Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 34 Antworten
und wurde 1.471 mal aufgerufen
 Off-Topic
Seiten 1 | 2 | 3
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 457

18.02.2021 20:55
#31 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Entwicklung der Figur:

Die SPECTRE-Trilogie liegt im letzten Drittel des Schaffens von Ian Fleming. Bisher hatte es schon jede Menge illustre Schurken gegeben. Etwa den an den Schwarzmagier Aleister Crowley erinnernden Le Chiffre, den Dr.-Fu-Manchu-ähnlichen Dr. No, den von König Midas inspirierten Auric Goldfinger. Sie alle standen letztlich im Solde Moskaus, genauso wie der schwarze Großgangster Kananga, sogar der verkappte Nazi Hugo Drax arbeitete für die Sowjets.
Um 1960 war im Kalten Krieg so etwas wie Tauwetter eingetreten. Was, wenn nun der Feind jenseits der Grenze des glorreichen Westens plötzlich nicht mehr ausschließlich die Wurzel allen Übels auf dem Erdball ist ? Man ist sich in der Bond-«Forschung» wohl darüber einig, dass SPECTRE ein Versuch Flemings war, den (vorübergehend) neuen Zuständen Rechnung zu tragen. Tatsächlich sinniert Bond in Feuerball mit seinem alten CIA-Kumpel Felix Leiter mal kurz und kritisch darüber, was der ganze "Kram" eigentlich noch soll. Damals gab es noch nicht den «Krieg gegen den Terror» als Rechtfertigung für die Weiterexistenz von aufgeblähten Geheimdienst-Apparaten. Aber die «Spezialeinheit für Spionage, Terrorismus, Rache und Erpressung», die in diesem Buch erstmals auf der Bildfläche erscheint, ist ein etwas diffuserer Gegner, den man gut in die eine oder auch andere Richtung schieben kann. Ihr Chef und Gründer, Ernst Stavro Blofeld, ist in Lebensführung das blanke Gegenteil zu James Bond. Er raucht nicht, verschmäht Alkohol und scheint komplett asexuell zu sein, trotz ehemaliger körperlicher Fitness hat er einiges an Fett angesetzt, zudem stammen seine Vorfahren aus verschiedenen Gegenden, Polen, Griechenland und eine Generation vorher auch aus Deutschland. (Da haben viele Bond-Bösewichte ihre Wurzeln, denn Fleming hat dem ehemaligen Kriegsgegner noch lange nicht verziehen). Im Hinterzimmer oder besser gesagt Hinter-Konferenzsaal eines Tarn-Institutes trifft man sich zur Geschäftssitzung. Als teambildende Maßnahme, um seine Spießgesellen für die gemeinsame Sache noch mehr zusammenzuschweißen, nimmt der Anführer ab und an notwendige Exekutionen an illoyalen Mitgliedern höchstpersönlich auf phantasievolle Weise vor. Hier wird beim aktuellen Meeting, ähnlich wie im Film, ein Opfer durch einen Stromschlag "gegrillt".
Dabei setzt sich SPECTRE aus Mitgliedern unterschiedlicher krimineller staatlicher oder privater Organisationen zusammen, etwa dem ehemaligen faschistischen deutschen RSHA, der stalinistischen sowjetischen SMERSH (Bonds bisheriger Lieblingsfeind), der korsischen Mafia Union Corse, der sizilianischen Cosa Nostra usw. Nach kommunistischem Vorbild bildet Blofeld aus den gut zwanzig Mitgliedern daraus Dreierteams. Natürlich gibt es noch jede Menge gedungene Handlanger und angeworbene Experten, wobei auch hier die Strafe für Versagen kompromisslos ausfällt. (Graf Lippe, der durch eine private Fehde mit Bond den Terminplan des Feuerball-Projektes gefährdet, wird beispielsweise in seinem Auto mittels Explosivgeschoss von der Straße gefegt).
Bemerkenswerterweise hat SPECTRE auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs seine Agenten. In einer Welt, die scheinbar aus zwei undurchdringlichen gegensätzlichen Machtblöcken besteht, fungiert Blofelds Schöpfung schon als supra-nationale Gesellschaft, welche den Kalten Krieg für ihren persönlichen Vorteil ausnutzt, indem sie bei Bedarf gegen entsprechende Entlohnung für die Geheimdienste beider Systeme Liquidationen durchführt, ohne direkt unter ihrem Namen in Erscheinung getreten zu sein. Das ändert sich jetzt, das NATO-Projekt mit den entführten Atombomben und angedrohtem Nuklearschlag bei Nichterfüllung der Millionen-Forderung soll das letzte und größte sein, danach will sich Herr Blofeld aufs Altenteil zurückziehen. Der Chef tritt den Rest des Buches nicht mehr direkt in Erscheinung, da sich am weiteren Handlungsort Jamaika das hochrangige Mitglied Emilio Largo (in stetem Kontakt zum Oberboss) um alles kümmert. Nach dem spektakulären Scheitern der Feuerball-Aktion scheint SPECTRE zerschlagen, bis es zu den Ereignissen im besprochenen Im Geheimdienst Ihrer Majestät kommt.
Nach dem Tod von Bonds frisch angetrauter Frau Tracy (sorry für den Spoiler, aber das sollte ja nun wirklich bekannt sein) wird der daraufhin demoralisierte und unzuverlässig gewordenen Bond von seinem Chef M in dem Roman Man lebt nur zweimal als letzte Chance nach Japan abkommandiert, wo er bei dem japanischen Geheimdienst-Führer Tiger Tanaka eine diplomatische Mission erfüllen soll. Der Clash der Kulturen liest sich sehr amüsant und lehrreich, vor allem durch den Mund von Tanaka stellt Fleming seine Ansichten über die Degeneration des Westens zur Debatte, wobei Bond, dem Mann für "Aufräumarbeiten", das ständige Abdriften in die Politik überhaupt nicht zusagt. Doch es geht ja hier um Blofeld. Ja, auch die Nemesis des Geheimagenten mit der Doppelnull tritt wieder auf den Plan, hier in Gestalt des Schweizer Dr. Guntram Shatterhand, welcher ein japanisches Schloss gekauft hat und dessen vulkanischen Garten durch Pflanzung giftiger Gewächse und Ansiedlung gefährlicher Tiere in eine Todeszone verwandelt hat. Dort pflegt der Inhaber mit angelegter Samurai-Rüstung an der Seite seiner vermummten Geliebten Irma Bunt zu lustwandeln. Exzentrisch, doch nicht allzu schlimm, sollte man meinen. Leider wird der Ort als Mekka für Selbstmörder auf ihrem letzten Gang genutzt, die in Japan aufgrund der dortigen Ehrvorstellungen häufiger auftreten als in Europa. In den neun Monaten seines Bestehens gibt es schon über 500 Opfer, der Schlossbesitzer unternimmt offiziell zwar einige halbherzige Versuche zur Eindämmung der massenhaften Tode, doch in Wahrheit genießt er es, wobei seine Wachen, allesamt Ex-Mitglieder der berüchtigten Geheimgesellschaft Schwarzer Drachen, bei zaudernden Harakiri-Anwärtern gerne auch mal nachhelfen. Das alles ist sogar für das Verständnis der japanischen Regierung zu viel, der gaijin muss beseitigt werden, am besten durch einen seinesgleichen, also den vom Schicksal gesandten Berufskiller Bond.
Ihrer Majestät Agent bemerkt erst später, dass es sich um seinen Erzfeind handelt, was er wohlweislich verschweigt, um private Rache nehmen zu können. Trotz der wiederum erfolgten Änderungen an seiner körperlichen Erscheinung, einer auffälligen und aufwändigen Lieblingsmaßnahme des verbrecherischen Superhirns, hat ihn Bond auf einem Foto erkannt.
Blofelds Tage sind nun gezählt, obwohl mit Sicherheit wahnsinnig, sieht er sich in der Tradition großer Dichter und Philosophen und ist und bleibt ein unglaublich guter Organisator. Doch im Gegensatz zur Filmreihe ist er kein Stehaufmännchen, sondern endlich.

Auffällig ist bei aller Gegensätzlichkeit von Bond und Blofeld deren synchrone Lebensstellung. Befindet sich Blofelds SPECTRE im ersten Auftreten noch auf der Höhe seiner Macht, so ist auch Bonds Stellung im Secret Service am effektivsten. Im zweiten Buch hat sich Erzgauner "Comte de Bleuville" noch einmal aufgerafft, aber er denkt schon massiv an den Rückzug ins Private, während sich auch bei James Bond Verschleißerscheinungen einstellen und er von seinem bisherigen Leben angewidert ist. Die Pläne beider Männer gehen schief, im letzten Teil ist Blofeld immer noch reich und mächtig, aber schon eine gejagte Person in ihrem abgelegenen Fluchtort, ohne internationale Organisation mehr. Sein bisher wie geölt funktionierender Kontrahent im Staatsauftrag dagegen befindet sich in einer Lebenskrise, und man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, dass er von seinem Job die Nase voll hat. Wenn Blofeld auch am Ende das Zeitliche segnet, kommt Bond nur mit erheblichen Blessuren davon und treibt buchstäblich einem ungewissen Schicksal entgegen.
Allerdings geht es dann mit dem kurzzeitig schwächelnden Elitespion im nächsten und letzten Roman im alten und gewohnten Fahrwasser weiter, der Kalte Krieg ist wieder mal unter den Gefrierpunkt gerutscht und «Rotland» der alleinige Gegner, eine Tendenz, die sich schon im letzten Teil des SPECTRE-Zyklus angedeutet hatte.

Die "Bondologen" gehen davon aus, dass der smarte Geheimagent autobiographische Züge von Ian Fleming trägt und gewissermaßen dessen Alter ego ist, welches er so nie erreicht hat. Zu Ernst Stavro Blofeld scheint der Autor ebenfalls eine gewisse Beziehung gehabt zu haben, dessen Geburtsdatum mit seinem eigenen auf den Tag genau übereinstimmt. Vielleicht ist er sogar sowas wie Flemings dunkle Seite, denn auch der Finstermann Blofeld hat im zweiten Weltkrieg an der Front des «Kriegs im Dunklen» gekämpft. Sein Job beim polnischen Post- und Fernmeldewesen hatte ihm in Friedenszeiten zu großen Gewinnen bei Aktienspekulationen verholfen, später verriet er Geheimnisse an den deutschen Geheimdienst, noch später, jetzt schon mit eigener Organisation in der neutralen Türkei, verschaffte er den Alliierten Zugang zu wichtigen Geheimnissen. Alles natürlich für viel Geld, ohne Ideologie, mit einem durchaus abstrakten Sinn für geschäftliches Fairplay, welchen er bis zum Schluss beibehalten sollte.

Im Hinblick auf Bond-Welle der Sechziger ist vielleicht noch erwähnenswert, dass Feuerball und Im Geheimdienst Ihrer Majestät sich noch recht stark an die Buchvorlage halten. Man lebt nur zweimal weicht dann sehr stark von Flemings literarischem Konstrukt ab, wobei trotzdem noch der eine oder andere Fingerzeig darauf geblieben ist.
Die Unlogik des Nichterkennens von "Sir Hilary Bray" als James Bond auf Seiten Blofelds in seiner Miniatur-Alpenfestung geht darauf zurück, dass er in der Blofeld-Trilogie seinem beharrlichen Plänezerstörer das erste Mal leibhaftig gegenübersteht, das Japan-Abenteuer erst danach kommt.

Wenngleich sich Blofeld unter kräftigem Mitwirken von Bond zuletzt aus dieser Welt verabschiedet, taucht seine SPECTRE-Organisation neubelebt wieder zwischen Buchdeckeln auf, vor allem in den Werken des Autors John Gardner, der die offizielle literarische Nachfolge Flemings antrat. Mal ist es eine illegitime Tochter Blofelds, mal ein undurchsichtiger Geschäftsmann, die die Vereinigung zu alter Größe führen wollen. Die Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion ist erstaunlich zählebig.


Bezug zu Wallace:

Die Bond- sowie die Wallace-Filmwelle begannen etwa zur gleichen Zeit, sogar einige Schauspieler agierten in beiden im Prinzip doch sehr verschiedenen Serien. Aber was haben Ian Fleming und Edgar Wallace gemeinsam ? Beide haben als Journalist gearbeitet, beide lebten ziemlich exzessiv, hatten ein großes Faible für Glücksspiel. Beide starben frühzeitig im Alter von 56 Jahren. Sie waren sehr bekannt in ihrer Heimat, es gibt eine kuriose Geschichte von einem weiblichen Medium, das die Erzählungen der beiden und weniger anderer Autoren nach deren Tod weiterspann, angeblich durch deren Geist. Britannien ist halt das Land des Übersinnlichen, doch wie es scheint, weist gerade der Grundplot des besprochenen Romans auf zumindest einen handfesten Zusammenhang, wo Wallace den Jüngeren beeinflusst haben könnte. In seinem kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg erschienenen Reißer Der grüne Brand schildert Wallace die Mär eines skrupellosen Wissenschaftlers namens Harding, welcher böswillig die gesamte britische und weltweite Weizenernte vernichten will, um sich durch Aktienspekulationen mit seinen eigenen Anbaugebieten in Südamerika schamloszu bereichern. So weit jedenfalls die deutsche Übersetzung, im englischen Original heißt der Fiesling wohl van Heerden, ist Deutscher und will mit seiner auf England und Restwelt losgelassenen Seuche, dem "Grünen Brand", durch diese Maßnahme den angeblich vollen Kornkammern Deutschlands (und den im Zugriff befindlichen Russlands) auf dem Weltmarkt eine Aufwertung verschaffen, damit das Getreide teuer verkauft werden kann (wohl um Rache zu nehmen und den Krieg wieder weiterführen zu können). Im Anblick der tatsächlichen Lage in Deutschland 1919 lächerlicher Unsinn, aber der gute Edgar ließ sich ja stets gerne vor den Propaganda-Karren spannen...
Im Hinblick auf Blofelds Machenschaften auf dem schweizerischen Piz Gloria allerdings eine frappierende Übereinstimmung. In Vorgehen und Motivation gibt es schon große Parallelen. Ein geheimes Labor. Überall auf der Erdkugel in den Zielorten Helfer, die auf den Tag X warten. Der Schurke hat, wie schon oben angemerkt, auch einen Teil deutsches Blut in den Adern. Kann natürlich alles auch nur Zufall sein, aber mit Sicherheit hat Fleming auch die Thriller seines älteren Kollegen gelesen. Scheint eine gewisse Vorliebe für Krimis gehabt zu haben, er äußert sich in On Her Majesty's Secret Service durchaus positiv über Agatha Christie und Rex Stout. Zudem hat er sich ganz offensichtlich auch von anderen Autoren inspirieren lassen. Das letzte Blofeld-Buch mit dem "Todesgarten" voller giftiger Tiere und Pflanzen hat sicher Sax Rohmers Fu-Man-Chu als Paten, der solcherlei Spielereien über alles liebte. Dazu passt auch die bösartige Falltür im Inneren der Schreckensburg. Und Blofelds Deckname Guntram Shatterhand stammt tatsächlich von einem Deutschland-Besuch, wo Ian Fleming den Namen von einem alten Hamburger Cafe übernommen haben soll, welches ihm aufgefallen war. Seltsamerweise konnte man in Karl Mays Heimatland mit dem Namen nichts anfangen und hat ihn erst mal lange Zeit in Guntram Martell geändert. Wobei der allerneueste Bond-Film lange Zeit unter dem Arbeitstitel Shatterhand gedreht worden sein soll.


Verfilmungen:

Blofeld und seine Organisation sind als Gegner von Bond im Sechziger-Jahre-Abschnitt der Bond-Reihe fast allgegenwärtig, bis Anfang der Siebziger mit Roger Moore als Helden eine andere Ausrichtung begann, trotzdem auch in den achtziger Jahren noch mal vereinzelt Blofeld. Danach lange Zeit nichts, bis die Figur in den Craig-Bond-Filmen Ihre Auferstehung fand. Daneben auch in Parodien, wie Michael Myers «Dr. Evil», als Anspielung vertreten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 457

22.02.2021 17:59
#32 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Die «klassische» frühe James-Bond-Reihe

Im Jahre 1962 betrat Flemings bis dahin noch gar nicht so legendärer Agent James Bond die Leinwand. Sean Connery war es hier zum ersten Mal, der im Dienste Ihrer Majestät ungestraft killen durfte und der gegen den bösen Dr. No zu Felde zog. Dieser Finstermann mit den kräftigen Händen machte nicht nur der venusgleich aus den Fluten entstiegenen Ursula Andress jede Menge Scherereien, sondern auch den Amerikanern im gar nicht so weit entfernten Cape Canaveral beim Raketenschießen. Zum ersten Mal erfuhr der Zuschauer hier von der Existenz einer schrecklichen Organisation, innerhalb der der Chinese mit dem kurzen Namen als eine Art Sektionschef diente. Obwohl in diesem und auch in anderen Filmen der Name des perniziösen Vereins in der deutschen Synchro verschieden ist, handelt es sich doch stets um das selbe Unheil – um SPECTRE. Im nächsten Film können wir schon einen kurzen Blick auf das richtige Oberhaupt werfen, wobei die Rolle von Ernst Stavro Blofeld im Laufe der Zeit beständig weiter ausgebaut wird. Mal vom kongenialen Schurken Goldfinger abgesehen, scheint die Ära bis zum letzten Einsatz von Connery als 007 eine Art Privatkrieg zwischen dem kleinen MI6-Angestellten und dem kriminellen Planer allerlei phantasievoller Großprojekte zu sein.
Markenzeichen Blofelds ist neben seinem dekadenten Hang zur Bestrafung unperfekter Mitglieder mittels ausgefallener Todesarten vor allem auch seine weiße Perserkatze, wohl das einzige Lebewesen, für das er so etwas wie Zuneigung empfindet. Auffällig auch der Darstellerwechsel in den Filmen, allerdings, wie schon angedeutet, gar nicht so abwegig zu seiner «realen» Vorlage hin.
Mit dem Auftreten Roger Moores als neuerliche Inkarnation des smarten Geheimagenten mit der Doppelnull war erst mal Schluss mit dem größenwahnsinnigen Katzenfreund, einmal noch tauchte der kurz auf, um scheinbar endgültig einen Schlussstrich unter dieses Kapitel zu ziehen.


Liebesgrüße aus Moskau (Original: From Russia with Love) – 1963

Regie: Terence Young

SPECTRE hat einen perfiden Plan ausgeheckt. Aus Rache für den Tod des verdienstvollen Firmenmitarbeiters Dr. No und aus Gewinnstreben will man den britischen Agenten mit der Personalnummer 007 (Sean Connery) sowie eine ausgesuchte sowjetische Konsulatsmitarbeiterin in Istanbul namens Tatjana Romanowa (Daniela Bianchi) in ein kunstvoll verworrenes geheimdienstliches Spiel verwickeln, in dem es um eine russische Dechiffriermaschine als Köder für den MI6 geht. Am Ende soll der Tod des Feindes sowie der Besitz der Wundermaschine aus «Rotland» für SPECTRE stehen.
Auf deren Seite tummelt sich dieses Mal schon recht viel Personal. Da gibt es den eitlen und in seine Genialität verliebten Schachweltmeister Kronsteen, die in die großkriminelle Privatwirtschaft übergelaufene SMERSH-Agentin Rosa Klebb (Lotte Lenya) mit ausgefallenem Schuhwerk, den brutal-intelligenten Saboteur Donald Grant (Robert Shaw) oder auch einen mörderischen Handlanger namens Morzeny, von dem später als General Gogol bekannt gewordenen Walter Gotell gespielt. Natürlich erscheinen auch noch jede Menge andere Bösewichter. James Bond hat bei diesem Auftrag kaum Verbündete an seiner Seite, nur der in Istanbul ansässige Kerim Bey erweist sich als treuer Freund. Sie werden in Attentate, Überfälle und Intrigen verwickelt, Bond scheint beim Kampf in einem Zigeunerlager einen dunklen Schutzengel zu haben und tritt in amouröser Mission unwissentlich als Hardcore-Darsteller auf. Tatjana, die sich angeblich in ihn verliebt hat, denkt immer noch, alles für Mütterchen Russland zu tun. Schließlich schnappt die Falle von SPECTRE zu, es gibt eine legendäre Schlägerei in einem Expresszug, Verfolgung durch Hubschrauber und ein Flammeninferno im Mittelmeer. Romanowa muss sich am Ende zwischen (vermeintlicher) Pflicht und (nicht mehr geheuchelter) Liebe zu James entscheiden, da haben die Schurken im Hintergrund kaum Chancen…

Erster direkter Auftritt von Mr. Blofeld. Gespielt wird er von dem schon im Vorgängerfilm als Bösewicht chargierenden Peter Dawson. Man sieht ihn aber tatsächlich eher phantomhaft, die Hände agieren, Gesicht und andere Körperteile bleiben verborgen. Er erweist sich hier generell als «tierlieb», neben seinem weißhaarigen Schoßtier hat er eine Vorliebe für Kampffische in einem Aquarium auf seinem Schreibtisch entwickelt. In seinen Plänen will er die verfeindeten Geheimdienste Britanniens und Russlands genauso aufeinander loshetzen, letzten Endes der lachende Dritte sein, wie seine Katze, die schließlich mit den ermatteten kiemenatmenden Kontrahenten gefüttert wird. Kein schlechter dramaturgischer Einfall, gleichzeitig erfüllt hier der ominöse Halunke die Funktion, die politische Aussage des Romans zu entschärfen, wo die ganze Aktion von der sowjetischen SMERSH («Tod den Spionen») geplant war. Diese noch zur Kriegszeit gegründete Organisation bediente sich sehr rücksichtsloser Methoden und avancierte zu einem Hauptfeind Bonds. Aber im Film ließ man lieber Blofelds Verein auftreten, er spielte das erste Mal die Rolle des quasi überparteilichen, nur auf Eigennutz bedachten Masterminds im Hintergrund, wie auch in den späteren Verfilmungen. Versagen wird wie Verrat oder Untreue mit dem Tod bestraft, hier erfolgt eine Hinrichtung mit einer vergifteten Schuhspitze direkt in Blofelds Gegenwart, was er immer zu schätzen scheint. Nein, mit diesem Superschurken ist nicht zu spaßen !

From Russia with Love ist ein wirklich guter Agentenfilm mit einer fast noch realistischen Handlung, SPECTRE samt Chef ist eine Gruppe, die durchaus bedrohlich wirkt.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.351

22.02.2021 19:10
#33 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Sehr schöne Besprechung. Man könnte vielleicht noch den Bezug zu Wallace herstellen, indem man erwähnt, dass Walter Gotell in den Narzissen gespielt und Eric Pohlmann, Blofelds Stimme im englischen Original, in der Orchidee. Lustig, beide in den Blumen-Wallace, fällt mir gerade auf.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 457

23.02.2021 09:09
#34 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Vielen Dank !

Ja, Gotell ist augenfällig. Selbstverständlich auch Christopher Lee, „Der Mann mit dem goldenen Colt“ als auch amerikanischer bzw. chinesischer Ermittler bei Wallace. Und, natürlich, Uns Karin. Bei Bond darf sie mal so richtig das ungezogene Mädchen spielen, sogar den gefesselten Helden mit einem Messer bedrohen. Wenn man das mit ihrer Rolle etwa bei der Schreckensbande vergleicht, wo sie mehrmals in der gleichen Position das gleiche Schicksal erdulden musste, kann man wohl schon von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen.
Im Bond-Unterforum gibt es da zu dem Thema „Schauspieler“ einen schon älteren, nur leider angefangenen Thread.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 457

24.02.2021 18:11
#35 RE: Die Welt ist nicht genug - Superschurken in Buch und Film Zitat · Antworten

Feuerball (Original: Thunderball) – 1965

Regie: Terence Young

Kurze Zeit nachdem James Bond (Sean Connery) einen hochrangigen Mitarbeiter von SPECTRE getötet hat, trifft sich die Organisation in Paris. Vorsitz führt ihr Chef Blofeld persönlich (wieder mal von Anthony Dawson gespielt). Hier stellt er das bisher ehrgeizigste Projekt vor, die Erpressung der NATO-Staaten durch die Entführung eines Kampfflugzeuges mit zwei Atombomben. Während Bond eine Erholungskur in einer Klinik verbringt, rollt die verbrecherische Aktion im nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt ab. Da ein Teil der Verschwörer zufällig in der Klinik zu tun hat, bemerkt auch Bond allerlei Seltsames. Ein weiteres SPECTRE-Mitglied versucht ihn umzubringen und wird bald selber exekutiert. Aber nun erfolgt eine Dringlichkeitssitzung des Secret Service, Bond wird durch eigenes Betreiben nach Jamaica versetzt, wo er die verschwundenen Nuklearwaffen vermutet. Er stößt auf die schöne Domino Derval (Claudine Auger) sowie ihren „Vormund“ Emilio Largo (Adolfo Celi). Der ist als Nummer 2 Hauptakteur der kriminellen Erpressungsaktion. Nun folgen die üblichen Verwicklungen, Mordanschläge, Entführungen, Casinoduelle, jede Menge Tauchgänge und amouröse Eskapaden, bis am Ende eine beeindruckende Unterwasserschlacht zwischen den guten und den bösen Jungs tobt. Largo ereilt durch die Hand seiner ehemaligen Geliebten sein Schicksal, bevor auch seine Lieblingsjacht Disco Volante in einem „Feuerball“ verschwindet. Die Atombomben sind sichergestellt, der große Hintermann der Geschichte ist allerdings noch frei.

Der technische Aufwand des Filmes besonders unter Wasser ist immer noch beeindruckend. Aber auch die Intrige, die in dem Raub der gefährlichen Bomben endet, ist für die Verhältnisse der Bondfilme ungemein sorgfältig entwickelt, komplexer und fast noch überzeugender als im Buch. Obwohl die screentime des Paten Blofeld sehr begrenzt ausfällt, wirken er und seine Organisation hier aufgrund der kalten Geschäftsatmosphäre besonders bedrohlich und mächtig. Der Boss ist wieder nur separiert sitzend ohne Gesicht, dafür mit Miezekatze zu sehen. Alle hochrangigen Mitglieder des weltweit operierenden SPECTRE sind zum Rapport angetreten, ein betrügerisches Subjekt wird mittels Stromschlag exekutiert, wie in der Vorlage. Die Nähe dazu ist auch sonst recht groß, wenngleich die Handlung durch einige zusätzliche Episoden ausgeschmückt wurde. Ein Pool mit Goldgrotten-Haien auf Largos Anwesen oder die Entführung einer britischen Agentin dorthin fügen sich passend ins Geschehen ein, genauso wie die Hinzudichtung der schönen, aber eiskalten SPECTRE-Killerin Fiona Volpe (Luciana Paluzzi). Bei der versagt auch Bonds Charme letztendlich, sie wird trotz wilder Liebesnacht mit Ihrer Majestät Supercasanova kein bekehrtes gutes Mädchen mehr, was diesem wunderbar selbstironisch die Erkenntnis „Berufsrisiko“ abnötigt.
Feuerball ist wohl in vielerlei Hinsicht einer der besten Bond-Filme, Handlung, Gadgets, Schauspieler, Action – hier stimmt eigentlich alles. Dabei ist die ganze Story zwar phantastisch, aber nicht gänzlich unrealistisch.

Wenngleich Ernst Stavro Blofeld nicht persönlich aus dem Schatten seiner Geheimorganisation heraustritt, so wirkt er hier, möglicherweise gerade deshalb, besonders unangreifbar und machtvoll, auch wenn sein bis dahin größter Plan am Ende scheitert.

Seiten 1 | 2 | 3
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz