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Dieses Thema hat 67 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jan Offline




Beiträge: 1.720

09.12.2017 15:17
#61 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Zitat von Ray im Beitrag #60
gewollt oder ungewollt

Gewollt, würde ich meinen. Ich halte das Duell Gut gegen Böse bzw. Kieling gegen Ungeheuer nicht für das Hauptanliegen des Films. Es stellt einen locker angelegten Rahmen dar, um zu erreichen, dass der Film, dessen Hauptanliegen wohl eher die kleinen Geschichten und Geschichtchen sein sollen, einige Identifikationsfiguren behält, auf die schlussendlich die Handlungsstränge vereint werden. Im Vordergrund stehen aber Lokalcholorit und Absurditäten des Sixties-Kiezes. Im Übrigen wandte Jürgen Roland etwas Vergleichbares beim "Großstadtrevier" an. In den von ihm noch entwickelten Episoden werden drei oder vier parallele Handlungsstränge am Ende der Episode - mal mehr, mal weniger glaubwürdig - zusammengeführt, wobei in Rolands Fernsehserie nur selten bereits vorab bekannt war, auf welches Ende es hinausläuft.

Gruß
Jan

Ray Offline



Beiträge: 1.860

23.12.2017 11:36
#62 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (BRD 1969)

Regie: Rolf Olsen

Darsteller: Curd Jürgens, Heinz Reincke, Jutta d'Arcy, Heidi Kabel, Fritz Tillmann, Horst Naumann, Diana Körner, Fritz Wepper, Konrad Georg, Erik Schumann u.a.



Nacht acht Jahren wird Hannes Teversen (Curd Jürgens), früherer Kapitän auf großen Schiffen, aus der Haft entlassen. Dabei geht es ihm neben der Resozialisierung vor allem auch um Rehabilitation, denn er ist nach wie vor von der eigenen Unschuld in Bezug auf die Tötung der Frau seines ehemaligen Teilhabers (Fritz Tillmann), mit der er damals ein Verhältnis hatte, überzeugt...

Im Remake des Hans Albers-Klassikers gelingt es Regisseur Olsen anfänglich sehr gut zu illustrieren, wie sich die (gesellschaftlichen) Verhältnisse in den acht Jahren verändert haben. Der Zuschauer begleitet Curd Jürgens auf seinen ersten Metern nach der Haftentlassung, die ihn an großen Baustellen und Kiosken vorbeiführen, die reihenweise Hefte mit spärlich oder gar nicht bekleideten Frauen verkaufen, Letzteres nimmt die Hauptfigur mit ungläubigem Kopfschütteln zur Kenntnis.

Schnell führt ihn sein Weg zu seinem alten Freund, der ein schlecht gehendes und dazu von Schutzgelderpressern ausgemolkenes Etablissement führt. Dieser wird von in jenen Produktionen nahezu unvermeidlichen Heinz Reincke verkörpert, der zu dieser Rolle aber immerhin wesentlich besser passt als zu jener, welcher er er später in "Fluchtweg St. Pauli" bekleiden sollte. Jürgens wird kurzerhand bei Reincke einquartiert und beide peppeln sich gegenseitig in der Folge ein bisschen auf. Ein Konflikt deutet sich jedoch an, als Jürgens sich in Reinckes vermeintliche Tochter Antje verguckt, die in Wahrheit jedoch Teversens "eigen Fleisch und Blut" ist. Zwischen diesem dramatischen Aspekt und der Krimi-Handlung schwenkt der Film hin und her, wobei zwischendrin ein Übergewicht auf dem dramatischen Moment liegt. Das macht aber nicht ganz so viel aus, denn das Ensemble um Jürgens, Heidi Kabel & Co sorgt für eine ordentliche Portion Wohlfühl-Faktor. Selbst die Gesangs-Einlagen erweisen sich als nicht allzu störend, sind sie doch recht flott ins Bild gesetzt. Fritz Wepper (leider synchronisiert) und Diana Körner spielen erstaunlich kleine Parts, Antje wird von der recht unbekannten Jutta d'Arcy verkörpert, die aber einen ausgesprochen sympathischen Eindruck hinterlässt. Fritz Tillmann hat das richtige Format für einen Rivalen der Jürgens-Figur, Horst Naumann spielt eine für ihn typische Rolle.

Insgesamt ein recht vergnüglicher Kriminalfilm, der für seine Entstehungszeit ordentliche Unterhaltung liefert.

Die DVD von Dynasty/Fernsehjuwelen/Intergroove präsentiert den Film im Original-Kinoformat, als Extra liegt eine 4:3-Fassung vor. Das Bild geht in Ordnung.


St. Pauli-Krimi mit einer ordentlichen Portion Wohlfühl-Faktor, der ein latentes Ungleichgewicht zwischen Drama- und Krimihandlung weitgehend aufwiegen kann. Noch 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.860

03.01.2018 22:46
#63 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Der Arzt von St. Pauli (BRD 1968)

Regie: Rolf Olsen

Darsteller: Curd Jürgens, Horst Naumann, Fritz Wepper, Suzanne Roquette, Monika Zinnenberg, Christiane Rücker, Heinz Reincke, Dieter Borsche, Marianne Hoffmann, Friedrich Schütter u.a.



Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) hat ein besonderes Herz für die "kleinen Leute" in St. Pauli und kümmert sich u.a. um Prostituierte oder hilft bei Boxkämpfen eines Freundes aus. Als ein junger Matrose unter Mordverdacht gerät, weil er seine Ex-Geliebte getötet haben soll, die ihm klar gemacht hatte, dass sie das Leben als Edelprostituierte dem ruhigen Leben mit ihm vorzieht, schaltet sich Diffring ebenfalls ein. Eine Spur führt zu seinem als Frauenarzt tätigen Bruder (Horst Naumann)...

Der erste St. Pauli-Film mit Curd Jürgens bietet nicht den Wohlfühl-Faktor wie der später realisierte "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins", dafür sorgen schon die überlangen und aus vordergründigen Motiven realisierten Orgien-Szenen sowie eine blutige Abtreibungs-Szene. Überdies benötigt der Film, bis er den entscheidenden Anstoß für die restliche Handlung, den Mord an der Edelprostituierten, liefert, recht viel Zeit. Davor ist die Handlung ein wenig überfrachtet mit (zu) vielen Nebenfiguren und Nebenhandlungen, exemplarisch die Behandlung Dr. Diffrings an dem schwer kranken Mädchen. Dass Dr. Diffring so etwas wie die "gute Seele" von St. Pauli ist, hat der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt längst begriffen. Dafür macht der Film nach dem Wendepunkt keine Gefangenen und präsentiert eine nicht unspannende und flott inszenierte Hetzjagd auf die wahren Mörder, Curd Jürgens' Filmbruder Horst Naumann und Friedrich Schütter, die mithilfe einer kruden Verquickung von Abtreibungen und Sexpartys ein gutes Geschäft gemacht und verzweifelte junge Frauen ins Elend getrieben haben. Wenn man in Exploitation-Laune ist, kann man sich diesen Kiez-Krimi durchaus mal antun, zumal er mit vielen bekannten Gesichtern besetzt ist. So gibt es etwa ein Wiedersehen mit der Wallace-Aktrice Suzanne Roquette oder Dieter Borsche, der aber leider durch Friedrich Schoenfelder synchronisiert wurde. Horst Naumann ist als schmieriger Frauenarzt in einer ihm für die damalige Zeit typischen Rolle zu sehen, Gleiches gilt für die ebenfalls in St. Pauli-Filmen mehrfach aufgetretenen Fritz Wepper und Friedrich Schütter.


Erster Kiez-Krimi mit Curd Jürgens, der nach etwas schleppendem Start doch noch in die Gänge kommt und so über weite Strecken gut unterhält. Noch 4 von 5 Punkten.

DanielL Offline




Beiträge: 4.141

18.07.2022 22:39
#64 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Folgende Rolf-Olsen-Filme erscheinen bei UCM.ONE als DVD, Blu-ray und Mediabook-Editionen.

Zur Ausstattung steht bei Amazon ein wenig, aber das ist ggf. noch nicht letztgültig gepflegt. Auf der Seite von UCM.ONE steht leider nix - obwohl der erste VÖ-Termin schon unmittelbar bevorsteht. Beim Movieside-Forum darf man nicht mehr mitlesen (Warum eigentlich?). Hat jemand Insights? Das Mediabook beinhaltet scheinbar die Scheiben aus Keepcases, eine Sonderedition wie bei Schlangengrube gibt es wohl nicht...


05.08.22 Der Arzt von St. Pauli
26.08.22 Der Pfarrer von St. Pauli
14.10.22 Käpt‘n Rauhbein aus St. Pauli

Wird auf jeden Fall gekauft. Der "Arzt" ist ein Kiez-and-Crime-Knüller allererster Güte.

Gruß,
Daniel

Fabi88 Offline



Beiträge: 3.822

25.07.2022 00:09
#65 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Oh, Klasse! In der "Edition Deutsche Vita" ist St. Pauli ja nach "Zinksärge für die Goldjungen", "Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn", "Fluchtweg St. Pauli" und "Die Engel von St. Pauli" ja leider (bislang) nicht weiter bedient worden, obwohl noch einige Highlights offen wären. Mit Jürgen Roland war ja gerade bei "Zinksärge" und "Engel" ein Wallace-Regisseur verantwortlich.
Ohne das jetzt zu hoch zu hängen, aber viele Pauli-Filme sind für mich sogar mehr oder weniger eine gelungene Fortführung der "trashigeren" Richtung, die bei Wallace Mitte bis Ende der 60er eingeschlagen wurde. Der (teils ebenso märchenhafte) Hamburger Lokalkolorit passt dabei teilweise aber sogar besser zu dem Ganzen. Und es fühlt sich auch beispielsweise gerade bei "Der Mann mit dem Glasauge" so an, als hätte es dann wiederum eine Beeinflussung in die andere Richtung gegeben - von wegen Sex & Crime sowie Themen wie Zuhälter und Co. Auch Häfen und Schiffe sind ab hier nun noch deutlich öfter Handlungsort als zuvor (mit Ausnehmen wie "Verrätertor" oder "Gasthaus an der Themse" natürlich).
Schön, dass da nun wieder was kommt und UCM.ONE, die bisher oft tolle neue Master nur auf DVD veröffentlicht haben, so dass es die HD-Fassungen nur bei Prime und Co gab, hier sogar auf Blu-Ray veröffentlicht.
Vorallem "Der Arzt von St. Pauli" ist mir als sehr unterhaltsamer Streifen in Erinnerung. Da freue ich mich drauf!

DanielL Offline




Beiträge: 4.141

08.08.2022 15:28
#66 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Hatte den "Arzt" mal bestellt und mehr oder weniger schon mit einer VÖ-Verschiebung gerechnet, weil nach wie vor so wenig Wind um diese Veröffentlichung gemacht wird. Selbst auf den eigenen UCM.One-Kanälen wird nach wie vor gar nicht großartig dazu kommuniziert.

However: Heute lag die Blu-ray bei mir im Briefkasten. "Erstmals in Full HD - Neu abgetastet im Orginal-Kinoformat und restauriert".
1.66:1, 101 Min.
Bonus: Dt. Trailer (auch zu Pfarrer/Raubein), Artwork-Galerie

Angespielt wird die Tage, dann melde ich mich noch mal.

Gruß,
Daniel

Ray Offline



Beiträge: 1.860

14.08.2022 11:24
#67 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Beim "Arzt" bleibe ich wohl bei der alten DVD, aber die anderen beiden werde ich mir denke ich holen, da ich sie noch gar nicht kenne. Sind vielleicht nochmal kleine "Puzzlestücke". Das mit den fehlenden bzw. verspäteten Ankündigungen ist bei den Veröffentlichungen aus deren Édition Film Noir übrigens auch so.

Ray Offline



Beiträge: 1.860

02.10.2022 15:57
#68 RE: Hamburger Reeperbahn-Filmklassiker Zitat · Antworten

Der Pfarrer von St. Pauli (BRD 1970)

Regie: Rolf Olsen

Darsteller: Curd Jürgens, Günther Stoll, Heinz Reincke, Corny Collins, Werner Bruhns, Horst Naumann, Dieter Borsche u.a.



Pfarrer Johannsen ist eine feste Institution in St. Pauli. Als ein junger Mann ihm einen Mord beichtet, gerät der Geistliche in ein Mordkomplott...

Vierter St. Pauli-Krimi mit Curd Jürgens unter der Regie von Rolf Olsen. Der "Pfarrer" erweist sich als eine Melange aus diversen Genre-Versatzstücken. In der ersten Stunde handelt es sich um einen recht typischen Milieukrimi der Zeit, der in ähnlicher Form auch Teil der Edgar Wallace-Reihe sein könnte. Eine Reihe von Morden, ein ominöser "Chef", den keiner kennt, dazu ein Heinz Reincke, der für die humoristische Auflockerung sorgen soll. Mit Günther Stoll agiert zudem ein seinerzeit bei Wallace viel beschäftigter Schauspieler in einer für ihn recht ungewöhnlichen, aber reizvollen Rolle als schmieriger Ganove, der sein "Büro" mit Nacktbildern dekoriert hat und sich regelmäßig von einer attraktiven jungen Dame massieren lässt - anschließender Liebesdienst inklusive. Als Kriminalhauptkommissar Bossum agiert der vor allem aus dem Fernsehkrimi bekannte Werner Bruhns sehr präsent und überzeugend, insbesondere im Zusammenspiel mit Curd Jürgens. Amüsant fanden die Macher aus unerfindlichen Gründen offensichtlich den Gedanken, den gebürtigen Sachsen Horst Naumann im St. Pauli-Milieu stark dialektisch sprechen zu lassen.

Nach besagter Stunde gibt es einen plötzlichen Bruch: Pfarrer Johannsen wird Opfer einer Intrige von Seiten der Gangster, denen er im Rahmen der Mordgeschichte zu sehr "auf die Pelle" gerückt ist, und wird auf eine abgelegene Nordseeinsel "strafversetzt". Spätestens in dem Moment kommen Assoziationen zu den Pater Brown-Filmen mit Heinz Rühmann auf. In der folgenden halben Stunde tritt die Mordgeschichte komplett in den Hintergrund und Jürgens wandelt wie schon im Remake von "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" auf Hans Albers-Pfaden und widmet sich den Sorgen und Konflikten der Inselbewohner. Höhepunkt dieser ungeschickt in den Handlungsverlauf eingebauten und überdies zu lange ausgefallenen Episode ist ein Kurzauftritt von Dieter Borsche als evangelischer Pastor, der hier entgegen seinen weit überwiegenden Auftritten im Kriminalfilm der 1960er-Jahre sehr sympathisch agiert. Und als man als Zuschauer die Mordgeschichte schon beinahe wieder vergessen hat, wird dem Publikum im Hauruckverfahren doch noch die Auflösung präsentiert - sonderlich überraschend fällt die Entlarvung des "Chefs" dabei nicht aus.

Insgesamt hinterlässt "Der Pfarrer von St. Pauli" damit einen gemischten Eindruck. Der Reiz ergibt sich neben der bis in die Nebenrollen prominenten Besetzung (u.a. noch Carl Lange und Corny Collins) aus der filmhistorischen Perspektive: Der "Pfarrer" erlaubt einen Blick darauf, wie man Anfang der 1970er-Jahre versuchte, das Krimi-Publikum in die Lichtspielhäuser zu locken. Im nicht sonderlich erbaulichen deutschen Unterhaltungsfilm der Dekade noch vergleichsweise gut konsumierbar.

Der Film ist vor wenigen Tagen durch das Label UCM.One auf DVD und Blu-Ray (wahlweise Keepcase oder Mediabook) veröffentlicht worden. Ich habe mich für die Keepcase-Variante entschieden und kann berichten, dass das Bild tatsächlich sehr gut geworden ist (gerade wenn ich diese Veröffentlichung mit meiner alten "Arzt"-DVD vergleiche). Als Bonus gibt es eine Artwork-Galerie und Trailer.


Wilde, nicht durchweg gelungene Mischung aus Kiez-Krimi- und Drama-Versatzstücken mit einem in weiten Teilen überzeugenden Cast um Jürgens, Stoll und Werner Bruhns. Noch 3,5 von 5 Punkten.

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