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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 218 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
Gubanov Offline




Beiträge: 14.427

25.12.2016 14:15
Der große Eisenbahnraub 1963 (2013, TV) Zitat · antworten



Die Gentlemen lassen grüßen
The Great Train Robbery

Zitat von Christian Heermann: Der Würger von Notting Hill – Große Londoner Kriminalfälle, Verlag Das Neue Berlin, 1979, S. 304f
Es begann in den Morgenstunden des 8. August 1963. Der Postzug der Royal Mail von Glasgow nach London donnerte durch die Nacht. Die schwere Diesellok hatte außer den Postwagen noch einen fensterlosen, gepanzerten Spezialwaggon zu ziehen. In bestimmten Zeitabständen wurde auf diese Weise eine beachtliche Anzahl von Geldsäcken aus Schottland in die britische Hauptstadt transportiert. [...] Wenige Minuten nach drei Uhr lief die Aktion an. Der Postzug befand sich noch achtundfünfzig Kilometer von seinem Ziel entfernt. Die Gangster hatten Vorwarn- und Durchfahrtsignal von der Cheddington Station präpariert. Lokführer Jack Mills sah zuerst gelbes, dann rotes Licht. Er musste den Zug auf freier Strecke stoppen.

Die Verbrecher handelten rasch. Sie überwältigten den Maschinisten und koppelten die zwei vorderen Wagen vom übrigen Zug ab. Jack Mills, der zuerst mit einer umwickelten Brechstange einen Schlag über den Kopf erhalten hatte, wurde gezwungen, die Lokomotive mit den beiden Wagen bis zur nahe gelegenen Bridego Bridge zu fahren. [...] Roy James war mit einem Lastauto bis Bridego Bridge gefahren. Es dauerte nicht länger als fünf Minuten, bis die Posträuber die hundertvierundzwanzig Geldsäcke mit einem Inhalt von mehr als 2,5 Millionen Pfund auf den Lastwagen umgeladen hatten.


So rekonstruierte man die Abläufe, die die britischen Behörden um eine unerhörte Summe erleichterten und in die die Posträuber mehrere Monate detaillierter Planung gesteckt hatten. Die Geschichte des Geldraubs ging 1963 – sicher nicht zuletzt aus heimlicher Freude mit den Ganoven – in den Schlagzeilen aller großen Zeitungen um den Globus und entwickelte sich zu einem für Kriminalfilme durchaus ikonischen Vorbild. Noch Ende 1963 wurde kurzerhand ein ähnlicher Zugraub in den Edgar-Wallace-Film „Zimmer 13“ hineingeschrieben; 1966 machte sich der NDR dann an eine „offizielle“ und sehr ausführliche Verfilmung des Falles, der schon ein reichliches Jahr nach seiner Durchführung mit der Verurteilung zahlreicher Verantwortlicher abgeschlossen wurde. „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ hat sich bis heute seine Faszination bewahrt.

Doch zum 50. Jahrestag des Raubzugs brachte die BBC eine Neuverfilmung „auf die Schiene“, für die der im Krimigenre bereits mit „Broadchurch“ erfolgreiche Produzent Chris Chibnall verantwortlich zeichnete. Mit „The Great Train Robbery“ entstand ein Zweiteiler mit klarer Prioritätensetzung: Während Teil 1 die Abläufe aus der Sicht der Gangster schildert, blickt man in Teil 2 der Polizei bei der Aufklärungsarbeit über die Schulter.

Die Doppel-DVD von NEW-KSM: Wie viele „moderne Klassiker“ hat auch die Adaption des Postzugraubs ihr deutsches Zuhause beim Label NEW-KSM gefunden. Dort spendierte man den zwei je anderthalb Stunden langen Episoden ein Doppel-DVD-Set, das die Produktion in erwartbar guter Qualität beinhaltet. Grund für den hohen Speicherplatzbedarf ist das umfangreiche Bonusmaterial, das insgesamt länger als der Hauptfilm läuft (4 Stunden) und Interviews mit einem Großteil der Macher, Behind-the-Scenes-Ausschnitte und Bildergalerien umfasst. Beim Hauptfilm hat der Zuschauer die Wahl zwischen deutschem und englischem Ton mit optionalen deutschen Untertiteln. Wer die stimmigste Atmosphäre aus den Lautsprechern tönen lassen möchte, greift zum O-Ton, sollte sich aber auch auf dicke Dialekte einstellen, die geübte Ohren erfordern. Die „Gentlemen“ sind eben, trotz ihres Spitznamens und des ausführenden Senders, keine Mitglieder upper class, die das traditionelle BBC-Englisch pflegen!

Links zur Produktion:

  • Website der BBC zum Mehrteiler von 2013 – Link
  • „Der große Eisenbahnraub 1963“ auf Fernsehserien.de – Link
  • Kritik des „Telegraph“ zum ersten Teil – Link
  • BBC-Trailer auf YouTube – Link

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.354

25.12.2016 20:38
#2 RE: Der große Eisenbahnraub 1963 (2013, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Der große Eisenbahnraub" (Original: The Great Train Robbery) (Großbritannien 2013) - TEIL 1
mit: Luke Wilson, Jack Roth, Martin Compston, Paul Anderson, Neil Maskell, Nigel Collins, Bethany Muir, Robert Glanister, George Ward, Del Synnott, Stuart Graham, Nicholas Murchie, Jordan Long, Jack Gordon u.a. | Drehbuch: Chris Chibnall und Rob Ryan nach der Buchvorlage "Red Signal" von Rob Ryan | Regie: Julian Jarrold



"Wir wollen das ganze Geld!"

Eine Gruppe entschlossener Männer plant nach einem Insider-Tipp den Überfall auf den Postzug Ihrer Majestät der Königin und erbeutet dabei die unvorstellbare Summe von 2.631.784 Pfund Sterling - in heutiger Währung 41 Millionen Pfund. Bruce Richard Reynolds ist der Kopf der Bande, ein kühler Denker, der schon lange von einem Verbrechen nach Maß träumt; einer stilvollen Initiative, die ihm Ruhm und Unabhängigkeit beschert. Wird es gelingen, der Polizeifahndung zu entwischen und sich der Verfolgung der Gerichte zu entziehen?

Nachdem sich die Kollegen vom deutschen Fernsehen rasch auf den Sensationsraub stürzten und drei Jahre später bereits eine aufwendige Verfilmung des Falles auf den Bildschirm brachten, nutzte die englische BBC das 50-Jahre-Eisenbahnraub-Jubiläum, um eine Hommage an die Gentlemen-Gangster zu inszenieren. In der Hauptrolle sehen wir mit Luke Evans einen Mann, der uneingeschränkte Autorität verkörpert, sich durch straffe Führung auszeichnet und in der schwierigen Aufgabe eine Herausforderung sieht, die er für sein Selbstverständnis braucht. Er überwindet Widerstände, hat Freude am Wettkampf mit Polizei und Öffentlichkeit und achtet auf eine exzellente Vorbereitung des Unternehmens. Als er fürchten muss, die Kontrolle über das Vorhaben zu verlieren, kriecht die kalte Angst in ihm empor, was einer der erschreckendsten Momente des Films ist. Das Auseinanderbrechen des Teams ist weniger schmerzlich als eine Schwächung des Leaders. An ihm hängt alles, seine Ziele sind jene des Zuschauers, sein Erfolg ist auch der seines Publikums. In seiner Planung gibt es keinen Leerlauf, jede Aktion ist präzise durchdacht und beeindruckt auch jene, die selbst weniger diszipliniert agieren. Der zweite Mann neben Bruce Reynolds ist Jack Roth als Charlie Wilson. Der schmächtige Mann mit dem forschen Blick bildet den Gegenpol zum einsamen Denker und erweist sich als geradeheraus und weniger vornehm im Gebaren. Seine Bodenständigkeit und klugen Einwände machen ihn greifbarer als den unnahbaren Reynolds, was ihm die Sympathie von Teilen des Publikums sichert. Er sorgt dafür, dass der elitäre Anführer nicht die Haftung verliert und alternative Möglichkeiten in Betracht zieht.

Der Ablauf der Handlung spiegelt britische Coolness wider und wird dementsprechend leichtfüßig in Szene gesetzt. Die Anfangssequenz mit dem Überfall auf die Geldboten der BOAC ist das beste Beispiel für die unverhohlene Bewunderung, die Kameraarbeit und Musikuntermalung den eleganten Ganoven zuteil werden lassen. Die clevere Durchführung des Unternehmens scheint den Erfolg geradezu zu rechtfertigen und das Anrecht der Räuber auf die Millionen abzusegnen. Die kühne Tatkraft der Männer überstrahlt die Routine der staatlichen Rechtschaffenheit von Post und Polizei und bestätigt den geheimen Wunsch der breiten Masse gegen das Establishment aufzubegehren. Psychologisch raffiniert gesteht Regisseur Jarrold seinen Gentlemen gerade so viel Härte zu, wie nötig ist, um ahnungslose Exekutive des Systems in Schach zu halten. Brutalität oder Exzesse würden die Stimmung der Beobachter ins Negative kippen lassen, was auch Bruce Reynolds in Hinblick auf ein eventuelles Gerichtsverfahren in Erwägung zog. Die Eisenbahn als Transportmittel des Kapitals erweist sich als sportliche Herausforderung, der sich die Männer stellen und nähert sich ihrem unplanmäßigen Halt bedrohlich und einschüchternd. Die schlichte Abgeschiedenheit des Verstecks auf der Farm unterstreicht die Isolation, in die sich die Gruppe begeben hat und markiert ein Leben im Untergrund, das sich nun auftut. Nach den technischen Feinheiten müssen sich die Männer nun den psychologischen stellen, womit sie weitaus schwieriger zurecht kommen. Nicht jedes Mitglied der Bande sah in dem Abenteuer die intellektuelle Herausforderung; manch einer benötigte schlicht und einfach das Geld. Und die Jagd auf die Leute hinter dem Mastermind läuft gerade erst an.

Teil 1 erzählt die Geschichte aus der Sichtweise der Räuber, zeigt ihre anfänglichen Zweifel und die Entschlossenheit ihres Kopfes Bruce Reynolds. Sobald ihre Pläne Fahrt aufnehmen, rollt Handlung zuverlässig wie ein Uhrwerk ab und macht das Publikum zum Komplizen des Raubes. Authentische Schauplätze und ein stimmiges Ambiente stützen die dominante Darstellung von Luke Evans, der sein Ensemble ebenso überzeugt wie den Zuschauer.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.427

25.12.2016 21:15
#3 RE: Der große Eisenbahnraub 1963 (2013, TV) Zitat · antworten



The Great Train Robbery: A Robber’s Tale (Die Geschichte der Räuber)

Episode 1 des TV-Zweiteilers, GB 2013. Regie: Julian Jarrold. Drehbuch: Chris Chibnall, Rob Ryan, Andrew Cook (Idee: Chris Chibnall). Die Räuber: Luke Evans (Bruce Reynolds), Jack Roth (Charlie Wilson), Paul Anderson (Gordon Goody), Neil Maskell (Buster Edwards), Jack Gordon (Ronnie Biggs), Martin Compston (Roy James), Nicholas Murchie (Roger Cordrey), James Bye (John Daly), Del Synnott (Brian Field) u.a. Erstsendung (GB): 18. Dezember 2013, BBC One. Erstsendung (BRD): 8. August 2014, Sony Entertainment TV. Eine Produktion von British Broadcasting Corporation, Screen Yorkshire, LipSync Productions und Content Media.

Zitat von Der große Postzugraub 1963 (1): Die Geschichte der Räuber
Ein waghalsiger Coup in der Zentrale der British Overseas Airways Corporation bringt einer Gangsterbande nicht die erwartete Beute. Deren enttäuschter Chef Bruce Reynolds will beim nächsten Mal größere Brötchen backen: Bald darauf wird ein Tipp an die Räuber herangetragen, dass ein Postzug regelmäßig große Mengen Bargeld von Glasgow nach London transportiert. Darauf hat es die Bande nun abgesehen: Mit haarscharfer Präzision bereitet Reynolds einen Plan vor, dessen Umsetzung als ertragreichstes Verbrechen in die britische Kriminalgeschichte eingehen wird. Der Stichtag ist der 8. August 1963 ...


Es ist das Verlangen, der Beste auf seinem Terrain zu sein, der Bruce Reynolds, den Mastermind hinter der „Gentlemen“-Bande, dazu antreibt, einen so ausgefeilten Plan für ein derart weitreichendes Verbrechen zu schmieden. Läppische kleinere Überfälle sollen der Vergangenheit angehören. Man spürt diese Entschlossenheit und diesen Ehrgeiz im Spiel des Hauptdarstellers Luke Evans nur allzu deutlich: Die Worte des Polizisten zu Beginn, sein Chef wisse sicher nicht, wer Reynolds überhaupt sei, spornen den Denker und Delegierenden dazu an, auf der Leiter im Gaunerolymp einige Sprossen nach oben zu klettern. Reynolds, der während des Zweiten Weltkriegs beherzter Undercover-Agent und an Sabotageakten in Deutschland beteiligt war, stellt sein Organisationstalent und seine Disziplin unter Beweis – und während einige andere Räuber Nerven zeigen, bleibt er stets ruhig und überlegen.



Wie eng „The Great Train Robbery“ mit der Schiene verbunden ist, lässt sich auch am Tempo des ersten Teils ablesen: Erst langsam und schnaufend setzt sich die Fahrt in Bewegung, die mit einem stilsicher fotografierten früheren Coup und einer ausladenden Feier beginnt, bevor dann die ersten unsicheren Schritte auf dem Terrain der Postzug-Vorbereitung gegangen werden. Diese kommen schließlich immer schneller ins Rollen, bis sie bald nicht mehr zu stoppen sind und eine Geschwindigkeit erreichen, die des NDRs „Gentlemen“ letztlich bei all ihrer dokumentarischen Gründlichkeit vermissen ließen. Und trotzdem bleibt die BBC-Version in ihrem ersten Teil immer ein gewissenhaftes Heist Movie, das den Zuschauer zum Verbündeten der Schurken in spe macht. Szenen wie der Diebstahl einer Lok aus dem Depot, an der sich einer der Ganoven als Lokführer ausprobieren will, dann aber die Bremse nicht findet, steigern nicht nur die Spannung, sondern stärken auch die Identifikation zwischen dem Publikum und der manchmal unbeholfenen, aber immer zielstrebigen Männerriege.

Die Vorbereitung mag auch unterhalten, doch den eindeutigen Höhepunkt stellt die ausführliche Schilderung der eigentlichen Tatabläufe dar, bei der jedes Abweichen von den ursprünglich aufgestellten Zeitplänen und Vorgehensweisen ein erschrockenes Innehalten provoziert. Wird es den „Gentlemen“ gelingen, den Zug zur Brücke zu befördern? Können sie den Zeitrückstand wieder einholen? Wird die Polizei sie auf der Leatherslade Farm dingfest machen? Diese Fragen und die erste Ahnung des Schattens, den eine landesweite Fahndung auf den Erfolg der Verbrecher wirft, dämpfen die Begeisterung, die bei den Gentlemen über die erbeutete Summe ausbricht. Das böseste Omen ist der Schock des Rädelsführers: Während dessen einfacher gestrickte Kumpanen ihren Triumph bedenkenlos auskosten, murmelt Reynolds, die Summe sei zu hoch und er habe sich vielleicht doch etwas zu viel zugemutet. Dass er am Ende des ersten Teils ein gesuchter Mann ist, schraubt die Spannung auf die Fortsetzung in die Höhe und wirft die Frage auf, ob er, das Gehirn hinter der Aktion, sich nicht vielleicht doch falsch eingeschätzt hat.

Spannende und in kühlen Bildern eingefangene Nacherzählung des legendären Eisenbahnraubs. In knapp 90 Minuten werden Vorbereitungen, Durchführung und erste Skrupel im Nachklang thematisiert, sodass für die einzelnen Elemente nicht gar so viel Raum bleibt wie seinerzeit bei John Olden. Die Verknappungen, die die BBC vornahm, funktionieren aber bestens, weil sie den Heist-Charakter der Geschichte bewahren und die Identifikation des Zuschauers mit den Gesetzesbrechern im Vergleich zur 1966er-Fassung sogar noch steigern. Die klaren 5 von 5 Punkten sind neben der zügigen Erzählweise vor allem auch der charismatischen Anführung des Teams durch Luke Evans zu verdanken.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.427

26.12.2016 20:15
#4 RE: Der große Eisenbahnraub 1963 (2013, TV) Zitat · antworten



The Great Train Robbery: A Copper’s Tale (Die Geschichte der Polizisten)

Episode 2 des TV-Zweiteilers, GB 2013. Regie: James Strong. Drehbuch: Chris Chibnall, Rob Ryan, Andrew Cook (Idee: Chris Chibnall). Die Polizisten: Jim Broadbent (DCS Thomas Marius Joseph Butler), Nick Moran (DS Jack Kenneth Slipper), Tom Chambers (DS Stanley „Steve“ Moore), Robert Glenister (DI Frank Williams), George Costigan (DCS Ernest George William Millen), James Fox (Henry Brooke), Ken Bones (Commander George Hatherill). Erstsendung (GB): 19. Dezember 2013, BBC One. Erstsendung (BRD): 9. August 2014, Sony Entertainment TV. Eine Produktion von British Broadcasting Corporation, Screen Yorkshire, LipSync Productions und Content Media.

Zitat von Der große Postzugraub 1963 (2): Die Geschichte der Polizisten
Mit dem Raub der Banknoten ist das Abenteuer nicht überstanden. Nun beginnen für die Gentlemen die eigentlichen Schwierigkeiten, denn die Polizei will nichts unversucht lassen, die Verantwortlichen für dieses beispiellose Verbrechen dingfest zu machen. Detective Chief Superintendent Tommy Butler wird zum Leiter der Sonderkommission berufen, die von höchster Stelle unter Druck gesetzt wird, schnell Ergebnisse zu liefern. Unter seinen Untergebenen ist Butler wegen seiner strengen Dienstauffassung berüchtigt, und so macht er sich die Verfolgung von Bruce Reynolds und Konsorten zur Lebensaufgabe ...


Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse wird in „The Great Train Robbery“ auf ein simples, aber umso effektiveres Duell seiner zwei Hauptprotagonisten reduziert. Alle Aspekte des Geldraubs – das Aufbegehren der Räuber gegen das Establishment oder die Polizei als Hüter der rechtsstaatlichen Ordnung, das Wagemutige oder das Konservative, das Jagen und Gejagtwerden – lassen sich auf den Zweikampf herunterbrechen, der zwischen dem Ganoven Bruce Reynolds und dem Ermittler Tommy Butler entbrennt. Auch wenn Butler keine charakterlich einnehmende Figur ist, so steht er in Disziplin, Überzeugung und „Dienstmoral“ dem Chef der Gangsterbande in nichts nach – beide Figuren sind starke Führungspersönlichkeiten, die sich über den Erfolg der von ihnen verrichteten Arbeit definieren. Mit dieser Schwerpunktsetzung gelang es den Machern, auch den zweiten, auf die Ermittlungen konzentrierten Teil der Miniserie spannend zu halten, obwohl der Zuschauer, wie oben erwähnt, eher geneigt ist, Position für die Kunstfertigkeit der Räuber zu beziehen. Nicht einmal das Fehlen einer so fesselnden Spannungsszene wie des nächtlichen Überfalls in Teil 1 bricht der als Revanche gestalteten Fortsetzung das Genick, findet man in Jim Broadbent doch ebenso wie in Luke Evans rasch einen verlässlichen Fixpunkt.



„A Robber’s Tale“ und „A Copper’s Tale“ tragen sehr individuelle Handschriften und sind nicht auf Biegen und Brechen einander angepasst, was in der heutigen perfektionierten TV-Welt ein erstaunliches Erlebnis ist. Man könnte sogar argumentieren, dass man die Geschichte der Räuber für sich stehen lassen könnte, wohingegen die der Polizisten den Vorlauf des ersten Teils unbedingt benötigt, um eine Wirkung zu entfalten. Eventuell wäre ihre Durchschlagskraft noch stärker, wenn die Zweiteilung der Perspektive nicht gar so strikt erfolgt wäre und man von den zunehmenden Ängsten der von Polizei und Öffentlichkeit gehetzten Diebe mehr mitbekommen würde. In der vorliegenden Form erscheinen die bekannten Gesichter des Coups erst bei ihrer jeweiligen Verhaftung wieder auf dem Bildschirm. Nur Reynolds kommt eine etwas prominentere Stellung zu, wobei seine Szenen in Teil 2 nicht mehr so stark sind wie im Vorgänger, weil er nun das dramaturgische Ruder an Butler abgeben musste. Immerhin liefern sich beide Charaktere am Ende eine ehrliche Aussprache.

Die Härte der Urteile gegen die Zugräuber reflektiert die Angst vor Nachahmern ihres Coups und übt damit eine abschreckende Wirkung aus, die der großen Tragweite des Falles Rechnung trägt. Gern hätten die jeweiligen Prozesse detaillierter aufgearbeitet werden dürfen, wobei auch hier wieder dem Effekt der straffen Erzählweise gewisse Vorzüge nicht abgesprochen werden können. So wickelt „The Great Train Robbery“ die Fäden etwas sauberer auf, als es in der Realität der Fall war: Der Film verschweigt, dass auch Reynolds’ Freundin verhaftet wurde und dass auf die Verurteilungen einiger Zugräuber deren baldiger Ausbruch aus der Haft folgte. Teilweise aufsehenerregend organisierte Befreiungsaktionen ließen Vermutungen über einen noch größeren Hintermann als Reynolds aufkeimen, wovon die BBC-Fassung aus erzählerischen Gründen Abstand nimmt. Insgesamt kann das Unterfangen, dem wohl spektakulärsten Geldraub der britischen Geschichte 50 Jahre nach seiner Durchführung ein modernes filmisches Denkmal zu setzen, als großer Erfolg gewertet werden. Auch Anhänger der alten NDR-Fassung sollten ruhig einen Blick riskieren!

Nicht ganz so elektrisierend und nicht ganz so sympathisch, aber doch mit vergleichbarer Beharrlichkeit begegnen die offiziellen Stellen dem schockierenden Raubzug. Dass sich die Jagd auf die Männer zu einer Art persönlichem Zweikampf ausweitet, der auch vom Kompetenzgerangel der Dienststellen beeinflusst wird, hält den Nachklapp zur Tatschilderung auf gutem 4-von-5-Punkte-Niveau. Im Durchschnitt schneidet der Mehrteiler mit 4,5 Punkten als überdurchschnittliche Krimikost ab, die dem Zuschauer authentische Sechzigerjahreatmosphäre und spannende Räuber-und-Gendarm-Momente bietet.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.354

01.01.2017 13:54
#5 RE: Der große Eisenbahnraub 1963 (2013, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Der große Eisenbahnraub" (Original: The Great Train Robbery) (Großbritannien 2013) - TEIL 2
mit: Jim Broadbent, Robert Glenister, James Fox, George Costigan, Richard Hope, Bradley Snelling, Alexa Morden, Tim Pigott-Smith, Tom Chambers, Nick Moran, James Wilby, James McGregor, Eric Hulme u.a. | Drehbuch: Chris Chibnall und Rob Ryan nach "Red Signal" von Rob Ryan | Regie: James Strong



"Ich will jeden verfluchten Kerl der Bande - und wenn es mich umbringt!"

Nach dem Postraub stehen Chefermittler DCS Tommy Butler und sein Team unter dem Druck, schnelle Ergebnisse liefern zu müssen. Der Innenminister erwartet sich im Namen der britischen Regierung eine rasche Aufklärung des spektakulären Falles. Das Geheimversteck der Bande wird in kürzester Zeit gefunden, doch die Männer bleiben vorerst nur Phantome. Eine gründliche Spurensicherung bringt erste Hinweise auf die Räuber - doch wird es gelingen, auch den Kopf der Bande zu fassen?

Der zweite Teil bildet nicht nur die Fortsetzung der Geschichte, sondern verlagert den Schwerpunkt vom Stehlen und Fliehen hin zum Jagen und Fangen. Die Arbeit der Kriminalpolizei in all ihrer schnöden Routine, straffen Hierarchie und akribischen Brillanz wird als Handwerk gezeigt, mit deren Werkzeugen denen beigekommen werden soll, die gegen die Ordnung des Staates verstoßen. Bruce Reynolds, der charismatische Anführer der Posträuber, hat sich dem Blick der Öffentlichkeit - und somit auch dem wohlwollenden Zuschauer - entzogen. Umso mehr steht nun der Mann im Mittelpunkt, der kalte Spuren wieder aufwärmt, falsche Fährten widerlegt und seine Nase in den Wind hält, um nicht nur das Geld, sondern auch die Diebe herbeizuschaffen. Jim Broadbent zeichnet seinen Mister Butler als analytischen Beobachter, der präzise vorgeht und alle Einzelheiten berücksichtigt. Auf seine Mitarbeiter wirkt er unzugänglich und kühl, aber auch scharfsinnig und gewissenhaft. Er misstraut der Geselligkeit seiner Untergebenen, weil er ganz für seinen Beruf lebt und sich lieber mit Sachthemen als mit Personen beschäftigt. Innerhalb des Teams spürt er die Konkurrenz durch einen jüngeren Kollegen, der jovial und flexibel vorgeht und deshalb einen besseren Zugang zu den Beamten hat. Die Jagd nach den Posträubern endet erst, als er den Mann fassen kann, dessen Energie und Einsatzbereitschaft ihm insgeheim imponieren: Bruce Reynolds. Ein stilles Bedauern, dass dieser Mann nicht mehr aus seinen Möglichkeiten gemacht hat, und gleichzeitig Kritik an der mangelnden Perfektion seines Planes schwingen mit, wenn sich die Gegner am Ende aussprechen. Der Triumph über die vollständige Aufklärung des Falles hallt nicht lange nach: seiner Aufgabe beraubt, verkümmert der stille Denker und stirbt bald darauf.

Ging der Postraub verhältnismäßig rasch über die Bühne, so kostet es die Polizei weitaus mehr Kraft und Beharrlichkeit, den Fall aufzudröseln. Anhand kleinster Spuren werden Tathergang und aktueller Aufenthaltsort der wagemutigen Männer nachgezeichnet. Die kalte Wirklichkeit umfasst sie nach und nach und lässt ihren Traum nach einem freien Leben platzen. Die menschlichen Zwischentöne werden dezent eingestreut, um die Geradlinigkeit der Ermittlungen aufzubrechen, doch ist es vor allem die Hartnäckigkeit der Deduktion, die dem zweiten Teil Struktur verleiht. Die Konsequenzen für die Räuber sind zweitrangig und werden in schlichten Fakten nüchtern mitgeteilt. Einzig der Fall Reynolds lässt Raum für kurze Anteilnahme und gibt eine Aussicht auf die Tragik, die eine so lange Haftstrafe für das Umfeld und den Täter selbst bedeutet. Die professionelle Hommage an den berühmtesten Eisenbahnüberfall der Geschichte lebt von der zeitlichen Distanz, aus der der Fall erzählt wird. Im Gegensatz zur deutschen Verfilmung liegen hier alle Fakten vor und das Schicksal und die richtigen Namen der Beteiligten können als Personen der Zeitgeschichte offengelegt werden. Ohne falsche Sentimentalität, aber mit Respekt vor dem Einzelnen nähert sich James Strong dem Plot, der seinerzeit in der Öffentlichkeit die Wogen hochgehen ließ. Die Botschaft "Crime doesn't pay!" wird unterstrichen, allerdings auch die Ambivalenz der gesetzlichen Rechtsprechung angeprangert, die einerseits eine abschreckende Wirkung haben will, andererseits Verbrechen gegen Leib und Seele geringer bestraft als eine Beleidigung des Establishments. Denn als solche wird der Raub von Vertretern der Regierung Ihrer Majestät betrachtet. Bereits hier klaffen tiefe Gräben zwischen der Sympathie des gemeinen Volkes und dem Selbstverständnis der "oberen Zehntausend".

Sauber inszeniert und in eleganten Bildern marschiert Tommy Butler gegen eine unsichtbare Phalanx aus Männern, die seine Ansicht über Rechtschaffenheit ad absurdum stellen und dabei von der Bevölkerung als Popstars gefeiert werden. Präzise und stimmig ergänzt der zweite Teil seinen Vorgänger, wobei das Drehbuch sichtlich bemüht ist, den älteren und weniger dynamischen Butler als Ersatz für den verlorenen Mastermind zu präsentieren. Nichtsdestoweniger 5 von 5 Punkten für das Gesamtwerk.

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