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Dieses Thema hat 52 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

23.04.2016 21:15
The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



Staffel 1: The Adventures of Sherlock Holmes (Teil 1, 1984)

Einigen Analytikern gelten die mit großem Aufwand inszenierten Kinofilme „The Seven-Per-Cent Solution“ und „Murder by Decree“ als Auslöser einer neuen Sherlock-Holmes-Welle in den 1980er Jahren. Von einem pragmatischeren Standpunkt betrachtet, dürfte das Wiederaufleben des berühmten Detektivs eher daran gelegen haben, dass nach damaligem britischen Copyright die Werke Sir Arthur Conan Doyles 50 Jahre nach dessen Tod, also anno 1980, in die public domain übergingen und Produktionsfirmen deshalb künftig Lizenzgebühren einsparen konnten. „Zufällig“ landete 1980 auch auf dem Schreibtisch im Chefbüro von Granada Television der Entwurf für eine neue Sherlock-Holmes-Serie, für die dem Produzenten Michael Cox große Budgets und eine bisher noch nie dagewesene Originaltreue vorschwebten – die Serie sollte der Traum für alle Aficionados des Holmes-Kanons werden.

Vier Jahre vergingen jedoch, bis die Programme – tatsächlich in der Form, in der sie sich Cox von Anfang an vorgestellt hatte – erstmals über die Bildschirme flimmerten. Einerseits bedurfte es ausgiebiger Verhandlungen bezüglich des Konzepts und der Besetzung der Hauptrolle durch den einfühlsamen Jeremy Brett (die Studiooberen hätten klangvollere Namen wie Anthony Andrews oder Jeremy Irons vorgesehen); andererseits kamen die zum gleichen Zeitpunkt ersonnenen, aber etwas zügiger realisierten TV-Filme mit Ian Richardson unerwartet in die Quere, was zu einem Rechtsstreit zwischen Granada und Mapleton Films führte, der die Realisierung der Drehbücher bis zum Frühjahr 1983 verzögerte.

Letztlich schaffte die Serie es auf sechs Staffeln und eine Handvoll Specials mit zusammen 41 Episoden, die leider nicht alle unter dem glücklichen Stern standen, welcher der Serie zu Anfang beschieden zu sein schien. Die Beziehung zwischen Jeremy Brett und Sherlock Holmes würde sich recht bald als ähnlich verhängnisvoll und gleichzeitig untrennbar erweisen wie jene zwischen Holmes und seinem Erschaffer Doyle ...

Episoden der ersten Staffel:

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

24.04.2016 00:15
#2 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten

Wiederkehrende Rollen und ihre Darsteller:

  • Sherlock Holmes: Jeremy Brett (41 Folgen, 1984-1994)
  • Dr. John H. Watson: David Burke (13 Folgen, 1984-1985)
  • Dr. John H. Watson: Edward Hardwicke (27 Folgen, 1986-1994)
  • Mrs. Hudson: Rosalie Williams (26 Folgen, 1984-1994)
  • Mycroft Holmes: Charles Gray (4 Folgen, 1985-1994)
  • Inspector Lestrade: Colin Jeavons (6 Folgen, 1985-1992)
„A Study in Celluloid“ von Michael Cox:

Über die Jeremy-Brett-Sherlock-Holmes-Serie ist viel geschrieben worden. Die Bandbreite reicht von kurzen Einschätzungen in Sammelbänden (Alan Barnes: „Sherlock Holmes on Screen“, David Stuart Davies: „Starring Sherlock Holmes“, Michael Ross: „Sherlock Holmes in Film und Fernsehen“) bis hin zu detaillierten Darlegungen: Bei diesen ist neben Peter Hainings „The Television Sherlock Holmes“ und Davies’ „Bending the Willow“ vor allem der Bericht des Produzenten Cox von Interesse, der – verlegt unter dem Titel „A Study in Celluloid“ – ein ausführliches Making-of zur Granada-Serie in Printform darstellt. Koch Medias DVD-Erstausgaben der 50-Minuten-Folgen enthalten ausführliche ins Deutsche übersetzte Passagen dieses Buches, das aber leider nicht komplett übernommen wurde und in den Repacks zudem gar nicht mehr vorhanden ist. Wer das ganze Buch sein Eigen nennen wollte, musste lange Zeit einen hohen dreistelligen Preis für das vergriffene Werk einkalkulieren. Mittlerweile hat der amerikanische Verlag Gasogene Books („Dedicated to the study of Sherlock Holmes and his world“) eine schmucke Neuauflage des Buches herausgegeben. Der 228 Seiten starke Softcover-Band ist auf der Verlagshomepage für 28,95 Dollar zu erwerben; leider jedoch sind die Versandkosten nach Europa ziemlich gepfeffert. Dennoch ein Schnäppchen im Vergleich zu den Sammlerpreisen für die vorherige Auflage.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

24.04.2016 14:30
#3 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten

Die Erstsendung der Auftaktfolge jährt sich am heutigen Tag zum 32. Mal:



The Adventures of Sherlock Holmes: A Scandal in Bohemia (Ein Skandal in Bohemia)

Episode 1 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: Paul Annett. Drehbuch: Alexander Baron (Vorlage, Juli 1891: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams. In Gastrollen: Gayle Hunnicutt (Irene Adler), Wolf Kahler (König von Bohemia), Michael Carter (Godfrey Norton), Max Faulkner (John), Tim Pearce (Kutscher), Tessa Worsley (Mrs. Willard), Will Tacey (Geistlicher), Tom Watt (Gammler) u.a. Uraufführung (GB): 24. April 1984. Uraufführung (BRD): 28. Oktober 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von A Scandal in Bohemia (Ein Skandal in Bohemia)
Royaler Besuch in der Baker Street: Der böhmische König ersucht Sherlock Holmes, das Überbleibsel einer Romanze zu ergattern, die er einst mit der Chansonnette Irene Adler unterhielt. Im jugendlichen Übermut hatte der damals noch nicht inthronierte König ein Foto aufnehmen lassen, auf dem er gemeinsam mit Irene Adler zu sehen ist und das diese im Falle der nun anstehenden Verlobung mit einer anderen Frau auszuspielen droht. Holmes soll die Fotografie aufspüren und bedient sich dazu verschiedener Verkleidungen ...


Den Serienauftakt bildet die gleiche Geschichte, die auch Arthur Conan Doyles Einstand im durch seine Holmes-Kurzgeschichten berühmt gewordenen Strand Magazine markierte. Sie bietet alle archetypischen Merkmale, die man sich von einem Holmes-Fall erwartet: eine Exposition, in der das Privatleben in der Baker Street vorgestellt wird, eine detaillierte Darlegung des Falls durch einen Klienten, der sich auf Holmes’ Diskretion beruft, eine Ermittlungsphase, in der verschiedene Kostümierungen zum Einsatz kommen, einen Gegner (in diesem Fall eine Gegnerin) von unbestrittenem Format und eine überraschende Auflösung, bei der die Figuren mit sich selbst ins Reine kommen, anstatt eines Eingreifens der kalten, unbeteiligten Justiz zu bedürfen. Dies funktioniert hier vor allem deshalb, weil das geschilderte Verbrechen im letzten Moment abgewendet werden kann. Erpressung einer angesehenen Person durch eine dubiose Liebschaft aus der Vergangenheit gehört zu jenen Taten, die gerade im frühen Entwicklungsstadium von Kriminalerzählungen weit verbreitet waren, weil das ausgeprägte Ehr- und Schamgefühl der viktorianischen Ära den Bedrohten selbst mit heute eher harmlos anmutenden Enthüllungen an den Rand seiner Existenz drängen konnte – Fehltritte auf dem sorgsam abgesteckten gesellschaftlichen Parkett wurden nicht geduldet, schon gar nicht in den Königshäusern.

Entsprechend besorgt, aber auch großspurig agiert der in Kiel geborene Wolf Kahler als amüsant bebarteter böhmischer Monarch, dessen Titel außer in Holmes’ berüchtigtem Register in keinem Adelsverzeichnis der Welt zu finden sein dürfte. Die memorabelste und dankbarste Gastrolle allerdings übernimmt Gayle Hunnicutt als Irene Adler, der Sherlock Holmes bekanntlich als der Frau, eines herausragenden Exemplars ihrer Art, gedenkt. Autor Baron und Regisseur Annett gelingt es vorzüglich, die verführerischen Qualitäten der Adler zu skizzieren, ohne die Folge in einen Liebesfilm oder gar eine Seifenoper umkippen zu lassen. Holmes’ Bewunderung beißt sich nicht mit der analytischen Emotionslosigkeit des großen Detektivs, äußert sie sich doch nicht in jungenhaften Schwärmereien, sondern lediglich in ein paar versonnenen Blicken, die sich zudem ausschließlich auf seine zwei verkleideten Alter Egos beschränken und somit durchaus auch als Bestandteil einer Maskerade verstanden werden können. Hunnicutt übermittelt vorzüglich sowohl die Eleganz der Irene Adler als auch ihre Fortschrittlichkeit als eigenständige und selbstbestimmte Frau. Dies geht so weit, dass sie Holmes sogar ein wenig an der Nase herumführen darf, was dem Finale jedoch keinen Abbruch tut, da – mit Ausnahme des von sich eingenommenen Königs – jeder Anwesende die Lage realistisch einschätzt.

„A Scandal in Bohemia“ nimmt die aufwendigen Produktionswerte der Reihe vorweg, was sich hier vor allem in den lyrischen Landschafts- und Reitaufnahmen, in überreich ausgestatteten und dabei doch nur kurz zu erspähenden Rückblenden und in den Straßenszenen äußert, für die man Statisten in beträchtlicher Anzahl verpflichtete und kostümierte. Vom kriminalistischen Standpunkt aus mag es anspruchsvollere Holmes-Geschichten geben, diese Episode funktioniert jedoch blendend auf einer emotionalen Ebene, die für das Anlocken neuer Zuschauer und eine rasche Identifikation mit den Hauptfiguren der Serie ideal geeignet ist.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.342

24.04.2016 14:49
#4 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



Für Sherlock Holmes ist sie immer nur die Frau.

Eines der berühmtesten Zitate aus dem Canon bezieht sich auf Irene Adler, eine Frau zweifelhaften und fragwürdigen Angedenkens. Doch was macht diese Frau so besonders? Ist es die Tatsache, dass ein Meister seines Fachs wie Sherlock Holmes zum ersten und letzten Mal in seiner Karriere überlistet wurde? Darf es sein, dass sich ein Mann als fairer Verlierer gegenüber einer Frau erweist; einem Wesen, das viele hochmütige Geschlechtsgenossen seiner Zeit nicht für gleichwertig hielten? Fraglos vereint Irene Adler alle Attribute auf sich, die man(n) sich wünscht: Sie "hat eine Seele aus Stahl, das allerschönste Gesicht und den Charakter des kühnsten Mannes der Welt". Umso erstaunlicher und für mich jedes Mal enttäuschender ist das prosaische Ende, das ihre Laufbahn als unabhängige Künstlerin nimmt: die Eheschließung mit dem trockenen und weitgehend humorlosen Rechtsanwalt Godfrey Norton. Welche Höhen erklomm sie mit dem König von Böhmen! Sie wären ein brillantes Paar gewesen, wenn die Umstände der Zeit es zugelassen hätten, dass sich ein Mann von Adel mit einer Frau ihres Schlages verbindet. So bleibt der Frau, die reitet, ficht, schießt und musische Talente pflegt, nur der Weg in die Bürgerlichkeit, um ihr Ansehen zu wahren.

Gayle Hunnicutt als Irene Adler (* 6. Februar 1943 in Fort Worth, Texas) (Synchronstimme: Angelika Waller) verleiht ihrer Figur Eleganz und Wärme. Sie hat sich Respekt erarbeitet und lässt ihn auch ihren Mitmenschen zukommen, denen sie Achtung vor ihrer Persönlichkeit abverlangt, der unvoreingenommene Gerechtigkeit zuteil werden soll. Den König verachtet sie wegen seiner Feigheit, seines Opportunismus und seiner Methoden, die er anwendet, um sie zum Aufgeben zu zwingen. Die romantische Aura, die um die Rolle gesponnen wird, lässt Irene Adler weicher wirken als sie ist und soll vermutlich der Bewunderung Holmes' Nahrung verleihen. Nötig wäre das freilich nicht gewesen, da der Detektiv keine Liebesbeziehung wünscht, sondern einen ebenbürtigen Gegner, mit dem er geistig ringen kann und der seinen Verstand herausfordert. Er tritt ihr zweimal gegenüber und beide Male ist er verkleidet. Als er sich offiziell zu ihrem Haus begibt, ist sie bereits fort und so bleibt es ihm versagt, ihr seine Anerkennung auszusprechen. Einzig ihre Fotografie - ein verklärendes Andenken an einen vitalen Menschen - wird ihn an Irene Adlers List erinnern und ihn mahnen, niemals einen Gegenspieler zu unterschätzen.

Andere Irene-Adler-Darstellerinnen (Auswahl):

  • 1921: Joan Beverley neben Eille Norwood in „A Scandal in Bohemia“
  • 1976: Charlotte Rampling neben Roger Moore in „Sherlock Holmes in New York“
  • 1984: Anne Baxter neben Peter Cushing in „The Masks of Death“
  • 1991: Morgan Fairchild neben Christopher Lee in „Sherlock Holmes and the Leading Lady“
  • 2001: Liliana Komorowska neben Matt Frewer in „The Royal Scandal“
  • 2009: Rachel McAdams neben Robert Downey jr. in „Sherlock Holmes“
  • 2012: Lara Pulver neben Benedict Cumberbatch in „Sherlock: A Scandal in Belgravia“

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

26.04.2016 21:15
#5 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Dancing Men (Die tanzenden Männchen)

Episode 2 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: John Bruce. Drehbuch: Anthony Skene (Vorlage, Dezember 1903: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke. In Gastrollen: Tenniel Evans (Hilton Cubitt), Betsy Brantley (Elsie Cubitt), David Ross (Inspector Martin), Eugene Lipinski (Abe Slaney), Lorraine Peters (Mrs. King), Wendy Jane Walker (Saunders), Paul Jaynes (Walker), Bernard Atha (Dr. Carthew) u.a. Uraufführung (GB): 1. Mai 1984. Uraufführung (BRD): 23. September 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Dancing Men (Die tanzenden Männchen)
In die liebevolle Ehe der Cubitts brechen Angst und Misstrauen ein, als Elsie zunächst einen Brief und später geheimnisvolle Botschaften aus ihrer Heimat Chicago erhält. Die Mitteilungen, vor denen sie sich so fürchtet, sind in Form tanzender Strichmännchen chiffriert. Der Ehemann beauftragt Sherlock Holmes, den Code zu knacken, da seine Frau ihm von sich aus nichts verraten will, er aber Böses ahnt. Tatsächlich trägt sich eine Tragödie zu, noch bevor Holmes und Watson auf dem Landsitz der Cubitts eintreffen ...


Wenn „A Scandal in Bohemia“ eine rührende Romanze mit wohligem Ausgang unter fast durchgängiger Abwesenheit einer zerstörerischen Kraft ist, so kommt diese Kraft in „The Dancing Men“ umso deutlicher und rücksichtsloser zum Vorschein. Nicht zum ersten Mal spielt Doyle in seiner Geschichte auf die Gefahren des amerikanischen Kontinents an, die ihre Tentakel bis ins gute alte England ausstrecken. Die Bürde, die Elsie aus Chicago auf das Schloss in Derbyshire mitbringt, lastet wie ein Alpdruck auf der gesamten Folge, die trotz ihres eher gemächlichen Tempos nie das Interesse des Zuschauers verspielt, weil stets mit dem Hereinbrechen des Unvermeidlichen gerechnet werden muss. Ähnlich wie Agatha Christie harmlosen Kinderliedern verheerende Zweitbedeutung verlieh, ahnt man auch bei Doyle schnell, dass die tanzenden Männchen nur eine Fassade für ein hässliches Ränkespiel sind, das Sherlock Holmes über seine Fähigkeiten als Entschlüssler der Geheimschrift hinaus beschäftigen wird. Die Vorspannszene, in der Elsie sich einen Finger an einer Rosendorne sticht, lässt an drohendem Unheil keine Zweifel aufkommen.

Wer Sherlock Holmes nur als ernste, rein fachlich agierende „Denkmaschine“ kennt (ein Beiname, den der von Doyles Detektiv inspirierte Professor Augustus van Dusen aus der Feder von Jacques Futrelle erhielt), wird von Jeremy Brett in einer enthusiastischen Verkörperung der Rolle eines Besseren belehrt. Bretts Holmes verhält sich in dieser Folge selbst wie ein allerlei Buchstabenposen einnehmendes Strichmännchen, wirbelt durch die Baker-Street-Räume, wirft mit spitzzüngigen Antworten um sich und verfällt über den Tod seines Klienten in alles andere als Trübsal, da ihm dieser ein neues Rätsel beschert bzw. das bestehende Mysterium um eine faszinierende Facette bereichert. Bretts früher Holmes trifft damit genau die Balance zwischen der Besessenheit, jeden Fall als sportliche Herausforderung zu betrachten und ihm jeden Funken Aufmerksamkeit zu widmen, und einer stillen Lethargie gegenüber allen anderen, „normalen“, in seinen Augen jedoch profanen Dingen des Lebens.

Die düster-dramatische Stimmung von „The Dancing Men“ wird von bemerkenswerten Darstellerleistungen getragen, wobei vor allem die Bemühungen hervorzuheben sind, die Rollen vor Eindimensionalität zu bewahren. Weder verharrt Betsy Brantley als Elsie in einer passiven Opferrolle, noch überzeichnet Eugene Lipinski seinen Abe Slaney zu einem übermenschlichen Monster, obgleich ihm nur wenige Schlussminuten zugestanden werden, um dem Gangster aus Chicago Profil zu verleihen. Zusammen mit Tenniel Evans steht das Trio als Musterbeispiel für die in Doyles Geschichten immer wieder heraufbeschworene unglückliche Macht des Schicksals, die in Form von Verbrechen eine Idylle zerstört. Passend zu dieser schwermütigen Sichtweise steuert Patrick Gowers getragene Melodien bei, die sowohl Spannung verkünden als auch Trost spenden.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

28.04.2016 22:45
#6 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Naval Treaty (Das Marineabkommen)

Episode 3 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: Alan Grint. Drehbuch: Jeremy Paul (Vorlage, Oktober / November 1893: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams. In Gastrollen: David Gwillim (Percy Phelps), Gareth Thomas (Joseph Harrison), Alison Skilbeck (Annie Harrison), Ronald Russell (Lord Holdhurst), Nicholas Geake (Charles Gorot), Pamela Pitchford (Mrs. Tangey), John Malcolm (Tangey), David Rodigan (Inspector Forbes) u.a. Uraufführung (GB): 8. Mai 1984. Uraufführung (BRD): 21. Oktober 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Naval Treaty (Das Marineabkommen)
Lord Holdhurst übergibt seinem Neffen Percy Phelps, der unter ihm im Außenministerium arbeitet, einen Marinevertrag zwischen England und Italien zur Abschrift. Obwohl das geheime Dokument auf keinen Fall in falsche Hände fallen darf, ist es, als Phelps nur kurz sein Büro verlässt, plötzlich verschwunden. Der unglückliche Beamte erleidet einen Nervenzusammenbruch und kann erst neun Tage später Sherlock Holmes mit der Suche beauftragen. Kurioserweise ist der gestohlene Vertrag in der Zwischenzeit offenbar nicht an interessierte Stellen verkauft worden ...


Arthur Conan Doyle war ein Meister der Kunst, eine Geschichte trotz eines überschaubaren involvierten Personenkreises nicht vorhersehbar werden zu lassen. Auch in „The Naval Treaty“ hängen die Überraschungsmomente nicht von der Verdächtigenzahl, sondern eher von den eigentlich doch so selbsterklärenden, letztlich aber doch nicht so leicht zu durchschauenden Tatumständen ab. Dabei gelang es dem Autor immer wieder, aus ähnlichen Ausgangssituationen (in „The Second Stain“ oder „The Bruce Partington Plans“ verschwinden ebenfalls staatstragende Unterlagen) gänzlich neuartige Geschichten zu formen, die alle ihre individuellen Reize aufweisen. So darf man sich hier die Fragen stellen, warum der Dieb im Auswärtigen Amt mit der Glocke auf seine Anwesenheit aufmerksam macht oder weshalb er so zögerlich ist, das Abkommen an die Russen oder Franzosen zu verkaufen. Auch der Umstand, dass Percy Phelps ein ehemaliger Mitschüler von Watson ist, regt die Fantasie über die Schulzeit des Doktors an, wo doch sonst oft nur Holmes’ todgeschwiegene Vergangenheit im Mittelpunkt aller Forschung steht.

Die Granada-Version hebt die ohnehin schon gelungene Geschichte auf ein noch höheres Niveau, was sowohl der Besetzung des angeschlagenen Ministeriumsmitarbeiters Phelps durch David Gwillim als auch dem optisch hervorragenden Wechsel zwischen der ungemütlichen Regennacht der Tat, die immer wieder in Rückblenden heraufbeschworen wird, und den sonnendurchfluteten Szenen auf dem Landsitz der Harrisons zu verdanken ist. Der Ausflug aufs sommerliche Land gibt Holmes die Gelegenheit, aus der üblichen städtischen Anzugsordnung auszubrechen, ohne auf die abgenutzten Klischees von Inverness Cape und Deerstalker zurückzugreifen, die Jeremy Brett ohnehin nicht besonders standen, sondern in einem cremefarbenen Sommeranzug mit keckem Sonnenhut aufzutreten. Einen weiteren Akzent setzte Regisseur Alan Grint mit der Inszenierung der Überführungsszene, die dem Produzenten Michael Cox offenbar eher missfiel, aber als ungewöhnliches Beispiel ihrer Art durchaus sehenswert ist. Die dem vorangehende Enthüllung des wiederaufgefunden Dokuments ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

Bleibt die Frage nach Mrs. Hudsons Herkunft: Vielleicht ist es dem Bias des immerhin nordenglischen Produktionsstandorts von Granada geschuldet, dass Jeremy Brett sich hier in einem wichtigen Punkt einen (absichtlichen?) Flüchtigkeitsfehler erlaubt. Während wir bei Doyle das Urteil „[S]he has as good an idea of breakfast as a Scotch-woman“ lesen können, was eher gegen eine schottische Herkunft der Holmes-Haushälterin spricht, hört der aufmerksame Zuschauer in der Adaption „as good [...] as any Scotswoman“, wodurch trotz Widerspruch der liebenswerten Rosalie Williams aus der Angelegenheit auf einmal ein ganz anderer Schuh wird.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

30.04.2016 21:15
#7 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Solitary Cyclist (Die einsame Radfahrerin)

Episode 4 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: Paul Annett. Drehbuch: Alan Plater (Vorlage, Januar 1904: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams. In Gastrollen: Barbara Wilshere (Violet Smith), John Castle (Carruthers), Michael Siberry (Woodley), Ellis Dale (Williamson), Sarah Aitchison (Sarah Carruthers), Simon Bleackley (Peter), Penny Gowling (Mrs. Dixon), Stafford Gordon (Wirt) u.a. Uraufführung (GB): 15. Mai 1984. Uraufführung (BRD): 30. September 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Solitary Cyclist (Die einsame Radfahrerin)
Violet Smith hat eine private Stellung beim Witwer Mr. Carruthers angenommen, dessen Freund Woodley ein auffallendes Interesse an der schönen Musiklehrerin zeigt. Auf dem einsamen Weg von Carruthers’ Anwesen zum nächsten Bahnhof, den Violet regelmäßig mit dem Fahrrad zurücklegt, wird sie seit einem peinlichen Zwischenfall mit Woodley von einem verkleideten Fremden beschattet, der ihr im Abstand von einigen Metern ebenfalls auf einem Rad folgt. Welche Gefahr droht der Frau?


Wie auch bei vielen anderen Serien üblich, entspricht bei den „Adventures of Sherlock Holmes“ die Produktions- nicht der Ausstrahlungsreihenfolge. Um sich für den Serienpiloten einzuüben, drehte man die später zuerst ausgestrahlte Folge „A Scandal in Bohemia“ erst an vierter Stelle, den als vierten gesendeten Fall wählte man hingegen als Auftakt. Den Mangel an Erfahrung glich man mit einer der gelungensten Geschichten aus Doyles Kanon aus, die zwar stellenweise eher ins melodramatische als ins kriminalistische Fach tendiert, dafür jedoch einen vielsagenden Einblick in viktorianisches Ehrgefühl und Standesbewusstsein liefert. Besonders deutlich werden diese Unterscheidungen in den Charakteren von Bob Carruthers und Jack Woodley, die sich als konträr auftretende Galane um die Gunst der Klavierspielerin und Radfahrerin Violet Smith bemühen, sowie im mitreißenden Finale, in dem einer der schuldig gewordenen Herren reumütig seine Fehler und die seiner Kumpanen eingesteht.

Dem Team um Paul Annett gelang es vorzüglich, für die stark von ihren Schauplätzen zwischen Wald und Heide abhängige Geschichte attraktive Entsprechungen in der Nähe von Manchester zu finden. Vom Landhaus Chiltern Grange über den verhängnisvollen Waldweg bis hin zum Pavillon im verwilderten Park von Charlington Hall decken sich die Drehorte perfekt mit den Beschreibungen in der Vorlage und den Vorstellungen der Leserschaft. Weniger Begeisterung lassen hingegen einige Besetzungen aufkommen, die davon künden, dass man den Stil der Reihe noch nicht bis ins Detail ausgearbeitet hatte. Vor allem Michael Siberry als rauhbeiniger Mr Woodley und Ellis Dale in der Rolle des versoffenen Priesters treten eher wie Karikaturen in Erscheinung, während Barbara Wilshere und John Castle als verhindertes Paar ihre Aufgabe durchaus ernst nehmen.

Ungewöhnlich exaltierten Humor erlebt man auch zwischen Holmes und Watson, der durch das harmonische Zusammenspiel zwischen Brett und Burke jedoch nicht ins Alberne abgleitet. Im Gegenteil ist „The Solitary Cyclist“ in ähnlicher Form wie „The Hound of the Baskervilles“ eine Herausforderung für Watson, eigenständige Ermittlungen anzustellen und Holmes dann darüber zu berichten, wobei sein Freund für die Funde des Doktors nichts als vernichtende Kritik übrig hat. Einmal mehr fühlt man sich durch Holmes’ harsches Urteil bestätigt, dass Doyle den Watson lediglich als Vertreter der Leserschaft und damit als passive Figur ansah, was Burke durch Einfühlsamkeit und Engagement, wenn schon nicht durch kombinatorische Brillanz beträchtlich auszubauen versteht.

Gubanov Offline




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04.05.2016 14:15
#8 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Crooked Man (Der verkrüppelte Mann)

Episode 5 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: Alan Grint. Drehbuch: Alfred Shaughnessy (Vorlage, Juli 1893: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke. In Gastrollen: Norman Jones (Henry Wood), Lisa Daniely (Nancy Barclay), Denys Hawthorne (James Barclay), Fiona Shaw (Miss Morrison), Paul Chapman (Major Murphy), Shelagh Stephenson (Jane), Michael Lumsden (junger Henry Wood), Catherine Rabett (junge Nancy) u.a. Uraufführung (GB): 22. Mai 1984. Uraufführung (BRD): 14. Oktober 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Crooked Man (Der verkrüppelte Mann)
Erbitterte Streitgespräche dringen durch die verschlossene Salontür im Haus der Eheleute Barclay. Wenige Augenblicke später findet ein Angestellter den Colonel tot und seine Frau bewusstlos auf. Hat sie ihn umgebracht? Holmes findet heraus, dass noch eine dritte Person anwesend gewesen sein muss, die in Begleitung eines ungewöhnlichen Tiers war. Er hat die Spuren bald zu einem früheren Militärkollegen des Colonels zurückverfolgt, der, um Mrs. Barclay zu entlasten, bereitwillig seine Lebensgeschichte und die Vorfälle am Abend des Unglücks schildert ...


Den schwächeren Geschichten des Kanons merkt man ihr Alter leider an – vor allem in der Hinsicht, dass Sherlock Holmes eigentlich kaum etwas zu ermitteln braucht und sich die Lösung wie von selbst ergibt, da die Beteiligten zu aufrichtig für Lügengespinste sind. „The Crooked Man“ besteht im Wesentlichen aus der Schilderung der Ereignisse in der Villa Barclay und der Befragung zweier Zeugen jenes Abends, die von sich aus die Wahrheit schildern, ohne Holmes’ Kombinationsgabe unnötig zu beanspruchen. Man versuchte zwar, die Stimmung mit Zutaten des Gruselkatalogs (einem Gewittersturm, dem Aussehen des Hauptverdächtigen, dem Jagdinstinkt seines unbekannten tierischen Kumpanen sowie wenig zimperlichen Szenen vom Kriegsgeschehen in Indien) sowie mit charakterlich passgenauen Ergänzungen wie Holmes’ offenkundiger Abneigung gegen das Militär anzuheizen. Dennoch stellt sich die Frage, warum die Beteiligten dieser durchschaubaren Geschichte in der ohnehin schon durch andere Episoden bitter-romantisch geprägten ersten Staffel den Vorzug vor einem bereits fertiggestellten Drehbuch zur deutlich spannenderen und typischeren Erzählung „The Reigate Squires“ gaben.

Die darstellerischen Leistungen geraten löblich wie üblich, wobei vor allem die fesselnde Rede Henry Woods hervorzuheben ist, in der Norman Jones einen fast zwanzigminütigen Monolog – freilich mit der tatkräftigen Unterstützung filmischer Retrospektiven – durchweg interessant hält, was auch Zeugnis der sprachlichen Qualität der Serie und ihrer Vorlagen ist. Während die sehr konträren Besetzungen zwischen jungem und altem Henry Wood wohl die Torturen verdeutlichen sollen, die dieser zu ertragen hatte, gelang mit Denys Hawthorne und James Wilby eine sehr stimmige Doppelbesetzung von Colonel Barclay, dessen Schuldbewusstsein zwar zur Sprache kommt, aber durchaus noch stärker hätte ausgebaut werden können.

Für eine originalgetreue Sherlock-Holmes-Serie stellen die Schwankungen in der Güte der Vorlagen eine Zwickmühle dar, bei der Produzenten den schmalen Grat finden müssen, einerseits solche für die Adaption anspruchsvolleren Stories nicht zu übergehen (um auch in späteren Staffeln genügend gelungenes Ausgangsmaterial zur Verfügung zu haben), andererseits aber nicht durch die hier notwendigen Anpassungen Tür und Tor für Veränderungen am Ausgangsmaterial auch an jenen Stellen zu öffnen, an denen sie eigentlich gar nicht erforderlich sind. So endet Alfred Shaughnessys einziges Script für die „Adventures“ nach weitgehend solidem Umgang mit dem Ursprungsmaterial mit einer vielleicht nicht unbedingt gerechtfertigten Kapriole, indem es den Ausspruch „Elementary, my dear Watson“, bei dem der Umstand, dass Doyle Holmes diese Zeile nie in den Mund legte, vielleicht noch berühmter ist als der Satz selbst, umdreht und als „Elementary, my dear Holmes“ seinem Freund Watson unterjubelt. Als Schlusspointe auf dem Papier recht amüsant, jedoch in etwas befremdlichem Kontrast sowohl zu den hohen Standards der Reihe als auch zu der grüblerischen Gemütslage, die die Erzählung des Verwachsenen und das abschließende Standbild hervorrufen sollen.

Gubanov Offline




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06.05.2016 21:15
#9 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Speckled Band (Das gefleckte Band)

Episode 6 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: John Bruce. Drehbuch: Jeremy Paul (Vorlage, Februar 1892: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams. In Gastrollen: Jeremy Kemp (Dr. Grimesby Roylott), Rosalyn Landor (Helen Stoner), Denise Armon (Julia Stoner), John Gill (Kutscher), Timothy Condren (Thorne), Stephen Mallatratt (Percy Armitage) u.a. Uraufführung (GB): 29. Mai 1984. Uraufführung (BRD): 7. Oktober 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Speckled Band (Das gefleckte Band)
Die schiere Angst hat von Helen Stoner Besitz ergriffen: Nachdem sie wegen Bauarbeiten im Todeszimmer ihrer Schwester übernachten muss, hört sie – ebenso wie diese in der Nacht ihres Ablebens – ein unheimliches Pfeifen. Sie beauftragt Sherlock Holmes, herauszufinden, in welcher Verbindung das Geräusch, die Bemerkung über ein „geflecktes Band“ und das gewalttätige Verhalten ihres Stiefvaters mit jener Bedrohung stehen, der einst ihre einzige Vertraute erlag. Kann Holmes seine Klientin vor einem ähnlichen Schicksal bewahren?


Obschon alles andere als ein verblüffender Whodunit, hat sich „The Speckled Band“ neben dem allgegenwärtigen „Hound of the Baskervilles“ den Platz der wohl populärsten Erzählung im Sherlock-Holmes-Kanon erkämpft. Den Reiz des Falls, der unverkennbar in der Tradition romantischer Gruselklassiker, wie sie in der viktorianischen Ära als Vorläufer typischer Kriminalromane beliebt waren, verwurzelt ist, fingen John Bruce und Jeremy Paul gekonnt ein. Eine sadistische Macht, die von einem ruchlosen Patriarchen über eine wehrlose junge Frau ausgeübt wird, findet sich als wiederkehrendes Motiv in derlei Schauergeschichten, z.B. auch in der Beziehung zwischen Emily St. Aubert und Montoni in Ann Radcliffes „The Mysteries of Udolpho“ oder zwischen Laura Fairlie und Sir Percival Glyde in Wilkie Collins’ „The Woman in White“. Doyles etwas modernere Variante ist sich der Stereotypen des Genres bewusst und nimmt diese geschickt auf den Arm, indem sie das Anwesen Stoke Moran zu einer zirkusartigen Festung mit fremdländischen Tieren und Dr. Grimesby Roylott zu einem unverhohlenen Superschurken mit übermenschlichen Kräften ausbaut.

Dennoch bewahren sich sowohl das Buch als auch die TV-Fassung eine genuine Atmosphäre der Angst, die nicht übertrieben wirkt, sondern dem Leser bzw. Zuschauer auch dann sehr nah geht, wenn man auf das mittlerweile wohlbekannte Ende gefasst ist. Sowohl die in ein eher kaltes Licht getauchten oder im effektiven Halbdunkel fotografierten Szenen auf Stoke Moran (angemessen morbide: der beliebte Seriendrehort Adlington Hall, bei dem nur die Lage des Gartenhauses zu Julias Zimmer ein Rätsel bleibt) als auch die Verkörperungen seiner Bewohner, bei denen es weniger auf herausragende Einzeldarbietungen als vielmehr auf den markanten Kontrast zwischen der unschuldigen Helen und dem bitterbösen Dr. Roylott ankommt, verdeutlichen die Mühe, die das Drehteam in die Adaption dieses Aushängeschilds investierte.

Die üblichen Kritikpunkte, die die vom wissenschaftlichen Standpunkt eher zweifelhafte Einbindung der Schlange oder eine gewisse Vorhersehbarkeit der Auflösung betreffen, werden durch eine werkgetreue Umsetzung freilich nicht gelöst, fallen aber ebenso wenig ins Gewicht wie für den Erfolg der Vorlage. Eine sehr liebenswerte Anekdote besteht darin, dass Ausstatter Mike Grimes der Schlange den Namen Kevin verpasste, weil sie ihn an jemanden erinnerte, mit dem er einmal zusammengearbeitet hatte.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.382

08.05.2016 21:15
#10 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Blue Carbuncle (Der blaue Karfunkel)

Episode 7 der TV-Kriminalserie, GB 1984. Regie: David Carson. Drehbuch: Paul Finney (Vorlage, Januar 1892: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams. In Gastrollen: Rosalind Knight (Gräfin von Morcar), Ros Simmons (Catherine Cusack), Ken Campbell (James Ryder), Desmond McNamara (John Horner), Amelda Brown (Jennie Horner), Brian Miller (Inspector Bradstreet), Frank Mills (Peterson), Frank Middlemass (Henry Baker) u.a. Uraufführung (GB): 5. Juni 1984. Uraufführung (BRD): 4. November 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Blue Carbuncle (Der blaue Karfunkel)
Aufruhr bricht im Cosmopolitan Hotel aus, als bemerkt wird, dass ein findiger Dieb kurz vor den Feiertagen den blauen Karfunkel der Gräfin von Morcar entwendet hat. Am nächsten Tag überrascht Holmes’ Nachbar Peterson den Detektiv mit zwei Gegenständen – einer Weihnachtsgans und dem Hut eines gewissen Henry Baker –, die ihm auf merkwürdige Weise in die Hände gefallen sind. Holmes zeigt zunächst größeres Interesse an dem Hut, denn noch kann er nicht ahnen, dass im Kropf der Gans der blaue Karfunkel versteckt ist ...


Die holmesianische Weihnachtsgeschichte im ersten gesicherten Episodenstoß zu verfilmen, war dem Granada-Team offenbar so wichtig, dass man dafür sogar einen äußerst unpassenden Erstsendungstermin Anfang Juni 1984 in Kauf nahm. Doyles Geschichte bezieht sich ähnlich wie Dickins’ berühmte Erzählung auf die Unterschiede zwischen Arm und Reich, die an Heiligabend weniger groß sind als zur restlichen Zeit des Jahres. Auch Holmes, der in Jeremy Bretts Gestalt sonst manchmal etwas unwirsch und exzentrisch auftritt, sorgt angesichts des festlichen Anlasses dafür, dass dem Dienstmann von gegenüber ein unerwartetes Belohnungsgeld in den Schoß fällt, der Klempner das Fest nicht unschuldig hinter Gittern verbringen muss und die verbitterte Gräfin, die er keines einzigen Interviews für würdig erachtet, an die flüchtige Natur ihrer Besitztümer erinnert wird.

Die umfangreiche Ereigniskette auf dem Weg des Juwels vom Cosmopolitan auf den Peterson’schen Küchentisch verleiht der Episode ein ungewohnt hohes Tempo, das durch die immer wieder neue Stationen offenbarenden Befragungen befeuert wird. Man kann sich sogar des Eindrucks nicht erwehren, dass man stellenweise in Zeitnot geriet, was sich in einigen holprigen Momenten zu Anfang und Ende äußert: Man erfährt eingangs keine Details darüber, warum Horner als Verdächtiger festgenommen wird und sieht abschließend ebensowenig, wie Holmes den Edelstein zurückgibt und welche Erklärung er für dessen Wiederauffinden abgibt, wie er Horners Freilassung erreicht, ob er die Frau, die den Diebstahl plante, dem Gesetz übergibt und wie Peterson seinen Finderlohn tatsächlich ausgezahlt bekommt.

Zugleich fällt auf, dass die Folge, die im Gegensatz zum Großteil der anderen Episoden nicht auf dem Land, sondern mitten in Londons Zentrum spielt, stärker auf Studioaufnahmen angewiesen ist als üblich. Kurioserweise nutzte der Drehstab um David Carson diese Gelegenheit, die Kulissen frei gestalten zu können, kaum aus, um spürbare Weihnachtsatmosphäre zu kreieren. Passend zum Datum der Ausstrahlung erscheint diese Version des „blauen Karfunkels“ recht neutral: Watson besorgt zwar verstohlen einen Stapel Geschenke mit, allerdings kommt es nicht zu einem Austausch von Präsenten zwischen dem Doktor und dem Detektiv wie einst bei Peter Cushings und Nigel Stocks BBC-Fassung. Ebenso taucht der erste Schnee erst kurz vor dem Abspann auf, was für englische Verhältnisse zwar recht authentisch ist, aber dem Mythos um diese Episode einen gewissen Abbruch tut. Dessen ungeachtet haben wir es mit einer bärenstarken Geschichte in den Händen gut aufgelegter Akteure, bedauernswerterweise aber nicht mit dem Höhepunkt zu tun, der es im Idealfall hätte werden können.

Gubanov Offline




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09.05.2016 19:45
#11 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten

Ein weiterer Episodenführer:

Wer nicht immer gleich die ganze Literatur aus dem Schrank holen möchte, findet auf der umfangreichen Website „The Conan Doyle Encyclopedia“ einen kompletten Episodenguide zur Jeremy-Brett-Serie. Den Einstieg bildet eine übersichtliche Auflistung aller Folgen, die man sich bei der IMDb erst mühsam zusammensuchen muss, da die einzelnen Staffeln dort aufgrund ihrer unterschiedlichen Namen teilweise als separate Serien geführt werden. Für jede Episode sind auf einer Detailseite dann eine (meist sehr wohlwollende) Kritik, teilweise mit Rückverweisen auf Cox und andere Autoren, eine Reihe von Screenshots, Cast, Crew und eine detaillierte Inhaltsangabe hinterlegt. Aber Achtung: Die Autoren der Seite sind Franzosen; bis „The Man with the Twisted Lip“ sind die Episodentexte ins Englische übersetzt worden, danach liegen sie auf Französisch vor. Das Gleiche gilt für den dort verlinkten, sehr ausführlichen Hintergrundtext „The saga of the Sherlock Holmes series“. Holmes’ Großmutter wäre erfreut gewesen!

Gubanov Offline




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18.05.2016 21:15
#12 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



Staffel 2: The Adventures of Sherlock Holmes (Teil 2, 1985)

Gedreht wurden die Folgen 8 bis 13 unmittelbar im Anschluss an die ersten sieben. Das Publikum musste jedoch über ein Jahr warten, um nach dem „Blue Carbuncle“ einen Ausflug zu den „Copper Beeches“ unternehmen zu können. Der zweite Schwung der als „Adventures of Sherlock Holmes“ bezeichneten Doppelstaffel umfasst ähnlich wie der erste einen hohen Anteil beliebter Klassiker aus dem Kanon, darunter die ersten Serienauftritte von Mycroft Holmes und Inspector Lestrade.

Da unklar war, ob die Serie nach 13 Folgen fortgeführt werden würde, beschloss man die „Adventures“ mit der berühmten Erzählung des „Final Problem“, in dem sich Sherlock Holmes mit Professor Moriarty misst und beide angeblich tödlich verunglücken. Eric Porter freute sich über das Angebot, Moriarty spielen zu dürfen, sammelte er doch nach eigenem Bekunden englische Schurkenrollen wie andere Leute Briefmarken. Als würdiger Gegner für Holmes wurde sein Part im Vergleich zu Doyles Geschichten etwas ausgebaut – gemeinsam mit den Änderungen an „The Greek Interpreter“ ein erstes Anzeichen dafür, dass der ursprüngliche Vorsatz, sich ganz eng an die Vorlagen zu halten und damit „ultimative Verfilmungen“ zu schaffen, nicht immer praktikabel war.

Episoden der zweiten Staffel:

Gubanov Offline




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19.05.2016 21:15
#13 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Copper Beeches (Das Haus „Zu den Blutbuchen“)

Episode 8 der TV-Kriminalserie, GB 1985. Regie: Paul Annett. Drehbuch: Bill Craig (Vorlage, Juni 1892: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke. In Gastrollen: Joss Ackland (Jephro Rucastle), Natasha Richardson (Violet Hunter), Lottie Ward (Mrs. Rucastle), Patience Collier (Miss Stoper), Angela Browne (Mrs. Toller), Peter Jonfield (Toller), Michael Loney (Fowler), Rachel Ambler (Alice) u.a. Uraufführung (GB): 25. August 1985. Uraufführung (BRD): 11. November 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Copper Beeches (Das Haus „Zu den Blutbuchen“)
Die Gouvernante Violet Hunter erwartet eine ruhige und gutbezahlte Stellung auf dem Land, wenn sie sich mit einigen Marotten ihrer Arbeitgeber zu arrangieren versteht. Die Wünsche der Rucastles, ihre neue Angestellte möge sich ihre Haare kurz schneiden, ein in einem bestimmten Blauton gehaltenes Kleid tragen und regelmäßig gut sichtbar am Salonfenster sitzen, jagen Violet Furcht und Argwohn ein. Haben die Rucastles es auf sie abgesehen oder benutzen sie sie, um ein noch fürchterlicheres Geheimnis zu verbergen?


In eine geschickte atmosphärische Kreuzung aus „The Solitary Cyclist“, „The Speckled Band“ und „The Hound of the Baskervilles“ wob Doyle einen der ausgefeiltesten und eigensinnigsten Plots seiner Geschichten aus dem frühen „Adventures“-Band ein, dessen Spannungs- und Actionmomente in der Bearbeitung durch Bill Craig ausgesprochen vorteilhaft zur Geltung kommen und mit Anspielungen auf den sechs Jahre nach den „Copper Beeches“ erschienenen Henry-James-Roman „The Turn of the Screw“ gewürzt werden. Wichtige Schockmomente ergeben sich sowohl aus der von Holmes betonten Abgeschiedenheit, die Verbrechen stets begünstige, als auch aus den wirkungsvollen Nacht- und Nebelaufnahmen des Anwesens Gawthorpe Hall in Lancashire, auch wenn auf dessen Grundstück leider die im deutschen Titel noch stimmungsvoller klingenden Blutbuchen fehlen.

Obwohl Joss Ackland einen besonders formidablen und abstoßenden Schurken mimt, steht Natasha Richardsons Violet Hunter doch unzweifelhaft im Mittelpunkt des Geschehens. Richardsons Porträt verleiht einer Rolle, die in unkundigeren Händen schnell in die Schublade „Waise wird zur Krimiheldin“ hätte gesteckt werden können, eine doppeldeutige Qualität. Man sieht ihr sowohl die Angst vor dem Geheimnis der „Copper Beeches“ als auch die vorwitzige Freude an, dieses Geheimnis zu lüften. Violet Hunter ist damit erneut als Bestätigung der These anzusehen, dass Doyles Geschichten auch über Irene Adler hinaus von den ungewöhnlichsten und fortschrittlichsten Frauenfiguren bevölkert sind, die sich zwar ins viktorianische Gesellschaftskorsett eingliedern, aber die Fähigkeit aufweisen, im Ernstfall weit darüber hinauszuwachsen – zumal die Gouvernante seinen erklärten Lieblingsnamen trägt, der auch in „The Solitary Cyclist“, „The Bruce Partington Plans“ und „The Illustrious Client“ auftaucht.

Der Grusel findet seine gemütliche Rahmung in den häuslichen Gesprächen zwischen Holmes und Watson in der Baker Street, die sich dieses Mal um Watsons literarische Fähigkeiten bzw. seine Angewohnheit drehen, Holmes’ logische Deduktionen durch unnötige Gefühlsduselei auszuschmücken. Einerseits beweist sich in diesem Disput die perfekte Eignung Burkes für einen selbstbestimmten, seinem Freund nicht ohne Widerrede untertänigen, gleichsam jedoch rücksichtsvollen und nicht nachtragenden Watson; andererseits gelingt Brett die Interpretation der einigermaßen beleidigenden Zeilen so nuanciert, dass man ihm dafür einfach nicht böse sein kann. Wer außer Sherlock Holmes hätte es schließlich verdient, von Zeit zu Zeit auf einem hohen Ross zu reiten?

Gubanov Offline




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21.05.2016 20:10
#14 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Greek Interpreter (Der griechische Dolmetscher)

Episode 9 der TV-Kriminalserie, GB 1985. Regie: Alan Grint. Drehbuch: Derek Marlowe (Vorlage, September 1893: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Charles Gray. In Gastrollen: Alkis Kritikos (Mr. Melas), George Costigan (Wilson Kemp), Nicholas Field (Harold Latimer), Anton Alexander (Paul Kratides), Victoria Harwood (Sophia Kratides), Oliver Maguire (Inspector Gregson), Rita Howard (Mrs. Stern), Peter MacKriel (Fahrkartenkontrolleur) u.a. Uraufführung (GB): 1. September 1985. Uraufführung (BRD): 18. November 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Greek Interpreter (Der griechische Dolmetscher)
Zu nächtlicher Stunde wird der Dolmetscher Melas von einem schweigsamen Herren abgeholt, der ihn in einer geschlossenen Kutsche zu einem unbekannten Landhaus eskortiert, um dort dessen Dienste bei der Befragung eines gefangen gehaltenen Griechen namens Paul Kratides in Anspruch zu nehmen. Im Anschluss an sein Abenteuer sucht Mr. Melas den Kontakt zu Sherlock Holmes’ Bruder Mycroft, welcher mit ähnlichen intellektuellen Gaben ausgestattet ist wie der berühmte Baker-Street-Detektiv ...


Der Grund für den regelrechten Kultstatus von „The Greek Interpreter“ sowohl in schriftlicher als auch in televisionärer Form ist ganz unzweifelhaft der erste Auftritt des hochbegabten, aber phlegmatischen Mycroft Holmes, der bei Granada eine sehr stimmige und bereits in „The Seven-Per-Cent Solution“ erprobte Umsetzung durch Charles Gray erfährt. Gray schafft es, Mycrofts gesetztes Auftreten mit einer respektvollen Verschmitztheit zu kombinieren, die ihn über den Dingen und auch über seinem ruhelosen Bruder stehen lässt; ganz zu schweigen (im Sinne des Diogenes-Club) von Grays urbritischem Akzent, in dem das komplette viktorianische Konzept der stiff upper lip mitzuschwingen scheint.

Für die „Adventures“ war eine Verfilmung dieses Falls folglich reine Formsache – gerade auch weil es aus kanonischer Sicht sinnvoll erschien, Mycrofts Vorstellung vor Holmes’ Zweikampf mit Professor Moriarty unterzubringen. Die Schattenseite dieses Unterfangens bestand jedoch darin, dass „The Greek Interpreter“ über das Auftauchen des Bruders hinaus keinen guten Stoff für einen TV-Film bot. Zu Ermittlungen kommt es praktisch zu keinem Zeitpunkt; fast erscheint die Erfindung Mycrofts ein Schachzug Doyles zu sein, um wenigstens einen Minimalanteil der üblichen Deduktionsarbeit (betreffend die erste gemeinsame Szene der Brüder am Fenster des Clubs) unterzubringen. Der Fall des Dolmetschers selbst ist zwar nicht ohne jeden Reiz, aber im Grunde nur eine anspruchslose Verfolgungsjagd, bei der die Holmes-Geschwister nicht einmal selbst das Versteck der Verbrecher aufspüren müssen, weil es ihnen durch die Zuschrift eines Bekannten rundheraus verraten wird.

Ein weiterer Fallstrick von „The Greek Interpreter“, das unbefriedigende Ende der Vorlage, wurde durch das Drehbuch ausgewetzt, wobei sich der Autor der zusätzlichen Szenen, Derek Marlowe, an Doyles eher faule Komposition der Geschichte anschloss und den Hinweis auf das Entkommen der Täter mit einem offen liegengelassenen Fahrplanbuch Sherlock und Mycroft in geradezu ärgerlicher Plumpheit unter die Nase rieb. Dessen ungeachtet gelangen Alan Grint, der zusammen mit Kameramann Mike Popley in den Szenen in Beckenham noch eine Spur zu trist und dunkel inszenierte, in der neu geschriebenen Zugszene sehr atmosphärische Momente, die ebenso wie die griechisch angehauchte Variation der Gowers-Musik zu den stärkeren Aspekten dieser für die Serienfrühphase unterdurchschnittlichen Episode zählen.

Gubanov Offline




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23.05.2016 19:45
#15 RE: The game is afoot: Jeremy Brett als Sherlock Holmes Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes: The Norwood Builder (Der Baumeister von Norwood)

Episode 10 der TV-Kriminalserie, GB 1985. Regie: Ken Grieve. Drehbuch: Richard Harris (Vorlage, November 1903: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams, Colin Jeavons. In Gastrollen: Rosalie Crutchley (Mrs. Lexington), Matthew Solon (John Hector McFarlane), Jonathan Adams (Jonas Oldacre), Helen Ryan (Mrs. McFarlane), Andy Rashleigh (Constable), Anthony Langdon (Landstreicher), Ted Carroll (Seemann) u.a. Uraufführung (GB): 8. September 1985. Uraufführung (BRD): 25. November 1987. Eine Produktion von Granada Television und Independent Television.

Zitat von The Norwood Builder (Der Baumeister von Norwood)
Ein junger Anwalt namens John Hector McFarlane beschwört Sherlock Holmes, sich seines Falles anzunehmen, da sein Leben dabei auf dem Spiel stünde: Noch während er den rätselhaften Flammentod des Architekten Jonas Oldacre darlegt, dessen er verdächtigt wird, kommt Inspector Lestrade in die Baker-Street-Wohnung gestürmt, um McFarlane festzunehmen. Holmes nimmt den geistigen Zweikampf mit dem Polizisten auf und versucht, McFarlanes Namen allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz reinzuwaschen ...


Feuer steht als wiederkehrendes Motiv in „The Norwood Builder“ im Dienst sowohl der Verbrecher, die es als Mittel zur Verschleierung ihrer Taten nutzen, als auch der Gerechtigkeit, deren Posten diesmal neben Holmes und Watson auch von Inspector Lestrade von Scotland Yard bekleidet wird. Zumindest rein formal, denn wie so häufig, wenn unsauber ermittelnde Polizisten auftreten, stellt die Gefahr der Verurteilung eines Unschuldigen die eigentlich größte Bedrohung der Gerechtigkeit dar. Doyle formte mit dem tumben Inspector Lestrade, der schon im ersten Holmes-Roman „A Study in Scarlet“ von 1881 auftaucht, aber auch mit anderen, weniger bekannten Vertretern des Yard die in späterer detective fiction immer wieder durch den Kakao gezogene Stereotype des inkompetenten Kriminalbeamten, der in seiner Routine erblindet, gleichzeitig aber zu arrogant ist, um Hilfe von einem Privatdetektiv anzunehmen. Dieses Motiv wird natürlich auch in dieser Folge genüsslich ausgekostet, bis hin zu einer depressiven Phase, in die Holmes verfällt, weil er sich von Lestrade besiegt glaubt. In dieser düsteren Szene schwingen zum ersten Mal auch jene persönlichen Charaktermerkmale Jeremy Bretts mit, die in späteren Jahren durch den Ausbruch seiner Krankheit übermäßigen Einzug in die Folgen halten werden.

An der Stätte des Brand-„Unglücks“ in Norwood sorgen historische Feuerwehrwagen und -uniformen ebenso wie Bretts eleganter Balanceakt auf einem verkohlten Balken, die abweisende Haltung der Haushälterin und das Auslösen eines zweiten Feuers gleichzeitig für attraktive Schauwerte und angenehmes Rätselvergnügen. Leider mäandriert die Handlung, die nicht für 50 Minuten Fernsehunterhaltung ausgelegt ist, zwischenzeitlich etwas unmotiviert dahin, nachdem man auf McFarlanes aufgeregte Schilderung der Geschehnisse keine Sekunde mehr als nötig verwandte (was schade ist, da auf diese Weise sowohl Matthew Solon als auch Jonathan Adams recht kurz kommen). Die Nebenhandlung, für die sich Holmes in einen Landstreicher verwandelt, wird hingegen bis ins Detail ausgebreitet – Zeit, die am Ende für die genaue Erklärung der Motivation und Durchführung der Verbrechen fehlt.

Dass Lestrade als Verlierer aus der Partie hervorgeht, versteht sich von selbst. Colin Jeavons trägt die Niederlage mit Fassung und beweist damit das Geschick der Serienväter und Drehbuchautoren für die unverzerrte Aufrichtigkeit der Charaktere. Lestrades Versagen bedeutet schließlich auch Freiheit für den jungen McFarlane, sodass die Episode mit einer getragenen Schlussszene in seinem Elternhaus endet, in der der übliche Effekt, eine Soundtrack-Musik als diegetisch zu enttarnen, kurzerhand umgekehrt wird, als McFarlane vom Klavier aufsteht und die Melodie trotzdem weiterläuft.

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