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Dieses Thema hat 48 Antworten
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 Filmbewertungen
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

05.05.2013 20:25
#46 RE: Bewertet: "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971, Stilverwandte) Zitat · Antworten



Vier Fliegen auf grauem Samt (4 mosche di velluto grigio)

Psychothriller, IT 1971. Regie: Dario Argento. Drehbuch: Dario Argento (Story: Dario Argento, Luigi Cozzi, Mario Foglietti). Mit: Michael Brandon (Roberto Tobias), Mimsy Farmer (Nina Tobias), Jean Pierre Marielle (Gianni Arrosio), Aldo Bufi Landi (Pathologe), Calisto Calisti (Carlo Marosi), Marisa Fabbri (Amelia), Oreste Lionello (der Professor), Fabrizio Moroni (Mirko), Corrado Olmi (Portier), Bud Spencer (Godfrey) u.a. Uraufführung: 17. Dezember 1971.

Zitat von Vier Fliegen auf grauem Samt
Seit Wochen wird der Schlagzeuger Roberto von einem Unbekannten verfolgt. Was will der Mann von ihm? Als Roberto ihn in einem verlassenen Theater zur Rede stellen will, kommt es zum Zweikampf: Der Musiker ersticht den Verbrecher. Prompt beginnt ein perfides Psychospiel. Jemand hat das Geschehen beobachtet und erpresst den unfreiwilligen Mörder mit Beweisfotos. Doch um Geld geht es nicht – es ist ein Machtspiel, das nur einer der beiden Gegner gewinnen kann. Wird sich Roberto durchsetzen?


„Vier Fliegen auf grauem Samt“ bildet den abschließenden Teil der Tiertrilogie Dario Argentos, der mit seinen drei Filmen das Giallo-Genre im Alleingang zwar nicht erfand, aber sichtlich auf ein neues stilistisches Niveau hob. Die ersten beiden Filme hatten das Glück, in Deutschland als Bryan-Edgar-Wallace-Krimis vermarktet zu werden, was für beide Seiten einen Zugewinn – für Argento ein breites deutsches Publikum und eine gesicherte Vermarktung seiner Filme, für Artur Brauner einen Qualitätsgewinn in der angeschlagenen BEW-Reihe – einbrachte. Die „Vier Fliegen“ hingegen wurden nicht unter dem Namen Wallace vermarktet, weil sie aufgrund der amerikanischen Koproduzenten in einem anderen Filmverleih erschienen. Diese Kollaboration wurde dem Film beinahe zum Verhängnis, weil die rechtliche Lage nach mehreren Jahrzehnten offenbar so vertrackt war, dass es sich bei „Vier Fliegen auf grauem Samt“ bis vor nicht allzu langer Zeit um eine letzte große Lücke in der Sammlung der Argento-Fans handelte.

Diese Zeiten sind nun vorbei und man kann sich den Film in bester Qualität ins heimische Filmregal stellen. Das ist auch nötig, denn wie bei seinen beiden Vorgängern konzentrierte sich Argento auch in diesem Fall auf eine herausragende optische Aufarbeitung der zentralen Kriminalgeschichte. Das sollte auch (und vielleicht noch stärker) für seine späteren Werke gelten, was die Tiertrilogie jedoch positiv von diesen abhebt, ist, dass die drei Erstlinge auch tatsächlich über einen griffigen Krimiplot verfügen. Der gestaltet sich in den „Vier Fliegen“ zwar nicht sonderlich glaubhaft, doch immerhin ist er immer in Bewegung und ständiger Weiterentwicklung begriffen. Luigi Cozzi, der an der Story mitarbeitete, verrät, was man beinah schon beim Sehen vermutet: Am Anfang standen die Ideen für die verschiedenen Morde, die dann mit einer Handlung so gut wie eben möglich verbunden wurden.

Immer wieder liest man in Meinungsäußerungen, „Vier Fliegen“ sei der beste Teil der Tiertrilogie. Diese Aussage möchte ich auf keinen Fall so stehenlassen, weil sie – zumindest in meinem Weltbild – eine grobe Beleidigung für „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ darstellt. Das Problem Argentos (und wahrscheinlich auch der Grund, weshalb er bis heute seine Finger nicht vom Giallo lassen kann) war, dass er einen absolut sagenhaften, alles bisher dagewesene in den Schatten stellenden Debütfilm ablieferte und danach nie wieder dessen originäres, wohl ausgeglichenes Niveau erreichte. Das soll nicht heißen, dass die „Vier Fliegen“ schwach sind. Im Gegenteil: Handwerklich ist der Film vielleicht tatsächlich der kreativste des Trios, aber er krankt ein wenig an Zurückhaltung und Tempo. Vor allem im mittleren Drittel bekam ich das Gefühl, dass Argento mit angezogener Handbremse arbeitete, um in puncto Brutalität keine Probleme mit Zensur und Jugendschutz zu bekommen und in puncto Handlungsentwicklung seine Jünger nicht mit übermäßiger Komplexität zu überfordern. Am Ende relativiert sich beides gleichermaßen, was ein stimmiges Gesamtbild zur Folge hat, aber gerade auch die häufig angesprochenen Morde kamen mir doch recht zahm vor.

Dass Mimsy Farmer die Mörderin spielen würde, wusste ich leider bereits, bevor ich den Film sah. Es ist durchaus möglich, dass dieses Wissen mich für Anspielungen und Andeutungen übersensibel machte, aber ich würde schon so weit gehen, zu sagen, dass die Auflösung vorhersehbar und auf keinen Fall so überraschend wie etwa bei den „Handschuhen“ war. Die Hinweise auf Mimsy Farmer sind eklatant: Es ist ein Naturgesetz des Giallo, seine weiblichen Hauptrollen ein Stück durch die Hölle zu schicken. Wenn also kein Angriff, keine Verfolgung auf Nina stattfindet, dann kann das nur einen Grund haben: Sie ist selbst die Täterin.

Das argento-typische psychologische Motiv des Mörders verrät sie ebenfalls. Wenn der Vater in der Rückblende ruft, er wollte einen Sohn und keinen Schwächling, lässt das in Verbindung mit Farmers burschikosem Auftreten mit Kurzhaarfrisur nur eine logische Schlussfolgerung zu. Sie wurde von ihrem Vater zu einem Jungen „erzogen“. Dass Cousine Dalia sich ebenfalls an diese Auseinandersetzungen erinnert, weist ebenso auf Nina hin wie der Umstand, dass selbst der naive Roberto schnell erkennt, dass der Mörder in seinem engen Umfeld zu suchen ist.

Weiß man, dass Nina am Ende aus dem Hut gezaubert wird, erkennt man jedoch einen großen Filmfehler: Die Hände, die den Helfershelfer mit der Drahtschlinge erwürgen, sind eindeutig behaarte Männerhände. Hier war die Produktion entgegen allen anderen Punkten etwas übervorsichtig, die Identität des Täters zu vertuschen.

All das hört sich ganz fürchterlich an. Nein! Die „Vier Fliegen“ sind ein Film mit Stil und Grandezza bis ins kleinste Detail, ein Sehvergnügen auf hohem, hohem Niveau. Vor allem der Ausgleich zwischen Spannung und Humor gelingt Argento ganz vortrefflich und besser als in seinen anderen Produktionen. Die Menge kleiner Witze, die man in diesem Film vorfindet, sind absolut erstaunlich. Das geht von offen komisch angelegten Rollen wie dem Postboten, God und dem Professor bis hin zu kleinen Insidern wie der Tatsache, dass Roberto und Nina in der Via F Lang Nummer 23 wohnen. Selbstverständlich existiert eine solche Straße in Rom nicht, doch was sich nächtens in jener modern eingerichteten Wohnung abspielt, könnte genauso gut jedem Werk des Spannungsmeisters Lang entnommen sein.

Argentos technische Kreativität schimmert in „Vier Fliegen auf grauem Samt“ auch noch einmal sehr deutlich durch. Ungewohnte Kameraeinstellungen, z.B. aus dem Inneren einer Gitarre heraus, findet man ebenso wie überzeugende alternative Schnitttechniken und innovativste Slow-Motion-Aufnahmen. Nicht nur die Kugel, die an der Kamera vorbeifliegt, vor allem auch das Finale mit dem Autounfall verdeutlichen, warum sich Argento eine Sonderposition unter den Giallo-Regisseuren erarbeitet hat. Tolle Szenen, die auch 40 Jahre später nichts von ihrer Genialität verloren haben und noch immer frisch und modern wirken!

Ein Wermutstropfen findet sich dann lediglich noch in der Musik von Ennio Morricone, die leider die schwächste seiner drei Tiertrilogie-Arbeiten ist. Rock liegt dem Filmkomponisten bei Weitem nicht so wie liebliche einprägsame Melodien, die in diesem Film eindeutig zu kurz kommen und eigentlich erst im Abspann so richtig ans Ohr des Zuschauers dringen. Doch selbst diese abschließende kleine Weise bleibt im Gegensatz zu den Stücken „Piume di cristallo“ und „Ninna nanna in blu“ nicht für längere Zeit im Ohr hängen. Schade, hier wurde eine Chance vergeben, die „Vier Fliegen“ noch abgerundeter erscheinen zu lassen. Den Clash, der daraufhin zwischen Argento und Morricone eintrat, kann ich durchaus nachvollziehen.

Mehr als die ersten beiden Teile der Tiertrilogie tendiert „Vier Fliegen auf grauem Samt“ stellenweise zur Einstellung Style over Substance. Das ist nicht weiter schlimm, weil der Film auf jedem Rollenmeter mehr Stil beweist als manch andere Produktion in Gänze, doch im Vergleich mit Argentos mindestens ebenso genialen Vorläufern ziehen die „Vier Fliegen“ bei mir momentan den Kürzeren. 4,5 von 5 Punkten – ohne eine Garantie, dass diese sich nicht früher oder später zur vollen Hand auswachsen.



Die DVD von Shameless Screen Entertainment ist unterm Strich eine der besten Möglichkeiten, sich den Film zuzulegen. Shameless ist als Qualitätslabel im Giallo-Bereich hinlänglich bekannt, sodass sich nach der allgemeinen Veröffentlichungswelle der „Vier Fliegen“ auch ein entsprechendes Release im Vereinigten Königreich abzeichnete (inzwischen erschien auch „The House with Laughing Windows“ bei Shameless, das aber nur nebenbei). Dem deutschen Release von Koch Media hat die britische Ausgabe den günstigen Preis und die getrennte Veröffentlichung von DVD und Blu-ray voraus (es geht also doch, oh Wunder!), sodass der Deal für denjenigen, der auf die deutsche Tonspur verzichten kann, ziemlich perfekt ist. Der Film liegt in sehr gut restaurierter Bildqualität vor; einige Szenenübergänge sind deutlich von einem anderen, schlechteren Print eingefügt, um den Film zu komplettieren – hierbei handelt es sich jedoch nur um wenige Sekunden, die vorher auf der amerikanischen MYA-DVD komplett fehlten.

Die Shameless-DVD verfügt über den italienischen Originalton, eine englische Synchronisation und – im Gegensatz zur amerikanischen Ausgabe – über englische, auf den italienischen Dialogen basierende Untertitel. So ist es völlig unproblematisch möglich, dem Film auch dann im O-Ton zu folgen, wenn die eigenen Italienischkenntnisse noch etwas zu wünschen übrig lassen. Selbiges gilt für das einzige große Extra, ein ca. 40-minütiges Interview mit Storywriter und Regieassistent Lucio Cozzi, der sehr detailreich über den Film, seine Entstehungsgeschichte und die Herausforderungen am Set spricht. Die Featurette bietet tolle Hintergrundinformationen, gerade auch über Dario Argentos Einstellung zu anderen Gialli sowie die literarischen Vorbilder für „4 mosche di velluto grigio“ und „L’uccello dalle piume di cristallo“.

Darüber hinaus gibt es eine 7-minütige, selbstlaufende Bildergalerie mit Musik von Ennio Morricone, einen italienischen und einen englischen Trailer (ebenfalls in hervorragender Qualität), alternative, offenbar auf dem schlechteren Quellmaterial basierende englische Titelsequenzen und zwei Covermotive zur freien Auswahl. Das einzige, was ich an der sich im quietschgelben Keepcase präsentierenden DVD zu bemängeln habe, ist das Fehlen eines Booklets. Andererseits – was hätte da nach Cozzis umfangreichen Infos überhaupt noch drinstehen können?

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

14.09.2013 22:09
#47 RE: Bewertet: "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971, Stilverwandte) Zitat · Antworten

„Vier Fliegen auf grauem Samt“ belegt mit 57,09 von 70 Punkten Platz 08 von 35 im Giallo-Grandprix 2013. Der Film wurde also mit durchschnittlich 4,08 Punkten pro Person bewertet. Unter zwölf Teilnehmern erhielt er fünf Top-Ten-Nominierungen.

Anzahl der abgegebenen Bewertungen: 11
mit 61,73 Punkten auf Platz 10 in der Kategorie Stil (Inszenierung und Bild)
mit 53,45 Punkten auf Platz 23 in der Kategorie Schock und Provokation
mit 57,27 Punkten auf Platz 13 in der Kategorie Plot und Spannung
mit 52,18 Punkten auf Platz 27 in der Kategorie Darsteller
mit 56,00 Punkten auf Platz 18 in der Kategorie Musik
mit 61,09 Punkten auf Platz 15 in der Kategorie Giallo-Faktor
mit 57,91 Punkten auf Platz 15 in der Kategorie Freie Wertung
Gehe zum IMDb-Eintrag / OFDb-Eintrag

Ray Offline



Beiträge: 1.320

01.11.2015 12:06
#48 RE: Bewertet: "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971, Stilverwandte) Zitat · Antworten

Habe gestern die Chance, die die Ausstrahlung auf arte bot, genutzt, um mir mal einen Giallo anzusehen, der nicht unter der Flagge Edgar bzw. Bryan Edgar Wallace veöffentlicht wurde.

"Stil über Substanz", das scheint für mich als Laien die Kernfrage zu sein, ob man diesen oder auch andere Filme von Argento schätzt oder nicht. Zweifelsohne hat der Film seine Momente mit genialen, höchst kreativen Einstellungen, die sicher länger im Gedächtnis bleiben. Zudem gibt es wie bei den "Handschuhen" direkt zu Anfang eine Schlüsselszene, die sich erst im Laufe des Films erschließt. Doch zwischendrin ist mir persönlich zu viel Leerlauf vorhanden. Argento verliert sich m.E. beispielsweise in zu vielen unwichtigen Nebenfiguren, die die Handlung wenig bis gar nicht vorantreiben.

Auch ich habe den Täter richtig erraten und muss dort ebenfalls gestehen, dass mir das alles zu konstruiert erscheint. Nicht umsonst gibt es lange Erklärungen, wirklich nachvollziehbar erscheit mir das Motiv dennoch nicht. Womit ich wieder bei "Stil über Substanz" wäre. Über all das mag man angesichts der ambitionierten Inszenierung hinwegsehen, ich kann das (noch) nicht. Da gefällt mir im Zweifel ein "Halbmond", der in puncto Story vergleichsweise konventionell daherkommt, deutlich besser. Aber das ist natürlich in erster Linie Geschmacksfrage, möglicherweise auch eine der (Giallo-)Erfahrung.

Ich vergebe

3/5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

14.09.2017 06:21
#49 RE: Bewertet: "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971, Stilverwandte) Zitat · Antworten

„Vier Fliegen auf grauem Samt“ belegt im Edgar-Wallace-Epigonen-Grandprix 2017 Platz 19 von 48. Der Film erhielt von den Teilnehmern im Durchschnitt eine Bewertung von 3,85 von 5 Punkten.

zugrundeliegende Wertungen: 13 von 17 (12x „gut bekannt“, 1x „länger her“)
Top-10-Tipps: 0 von 8
Auswahlrunde: Platz 13 von 28 (9,1 Punkte)


mit 3,76 Pkt. Platz 31 in der Kategorie Schauspieler (– 12)
mit 4,42 Pkt. Platz 09 in der Kategorie Inszenierung / Spannung (+ 10)
mit 3,60 Pkt. Platz 22 in der Kategorie Drehbuch / Logik (– 3)
mit 4,02 Pkt. Platz 18 in der Kategorie Ausstattung / Wertigkeit (+ 1)
mit 3,96 Pkt. Platz 15 in der Kategorie Musik (+ 4)
mit 3,04 Pkt. Platz 37 in der Kategorie Epigonenfaktor (– 18)
mit 4,18 Pkt. Platz 10 in der Kategorie freie Wertung (+ 9)

Edgar-Wallace-Epigonen-Grandprix 2017: Ergebnisse (#192) (13)

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