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Dieses Thema hat 51 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

02.04.2011 21:39
Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Sich umblickende Augen – ein Mann, der die Hände vors Gesicht hält – Laufschritte über nassen Asphalt. Jeder kennt den schon zigtausendfach gespielten Vorspann der Erfolgsserie „Tatort“, die seit 1970 geschlagene 795 Folgen hervorgebracht hat (morgen wird zu bester Sendezeit im Ersten die 796. ausgestrahlt). Doch nicht nur Raufbolde nach Strickart Schimanski haben die Serie geprägt, nicht nur die idologisch bösartig verrohte Gesellschaft stand im Mittelpunkt der Straßenfeger; auch mustergültige Klassiker scheinen für Unterhaltung und Spannung auf hohem Niveau gesorgt zu haben. Zu diesen zählt zweifelsohne Wallace-Hauptdarsteller Heinz Drache, der für den Sender Freies Berlin zwischen 1985 und 1989 in sechs Fällen auf Ganovenjagd ging. Als Kriminalhauptkommissar Hans-Georg (genannt HG) Bülow trat er in diesen Episoden auf:

● Tod macht erfinderisch (10.11.1985)
● Die kleine Kanaille (26.01.1986)
● Tödliche Blende (13.07.1986)
● Schuldlos schuldig (28.02.1988)
● Keine Tricks, Herr Bülow (28.05.1989)
● Alles Theater (30.07.1989)



Tatort: Tod macht erfinderisch (# 174)
Regie: Rolf von Sydow. Drehbuch: Detlef Michel. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Jürgen Kluckert (Kriminalkommissar Matthias Leuschner), Almut Eggert (Sonja Bach), Maximilian Wigger (Kriminalkommissar z.A. Öllerink), Horst Schön (Kriminaloberrat Stegmüller). Die Gastdarsteller: Udo Vioff, Karl Walter Diess, Marita Marschall, Kurt Weltkamp, Ingeborg Wellmann, Lisa Riecken, Gerhard Friedrich u.a. Erstsendung: 10. November 1985.

Zitat von Tatort: Tod macht erfinderisch
Gerhard Maschke wird aus dem Gefängnis entlassen. Er war wegen eines Überfalls auf seinen reichen Bruder und dessen Frau verurteilt worden, die er mit einer falschen Zeitbombe bedrohte und fesselte, woraufhin Frau Maschke an ihrem Knebel erstickte. Nun ist es Bülows feste Überzeugung, dass sich Maschke, der auf der Flucht mit dem Wagen verunglückte und deshalb verhaftet werden konnte, an ihm und seinem Kollegen rächen will. Die Kripo nimmt die Observation auf...


Für acht Jahre hat HG Bülow in Hamburg gelebt und gearbeitet, kehrt nach dem Tod seiner Frau allerdings in die alte Heimat Berlin zurück, wo er sein neues, freies Leben der Kriminalistik und den schönen Seiten des Alltags widmet. Der Kriminalhauptkommissar mietet sich in eine noble Pension ein, wo er mit einem Staatsanwalt Schach spielt und Logikrätsel löst, geht mit seiner ehemaligen Sekretärin, die nun für „den Chef“ arbeitet, edel essen und arbeitet sich ganz nebenbei und scheinbar in aller Seelenruhe in einen Fall ein, der auch für ihn selbst gefährlich werden könnte.
Es ist besonders hervorstechend, dass sich so gut wie alle kriminellen Handlungen in der Vergangenheit abspielen und sich auf das große Finale, in dem der Zuschauer gleich in mehrfacher Hinsicht trotz deutlicher Hinweise auf die Auflösung überrascht wird, zuspitzen. Zwar spielt erst die letzte der sechs Bülow-Folgen im Theatermilieu, der Effekt in „Tod macht erfinderisch“ ist allerdings derselbe: Alle Taten in der Folge sind nicht das, was sie vorgeben, zu sein...
Die Kulisse erfüllt die Erwartungen dafür umso mehr: Durch Bülows Exklusivität und die des Mordfalls bleiben Blicke in heruntergekommene Ecken kurz; stattdessen gibt es ein sommerliches Bilderbuch-Berlin mit Achtzigerjahrechic: Der Bahnhof Zoo ist zu sehen, die Gedächtniskirche, die Treppe zum U-Bahnhof Kurfürstendamm, der U-Bahnhof Dahlem-Dorf, der Wannsee, Pichelsdorf und natürlich das Polizeipräsidium. Zeit bleibt außerdem für einen Blick in einen Supermarkt damaliger Tage, wo sich Kommissar Leuschner in eine attraktive Kundin verschauen darf.

Trotz des Namens Heinz Drache und der hohen Qualität von Drehbuch, Darstellungen und Inszenierung wurde „Tod macht erfinderisch“ schon seit 2002 nicht mehr im deutschen Fernsehen gezeigt. „Tatort“-Wiederholungen flimmern so gut wie täglich, manchmal mehrfach innerhalb von 24 Stunden, über die Bildschirme der dritten und digitalen ARD-Programme, doch Bülow-Folgen kommen dabei sträflich kurz. Werden sie doch ins Programm genommen, setzt man sie kurz vor dem angepeilten Ausstrahlungstermin gern einmal ab. Die Fanseite Tatort-Fundus.de glaubt sogar, zu erkennen, dass „in den Köpfen vieler ARD-Verantwortlichen mit solchem nicht mehr ‚primetime-fähigen‘ Material die Angst vor niedrigen Quoten überhand nimmt, und man sich der Bedeutung des TATORT als ‚Zeitreise durch die bundesrepublikanische Geschichte‘ nicht bewu[ss]t ist / sein möchte“ (1). Wie es auch immer um die Sendemoral des Ersten und seiner Gefolgschaft bestellt sein möchte – über die Qualität der betreffenden Sendungen scheint es (zumindest in diesem Falle) nichts auszusagen.

Einstand für einen Grandseigneur: Heinz Drache, auch ergraut noch bestens unterwegs, verleiht seinem Tatort(haupt)kommissar stets spürbare Erfahrung und Überlegenheit. Diese kann er in nobler Umgebung zwischen Privatjachten und Juweliergeschäften schon im ersten Anlauf ideal einsetzen. Überraschende Story. 5 von 5 Punkten.

Quelle: (1) Tatort-Fundus.de: Link

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

03.04.2011 21:12
#2 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten



Tatort: Die kleine Kanaille (# 177)
Regie: Rolf von Sydow. Drehbuch: Dieter Schubert. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Jürgen Kluckert (Kriminalkommissar Matthias Leuschner), Almut Eggert (Sonja Bach), Maximilian Wigger (Kriminalkommissar z.A. Öllerink). Die Gastdarsteller: Anja Jaenicke, Herbert Herrmann, Johanna Elbauer, Inge Herbrecht, Geraldine Gaul, Klaus Mikoleit, Gertie Honeck u.a. Erstsendung: 26. Januar 1986.

Zitat von Tatort: Die kleine Kanaille
Durch die Dachbodenluke des Kinderheims beobachtet die 16-jährige Birgit im Garten der benachbarten Villa einen Mord: Der Pelzhändler Theo Lorenzen ertränkt seine Frau im Swimming Pool. Zunächst scheint sich alles für ihn zu fügen, denn die Polizei glaubt an einen Unfall. Doch dann steht Birgit in seinem Garten. Und die kleine Kanaille versteht es, ihr Wissen auszunutzen. Sowohl mit Theo, der sie zunächst adoptieren, dann sogar heiraten soll, als auch mit Hauptkommissar Bülow spielt das minderjährige Mädchen ein gefährliches Spiel. Sie erkennt ebenso schnell wie der ergraute Polizist, dass nur Hartnäckigkeit zum Ziel führt...


Das erste, was man stets über „Die kleine Kanaille“ lesen wird, ist, dass es sich um eine ungewöhnliche Tatortfolge handelt. Sie ist nicht in der Hinsicht ungewöhnlich, dass sie ihren Fokus völlig auf das Handeln einer zentralen Figur richtet, auch nicht dahingehend, dass sie in dieser Problemfigur das Versagen und die leidgeprüfte Sehnsucht einer von Einschränkungen und Verzicht geprägten Persönlichkeit thematisiert; sondern weil der Ermittler einmal einen Täter nicht dingfest machen kann. Sicher wäre es kriminalistisch ohne jegliche Probleme möglich gewesen, eine Überführung, beispielsweise anhand der Spuren des Mordanschlags auf Birgit, zu konstruieren – die Wirkung eines offenen Endes trägt der Atmosphäre und dem Inhalt der Folge aber viel eher Rechnung. Es geht in diesem „Tatort“, den Freunde der Reihe durchschnittlich als schwächste Bülow-Folge ansehen, weniger um das Verbrechen, das als Ausgangspunkt für die Handlung dient. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Menschen einerseits mit Druckmitteln ihre Wünsche und inneren Hoffnungen wider jeden Verstandes durchsetzen (und – unausgesprochen aber dennoch zweifelsohne – daran scheitern werden) und wie andererseits ihre Gegenüber unter Druck reagieren (und darunter – allen scheinbaren Neigungen zum Trotz – ebenfalls bitter leiden).
Der Status quo am Ende der Folge entspricht einer Lose-Lose-Situation und ist damit für den „Täter“ vielleicht noch schlimmer als eine Verhaftung: Theo Lorenzen (Herbert Herrmann) eine reine Spielfigur, die entweder den Willen anderer ausführt oder den einzig möglichen Weg geht, um die eigene Haut zu retten. Die gesamte Episode bindet sich damit an die Jungdarstellerin Anja Jaenicke, die ein beeindruckendes Porträt eines elternlosen Kinds aus zweifelhaften Verhältnissen gibt, verträumt auf dem Theaterboden des Kinderheims Groschenromane liest und für die Erfüllung ihrer eigenen Aschenputtel-Geschichte, wie die Sekretärin Sonja Bach es ausdrückt, über Leichen geht. Dabei ist es Birgit, nicht Theo, die trotz ihrer freilich bedauernswerten Herkunft die meisten Antipathien beim Zuschauer auslöst. Von Sonja Bach stammt auch die Titulierung Birgits als „kleine Kanaille“. Versteht das Mädchen es auch, selbst Hauptkommissar Bülow einige ehrlich bewundernde Worte abzuringen, so gibt sich die Sekretärin als erfahrene Frau von der pervertierten jugendlichen (Un-)Schuld völlig unbeeindruckt.

Auch in der zweiten Bülow-Folge verschlägt es den Zuschauer ans Wasser; er darf an einer Wasserski-Partie teilnehmen, eine Pelzmodenschau auf der Spree verfolgen und natürlich den Swimming Pool im Garten Lorenzen aus allen möglichen Winkeln betrachten. Die langsame, aber dafür gründliche Inszenierung nimmt sich die Zeit, die Verzweiflung aller Charaktere spürbar und realistisch zu steigern. Auch Bülow nimmt dieser Fall deutlich mit: Den Höhepunkt bildet eine Szene im Aussichtscafé des Europa-Centers am Breitscheidplatz, wo der alte Hase vom herausgeputzten Heimmädchen nur kurz nach einem erbosten Wortaustausch zum Tanz aufgefordert wird. Eine Niederlage möchte er sich am Ende auch nicht eingestehen: „Ich krieg‘ dich“, zischt er zwischen den Zähnen hindurch. Doch wer weiß, ob das stimmt?

Unter dem Gesichtspunkt eines Krimis im eigentlichen Sinne des Wortes bietet „Die kleine Kanaille“ nicht viel Substanz. Wer aber tiefer in die Charaktere der oberflächlich als Erpresserstory angelegten Handlung eintaucht, wird auch in dieser Folge eine Berechtigung und vielleicht sogar Stoff zum Nachdenken finden. 3,5 von 5 Punkten.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.387

04.04.2011 02:10
#3 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Sehr lobenswert, dass sich Gubanov einmal dieser Thematik ausführlich annimmt. Draches Tatort-Engagement ist unbedingt einen genaueren Blick wert - und wäre ohne seine zahlreichen Auftritte als Wallace-Inspektor wohl auch nicht zustande gekommen. Drache war damals der vierte und letzte ehemalige Wallace-Inspektor, der eine Karriere als TV-Ermittler einschlug. Lowitz (Der Alte), Tappert (Derrick) und Felmy (Haferkamp im Essener Tatort) werden aus heutiger Sicht in erster Linie mit ihren äußerst populären Fernsehrollen identifiziert, bei Drache hingegen bleiben die Wallace-Auftritte das Maß aller Dinge. Natürlich hat das - ganz profan - in erster Linie quantitative Gründe; letztendlich kam Drache nur auf sechs Tatorte. Und als legendärer Klassiker ist keiner der sechs Filme in die Annalen der langjährigen TV-Reihe eingegangen.

Lange hielt tatsächlich kaum ein Schauspieler als SFB-Kommissar durch; ständige Wechsel des regionalen Konzepts waren bis vor zehn Jahren (seitdem ermittelt das aktuelle Team (Dominic Raacke & Boris Aljinovic)) das Markenzeichen des Berliner Tatorts. Draches erster Fall "Tod macht erfinderisch" war damals der 14. SFB-Tatort; nach Paul Esser, Martin Hirthe, Hans Peter Korff und Volker Brandt war Drache aber bereits der fünfte Schauspieler, der sich als Berliner Ermittler versuchen durfte. Sein Kommissar Bülow galt als Gegenentwurf zu Schimanski; ein über die Maßen kultivierter Mensch, ein Genießer-Typ, ein Gentleman-Ermittler - sogar als Schicki-Micki-Kommissar wurde Bülow desöfteren von der Presse plakativ tituliert. Mit den Rollen, die Drache einst bei Wallace spielte, hatte das nichts mehr gemein. Es ging auch kaum anders. Denn Drache war äußerlich extrem gealtert; dass sein letzter Wallace-Auftritt bei seinem Tatort-Debüt "nur" 18 Jahre zurücklag, mag man kaum glauben. Aber seine stets jovialen und forschen Wallace-Rollen ließen ihn wohl jugendlicher wirken, als er es tatsächlich war. Das Tatort-Engagement war für Drache damals ein großes Comeback; seit der Derrick-Folge "Das dritte Opfer" hatte er sechs Jahre lang nicht vor der Kamera gestanden.

Dass die Bülow-Folgen heute so selten zu sehen sind, ist in der Tat bedauerlich. Gerade der RBB sollte sich verpflichtet fühlen öfter auch mal alte Berlin-Tatorte (nicht nur welche mit Drache) zu zeigen. Dafür sind dir dritten Programme schließlich da. Regelmäßige Wiederholungen alter Tatorte im Spätprogramm tun niemanden weh, im Gegenteil! Es gibt allerdings ARD-Anstalten, die in dieser Hinsicht sehr viel schlimmer sind. Der SWR beispielsweise, wo die letzte Wiederholung einer Lutz-Folge mit Werner Schuhmacher schon Ewigkeiten zurückliegt. Zu loben sind in diesem Zusammenhang der WDR (wo es letztens eine Wiederholung sämtlicher Kressin-, Haferkamp-, Schimanski- und Flemming-Folgen gab), aber auch der NDR und der BR. Zuletzt setzte auch der HR öfter mal auf ältere Beiträge der Reihe. Ihr merkt: ich bin im Thema - und ich muss in diesem Zusammenhang einmal die großartige Website tatort-fundus.de loben. Insbesondere die dort zu findende Rangliste, die von den Usern bestimmt wird, ist immer wieder einen Blick wert - und unter dem Usernamen "JPCO" habe auch ich dort bisher über 600 Folgen bewertet und kommentiert. Zählt man einige österreichische Beiträge mit, die in Deutschland allerdings nur im BR zu sehen waren und nicht auf dem klassischen Sendeplatz am Sonntag um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wurden, kommt man sogar schon auf 809 Folgen. Die Bülow-Folgen belegen dabei aktuell folgende Plätze in der Rangliste (Anmerkung: es sind Wertungen zwischen 0 und 10 Punkten möglich):

Platz 441: Schuldlos schuldig - 6,52676 Punkte
Platz 585: Tod macht erfinderisch - 6,11515 Punkte
Platz 645: Keine Tricks, Herr Bülow - 5,88873 Punkte
Platz 755: Tödliche Blende - 5,13571 Punkte
Platz 784: Alles Theater - 4,69245 Punkte
Platz 793: Die kleine Kanaille - 4,29459 Punkte

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

05.04.2011 11:51
#4 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten



Tatort: Tödliche Blende (# 183)
Regie: Horst Flick. Drehbuch: Rolf von Sydow. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Jürgen Kluckert (Kriminalkommissar Matthias Leuschner), Almut Eggert (Sonja Bach), Maximilian Wigger (Kriminalkommissar z.A. Öllerink), Horst Schön (Kriminaloberrat Stegmüller). Die Gastdarsteller: Peter Aust, Hannelore Cremer, Joachim Bliese, Eckart Dux, Anita Lachner, Jürgen Heinrich, Robert Dietl u.a. Erstsendung: 13. Juli 1986.

Zitat von Tatort: Tödliche Blende
Hauptkommissar Bülow und Hauptmeister Rausch sind als kriminalistische Berater an ein Filmset abkommandiert worden, bereuen diesen Job aber nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Regisseur. Da holt die Realität das Filmgeschehen ein: Die Kostümbildnerin wird tot aufgefunden – der Mörder hat sie vor ihrem Tod fotografiert. Und nach seinem Plan soll sie nicht das letzte Opfer sein...


„Tödliche Blende“ hebt sich von seinen beiden Vorgänger-Bülows vor allem durch den Umstand ab, dass es nur wenig waschechtes Berlin zu sehen gibt. Die Handlung, die größtenteils am Filmset, in einer anonymen Mietwohnung oder den Gemächern der berühmten Schauspielerin Maria Borck angesiedelt ist, wechselt nur für relativ unscheinbare, von tristgrauem Märzwetter geprägte Aufnahmen an die frische Luft. Das Filmteam stammt zum Teil aus München (die bayerische Jacke, die Eckart Dux trägt, zerstört in einem Berliner „Tatort“ jegliche Stimmung), außerdem reist Frau Borck bald nach Hamburg. Die einzige nennenswerte Location ist ein ausführlicher Blick in den U-Bahnhof Deutsche Oper unter der Bismarckstraße. Dass es sich bei dem Kriminalfall um den ersten tatsächlichen Whodunit der Bülow-Folgen handelt, hinterlässt dahingegen keinen so nachhaltigen Eindruck, gibt es doch für das Handeln des Täters nur Trieb-, aber keine direkt mit seinen Opfern verbundene Gründe.
Heinz Drache bleibt damit größter Aktivposten der Episode. Während sich sein Hauptkommissar Bülow dieses Mal sogar ganz kumpelhaft pflichtvergessen eine Nacht mit Kollege Öllerink um die Ohren schlägt – er tut dies selbstredend mit ehrwürdigem Charme –, sieht er sich andererseits mit einem großen (und beinahe einem weiteren) persönlichen Verlust konfrontiert. Marmstorfers Ausführungen zu Drache möchte ich in dieser Hinsicht in gewisser Weise widersprechen: Zwar hat ihn der – nur natürliche, nicht aber in gleichem Maße wie bei Joachim Fuchsberger zwischen 1964 und 1971 extreme – Alterungsprozess ein Stück Coolness verlieren und die weltmännische Sicherheit eines Bonvivants erwerben lassen, doch seine Art und Weise, über den Dingen zu stehen und diese prägnant zu analysieren, behielt er sich aus den 1960ern ebenso über wie den Hang zu schnippischen Antworten und einem spielerischen Umgang mit der Damenwelt. Bülow ist insofern in meinen Augen kein Gegenentwurf, sondern nur eine logische, reifere Fortentwicklung seiner Wallace’schen Inspektorenrollen, denen all ihrer Kaltschnäuzigkeit zum Trotz dennoch ein ganz ähnlicher Snobismus innewohnt.
Dass sich auch Drache selbst kaum veränderte, wird aus seinem wenig zimperlichen Umgang mit denjenigen Leuten ersichtlich, die seinen darstellerischen Qualitäten und hohen Ansprüchen mit ihrer Zuarbeit nicht gerecht wurden. Wie er mit Drehbuchautor Herbert Lichtenberg einen wahren Hahnenkampf aufzog, ist nicht nur (im besten Sinne) „typisch Drache“, sondern zugleich höchst amüsant. Nach „Tödliche Blende“ legte Drache eine Kreativpause ein, „2½ Jahre gab es keinen TATORT vom Berliner SFB. Doch nach dieser stand bereits wieder Ärger ins Haus. Als fünften TATORT hatte die Redaktion des SFB ein Drehbuch von Herbert Lichtenfeld ausgesucht und Drache vorgelegt. Der lehnte das Drehbuch des erfolgreichen TATORT-Drehbuchautors völler Empörung schlichtweg ab. Dabei ließen Drache die Erfolge des Schreiberlings Lichtenfeld – beispielsweise der Klassiker „Reifezeugnis“ geht auf sein Konto – völlig kalt. Das sei „kein Krimi, sondern bestenfalls eine Kriminalkomödie“, ließ sich Drache vernehmen – vom Kölner Express übrigens. Diese Äußerung nun war der Beginn einer medialen Presseschlacht.“ (1) Wer wissen möchte, wie sich diese entwickelte und löste, sei auf den Quellenlink am Ende der Besprechung verwiesen. Es lohnt sich!
Nicht verschwiegen werden darf außerdem der Gastauftritt von Gudrun Genest, die hier eine ebenso große, aber weniger gefährliche Neugier an den Tag legt wie in der unweit gefilmten „blauen Hand“. Hat sie ein Glück, dass der Mörder nicht vom Schlage eines Dr. Mangrove ist!

Obwohl die Folge im Filmmilieu spielt, gehen ihr attraktive Schauwerte ab. Nur die Andeutung, ein Polizist könnte der Täter sein, hält das Interesse an der hanebüchenen Mordserie mehr oder minder wach. Nach zwei interessanten und eigenständigen Erzeugnissen macht sich hier der Eindruck einer müden Serienproduktion breit. 3 von 5 Punkten.

Quelle: (1) Tatort-Fundus.de: Link

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

06.04.2011 21:15
#5 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten



Tatort: Schuldlos schuldig (# 202)
Regie: Thomas Engel. Drehbuch: Peter Scheibler. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Jürgen Kluckert (Kriminalkommissar Matthias Leuschner), Almut Eggert (Sonja Bach), Maximilian Wigger (Kriminalkommissar z.A. Öllerink), Horst Schön (Kriminaloberrat Stegmüller). Die Gastdarsteller: Rolf Becker, Antje Hagen, Claudia Dermamels, Hans Werner Bussinger, Klaus Mikoleit, Peter Schiff, Ursula Gerstel u.a. Erstsendung: 28. Februar 1988.

Zitat von Tatort: Schuldlos schuldig
Bülow führt Sonja Bach ins elegante Lokal „La Puce“ aus, wo er auf die schöne Claudia trifft. Als Kavalier der alten Schule stimmt er sofort zu, als diese ihn bittet, ihren Begleiter zu bluffen und alte Bekannte zu spielen. Sie hofft somit, einem unangenehmen Treffen aus dem Weg gehen zu können. Was Bülow und Sonja nicht wissen: Claudia betreibt Werkspionage und der Mann an ihrer Seite leitet die Dokumente in den Osten weiter. Das nächste Mal sieht Bülow Claudia im Leichenschauhaus...


Der Charme Berlins entspringt zu großen Teilen seiner „Insellage“. Heutzutage genügt dafür die brandenburgische Provinz um die Hauptstadt herum, zu Zeiten des geteilten Deutschlands und der Mauer kam diese Situation aber natürlich noch viel wesentlicher zum Tragen. Wie auf einer echten Insel gab es damals eine Linie, bis zu der man sich frei bewegen, das Leben in Hochkonzentration gedeihen konnte; dahinter ein undefinierbares Nichts, das keine aktive Rolle für die alltäglichen Geschehnisse, für die Ermittlungen von HG Bülow spielt. Um keinen Preis hätte ich Heinz Drache in einer anderen deutschen Stadt auf Verbrecherjagd gehen sehen wollen, selbst wenn er dann vielleicht ein einfacheres Auskommen mit den Drehbuchautoren gehabt hätte. Die DDR kommt in dieser Folge ein wenig genauer in den Blickpunkt, beschränkt sich aber dennoch auf eine gezwungene Innenszene Ostbesuch und die Abnahme vergifteter Erde. Schön ist das nicht – was hat man dagegen an einer „Tafel Vollmilch-Nuss“!
Bülow zieht in dieser Folge in ein geerbtes Haus im Grünen ein (zu grün, glaubt man ihm, dass im Garten noch alles verwildert ist), wird aber in seinen Umzugsarbeiten durch den „Fall Claudia“ gestört. Die Geschichte hat dieses Mal alles, was ein gelungener Krimi braucht: Es gibt Spionage, Erpressung, Mord, eine ungewöhnliche Methode, die Leiche zu entsorgen, Ehebruch, einen unschuldigen Verdächtigen, eine Verfolgungsjagd und nicht zuletzt allerlei Lügen und Intrigen. Was die beiden vorangegangenen Folgen vermissen ließen, kommt dadurch völlig zur Geltung: Bülows Nase für Verbrechen und seine dem klassischen Detektiv ähnelnde Natur, immer und immer wieder ungewollt persönlich in einen Fall hereinzustolpern. Durch seine vage Bekanntschaft mit dem Mordopfer stört es auch nicht, dass er in der ersten Hälfte der Episode kaum zu sehen ist, muss in dieser Zeit doch die komplizierte Vorgeschichte in aller Ausführlichkeit aufbereitet werden.

Rolf Becker, der 14 Jahre zuvor Sherlock Holmes in der deutsch-französischen TV-Produktion „Das Zeichen der Vier“ darstellte, bekommt auch hier eine sehr faszinierende Rolle. Auf seinen Charakter bezieht sich der Titel „Schuldlos schuldig“. Nur weil er sich geschäftlich überschätzt und auf eine Liebelei mit der gefährlichen Claudia eingelassen hatte, landet er schließlich in Untersuchungshaft, macht Bankrott und erfährt im Gefängnis von seiner Scheidung. Alle Unglücke, die seiner Person zustoßen, werden konsequent zu Ende gedacht. Auch wenn Bülow am Ende den wahren Mörder dingfest machen kann, so ist fraglich, ob Armin Denzel in allen Punkten Gerechtigkeit widerfahren ist.
Auch Antje Hagen als betrogene Frau in stoischer Ruhe, Peter Schiff, die berlinernde Dienerseele, und Klaus Mikoleit als schmieriger Widerling legen nachhaltige Auftritte hin. Aufgrund des ebenfalls zu Sherlock Holmes passenden Namens sei darüber hinaus noch Hans Werner Bussinger erwähnt.

Spannend, vertrackt und nach traditionellem Rezept tagesaktuell zubereitet: „Schuldlos schuldig“ ist ein „Tatort“ der Extraklasse. Der Sender Freies Berlin machte seinem Namen alle Ehre und nutzte seine lokalen Besonderheiten bestens aus. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

07.04.2011 13:20
#6 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten



Tatort: Keine Tricks, Herr Bülow (# 219)
Regie: Jürgen Roland. Drehbuch: Harald Vock. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Hans Nitschke (Kommissar Jahnke), Christiane Carstens (Kriminalassistentin Jellineck), Arthur Brauss (Brinkmann). Die Gastdarsteller: Dieter Kirchlechner, Uta Sax, Eleonore Weisgerber, Wilfried Herbst, Andreas Mannkopff, Monika Stenzel, Patrick Winczewski u.a. Erstsendung: 28. Mai 1989.

Zitat von Tatort: Keine Tricks, Herr Bülow
Einblick in den Arbeitsalltag von Hauptkommissar Bülow: Der Tausendsassa, der eigentlich beim Morddezernat arbeitet, bekommt es gleichermaßen mit aggressionsgeladenen Bankräubern und mysteriösen Erpressungsfällen zu tun. Wie nebenbei muss er dazu eine Mordserie an jungen Frauen lösen. Er bedient sich eines Köders, doch der Täter beißt nicht an. Unterdessen hat sich Gastronom Gellert entschlossen, die geforderte Lösegeldsumme von zwei Millionen D-Mark zu bezahlen...


Ähnlich sprunghaft wie meine Inhaltsangabe fühlt sich die gesamte Episode „Keine Tricks, Herr Bülow“ an: Anstatt sich wie in den bisherigen Folgen auf ein zentrales Vergehen zu konzentrieren und dieses auf realistische Weise auszukosten, laufen hier mehrere voneinander unabhängige Fälle nach- bzw. nebeneinander ab. Vor allem fragt man sich im Nachhinein, in welchem Bezug zum Rest der Handlung wohl der Banküberfall steht, mit dem Bülow es zu Beginn zu tun bekommt. Für viel mehr als die nachträgliche Belohnung, bei Gellert schick essen zu gehen und in das nächste Abenteuer hereingezogen zu werden, nutzt er nicht – inhaltliche Verbindungen zum Rest des Geschehens bestehen nur insofern, als Bülow mit ruhigem Auftreten und an den Verstand appelierenden Überredungsfloskeln nicht immer Erfolg hat. So what!
Der gestückelte Erzählfluss lässt den Eindruck entstehen, dass der Drehbuchautor allerlei Füllstoff um die eigentliche Geschichte herum erfinden musste, um die Laufzeit (harmlose 80 Minuten) zu überbrücken. Umso merkwürdiger ist es da, wie oberflächlich vor allem mit der Geschichte des Frauenmörders umgegangen wird. Außer einer Maske, die an beste Wallace-Zeiten und im Speziellen an den Killer in „Das Geheimnis der weißen Nonne“ erinnert, und (vorgetäuschtem) Wahnsinn nach der Überführung, über dessen Echtheit kein Wort mehr verloren wird, bleibt gerade dieser Plot stereotyp, klischeebeladen und dementsprechend ausbaufähig.
Erst kürzlich habe ich Jürgen Roland als besten TV-Regisseur nominiert. Die bedauerliche Wahrheit ist andererseits, dass alles und jeder seine Zeit hat und auch Jürgen Roland nach frühen Jahren schnell ins Mittelmaß abglitt. In „Dem Täter auf der Spur“ vergellte gerade seine wackelnde Billiginszenierung den echten Genuss der Serie. Glücklicherweise verhält es sich beim „Tatort“ anders: Rolands größere Reife, technischer Fortschritt und ein nicht ganz so verkappter Zeitgeschmack führen dazu, dass „Keine Tricks, Herr Bülow“ da auf einer befriedigenderen Ebene spielt. Dennoch bleibt Rolands Arbeit alles andere als makellos: Der geborene Hamburger, der immer ein Hamburger blieb, hat ebenso wie der regional ähnlich einzuordnene Harald Vock kein Händchen für einen stimmigen Umgang mit dem „Berliner Original“. Hier wirkt jede berlinernde Person wie ein komödiantischer Sidekick – das Verständnis für den Landsmann ist nicht vorhanden, dafür aber ein ganze Anzahl Fremdschämmöglichkeiten. Überhaupt ärgert mich Rolands unverschämt selbstverständliche Verbindung von Krimi und Skurrilität, die so künstlich und hochstilisiert wirkt, dass sie vielleicht in ein „Krimimärchen“ der Sechzigerjahre, nicht aber in einen „Tatort“ der späten Achtziger passt.

Genug gemeckert. Eigentlich ist die Episode ganz passabel. Zwar habe ich den bisherigen Ermittlerstab vermisst, aber da „das Team“ gegenüber dem markigen Bülow sowieso nur Verzierung ist, kann ich mit Brauss und Carstens genauso gut leben. Bei den Drehorten fällt vor allem ein angenehm hoher Anteil an Verkehrsknotenpunkten auf: Es gibt den Flughafen Tegel, erneut den Bahnhof Zoo, das Areal Gleisdreieck und den Grenzübergang Dreilinden zu sehen.
Auch wenn der Banküberfall kaum in Verbindung mit dem Rest der Folge steht, so ist er in sich doch überaus fesselnd und nervenaufreibend anzusehen. Dieses Kompliment gründet sich übrigens nicht nur auf die spannende Frage „Woher kenne ich dieses Gesicht?“, wenn Pierre Franckh seine Maskerade abnimmt: Gerade wie sich Bülow unerschrocken ins Getümmel wirft und unbewaffnet auf die eingesperrten, fast schon durchdrehenden Räuber zugeht, lässt – hier wage ich die verallgemeinernde Form ganz bewusst – jeden Zuschauer nervös werden. Auch im Finale gibt es für nicht schwindelfreie Leute wie mich noch einen wirkungsvollen Zusatzkick – Dieter Kirchlechner überzeugt vor allem hier als verzweifelter Verfolgter.

Mit einem kohärenteren Script und einem „berlinereren“ Regisseur hätte „Keine Tricks, Herr Bülow“ gut und gern ein Highlight werden können. Wer es „abwechslungsreich“ mag, wird diese Folge aber so oder so zu schätzen wissen. Rätsel bietet sie schließlich, einen guten Cast und eine zufriedenstellende Entführungsstory noch dazu. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

10.04.2011 14:28
#7 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten



Tatort: Alles Theater (# 221)
Regie: Peter Adam. Drehbuch: Knut Boeser. Das Polizeiteam: Heinz Drache (Kriminalhauptkommissar Hans-Georg Bülow), Hans Nitschke (Kommissar Jahnke). Die Gastdarsteller: Dietrich Mattausch, Christine Ostermayer, Petra von Morzé, Daniela Ziegler, Jürgen Heinrich, Peter Aust, Ludger Pistor u.a. Erstsendung: 30. Juli 1989.

Zitat von Tatort: Alles Theater
Auf Einladung seiner Freundin Regine von Lempert besucht HG Bülow die Premiere eines Theaterstücks. Er weiß anfangs noch nicht, dass er keinesfalls Feierabend hat: Auf der Bühne setzt sich ein Schauspieler – wie das Script es verlangt – eine Pistole an den Kopf. Er drückt ab, doch eine Blutlache hätte eigentlich gar nicht da sein sollen! Innerhalb eines Abends schafft Hauptkommissar Bülow es, den Täter im Hintergrund trotz professioneller Maskerade dingfest zu machen.


Als Abschiedsvorstellung für den großen HG Bülow wählte man einen Fall, der besonders gut ins Umfeld des kultivierten und weltklugen Hauptkommissars passt: einen Besuch im Theater, bei dem Bülow seinen erlesenen Freundschaften Blicke hinter die Kulissen und Zugang zu den Psychen und Verhaltensweisen des Opfers und der Verdächtigen verdankt. Dass nicht jeder gut auf die anspruchsvollen, latent altmodischen Bülow-Manieren und -Methoden zu sprechen war, deutete Marmstorfer bereits an. „Schicki-Micki-Kommissar“, „austernschlürfender Anti-Schimanski“ oder „Don Flanello“ wurde Heinz Drache genannt; das Jubiläumsheft zum 200. Tatort im Jahr 1987 differenzierte sogar bereits nach drei Fällen Vor- und Nachteile des Edelberliners und kündigte die baldige Absetzung und das Austauschen durch eine „geerdetere“ Person an:

Zitat von Tatort-Fundus.de (1)
Die Puppen lässt dieser Bülow nie tanzen, aber er bestimmt eindeutig das Geschehen und beansprucht alle Aufmerksamkeit. Das ist seine Stärke – und zugleich seine Schwäche, denn deshalb bleibt dem Berliner TATORT nur wenig Spielraum für Geschichten, die nicht im Bülow-Milieu anzusiedeln sind. Wichtige Facetten des Lebens sind nicht mehr darstellbar. Und so wird es dem Kommissar ähnlich gehen wie seinen Kollegen aus dem wirklichen Leben: Er muss irgendwann einem Jüngeren Platz machen, der mit neuen Methoden und neuer Energie die bisher ungelösten Probleme übernimmt.


Mit „Alles Theater“ nimmt Heinz Drache also seinen Hut. Die Folge ergeht sich nicht in Rührseligkeiten; zu gewohnt sind Ermittlerwechsel bereits in allen Tatort-Sendeanstalten. Stattdessen verschrieb man sich in jeder Einzelheit dem Titel im wahrsten Sinne des Wortes: Alles in dieser Folge ist waschechtes Theater. Nach einer kurzen Exposition spielt die gesamte Episode im Theatergebäude, auf der Bühe, in den Garderoben und Verwaltungszimmern – erst für das sparsame Finale, das ein langsames Ausklingen und kein abrupter, modern gezeichneter Höhepunkt ist, gelangt man wieder an die frische Berliner Nachtluft. Auch bestimmen dieses Mal – ungewöhnlich für einen Tatort – nicht Polizeiarbeit und Ermittlungen das Bild der Episode, sondern sie räumt ihren Gastdarstellern die Möglichkeit ein, sich– wie eben in einem Theaterstück – richtig auszuspielen. Die überzeichneten Charaktere entwickeln Liebe, Sympathie, Antipathie und Hass in vielerlei, über das gewöhnliche Doppeldreieck hinausgehenden Ebenen; hinzu kommen Rauschgiftmissbrauch, Hinterschlagungen und – auch für Filmfreunde wie uns nicht uninteressant – Betrachtungen über die künstlerische Notwendigkeit von Abänderungen der Originalvorlagen für dramatische Umsetzungen.
Heinz Drache steht in dieser Folge ein einziges Mal nicht im Mittelpunkt; vielmehr sind es mit Dietrich Mattausch, Daniela Ziegler, Jürgen Heinrich, Christine Ostermayer und Petra von Morzé die „Theaterleute“, die die deutlichsten Spuren hinterlassen. Dass die Eifersüchteleien zweier Frauen nicht nur für peinliche, sondern für packende Momente sorgen, beweisen die beiden letztgenannten Damen trotz ihres deutlich hörbaren Wiener Akzents.

HG Bülow bleibt selbst in den letzten Minuten seines Fernsehlebens ganz Gentleman und lässt anderen den Vortritt. Bei der Verbrechensbekämpfung macht er aber keine Kompromisse: Mit unveränderter Disziplin und Selbstbestimmtheit sorgt er dafür, dass die Regeln von Einheit von Ort und Zeit sich nicht negativ auf ein Stück (relativ) aktueller Fernsehunterhaltung auswirken. Das Kammerspiel, das sich nicht anfühlt wie ein Kammerspiel, bekommt 4,5 von 5 Punkten.

Als großes Fazit zu den sechs Bülow-Episoden bleibt mir, festzustellen, dass sie – auch wenn das Konzept wohl nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß – das Bild eines für die TV-Landschaft der 1980er Jahre ungewöhnlich klaren und verlässlichen Ermittlers zeichneten, der auch ohne beständiges Team das Potenzial hat, seine „Tatort“-Folgen zu besonderen Highlights zu machen. Auch Drehbuchschwächen kann ich bei den SFB-Folgen nur temporär, keinesfalls aber systematisch feststellen. Von mir aus hätte Heinz Drache alias HG Bülow gern und vielleicht mit einigen an die „alte Zeit“ erinnernden Gastdarstellern auch weiter den Tätern auf der Fährte sein dürfen.

Quelle: (1) Tatort-Fundus.de: Link

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.564

25.04.2011 13:42
#8 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Nachdem mir der Osterhase die erste Folge mit dem beliebten Edgar-Wallace-Ermittler zugeschickt hat, hatte ich nun die Gelegenheit, mir einen ersten Eindruck zu verschaffen:



BEWERTET: "Tod macht erfinderisch" (Auftaktfolge mit Heinz Drache als Kriminalhauptkommissar H.G. Bülow)

Was macht ein verurteilter Mörder, wenn er, den Tod vor Augen, vorzeitig aus der Haft entlassen wird? Was macht die Polizei, wenn sie Briefe erhält, in denen angekündigt wird, dass der Mann etwas plane?
Hans Georg Bülow war vor acht Jahren mit dem Fall betraut, es war sein letzter Kriminalfall vor seinem Wechsel nach Hamburg. Nun ist er wieder in Berlin, der Stadt, in der er zwanzig Jahre gelebt hat, obwohl ein gewiefter Taxifahrer ihm dies nicht abnimmt. Heinz Drache bringt alle Voraussetzungen für diese Rolle mit. Sein elegantes, gepflegtes Auftreten; der wache Verstand, die Selbstsicherheit eines erfahrenen Genießers und die Nostalgie, die er stets bei sich trägt: in seinem verschmitzten Blick, dem wissenden Lächeln und den abgemessenen Schritten. Neben den lässig gekleideten Kollegen des Dezernats wirkt er wie ein Besucher aus vergangener Zeit. Er bringt Eigenschaften und Gewohnheiten in die Betonwelt der geteilten Stadt, die von besseren Zeiten erzählen, als man(n) noch Hut trug und einer Dame die Tür aufhielt. Seine charmante Verbindlichkeit gegenüber Sonja Bach, mit der er stilvoll zu Mittag speist, während seine Kollegen sich dem Kantinenessen ergeben und seine abendlichen Gespräche und Fachsimpeleien mit einem pensionierten Staatsanwalt stehen im Gegensatz zum prosaischen Lebensumfeld seines Mitarbeiters Matthias Leuschner.
Niemals würde Bülow eine Ladendiebin zu einem Treffen überreden und zwischen Supermarktregalen mit einer Frau anbandeln. In geschickter Weise sehen wir die Verabredungen Leuschners als Parallele zu den Freizeitbeschäftigungen Bülows. Während der bärtige Beamte schlechtsitzende Blazer trägt und seine neue Bekannte in "Zuckerbaby" mit Marianne Sägebrecht ausführt, schlürft Bülow mit Frau Bach Champagner und Austern und gönnt sich eine Schachpartie in seiner Pension.
Wer schlussendlich als gescheitert dastehen wird, ist nicht schwer zu erraten. Die -eigentlich überflüssigen- Szenen mit Marita Marshall lassen von Beginn an auf eine schale Beziehungskiste schließen, die sich am Ende gar als kalkuliert herausstellen wird (wobei man sich fragt, welche Erkenntnisse die Dame denn gewonnen hat; der Beamte hat ihr kaum Details seines Falles verraten). Udo Vioff als entlassener Sträfling hält sich sehr zurück und seine Rolle bleibt über weite Strecken eine stumme. Drei Viertel der Episode verbringt er damit, von seiner Laubensiedlung in die Innenstadt zu gehen, stets in Bewegung und dennoch scheinbar ohne Beweggrund. Hier hätte die Schere ansetzen müssen. Der Fall bräuchte eine starke Raffung; viele sich wiederholende Szenen dienen nur als Lückenfüller und scheinbare Ablenkung des Zusehers.
Die wahren Hintergründe der Tat waren mir schon in den ersten Minuten klar und das Ende bietet deshalb keine Überraschung. Udo Vioff bleibt blass, was vielleicht seiner Rolle als Sterbenskranker geschuldet ist. Wieviel beeindruckender war er noch zehn Jahre zuvor in seinen vier "Kommissar"-Auftritten, wo er allein durch seine Präsenz Kälte und Bedrohung verbreitete! Heinz Drache trägt die Episode fast im Alleingang und jede Szene mit ihm ist ein Vergnügen, besonders seine Fahrten mit Taxi und U-Bahn, sein Spaziergang über den Friedhof oder sein Verhör im Juweliergeschäft.

Tarzan Offline



Beiträge: 900

25.04.2011 14:43
#9 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Gibt es die Tatorte mit Heinz Drache schon auf DVD?

John Lütke Offline




Beiträge: 147

25.04.2011 20:17
#10 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

"Keine Tricks, Herr Bülow" gibt es zusammen mit zwei weiteren Berlin-Tatorten in einer Box

http://www.amazon.de/Tatort-Berlin-Box-D...03755351&sr=1-1

John "The Postman" Lütke


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Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

26.04.2011 07:07
#11 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Außerdem ist "Die kleine Kanaille" in einer Sonderedition von rbb / Berliner Morgenpost erschienen:
http://www.rbb-online-shop.de/startseite...rt-edition.html

Leider gibt es aber (noch) keine gesonderte "Bülow-Box".

Tarzan Offline



Beiträge: 900

26.04.2011 21:42
#12 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Danke für die Infos.

Vielleicht kommt ja auch mal eine Box. Heinz Drache hätte es verdient!

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

28.09.2011 18:56
#13 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister

Heinz Drache bringt alle Voraussetzungen für diese Rolle mit. Sein elegantes, gepflegtes Auftreten; der wache Verstand, die Selbstsicherheit eines erfahrenen Genießers und die Nostalgie, die er stets bei sich trägt: in seinem verschmitzten Blick, dem wissenden Lächeln und den abgemessenen Schritten. Neben den lässig gekleideten Kollegen des Dezernats wirkt er wie ein Besucher aus vergangener Zeit. Er bringt Eigenschaften und Gewohnheiten in die Betonwelt der geteilten Stadt, die von besseren Zeiten erzählen, als man(n) noch Hut trug und einer Dame die Tür aufhielt.



Besser kann man die Wirkung von Heinz Drache als Hans-Georg Bülow nicht beschreiben! Ein Gentleman, Charmeur und Gourmet, der sich mit stilvoller Eleganz kleidet und mit einem sonoren Bariton spricht. Wenn er auftritt, dann beherrscht er die Szene. Es ist ein Genuss, ihm zuzuschauen.

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

06.11.2011 14:59
#14 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Zitat von Gubanov

Eine Niederlage möchte er sich am Ende auch nicht eingestehen: „Ich krieg‘ dich“, zischt er zwischen den Zähnen hindurch. Doch wer weiß, ob das stimmt?




Nein, ich glaube nicht, dass sich Hans Georg Bülow hier etwas vormacht. Der erfahrene Ermittler hat gegenüber Birgit bereits angekündigt, sie und ihr "Wohltäter" hätten nicht das Format, um den "alten Bülow aufs Kreuz zu legen".

Früher oder später wird der nervöse, irgendwie unreif wirkende Lorenzen einen Fehler begehen (von Birgit würde ich es in der Tat nicht erwarten) und sich verraten. Und dann wird Hans Georg Bülow zur Stelle sein, um ihn festzunehmen.
Ich halte das nicht für Wunschdenken sondern für eine reale Chance. Bülow muß nur hartnäckig am Fall dranbleiben, und das will er tun - auch das hat er gegenüber Birgit bereits angekündigt.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

06.11.2011 15:07
#15 RE: Heinz Drache im "Tatort" Berlin Zitat · antworten

Wenn das so klar ist, warum hat man die Verhaftung dann nicht gleich am Ende der Folge gezeigt? Zeit hätte man locker dafür finden können. Nein, es geht darum, Zweifel an der Überführbarkeit der beiden zu erregen, was ein nur natürliches Phänomen ist: Auch im echten Leben werden nicht alle Mörder gefasst, auch wenn die Kommissare noch so tolle Typen sind.

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