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Dieses Thema hat 49 Antworten
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Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

18.02.2021 20:55
#31 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Entwicklung der Figur:

Die SPECTRE-Trilogie liegt im letzten Drittel des Schaffens von Ian Fleming. Bisher hatte es schon jede Menge illustre Schurken gegeben. Etwa den an den Schwarzmagier Aleister Crowley erinnernden Le Chiffre, den Dr.-Fu-Manchu-ähnlichen Dr. No, den von König Midas inspirierten Auric Goldfinger. Sie alle standen letztlich im Solde Moskaus, genauso wie der schwarze Großgangster Kananga, sogar der verkappte Nazi Hugo Drax arbeitete für die Sowjets.
Um 1960 war im Kalten Krieg so etwas wie Tauwetter eingetreten. Was, wenn nun der Feind jenseits der Grenze des glorreichen Westens plötzlich nicht mehr ausschließlich die Wurzel allen Übels auf dem Erdball ist ? Man ist sich in der Bond-«Forschung» wohl darüber einig, dass SPECTRE ein Versuch Flemings war, den (vorübergehend) neuen Zuständen Rechnung zu tragen. Tatsächlich sinniert Bond in Feuerball mit seinem alten CIA-Kumpel Felix Leiter mal kurz und kritisch darüber, was der ganze "Kram" eigentlich noch soll. Damals gab es noch nicht den «Krieg gegen den Terror» als Rechtfertigung für die Weiterexistenz von aufgeblähten Geheimdienst-Apparaten. Aber die «Spezialeinheit für Spionage, Terrorismus, Rache und Erpressung», die in diesem Buch erstmals auf der Bildfläche erscheint, ist ein etwas diffuserer Gegner, den man gut in die eine oder auch andere Richtung schieben kann. Ihr Chef und Gründer, Ernst Stavro Blofeld, ist in Lebensführung das blanke Gegenteil zu James Bond. Er raucht nicht, verschmäht Alkohol und scheint komplett asexuell zu sein, trotz ehemaliger körperlicher Fitness hat er einiges an Fett angesetzt, zudem stammen seine Vorfahren aus verschiedenen Gegenden, Polen, Griechenland und eine Generation vorher auch aus Deutschland. (Da haben viele Bond-Bösewichte ihre Wurzeln, denn Fleming hat dem ehemaligen Kriegsgegner noch lange nicht verziehen). Im Hinterzimmer oder besser gesagt Hinter-Konferenzsaal eines Tarn-Institutes trifft man sich zur Geschäftssitzung. Als teambildende Maßnahme, um seine Spießgesellen für die gemeinsame Sache noch mehr zusammenzuschweißen, nimmt der Anführer ab und an notwendige Exekutionen an illoyalen Mitgliedern höchstpersönlich auf phantasievolle Weise vor. Hier wird beim aktuellen Meeting, ähnlich wie im Film, ein Opfer durch einen Stromschlag "gegrillt".
Dabei setzt sich SPECTRE aus Mitgliedern unterschiedlicher krimineller staatlicher oder privater Organisationen zusammen, etwa dem ehemaligen faschistischen deutschen RSHA, der stalinistischen sowjetischen SMERSH (Bonds bisheriger Lieblingsfeind), der korsischen Mafia Union Corse, der sizilianischen Cosa Nostra usw. Nach kommunistischem Vorbild bildet Blofeld aus den gut zwanzig Mitgliedern daraus Dreierteams. Natürlich gibt es noch jede Menge gedungene Handlanger und angeworbene Experten, wobei auch hier die Strafe für Versagen kompromisslos ausfällt. (Graf Lippe, der durch eine private Fehde mit Bond den Terminplan des Feuerball-Projektes gefährdet, wird beispielsweise in seinem Auto mittels Explosivgeschoss von der Straße gefegt).
Bemerkenswerterweise hat SPECTRE auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs seine Agenten. In einer Welt, die scheinbar aus zwei undurchdringlichen gegensätzlichen Machtblöcken besteht, fungiert Blofelds Schöpfung schon als supra-nationale Gesellschaft, welche den Kalten Krieg für ihren persönlichen Vorteil ausnutzt, indem sie bei Bedarf gegen entsprechende Entlohnung für die Geheimdienste beider Systeme Liquidationen durchführt, ohne direkt unter ihrem Namen in Erscheinung getreten zu sein. Das ändert sich jetzt, das NATO-Projekt mit den entführten Atombomben und angedrohtem Nuklearschlag bei Nichterfüllung der Millionen-Forderung soll das letzte und größte sein, danach will sich Herr Blofeld aufs Altenteil zurückziehen. Der Chef tritt den Rest des Buches nicht mehr direkt in Erscheinung, da sich am weiteren Handlungsort Jamaika das hochrangige Mitglied Emilio Largo (in stetem Kontakt zum Oberboss) um alles kümmert. Nach dem spektakulären Scheitern der Feuerball-Aktion scheint SPECTRE zerschlagen, bis es zu den Ereignissen im besprochenen Im Geheimdienst Ihrer Majestät kommt.
Nach dem Tod von Bonds frisch angetrauter Frau Tracy (sorry für den Spoiler, aber das sollte ja nun wirklich bekannt sein) wird der daraufhin demoralisierte und unzuverlässig gewordenen Bond von seinem Chef M in dem Roman Man lebt nur zweimal als letzte Chance nach Japan abkommandiert, wo er bei dem japanischen Geheimdienst-Führer Tiger Tanaka eine diplomatische Mission erfüllen soll. Der Clash der Kulturen liest sich sehr amüsant und lehrreich, vor allem durch den Mund von Tanaka stellt Fleming seine Ansichten über die Degeneration des Westens zur Debatte, wobei Bond, dem Mann für "Aufräumarbeiten", das ständige Abdriften in die Politik überhaupt nicht zusagt. Doch es geht ja hier um Blofeld. Ja, auch die Nemesis des Geheimagenten mit der Doppelnull tritt wieder auf den Plan, hier in Gestalt des Schweizer Dr. Guntram Shatterhand, welcher ein japanisches Schloss gekauft hat und dessen vulkanischen Garten durch Pflanzung giftiger Gewächse und Ansiedlung gefährlicher Tiere in eine Todeszone verwandelt hat. Dort pflegt der Inhaber mit angelegter Samurai-Rüstung an der Seite seiner vermummten Geliebten Irma Bunt zu lustwandeln. Exzentrisch, doch nicht allzu schlimm, sollte man meinen. Leider wird der Ort als Mekka für Selbstmörder auf ihrem letzten Gang genutzt, die in Japan aufgrund der dortigen Ehrvorstellungen häufiger auftreten als in Europa. In den neun Monaten seines Bestehens gibt es schon über 500 Opfer, der Schlossbesitzer unternimmt offiziell zwar einige halbherzige Versuche zur Eindämmung der massenhaften Tode, doch in Wahrheit genießt er es, wobei seine Wachen, allesamt Ex-Mitglieder der berüchtigten Geheimgesellschaft Schwarzer Drachen, bei zaudernden Harakiri-Anwärtern gerne auch mal nachhelfen. Das alles ist sogar für das Verständnis der japanischen Regierung zu viel, der gaijin muss beseitigt werden, am besten durch einen seinesgleichen, also den vom Schicksal gesandten Berufskiller Bond.
Ihrer Majestät Agent bemerkt erst später, dass es sich um seinen Erzfeind handelt, was er wohlweislich verschweigt, um private Rache nehmen zu können. Trotz der wiederum erfolgten Änderungen an seiner körperlichen Erscheinung, einer auffälligen und aufwändigen Lieblingsmaßnahme des verbrecherischen Superhirns, hat ihn Bond auf einem Foto erkannt.
Blofelds Tage sind nun gezählt, obwohl mit Sicherheit wahnsinnig, sieht er sich in der Tradition großer Dichter und Philosophen und ist und bleibt ein unglaublich guter Organisator. Doch im Gegensatz zur Filmreihe ist er kein Stehaufmännchen, sondern endlich.

Auffällig ist bei aller Gegensätzlichkeit von Bond und Blofeld deren synchrone Lebensstellung. Befindet sich Blofelds SPECTRE im ersten Auftreten noch auf der Höhe seiner Macht, so ist auch Bonds Stellung im Secret Service am effektivsten. Im zweiten Buch hat sich Erzgauner "Comte de Bleuville" noch einmal aufgerafft, aber er denkt schon massiv an den Rückzug ins Private, während sich auch bei James Bond Verschleißerscheinungen einstellen und er von seinem bisherigen Leben angewidert ist. Die Pläne beider Männer gehen schief, im letzten Teil ist Blofeld immer noch reich und mächtig, aber schon eine gejagte Person in ihrem abgelegenen Fluchtort, ohne internationale Organisation mehr. Sein bisher wie geölt funktionierender Kontrahent im Staatsauftrag dagegen befindet sich in einer Lebenskrise, und man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, dass er von seinem Job die Nase voll hat. Wenn Blofeld auch am Ende das Zeitliche segnet, kommt Bond nur mit erheblichen Blessuren davon und treibt buchstäblich einem ungewissen Schicksal entgegen.
Allerdings geht es dann mit dem kurzzeitig schwächelnden Elitespion im nächsten und letzten Roman im alten und gewohnten Fahrwasser weiter, der Kalte Krieg ist wieder mal unter den Gefrierpunkt gerutscht und «Rotland» der alleinige Gegner, eine Tendenz, die sich schon im letzten Teil des SPECTRE-Zyklus angedeutet hatte.

Die "Bondologen" gehen davon aus, dass der smarte Geheimagent autobiographische Züge von Ian Fleming trägt und gewissermaßen dessen Alter ego ist, welches er so nie erreicht hat. Zu Ernst Stavro Blofeld scheint der Autor ebenfalls eine gewisse Beziehung gehabt zu haben, dessen Geburtsdatum mit seinem eigenen auf den Tag genau übereinstimmt. Vielleicht ist er sogar sowas wie Flemings dunkle Seite, denn auch der Finstermann Blofeld hat im zweiten Weltkrieg an der Front des «Kriegs im Dunklen» gekämpft. Sein Job beim polnischen Post- und Fernmeldewesen hatte ihm in Friedenszeiten zu großen Gewinnen bei Aktienspekulationen verholfen, später verriet er Geheimnisse an den deutschen Geheimdienst, noch später, jetzt schon mit eigener Organisation in der neutralen Türkei, verschaffte er den Alliierten Zugang zu wichtigen Geheimnissen. Alles natürlich für viel Geld, ohne Ideologie, mit einem durchaus abstrakten Sinn für geschäftliches Fairplay, welchen er bis zum Schluss beibehalten sollte.

Im Hinblick auf Bond-Welle der Sechziger ist vielleicht noch erwähnenswert, dass Feuerball und Im Geheimdienst Ihrer Majestät sich noch recht stark an die Buchvorlage halten. Man lebt nur zweimal weicht dann sehr stark von Flemings literarischem Konstrukt ab, wobei trotzdem noch der eine oder andere Fingerzeig darauf geblieben ist.
Die Unlogik des Nichterkennens von "Sir Hilary Bray" als James Bond auf Seiten Blofelds in seiner Miniatur-Alpenfestung geht darauf zurück, dass er in der Blofeld-Trilogie seinem beharrlichen Plänezerstörer das erste Mal leibhaftig gegenübersteht, das Japan-Abenteuer erst danach kommt.

Wenngleich sich Blofeld unter kräftigem Mitwirken von Bond zuletzt aus dieser Welt verabschiedet, taucht seine SPECTRE-Organisation neubelebt wieder zwischen Buchdeckeln auf, vor allem in den Werken des Autors John Gardner, der die offizielle literarische Nachfolge Flemings antrat. Mal ist es eine illegitime Tochter Blofelds, mal ein undurchsichtiger Geschäftsmann, die die Vereinigung zu alter Größe führen wollen. Die Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion ist erstaunlich zählebig.


Bezug zu Wallace:

Die Bond- sowie die Wallace-Filmwelle begannen etwa zur gleichen Zeit, sogar einige Schauspieler agierten in beiden im Prinzip doch sehr verschiedenen Serien. Aber was haben Ian Fleming und Edgar Wallace gemeinsam ? Beide haben als Journalist gearbeitet, beide lebten ziemlich exzessiv, hatten ein großes Faible für Glücksspiel. Beide starben frühzeitig im Alter von 56 Jahren. Sie waren sehr bekannt in ihrer Heimat, es gibt eine kuriose Geschichte von einem weiblichen Medium, das die Erzählungen der beiden und weniger anderer Autoren nach deren Tod weiterspann, angeblich durch deren Geist. Britannien ist halt das Land des Übersinnlichen, doch wie es scheint, weist gerade der Grundplot des besprochenen Romans auf zumindest einen handfesten Zusammenhang, wo Wallace den Jüngeren beeinflusst haben könnte. In seinem kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg erschienenen Reißer Der grüne Brand schildert Wallace die Mär eines skrupellosen Wissenschaftlers namens Harding, welcher böswillig die gesamte britische und weltweite Weizenernte vernichten will, um sich durch Aktienspekulationen mit seinen eigenen Anbaugebieten in Südamerika schamloszu bereichern. So weit jedenfalls die deutsche Übersetzung, im englischen Original heißt der Fiesling wohl van Heerden, ist Deutscher und will mit seiner auf England und Restwelt losgelassenen Seuche, dem "Grünen Brand", durch diese Maßnahme den angeblich vollen Kornkammern Deutschlands (und den im Zugriff befindlichen Russlands) auf dem Weltmarkt eine Aufwertung verschaffen, damit das Getreide teuer verkauft werden kann (wohl um Rache zu nehmen und den Krieg wieder weiterführen zu können). Im Anblick der tatsächlichen Lage in Deutschland 1919 lächerlicher Unsinn, aber der gute Edgar ließ sich ja stets gerne vor den Propaganda-Karren spannen...
Im Hinblick auf Blofelds Machenschaften auf dem schweizerischen Piz Gloria allerdings eine frappierende Übereinstimmung. In Vorgehen und Motivation gibt es schon große Parallelen. Ein geheimes Labor. Überall auf der Erdkugel in den Zielorten Helfer, die auf den Tag X warten. Der Schurke hat, wie schon oben angemerkt, auch einen Teil deutsches Blut in den Adern. Kann natürlich alles auch nur Zufall sein, aber mit Sicherheit hat Fleming auch die Thriller seines älteren Kollegen gelesen. Scheint eine gewisse Vorliebe für Krimis gehabt zu haben, er äußert sich in On Her Majesty's Secret Service durchaus positiv über Agatha Christie und Rex Stout. Zudem hat er sich ganz offensichtlich auch von anderen Autoren inspirieren lassen. Das letzte Blofeld-Buch mit dem "Todesgarten" voller giftiger Tiere und Pflanzen hat sicher Sax Rohmers Fu-Man-Chu als Paten, der solcherlei Spielereien über alles liebte. Dazu passt auch die bösartige Falltür im Inneren der Schreckensburg. Und Blofelds Deckname Guntram Shatterhand stammt tatsächlich von einem Deutschland-Besuch, wo Ian Fleming den Namen von einem alten Hamburger Cafe übernommen haben soll, welches ihm aufgefallen war. Seltsamerweise konnte man in Karl Mays Heimatland mit dem Namen nichts anfangen und hat ihn erst mal lange Zeit in Guntram Martell geändert. Wobei der allerneueste Bond-Film lange Zeit unter dem Arbeitstitel Shatterhand gedreht worden sein soll.


Verfilmungen:

Blofeld und seine Organisation sind als Gegner von Bond im Sechziger-Jahre-Abschnitt der Bond-Reihe fast allgegenwärtig, bis Anfang der Siebziger mit Roger Moore als Helden eine andere Ausrichtung begann, trotzdem auch in den achtziger Jahren noch mal vereinzelt Blofeld. Danach lange Zeit nichts, bis die Figur in den Craig-Bond-Filmen Ihre Auferstehung fand. Daneben auch in Parodien, wie Michael Myers «Dr. Evil», als Anspielung vertreten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

22.02.2021 17:59
#32 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Die «klassische» frühe James-Bond-Reihe

Im Jahre 1962 betrat Flemings bis dahin noch gar nicht so legendärer Agent James Bond die Leinwand. Sean Connery war es hier zum ersten Mal, der im Dienste Ihrer Majestät ungestraft killen durfte und der gegen den bösen Dr. No zu Felde zog. Dieser Finstermann mit den kräftigen Händen machte nicht nur der venusgleich aus den Fluten entstiegenen Ursula Andress jede Menge Scherereien, sondern auch den Amerikanern im gar nicht so weit entfernten Cape Canaveral beim Raketenschießen. Zum ersten Mal erfuhr der Zuschauer hier von der Existenz einer schrecklichen Organisation, innerhalb der der Chinese mit dem kurzen Namen als eine Art Sektionschef diente. Obwohl in diesem und auch in anderen Filmen der Name des perniziösen Vereins in der deutschen Synchro verschieden ist, handelt es sich doch stets um das selbe Unheil – um SPECTRE. Im nächsten Film können wir schon einen kurzen Blick auf das richtige Oberhaupt werfen, wobei die Rolle von Ernst Stavro Blofeld im Laufe der Zeit beständig weiter ausgebaut wird. Mal vom kongenialen Schurken Goldfinger abgesehen, scheint die Ära bis zum letzten Einsatz von Connery als 007 eine Art Privatkrieg zwischen dem kleinen MI6-Angestellten und dem kriminellen Planer allerlei phantasievoller Großprojekte zu sein.
Markenzeichen Blofelds ist neben seinem dekadenten Hang zur Bestrafung unperfekter Mitglieder mittels ausgefallener Todesarten vor allem auch seine weiße Perserkatze, wohl das einzige Lebewesen, für das er so etwas wie Zuneigung empfindet. Auffällig auch der Darstellerwechsel in den Filmen, allerdings, wie schon angedeutet, gar nicht so abwegig zu seiner «realen» Vorlage hin.
Mit dem Auftreten Roger Moores als neuerliche Inkarnation des smarten Geheimagenten mit der Doppelnull war erst mal Schluss mit dem größenwahnsinnigen Katzenfreund, einmal noch tauchte der kurz auf, um scheinbar endgültig einen Schlussstrich unter dieses Kapitel zu ziehen.


Liebesgrüße aus Moskau (Original: From Russia with Love) – 1963

Regie: Terence Young

SPECTRE hat einen perfiden Plan ausgeheckt. Aus Rache für den Tod des verdienstvollen Firmenmitarbeiters Dr. No und aus Gewinnstreben will man den britischen Agenten mit der Personalnummer 007 (Sean Connery) sowie eine ausgesuchte sowjetische Konsulatsmitarbeiterin in Istanbul namens Tatjana Romanowa (Daniela Bianchi) in ein kunstvoll verworrenes geheimdienstliches Spiel verwickeln, in dem es um eine russische Dechiffriermaschine als Köder für den MI6 geht. Am Ende soll der Tod des Feindes sowie der Besitz der Wundermaschine aus «Rotland» für SPECTRE stehen.
Auf deren Seite tummelt sich dieses Mal schon recht viel Personal. Da gibt es den eitlen und in seine Genialität verliebten Schachweltmeister Kronsteen, die in die großkriminelle Privatwirtschaft übergelaufene SMERSH-Agentin Rosa Klebb (Lotte Lenya) mit ausgefallenem Schuhwerk, den brutal-intelligenten Saboteur Donald Grant (Robert Shaw) oder auch einen mörderischen Handlanger namens Morzeny, von dem später als General Gogol bekannt gewordenen Walter Gotell gespielt. Natürlich erscheinen auch noch jede Menge andere Bösewichter. James Bond hat bei diesem Auftrag kaum Verbündete an seiner Seite, nur der in Istanbul ansässige Kerim Bey erweist sich als treuer Freund. Sie werden in Attentate, Überfälle und Intrigen verwickelt, Bond scheint beim Kampf in einem Zigeunerlager einen dunklen Schutzengel zu haben und tritt in amouröser Mission unwissentlich als Hardcore-Darsteller auf. Tatjana, die sich angeblich in ihn verliebt hat, denkt immer noch, alles für Mütterchen Russland zu tun. Schließlich schnappt die Falle von SPECTRE zu, es gibt eine legendäre Schlägerei in einem Expresszug, Verfolgung durch Hubschrauber und ein Flammeninferno im Mittelmeer. Romanowa muss sich am Ende zwischen (vermeintlicher) Pflicht und (nicht mehr geheuchelter) Liebe zu James entscheiden, da haben die Schurken im Hintergrund kaum Chancen…

Erster direkter Auftritt von Mr. Blofeld. Gespielt wird er von dem schon im Vorgängerfilm als Bösewicht chargierenden Peter Dawson. Man sieht ihn aber tatsächlich eher phantomhaft, die Hände agieren, Gesicht und andere Körperteile bleiben verborgen. Er erweist sich hier generell als «tierlieb», neben seinem weißhaarigen Schoßtier hat er eine Vorliebe für Kampffische in einem Aquarium auf seinem Schreibtisch entwickelt. In seinen Plänen will er die verfeindeten Geheimdienste Britanniens und Russlands genauso aufeinander loshetzen, letzten Endes der lachende Dritte sein, wie seine Katze, die schließlich mit den ermatteten kiemenatmenden Kontrahenten gefüttert wird. Kein schlechter dramaturgischer Einfall, gleichzeitig erfüllt hier der ominöse Halunke die Funktion, die politische Aussage des Romans zu entschärfen, wo die ganze Aktion von der sowjetischen SMERSH («Tod den Spionen») geplant war. Diese noch zur Kriegszeit gegründete Organisation bediente sich sehr rücksichtsloser Methoden und avancierte zu einem Hauptfeind Bonds. Aber im Film ließ man lieber Blofelds Verein auftreten, er spielte das erste Mal die Rolle des quasi überparteilichen, nur auf Eigennutz bedachten Masterminds im Hintergrund, wie auch in den späteren Verfilmungen. Versagen wird wie Verrat oder Untreue mit dem Tod bestraft, hier erfolgt eine Hinrichtung mit einer vergifteten Schuhspitze direkt in Blofelds Gegenwart, was er immer zu schätzen scheint. Nein, mit diesem Superschurken ist nicht zu spaßen !

From Russia with Love ist ein wirklich guter Agentenfilm mit einer fast noch realistischen Handlung, SPECTRE samt Chef ist eine Gruppe, die durchaus bedrohlich wirkt.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.402

22.02.2021 19:10
#33 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Sehr schöne Besprechung. Man könnte vielleicht noch den Bezug zu Wallace herstellen, indem man erwähnt, dass Walter Gotell in den Narzissen gespielt und Eric Pohlmann, Blofelds Stimme im englischen Original, in der Orchidee. Lustig, beide in den Blumen-Wallace, fällt mir gerade auf.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

23.02.2021 09:09
#34 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Vielen Dank !

Ja, Gotell ist augenfällig. Selbstverständlich auch Christopher Lee, „Der Mann mit dem goldenen Colt“ als auch amerikanischer bzw. chinesischer Ermittler bei Wallace. Und, natürlich, Uns Karin. Bei Bond darf sie mal so richtig das ungezogene Mädchen spielen, sogar den gefesselten Helden mit einem Messer bedrohen. Wenn man das mit ihrer Rolle etwa bei der Schreckensbande vergleicht, wo sie mehrmals in der gleichen Position das gleiche Schicksal erdulden musste, kann man wohl schon von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen.
Im Bond-Unterforum gibt es da zu dem Thema „Schauspieler“ einen schon älteren, nur leider angefangenen Thread.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

24.02.2021 18:11
#35 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Feuerball (Original: Thunderball) – 1965

Regie: Terence Young

Kurze Zeit nachdem James Bond (Sean Connery) einen hochrangigen Mitarbeiter von SPECTRE getötet hat, trifft sich die Organisation in Paris. Vorsitz führt ihr Chef Blofeld persönlich (wieder mal von Anthony Dawson gespielt). Hier stellt er das bisher ehrgeizigste Projekt vor, die Erpressung der NATO-Staaten durch die Entführung eines Kampfflugzeuges mit zwei Atombomben. Während Bond eine Erholungskur in einer Klinik verbringt, rollt die verbrecherische Aktion im nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt ab. Da ein Teil der Verschwörer zufällig in der Klinik zu tun hat, bemerkt auch Bond allerlei Seltsames. Ein weiteres SPECTRE-Mitglied versucht ihn umzubringen und wird bald selber exekutiert. Aber nun erfolgt eine Dringlichkeitssitzung des Secret Service, Bond wird durch eigenes Betreiben nach Jamaica versetzt, wo er die verschwundenen Nuklearwaffen vermutet. Er stößt auf die schöne Domino Derval (Claudine Auger) sowie ihren „Vormund“ Emilio Largo (Adolfo Celi). Der ist als Nummer 2 Hauptakteur der kriminellen Erpressungsaktion. Nun folgen die üblichen Verwicklungen, Mordanschläge, Entführungen, Casinoduelle, jede Menge Tauchgänge und amouröse Eskapaden, bis am Ende eine beeindruckende Unterwasserschlacht zwischen den guten und den bösen Jungs tobt. Largo ereilt durch die Hand seiner ehemaligen Geliebten sein Schicksal, bevor auch seine Lieblingsjacht Disco Volante in einem „Feuerball“ verschwindet. Die Atombomben sind sichergestellt, der große Hintermann der Geschichte ist allerdings noch frei.

Der technische Aufwand des Filmes besonders unter Wasser ist immer noch beeindruckend. Aber auch die Intrige, die in dem Raub der gefährlichen Bomben endet, ist für die Verhältnisse der Bondfilme ungemein sorgfältig entwickelt, komplexer und fast noch überzeugender als im Buch. Obwohl die screentime des Paten Blofeld sehr begrenzt ausfällt, wirken er und seine Organisation hier aufgrund der kalten Geschäftsatmosphäre besonders bedrohlich und mächtig. Der Boss ist wieder nur separiert sitzend ohne Gesicht, dafür mit Miezekatze zu sehen. Alle hochrangigen Mitglieder des weltweit operierenden SPECTRE sind zum Rapport angetreten, ein betrügerisches Subjekt wird mittels Stromschlag exekutiert, wie in der Vorlage. Die Nähe dazu ist auch sonst recht groß, wenngleich die Handlung durch einige zusätzliche Episoden ausgeschmückt wurde. Ein Pool mit Goldgrotten-Haien auf Largos Anwesen oder die Entführung einer britischen Agentin dorthin fügen sich passend ins Geschehen ein, genauso wie die Hinzudichtung der schönen, aber eiskalten SPECTRE-Killerin Fiona Volpe (Luciana Paluzzi). Bei der versagt auch Bonds Charme letztendlich, sie wird trotz wilder Liebesnacht mit Ihrer Majestät Supercasanova kein bekehrtes gutes Mädchen mehr, was diesem wunderbar selbstironisch die Erkenntnis „Berufsrisiko“ abnötigt.
Feuerball ist wohl in vielerlei Hinsicht einer der besten Bond-Filme, Handlung, Gadgets, Schauspieler, Action – hier stimmt eigentlich alles. Dabei ist die ganze Story zwar phantastisch, aber nicht gänzlich unrealistisch.

Wenngleich Ernst Stavro Blofeld nicht persönlich aus dem Schatten seiner Geheimorganisation heraustritt, so wirkt er hier, möglicherweise gerade deshalb, besonders unangreifbar und machtvoll, auch wenn sein bis dahin größter Plan am Ende scheitert.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

08.03.2021 21:34
#36 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Man lebt nur zweimal (Originaltitel: You only live twice) – 1967

Regie: Lewis Gilbert

Britannias berühmtester Spion wird bei einem Einsatz getötet – so wie er es sich gewünscht haben mag, im Bett einer schönen Frau. Wenig später ist James Bond, immer noch vom zunehmend genervten Sean Connery gespielt, wieder quicklebendig. Das Ganze ist nur ein Trick, in Wirklichkeit hat ihn M wieder auf einen besonders brisanten Fall angesetzt. Eine bemannte amerikanische Raumkapsel ist allem Anschein nach aus dem All entführt worden, der verdächtige Kidnapp-Flugkörper ist nach englischer Ansicht in Japan gelandet. Die Amis glauben das jedoch nicht und drohen den Russen mit atomarer Vergeltung. Bond trifft in Nippon den Chef des japanischen Geheimdienstes Tiger Tanaka (Tetsuro Tamba), ihm zur Seite die Agentin Aki (Akiko Wakabayashi). Er kommt auf die Spur des Konzerns von Mr. Osato, eines Strohmannes von SPECTRE, wie sich bald herausstellt. Karin Dor darf unter dem Namen Helga Brandt mal eine bedeutende Gehilfin der finsteren Macht geben. In der Folge gibt es jede Menge Verfolgungsjagden, Mordanschläge und Intrigen für den Mann mit der Lizenz zum Töten zu bestehen. Herausragend immer noch der Kampf des SIS-Mini-Hubschraubers Little Nellie gegen «vier ausgewachsene Luftlümmel», dramatisch untermalt vom 007-Titelthema.
Währenddessen ist auch ein sowjetisches Raumschiff verschwunden, was zur Eskalation der Situation zwischen den verfeindeten Blöcken beiträgt. Noch ein weiterer derartiger Vorfall, und der Atomkrieg droht. Bond hat nun mit seiner neuen Gefährtin Kissy Suzuki (Mie Hama) Blofelds Hauptquartier in einem erloschenen Vulkankrater ausfindig gemacht. Die Zeit drängt, denn die Amerikaner schießen gerade wieder eine Rakete ins All. Doch gelingt es Bond knapp, mit tatkräftiger Unterstützung von Tanakas Ninja-Kämpfern, den Plan des Erzbösewichts zu vereiteln, die Welt in ein nukleares Chaos zu stürzen. Allerdings kann der Schurke wieder entkommen.

Von Flemings Buchvorlage ist diesmal nicht viel geblieben. Ein paar Anspielungen sind durchaus vorhanden, Tiger Tanaka und Kissy Suzuki kommen vor, desgleichen der vom späteren Blofeld-Darsteller Charles Gray verkörperte Mr. Henderson, der allerdings keinem Attentat zum Opfer fällt. Statt eines makabren Todesgartens mit Piranha-Teichen und Geysiren gibt es hier den zur Basis umgebauten Vulkankrater samt Piranha-Becken. Bond wird wie im Roman zum Japaner umgemodelt, die Ninjas treten auf… Trotz allem hat der vor allem für die Schreibe schwarzhumoriger Geschichten bekannte Roald Dahl (selber wie Ian Fleming mit Geheimdienst-Vergangenheit) hier ein Drehbuch vorgelegt, das weiter von der Realität nicht entfernt sein könnte. Wie es Blofeld geschafft hat, vollkommen unbemerkt seine riesigen unteririschen Anlagen bauen zu lassen bleibt ebenso rätselhaft wie die Quelle seines Technologievorsprungs, den er mit seinen Abfangraketen gegenüber den Großmächten hat. Überhaupt wird die Logik scheinbar besonders stark strapaziert - wenn es die Situation erfordert, hat Bond mitten in der Ödnis plötzlich von irgendwoher einen Spezialanzug mit Saugnäpfen parat… All das stört die Freude am Film aber kaum. Hier kommt es zu einem historischen Treffen im Bondfilm-Universum, der Streiter im Dienste der Krone steht seinem dauerhaftesten Widersacher erstmalig Aug in Aug gegenüber. Donald Pleasence hat Ernst Stavro Blofeld sein erstes Gesicht gegeben, und das nicht mal schlecht. Sein Plan, im Auftrag einer dritten Macht einen Vernichtungskrieg zwischen den USA und der SU zu provozieren, ist ebenso größenwahnsinnig wie unwahrscheinlich, aber möglicherweise hätten die Amis wegen ein paar verschwundenen Himmelsraketen im aufgeheizten Klima des Kalten Krieges tatsächlich «die Bombe» eingesetzt. Auftraggeber der Aktion soll wohl China sein. Ein Klüngel von Mao-Chinesen, japanischen Industriellen und eines weltweiten Verbrecherclubs zur Übernahme der Weltherrschaft – eine brisante Mischung. Wobei Blofeld seine Hintermänner nochmal um 100 Millionen Dollar zusätzlich erleichtert, denn wie er den geschockten Mittelsmännern erklärt: «Erpressen ist mein Geschäft». Diese Finanzspritze hat er aber auch bitter nötig, so oft, wie ihm Bond bisher (und auch zukünftig) in die Parade gefahren ist.
Im Übrigen hat der Mann mit der weißen Perserkatze immer noch großen Spaß an persönlichen Hinrichtungen von «Versagern» innerhalb seiner Organisation, ansonsten umgibt Pleasence-Blofeld eine Aura des dämonischen Intellekts wie bei keinem seiner Nachfolger. Er ist ein Mann, der sich gerne hinter seinen hochgerüsteten technischen Anlagen und einem Heer von Helfern verschanzt.

Man lebt nur zweimal bietet einen sehr respektablen Bösewicht in einer kultig-überdrehten Rahmenhandlung, wieder mal als übergeordnete Instanz, der die Weltmächte gegeneinander ausspielt.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

02.04.2021 20:18
#37 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Im Geheimdienst Ihrer Majestät (Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service) - 1969

Regie: Peter R. Hunt

George Lazenbys einmaliger Einsatz als 007 hat innerhalb der Serie in gewisser Hinsicht eine Schlüsselrolle. Er trifft auf die schöne, aber nervlich labile Teresa Draco (Diana Rigg), der er das Leben rettet und der er aus einer großen Verlegenheit im Spielcasino hilft. Ihrem Vater, Marc Ange Draco (Gabriele Ferzetti), dem Anführer der korsischen Mafia, imponiert der tatkräftige Mann, den er unbedingt mit «Tracy» verkuppeln will. Aber alles hat seinen Preis, nach einer kleinen Romanze mit der widerborstigen Tochter bekommt Bond einen Hinweis auf ein Züricher Anwaltsbüro, von dem aus eine Spur zum Schrecken der Menschheit, Ernst Stavro Blofeld, führt. Als Mitarbeiter des Londoner Heraldik-Institutes getarnt, reist Bond in die Schweizer Alpen auf das Anwesen am Piz Gloria, wo der selbsternannte Comte de Bleuchamp residiert. Er soll Beweise für dessen Adelsansprüche finden, aber natürlich will er ihn in Wirklichkeit von dort fortlocken. Nebenher betreibt Blofeld, der dieses Mal im Körper von Kojak Telly Savalas fungiert, seltsame Forschungen in der Allergiebekämpfung. Eine Schar glücklicher junger Frauen von allen Teilen der Welt wird hier oben in der gesunden Bergluft «selbstlos» von ihrem Leiden unter Zuhilfenahme von Hypnosetechniken geheilt. In Wirklichkeit geht es dem kriminellen Superhirn wieder um ganz andere Dinge, der in die Jahre gekommene Halunke vom Dienst möchte eine Generalamnestie samt Adelstitel erpressen, ansonsten wird die Landwirtschaft der ganzen Welt sabotiert. Dabei sollen ihm seine ahnungslosen gedankengesteuerten Patientinnen helfen, die von Blofelds treuester Helferin Irma Blunt (Ilse Steppat) betreut und gerade wieder auf die Heimreise geschickt werden. Bond wird enttarnt und kann fliehen. Er trifft die in der Nähe weilende Tracy, die nach weiteren aufregenden Ski- und Autoverfolgungsjagden Blofelds Schergen in die Hände fällt.
In Kooperation mit der Mafia-Organisation von Tracys Vater wird Blofelds Unterschlupf zerstört und die Welt gerettet, doch das traurige Ende steht noch aus…

Im Geheimdienst Ihrer Majestät gilt zu Recht als einer der buchnahesten Verfilmungen der Bond-Reihe. Keine überzogenen technischen Gadgets auf der Seite des Geheimagenten, aber auch keine Monsterraumschiffe etc. im Arsenal Blofelds, dafür ungewohnt viel Gefühl im Herzen des Staatskillers Bond, der sich trotzdem vor der geplanten Hochzeit mit Dracos Tochter nochmal zwei der jungen Damen auf Piz Gloria angelt - ist ja schließlich alles im Dienste der Königin. Manches ist abgeändert und dramatisiert, statt der Ernte Englands ist nun gleich die der ganzen Welt bedroht, und die mutige Teresa fällt am Ende nach aufregenden Ski- und Autoverfolgungsjagden in der verschneiten Berglandschaft werkswidrig in die Hände des SPECTRE-Chefs. Der sich sonst menschlichen Lastern eher zugeknöpft gebende Blofeld begehrt hier ganz im Stile eines Wallace-Schurken die Schöne des Stückes, die er seinem Kontrahenten auf der anderen Seite des Gesetzes einfach wegschnappen will. Aber Telly Savalas gibt hier sowieso den körperlich aktivsten aller Blofeld-Mimen, der den Flüchtenden an der Spitze seiner Helfer auf Skiern verfolgt, ansonsten raucht, trinkt und seiner Katze in der einzigen diesbezüglichen Szene genervt einen Schubs gibt. Von der hochnäsigen Über-den-Dingen-Attitüde eines Pleasence ist nicht mehr viel übrig, Savalas-Blofeld ist mehr ein Mann der Praxis. Nach der Sprengung seiner Zentrale liefert er sich dem gemäß mit Bond noch einen körperlichen Kampf auf Leben und Tod in einem rasenden Bobschlitten, wobei eine herausragende Astgabel über der Rennbahn eigentlich sein Schicksal sein sollte. Leider hat man es unverständlicherweise versäumt, sich vom restlosen Ableben des Weltfeinds Nr. 1 zu überzeugen, so dass der rachsüchtige Kerl samt „Irmchen“ der ernsthaftesten Romanze in Bonds Leben brutal ein Ende macht.

Der Streifen bietet in Handlung, Schauplätzen, Musik und Schauspielern einen prägenden Beitrag zur Reihe, Blofelds Intrige zur Erpressung der Vereinten Nationen ist realistisch genug, und seine Tat am Schluss macht die Jagd auf ihn zu einer persönlichen Sache für den bekanntesten Geheimagenten des Secret Service.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

05.04.2021 17:43
#38 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Diamantenfieber (Originaltitel: Diamonds Are Forever) – 1971

Regie: Guy Hamilton

Für viel Geld ließ sich Sean Connery davon überzeugen, noch einmal in die Rolle des Geheimagenten James Bond im Solde der britischen Krone zu schlüpfen. Diesmal geht es gleich mit der Konfrontation mit seinem Lieblingsfeind los, der nun von dem Schauspieler Charles Gray dargestellt wird. Blofeld ist gerade in einem geheimen Versteck mit der Herstellung von Doppelgängern seiner selbst beschäftigt. Nachdem Bond sicherheitshalber alle blofeld-ähnlichen Geschöpfe gekillt hat, wird er von M mit der Infiltration einer Diamantenschmuggelbande beauftragt. Unmengen von gestohlenen südafrikanischen Diamanten sind verschwunden, viele Mitglieder des Schmuggelringes wurden mittlerweile umgebracht. Bond trifft sich in der Identität eines festgenommenen Mitglieds mit der attraktiven Tiffany Case (Jill St. John), einer Hauptverteilerin in die USA, wohin er dann auch reist. Es gibt einige Verwicklungen, und es dämmert Bond, dass hinter allem ein viel größerer Plan steckt. Einige Spuren weisen in die Richtung des mysteriösen Milliardärs Willard Whyte (Jimmy Dean), den Bond eines Abends in seiner Suite besucht. Und – Überraschung – wem sieht er sich da gleich in doppelter Ausführung gegenüber ?
Der teuflische Blofeld hat seine Finger wieder im Spiel, alles läuft auf den Einsatz eines Weltraumsatelliten hinaus, der mit einem diamantenbesetzten «Schirm» einen dermaßen starken Laserstrahl projizieren kann, dass damit gezielt Objekte auf der Erde verdampft werden können. Die Großmächte werden über Blofelds neusten Streich durch ein paar praktische Anwendungsfälle nicht im Unklaren gelassen, wobei er seine Errungenschaft dem Meistbietenden überlassen will. Währenddessen sorgt der unerschrockene Agent 007 im letzten Moment mitten im Hauptquartier seines Feindes auf einer Ölplattform zum wiederholten Mal dafür, dass die Pläne des SPECTRE-Chefs buchstäblich in Rauch aufgehen, wobei er dem diesmal wohl tatsächlich sein Ende zu bereiten scheint.

Diamantenfieber mit einem sichtlich angeödeten Hauptdarsteller ist nun beim besten Willen kein Highlight der Reihe, auch wenn sich Connery in altgewohnter Manier noch mal hier und da ein paar flapsige Sprüche abdrückt ("Ein hübsches kleines Nichts, was Sie da beinahe anhaben".)
Der vierte Bond-Roman handelt von einem V-Mann-Einsatz des Helden in einem Diamantenschmuggel-Syndikat, das sich in den USA als Gangsterverein mit mannigfaltigen anderen Interessen entpuppt, wie Glücksspiel, Rauschgifthandel usw. Anklänge sind im Film durchaus enthalten, aber es gibt keinen Killersatelliten und auch keinen Ernst Stavro Blofeld, allerdings immerhin eine Wüstenstadt namens Spectreville. Trotzdem ist die Filmhandlung im Gesamtbild gesehen völlig abweichend.
Das meiste wirkt langwierig, zum x-ten Male durchgekaut und trashig. Das stockschwule Killerpärchen Mr. Wint und Mr. Kidd ist ja gerade so noch witzig (das tritt so in dieser Konstellation auch im Buch auf), aber mit Whytes Aufpasserinnen Klopfer und Bambi ist dann der Bogen zur Peinlichkeit eindeutig überspannt. Der arglose Wissenschaftler aus dem Ostblock, der seiner Ansicht nach für den Weltfrieden arbeitet, ist nun auch ein ausgelutschtes Thema. Zumal der Dr. Metz in der deutschen Synchro auch noch ein Sächsisch spricht, das jedem Bewohner der Gegend zwischen Mulde und Neiße wohl die Schamesröte in Gesicht treibt. Bonds Gespielin Tiffany ist mit ihrer sexualisierten Dummheit nervtötend, die Spezialeffekte und Explosionen wirken wie aus einem Schülerfilm herauskopiert, dafür gibt es endlose Szenen in einem Zirkus.…
Bond wird bei einem der üblichen umständlichen Mordversuche in eine neu zu verlegende Röhre gebracht; die ganze Gegend sieht am nächsten Tag so aus, als wäre der Bau schon vor Monaten erfolgt… Eine gewisse Originalität besteht in seiner Flucht aus Whytes Forschungszentrum mit einem Mondmobil, das er aus einer gerade laufenden Filmaktion stibitzt. Das gibt der Verschwörungstheorie der der gefakten Landung auf dem Erdtrabanten zwar neue Nahrung, trägt aber nichts Sinnvolles zur Handlung bei.
Blofelds Erpressungsaktion läuft durch die große Routine irgendwie gelangweilt ab, sein Widerpart kommt einfach mal so anspaziert und lässt sich herumführen, schließlich kennt man sich ja eine schon Weile und ist fast eine Familie… Da wurde es Zeit, mal was Neues zu machen, und (scheinbar) stirbt der Oberübeltäter diesmal wirklich an Bord seines fluchtbereiten Mini-U-Bootes, als sein Hauptquartier von Hubschraubern angegriffen wird. Charles Gray hat der Figur außer seiner Haarpracht (seine Vorgänger hatten alle Glatze) keine wesentlich neue Note verliehen, er wirkt nicht sehr gefährlich, eher theatralisch.

Der für längere Zeit letzte Streifen mit SPECTRE-Anführer als Hauptschurken ist erstaunlich schlecht geraten, man kann ihn wohl eher als Parodie bewerten als ernsthaften Beitrag.

Dr. Oberzohn Offline



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22.04.2021 19:21
#39 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

In tödlicher Mission (Originaltitel: For Your Eyes Only) - 1981

Regie: John Glen

Vor der griechischen Küste sinkt ein britisches Spionageschiff. An Bord ein modernes Lenksystem für Raketen. Das möchten die Russen natürlich in die Hände bekommen, der Gewährsmann vor Ort samt seinen Helfern macht sich an die Bergung des Gerätes vom Meeresgrund. Ein Fall für James Bond (diesmal Roger Moore). Unterstützt wird er von Melina Havelock (Carol Bouquet), einer pfeileverschießenden südländischen Rachegöttin. Bond trifft auf eine Menge Gestalten, den scheinbar seriösen Reeder Aristoteles Kristatos (Julian Glover), den Schmugglerkönig Milos Columbo (Chaim Topol), weiterhin den psychopathischen Killer Emile Loque, den ostdeutschen Biathleten Erich Kriegler, den schwärmerischen Eislauf-Nachwuchs Bibi Dahl usw. usw. Die Handlung ist voll von spektakulären Verfolgungen, Überfällen und Mordanschlägen, am Ende steht die geplante Übergabe des sogenannten ATAC-Gerätes an den KGB auf einem hochgelegenen Kloster, die gerade so vom Geheimagenten Ihrer Majestät in einem Patt verhindert werden kann.

Bemerkenswert an diesem Film ist das Intro. James Bond besucht das Grab seiner Frau Tracy und wird gleich darauf von einem Hubschrauber abgeholt. Nachdem ein Stromschlag den Piloten getötet hat, wird der Helikopter jetzt von einem anderen ferngesteuert – unzweifelhaft sein alter Feind und „Witwermacher“ Blofeld. Dessen Name wird zwar aufgrund irgendeines endlos langen Rechtsstreites nicht genannt, aber man muss nicht Sherlock Holmes sein, um die Figur zu erkennen. Das Jahrzehnt nach seinem bis dato letzten Auftauchen ist dem Bösewicht aber offensichtlich nicht gut bekommen, er sitzt schwer angeschlagen im Rollstuhl, hat wieder seine typische Glatze und auch die unvermeidliche weiße Langhaarkatze, und außerdem kündet eine Halskrause von den Spätfolgen seines Kampfes mit 007 auf einer Bobbahn. Sein Gesicht wird wieder nicht gezeigt, diesmal spielt John Hollins den trotz allem recht zählebigen Widersacher, dem offenbar die Flucht in seinem Mini-U-Boot doch geglückt ist, oder war das etwa auch nur ein Double ?
Allerdings geht sein Plan schief, den verhassten staatsdienenden Durchkreuzer aller seiner Pläne mit dem manipulierten Hubschrauber in die Ewigkeit fliegen zu lassen, da es diesem gelingt, die Kontrolle über das Fluggerät zurückzugewinnen und den Spieß umzudrehen. Blofeld wird samt Rollstuhl in die Lüfte gehoben und in einem hohen Schornstein „entsorgt“.
Das Ganze hat wahrlich etwas Symbolisches, wie die realistischer gemeinte Handlung im Anschluss deutlich zeigt. Die Zeit für selbsternannte Weltenherrscher war erst mal vorbei. Nicht nur für Ernst Stavro Blofeld, sondern auch für die Schurken der Vorgängerfilme wie Carl Stromberg oder Elon … pardon, Hugo Drax, welche nach Ausrottung eines Großteils der Erdbevölkerung ihre eigene Neue Weltordnung installieren wollten. Jetzt rückte erst mal wieder ein wenig Kalte-Kriegs-Atmosphäre in den Vordergrund. Allerdings konnte das Konzept nicht durchgängig durchgehalten werden, entsprechende Protagonisten mit großen Herrschaftsphantasien tauchen auch später wieder auf.

Das Ende ist für Ernst Stavro Blofeld bei In tödlicher Mission für einen Mann, der jahrelang die Welt in Atem gehalten hat, wahrhaft kläglich und ein fast schon bemitleidenswerter Abgesang.

Dr. Oberzohn Offline



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24.04.2021 10:26
#40 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Sag niemals nie (Originaltitel: Never Say Never Again) - 1983

Regie: Ivan Kershner

In einem der wohl überflüssigsten Remakes der Filmgeschichte taucht Sean Connery nochmals als James Bond auf. Ebenso der Erzschurke Blofeld (diesmal von Max von Sydow dargestellt), dessen Überreste ja nun eigentlich seit zwei Jahren auf dem Boden eines alten Schornsteins vermodern sollten. Aber die Feuerball-Story wurde außerhalb der „offiziellen“ Bond-Saga noch einmal aufgewärmt. Emilio Largo wird von Klaus Maria Brandauer auf die Leinwand drapiert, statt Fiona Volpe gibt es hier eine Fatima Blush (Barbara Carrera), welche als SPECTRE-Killerin Unheil verbreitet. Largos Geliebte Domino hat als Akteurin dieses Mal Kim Basinger. Ansonsten ist die Handlung dem ersten Film gegenüber ziemlich ähnlich, das war wohl auch eine juristische Forderung. Es gibt etwas modernisierten Schnickschnack, eine Netzwerktransplantation zur Identitätsüberlistung, oder zwei umgelenkte Raketen statt eines entführten Bombers. Das Ende ist nicht so aufregend wie bei Film Nummer 1, es gibt statt der Harpunenschlacht ein bisschen Geballer mit Maschinenpistolen, während Largo wiederum sein spitzes Ende durch die Hand seiner Ex-Geliebten findet.

Obwohl Max von Sydow ja gerne für diabolische Charaktere eingesetzt wurde, hat sein recht häufiger Auftritt als SPECTRE-Oberhaupt in diesem Streifen eher etwas vom Flair eines altersmilden Senior-Chefs einer florierenden Firma, der nochmal zusammen mit dem erfolgversprechenden Nachwuchs ein lohnendes Projekt durchziehen will. So recht bedrohlich wirkt er nicht mehr. Andererseits, in diesem Film ist er trotz allem noch ein Lichtblick in diesem ziemlich müden Neuaufguss eines hervorragenden James-Bond-Filmes.
Der bis dahin letzte Blofeld-Aufguss weckt selige Erinnerungen an die Zeiten von vor zwanzig Jahren, als der Vorsitzende der berüchtigten SPECTRE-Organisation das erste Mal auftrat. Nun ist aber doch mal Schluss.




Fazit:

Besonders die ersten Jahre der Bond-Reihe greifen auf Blofeld als Hauptschurken zurück. Dabei strebt er weniger die Weltherrschaft an, als dass er nur auf seine persönliche Bereicherung achtet. Ideologische Ziele liegen ihm fern, er ist eher ein player im Hintergrund, der verfeindete Blöcke, oder je nach Auslegung, Nationalstaaten gegeneinander ausspielt, um zu verdienen, sicherlich auch, um die Macht seiner Organisation SPECTRE zu vermehren. Am gefährlichsten wird er der Welt wohl im Bond-Abenteuer Man lebt nur zweimal. Hier geht es um nichts weniger als die Auslösung des Dritten Weltkrieges. Ist sicher auch der übertriebenste Beitrag im Blofeld-Zyklus. In diesem Film, ebenso wie in Liebesgrüße aus Moskau, ist der Kalte Krieg noch sehr deutlich das Hintergrundthema, wenngleich die politische Botschaft durch das Auftreten von SPECTRE einigermaßen geglättet wird.
Wer nun der beste Blofeld-Darsteller ist, darüber gibt es ja nun scheinbar endlos viele Diskussionsbeiträge in den Weiten des Web und auch anderswo. Im allgemeinen schwankt man zwischen Donald Pleasence (Man lebt nur zweimal) und Telly Savalas (Im Geheimdienst Ihrer Majestät). Vom Aussehen und Charakter vollkommen unterschiedlich, haben beide ihre Berechtigung, der kühle Stratege Pleasence oder der mehr hemdsärmelige Savalas. Obwohl das Narbengesicht von Pleasence wohl eher ikonisch ist.
Dass der gesichtslose Anführer von SPECTRE in Feuerball eine geradezu unantastbare Machtfülle ausstrahlt, liegt vielleicht auch gerade in dieser fehlenden Identität begründet.
Auffällig ist wirklich in allen Filmen der Hang Blofelds zu grausamen Bestrafungen für nicht mehr richtig funktionierende Mitglieder oder Menschen, die ihm in die Quere kommen. Ein sehr sadistischer Zug, den der Mann mit der weißen Perserkatze auch zur Einschüchterung zelebriert.
Der Ernst Stavro Blofeld ist ein sehr charakteristischer und bedrohlicher Superschurke vor allem der sechziger Jahre, der mangels zeitgemäßer sinnvoller Weiterentwicklung irgendwann aufs Abstellgleis geschoben wurde. Hat aber mit Sicherheit Kultwert.

Dr. Oberzohn Offline



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26.04.2021 20:29
#41 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Die «modernen» aktuellen James-Bond-Beiträge

Mit dem erstmaligen Einsatz von Daniel Craig in Casino Royale schritten die Produzenten wieder andere Wege, um der Figur ein neues Profil zu geben. Man besann sich mehr auf den Ur-Bond aus Flemings Feder, der doch eher ein „ungeschliffener Diamant“ ist, um es mal diplomatisch zu sagen. Auch ansonsten zumindest bei diesem Werk mehr Romantreue. In der Folge der Filme macht Bond eine Entwicklung durch, dem okkult-esoterischen Hintergrund des Schöpfers des Superhelden wird mehr Raum eingeräumt, am klassischsten sicher bei Skyfall zu sehen. Daneben auch viel modernistischer Schnickschnack, gehetzte Schnitte und CSI-Effekte, aber auch Rückbesinnung auf mysteriöse Geheimorganisationen, die sich vor allem in „Quantum“ manifestieren. Die Frauen kommen nicht zu kurz, wobei es immer noch lebensgefährlich sein kann, sich mit Mr. Bond abzugeben. Zeitgemäß gibt es auch kritische (?) konspirative Anspielungen, etwa einen Attentäter, der vor dem geplanten Flugzeugattentat schnell noch ein paar Aktienspekulationen durchführt, einen Vertreter des Green Deal, der sich als Großschwindler entpuppt, oder einen Ex-Geheimdienstler, der als „Sicherheitsleck“ zu einer (vermeintlichen) Bedrohung für die westliche Welt wird. Das alles kulminiert im bisher letzten Beitrag mit dem bezeichnenden Titel Spectre, wo die wahre und einzige Nemesis des 007-Helden in persona auftritt und alle Fäden der bisherigen Folgen geradezu bombastisch zusammenlaufen.


Spectre (Original: Spectre) – 2015

Regie: Sam Mendes

Nachdem Bond in Mexico im Auftrag seiner verstorbenen Chefin ein Attentat verhindert hat, wird er daheim in London von dem jetzigen M (Ralph Fiennes) suspendiert. Der steht unter Druck, da dessen Vorgesetzter C (Andrew Scott) den Geheimdienst komplett reorganisieren will. Bond macht unterdessen mit heimlicher Hilfe von Q und Moneypenny privat weiter, er schleicht sich in Rom in ein geheimes Treffen einer verbrecherischen Organisation ein, deren Oberhaupt ihn schließlich direkt anspricht. Franz Xaver Oberhauser alias Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) ist ein alter Bekannter des britischen Agenten, die Verknüpfung reicht bis die Kindertage zurück. Bond gelingt eine spektakuläre Flucht, verfolgt von dem scheinbar unkaputtbaren Profikiller Mr. Hinx. Es bleibt weiter turbulent und actiongeladen, der smarte Spion trifft auf einen alten Quantum-Feind, rettet dessen Tochter Madeleine Swann, besteht einige Angriffe und trifft schließlich in einem zum Hauptquartier ausgebauten Meteoritenkrater in der Wüste auf seinen ältesten und größten Widersacher, dem er nach grausiger Folter schließlich entwischen kann. In London kommt es dann auf verschiedenen Ebenen zur finalen Konfrontation, Blofeld und seine Marionetten können gestoppt und ihre hochfliegenden Pläne vereitelt werden. Ende gut, alles gut ?

Der wiederauferstandene Ernst Stavro Blofeld zehrt schauspielerisch sicher noch stark vom Hans-Landa-Mythos von Christoph Waltz. Die Personifikation des erst auf den zweiten Blick so richtig Bösen tritt nun mit direktem Bezug zum gegensätzlichen Helden mit Vergangenheit auf, ja, man kann sagen, eigentlich ist ja Bond der ursächliche Auslöser für alle Ereignisse. Was war geschehen ? Nach dem Tod seiner Eltern wurde James von einem Mann namens Oberhauser aufgezogen, der den sportlichen aufgeweckten Jungen seinem eigenen Sohn Franz vorgezogen hatte. (In einer Geschichte von Fleming taucht ein Skilehrer Hannes Oberhauser auf, der den zukünftigen Geheimagenten unterrichtete, was wohl als Bezug zur Vaterfigur der Verfilmung gelten kann). Jedenfalls ein Auftakt für jede Mange Neid, Eifersucht und Rache. Letzthin wirkt es so, als ob Blofelds Monsterorganisation SPECTRE als Überbau für alle Terrorfinanziers, Wasser- und Bodenspekulanten, Cyberkriminelle und Quantum-Jünger nur deshalb existiert, um dem kleinen Kämpfer im Auftrag der Queen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Nicht nur ein bisschen übertrieben, erinnert schon eher an den wahnsinnigen Chefinspektor Dreyfus, der eine verbrecherische Welterpressungs-Gang gründete, um seinem attentatsresistenten Feind Nummer Eins Clouseau das Lebenslicht ausblasen zu können. Aber möglichweise steht, auf einer höheren Ebene, die ganze Sache in einem anderen Zusammenhang, wie von einigen vermutet wird.
Ist das großangelegte SPECTRE-Meeting in Rom in schicken und ehrfurchtgebietenden Räumlichkeiten eine Analogie zu Bilderberg-Konferenzen oder zum Weltwirtschaftsforum in Davos ? Hier wird unter anderem auch über Flüchtlingspolitik und Pharmagewinne gesprochen, natürlich zum Vorteil von Blofelds Syndikat. Doch für was steht das eigentlich ? Der Oktopus oder Krake, der auf den Ringen der Mitglieder (archetypische Machtinsignie) und auch sonst als Logo zu finden ist, steht seit jeher für diktatorische Staaten, machtgierige Konzerne oder verbrecherische Gesellschaften, deren Tentakeln sich nach allen Orten der Welt und in alle Bereiche des Lebens ausstrecken. Blofelds Sucht nach totaler Kontrolle zeigt sich auch in seinem supertechnisierten Lausch-Stützpunkt in der Wüste, sein Anhängsel im MI6 will ja die Geheimdienste von neun starken Ländern zusammenschalten, eine geballte Macht. Zweifler werden mittels inszenierter Terroranschläge gefügig gemacht – offenkundiger geht es ja nun nicht mehr. Ist der Bond auf dem fiesen Folterstuhl, wo Blofeld alle seine Erinnerungen auslöschen will, eine Querverbindung auf MK-Ultra-Techniken und deren Opfer ? Ist Bond generell der kleine Mann, der sich gegen die Machenschaften der übermächtigen Strippenzieher auf der Welt stellt ? Sicher gibt es da unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten, wobei man davon ausgehen kann, dass der MI6 nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems ist. Wozu dient das alles nun ? Warnung es Zuschauers vor dem Kommenden, Konditionierung ins Unvermeidliche oder eher Trittbrettfahren auf dem verschwörungsaffinen Zeitgeist ? Von jedem etwas ?
Der aktuelle Waltz-Blofeld ist wieder mehr der Schreibtischtäter, gefühlsarm, wenn es nicht um ihn selbst geht, ansonsten nach der Verletzung durch Bonds Explosivuhr wieder an Donald Pleasence gemahnend, mit der Narbe senkrecht über das Gesicht, wobei sogar das Auge erblindet ist.
Wenn der unverwüstliche englische Agent am Schluss Blofelds Riesenhubschrauber mit gezielten Pistolenschüssen vom Himmel holt, ist für den Über-Finsterling erst mal Endstation, er wird wie ein gewöhnlicher Taschendieb verhaftet. Aber er hat überlebt.


Fazit:

Der gegenwärtige Blofeld ist eine zeitgemäße Neuerschaffung des langlebigsten Bond-Widersachers, mit Vorgeschichte, persönlichen Verstrickungen, aktuellen Bezügen zur Politik und Gesellschaft. Immer noch wie stets eine Kunstfigur, in die man wie immer alles Mögliche hineininterpretieren kann. Der Bezug zu seinen Vorgängern ist aber noch gegeben.

Savini Offline



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14.07.2021 16:05
#42 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #31
Der Schurke hat, wie schon oben angemerkt, auch einen Teil deutsches Blut in den Adern.

Auf andere Bösewichter in Flemings Romanen trifft das zu. Aber auf Blofeld? Sein Geburtsort gehörte 1908 zwar noch zum deutschen Kaiserreich; aber sowohl laut der Neuübersetzung als auch den online einsehbaren Passagen sind seine Vorfahren auf der väterlichen Seite polnischen und auf der mütterlichen griechisch. Auffallend viele Widersacher sind "Mischlinge" aus verschiedenenen Völkern, ebenso wie viele der Bösewichter bei Fleming rote oder zumindest rötliche Haare haben.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #31
Zudem hat er sich ganz offensichtlich auch von anderen Autoren inspirieren lassen. Das letzte Blofeld-Buch mit dem "Todesgarten" voller giftiger Tiere und Pflanzen hat sicher Sax Rohmers Fu-Man-Chu als Paten, der solcherlei Spielereien über alles liebte. Dazu passt auch die bösartige Falltür im Inneren der Schreckensburg.

Noch deutlicher finde ich diese Anspielungen bei Dr. No. Nicht nur ist dieser im Grunde ein Fu Man Chu unter anderem Namen; er schickt Bond im Roman auch auf eine Odyssee durch ein Labyrinth voller physischer und psychischer Qualen, um dessen Belastbarkeit zu testen. Der gute Doktor macht sich nämlich geradezu philosophische Gedanken darüber.

Dr. Oberzohn Offline



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14.07.2021 21:50
#43 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Soweit ich mich erinnern kann, kam irgendein Teil von Blofelds Familie ursprünglich aus Deutschland. Der Name "Blofeld" klingt nun auch nicht unbedingt Polnisch. Übrigens war auch Dr. No zu einem Teil deutsch, zum anderen chinesisch. Das gibt selbstredend eine geniale Mischung, eine Mischung aus Fumanchu und "Hunne", wie geschaffen zum Welterobern...
Dass Fleming häufig Ausländer, Menschen mit Gebrechen und andere Rassen auf der Seite der Bösewichter einordnete, wurde und wird ihm ja nun von allerlei schnell empörbaren Mitmenschen angekreidet. Wie stellen die sich eigentlich real existierende Bösewichter vor ? Auf alle Fälle männlich, weiß und entweder mit schwarzem Schnauzbart oder neuerdings blondierter Haartolle ? Etwas einseitig, besonders wenn man bedenkt, dass die Einsätze des Geheimagenten tatsächlich oft in exotischen Gegenden stattfinden, wo eben halt Personen mit anderer Hautfarbe, Sitten und Sprache leben, was ja an sich eine feine Sache ist. na, ich will mich lieber nicht weiter darüber auslassen. Trotz seiner Ablehnung alles Deutschen lese ich die Bond-Romane von Fleming auch gerne, ebenso die Nero-Wolfe-Krimis von Rex Stout, der in seiner Germanophobie wohl noch einiges schlimmer war. Die vielbeschworene Toleranz sollte da helfen, die Dinge richtig einzuordnen und nicht immer nur die Negativseiten von Menschen herauszupicken, die in einer völlig anderen Zeit lebten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 536

14.07.2021 21:50
#44 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

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Savini Offline



Beiträge: 256

15.07.2021 08:55
#45 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #43
Soweit ich mich erinnern kann, kam irgendein Teil von Blofelds Familie ursprünglich aus Deutschland.

In "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" behauptet er, der Nachkomme einer Adelsfamilie zu sein, die während der französischen Revolution von Frankreich nach Bayern flüchtete. Er behauptet, dass Angehörige dieser Familie später nach Polen gezogen seien. Aber dies erscheint im Roman als Bluff, um sich unbedingt einen Adelstitel zu sichern (als es um Nachweise geht, wird er sichtlich nervös und versucht Bond alias Sir Hillary Bray zu bestechen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #43
Übrigens war auch Dr. No zu einem Teil deutsch, zum anderen chinesisch. Das gibt selbstredend eine geniale Mischung, eine Mischung aus Fumanchu und "Hunne", wie geschaffen zum Welterobern...

Wobei in diesem Fall aus Flemings Sicht eher das Mischlingsmotiv ausschlaggebend sein dürfte. Das setzt er auch bei Bösewichten ohne deutsche Wurzel ein. Dr. No rekrutiert etwa bevorzugt Menschen, die teils von Schwarzen, teils von Chinesen abstammen (zu Flemings Zeiten nannte man sie "Chigroes"). Le Chiffres Herkunft ist unklar, aber in seiner Akte wird über romanische und slawische Wurzeln spekuliert. Mr. Big kontrolliert eine Organisation von schwarzen Kriminellen, aber seine Mutter war weiß (er selbst hat übrigens rote Haare). Blofelds Herkunft wurde bereits erwähnt.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #43
Trotz seiner Ablehnung alles Deutschen lese ich die Bond-Romane von Fleming auch gerne, ebenso die Nero-Wolfe-Krimis von Rex Stout, der in seiner Germanophobie wohl noch einiges schlimmer war.

Stouts krasse Deutschfeindlichkeit ist mir bekannt. Im Falle von Fleming schien seine Haltung selbst in den gekürzten Ausgaben des Scherz-Verlags noch durch. Wobei man sagen muss, dass er generell auf alles herabblickte, was nicht von den britischen Inseln stammte (die Bösewichter sind alles, nur keine geborenen Briten). Im Falle der Deutschen ist es interessant, dass in den Büchern mitunter sogar eine gewisse widerwillige Bewunderung durchscheint, da die deutsche Wirtschaft bereits einen Aufschwung erlebte, als in England noch rationiert wurde. Ob Fleming dieser Neid bewusst war oder nicht?

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #43
Die vielbeschworene Toleranz sollte da helfen, die Dinge richtig einzuordnen und nicht immer nur die Negativseiten von Menschen herauszupicken, die in einer völlig anderen Zeit lebten.

Das ist mir bewusst, Fleming ist aber ein spezieller Fall, bei dem das mit der "völlig anderen Zeit" nicht so einfach ist.
Ich weiß nicht, ob du Kingsley Amis´ erstmals 1965 in England erschienenes Buch "Geheimakte 007. Die Welt des James Bond" kennst. Darin beschreibt er nicht nur die Handlungsmuster, Stilmittel und Figurenklischees in Flemings Büchern (was ist für Widersacher, Verbündete und "Bondinen" typisch?), sondern diskutiert auch die Vorwürfe, die in den Jahren zuvor gegen den Verfasser erhoben wurden. Teils widerspricht er, teils macht er sich über diese lustig.
Daraus geht hervor, dass Fleming bereits um 1960 nach den damaligen Maßstäben (!) von der Kritik vorgeworfen wurde, ein Rassist, Imperialist oder Nationalist zu sein oder ein reaktionäres Frauenbild zu haben. Amis war übrigens selber ein eher linker Autor.
Das Buch ist natürlich längst nur noch antiquarisch zu bekommen (die letzte deutsche Auflage erschien 1986), liest sich aber recht flüssig und amüsant. Teilweise wirkt es sogar erstaunlich modern.

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