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Dieses Thema hat 63 Antworten
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Savini Offline



Beiträge: 619

15.07.2021 15:09
#46 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #40
Obwohl Max von Sydow ja gerne für diabolische Charaktere eingesetzt wurde, hat sein recht häufiger Auftritt als SPECTRE-Oberhaupt in diesem Streifen eher etwas vom Flair eines altersmilden Senior-Chefs einer florierenden Firma, der nochmal zusammen mit dem erfolgversprechenden Nachwuchs ein lohnendes Projekt durchziehen will. So recht bedrohlich wirkt er nicht mehr. Andererseits, in diesem Film ist er trotz allem noch ein Lichtblick in diesem ziemlich müden Neuaufguss eines hervorragenden James-Bond-Filmes.

Zu dieser Darstellung wäre hier ein treffendes Zitat aus Klaus-Peter Walters "James-Bond-Buch" von 1995 (S. 75):
"Max von Sydow, geprägt von seinen psychologisch höchst problematischen Rollen bei Ingmar Bergman, spielt den Blofeld sehr entrückt als müden Todesbotschafter - weise und freundlich, doch bei aller weißbärtigen Opahaftigkeit höchst gefährlich. Das sinistre Dreinblicken überläßt er der fiesen weißen Angora-Katze auf seinem Schoß."
Aber tritt er wirklich "recht häufig" auf? Er hat nur drei Szenen von zusammen weniger als fünf Minuten Länge: Die Besprechung, bei der der Plan erläutert wird, die Botschaft an die NATO (bei der er überwiegend nur aus dem Off zu hören ist) und noch eine winzige Szene kurz vor dem Finale, als er per Zuschaltung mit Largo spricht und die eigentlich überflüssig ist. Ob die Rolle im ursprünglichen Drehbuch mehr Raum einnahm? So wirkt von Sydow fast verschenkt. Aber andererseits ist er der einzige Schauspieler, den ich mir theoretisch in allen Filmen als Gesichts-Blofeld hätte vorstellen können.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #40
Wer nun der beste Blofeld-Darsteller ist, darüber gibt es ja nun scheinbar endlos viele Diskussionsbeiträge in den Weiten des Web und auch anderswo. Im allgemeinen schwankt man zwischen Donald Pleasence (Man lebt nur zweimal) und Telly Savalas (Im Geheimdienst Ihrer Majestät). Vom Aussehen und Charakter vollkommen unterschiedlich, haben beide ihre Berechtigung, der kühle Stratege Pleasence oder der mehr hemdsärmelige Savalas. Obwohl das Narbengesicht von Pleasence wohl eher ikonisch ist.
Dass der gesichtslose Anführer von SPECTRE in Feuerball eine geradezu unantastbare Machtfülle ausstrahlt, liegt vielleicht auch gerade in dieser fehlenden Identität begründet.

Durch die ersten beiden Auftritte ohne Gesicht und den dritten, bei denen er erst im letzten Drittel zu sehen ist, wurde natürlich eine enorme Erwartungshaltung aufgebaut. Der Drahtzieher, von dem man nur die Hand sieht, wurde nicht umsonst seitdem oft genug zitiert und parodiert, von der Zeichentrickserie "Inspektor Gadget" bis zur Spencer/Hill-Klamotte "Zwei bärenstarke Typen" (dort mit einem Hund statt einer Katze) oder (ohne Schmusetier, aber mit Zigarre (in dem Zeichentrickfilm "Tim & Struppi und der Haifischsee".
Donald Pleasence passt zu dieser eher passiven Art ganz gut; um ihn bedrohlicher wirken zu lassen, rasierte man ihm eine Glatze und schminkte Narben auf. Allerdings wirkt er durch seine geringe Körpergröße neben Sean Connery oder dem hünenhaften Leibwächter Hans wie ein Gartenzwerg. Das aktive Verfolgen Bonds auf Skiern oder die Prügelei im Bob wären mit ihm Lachnummern, weshalb der robustere Telly Savalas im Folgefilm passender war. Bei diesem wiederum kann man sich kaum vorstellbar, dass er zuvor hinter einer Glasscheibe oder an einem Schreibtisch saß.
In einem anderen Forum meinte jemand mal, dieser Blofeld wirke "weniger wie Bonds Moriarty denn wie ein jovialer Zuhälter". Das ist dann doch etwas zu drastisch. Ironischerweise ist ausgerechnet dieser so bodenständige Darsteller der einzige Blofeld, der ein nicht-materielles Motiv (einen Adelstitel) hat, was nicht recht zusammenpassen will.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #40
Auffällig ist wirklich in allen Filmen der Hang Blofelds zu grausamen Bestrafungen für nicht mehr richtig funktionierende Mitglieder oder Menschen, die ihm in die Quere kommen. Ein sehr sadistischer Zug, den der Mann mit der weißen Perserkatze auch zur Einschüchterung zelebriert.

Ist das nicht ein grundsätzliches Merkmal von Bösewichtern dieser Kategorie? Ebenso wie dass sie bei ihren Hauptwidersachern dann wieder zurückhaltend sind.

Savini Offline



Beiträge: 619

15.07.2021 15:15
#47 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #37
Manches ist abgeändert und dramatisiert, statt der Ernte Englands ist nun gleich die der ganzen Welt bedroht, und die mutige Teresa fällt am Ende nach aufregenden Ski- und Autoverfolgungsjagden in der verschneiten Berglandschaft werkswidrig in die Hände des SPECTRE-Chefs. Der sich sonst menschlichen Lastern eher zugeknöpft gebende Blofeld begehrt hier ganz im Stile eines Wallace-Schurken die Schöne des Stückes, die er seinem Kontrahenten auf der anderen Seite des Gesetzes einfach wegschnappen will.

Ist das nicht auch jenseits von Edgar Wallace ein gängiges Klischee in Film und Literatur, egal, in welchem Genre?
Tracys Gefangennahme war natürlich ein guter Einfall, da so das Finale zusätzlich zu einer Befreiung wurde und kein reiner Vernichtungsschlag war.
Eine andere gelungene Ergänzug ist die Szene, in der Blofeld dem enttarnten Bond seinen Plan erläutert und dabei herrlich in seiner Bosheit schwelgen kann.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

16.07.2021 12:26
#48 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #45
Wobei in diesem Fall aus Flemings Sicht eher das Mischlingsmotiv ausschlaggebend sein dürfte. Das setzt er auch bei Bösewichten ohne deutsche Wurzel ein. Dr. No rekrutiert etwa bevorzugt Menschen, die teils von Schwarzen, teils von Chinesen abstammen (zu Flemings Zeiten nannte man sie "Chigroes"). Le Chiffres Herkunft ist unklar, aber in seiner Akte wird über romanische und slawische Wurzeln spekuliert. Mr. Big kontrolliert eine Organisation von schwarzen Kriminellen, aber seine Mutter war weiß (er selbst hat übrigens rote Haare). Blofelds Herkunft wurde bereits erwähnt.

Mischlinge wurden schon lange Zeit mit erhöhter Aggressivität und Gewalttätigkeit in Zusammenhang gebracht. Es gibt oder gab sogar wissenschaftliche Untersuchungen darüber. Was daran wahr oder nicht ist, kann man gänzlich unvoreingenommen ohne Ideologielastigkeit schwer sagen. Aber wie so häufig, werden auch hier Menschen aufgrund irgendeiner speziellen Eigenschaft von vornherein in eine Schublade gesteckt. Kein schöner Zug, den aber Fleming nicht „erfunden“ hat. Auch Wallace hat die Mischlingsthematik immer mal wieder in seinen Büchern aufgegriffen. Obwohl gerade er es schafft, hier über seinen Schatten zu springen und, wie es ja „Savini“ im Bogenschützen zeigt, sogar einen Sympathieträger daraus zu machen. Das gleiche Thema behandelt er auch im kaum bekannten und im selben Jahr erschienenen Roman Geheime Mächte, wo der hässliche, ungebildete, dunkelhäutige und verachtete „Mischling“ den edelsten Charakter und die reinste Seele aller Beteiligten hat. Das hat im Handlungszusammenhang eine besondere Bewandtnis, in jeder Hinsicht ein ungewöhnliches Werk, was ich auch gerne mal demnächst besprechen möchte, wenn es die Zeit erlaubt.

Zitat von Savini im Beitrag #45
Stouts krasse Deutschfeindlichkeit ist mir bekannt. Im Falle von Fleming schien seine Haltung selbst in den gekürzten Ausgaben des Scherz-Verlags noch durch. Wobei man sagen muss, dass er generell auf alles herabblickte, was nicht von den britischen Inseln stammte (die Bösewichter sind alles, nur keine geborenen Briten). Im Falle der Deutschen ist es interessant, dass in den Büchern mitunter sogar eine gewisse widerwillige Bewunderung durchscheint, da die deutsche Wirtschaft bereits einen Aufschwung erlebte, als in England noch rationiert wurde. Ob Fleming dieser Neid bewusst war oder nicht?

Der britische Neid auf Deutschland ist tief verwurzelt und hat, mal ganz neutral ausgedrückt, letzten Endes einen erheblichen Anteil an den beiden verheerenden Weltkriegen gehabt. Natürlich, von „den Briten“ pauschal zu sprechen ist nicht richtig, die dortige sogenannte Elite sah (und sieht ?) in Deutschland den Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt. Fleming mit seinem Upper-Class-Hintergrund hat das sicher mit der Muttermilch einsogen, genauso wie die Neigung, generell auf alles Nichtbritische und nicht seiner Klasse zugehörige herabzublicken. Gerade seine Tätigkeit für den Geheimdienst im Interesse der Elite zeigt doch, wie sehr er sich diesen Leuten verbunden fühlte. Trotzdem schließt das eine charakterliche Weiterentwicklung nicht aus, wie es bei Fleming damit aussah, ist sicher zweifelhaft.

Zitat von Savini im Beitrag #45
Das ist mir bewusst, Fleming ist aber ein spezieller Fall, bei dem das mit der "völlig anderen Zeit" nicht so einfach ist.
Ich weiß nicht, ob du Kingsley Amis´ erstmals 1965 in England erschienenes Buch "Geheimakte 007. Die Welt des James Bond" kennst.

Das Buch kenne ich nicht. Etwa zur gleichen Zeit hat ja auch schon Umberto Eco sein negatives Urteil in Buchform über die Bond-Erzählungen abgegeben. Vielleicht hätte er es als älterer Mann etwas differenzierter gesehen, wer weiß. Aber was solls, das eine sind eben die Kritiker, das andere das Publikum. Wenn die Bücher so schlimm wären, hätten sie nun sicher keine so breite Verbreitung gefunden und zu einer der langlebigsten Filmserien motiviert. Dass eine Person wie Bond, der die Drecksarbeit für Königin, Empire und Demokratie macht, kein zartfühlender Akademiker mit weltoffenen Glaubensgrundsätzen ist, liegt auf der Hand, zumal als herumgeschubstes Waisenkind mit Bindungsstörungen und notwendigerweise entwickelter Ellenbogenmentalität. Der muss einfach skrupellos, aggressiv und „kalt“ sein, gewissermaßen in den Tag hineinleben und ein Feindbild mit Vorurteilen haben, welches ihn bei Stange hält. Zeigt auch, was seine Vorgesetzten für eine Mentalität haben und entspricht sicher mehr der Realität, als es manchem lieb ist. Wem die Bücher nicht gefallen, soll sie eben einfach nicht lesen.
Gerade bei Fleming und seinem Werk gibt es abseits der üblichen Verdammung noch viele interessante Aspekte zur Recherche, die sicher lohnenswerter sind. Die okkulten Anspielungen, oft mit rosenkreuzerischem Hintergrund, die sogar in den Filmen auftauchen, gehen auf eine interessante Seite ihres Schöpfers zurück, die zum großen Teil auch mit dessen Arbeit im Geheimdienst verknüpft ist. Wenn Du Dich damit mal vorurteilslos beschäftigst und das alles nicht gleich als Spinnerei abtust, kommst Du auf skurrile Sachen, woher etwa die Bezeichnung „007“ stammt oder was es auch mit „For your eyes only“ auf sich hat. Sogar mit Blofelds Vorbildern gibt es da Mutmaßungen, die sicher nicht alle stimmen, denn alles muss man sicher auch nicht glauben…

Zitat von Savini im Beitrag #46
In einem anderen Forum meinte jemand mal, dieser Blofeld wirke "weniger wie Bonds Moriarty denn wie ein jovialer Zuhälter". Das ist dann doch etwas zu drastisch. Ironischerweise ist ausgerechnet dieser so bodenständige Darsteller der einzige Blofeld, der ein nicht-materielles Motiv (einen Adelstitel) hat, was nicht recht zusammenpassen will.

Ja, dass ausgerechnet der „prollige“ Savalas-Blofeld so für Adelstitel schwärmt, kam mir auch immer unpassend vor. Das hätte besser zu Pleasence gepasst, sollte man meinen. Aber, wie so viele wie von Savalas dargestellte Gemüter hat dieser womöglich auch insgeheim davon geträumt, „was Besseres“ zu sein, durch den Adelstitel auf seine alten Tage in die gehobene Gesellschaft eingeführt zu werden. Wer weiß ?

Zitat von Savini im Beitrag #46
Ist das nicht ein grundsätzliches Merkmal von Bösewichtern dieser Kategorie? Ebenso wie dass sie bei ihren Hauptwidersachern dann wieder zurückhaltend sind.

Das stimmt schon. Geradezu klassisch. Da Bond aber weltweit bekannt geworden ist, wird das endlose Spiel, dem Agenten alles zu verraten, zu verschonen und ihn am Ende dann in komplexe Todesfallen zu stecken, woraus er sich wieder befreien kann, wahrscheinlich besonders mit diesen Filmen in Verbindung gebracht.

Savini Offline



Beiträge: 619

16.07.2021 17:04
#49 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Eine sehr lange Mail, aus der ich nur einige Dinge aufgreifen und auf diese eingehen kann.
Den letzten Punkt zuerst: Natürlich war vieles, was man heute in erster Linie mit James Bond assoziiert, schon in den Serials der 30er/40er angelegt; da gerade das hiesige Publikum diese aber (wenn überhaupt) erst Jahre oder Jahrzehnte nach den Bond-Filmen zu Gesicht bekam, war die Verbindung zu Bond natürlich noch stärker als im englischsprachigen Raum. Und selbst zur Zeit der Serials scheint es den Machern bewusst gewesen zu sein, dass manches zum Standard geworden war, etwa bei der Sherlock-Holmes-Serie mit Basil Rathbone (ich weiß, sie wurde vor anderthalb Jahren ausführlich diskutiert): In gleich zwei Folgen ("Geheimwaffe" und "Spinnennest") befindet sich Holmes in der Gewalt seiner Widersacher und meint spöttisch, dass er eine besonders originelle Methode erwarte, ihn zu beseitigen.
Vor einiger Zeit habe ich mit jemandem über Überschneidungen zu den Serials gesprochen. Er meinte, im Vergleich zu diesen seien bei James Bond drei Punkte wesentlich neu gewesen:
1.: Man drehte tatsächlich in exotischen Ländern, während B-Filme aus Zeit- und Konstengründen oft komplett im Studio entstanden.
2.: Sex-Elemente, da die Helden gerade bei amerikanischen Serials trotz aller Versuchung keusch blieben.
3.: Die Bösewichten waren zwei bei den Anschlägen auf die Helden sehr phantasievoll, hatten aber nicht unbedingt einen spektakulären Abgang; am Ende wurden sie meist einfach verhaftet oder erschossen.

Was Telly Savalas und den Adel angeht, so fällt mir dabei die "Mörder GmbH" aus derselben Zeit (ebenfalls mit Diana Rigg!) ein, in dem er einen englischen (!) Lord und Zeitungskönig spielt. Das wirkt sehr skurril, fast so wie seine dortige Synchronstimme oder die Tatsache, dass er gegen Ende (in Verkleidung) sogar eine Pickelhaube trägt.
Was natürlich nur im Original bei Blofeld neben den Gesichtern wechselt, ist die Sache mit dem Akzent: Pohlmann klang im Original nach etwas Undefinierbarem zwischen deutsch und osteuropäisch, Pleasence bemühte sich (wie ich gelesen habe) um einen ungarischen Akzent, der aus New York stammende Savalas klang plötzlich amerikanisch, Gray dagegen "very British". Und bei von Sydow hatte ich den Eindruck, er versuche, einen schottischen Akzent zu imitieren.

Bei Kingsley Amis scheint ein Missverständnis vorzuliegen: Er arbeitet zwar die Strickmuster von Flemings Geschichten heraus, etwa die typischen Bond-Verbündeten, die oft aus dem Bereich Geheimdienst oder Unterwelt stammen; interessant war etwa sein Gedanke, dass Emilio Largo in "Feuerball" von seiner Beschreibung und Charakterisierung eher in dieses Schema passen würde als in das des Gegenspielers.
Die damals bereits erhobenen Rassismus-, Sexismus- oder Nationalismus-Vorwürfe diskutiert er aber kritisch und mitunter sehr ironisch, wobei ein süffisanter Ton das ganze Buch durchzieht und es zu einer angenehmen Lektüre macht. Mitunter wirft er den (oft eher linken) kritischen Stimmen "Neopuritanismus" vor.
Zwei Beispiele:
"Als erstes wäre festzustellen, daß Bond auf Frauen anziehend wirkt. Es scheint über das Verständnis des durchschnittlichen Literaturkritikers zu gehen, daß das für manche Männer aus Fleisch und blut ebenso zutrifft wie für viele Romanhelden, und daß die meisten Männer zumindest bei gewissen Frauen Erfolg haben. Man braucht weder mißgestaltet noch von sexuellen Komplexen bedrängt noch ein Voyeur zu sein, um sich bei der Lektüre von Liebesabenteuern mit Vergnügen in die Rolle des Helden zu versetzen. Wenn man allerdings die Kritiker hört, möchte man das Gegenteil glauben." (S. 43)

In einer Fußnote (auf Seite 59) meint Amis, er warte noch auf die Erwartung "aus dem neopuritanischen Lager, wonach Bond endlich seine vielgerühmte Männlichkeit über Bord wirft und unterdrückten homosexuellen Neigungen nachgibt. Ich erwarte sie aber jetzt jeden Tag."
Wohlgemerkt: das wurde 1965 geschrieben!

Savini Offline



Beiträge: 619

16.07.2021 17:16
#50 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Leider können ältere Beiträge nicht mehr verändert werden. Deshalb eine kurze Korrektur in eigener Sache: Anders als viele andere Bond-Widersacher (männlich und weiblich) hat Mr. Big im Roman keine roten Haare.

Nun noch etwas zu Blofeld: Ähnlich amüsant finde ich Klaus-Peter Walters "James-Bond-Buch" von 1995, das für mich lange eine Art Bibel war. Er beschäftigt sich nicht nur mit den Romanvorlagen und Filmen, sondern auch mit dem Universum der Bond-Epigonen, -Parodien und -Comics, trägt auch zusammen, inwiefern James Bond die Populärkultur prägte und umgekehrt von dieser geprägt war. Imponierend, war er zu einer Zeit zusammentrug, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte! Auch in seinem Buch blättere ich immer wieder gerne, weil mir der Stil und Ton gefällt.
Neben den Bond-Widersachern und deren Handlangern widmet er dem "Schurke(n) aller Schurken" ein eigenes Kapitel. Gegen Ende schreibt er (S. 75):
"Da man Blofeld nie wirklich tot gesehen hat, ließe er sich reaktivieren für den Fall, daß einem zukünftigen 007 einmal die Gegner ausgehen sollten. Und wer sollte diesen Blofeld spielen? Wie wäre es mit Sean Connery höchstselbst, als ironischer kontra-, Höhe- und Schlußpunkt seiner Bond-Karriere."

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

09.08.2022 21:25
#51 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Der Napoleon des Verbrechens

Arthur Conan Doyle und Professor Moriarty


Über den Autor:

Arthur Conan Doyle lebte von 1859 - 1930. Ursprünglich aus Schottland stammend, arbeitete er nach dem Medizinstudium als Schiffsarzt, wobei er auch Polarregionen bereiste. Als niedergelassenem Arzt war ihm danach kein großer Erfolg vergönnt, mittlerweile in London lebend, beschloss er, von der Schriftstellerei auszukommen. Seine Leidenschaft gehörte dem historischen Roman, richtig Geld gemacht und vor allem in Erinnerung geblieben ist er aber nur mit den von ihm ungeliebten Sherlock-Holmes-Geschichten. Was ihn schon zu seiner Zeit sehr ärgerte. Doyle hatte einige Kinder aus zwei Ehen. Er war ein sehr vielseitiger und bekannter Mann seiner Zeit, der sich am Ende, auch bedingt durch persönliche Schicksalsschläge, dem Okkulten zuwandte.


Bücherbesprechung: Das letzte Problem / Das Tal des Grauens


Erscheinungsjahre: 1893 / 1915


Hauptpersonen:

Sherlock Holmes - beratender Privatdetektiv
Dr. John Watson - befreundeter Arzt und Ich-Erzähler
Professor James Moriarty - ehemaliger Universitätsangehöriger und krimineller Mastermind

sowie viele andere


Handlung:

In der letzten Geschichte des Erzählbandes Die Memoiren des Sherlock Holmes stürzt der berühmteste Detektiv seiner Ära (wir schreiben das Jahr 1891 und die große Queen Victoria war schon weit über 50 Jahre im Amt) geradezu in die Wohnung seines ergebenen, doch in der letzten Zeit eher abwesenden Freundes Dr. Watson. Nach dem Schließen aller Fenster aus Angst vor Luftgewehren eröffnet Holmes seinem alten Kumpel, was sich in der letzten Zeit an der Ermittlerfront so getan hat. Keine seltsamen Stellenangebote für alleinstehende Lehrerinnen diesmal, genauso wenig erpresserische Briefe in Adelskreisen oder dunkle Machenschaften ausländischer Geheimbünde mit verschlüsselten Texten. Nein, jetzt geht es um Holmes' allergrößten Fall. Ihm, dem gleichbleibend wachsamen Beobachter der Londoner Unterwelt, ist schon lange klar, dass wenigstens die Hälfte aller Verbrechen in der Hauptstadt auf das Konto einer einzigen treibenden Kraft im Hintergrund zurückzuführen ist, die "wie die Spinne im Netz" sitzt und an den Fäden zieht. Das Böse hat einen Namen - Professor Moriarty. Dr. Watson gibt vor, den Namen noch nie gehört zu haben, doch ist hier schon die erste einer Reihe von Ungenauigkeiten im Zusammenhang mit dieser Figur. Gute zwanzig Jahre später funktioniert das Gedächtnis des Chronisten von Sherlocks Heldentaten scheinbar wieder besser, als er über ein gemeinsames Abenteuer berichtet, das sich ein Jahr vor dem "letzten Problem" zugetragen hat. In der dann erzählten Schauermär von der gesichtslosen Leiche auf einem englischen Schloss, die schließlich in eine längere Erzählung über eine brutale erpresserische Bande in einem Bergarbeiter-Tal im Wilden Westen mündet, ist zusätzlich noch als Überbau für alles der teuflische Professor mit seiner schrecklichen Organisation mit eingeflochten. Ein gewisser Porlock schickt Holmes eine codierte Nachricht, welche der natürlich fast mühelos knackt und andächtig von Dr. Watson bewundert wird. Es gibt einen Hinweis auf den Ort, wo sich wenig später ein unheimliches Verbrechen ereignen soll. Nun wird dem Dr. Watson das erste Mal ausführlich von seinem kriminalistischen Freund von Moriarty berichtet. Porlock ist ein schwaches Glied in des abtrünnigen Akademikers verbrecherischer Vereinigung. Da die Strafe für Versagen oder Verrat dort nur einen Spruch kennt, zieht sich der ängstlich gewordene Spitzel zurück, doch Holmes weiß auch so genug zu berichten. Moriarty stammt aus einer angesehen Familie mit noch zwei Brüdern (die offenbar alle den selben Vornamen zu haben scheinen), entwickelte sich schon frühzeitig zu einem mathematischen Wunderkind (wer kennt schon nicht den aufsehenerregenden Aufsatz über das binomische Theorem ?), veröffentlichte zum Zeitvertreib eine Arbeit über die "Dynamik von Asteroiden", welche ihrer Zeit weit voraus war und wurde bald Professor an einer ehrwürdigen Universität, die er aber nach einiger Zeit wegen seines schlechten Leumunds verlassen musste. Seine Genialität stellte James Moriarty fortan in den Dienst der dunklen Seite. Er schaffte es, in der britischen Hauptstadt eine Organisation hervorzubringen, die sich aus den erfolgreichsten Dieben, Betrügern, Fälschern, Mördern und sonstigen unangenehmen Zeitgenossen zusammensetzte. Seine eigene Person aber hielt der Ex-Uni-Gelehrte stets dezent im Hintergrund, vom Killer mit dem blutbefeckten Messer in der Hand führt auch nicht die geringste Spur zu seinem eigentlichen Auftraggeber.
Einem interessierten Scotland-Yard-Inspektor kann Holmes pikante Details über das Umfeld des Schattenmannes mitteilen, dessen Gehalt an der Universität 700 Pfund betrug (damals sicher schon eine Menge Geld), der sich aber ein Bild eines alten Meisters über seinen Schreibtisch hängen kann, das bei einer Versteigerung für 4.000 Pfund über den Tisch ging. Und der es sich leisten kann, seinem Vertrauensmann und quasi "Erstem Offizier", Colonel Moran, ein Jahressalär von 6.000 Pfund zu zahlen. (Der Premierminister soll weniger bekommen haben). Allerdings, was genau der kriminelle Professor so alles macht, lässt Mr. Holmes im Unklaren, nur dass der genial, erfolgreich und äußerst gefährlich ist, steht für ihn fest. Immerhin, am Ende von Doyles letztem Holmes-Roman ist da der ins Spiel gebrachte draufgängerische Held und ehemalige Pinkerton-Agent, der sich mit dem organisierten Verbrechen in den USA angelegt hatte, schließlich tot - einem "Unfall" zum Opfer gefallen. Sherlock Holmes weiß es natürlich besser - Moriartys Organisation hat im Auftrag der Amerikaner das vollendet, wofür diese nicht geschickt genug waren. Düster blickt er in die Zukunft...
Die ist nun, ein Jahr später, im Frühjahr 1891, eingetreten, als er selber zum Ziel des Mannes wird, für dessen Vernichtung er sich mit Leib und Leben verschrieben hat, und seinem geduldigen Gefährten aufs Neue vom Manne berichtet, der das Format eines Napoleons hätte haben können. (Den haben allerdings auch viele für einen der größten Schurken der Weltgeschichte gehalten - je nach Sichtweise, wie so oft...).
Irgendein nicht näher bezeichneter Fehler in Moriartys kriminellem Netz hat den geduldigen Holmes dahin geführt, den Professor bis zum Anfang der nächsten Woche "hochgehen" lassen zu können. Er wird darob von seinem Erzfeind sogar persönlich in seiner Wohnung besucht, man tauscht ein paar Floskeln aus, wobei der Professor dem "kleinen" Privatdetektiv eine letzte Warnung zukommen lässt. Natürlich lässt der sich nicht beeindrucken, er gibt in Folge drei Versuche, das Leben Sherlocks erheblich abzukürzen. Der sucht nun Unterstützung bei seinem alten Freund Dr. Watson. Zusammen fliehen die beiden auf den Kontinent und erleben von dort die Zerschlagung von Moriartys Organisation durch die Polizei aufgrund der Hinweise, die Holmes geben konnte. Allein das teuflisch schlaue Oberhaupt konnte dem Zugriff entkommen und verfolgt nun rachsüchtig quer durch Europa den Mann, dem er diese Niederlage zu verdanken hatte. Das Ende ist bekannt - mitten in der Schweiz, bei den Reichenbachwasserfällen entscheidet sich das Schicksal beider Kontrahenten. Watson wird durch eine List weggelockt, so dass die Bühne für den finalen Zweikampf der beiden Geistestitanen auf den unterschiedlichen Seiten des Gesetzes frei ist. Holmes schreibt vorher noch ein paar letze Worte für seinen langjahrigen Gefährten und Chronisten (übrigens mit Moriatys Einverständnis, schließlich ist man ja Gentleman und Brite). Der verzweifelte Watson kann später nur noch feststellen, dass beide wohl in die Schlucht gestürzt und für ewig verschollen sind. Ein trauriges, aber immerhin mehr als würdiges Ende für den bekannten Streiter der Gerechtigkeit, der im Kampf mit dem gefährlichsten Mann seiner Zeit auf der Strecke bleiben musste. Wie es jedenfalls scheint...


Bewertung:

Nach dem Ersinnen immer neuer Fälle für sein ungeliebtes Geschöpf Sherlock Holmes hatte Conan Doyle irgendwann die Nase voll. Am Ende des zweiten Bandes, in dem die ursprünglich als Fortsetzungen in Zeitungen erschienenen Geschichten zusammengefasst wurden, brachte er den bei den Lesern umso beliebteren Detektiv durch Schurkenhand einfach um. Natürlich kann nicht irgendein drittklassiger Wald-und-Wiesen-Raufbold eine solche Rolle übernehmen, da braucht es schon einen ebenbürtigen Gegner. Geboren war der Bandenchef mit dem universitären Hintergrund in der Biographie, ein kühler präziser Mathematiker, der aber "teuflische Anlagen" ererbt und somit im Blut hatte. Körperlich ist der Professor nicht mit Holmes zu vergleichen, während sich der logisch deduzierende Privatermittler auch sportlich betätigte und Boxen und Stockfechten, genauso wie Schießen zu seinen Hobbies zählte, ist Moriaty eher nur Organisator, groß und sehr schmal, mit gebückter Haltung und pendelndem Kopf, der die schmutzigen Dinge seinen Angestellten überlässt. Eigentlich kaum vorstellbar, dass der sich auf einen Zweikampf mit Holmes einlassen sollte... Naja, in der Kürze der Geschichte um den vorerst letzten Fall wird er eben von Doyle auch nur hinskizziert, er ist nur Mittel zum Zweck, mehr nicht. Auch die ganze Story an sich ist wenig originell, es ging dem Autor wohl nur darum, die Ära Holmes abzuschließen und fortan mittelalterliche Romane oder was auch immer ihm mehr behagte zu verfassen.
Mit dem Nimbus des Sherlock Holmes wuchs auch gleichzeitig, seltsamer- und kaum verdienterweise der des Professors Moriaty. Nachdem Doyle lange schon seinen detektivischen Helden wieder zum Leben erweckt hatte, schrieb er recht spät, mitten im ersten Weltkrieg, noch einmal einen Roman, der noch so richtig in der guten alten Zeit spielt und bei dem er offenbar auch ein bisschen vom Moriarty-Mythos zehren wollte. Immerhin bekommt der Leser hier einige ausführlichere Hinweise auf die Persönlichkeit des viktorianischen Verbrecherkönigs.
Die von Holmes beinahe bewundernd ausgesprochene Bezeichnung "Napoleon des Verbrechens" soll ja ihre Realvorlage in dem notorisch kriminellen Deutschamerikaner Adam Worth haben, der zur damaligen Zeit lebte und von einem Polizeimitarbeiter ähnlich bezeichnet wurde. Doch am wahrscheinlichsten als Vorbild für Professor Moriarty ist wohl Jonathan Wild, Mitte des 18. Jahrhunderts der unumschränkte Beherrscher der Londoner Unterwelt. Lange konnte Wild sein verbrecherisches Treiben ungehemmt ausleben, bis er irgendwann der Obrigkeit zu mächtig wurde. Er stolperte über eine Nachlässigkeit, wurde gefoltert und hingerichtet, ein unersprießliches Ende, zu seiner Zeit nicht unüblich. Es ist wohl denkbar, dass der zupackende Großschurke Peachum aus der Dreigroschenoper wohl eher dem historischen Vorbild näherkommt als die auf Abwege geratene Intelligenzbestie Moriarty. Jedenfalls stellt Sherlock Holmes selbst den Vergleich zu Wild her, Moriarty wäre sein periodisch auftretender Nachfolger. Das Organisierte Verbrechen erscheint hier eher als eine "Laune der Natur" denn wie durch gesellschaftliche Entwicklungen bedingt.
Obwohl man etwas mehr vom diabolischen Professor erfährt, bleibt er trotz allem schwer greifbar, höchstens macht sich seine Gefährlichkeit durch seine Schattenhaftigkeit deutlich, wie ein Phantom, das über allem schwebt. Was Moriarty tatsächlich für hochfliegende Pläne hatte, welche Holmes davon durchkreuzte, das bleibt alles der Phantasie überlassen. Was ja tatsächlich auch ein phänomenales Nachleben in Buch und Film haben sollte.
Alles in allem ist Professor Moriarty eher ein Trittbrettfahrer, der vom Ruhme des schlicht übermenschlichen Sherlock Holmes zehrt und ebenso wie dieser nicht totzukriegen ist, wobei der emotionsarme Detektiv aber durchaus genügend Beispiele seines Könnens hinterließ, während bei seinem Todfeind nur wenig Greifbares beschrieben wird, was dessen einzigartigen Ruf als Kaiser der Gesetzlosen, gar als Feind der Menschheit begründet. Nie tritt er aus dem Schatten von Sherlock Holmes heraus.
Trotzdem bleibt die Frage interessant, ob nicht Professor Moriarty der erste literarische Superschurke war oder zumindest in dieser Rolle einem breitem Publikum bekannt wurde. Man kann es jedenfalls hinlänglich vermuten.


Leseexemplare:

Die Memoiren von Sherlock Holmes (The Memoirs of Sherlock Holmes), Kiepenheuer Verlag, 2. Auflage 1984, ca. 310 Seiten // Das Tal der Angst; Scherz Verlag; 1. Auflage 1984; ca. 160 Seiten

Beide Bücher sind recht ordentlich übersetzt. Fans schätzen die frühen Holmes-Geschichten sehr, für die späteren Werke können sie sich nicht so erwärmen. Ist halt Geschmackssache. Der Autor war sicher kein Genius, konnte aber stets gut schreiben.


Fortsetzung folgt

Savini Offline



Beiträge: 619

10.08.2022 08:50
#52 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Ein schöner Essay, zu dem ich einige Anmerkungen/Ergänzungen hätte!

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #51
Nach dem Ersinnen immer neuer Fälle für sein ungeliebtes Geschöpf Sherlock Holmes hatte Conan Doyle irgendwann die Nase voll. Am Ende des zweiten Bandes, in dem die ursprünglich als Fortsetzungen in Zeitungen erschienenen Geschichten zusammengefasst wurden, brachte er den bei den Lesern umso beliebteren Detektiv durch Schurkenhand einfach um.

Hier drängt sich eine amüsante Parallele zu James Bond auf: Du hattest bereits früher darauf hingewiesen, dass dessen Nemesis Ernst Stavro Blofeld am selben Tag und im selben Jahr wie Ian Fleming geboren wurde.
Im Falle von Moriarty besteht die Gemeinsamkeit darin, dass er ebenso wie sein Verfasser einen klischeehaft irischen Namen trägt (Doyle wurde zwar in Schottland geboren, war aber sowohl väter- als auch mütterlicherseits irischer Herkunft).
Übrigens entschied er sich für den Reichenbachfall als Schauplatz, nachdem er mit seiner an Tuberkulose erkrankten ersten Frau dort war; Daniel Stashower weist in seiner ebenso exzellenten wie amüsanten (leider schon lange nur noch antiquarisch oder per Fernleihe zu bekommenden) Biographie darauf hin, dass Watson weggelockt wird, um einer angeblich schwindsüchtigen englischen Touristin im Hotel beizustehen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #51
Natürlich kann nicht irgendein drittklassiger Wald-und-Wiesen-Raufbold eine solche Rolle übernehmen, da braucht es schon einen ebenbürtigen Gegner. Geboren war der Bandenchef mit dem universitären Hintergrund in der Biographie, ein kühler präziser Mathematiker, der aber "teuflische Anlagen" ererbt und somit im Blut hatte. Körperlich ist der Professor nicht mit Holmes zu vergleichen, während sich der logisch deduzierende Privatermittler auch sportlich betätigte und Boxen und Stockfechten, genauso wie Schießen zu seinen Hobbies zählte, ist Moriaty eher nur Organisator, groß und sehr schmal, mit gebückter Haltung und pendelndem Kopf, der die schmutzigen Dinge seinen Angestellten überlässt. Eigentlich kaum vorstellbar, dass der sich auf einen Zweikampf mit Holmes einlassen sollte...

Er mag zwar weniger muskulös sein, aber ansonsten ist der große, hagere Kopfmensch Moriarty eine Art "böser Zwilling" von Holmes, im Unterschied zu Blofeld, der gerade im Roman "Feuerball" physisch und von seinem Lebensstil her wie das krasse Gegenmodell zu Bond erscheint.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #51
Mit dem Nimbus des Sherlock Holmes wuchs auch gleichzeitig, seltsamer- und kaum verdienterweise der des Professors Moriaty.

Dazu trug möglicherweise auch bei, dass Holmes in einigen nach seiner Rückkehr in die Baker Street spielenden Kurzgeschichten fast nostalgisch von Moriarty spricht, der ein ebenbürtiger Gegener gewesen und nach dessen Ableben die Londoner Unterwelt langweilig geworden sei.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #51
Trotzdem bleibt die Frage interessant, ob nicht Professor Moriarty der erste literarische Superschurke war oder zumindest in dieser Rolle einem breitem Publikum bekannt wurde. Man kann es jedenfalls hinlänglich vermuten.

Zu seiner Popularität trug sicher auch bei, dass man bei Verfilmungen, die nicht "direkt" auf einer von Arthur Conan Doyle stammenden Geschichte beruhen, gerne auf ihn zurückgriff, so dass sicher viele, die mit dem Kanon selbst nicht genauer vertraut sind, denken, er sei dort allgegenwärtig. Tatsächlich kommt er nur in zwei Geschichten "direkt" vor und wird in einigen weiteren erwähnt.
Aber für eine Verfilmung bot er sich an. da diese Art von Superschurken im Film eben gut funktioniert.

Dr. Oberzohn Offline



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11.08.2022 10:19
#53 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Die Iren sind in solchen englischen Erzählungen häufig Bösewichter. Wegen des ewigen Konfliktes in Irland. Irgendwo hab ich mal gelesen, dass Doyle auch jemanden namens Moriarty kannte. Und dass er in seiner Jugend einen Professor hatte, der der Beschreibung nach auf seine fiktive Schöpfung passte.
Aber Doyle beschreibt Moriarty doch eher als Gelehrten, der sogar gebückt geht, was vom vielen Sitzen am Pult kommt etc. Nein, ich finde, als er es auf einen Zweikampf mit Holmes hat ankommen lassen, da ist mit dem Professor das irische Temperament durchgegangen und der messerscharfe kalte Verstand hat ausgesetzt...

Zu Moriartys Popularität trugen wohl wirklich die Nachdichtungen vieler Romaneschreiber und vor allem auch Filmemacher bei. Ist halt so ein Phänomen, im Prinzip gibt es zwei Arten von Superschurken:

1. Diejenigen, die von vornherein auf diese Rolle festgelegt sind. Die haben durchaus auch stets einen oder im Laufe der Zeit sogar mehrere Gegenspieler bei Polizei oder auch privat.
2. Diejenigen, die als Antagonismus auf eine bekannte positive Figur geschaffen wurden, im Gesamtkontext des diesbezüglichen Werkes aber nur einen mitunter nicht mal großen Teilaspekt bilden, sich aber durch die spätere Pop-Kultur zu den bekannten Großschurken mauserten und mitunter dann sogar eine eigenständige Biographie bekamen.

Zu den ersteren zählen etwa Dr. Fu-Man-Chu, Dr. Mabuse oder Fantomas ; zu Punkt zwei neben Blofeld oder Joker auf jeden Fall auch Professor Moriarty.

Dr. Oberzohn Offline



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13.08.2022 09:21
#54 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Entwicklung der Figur:

Im Originalwerk von Doyle ist mit dem Sturz in den Wasserfall für Professor Moriarty die Klappe endgültig zu. Sherlock Holmes taucht ja drei Jahre später in der Erzählung Das leere Haus wieder auf, beschreibt, wie er durch Anwendung einer zu diesem Zeitpunkt in England noch gar nicht offiziell eingeführten asiatischen Kampftechnik seinen Gegner buchstäblich zu Fall bringen konnte, erklärt halbwegs plausibel, wie er seine Spuren verwischte und was er die letzte Zeit so getrieben hat. Auch wenn Dr. Watson in der Vorgänger-Story über Holmes' vermeintlichem Tod behauptete, dass Moriartys Organisation restlos zerschlagen und alle Mitglieder verhaftet wurden, so erfährt man nun, dass einige und sehr gefährliche in Freiheit verblieben sind, allen voran Colonel Moran, der in Indien kleine Kinder als Lockmittel bei der Tigerjagd einsetzte. Nun endlich kann ihn Holmes festsetzen, das in Moriartys Auftrag gefertigte Spezial-Luftgewehr kommt zum Einsatz, doch der Detektiv überlebt auch das. Jetzt ist die Gefahr endgültig vorbei, fortan wird Sherlock in einigen Geschichten den verschiedenen Professor nochmal in nostalgischer Verklärung erwähnen, wenn er sich mal wieder mangels fordernder Arbeit besonders langweilt. Das beweist tatsächlich die Sonderstellung, die dieser Mann in Leben und Schaffen von Holmes' einnimmt und betont noch einmal seine Gefährlichkeit, doch er bleibt eine Erinnerung.
Natürlich konnte es bei den zahlreichen bis heute verfassten pastiches um Sherlock Holmes nicht ausbleiben, dass auch sein finsterster Widersacher immer wieder auftaucht und ihm wesentlich mehr Leben als in den ursprünglichen Geschichten eingehaucht wurde. Die Vorgeschichte des tödlichen Zusammentreffens der bekannten Kontrahenten wurde immer wieder neu ersonnen, ebenso das "finale Problem" selber detailliert beschrieben, und selbstverständlich gingen nicht wenige davon aus, dass es auch einem Genie wie Professor Moriarty gelungen sein sollte, den nassen Tod im Wasserfall zu umgehen und wie auch immer weiterzuleben. Die Varianten darüber sind mal mehr, mal weniger gelungen. Bekannt geworden ist das Buch Kein Koks für Sherlock Holmes (sicher auch durch die Verfilmung), bei dem das kriminelle Superhirn nur als neurotischer Auswuchs des überreizten drogenabhängigen Holmes beschrieben wird, Moriarty war lediglich der Hauslehrer und Verführer der Mutter des zukünftigen Meisterdetektivs. In Die Erdbebenmaschine, einem weiteren Roman aus den Siebzigern, hat der beim Absturz schwer verletzte Moriarty allerdings überlebt und will nun einen bösen und phantastischen Racheplan ausführen.
Daneben gibt es alle möglichen Varianten, die ihn mitunter auch zusammen mit Holmes in Phantasiewelten ansiedeln.
Etwas näher beschäftigen wollen wir uns hier mit dem Werk des Briten Anthony Horowitz, der vor etwa zehn Jahren zum ersten das bei uns unter dem Titel Das Geheimnis des weißen Bandes erschienene Buch The Silk House geschrieben hat. Bemerkenswert daran ist, dass die "Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate" das Werk als offiziellen einundsechzigsten Beitrag in den Sherlock-Holmes-Kanon aufgenommen hat. Dr. Watson hat sich hierin schwer damit getan, die Geschichte zu ihrer Zeit zu veröffentlichen, sind doch die Inhalte mit dem damaligen Zeitgeist unvereinbar, außerdem wäre der Skandal zu groß gewesen. Holmes wird zunächst Ende 1890 auf einen recht vertraut wirkenden Fall angesetzt. Ein Amerikaner, der sich in seiner Heimat mit einer Verbrecherbande angelegt hatte, fürchtet um sein Leben und das seiner Frau, da einer der Gangster entkommen konnte und scheinbar in der Nähe aufgetaucht ist. Die Ermittlungen laufen an, auch die "Irregulären " aus der Baker Street, von Sherlock ab und an für gewisse Aufträge eingesetzte Straßenkinder, kommen zum Einsatz, bis einer von ihnen ermordet wird. Holmes ist betroffen, er folgt der Spur des am Tatort aufgetauchten "weißen Bandes", die ihn bald zum Haus der Seide führen wird. Doch seine Gegner sind mächtig, ihre Verbrechen maßlos. Der nicht so mainstream-fixierte Leser wird in der Darstellung einer sogenannten "Elite" samt ihrer willfährigen Steigbügelhalter in wichtigen öffentlichen Positionen, die verabscheuungswürdige Perversionen auf Kosten einer rechtlosen Unterschicht ausüben und dabei missliebige Zeugen beseitigen lassen, durchaus Parallelen zu heutigen Ereignissen ziehen können; oder spult sich ein roter Faden durch die Jahrhunderte ? Wie dem auch sei, Englands größter Detektiv landet aufgrund einer Intrige im Gefängnis und ist in höchster Gefahr. Hier tritt nun, unvermutet und etwas bemüht, endlich auch wieder Professor Moriarty in Aktion, allerdings (noch) in anderer Mission als ein Jahr später. Man erfährt, dass der gute Watson bisher nicht nur seine Leser, sondern auch schockierenderweise seinen besten Freund Holmes angemogelt hat, was seine Kenntnisse über den späteren Großschurken anbelangt, denn dieser lässt den gerade ratlosen Doktor zu sich entführen und verpflichtet ihn zu absolutem Stillschweigen. Der Grund ist der, dass auch oder gerade ein mathematisch präzise agierender Bösewicht wie der abwegige Professor durchaus noch gewisse Grenzen hat, ab denen ihn Unmoral nur noch abstößt, und er sieht den bis dato von ihm eher mit freundlichem Interesse betrachteten Holmes als Schlüssel dazu, seine Ansichten durchzusetzen. So hat denn dieser letztlich ungeahnt durchaus auch seinem baldigen Todfeind zu verdanken, den schrecklichen Fall einigermaßen befriedigend abschließen zu können.
War das Auftauchen der berühmt-berüchtigten Figur in diesem Buch kaum mehr als eine Pflichtübung, so verfasste der Autor wenige Jahre später noch einen Roman mit dem vielsagenden Titel Moriarty (hier als Der Fall Moriarty veröffentlicht). Das Geschehen beginnt kurz nach dem berüchtigen Absturz in der Schweiz. Wir erfahren, dass eine mächtige amerikanische Verbrecherorganisation ihre Fühler nach England ausgestreckt hat und sich mit Moriartys Netzwerk verbinden wollte. Der angereiste Pinkerton-Detektiv Frederick Chase (als Ich-Erzähler) kann zusammen mit dem aus diversen Geschichten bekannten Yard-Inspektor Athelny Jones in Meiringen nur noch Moriartys vermeintliche Leiche bergen, wobei es eine Spur zurück nach London gibt und beide nun zusammenarbeiten. Der über den großen Teich gekommene amerikanische Boss, eine skrupellose Gestalt mit politischer Rückendeckung, will nun einfach Moriartys Platz einnehmen und dessen Geschäfte weiterführen. In Folge kommt es zu vielen Morden und blutigen Grausamkeiten (Doyle wäre darob entsetzt gewesen), beide Ermittler wollen ihren Gegner überführen und geraten schließlich scheinbar hoffnungslos in seine Fänge... Zimperlichkeit kann man Devereaux, dem amerikanischen Boss, wahrlich nicht vorwerfen, aber auch seine Widersacher arbeiten mit unlauteren Mitteln. Schließlich taucht der zwischendurch fast aus dem Blickfeld verschwundene Moriarty wieder auf, an einer unvermuteten Stelle und für den braven Leser in schockierender Art und Weise. Aber letztendlich heißt das Buch ja auch "Moriarty", oder ? Die Ereignisse bekommen plötzlich eine neue Bedeutung, auch der "Todessturz" in den Reichenbachfällen wird analysiert, wobei Moriartys Version die von Holmes an Unwahrscheinlichkeit noch weit übertrifft, aber sei es drum. Es wird angedeutet, dass sich der teuflisch intelligente Professor nach den USA begibt, um das dortige Gangstersyndikat zu übernehmen. Moriarty, der neue "Superpate" in den Vereinigten Staaten, der im Hintergrund genauso genialisch die Fäden zieht wie in Britannien, nur noch ein paar Nummern größer...(?) Würde immerhin erklären, warum er in England nicht mehr aufgetaucht ist.
Natürlich hat sich gerade das letzte Buch sehr weit vom Geiste des Holmes- und Moriarty-Schöpfers entfernt, bietet aber eine interessante Variante von Moriartys Werdegang.


Bezug zu Wallace:

Im Fahrwasser der deutschen Wallace-Film-Welle der sechziger Jahre wurde auch der schwarzweiße Sherlock Holmes und das Halsband des Todes gedreht, mit vielen Zutaten der Originalserie, eine Menge Tote, Nebel, Geheimnisse, ein bisschen Liebe... Wenngleich ein paar Oldtimer durch die Gegend fahren, könnte die Handlung mühelos auch im damaligen Wallace-Phantasie-England spielen, wobei neben dem von Christopher Lee gespielten Bakerstreet-Schnüffler auch der skrupellose Oberschurke Moriarty nicht fehlen darf. Den mimt Hans Söhnker gar nicht mal so übel.
Doch inwieweit haben sich Doyle und Wallace tatsächlich beeinflusst ?
Die beiden Kriminalschrifsteller waren Zeitgenossen, sehr bekannt, verkörperten im Prinzip jedoch sehr unterschiedliche Schreibstile. Sicher gibt es im Leben des sechzehn Jahre älteren Doyle einige Synchronizitäten oder zumindest bedeutsame Ereignisse zum Jüngeren. Der Burenkrieg, mit dem das neue Jahrhundert in seiner fortan vorherrschenden Totalität eingeläutet wurde, sollte für Conan Doyle letztlich die Erhebung in den Adelsstand ("Sir") bedeuten, hatte er doch als Verdienst am Empire in einem vielbeachteten Werk darüber das brutale britische Vorgehen verherrlicht. Auch für Wallace sollte der Krieg in Südafrika größere Bedeutung haben, durch Bestechung gelang es ihm, als Reporter als Allererster vom bevorstehenden Friedensvertrag Kenntnis zu erlangen und diese in einer Zeitung zu veröffentlichen. Der oberste Feldherr Kitchener setzte sich persönlich für ein Verbot von Wallace als Kriegsberichterstatter ein, doch der hatte sich als findiger Journalist einen Namen gemacht. Vielleicht noch wesentlicher war ein zweites Ereignis ein paar Jahre später, als Doyle (bei anderen Kolonialherren wesentlich kritischer eingestellt) in einem beiderseits des Atlantiks Aufsehen erregenden Aufsatz die "Kongogreuel" in der belgischen Kolonie in Zentralafrika anprangerte. Wallace sollte für seine Zeitung den heftigen Anschuldigungen vor Ort auf den Grund gehen, was zu einem mehrwöchigen Aufenthalt in Afrika führte, bei dem er zwar mit seinem eigentlichen Auftrag nicht sonderlich weit kam, aber jede Menge Erfahrungen und viele Notizen machte. Diese führten ein paar Jahre später zu seinen Afrika-Geschichten, die ihn das erste Mal als Schriftsteller einem breiteren Publikum populär machten und auch kontinuierlich einigermaßen Geld einbrachten. Wäre sein weiteres Leben ohne den gewissermaßen von Doyle inspirierten Afrika-Aufenthalt anders verlaufen? Wer kann es wissen...
Später versuchte Doyle Wallace als Nachfolger für den Vorsitz seiner spiritistischen Bewegung zu gewinnen, wurde aber brüsk abgewiesen.(Haben sich die beiden mal persönlich getroffen...?)
In seinen Büchern macht Edgar Wallace ab und an ein paar leicht ironische, doch keinesfalls abfällige Bemerkungen über Conan Doyle und seine Detektivfigur. Er schrieb sogar das Drehbuch für eine Anfang der dreißiger Jahre gedrehte Verfilmung über den legendären Baskerville-Hund. Das Gruselthema scheint ganz nach seinem Geschmack gewesen zu sein. Doch sein literarisches Werk erscheint vom Älteren gänzlich unbeeinflusst, der hatte seine Hoch-Zeit als Schriftsteller eher hinter sich, als Wallace gerade "voll im Stoff" war. Selbst die in den zwanziger Jahren erschienenen Sherlock-Holmes-Geschichten des fünften und letzten Bandes handeln immer noch im altmodischen Gaslaternen-London und sind damals schon Anachronismen, die viktorianische Ära ist zu dieser Zeit bei Edgar Wallace weitgehend überwunden. Wenn überhaupt, kann man vielleicht in dem schrulligen (Serien-)Detektiv Mr. Reeder eine Anlehnung an das große Vorbild Sherlock Holmes sehen. Und Professor Moriarty ? Gibt es Grund zu der Annahme, der Napoleon des Verbrechens hätte Pate gestanden etwa bei einem Mega-Unhold wie dem maskentragenden Amphibium? Wohl kaum, der eher biedere Professor ist zu wenig phantastisch dafür, und kriminielle Superhirne der Pulp-Literatur waren damals schon genügend vertreten, Fu-Man-Chu oder Fantomas schon vor dem ersten Weltkrieg etabliert. Bestenfalls ist der böse Moriarty nur einer von vielen, die die Phantasie des Thriller-Kings anregen konnten.

Fortsetzung folgt

Savini Offline



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13.08.2022 12:54
#55 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zu diesem langen Essay hätte ich nur ein paar kurze Anmerkungen:

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #54
Colonel Moran, der in Indien kleine Kinder als Lockmittel bei der Tigerjagd einsetzte.

Davon ist in keiner mir bekannten Ausgabe der Geschichte die Rede, auch nicht in der (für ihre Originalgetreue besonders gelobten) Haffmans-Übersetzung; dort erwähnt Holmes dem Colonel gegenüber bei dessen Überführung lediglich eine Methode, bei der der Jäger eine Ziege an einen Baum bindet, um den Tiger herbeizulocken.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #54
Wenngleich ein paar Oldtimer durch die Gegend fahren, könnte die Handlung mühelos auch im damaligen Wallace-Phantasie-England spielen

Gerade in Sachen Ausstattung und Kostümierung kann der Film sich offensichtlich nicht entscheiden, in welcher Zeit er eigentlich spielt; zumindest teilweise führte übrigens der Hammer-Routinier Terence Fisher Regie.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #54
Bekannt geworden ist das Buch Kein Koks für Sherlock Holmes (sicher auch durch die Verfilmung), bei dem das kriminelle Superhirn nur als neurotischer Auswuchs des überreizten drogenabhängigen Holmes beschrieben wird, Moriarty war lediglich der Hauslehrer und Verführer der Mutter des zukünftigen Meisterdetektivs.

Das Motiv, Moriarty zum einstigen Lehrer von Holmes zu machen (und beider Feindschaft dadurch zu begründen) scheint sehr beliebt zu sein: Bereits Jahre vor "Kein Koks" taucht es in der Biographie von William S. Baring-Gould und nach Nicholas Meyers Roman im Film
"Das Geheimnis des verborgenen Tempels"
auf.

Was mögliche Verbindungen zwischen Arthur Conan Doyle und Edgar Wallace angeht, so hatte ich vor einiger Zeit bereits den Verdacht geäußert, dass die Konstellation zwischen Derick Yale und Inspektor Parr im "roten Kreis" etwas an Conan Doyles Geschichten erinnert, da der auf konventionelle Methoden setzende Parr begriffsstutzig erscheint.
Yale wiederum wirkt überfeinert, durchgeistigt, hat überhebliche Züge und scheint asexuell zu sein (siehe eine Bemerkung von ihm am Ende).
Natürlich ist Holmes (anders als sein Verfasser in späteren Jahren) ein Rationalist und wendet rein wissenschaftliche Methoden an; aber es kommt öfter vor, dass er scherzhaft oder ernsthaft verdächtigt wird, übernatürliche Fähigkeiten zu haben, bevor er erklärt, wie er zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

15.08.2022 14:10
#56 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #55
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #54Colonel Moran, der in Indien kleine Kinder als Lockmittel bei der Tigerjagd einsetzte.Davon ist in keiner mir bekannten Ausgabe der Geschichte die Rede, auch nicht in der (für ihre Originalgetreue besonders gelobten) Haffmans-Übersetzung; dort erwähnt Holmes dem Colonel gegenüber bei dessen Überführung lediglich eine Methode, bei der der Jäger eine Ziege an einen Baum bindet, um den Tiger herbeizulocken.


Da bin ich wohl einem Irrtum aufgesessen. Hatte das so in Erinnerung, kommt bestimmt von der Brett-Verfilmung her. Aber ich glaube, in irgendeinem Holmes-Pastiche ging es da auch mal drum, als Sherlock Holmes in seiner Jugend in Indien Moran kennenlernte.
Naja, nobody is perfect !


Zitat von Savini im Beitrag #55
Das Motiv, Moriarty zum einstigen Lehrer von Holmes zu machen (und beider Feindschaft dadurch zu begründen) scheint sehr beliebt zu sein: Bereits Jahre vor "Kein Koks" taucht es in der Biographie von William S. Baring-Gould und nach Nicholas Meyers Roman im Film


Ja, da gehe ich nochmal bei den Verfilmungen drauf ein.


Zitat von Savini im Beitrag #55
Was mögliche Verbindungen zwischen Arthur Conan Doyle und Edgar Wallace angeht, so hatte ich vor einiger Zeit bereits den Verdacht geäußert, dass die Konstellation zwischen Derick Yale und Inspektor Parr im "roten Kreis" etwas an Conan Doyles Geschichten erinnert, da der auf konventionelle Methoden setzende Parr begriffsstutzig erscheint.
Yale wiederum wirkt überfeinert, durchgeistigt, hat überhebliche Züge und scheint asexuell zu sein (siehe eine Bemerkung von ihm am Ende).
Natürlich ist Holmes (anders als sein Verfasser in späteren Jahren) ein Rationalist und wendet rein wissenschaftliche Methoden an; aber es kommt öfter vor, dass er scherzhaft oder ernsthaft verdächtigt wird, übernatürliche Fähigkeiten zu haben, bevor er erklärt, wie er zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist.n


Ja, Yale ist, genauso wie Holmes, ein Künstler in seinem Metier. Wenngleich, wie schon erwähnt, Holmes definitiv alles Übersinnliche ablehnt. Parr ist der konventionelle Ermittler, dafür aber nicht so borniert dargestellt wie Lestrade, sondern eher kooperativ und im Endeffekt ja auch klüger als Yale…
Dass Yale komplett desinteressiert an Frauen ist, steht aber so auch nicht zur Debatte. Hat er der hübschen Thalia nicht sogar einen Heiratsantrag gemacht ? Natürlich konnte er sie nur wegen ihrer Klugheit bewundern (ähnlich wie Holme Irene Adler), ihre Schönheit ließ ihn relativ kalt, und er betrachtete Frauen wohl eher rational und nach ihrer Nützlichkeit, trotzdem ist er wohl nicht ganz so kalt wie der große Detektiv.

Savini Offline



Beiträge: 619

15.08.2022 15:43
#57 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #56
Ja, Yale ist, genauso wie Holmes, ein Künstler in seinem Metier. Wenngleich, wie schon erwähnt, Holmes definitiv alles Übersinnliche ablehnt.

Yale sicher auch, wie bei der zweiten Lektüre klar sein dürfte.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #56
Parr ist der konventionelle Ermittler, dafür aber nicht so borniert dargestellt wie Lestrade, sondern eher kooperativ und im Endeffekt ja auch klüger als Yale…

Auch das ist erst nach einiger Zeit klar, der letzte Punkt sogar erst bei der erneuten Lektüre. Anfangs wirkt es wie die von ACD etablierte Version eines durchgeistigten Privatdetektivs, der der engstirnigen, traditionellen Methoden verhafteten Polizei überlegen ist. Man darf nicht vergessen, dass Wallace 1922 erst dabei war, sein typisches Schema zu entwickeln; in späteren Romanen waren bei ihm bekanntlich die Helden oft selbst Polizeibeamte. Übrigens ist Lestrade keineswegs in allen Geschichten so borniert wie er in Verfilmungen mitunter dargestellt wurde (das gilt auch für andere Vertreter der Polizei). In einer Geschichte wagte Conan Doyle es sogar, einen Inspektor auftreten zu lassen, der unabhängig von Holmes ebenfalls auf den richtigen Täter gekommen war.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #56
Natürlich konnte er sie nur wegen ihrer Klugheit bewundern (ähnlich wie Holme Irene Adler), ihre Schönheit ließ ihn relativ kalt, und er betrachtete Frauen wohl eher rational und nach ihrer Nützlichkeit, trotzdem ist er wohl nicht ganz so kalt wie der große Detektiv.

Holmes´ Haltung zum anderen Geschlecht ließe sich allerdings (wenn man sich auf den Kanon beschränkt und dabei etliche Pastiches und Verfilmungen auslässt) ebenso beschreiben wie du es in Bezug auf Yale soeben getan hast.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

15.08.2022 21:31
#58 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Bezüglich Yales übersinnlicher Begabung: Derrick Yale hat es aber geschafft, einem Polizisten anhand eines Ringes (o.ä.) dessen ganze Lebensgeschichte sowie ein bislang gut gehütetes persönliches Geheimnis zu erzählen. Hier lässt Wallace zumindest offen, ob Yale nicht doch psychometrische Fähigkeiten besaß. Und er weist auch immer auf Yales diesbezügliche Fertigkeiten hin, wenngleich es bei der Aufklärung der Auftragsmorde natürlich am Ende eine rationale Erklärung gibt.

Und Lestrade ist kein so grenzdebiler Dussel wie in einigen Verfilmungen, seine anfängliche Borniertheit weicht dann in den späteren Geschichten schon einer positiveren Darstellung. Wobei eigentlich Doyle die Kriminalpolizisten nie als dumm hinstellt, sondern eher stets als kooperationswillig, so weit in Erinnerung.

Savini Offline



Beiträge: 619

16.08.2022 08:21
#59 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #58
Bezüglich Yales übersinnlicher Begabung: Derrick Yale hat es aber geschafft, einem Polizisten anhand eines Ringes (o.ä.) dessen ganze Lebensgeschichte sowie ein bislang gut gehütetes persönliches Geheimnis zu erzählen. Hier lässt Wallace zumindest offen, ob Yale nicht doch psychometrische Fähigkeiten besaß. Und er weist auch immer auf Yales diesbezügliche Fertigkeiten hin, wenngleich es bei der Aufklärung der Auftragsmorde natürlich am Ende eine rationale Erklärung gibt.

Diese Stelle hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Auch wenn es bei der Auflösung später nicht erklärt wird, kann man sicher sein, dass Yale auf anderem Weg an diese Informationen gelangt ist. In den "1000 Augen des Dr. Mabuse" "beweist" Cornelius Travers gegenüber seine hellseherischen Fähigkeiten ja u. a. auch damit, dass er einen Vorfall beschreiben kann, bei dem der Amerikaner in seiner Suite scheinbar allein und unbeobachtet war. Und wenn Yale auch nur ansatzweise übersinnliche Fähigkeiten hätte, wäre das Finale des Romans sicher etwas anders verlaufen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #58
Und Lestrade ist kein so grenzdebiler Dussel wie in einigen Verfilmungen, seine anfängliche Borniertheit weicht dann in den späteren Geschichten schon einer positiveren Darstellung. Wobei eigentlich Doyle die Kriminalpolizisten nie als dumm hinstellt, sondern eher stets als kooperationswillig, so weit in Erinnerung.

Im ersten Roman ("Eine Studie in scharlachrot" erscheinen die ermittelnden Inspektoren Lestrade und Gregson durchaus als inkompetent, da beide falsche Spuren verfolgen und jeweils Unschuldige verdächtigen. In dem Roman "Das Zeichen der Vier" gibt es einen Inspektor Jones, der kurzerhand den Bruder und nahezu die komplette Dienerschaft eines Ermordeten verhaftet, obwohl Holmes ihm Indizien präsentiert, die auf einen Täter von außerhalb hindeuten (den er sogar identifizieren und beschreiben kann). Die Überheblichkeit und Verbohrtheit des Inspektors wird durchaus spöttisch kommentiert. Im "Baumeister von Norwood" verhaftet Lestrade auch prompt einen Verdächtigen, obwohl Holmes gleich zu Beginn darauf hinweist, dass einige Argumenten auch eine andere Sicht auf den Fall zuließen (was Lestrade nicht ernst nimmt).

Aber um zum "eigentlichen" Thema zurückzukommen: Eine Gemeinsamkeit zwischen ACD und Edgar Wallace bestand natürlich darin, dass beide eine Verbrecherorganisation namens "roter Kreis" erschufen. Das gilt allerdings nur für die deutschsprachige Leserschaft, da "red" und "crimson" nicht ganz dasselbe bedeuten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

16.08.2022 12:21
#60 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #59
Und wenn Yale auch nur ansatzweise übersinnliche Fähigkeiten hätte, wäre das Finale des Romans sicher etwas anders verlaufen.

Man darf da das klassische Hellsehen nicht mit der Yale'schen Psychometrie verwechseln, die sich ja auf Ereignisse in der Vergangenheit bezieht. Sicher, wenn man das blöd und unglaubwürdig findet, wirft man alles in einen Topf. Übrigens kannte ich wirklich mal jemanden, der so was mitunter erstaunlich gut konnte. Und ich bin mir sicher, dass der nicht der Anführer einer weitverzweigten Verbrecherorganisation war...

Zitat von Savini im Beitrag #59
Aber um zum "eigentlichen" Thema zurückzukommen: Eine Gemeinsamkeit zwischen ACD und Edgar Wallace bestand natürlich darin, dass beide eine Verbrecherorganisation namens "roter Kreis" erschufen. Das gilt allerdings nur für die deutschsprachige Leserschaft, da "red" und "crimson" nicht ganz dasselbe bedeuten.

Ja, Doyle und die Geheimgesellschaften. Der Rote Kreis, ein Ableger der berühmt-berüchtigten Carbonari, war auch eine gefährliche kriminelle Organisation, deren Verästelungen es sogar aus dem gesetzlosen Südeuropa ins viktorianische London verschlug. Eine entartete Freimaurerloge spielte bei ACD auch eine Rolle, ebenso wie der Ku-Klux-Klan. Sogar auf die italienische Mafia wird mal Bezug genommen. Im ersten Werk spielen die Mormonen eine Rolle. Und -natürlich- die Krönung des Ganzen ist die teuflische Organisation des Professor Moriarty. Wobei alle diese Dinge letzten Endes doch immer irgendwie auf persönliche private Delikte hinauslaufen.

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