeiten auf der falschen Seite stehend (Tendenz- und Propagandafilme wie „Achtung! Feind hört mit“, „Falschmünzer“, „Titanic“ oder „Die goldene Spinne“ warben mit ihrem Namen), erhielt Heiberg, gebürtige Norwegerin, nach Ende des Dritten Reichs sowohl in Deutsch- als auch in ihrem Heimatland kaum mehr Engagements. Wie auch Marietta von ihrem Liebhaber zugunsten eines ehrlichen Neuanfangs fallengelassen wird, sich mit ihrem Betrügerkumpanen überwirft und als einsame Schicksalsfigur zurückbleibt, finden sich auch von Heiberg nur noch wenige filmische Lebenszeichen nach 1945. Die Selektivität, vielleicht sogar Willkür solcher Misserfolgsgeschichten zeigt sich im Umfeld von „Hafenmelodie“ an der ungebrochen weiterhin bestehenden Popularität ihres Filmpartners Paul Henckels, der hier als altersmilder Vater eine rührende Darstellung abliefert. Im Zentrum stehen jedoch die Darbietungen der jungen Generation, in der Katja Görna als tugendhafte Schwester drei sehr unterschiedlichen Männertypen begegnet: dem pragmatischen Heinrich (Engelmann), umständehalber zu Verlierer und Spielfigur geworden und durch die junge Frau in Resozialisierung begriffen; dem hinterhältigen Jan (Mosbacher), der auf Geheiß seines Kumpanen Bulli jede Frechheit begehen würde; und dem impulsiven Klaas (Lukschy), der den Streit mit dem Vater so viel verständlicher wirken lässt als der handzahme Heinrich.

Bewusst spielt „Hafenmelodie“ mit der Kleine-Leute-Welt der Hafenarbeiter und Matrosen, der Schurken und Vergnügungssüchtigen und erhält dadurch einen unfertig, aber robust wirkenden Milieuanstrich. In Konsequenz wird Hans Müllers Regie dem heutigen Zuschauer recht zahm, stellenweise sogar zeitvergessen oder gewöhnlich erscheinen. Wer einen flotten Krimi erwartet, wird enttäuscht und muss viel Sitzfleisch mitbringen, denn die wenigen abenteuerlichen Höhepunkte, zu denen eine Kneipenschlägerei, eine Entführungsaktion und ein großer Brand zählen, liegen im fertigen Film weit auseinander. Dieser ist als Dokument einer gedämpften Nachkriegsstimmung sehr viel wertvoller als als Unterhaltungsfilm, obwohl er, wie der Spiegel seinerzeit betonte, mit einem Potpourri der Emotionen aufwartet: „Vaterliebe, Sohnestrotz, Gangsterschurkerei und Mannhaftigkeit, Krach im Matrosenbumms und Laternenzug der Kinder, Messerstich, Einbruch und Brand, Liebe, Glück, Entsagung, Polizei und Feuerwehr“ (Quelle).

Die Parabel vom verlorenen Sohn erscheint im kärglichen Kleid des Jahres 1949 wie eine beinah surreale Zeitreise. Als Familiendrama punktet „Hafenmelodie“ mit durchweg soliden Darstellerleistungen; allein es fehlt ihr das letzte Quäntchen Überzeugungskunst. 3,5 von 5 Punkten.

Und das meint der Katholische Filmdienst:

Zitat von Filmdienst.de: Hafenmelodie
Um psychologische Differenzierung bemüht, fesselnd inszeniert und gut gespielt.

Ray Offline



Beiträge: 702

27.08.2017 23:24
#47 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Vor kurzem hat Studio Hamburg "Die Engel von St. Pauli" neu auf Blu-Ray und DVD rausgebracht. Das Bildmaterial dürfte dem der Edition Deutsche Vita entsprechen, Extras gibt es keine. Interessanterweise ist die Blu-Ray bei amazon aktuell über 3€ billiger als die DVD...

https://www.amazon.de/Die-Engel-von-Paul.../dp/B06WRWZP6T/


Mit diesem Beitrag wurden folgende Inhalte verknüpft
Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

27.08.2017 23:42
#48 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Ich fürchte, ein wirklich gutes Geschäft wird Studio Hamburg mit dieser Veröffentlichung nicht machen. Für eine Barebones-VÖ ist das Preisniveau noch immer sehr hoch und unterscheidet sich kaum von den noch immer problemlos verfügbaren Subkultur-Ausgaben. Das war bei den alternativen Kaufhaus-DVDs von "Fluchtweg", "Wenn es Nacht wird" und "Zinksärge" von Intergroove / Dynasty anders - die waren wenigstens schön billig, wenn man bereit war, auf Extras zu verzichten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

29.08.2017 17:30
#49 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten



Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (Reeperbahn bei Nacht)

Drama, BRD 1954. Regie: Wolfgang Liebeneiner. Drehbuch: Gustav Kampendonk, Curt J. Braun. Mit: Hans Albers (Hannes Wedderkamp), Heinz Rühmann (Pitter Breuer), Fita Benkhoff (Luise), Helga Franck (Anni), Jürgen Graf (Jürgen), Gustav Knuth (Senator Brandstetter, Reeder), Sybil Werden (Marion), Erwin Strahl (Bilek), Fritz Wagner (Kattmann), Wolfgang Neuss (Nigrantz) u.a. Uraufführung: 16. Dezember 1954. Eine Produktion der Berolina-Film Berlin im Herzog-Filmverleih München.

Zitat von Auf der Reeperbahn nachts um halb eins
Nach acht Jahren in Amerika kommt der Brückenbauer Hannes Wedderkamp in sein geliebtes St. Pauli zurück, wo er seinen alten Freund Pitter Breuer und dessen Tochter Anni wiedersieht. Pitters Reeperbahnlokal bringt nur Schulden und Hannes beschließt, den Umbau zu finanzieren. Es kommt jedoch zum Streit zwischen den beiden Männern, als Pitter seinem Freund eröffnet, dass Anni eigentlich Hannes’ Tochter ist. Doch finanzielle Engpässe und gekränkter Männerstolz sind nicht die einzigen Probleme: Da wäre auch Annis große Liebe Jürgen, dessen Vater, ein einflussreicher Senator, Bedenken gegen die Heirat seines Sohnes mit einer Schankwirttochter hat ...


In Anknüpfung an den 1943/44 entstandenen Ufa-Farbfilm „Große Freiheit Nr. 7“ zelebriert auch „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ den mit St. Pauli verbundenen volkstümlichen Freiheitsgedanken. Ein Hauch weiter Welt und wilder Seemannsromantik weht mit Hans Albers ins Geschehen, der zwar in diesem Film keinen Mariner im eigentlichen Sinne spielt, von einem solchen aber kaum zu unterscheiden ist. Zugleich wird die Reeperbahn als gute Stube der Hansestadt, die zwar leicht anrüchig, aber im Kern doch herzensgut sei, vorgestellt. Die Dezenz, mit der dabei vorgegangen wird, entfremdet „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ von späteren Genrevertretern, die ihre Finger genüsslich in Abgründiges und Verbotenes stecken werden. Hier sind Darbietungen eher komisch, allerhöchstens „pikant“, und die Mitarbeiter der verschiedenen Etablissements immer aufrecht und mit Herzblut bei ihrer ungewöhnlichen Arbeit. Eine Kneipenschlägerei ist das Höchste der Gefühle und erfordert es, mit Klamauk gebrochen zu werden.

Konflikte entstehen weniger aus dem Milieu als aus der normalen zwischenmenschlichen Interaktion heraus; eine verkappte Vater-Tochter-Kiste steht im Zentrum des Dramas, das sich zwischen Hans Albers als großmütigem, aber auch etwas leichtsinnigen „Onkel Hannes“ und Heinz Rühmann als von täglichen Verbindlichkeiten und Routine in die Knie gezwungenem Kneipier um den „geteilten“ Nachwuchs entspinnt. Als solcher kokettiert Helga Franck mit süßlichem Kleinmädchencharme und gleichzeitigem gestähltem Verantwortungsbewusstsein einer guten Fünfzigerjahrebürgerin.

Dank der Gleichzeitigkeit von Vaterschaftsfrage, Geldproblemen, Hippodrom-Umbau, kriminellen Machenschaften und Standesdünkel erweckt der Film trotz seiner im Kern eher spießigen Anlage zumindest den Anschein der Vielschichtigkeit, zumal auch Kleinrollen treffend und für die prominenten Zugpferde zuträglich besetzt sind. Fita Benkhoff und Gustav Knuth werden Rühmann als willige Humor-Partner zur Verfügung gestellt, während Albers’ Schwermut sich in der desillusionierten, im Großstadtwirrwarr verlorenen Sybil Werden spiegeln darf. Ungewohnt und für heutige Betrachter wohl etwas zu brav in der Rolle des Schwiegersohns in spe: Jürgen Graf. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ war sein Leinwanddebüt, dem nur wenige 50er-Jahre-Produktionen folgten, bevor sich Graf einen Namen als Fernsehreporter machte.

Sowohl der verbrecherische Subplot um die Bergung von Nazigold aus einem versunkenen U-Boot inmitten der Ostsee als auch die Renovierung der heruntergekommenen Galopp-Diele reflektieren zwar zeitgenössische Themen wie den Umgang mit dem Erbe des Dritten Reiches und die Gesundung durch Wiederaufbau und wirtschaftliche Erstarkung. Dennoch verortet sich Liebeneiners Werk stets fest auf dem Boden der unschuldigen Unterhaltung, rückt Matrosenlieder und Herzschmerz weit in den Vordergrund und bleibt damit ein zwar ordnungsgemäß anrührendes, aber nicht wirklich bedeutsames Filmwerk der Nachkriegszeit.

Das erprobte Paar Rühmann-Albers liefert vor Hamburgs Hafenkulisse eine stimmige Leistung in einem harmlosen, aber treffend besetzten Familiendrama ab. 4 von 5 Punkten.

Und das meint der Katholische Filmdienst:

Zitat von Filmdienst.de: Auf der Reeperbahn nachts um halb eins
Volkstümlicher Unterhaltungsfilm um zwei erprobte Stars im St. Pauli-Milieu, mit populären Melodien und Reeperbahn-Romantik angereichert.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

03.09.2017 14:30
#50 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten



Das Herz von St. Pauli

Drama, BRD 1957. Regie: Eugen York. Drehbuch: Kurt E. Walter, Eberhard von Wiese (Romanvorlage: Eberhard von Wiese). Mit: Hans Albers (Käpt’n Jonny Jensen), Hansjörg Felmy (Hein Jensen), Gert Fröbe (Jabowski), Carla Hagen (Tine Jensen), Camilla Spira (Trudchen), Karin Faber (Helga), Werner Peters (Tanne), Peer Schmidt (Harry Pingel), Hans Richter (Moses), Ernst Waldow (Herr Pingel) u.a. Uraufführung: 17. Dezember 1957. Eine Produktion der Real-Film Hamburg im Europa-Filmverleih Hamburg.

Zitat von Das Herz von St. Pauli
Mit seiner gemütlichen alt-hamburgischen Seemannskneipe „Herz von St. Pauli“ kann der ehemalige Käpt’n Jonny Jensen auf der Reeperbahn keinen Umsatz mehr erzielen. Sein Sohn Hein fädelt eine Übernahme des Lokals durch den Großunternehmer Jabowski ein, der das „Herz“ ohne Jensens Wissen zu einer Fassade für die Lagerung von Diebesgut macht. Doch als der Schwindel auffliegt, hängt bei den Jensens der Haussegen ohnehin an allen Ecken und Enden schief. Kann der Käpt’n noch eine gute Lösung für alle Probleme finden?


Nur drei Jahre nach „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ trat Albers wieder in einer vergleichbaren Rolle auf, die den hier schwerpunktmäßig thematisierten Reeperbahn-Krimis der 1960er und 1970er mit Harmlosigkeit und Hafenschwank-Heiterkeit vorwegging. Im Gegensatz zu den späteren Filmen von Olsen und Co. wird Kiezkriminalität im „Herz von St. Pauli“ zwar thematisiert, aber im Prinzip fast ebenso träumerisch verklärt wie Hans Albers’ Wehmut nach der weiten See. Gert Fröbe und Werner Peters treten als klischeehaftes Verbrecherduo auf, das sich allerdings „nur“ dadurch mit dem Gesetz in Konflikt bringt, dass es außerhalb des Gesichtsbereichs der Zuschauer Juwelendiebstähle begeht und den sexualisierten Amüsierbetrieb auf der Reeperbahn als Ausdruck des Wirtschaftswunderzeitgeistes fördert.

Das Hauptaugenmerk des Eugen-York-Films, der sich seines Wolfgang-Liebeneiner-Vorbilds teilweise nur allzu offensichtlich bediente (stellenweise mag man ob gemeinsamer Handlungsstränge schon von einem Beinahe-Remake sprechen), liegt aber gar nicht auf diesen Gaunereien, sondern auf den Liebesbeziehungen und Vater-Sohn-Problemen, die sich innerhalb der Familie Jensen bzw. zwischen den shakespearesk verfeindeten Jensens und Pingels auftun. In dieser Beziehung liefert der Film vor allem eins: Spielzeit für die Demonstration der Altersweisheit von Hans Albers. Ob als gestrenger Vater, Trinkkumpan, naiver Geschäftsmann oder wehmütiger Seebär – er ist die unbestrittene Hauptfigur des Streifens, die als selbstloser Vermittler, wo nötig aber auch als sturer Blockierer auftritt und damit bösen Verbrechern und unreifen Kindern den rechten Weg weist. Das bekommt zuerst der eitle Jabowski zu spüren, als er das „Herz von St. Pauli“ nach seinen Vorstellungen umbaut und damit Jensens Zorn auf sich zieht. Diese Szenen zwischen Albers und Fröbe – Fröbe dürfte wohl einer der ganz wenigen sein, die dem Altstar ernsthaft Paroli bieten konnten – gehören zu den stärksten des Dramas. Hansjörg Felmy, Jürgen Wilke, Carla Hagen und Camilla Spira vervollständigen das nur mit eisernem Zusammenhalt zu kittende Familienkonstrukt und erwecken stellenweise tatsächlich das Mitgefühl des Zuschauers.

Nebenbei angesprochene Probleme wie die Prostitution Minderjähriger verfehlen hingegen ihre Wirkung, denn sie ertrinken im redlichen Kitsch des Films, der sich nicht entscheiden kann, ob er Hamburg (wieder einmal) ein verherrlichendes Denkmal setzen oder investigativ neue Themen anpacken möchte. Vielleicht würde die Produktion bei stärkerer Konzentration auf den Krimi-Aspekt sowie bei einem Dreh in Schwarzweiß weniger altmodisch-heimatfilmhaft wirken, als sie es in der vorliegenden Fassung tut. Dazu würde auch eine drastische Einkürzung des Seemannsliedguts gehören, das Hans Albers über mindestens vier Szenen im Film verstreut zum Besten gibt. Außerdem hätten die Szenen mit Elly Burgmer und Mady Rahl, da von trutschigem Humor, von Kürzungen profitiert.

Eher pro forma wird schließlich noch ein Finale auf einer Hafenbarkasse abgehalten, bei dem man mit Vergnügen miterlebt, wie Gert Fröbe unfreiwillig über Bord geht. Unnötig zu sagen, dass sich danach alles magisch zum Guten wendet und Beihilfeklagen keine Erwähnung mehr finden. Hier wird dann endgültig ersichtlich, dass es diesem Film nicht um seine Krimianteile, sondern um Herzschmerz geht, dass, wer kantigere Unterhaltung sucht, mit Albers’ „Greifer“ aus dem gleichen Jahr vielfach besser beraten ist und dass es gut war, dass die Reeperbahn-Klassiker erst ungefähr zehn Jahre später wieder groß in Mode kamen, als die Rhetoriken des Kinos andere waren.

Weichgespülte Familienunterhaltung, in der Hans Albers als Käpt’n mit erhobenem Zeigefinger auftritt. Der wohltuende Ausgleich, den Rühmann und Franck in „Auf der Reeperbahn ...“ schafften, fehlt hier. Die Gaunerkarikaturen Fröbe und Peters bemühen sich zwar redlich, können aber die ausnehmend harmlose Anlage des Films nicht ändern, in dem es eher ums Erwachsenwerden und solide Haushalten als um die Sündenwelt St. Paulis geht. 3 von 5 Punkten.

Und das meint der Katholische Filmdienst:

Zitat von Filmdienst.de: Das Herz von St. Pauli
Ein mit einer simplen Kriminalhandlung gestreckter Unterhaltungsfilm, der allenfalls durch einige stimmungsvolle Außenaufnahmen auffällt. Ansonsten der recht plumpe Versuch, mit Albers’ Star-Image und Anleihen an Käutners Film „Große Freiheit Nr. 7“ auf Publikumsfang zu gehen.

Giacco Offline



Beiträge: 1.442

04.09.2017 13:23
#51 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Kaum zu glauben, dass die FSK den Film damals erst ab 18 freigegeben hat.
Er war jedenfalls ein Publikumserfolg (Note 2,5 / 80 Meldungen). Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass auch KARIN BAAL in einer kleinen Rolle als Tänzerin zu sehen ist. Nach "Die Halbstarken" (1956) und zwei harmlosen Komödien war dies ihr vierter Leinwandauftritt.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

04.09.2017 18:44
#52 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Zitat von Giacco im Beitrag #51
Kaum zu glauben, dass die FSK den Film damals erst ab 18 freigegeben hat.

In der Tat eine absolut kuriose Entscheidung, die das Schubladendenken des FSK-Gremiums offenlegt. Die dezente Anrüchigkeit einiger Szenen in Jabowskis aufgemöbelter Bar wird oft sogar komödiantisch gebrochen (z.B. als die Pingels das "Herz von St. Pauli" besuchen).

Ray Offline



Beiträge: 702

05.09.2017 01:07
#53 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Die Engel von St. Pauli (BRD 1969)

Regie: Jürgen Roland

Darsteller: Horst Frank, Herbert Fux, Günther Neutze, Werner Pochath, Karl Lieffen u.a.


Zwei Gangsterbanden liefern sich einen Krieg um die Vorherrschaft im Kiez auf St. Pauli. Inmitten dieses Bandenkrieges geschieht ein Mord an einer Prostituierten. Um erhöhter Polizeipräsenz vorzubeugen, ordnet Jule Nickels, einer der Bandenchefs, die Jagd nach dem Mörder an...

Wer sich auf einen Film wie "Die Engel von St. Pauli" einlässt, muss ein - in Anbetracht des Entstehungsjahres und des gezeigten Milieus nachvollziehbar - erhöhtes Maß an nackter Haut und politischen Unkorrektheiten akzeptieren. Jürgen Roland beherrscht durchaus das 1x1 eines waschechten Gangsterfilms, wie etwa die Einführungsszene, in der Jule Nickels aus dem Off spricht und man ihn und seine Gefolgschaft bei einem Beeredigungsmarsch durch St. Pauli begleiten darf, oder jene Einstellung, in der Nickels und seine Bande auf einer Treppe in St. Pauli stehen, beweisen. Generell schaut man Horst Frank bei seiner charismatischen Darstellung des Luden Nickels einfach sehr gerne zu. Seine Performance trägt den Film über weite Strecken.

Der Knackpunkt ist aber dann die Szene, in der die von Werner Pochath dargestellte Figur die taubstumme Prostituierte tötet. Von nun an nimmt die Handlung eine Wende, die m.E. nicht nötig gewesen wäre und den Film hinten raus eher uninteressant machen. Man wäre hier besser beraten gewesen, sich bis zum Schluss allein um den Bandenkrieg zu kümmern. So verliert der Film seinen Fokus und der Zuschauer bleibt letztlich zwiegespalten. Dennoch ist der Film dank der soliden Darbietung von Günther Neutze des Kriminalkommissars und der hier auch recht überzeugenden und vor allem unterhaltsamen Herbert Fux und Karl Lieffen sehenswert.

Die Blu-Ray von Studio Hamburg war ein Spontankauf, für 12€ bekommt man eine sehr gute Bildqualität und ein Wendecover - nicht mehr, nicht weniger. Wer mehr Hintergründe erfahren möchte oder generell gerne das Subkultur unterstützen will, dem seien die verschiedenen Editionen des Labels zu diesem Film wärmstens anempfohlen.


Über weite Strecken unterhaltsamer Kiezkrimi um zwei rivalisierende Banden mit einem höchst charismatischen Horst Frank. Die inhaltliche Wende im zweiten Drittel schadet dem Film leider mehr als sie nutzt. Vorerst 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

05.09.2017 18:45
#54 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Da sind wir uns ja ziemlich einig. Der ganz große Kracher ist „Die Engel von St. Pauli“, obwohl ich Jürgen Roland bei den Reeperbahnfilmen natürlich eine große Kompetenz zutraue und viele Szenen auch sehr gelungen sind, nicht. Umso überraschter war ich, als sich ein Film des sonst eher „gesetzten“ Alfred Weidenmann aus dem gleichen Jahrgang als ein ziemlicher Volltreffer erwies:



Unter den Dächern von St. Pauli

Kolportagekrimi, BRD 1969/70. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Jean-Claude Pascal (Dr. Pasucha), Jane Murray (Binnie), Joseph Offenbach (Studienrat Dr. Himboldt), Werner Peters (Hausach, „König von St. Pauli“), Charles Regnier (Nachtclubbesitzer), Alfred Schieske (Egon Mills), Walter Bluhm (Schnapsbruder), Ralf Schermuly (Harry), Gernot Endemann (Herzberg, ein Primaner), Kathrin Ackermann (Verena, Prostituierte) u.a. Uraufführung: 20. März 1970. Eine Produktion der Reginald-Puhl-Filmproduktion Hamburg im Inter-Verleih Hamburg.

Zitat von Unter den Dächern von St. Pauli
Was innerhalb von 24 Stunden nicht alles auf Hamburgs Amüsiermeile passieren kann! Ein Mann erschießt aus Eifersucht seine Frau, eine professionelle Tänzerin, und flüchtet mit einer Augenzeugin, die er als Geisel nimmt. Währenddessen wird ein Musiker, dessen Frau von einer Kiezgröße getötet wurde, eingeschüchtert; ein Vater muss sich dazu überwinden, dem freizügigen Berufswunsch seiner Tochter nicht im Weg zu stehen; und einige Schüler auf Klassenfahrt nehmen ihren gutmütigen Lehrer folgenschwer aufs Korn. Allen diesen Menschen wird St. Pauli lang in Erinnerung bleiben ...


Episodenfilme laufen nicht selten Gefahr, oberflächlich und zusammenhanglos zu wirken. „Unter den Dächern von St. Pauli“ vermeidet beide Fettnäpfchen sehr geschickt, denn der Film stützt sich auf ein wasserdichtes, sehr clever ausgefeiltes Drehbuch von Herbert Reinecker, das es in kurzen Szenen schafft, Charakterskizzen und Halbweltsituationen Gewicht und Tiefe zu verleihen. Man fühlt sich nicht wie in einem Schmuddelfilm, sondern wie in einer interessanten, kurzweiligen Lokalstudie, die Trauriges und Heiteres aus der Welt rund um die Hamburger Amüsiermeile miteinander verknüpft. Verbunden werden die einzelnen Erzählungen mithilfe geschickter Szenenübergänge und Figuren, die in mehreren Subplots gleichzeitig auftreten – eine sehr geschickte Verzahnungstechnik, die ein wenig Realismus in einen überspitzten, aber deshalb umso unterhaltsameren Retro-Kinoausflug bringt.

Fall 1: Gattinnenmord und Geiselnahme. Die tragische Haupthandlung trägt typische Reinecker’sche Grundzüge. Die Nymphomanin, die aus dem goldenen Käfig ausbüchst, um sich im Nachtleben zu verwirklichen, und ihren rechtschaffenen Mann damit zum Äußersten treibt – das waren Motive, die der Autor in seinen Krimis bis in die Neunzigerjahre hinein immer wieder aufgriff. Wer sich weniger für Hinter- und mehr für Vordergründiges interessiert, wird Marie Claude Jourdain wertschätzen, die schon im Vorspann als Import des berüchtigten Pariser „Crazy Horse“ angekündigt wird. Nicht lange nach Filmstart zeigt sie während eines Striptanzes Anzeichen heftigen Schüttelfrosts (zugegeben: ihr Lederjäckchen ist auch ziemlich löchrig) und heizt damit dem Publikum ordentlich ein. Als ihr Mann tritt Schlagersänger Jean-Claude Pascal auf, der sich nicht selten vorwerfen lassen muss, seine Performance falle zu hölzern aus. Mir sagte sie in ihrem kühlen Understatement jedoch sehr zu, weil sie inmitten eines ohnehin schon schauwertreichen Films nicht noch mehr Aufregung stiftet, sondern einmal eine ganz ruhige, abgeklärte, fast schon „seriöse“ Art der Geiselnahme zeigt. Vielleicht dankt ihm Jungschauspielerin Inger Zielke gerade diese Rücksichtnahme, denn am Ende wirft sie noch so etwas wie ein frühes Stockholm-Syndrom in den Hexenkessel, um das Pascals Ende noch dramatischer wirken zu lassen. Fantastisch!

Fall 2: Peters als Pascha und Schermuly als Schmusesänger. Während Pascal die nominelle Hauptrolle übernimmt, kann Werner Peters die wohl meisten Szenen des Films für sich beanspruchen. Als Kiezboss zeigt er schon in seiner ersten Szene, als er vor Gericht einen unsauberen Freispruch erzielt, wie abgebrüht er agieren kann. Er übertrifft sich selbst in mehreren Szenen, die dem Film Härte und die nötige Abscheu vor den Auswüchsen der berufsmäßigen St.-Pauli-Kriminalität verleihen. Reinecker stellte es zudem clever an, Peters und seine Machobande mit dem Weichei Ralf Schermuly zu kontrastieren, der aus Trauer über seine verlorene Verflossene zu einer gefährlich tickenden, aber nach außen hin bemitleidenswert wirkenden Zeitbombe wird. Während Schermuly auf seiner Klampfe alte englische Seemannslieder mehr schlecht als recht zupft, unterstützt ihn Peter Thomas’ Score mit einigen der feinsten Kompositionen, die der deutsche Reeperbahn-Krimi je zu bieten hatte. Exemplarisch sei die hitverdächtige Titelmusik empfohlen: Sie stimmt auf alle eng verwobenen Abenteuer der kommenden knapp 80 Minuten bestens ein.

Fall 3: Besorgter Beamter im Bordellbetrieb. Mit den beiden oben genannten Fällen erfüllt Reinecker die Krimi-Quote mehr als zufriedenstellend. Zu St. Pauli gehört allerdings noch etwas mehr – eine rührselig-anrüchige Qualität, die sich auch hier wieder in der magnetischen Anziehungskraft des Rotlichtviertels auf minderjährige Provinzmädchen ausdrückt, die in der Stadt Karriere und leichtes Geld machen wollen. Der Autor strickt aus diesem seinem Dauerdebakel eine kleine, nicht zu verachtende Seitenhandlung, in der Alfred Schieske als besorgter Vater einen schmalen Grat zwischen Moralapostel und surrealer Clownsfigur beschreitet. Er steht mit seinen Mahnungen dem nüchternen Charles Regnier als Bordellchef gegenüber. Es ist ein geschickter Trick, dass Reinecker die wohlgemeinten Mahnungen, die er Schieske in den Mund legt, durch die offenkundige Hysterie und Unterlegenheit seiner Figur von vorn herein selbst zum Scheitern verurteilt und Regnier als haushohen Sieger aus dem gemeinsamen Redlichkeitsduell hervorgehen lässt. So verkündet er indirekt den allgemeinen Moralverlust und untermauert die verführerische Gefährlichkeit des Sündenpfuhls. Seht her: St. Pauli bricht noch jeden anständigen Menschen!

Fall 4: Studienrat auf Abwegen. Das trifft auch auf den Studienrat zu, dem seine Schüler übel mitspielen und für den sich ein Hamburg-Klassenausflug zu einer Identitätskrise ausweitet. Was wie ein billiger Versuch wirken könnte, auf Reeperbahn- und Lümmel-Filmwelle gleichermaßen mitzuschwimmen, wird durch Joseph Offenbachs wahrhaft geniale Darstellung zur wohl bereicherndsten Plotline des ganzen Films gemacht. Sein Dr. Himboldt besitzt gleichzeitig eine absolut liebenswürdige Naivität und eine unerhörte Kaltschnäuzigkeit und tritt mit einer vertrottelten Kauzigkeit auf, ohne selbst auf der Bettkante der Prostituierten auch nur ein Stückchen seiner kleinbürgerlichen Würde zu verlieren. Eine herrliche Leistung, die allein schon fünf Punkte wert wäre, aber auch von einprägsamen Kleinauftritten von Karin Ackermann als sein One Night Stand und Gernot Endemann als vorlautem Schüler ergänzt wird.

Dennoch gebührt Offenbach der letzte Satz des Films, der die Inkonsequenz seines Lehrkörpers sowie auch den pragmatischen St.-Pauli-Realismus des Films als Ganzen glänzend auf den Punkt bringt: Menschen sind gestorben und moralische Bedenken wurden in der Elbe ertränkt. Wen kümmert’s? „Einen Doppelten und achtmal Würstchen!“ – Ein besseres Fazit könnte es nicht geben.

Jede einzelne Episodenhandlung hätte zu einem vollen Film getaugt. Alle vier passen aber auch wunderbar in einen, weil das erprobte Duo Reinecker-Weidenmann sich auf dramaturgische Verdichtung und ein routiniertes Spiel auf der Gefühlsklaviatur versteht. Hinzu kommt eine Besetzung, die das alles wunderbar umsetzt: Mitfiebern mit Pascal, Ekel vor Peters, Mitleid mit Schermuly, Schmunzeln mit Offenbach. Wenn das ’mal keine 5 von 5 Punkten wert ist!

Und das meint der Katholische Filmdienst:

Zitat von Filmdienst.de: Unter den Dächern von St. Pauli
Ein schmuddeliger Routinefilm, spekulativ auf einschlägige Effekte getrimmt.


PS: Leider ist ausgerechnet die DVD dieses Reeperbahn-Klassikers nicht das Plastik wert, aus dem sie gemacht ist. Mieseste VHS-Qualität und mehrfache Bandsprünge (Fehlstellen!) mindern das Filmvergnügen leider ein wenig; aber zum günstigen Preis sollte man sich dem Spaß dennoch nicht verweigern.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

13.09.2017 11:40
#55 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten



St. Pauli zwischen Nacht und Morgen

Kriminalfilm, BRD 1966/67. Regie: José Bénazéraf. Drehbuch: Wolfgang Steinhardt. Mit: Eva Christian (Tänzerin Arlette), Helmut Förnbacher (Inspektor Helmut Schmidt), Dunja Rajter (Nachtclubtänzerin), Rolf Eden (Nachtclubbesitzer), Hansi Waldherr, Tom Riedel, Bob Iller, Jochen Sehrndt, Kurt Schmitt-Mainz, Edgar Maschmann u.a. Uraufführung: 13. April 1967. Eine Produktion der Urania-Film Berlin im CS-Filmverleih München.

Zitat von St. Pauli zwischen Nacht und Morgen
Helmut Schmidt von der Zürcher Polizei schleust sich bei einer Schießerei in einem Hamburger Nachtlokal undercover in die dort operierende Gangsterbande ein. Die Kripo vermutet schon lange, das das Etablissement eine entscheidende Rolle in der Hamburger Rauschgiftszene spielt. Tatsächlich kommt der Ermittler, der die Zuneigung der Tänzerin Arlette benutzt, um sich in den zweifelhaften Kreisen noch glaubhafter zu machen, aber vor allem einem geplanten Raubüberfall auf die Schliche. Wird er sich womöglich von den lockenden Millionen verführen lassen?


Bei einer Erwin-C.-Dietrich-Produktion wird es nur die wenigsten Zuschauer verwundern, dass man es mit einem eher günstig wirkenden Filmchen zu tun bekommt, dessen Meriten sich auf einen überschaubaren Umfang beschränken. Dies betrifft primär – wenig überraschend – das Künstlerische, aber darüber hinaus leider auch das authentisch Unterhaltsame, das einen Kiezkrimi eigentlich ausmachen sollte. Denn trotz verschiedentlicher Aufnahmen an Hamburger Originalschauplätzen (nicht nur an der Reeperbahn, sondern auch an der Binnenalster) kann „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ weder die Handschrift des französischen Regisseurs noch die schweizerische Herkunft des Hauptdarstellers verleugnen. Beides zusammen macht den Film irgendwie eigen und unverwechselbar, ist aber gleichzeitig auch ein No Go für ein derart hanseatisches Genre.

José Bénazéraf packt den ohnehin nicht wirklich stringenten Stoff auch nicht wie einen aufpeitschenden Gangsterkrimi an, sondern macht eine eher mittelmäßig überzeugende Milieustudie daraus. Er orientiert sich (wenn man bei der Klassifizierung großsprecherisch vorgehen möchte) an der nouvelle vague und mischt sie mit reichlich billigen Kolportageelementen. Die Raubhandlung muss sich das Rampenlicht immer wieder mit stillen, ziellos eingestreuten Porträts der Handlungsträger teilen. Das Problem an dieser Inszenierung ist nicht ihre Ungewöhnlichkeit per se – denn diese hätte bei überzeugenderer Umsetzung durchaus Reiz entfalten können –, sondern dass die Personen, die in den Mittelpunkt gestellt werden, Spielzeit verbrauchen, ohne dabei an Profil zu gewinnen. Das Drehbuch legt ihnen prinzipiell zu wenige Worte in den Mund (kohärente Dialoge sind Mangelware in „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“); darüber hinaus ist das, was gesagt wird, oft auch so linkisch formuliert, dass es regelrecht unfreiwillig komisch wirkt. Ich konnte nicht abschließend ergründen, ob an dieser Misere Wolfgang Steinhardt, José Bénazéraf oder eine nachträgliche Synchronregie Schuld trägt ...

Man muss „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ zugute halten, dass die Idee, Rauschgiftermittlungen zum Ausgangspunkt zu machen, um eine besonders verrufene Reeperbahnkneipe mit einem Inkognito-Ermittler zu unterminieren, für sich genommen ein perfekter Start in einen Film dieser Machart ist. Dementsprechend wissen vor allem die anfänglichen Szenen zu überzeugen, in denen das Nachtlokal von Rolf Eden (als latent depressiver St.-Pauli-Boss kurios-interessant!) als Drogenumschlagplatz gezeigt wird. Eva Christian ist in diesen Szenen als ebenfalls trauriges, von einer besseren Welt träumendes Drogenopfer zu sehen, das mit Spritzen gefügig gemacht wird. Als ihre Gegenspielerin reüssiert eine biestig-femme fatalige Dunja Rajter, an der sich die Kamera nutzbringender abarbeitet als an der verhärmt und unsicher wirkenden Eva Christian.

Wo mit der Installation des Polizisten in den Feindesreihen dann aber das Tempo angezogen gehört hätte, bremst sich der Film merklich aus und ändert mir nichts, dir nichts seinen Schwerpunkt. Von Rauschgift ist auf einmal kaum mehr die Rede; plötzlich geht es um einen Raubüberfall, dessen Vorbereitungen – obwohl der Plan letztlich ausnehmend simpel vonstatten geht – den gesamten Rest des Films einnehmen. Anfängliche überbordend romantische Szenen zwischen Förnbacher und Christian mit fremdschämigen Turtelgesprächen werden ebenfalls schnell wieder fallengelassen, sodass das als Schlag in die Magengrube konzipierte Finale kaum Wirkung entfaltet. Von einem dramaturgisch stimmigen Gesamtkonzept kann zu keinem Zeitpunkt wirklich die Rede sein. Immerhin entschädigen die letzten 10 Minuten des Films mit ihrer luftigen Verfolgungsjagd für den teilweise enorm drögen, mundfaulen, unrunden Mittelteil. Legt man den zugrunde, ist verständlich, warum selbst Trashpapst Dietrich von der Arbeit des französischen Erotikspezialisten Bénazéraf enttäuscht war.

Ein potenziell hochinteressanter Milieufall wird durch falsche Schwerpunktsetzung zur Geduldsprobe für den Zuschauer. Ungeschicktheiten bei der Besetzung der Hauptrolle und der Formulierung der Dialoge tragen ebenfalls zu einem negativen Gesamteindruck bei, obwohl die zwei Handlungsansätze – der kriminell unterwanderte Nachtclub von Rolf Eden und Dunja Rajter sowie der an Heistmovies erinnernde Geldtransporterüberfall jeweils sicher mehr hergegeben hätten. 2 von 5 Punkten.

Und das meint der Katholische Filmdienst:

Zitat von Filmdienst.de: St. Pauli zwischen Nacht und Morgen
Deutsches „B-Picture“ aus den 60er Jahren, dessen schmale Handlung aus der Liebesgeschichte einer Prostituierten und dem Überfall auf einen Geldtransport besteht.

Giacco Offline



Beiträge: 1.442

13.09.2017 15:51
#56 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Woher stammt die Information, dass der Film im "CS-Verleih" erschien?

Ursprünglich sollte der erst 1966 gegründete "Team-Verleih" ihn herausbringen. Kurz nach der Fertigstellung des Films, wurde "Team" Anfang 1967 aufgelöst. "C.S." (Cinema Service) übernahm ihn und titelte ihn um in "Nackte Meile". Es gab jedoch noch keinen Start-Termin. Anfang März trat C.S. jedoch im Einvernehmen mit der Urania-Produktion vom Vertrag zurück. Die damals neue Verleih-Gruppierung "Avis" - hervorgegangen aus dem Team-Verleih - brachte den Film dann im April 1967 in die Kinos.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.752

13.09.2017 17:26
#57 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Interessante Hintergründe. Vielen Dank für die Ergänzung!

Zitat von Giacco im Beitrag #56
Woher stammt die Information, dass der Film im "CS-Verleih" erschien?

Das habe ich so dem Vorspann der Pidax-DVD entnommen. Siehe Screenshots:

Angefügte Bilder:
StPauliNacht-1.jpg   StPauliNacht-2.jpg   StPauliNacht-3.jpg  
Ray Offline



Beiträge: 702

20.09.2017 22:35
#58 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · antworten

Fluchtweg St. Pauli - Großalarm für die Davidswache (BRD 1971)

Regie: Wolfgang Staudte

Darsteller: Horst Frank, Christiane Krüger, Heinz Reincke, Klaus Schwarzkopf, Sigurd Fitzeck, Ulrich Beiger, Heidy Bohlen, Andrea Rau u.a.



Nachdem Bankräuber Willy Jensen frisch aus dem Knast geflohen ist, staunt er nicht schlecht: das Haus, in dem seine Beute in Höhe von 2 Millionen DM versteckt war, wird quasi vor seinen Augen abgerissen und seine Ehefrau hat sich zwischenzietlich mit Bruder Heinz vergnügt. Um an Geld zu kommen und seine Frau zurückzugewinnen, betritt Jensen abermals die Pfade des Unrechts...

Bereits der Vorspann, in dem sich Heidy Bohlen auf dem Rücksitz des Taxis von Heinz Jensen (Heinz Reincke) bis auf ihren hochwertigen Schmuck vollständig entblättert, dürfte dazu führen, dass der Film den ein oder anderen männlichen Zuschauer auf seiner Seite weiß. Doch "Fluchtweg St. Pauli" liefert noch wesentlich mehr Argumente, betrachtet zu werden. Da wäre zum einen die stimmige Inszenierung Wolfgang Staudtes, die mehrere Handlungsstränge mehr oder weniger geschickt miteinander verbindet. Zum anderen das echte Pfund von einer Besetzung. Neben dem überzeugenden Horst Frank in der Hauptrolle des "Man on the run" wartet der Film mit der attraktiven Christiane Krüger auf, die man immer wieder gerne sieht. Ihre Rolle gibt zwar nicht allzu viel her, dennoch liefert die Tochter Hardy Krügers einen soliden Part ab. Dass sie sich zunächst in Horst Frank und dann in den Taxi fahrenden Filmbruder Heinz Reincke verguckt, ist zwar nicht sonderlich glaubwürdig, aber wie man hört, soll es derlei ungewöhnliche Paarungen in der Realität ja auch immer wieder geben. Trotzdem wäre es wohl überzeugender gewesen, man hätte Horst Frank einen besser aussehenden Bruder an die Seite gestellt, der nebenbei auch typische Heldenrollen-Bilder erfüllt. Eben solche gehen dem Film so völlig ab. Eine große Freude ist es dafür wahrlich, Ulrich Beiger in der Rolle des reichen und blasierten Filmgatten Heidy Bohlens zu sehen, machte er sich doch spätestens ab Mitte der Sechziger einigermaßen rar im Kino-Krimi. Abgerundet wird der Cast durch bekannte Genre-Gesichter wie Klaus Schwarzkopf oder Sigurd Fitzeck, die eigentlich immer "liefern". Untermalt von der kultigen Musik Peter Schirmanns und durchaus rasant inszeniert, bietet "Fluchtweg St. Pauli" rund 85 Minuten kurzweilige Unterhaltung.

Die DVD von Dynasty/Fernsehjuwelen/Intergroove ist die abgespeckte Version der Ausgabe aus der Reihe "Edition Deutsche Vita" von Subkultur. Das Bild kommt im korrekten Bildformat daher, das Constantin-Logo ist enthalten, Bildqualität ist gut, Gleiches gilt für den Ton. Extras gibt es außer einem Wendecover keine. Insgesamt für jeden Freund des klassischen deutschen Kriminalfilms zu empfehlen.


Stimmiger St. Pauli-Krimi mit hochkarätiger Besetzung. 4,5 von 5 Punkten.

Seiten 1 | 2 | 3 | 4
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen