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Dieses Thema hat 67 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Prisma Offline




Beiträge: 7.468

20.02.2013 23:53
Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme [Sammelthread] Zitat · antworten



HORROR UND GRUSEL DER FEINEN UND KLEINEN SORTE


Wie es eben so ist, tauchen aufgrund von speziellen Schauspielern immer mal wieder auch spezielle Filme in der eigenen Sammlung auf, wobei das natürlich auch auf das Genre selbst, mit seinen unzähligen Auswüchsen zurückzuführen ist. Sehr oft handelt es sich dabei allerdings um Produktionen der Grauzone. Sie mögen nirgends so richtig hinpassen. Die Idee, einen eigenen Thread für diese Perlen zu eröffnen, habe ich schon sehr lange im Sinn gehabt. Natürlich muss das nicht heißen, dass es hier nur so von Trash wimmeln darf, viele Filme die Klassikern nahe kommen oder gar Klassiker sind, können hier ihren Platz finden, sofern sie keinen eigenen Thread besitzen. Immer neuen Nachschub erhielt ich sehr oft, da ich mich schon seit Jahren an dem Buch "Das neue Lexikon des Horrorfilms" (erschienen bei Lexikon Imprint Verlag) orientiere, wo eine Vielzahl von den 1800 enthaltenen und besprochenen Produktionen, herbe Verrisse einstecken mussten, was mich im Endeffekt nur noch mehr animiert, bei der Arbeit zu bleiben, sie mir zu beschaffen und sie mir sie auch anzusehen. Über dieses Buch kam ich beispielsweise zu "Parapsycho - Spektrum der Angst" oder auch zu Jess Franco, sogar einige Edgar Wallace-Filme fanden dort teils wenig schmeichelhafte Erwähnungen, und schließlich ist und bleibt die Lektüre schon ein ergiebiges Nachschlagewerk, dessen Anmerkungen und Analysen jedoch nicht immer nur Kopfnicken hervorrufen. Mit den Jahren habe ich Unglaubliches, tatsächlich Schlimmes und Unerträgliches, Hervorragendes oder Überraschendes und viel Durchschnitt gesehen, und einige dieser Produktionen können und werden hier sicherlich eine Besprechung finden.

Prisma Offline




Beiträge: 7.468

21.02.2013 00:25
#2 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse") Zitat · antworten



DIE LEBENDEN LEICHEN DES DR. MABUSE / SCREAM AND SCREAM AGAIN (1970)

mit Vincent Price, Christopher Lee, Peter Cushing, Christopher Matthews, Alfred Marks, Judy Huxtable, Anthony Newlands und Marshall Jones sowie Uta Levka





»Ja ich bin auch ein Kompositum!«


In London herrscht Angst und Schrecken, denn ein unheimlicher Mörder lässt eine Reihe von Leichen zurück, denen das gesamte Blut bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt wurde. Als dieses Phantom, das von den Medien nur "Vampir-Mörder" genannt wird, von der verdeckten Ermittlerin Sylvia (Judy Huxtable) aufgespürt und enttarnt wird, merkt die Polizei, dass sie es mit einem Gegner von unmenschlichen Kräften zu tun hat. Der Mörder kann fliehen und versteckt sich auf dem Anwesen des Wissenschaftlers Dr. Mabuse (Vincent Price), der in seinem Laboratorium fragwürdige Experimente im Auftrag der britischen Regierung durchführt. Aus diesem Grunde werden die Ermittlungen auch wieder schnell eingestellt, womit sich der junge Pathologe Dr. Sorel (Christopher Matthews) allerdings nicht zufrieden gibt. Er will den ungeheuerlichen Geschehnissen auf den Grund gehen und deckt Unglaubliches auf. Was hat die Regierung mit Hilfe des Genies Dr. Mabuse tatsächlich vor..?

Eine weitere Mabuse-Adaption, die unabhängig von der Mutter-Reihe ihr Glück beim Zuschauer versucht, ruft ganz bestimmt und zu Recht erst einmal Skepsis hervor. Man kann allerdings sofort verraten, dass sich die Befürchtung, man könnte es mit einer weiteren Art "Dr. M. schlägt zu" zu tun haben, nicht im Entferntesten bewahrheitet. Der deutsche Titel verrät ausnahmsweise mal nicht zu viel und trifft den Nagel sogar irgendwie auf den Kopf, wobei diese Produktion sich mit vielen anderen Plots beschäftigt, die schließlich eine gelungene Verstrickung mit der Hauptgeschichte erfahren und für Abwechslung sorgen. Der Film überzeugt durch seine, über weite Strecken dichte Atmosphäre, wobei dies bezüglich der Einteilung in ein bestimmtes Genre gar nicht so herkömmlich erscheint. Die Geschichte wirkt modern und unkonventionell, kommt dabei aber immer wieder zu ihrem eigentlichen Anliegen zurück, ein Schocker sein zu wollen. Dabei wird immer wieder mit spekulativer Brutalität gespielt, Urängste werden eindringlich angerissen, und was im Endeffekt für die wirkliche Spannung sorgt, ist, dass der Zuschauer ziemlich derb strapaziert wird, da es dem Film komplett egal ist, wie viele Protagonisten verheizt werden. Sein Tempo, die subtilen Schock-Momente und die angenehme Weniger-ist-mehr-Strategie, geben diesen Beitrag etwas tatsächlich Interessantes. Ansonsten wirkt alles rund um diese Produktion recht aufwendig, die Schauplätze und die Bildgestaltung sind hervorragend, die Musik führt gedanklich querbeet durch etliche Edgar Wallace-Verfilmungen, und die Besetzung ist exzellent. Dass sich die Geschichte unter der Regie von Gordon Hessler immer wieder einmal auch verworrenen Passagen hingibt, wirkt nicht besonders störend, sondern unterstreicht die Perfidie der Titel gebenden Figur noch zusätzlich.

Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing sieht man hier in einem Film. Im Rahmen der Besetzung kann ein Genre-Beitrag kaum besser aussehen. Vincent Price als Dr. Mabuse für die deutsche, und Dr. Browning für die internationale Version, erweist sich schnell (leider anfangs nur sporadisch) als richtiger Mann für die Rolle des Titel-Schurken. Wenn ich die Auftrittsdauer anmerke, so zieht es sich hier tatsächlich wie ein roter Faden durch den Film, denn fast alle Darsteller sieht man hauptsächlich in (beinahe isolierten) Etappen oder eben nur besonders kurz. Ein erfahrener Mann wie Price füllt seinen Part, egal unter welchen Umständen, jedenfalls immer sehr gut aus, und auf die Titel-Figur bezogen, gelang es ihm recht eindringlich, diese individuell zu prägen. Dieses Gemisch aus Größenwahn, aber dennoch glasklarem Verstand, und einer Portion Zerrissenheit und Zerbrechlichkeit, bringt der in seinen Zügen immer markanter gewordene Darsteller sehr gut in Einklang mit seinen Szenen und der Geschichte. Das Faszinierende an Christopher Lee ist, dass er stets die Fähigkeit hatte, sofern seine guten Züge und Charakter-Eigenschaften nicht auf dem Silbertablett serviert wurden, eine unheimlich hohe Distanz aufbauen zu können, unergründlich zu erscheinen und schließlich Skepsis hervorzurufen. Seine finstere Miene und sein erhabenes Wesen funktionieren hier wieder einmal erstaunlich gut. Peter Cushing hat einen leider nur recht kurzen aber ebenso überzeugenden Auftritt, und das Dreier-Gestirn kann sich schließlich sehen lassen und gibt dieser Produktion Verve und nicht zu vergessen, ein Aushängeschlid. Ansonsten bekommt man von den übrigen Darstellern, die teils sogar größere Rollen als die groß angekündigten Hauptrollen hatten, angenehme, sachliche und sogar ausgekochte Darbietungen offeriert.

Diese Produktion stand primär nicht wegen des deutschen Mabuse-Themas, sondern wegen Uta Levka auf meiner Liste, deren filmisches Schaffen sich ja leider nur über ein halbes Dutzend Jahre erstreckte, bis sie sich bereits 1971, erst etwa dreißigjährig, aus der aktiven Film-Branche zurückzog. Levka, natürlich ein gängiger Wallace-Begriff, spielt hier Jane, eine aus Leichenteilen zusammen gebastelte Krankenschwester. Bei ihren Auftritten überzeugt sie ausschließlich durch ihre eindringliche Präsenz, im Rahmen ihrer Körpersprache, Gestik und Mimik, denn sie durfte in diesem Geschehen sage und schreibe nur einen einzigen, kurzen Satz sprechen. Horror-Erfahrung konnte die Deutsche bereits in dem 1969 entstandenen Film "Im Todesgriff der roten Maske" (ebenfalls mit Vincent Price und Christopher Lee, unter Regie von Gordon Hessler) sammeln. Was zeichnet Uta Levka eigentlich aus? Lange bin ich nämlich am Überlegen, wie sie am besten in wenige Worte zusammenzufassen ist, aber es fällt mir nicht gerade besonders leicht. Zunächst denke ich, dass sie ein beeindruckender supporting star im Horror-Genre hätte werden können, da alle Voraussetzungen vorhanden waren. Als Krankenschwester Jane, was sich ja unscheinbarer nicht anhören kann, bedient sie eine latente Horror-Vision des Zuschauers, nämlich einer rücksichts- und willenlosen Maschine ausgeliefert zu sein. Jedes Mal, wenn die Türe zum Krankenzimmer aufgeht weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Katzenhaft schleicht sie herein, um den offensichtlich sedierten Patienten zu versorgen, dem nach ihrem Erscheinen immer eine neue Extremität abgenommen wird. Dabei spielt die Kamera ein, sich in Großaufnahmen gefallendes Spiel, das die Emotionslosigkeit und Brutalität dieser Person schildert. Insgesamt stehen bei Uta Levka unterm Strich nur wenige Einsatzgebiete. Am persönlich treffsichersten charakterisiere ich die aparte Schauspielerin vermutlich mit dem kleinen Wort beeindruckend. Ja, sie konnte stets einen eigenartig verwirrenden Eindruck bei mir hinterlassen, vor allem hier.

Dieser Film kann schließlich einigen Genres direkt oder weitgehend zugeordnet werden, was letztlich auch seine Abwechslung ausmacht. Nicht immer gerade glaubhaft aber auch nicht vom anderen Stern, unterschwellig brutal doch nicht geschmacklos, vollkommen unwahrscheinlich, aber im gefühlten Bereich des Möglichen, eine ziemlich positive Überraschung diese "Lebenden Leichen des Dr. Mabuse"! Die Angelegenheit ist fast durchgehend rasant und zeigt sich nicht minder effektiv, eigenartigerweise setzt das Finale in dieser Beziehung nicht noch einen drauf, sondern gipfelt in einem Konzentrations-Showdown. Zwar fühlt man sich nicht immer angemessen zeitlich und örtlich orientiert und einige der Personen hätten eine stichhaltigere Durchleuchtung verdient gehabt, aber trotz vieler, nicht immer direkt schlüssiger Phasen, schließt sich der Kreis überzeugend. Es ist ganz interessant, Horror auch einmal außerhalb der zumindest angestaubten Mottenkiste serviert zu bekommen, der sich zwar wohlwollend an Basis-Grundvoraussetzungen hält, aber seinen eigenen Weg im Rahmen des Zeitgeistes einschlägt. Diese Adaption macht buchstäblich Laune, nimmt sich letztlich nicht so todernst wie ihr wohlklingender Titel und vermittelt einen hohen Unterhaltungswert, wobei ich mir vorstellen kann, dass es nicht Jedermanns Geschmack sein dürfte. Dennoch steht mein Fazit mit der Einschätzung, dass "Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse" ein wirklich freudiges Uterhaltungsspektakel gewesen ist. Wolfgang Preiss wäre mit diesem Erben bestimmt einigermaßen zufrieden gewesen;)

Prisma Offline




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21.02.2013 00:43
#3 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse") Zitat · antworten

"Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse" ist übrigens die Tage bei in der Reihe KSM Klassiker veröffentlicht worden und relativ günstig zu haben.
Mit ein paar kleinen Extras versehen (Original Kinotrailer, Trailer, Biografien und Bildergalerie) kann die DVD aber vor allem durch die gute Bild- und Tonqualität überzeugen.

Georg Offline




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21.02.2013 20:08
#4 RE: Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse") Zitat · antworten

Interessante Besprechung, ich habe den Film zwei Mal gesehen... Trash trifft es sehr gut, selten so einen Blödsinn gesehen ;-) ... wenn da nicht Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing wären. Hesslers "Todesgriff der roten Maske" ist wesentlich besser. Im dt. Vorspann (übrigens im Font der Farbwallace-Filme von 1967), der bei den TV-Ausstrahlungen, heißt er übrigens "Gordon Kessler". Ist auf der DVD der dt. oder britische Vorspann?

Prisma Offline




Beiträge: 7.468

21.02.2013 21:09
#5 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse") Zitat · antworten

Aber immerhin doch charmanter Blödsinn und außerdem unterhaltend;) Mich hat der Film irrsinnig gut unterhalten, ich beispielsweise finde ihn wesentlich besser als "Im Todesgriff der roten Maske", der hat mich phasenweise sogar fast gelangweilt, aber das ist eben Geschmacksache. Auf der DVD ist der britische Vorspann enthalten, ja. Beim Titel 'Scream and scream again' wird lediglich der deutsche Name zusätzlich eingeblendet.

Prisma Offline




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23.02.2013 15:59
#6 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Blut an den Lippen") Zitat · antworten



BLUT AN DEN LIPPEN / LES LÈVRES ROUGES / DAUGHTERS OF DARKNESS (1971)

mit Delphine Seyrig und Andrea Rau, Danielle Ouimet, John Karlen, Paul Esser, Fons Rademakers, u.a.





»Herrin, bestrafen Sie mich!«


Valérie (Danielle Ouimet) und Stefan (John Karlen) befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise und machen einen Zwischenstopp in einem Hotel in Ostende. Da man außerhalb der Saison dort abgestiegen ist, befinden sich die beiden alleine mit dem Portier (Paul Esser) in dem luxuriösen Haus. Wenig später taucht eine geheimnisvolle Dame namens Baronin Elisabeth von Báthory (Delphine Seyrig) im Foyer, mit ihrer Begleiterin Ilona (Andrea Rau) auf. Dem Portier verschlägt es beim Anblick der Baronin die Sprache, da er sie kennt. Als er nämlich vor über vierzig Jahren als Piccolo in jenem Hotel begann, lernte er die schöne Frau bereits kennen, doch sie hat sich in all den Jahren nicht im Geringsten verändert. Die beiden rätselhaften Frauen bringen das junge Ehepaar, welches ursprünglich nur eine Nacht in Ostende bleiben wollte, derweil dazu, ihren Aufenthalt zu verlängern. Ein abscheulicher Mord in Brügge hält unterdessen die Bevölkerung in Atem, bei dem die Tote mit einer seltsamen Wunde am Hals und ohne einen Tropfen Blut aufgefunden wurde. Die Jungvermählten beginnen sich sichtlich zu verändern, denn sie stehen unter dem Einfluss der Baronin, die nur eine Absicht hat. Sie will Valérie auf die Nachfolge Ilonas vorbereiten...

Bei "Blut an den Lippen" handelt es sich um das Erstlingswerk des belgischen Regisseurs Harry Kümel, der sich vieler Genre typischer Elemente bediente, allerdings einen komplett unkonventionellen Weg einschlug. Handwerklich mit dem höchsten künstlerischen Anspruch versehen, erscheint sein Film auf inhaltlicher Basis sicherlich ausbaufähig zu sein, aber mir persönlich gefällt diese radikale Unterordnung hinsichtlich Hauptdarstellerin Delphine Seyrig und der Kunstform an sich. So kann man von einem Beitrag sprechen, der in vielerlei Hinsicht beispiellos geblieben ist. Viele Wendungen und Lobeshymnen eilen diesem Film voraus, doch die richtige Umschreibung ist schwierig zu finden, da man den Eindruck nicht los bekommt, maßlos zu untertreiben. Sexy, phantasievoll oder überdurchschnittlich, das klingt für meinen Geschmack alles entweder zu ordinär oder zu unpassend, was sich aber nur so bedingungslos einschätzen lässt, wenn man sich auf den Film als Einheit einlassen, und sich von diesen betörenden Bildern und Personen hypnotisieren lassen kann. Zu seiner Entstehung wurde dieses Vampir-Märchen hauptsächlich kritisch begutachtet. »Undeutlicher Vampir-Horror, Sex und Sadismus in einem billigen, unzulänglichen, vor Unglaubwürdigkeiten strotzenden Schundfilmchen. Wir raten ab.«, urteilte beispielsweise eine Filmkommission, doch die Produktion hielt sich recht erfolgreich in den Kinos. Die Besetzung ist übersichtlich, aber originell und vor allem überzeugend, doch bei der Leistung einer bestimmten Actrice müsste eigentlich eine neue Wendung erfunden werden.

Die Washington Post urteilte: »Man sollte schon in den Film gehen, nur um Delphine Seyrig zu sehen.« Dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen, denn bei der Beurteilung der Leistung der französischen Schauspielerin ringt man tatsächlich nach Superlativen. Selten habe ich eine derartig betörende Dominanz auf der Leinwand gesehen. Die stets so geheimnisvoll wirkende Delphine Seyrig, Pionierin der Nouvelle Vague, wirkt unglaublich anziehend und sinnlich, andererseits erfährt der Zuschauer aber auch eine nicht zu überwindende Distanz und Abscheu, gekoppelt mit unumgänglicher, gefährlicher Faszination. Ihre Erscheinung ist eine einzige Choreografie, die bis ins kleinste Detail perfekt abgestimmt zu sein scheint, man merkt, wie Seyrig diese Frauenrolle in sich übergehen lässt und sichtlich Freude daran, aber vor allem die Kompetenzen hat, mit Akteuren und Zuschauern zu spielen. So wirkt der Todeskuss der Baronin Báthory wie ein erstrebenswertes Privileg, und quasi wie der Höhepunkt der möglichen Erotik. Delphine Seyrig stellt wirkungsvoll einen Kontrast in sich selbst dar. Die elegante Hülle der Baronin zieht Blicke an wie ein Magnet, ihre Ruhe und Selbstsicherheit offenbart Forderungen an die Objekte ihrer Begierde, ihre abgrundtiefe Perversion ist zwar latent wie ein Phantom vorhanden, doch sie kommt nur äußerst selten zum Ausdruck. Die personifizierte Gefahr in Form von Seyrig führt zu manischen Eindrücken bei Beteiligten und Zuschauern, es ist kaum besser zu lösen und darzustellen!

Für weitere Glaubwürdigkeit der Konstellation und der Geschichte sieht man als Ilona Erotik-Expertin Andrea Rau agieren. Mysteriös in ihrer Erscheinung, mit streng angelegtem Bubikopf, halboffenem Mund, forcierenden Blicken und sparsamer Emotion, wirkt diese Dame nicht minder interessant und anziehend wie ihre Gebieterin, der sie vermutlich in jeder Hinsicht zu dienen hat. Andrea Rau wurde äußerst stark in Szene gesetzt, und zeigt sich nicht nur für diverse erotische Einlagen verantwortlich, sondern sie transportiert in besonderer Weise schwarzen Sarkasmus und letztlich das Vampir-Motiv. Danielle Ouimet schildert eine Art charakterliche Metamorphose und fungiert als Schlüsselfigur in dieser Geschichte. Ihr maskenhaftes Gesicht, in Verbindung mit ihrer attraktiven Erscheinung, das Absterben von Emotionen und eine immer massiver werdende, gefügige Haltung, lassen sie als Objekt der Begierde glaubhaft wirken. John Karlen spielt nach Kräften, geht bei der erdrückend starken weiblichen Konkurrenz zwar keineswegs unter, aber er muss für gute Momente stärker kämpfen und wirkt schließlich stark untergeordnet. Paul Esser macht in seiner kleineren Rolle einen soliden Eindruck. Als er die Baronin nach über vierzig Jahren wieder erkennt, aber seinen Augen nicht trauen kann, kann man die soliden Möglichkeiten des Darstellers erkennen. Er weiß, dass er sich irren muss, doch als er von ihr spontan mit seinem Vornamen genannt wird, entstehen Gänsehaut-Momente. Man kann sich denken, dass er diese Frau schon als junger Mann bewundert hatte, und sie nie wieder vergessen konnte. Ein ungleiches, wenn auch sehr starkes Ensemble bereichert "Blut an den Lippen" also sehr flexibel und angenehm.

Der Film stellt mit seinem isoliert wirkendem, abgewandelten Vampir-Thema ein Schmuckstück in, für damalige Verhältnisse, neuen Dimensionen dar. Alles wirkt abgestimmt, alles wirkt erfrischend, alles wirkt so neu, obwohl hier keineswegs das Rad neu erfunden wurde. Das Leitmotiv ist die Farbe Rot, die man in jedem noch so kleinen Detail wiederfinden kann. Angefangen mit dem blutroten Lippenstift Delphine Seyrigs, oder ihren feuerroten Fingernägeln, ein rotes Kleid, ihr roter Wagen, Farben sind es hier, die Stimmungen eindrucksvoll untermalen und die Aufmerksamkeit forcieren. Viele Szenen wurden mit roten Überblendungen ausgestattet, des Weiteren ist der Schnitt hervorragend, genau wie die bemerkenswerte Musik von François de Roubaix. Das Morbide der Geschichte ist hauptsächlich in den Dialogen zu erkennen, und weniger in den eindringlichen Bildern, der Aspekt Erotik wird durch sinnliche Sex-Szenen unterstrichen, bekommt aber ebenfalls eine vielschichtigere und intensivere Bedeutung in der Dialog-Arbeit. Dass der Film einen gleichen Anfang und ein gleiches Ende präsentiert, symbolisiert die Unsterblichkeit des Bösen sehr geschickt, und nimmt kein Fünkchen Spannung. Es braucht hier schon eine gewisse Wachheit, eine Gewisse Aufmerksamkeit, da der Film primär keine passive Berieselungsstrategie verfolgt. Herkömmliche Elemente sind daher sicherlich auf den Zeitgeist und die Publikumsorientierung zurückzuführen. Mit "Blut an den Lippen" sieht man einem Film voller Symbolik und Metaphorik, voller sinnlicher Momente und Reflexionsansprüchen, und Personen mit einer unmissverständlichen, aber kaum zu deutenden Verwirrungstaktik. Es könnte also nach diesem Film-Erlebnis durchaus passieren, dass man bemerkt, selbst Blut an den Lippen zu haben, weil man sie sich selbst aufgebissen hat. Ein großartiger, weil mutiger und vollendet erscheinender Beitrag, der mit Hilfe einer übermächtig wirkenden Frau, möglicherweise indirekt das eigentlich schwache Geschlecht zu entlarven versucht.

Prisma Offline




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24.02.2013 02:45
#7 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Blut an den Lippen") Zitat · antworten

Prisma Offline




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25.02.2013 21:07
#8 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Der Würger kommt auf leisen Socken") Zitat · antworten



DER WÜRGER KOMMT AUF LEISEN SOCKEN / THE MAD BUTCHER / LO STRANGOLATORE DI VIENNA (1971)

mit Victor Buono, Brad Harris, Franca Polesello, Carl Stearns, Sybil Martin, Hansi Linder und Karin Field





»I'm no longer mad!«


Im Wien der 30er Jahre wird der Metzgermeister Otto Lehman (Victor Buono) aus der Nervenheilanstalt entlassen, in die er seinerzeit von seiner eigenen Frau Hannah (Karin Field) gebracht wurde. Angeblich geheilt von Impulsivitätszuständen und Wahnvorstellungen, zieht der voyeuristisch veranlagte Metzger, zum Unmut seiner Frau von zu Hause aus, da er ihre Nörgeleien nicht länger ertragen kann. Bei einem erneuten Streit dreht Otto eines Tages durch, und erwürgt sie im Affekt. Die Leiche entsorgt er in der eigenen Metzgerei, indem er sie zu Wiener Würstchen verarbeitet. Schnell spricht sich das neue Aroma bei der ohnehin schon zufriedenen Kundschaft herum, so dass der Laden nun richtig anfängt zu brummen. In der Zwischenzeit wird er sogar zum Exklusiv-Lieferanten der ansässigen Polizei, denn er gilt als bester Fleischer in Wien. Das Problem an der Sache ist, dass Lehman neuen Nachschub braucht. Als seine attraktive Nachbarin, die er immer durch das Fenster beim zu Bett gehen beobachtete, schließlich bei ihm um Unterschlupf bittet, tun sich neue Möglichkeiten auf...

Diese deutsch-italienische Co-Produktion von Regisseur Guido Zurli hatte ihre Premiere heute auf den Tag genau vor 41 Jahren. Der verheißungsvolle deutsche Titel leitet allerdings vollkommen, aber auch genüsslich in die Irre, denn anstatt eines Nerven aufreibenden Schreckensstückchens bekommt man eine waschechte Groteske mit dem Hackebeilchen serviert, die auch obendrein noch großen Spaß macht. Es stimmt tatsächlich; zum Fürchten ist hier kaum etwas, aber die Geschichte mit ihren aufgedrehten Personen kann so manchen Lacher provozieren. Ein sehr gelungener Unterhaltungsfilm! Geboten bekommt der Zuschauer eine mal etwas andere Fleischbeschau, die letztlich mit ganz einfachen Mitteln funktioniert, aber von Anfang bis Ende sehr eingängig konstruiert wurde. Im Wien der 30er Jahre spielend, sieht man daher allerhand Sehenswürdigkeiten, viele Szenen wurden außerdem mit Wiener Walzer und charakteristischen Klängen untermalt, in den Sequenzen, in denen Der Würger zuschlägt, schlägt die Musik forcierendere Töne an und erinnert sogar etwas an Riz Ortolanis Score aus "Das Rätsel des silbernen Halbmonds". Die deutsche Synchronisation soll mit ihrem Wiener Dialekt zusätzlich eine besondere Atmosphäre schaffen und für bemerkenswerte Pointen sorgen, die englische Fassung ist dennoch ganz in Ordnung.

Das Epizentrum der Geschichte poltert in Form von Victor Buono durch die wackligen Kulissen, und das alles andere als auf leisen Socken. Er ist der verrückte Metzger, der von seiner Frau in die Anstalt eingewiesen wurde. Buonos Erscheinung sorgt für eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Zunächst nimmt man ihm aufgrund seiner Konstitution schon einmal den Fleischer ab, und eigentlich wirkt er mit seinem gemütlichen Wesen recht unscheinbar, bis zu den Situationen, in denen ihm die Sicherungen durchbrennen. Er wird impulsiv, handgreiflich, aggressiv, setzt seinen ausgeflipptesten Blick auf und wetzt die Messer, so dass ganz beachtliche Momente entstehen. Diesen ersten Ausbruch muss leider seine Frau Hannah, in Form der hochverehrten Karin Field miterleben. Sie gängelt ihn wo sie nur kann, macht Vorwürfe am laufenden Band und wirkt nicht nur auf Otto schrecklich Nerv tötend, bis er ausrastet. Karin Field beweist ihr komödiantisches Talent und wieder einmal eine weitgehend flexible Interpretationsgabe. Ihre Ermordungsszene ist ein besonders starker Moment, mit aufgerissenen Augen und weit heraus gestreckter Zunge. Erwähnenswert ist außerdem, dass die Schauspielerin in einer ihrer wenigen Filme zu sehen ist, in dem sie sich nicht ausziehen durfte, beziehungsweise Alternatives vor der Kamera leisten musste. Insgesamt gesehen, leistet die erweiterte, eher unscheinbar wirkende Besetzung sehr erbauliche Leistungen, die die Geschichte sehr gut unterstützen. Auch Brad Harris findet hier eine sehr angemessene und wohltuende Mischung aus ein bisschen Ernsthaftigkeit und Witz, was wesentlich dosierter als anderswo wirkt.

Es ist gar nicht so direkt möglich, "Der Würger kommt auf leisen Socken" in ein bestimmtes Genre einzuordnen, da man sich hier einem kleinen Rundumschlag hingegeben hatte, was durchaus erfrischend wirkt. Die grotesken Inhalte und die überspitzt agierenden Beteiligten wirken, was immer sie auch tun, sehr stilsicher und können mit feinem Humor überraschen. Die Schockmomente des Films werden beinahe ausschließlich durch die Blume serviert, und werden in der Fantasie der Zuseher weiter gespielt. Man bekommt viel Fleisch geboten, doch wie gesagt sollte man keine falschen Schlüsse dabei ziehen, obwohl Karin Field mit von der Partie ist. Dass die Opfer zu Wiener Würstchen verarbeitet werden und reißenden Absatz finden ist originell, auch den verrückten Metzger bei dieser Arbeit zu beobachten, ruft eher Schmunzeln als Ekel hervor und die Kriminal-Geschichte wirkt schließlich ebenso heiter wie denkwürdig und alles gipfelt dann in einem kleinen, aber überaus gelungenen Showdown. Dass die Story vorhersehbar ist, stört nicht im Geringsten, dass man dem Film sein wohl eher überschaubares Produktionsbudget recht häufig ansieht, vermittelt sogar einen gewissen Charme, die Darsteller sind gut aufgelegt, die Bilder sind stimmungsvoll, und man kann es nicht anders sagen: dieses Filmchen ist sehr gelungen und unterhält von Anfang bis Ende!

Prisma Offline




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27.02.2013 13:38
#9 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Der Würger kommt auf leisen Socken") Zitat · antworten

Prisma Offline




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02.03.2013 00:14
#10 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Im Schloss der blutigen Begierde") Zitat · antworten



IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE / DAS SCHLOSS DER GEHENKTEN (1968)

mit Janine Reynaud, Claudia Butenuth, Michel Lemoine, Elvira Berndorff, Jan Hendriks, Vladimir Medar und Howard Vernon





»Vom Gürtel nieder sind es Kreaturen!«


Während einer Orgie verabredet sich Baron Brack (Michel Lemoine) mit der jungen Elena (Elvira Berndorff) in seinem nahe gelegenen Jagdhaus, um sie sich dort gefügig zu machen. Elenas Schwester Vera (Janine Reynaud) und andere Gäste dieser Party suchen die beiden Vermissten, bis sie schließlich auch fündig werden. Doch die eben missbrauchte Elena flieht, und landet im unheimlichen Schloss des Grafen Saxon (Howard Vernon). Auch die Anderen treffen wenig später dort ein und werden als Gäste aufgenommen. Sie erfahren, dass der Graf vor wenigen Tagen seine Tochter Katharina (Claudia Butenuth) verloren hat, und zu dessen erstaunen sieht ihr Marion (ebenfalls Claudia Butehuth), die Verlobte von Baron Brack, zum Verwechseln ähnlich. Dies bringt den Grafen auf eine teuflische Idee, er will seine tote Tochter wieder zum Leben erwecken. Eine wollüstige Nacht der verbotenen Leidenschaften beginnt, ein Monster trachtet Brack nach dem Leben, jeder ist in Gefahr und das Schicksal nimmt schließlich seinen schrecklichen Lauf...

Bei "Im Schloss der blutigen Begierde" handelt es sich um eine Produktion aus Adrian Hovens berüchtigter Aquila-Schmiede. Eins muss man dem Österreicher und seiner Experimentierfreudigkeit allerdings lassen. Egal, wie die Endprodukte letztlich aussehen mögen, unkonventionelle oder mutigere Beiträge, die stets gut auf den jeweiligen Zeitgeist abgestimmt wirkten und ihrer Zeit sogar manchmal eine Nasenlänge voraus waren, kamen schon häufiger dabei heraus. Über das, was hier allerdings zusammengeschnipselt wurde, lässt sich durchaus streiten. Die Verleih-Werbung griff damals in die Vollen und stellte den potentiellen Zuschauern beispielsweise die Frage nach guten Nerven, und dass man mit dieser Voraussetzung dann in jenem Film auch genau richtig sei. Gute Nerven braucht man phasenweise tatsächlich, allerdings aus diversen anderen Gründen. Bis heute halten sich Gerüchte, dass ein gewisser Herr namens Jess Franco seine Hände hier im Spiel gehabt haben soll, was dieser auf Anfragen jedoch stets leugnete, obwohl sich hier unzählige Parallelen zu seinem unverkennbaren Bearbeitungsstil finden lassen. Regie führte aber Percy G. Parker alias Adrian Hoven, und man sieht seinem Film manchmal schon an, dass er genaue Vorstellungen von zeitgenössischer Unterhaltung hatte, und davon, noch eine ordentliche Schippe draufzulegen. Vielleicht hat er sich ja sogar von Meister Franco inspirieren lassen? Wie dem auch sei, entstanden ist ein angeblicher Horrorfilm, der sich im Verlauf selbst als nicht immer geschmackvoller Sexfilm mit Shakespeare-Zitaten entlarven wird.

Die Besetzung ist ebenso eigenartig wie bezeichnend. Janine Reynaud, die Vulgärste unter den Damen in diesem Szenario (und darüber hinaus auch meiner persönlichen Ansicht nach unter allen Schauspielerinnen überhaupt), liefert ihre übliche laszive Show ab, bei der einem manchmal Hören und Sehen vergehen könnte, und der Appetit obendrein. Die Darbietung der feuerroten Französin könnte man eigentlich als belanglos klassifizieren, wenn sie nicht so geschmacklos und abstoßend wirken würde. Vera verabredet sich als erste mit dem lüsternen Unhold Baron Brack, doch ihre kleine Schwester kommt ihr zuvor. Man wird letztlich den Eindruck nicht los, dass Vera dieses unliebsame Séparée bestimmt besser gefallen hätte als Elena, Brack vermutlich nicht, da sie sicherlich keinen Widerstand geleistet hätte. Janine Reynaud wirkt hier jedenfalls noch mehr aufgeheizt als sonst, was vermutlich daran liegen mag, dass Androgene in der Luft gelegen haben. Bei der endlos erscheinenden Traumsequenz, in der eine Vergewaltigung hemmungslos ausgeschlachtet wird, kommt sie erst richtig auf Touren, am Tisch liebäugelt sie mit Brack, schafft dabei das Kunststück, in jeder der Einstellungen den gleichen Gesichtsausdruck beizubehalten, sie lutscht dabei unästhetisch an einem Knochen herum, der Wein läuft ihr am Kinn herunter und dem Zuschauer vergeht unter Umständen beinahe alles.

Michel Lemoine liefert da Ähnliches, was durch sein plastisch wirkendes Gesicht und seine weit aufgerissenen Augen mit wirrem Blick zusätzlich negativ verstärkt wird. Genau wie Kollegin Reynaud hat man es meines Erachtens bei ihm ebenfalls mit einem Darsteller der untersten Schubladen zu tun. Naja, denkt man an die Geschichte, so muss man sich entsetzt eingestehen, dass man es mit zwei Idealbesetzungen zu tun hat. Elvira Berndorff spielt hier in ihrem ersten und einzigen Film mit. Sie durfte zeigen, was sie außer ihrer Schauspielkunst noch alles unter dem Ensemble zu bieten hatte, wirkt aber wirklich gar nicht einmal so miserabel, wie man vielleicht denken würde. Aber so sahen eben Karrieren unter Adrian Hoven aus. Dem Produzenten des Films Pier A. Caminnecci wurde ebenfalls eine Rolle zugeschustert und er wirkt erstaunlich passabel bei dem, was er zu leisten hatte. Jan Hendriks ist ebenfalls mit von der Partie, und er spielt solide, im Gesamtgeschehen gesehen jedoch überaus unscheinbar. Über ihn sicherte sich Adrian Hoven schließlich seinen persönlichen, obligatorischen Auftritt, denn er synchronisierte Jan Hendriks. Howard Vernon wirkt schon alleine aufgrund seiner Erscheinung, und es sieht wieder einmal so aus, als habe man derartige Rollen ausschließlich für ihn alleine erfunden. Besonders interessant ist der, in einer Doppelrolle angelegte Auftritt von Claudia Butenuth, die ich selten einmal unsicher gesehen habe, hier allerdings schon einigermaßen. Sie musste nicht nur die schwierige Anforderung der zwei Charaktere meistern (ergo: das Tragen einer Perücke und einige lyrisch angemalte Monologe), sondern sie hatte auch die endlos gestreckt wirkende Vergewaltigungssequenz abzuspulen. Im Endeffekt wirken alle Darsteller jedoch unglaublicherweise wie perfekte Besetzungen!

Diese Produktion von 1968 veranschaulicht, temporär gesehen, schon so manche gewagte Szene, die für Aquila-Verhältnisse aber schon wieder fast verhalten wirken. Auch hat "Im Schloss der blutigen Begierde" einige positive Komponenten zu bieten. Zunächst wäre hier die Musik des Niederländers Jerry van Rooyen anzumerken, die wie immer besonders eingängig und gut abgestimmt wirkt, auch die rasante Kamera-Arbeit zeigt zahlreiche Kostproben in den Bereichen Exposition und Einfallsreichtum, immer wieder kommt eine dichte Atmosphäre zum Vorschein und die Ausstattung, die Schauplätze und die schönen Bilder wirken stimmungsvoll. Die kraftvollen Farben stehen jedoch im Kontrast zu einigen farblosen Charakteren, die Dialoge sind eigentlich nur von zweierlei Art, nämlich entweder trivial, oder anzüglich, da halfen auch keine Anflüge von großen Zitaten. Unabhängig von den teils anstrengend wirkenden Inhalten der Traumsequenz, ist diese sehr stilsicher inszeniert worden. Die Story ist äußerst dünn, was die endlos erscheinenden, einkopierten Szenen einer originalen Herz-Operation, die bestimmt nicht Jedermanns Geschmack sein dürfte, aber anatomisch sehr wertvoll ist, deutlich hervorheben. Es dauert fast ewig, bis die Geschichte etwas an Fahrt aufnimmt, und dem Anschein nach ist dann auch alles wieder im Handumdrehen vorbei, Paukenschläge sucht man eigentlich vergeblich, im Gegensatz zu Sex, Nötigung und Ähnlichem. Aber was gibts überhaupt zu diskutieren? Der Titel des Films trifft hier den Nagel schon irgendwie auf den Kopf. Wie gewöhnlich kann ich also sagen, dass mir auch dieser Film trotz diverser Unzulänglichkeiten ganz gut gefällt, weil ich ihn als eigenartig progressiven Beitrag empfunden habe. Objektiv gesehen hat man es natürlich nur mit einem weiteren frag- und denkwürdigem Feuerwerk aus der Aquila-Schnipselküche zu tun. Als Fazit möchte ich daher nur noch ALF zitieren: »Begierde ist eine Zierde!« ;)

Count Villain Offline



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02.03.2013 01:36
#11 RE: Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Der Würger kommt auf leisen Socken") Zitat · antworten

Beim Mad Butcher hat man sich doch bestimmt von Sweeney Todd inspirieren lassen. Oder bei späteren Adaptionen des Stoffes dann auch wieder umgekehrt, falls das schwarzhumorige nicht schon in der mir unbekannten literarischen Vorlage zu finden ist.

Prisma Offline




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03.03.2013 11:39
#12 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Die Nacht in der Evelyn aus dem Grab kam") Zitat · antworten



DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN / LA NOTTE CHE EVELYN USCÌ DALLA TOMBA (1971)

mit Anthony Steffen, Marina Malfatti, Giacomo Rossi-Stuart, Enzo Tarascio, Joan C. Davis, Umberto Raho und Erika Blanc





»Du wirst dich wundern was du für 500 Pfund alles mit mir machen kannst!«


Seit dem Tod seiner Frau Evelyn, kämpft der wohlhabende Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen) mit psychischen Auffälligkeiten. Er steht dermaßen unter dem Zwang seiner verstorbenen Gattin, dass er sich Prostituierte aussucht, die Evelyn ähnlich sehen, um sie schließlich in der Folterkammer seines halb verfallenen Schlosses sadistisch zu quälen, was auch Susie (Erika Blanc) schmerzhaft erfahren muss. Doch befreien kann er sich mit diesen Maßnahmen nicht von ihr, ganz im Gegenteil. So rät ihm sein Psychiater Dr. Timberlane (Giacomo Rossi-Stuart) wieder zu heiraten. Auf einer Party lernt er die attraktive Gladys (Marina Malfatti) kennen, die er innerhalb von kürzester Zeit heiratet. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn es ereignen sich unheimliche Dinge auf dem Schloss, denn Evelyn ist bereits mehrmals erschienen und Alan droht endgültig verrückt zu werden. So beschließt Gladys, die Familiengruft aufzusuchen und macht eine entsetzliche Entdeckung. Der Sarg ist leer und seitdem geschehen bestialische Morde. Ist Eyelyn tatsächlich aus dem Grab gestiegen..?

Es erweist sich als wesentlich schwieriger, diesen Film zu beurteilen, als ihm einfach nur gespannt zu folgen. Diese Produktion von 1971 besteht in isoliert voneinander wirkenden Teilen aus klassischem Giallo, Thriller und Grusel-Horror, trifft jedoch keine eigene Entscheidung, was er schließlich darstellen möchte. Diese Variante sollte vermutlich eine neue Richtung mitgeben, um diesen Film von anderen innerhalb der Gialli-Schwemme abzugrenzen. Gelungen oder nicht? Diese Entscheidung bekommt mal wieder der Zuschauer in Eigenregie aufgetischt, was hier allerdings nicht schlimm ist, denn der Film hat einen enormen Unterhaltungswert, und man sollte sich nicht mit tiefenpsychologischen Überlegungen herumquälen, denn dafür ist "Die Grotte der vergessenen Leichen" viel zu oberflächlich und insgesamt auch viel zu verworren, beziehungsweise in den selteneren Fällen einmal logisch geraten. Der italienische Regisseur Emilio P. Miraglia inszenierte nicht uninteressant, und er schaffte es zunächst einmal, die Aufmerksamkeit von Anfang bis Ende zu forcieren. Dabei heiligt der Zweck zwar alle Mittel, aber man muss den Zusehern ja auch etwas Originelles bieten. "Das neue Lexikon des Horrorfilms" (Lexikon Imprint Verlag) urteilt: »Ein müder Psycho-Thriller, dessen Dramaturgie man schon bald durchschaut.« Dem ist allerdings nur teilweise zuzustimmen. Zwar ist die Vorhersehbarkeit auf einem Silbertablett deutlich präsent, jedoch ganz so müde zeigt sich der Verlauf dann wirklich nicht, denn die Atmosphäre ist streckenweise eine ganz feine.

Anthony Steffen als degenerierter Lord macht eine überzeugende Figur, besonders wenn er seine manischen Anwandlungen bekommt. Dass er sich mit Tortur, Sex, Qual, Folter und schließlich Heirat in ein stabiles, psychisches Gleichgewicht bringen möchte (letzteres soll überdies auf einer angeblich psychologischen Expertise beruhen!), ist gelinde gesagt schwachsinnig. Es wird nicht im Geringsten klar, ob man es lediglich mit einem Perversen zu tun hat, oder doch mit einem Psychopathen. Ihn daher als holprig zusammengebastelte Identifikationsfigur zu präsentieren schlägt vollkommen fehl. Dies gilt aber für nahezu alle Beteiligten der Geschichte, denn es wimmelt von unsympathischen und eigenartigen Gestalten. In darstellerischer Hinsicht löst Steffen seine Aufgabe jedoch gewohnt solide. Marina Malfatti wirkt zwar sicher und überzeugend, verblasst aber leider vollkommen im roten Licht der umwerfenden Italienerin Erika Blanc, die man wie so oft in einer der kleinen, aber wichtigen Hauptrollen sieht. Ohne jeden Zweifel liebte die Kamera dieses atemberaubend schöne Gesicht und alles was dazu gehört sehr. Viele Großaufnahmen, viele, sie in den Fokus rückende Sequenzen, viel Körpereinsatz und wenig Dialog, Erika Blanc ist in ihrer unnahbaren Distanz, obwohl man manchmal glaubt sie berühren zu können, einfach nur wunderbar, sie ist quasi ein Musterbeispiel in Ausstrahlung und Wirkung! Giacomo Rossi-Stuart und Enzo Tarascio erfreuen zusätzlich mit überzeugenden Leistungen, wobei man auch unter ihnen keinen Helden finden wird.

Der Verlauf gibt sich immer wieder trügerisch ruhig, um in eindeutiger Manier aus sich herauszukommen. Peitschen, Würgen, Vergiften, lebendig Begraben und Erschlagen gehören hier zu kleinen ABC im Bereich Effekte, auch ein paar Innereien werden sogar von Füchsen verspeist, das Blut fließt allerdings eher verhalten, so dass man den Nervenkitzel über teils unmotiviertes Handeln, aber auch unheimliche Atmosphäre und Traumsequenzen aufzubauen versuchte. Die Tricks sind von wechselhafter Qualität, aber nicht misslungen, es kommt insgesamt gesehen schon eine eigenartig verwirrende Atmosphäre auf, die dem Szenario einen markanten Schliff gibt. Hervorragend ist die musikalische Arbeit von Bruno Nicolai, auch die Bildgestaltung ist ganz ordentlich geworden, und die Schauplätze mit ihrer Ausstattung sind gar nicht einmal immer herausragend gewesen, haben aber trotzdem etwas Faszinierendes an sich gehabt. Was man ein wenig kritisieren kann, ist, dass der Spannungsaufbau zu einseitig über diffuse Horror- und Grusel-Elemente abläuft, selbst dann, wenn man sie gefühlsmäßig gerade in einem Giallo oder Psycho-Thriller befindet, außerdem wirken die Personen dadurch zu oberflächlich, was die trivialen Dialoge nur noch mehr herausarbeiten. Glücklicherweise kann man aber immer mal wieder Spuren von feinem Humor und Sarkasmus aufspüren. Im Endeffekt weht in "Die Nacht als Evelyn aus dem Grab kam" ein angenehm wirkender, wenn auch nicht immer ganz nachzuvollziehender, frischer Wind und das Konzept der Unterhaltungstaktik geht schließlich auf. Für Freunde der Darsteller und der unterschiedlichen Genres ist also einiges dabei, auch wenn sich die Geschichte nicht restlos zufriedenstellend erschließt. Dennoch sehenswert!

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08.03.2013 21:01
#13 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("Der Fluch der schwarzen Schwestern") Zitat · antworten



DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN / DAS SCHLOSS DER SCHWARZEN HEXEN (1973)

mit Nadia Henkowa, Anke Syring, Nico Wolf, Ulrike Butz, Flavia Keyt, Heidrun Hankammer, Alon D'Armand und Marie Forså





»Du wirst dich meinem Willen beugen!«


Vor mehreren hundert Jahren versetzte eine junge Baronesse die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Sie quälte ihre Opfer zu Tode, nahm Blutbäder und trank dieses außerdem mit Vorliebe. Bevor sie verurteilt und hingerichtet wurde, verfluchte sie die Verantwortlichen und schwor grausame Rache an ihren Nachkommen. Wegen einer Erbschaft führt das Schicksal einige Herrschaften auf Schloss Varga zusammen, die wohl aus dieser Linie der Verfluchten stammen, und genau jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Baronesse in den Körper einer jungen Dienerin einfahren will. In okkulten Messen ruft die Hausdame Wanda Krock (Nadia Henkowa) mit Hilfe der anderen schwarzen Schwestern den Vampir ins Leben zurück. Dr. Julia Malenkow (Anke Syring), eine Expertin für Okkultes und Aberglauben, versucht die Pläne zu vereiteln, doch es ist beinahe schon zu spät. Die Gäste des Schlosses verfallen nach und nach dem Ruf der unersättlichen Baronesse und finden sich schon bald in Orgien und sexuellen Ausschweifungen wieder...

Ein Horrorfilm aus der Schweiz, das bekommt man wohl auch nicht alle Tage zu sehen, wobei man das auch über die krude Umsetzung dieses Streifens sagen muss. Um die Katze also gleich aus dem Sack zu lassen, es handelt sich bei "Der Fluch der schwarzen Schwestern" um nicht mehr und nicht weniger als einen üblen Soft-Porno, dem einige Elemente aus der Hexenküche beigemischt wurden. Joseph W. Sarno, der eine lange Filmografie im Sexfilm-Bereich vorweisen kann, inszenierte dieses Vehikel wohl ausschließlich zu Gunsten einer bestimmten Zielgruppe. In "Das neue Lexikon des Horrorfilms" (Lexikon Imprint Verlag) findet man hierzu eindeutige Worte: »Im Banne okkulter Riten und sexueller Ekstase geschehe dies alles, will und sie Verleihwerbung glauben machen. Sexfilm mit aufgesetzten Horror-Motiven, der seinerzeit nur in den einschlägigen Bahnhofskinos gelaufen ist.« Und es ist wahr, denn hierbei handelt es sich um eine der wenigen Einschätzungen, die meine Zustimmung provoziert. Man könnte mich fragen, warum ich mir Derartiges denn überhaupt ansehe? Es ist ganz einfach und kann meiner Schauspieler-Orientierung zugeschrieben werden, denn die meisten Filme sehe ich mir schließlich nur wegen ihnen an. So auch bei diesem Werk, denn immerhin tauchen zwei Damen aus "Der Mann mir dem Glasauge" in diesem Sumpf aus sexuellen Ausschweifungen und Geilheit auf, und erweisen sich schnellstens als Expertinnen für gewisse (Ein-)Stellungen und Praktiken. So weit, so schlecht, "Sexorgien der schwarzen Hexen" (so lautet übrigens der DVD-Titel), bringt in jeder Beziehung Unglaubliches zu Tage. Nun, ein Film ist vermutlich nur genau so gut oder schlecht wie der eigene Geschmack.

Diese Orgie habe ich mir, womöglich zu meinem eigenen Entsetzen, schon mehrmals angeschaut, und immer nur aus einem Grund: Nadia Henkowa. Die faszinierende Ungarin hat zwar nur eine schmale Filmografie von weniger als zehn Produktionen vorzuweisen, dafür hat sie allerdings auch Edgar Wallace-Erfahrung, von ihren Sexfilm- und Hardcore-Porno-Partizipationen ganz zu schweigen. Man kann es kaum glauben, wenn man sie sich in "Der Mann mit dem Glasauge" vorstellt, im Billard-Club, als eine, durch die Prügelei verängstigte Angestellte, und dann diese Metamorphose hier und vor allem anderswo miterlebt. Aber auch sie ist es hauptsächlich, die dem Titel des Films einen greifbaren Sinn gibt. Die Henkowa ist in dieser Hauptrolle absolut verblüffend, das muss man einfach einmal explizit betonen. Bei Tage erscheint sie als konservativ aussehende Hausdame des Schlosses überaus düster und rätselhaft, und sie wirkt in diffuser Art und Weise recht beängstigend, eine höhere Distanz zum Zuschauer kann kaum aufgebaut werden. Ihre kehlige, dunkle und so glasklare Stimme wirkt verheißungsvoll und könnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wenn dann jedoch die Lichter ausgehen (im Schloss ist ja ohnehin der Strom ausgefallen), sucht sie im Schutze der Dunkelheit abgelegenere Kellergewölbe des Hauses auf, um dort Obszönitäten zu delegieren und mit ihren wilden und gefügigen Jüngerinnen ekstatische, lesbische Sex-Orgien abzuhalten. Hierbei erkennt man sie erstaunlicherweise wirklich kaum wieder. Mit einer Art Kriegsbemalung, die jegliche Textilie wohl zur Überflüssigkeit verbannt hat, wilder Mähne und hypnotischem Blick, ist sie die schamlose Anführerin der Sex-Sklavinnen, die die ahnungslosen Gäste des Schlosses in ihren Träumen heimsuchen und sie zu alternativen nächtlichen Aktivitäten zwingen.

Der Rest der Darsteller ist schneller zusammengefasst, als mir normalerweise lieb ist. Laienhaft wäre tatsächlich schon zu viel gesagt, denn es würde die erbärmlichen Leistungen vieler Schauspieler sonst rechtfertigen. Bleiben wir also kurz und schmerzlos bei: indiskutabel! Anke Syring stattet die zweite weibliche Hauptrolle mit hemmungsloser, oder eher schmerzlicher Unfähigkeit aus, nichts was sie tut oder sagt kann und will man ihr abnehmen. Nico Wolf hätte sich überall wohler als im Film gefühlt, Ulrike Butz bleibt blutleer und lediglich die schöne Schwedin Marie Forså, die damals als spektakuläre Neuentdeckung gehandelt wurde, so dass Sarno weitere Sexfilme mit ihr drehte, kann in Sachen Optik überzeugen. Ja, und da wäre ja noch die Verantwortliche für den damaligen Kauf dieser DVD zu Erwähnen, Heidrun Hankammer. So gut wie in jedem Film spärlich bekleidet, hat sie hier nichts anderes zu tun, als ihre Reize zur Schau zu stellen. Sie hat keine signifikante Beteiligung an der Dialog-Arbeit, sie murmelt nur einige obszöne Phrasen mit den anderen im Chor, und hat schließlich nur einladend auszusehen, sie verlustiert sich mit ihren willigen Gespielinnen, choreografiert vulgäre Bewegungen, lutscht (wie alle anderen Schwestern übrigens auch) beispielsweise an einer Dildo-Kerze herum, und damit war die schwierige Anforderung auch schon gemeistert. Ja, die Produktionsfirma Monarex hatte etwa ein gutes halbes Dutzend exhibitionistisch veranlagter Darstellerinnen aufspüren können, die genretechnisch möglicherweise noch nicht so ganz bereit waren, einen entscheidenden Schritt weiter zu gehen, aber sich zumindest hier bereitwillig im Sinne des Films und der Regie präsentierten. Überhaupt haben alle beteiligten Schauspieler lediglich sehr einseitige, beziehungsweise kurze (sogenannte) Karrieren vorzuweisen.

Gibt es denn eigentlich auch positive Aspekte in dieser strapaziösen Angelegenheit, die unendlich wirkende 103 Minuten vor sich hin plätschert, zu finden? Schon. Nadia Henkowa wurde ja bereits erwähnt, und sie alleine macht den Film etwas interessanter. Sicherlich gibt es auch eine Handvoll gelungener Momente, die in Sachen Atmosphäre und Schauplätzen ins Auge fallen, aber es ist letztlich leider viel zu wenig für eine einigermaßen angemessene Unterhaltung. Die Story ist hauchdünn, ich möchte fast sagen unsichtbar, und darüber hinaus noch äußerst verworren. Der Film besteht daher nur aus hemmungslosen Aneinanderreihungen von Fließband-Sex-Szenen, die in den seltensten Fällen ästhetisch wirken. Ohnehin wirkt das Ganze wie ein Sammelsurium aus Dutzenden, ausgeliehenen Elementen aus diversen Horror-, Vampir- und Sexfilmen, die hinlänglich bekannt sind. Dennoch bleibt "Der Fluch der schwarzen Schwestern" in paradoxer und kaum zu beschreibender Manier als Film in Erinnerung, der nicht viele Vergleiche ins Gedächtnis ruft, was möglicherweise an seinen expliziten Szenenfolgen, der schamlosen Abhandlung und seiner Holzhammer-Methode liegen mag. Es wimmelt also von Langeweile und etlichen Fragezeichen über den Köpfen der Zuschauer, die Musik gibt von nervtötend bis sehr gelungen alles her, die paraphrasierenden Dialoge sind kaum zu unterbieten, und diese Liste wäre beliebig und endlos fortzusetzen. Naja, vermutlich ist der Film für meinen eigenartigen Geschmack in Ordnung gewesen, denn ich schätze ihn trotz aller Minderleistungen und Patzer als nicht vollkommen uninteressant ein, aber für die Allgemeinheit ist wohl folgende Einschätzung eher aussagekräftig: Prädikat: "besonders wertlos";)

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10.03.2013 11:27
#14 Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ('The Fog') Zitat · antworten



THE FOG - NEBEL DES GRAUENS (1980)

mit Adrienne Barbeau, Jamie Lee Curtis, Tom Atkins, John Houseman, Hal Holbrook und Janet Leigh





»Wie kann Jemand ertrinken, ohne mit Wasser in Berührung zu kommen?«


Dem kalifornischen Antonio Bay steht der 100. Jahrestag bevor. Doch das Städtchen hütet ein ebenso altes Geheimnis, denn man baute Antonio Bay mit der Hilfe von gestohlenem Gold, das sechs Verschwörer von einem Schiff erbeuteten, welches sie im dichten Nebel anlockten, und auf das Riff auflaufen ließen. Der Tag der Rache ist nun gekommen, und die vor hundert Jahren verunglückten Seeleute fordern nicht nur ihr Gold zurück, sondern sie dürsten vor allem nach blutiger Vergeltung. Ab Mitternacht kommt eine dichte Nebelbank auf Antonio Bay zu, und es geschehen merkwürdige Dinge. Auch ein Fischerboot wird vom Nebel umschlossen, aus dem plötzlich ein unheimliches Geisterschiff auftaucht, und die Besatzung muss die entsetzliche Bekanntschaft mit den damals ertrunkenen Seeleuten machen. Am nächsten Tag breitet sich der leuchtende Nebel über die Stadt aus und fordert weitere Opfer. Die Radiomoderatorin Stevie Wayne (Adrienne Barbeau), die ihr Studio in einem Leuchtturm hat, und das schnelle Ausbreiten des Nebels beobachten kann, warnt die Bewohner in ihrer Sendung, so dass eine Gruppe von Leuten sich in die Kirche von Pater Malone (Hal Holbrook) retten kann. Doch die blutrünstigen Rächer machen auch vor einem Gotteshaus nicht Halt...

Nach diversen umstrittenen Beiträgen ist es an der Zeit, einen wirklichen Klassiker zu besprechen. Bei John Carpenters "Nebel des Grauens" handelt es sich in der Tat um ein Meisterwerk des Horrorfilms, das sich in nahezu allen Bereichen auf allerhöchstem Niveau präsentiert. In der Horror-Welt haben Angst und Entsetzen ja wirklich unzählige Gesichter, und hier sollten es eben ertrunkene Rächer sein, was im Endeffekt gar keine so neue Erfindung darstellt. Aber es ist nicht die Geschichte an sich, die hier überdurchschnittlich wäre, sondern die außerordentliche, handwerklich perfekte Umsetzung, die den Film charakterisiert. Carpenter selbst merkte an: »Botschaften haben in meinen Filmen keinen Platz. Meine Vorstellung vom Kino ist einzig dessen Unterhaltungswert.« Ein einfach klingendes Konzept, an dem allerdings auch schon unzählige seiner Kollegen gescheitert sind. In diesem Film wird man keine Patzer finden, und man reihte sich sogar ganz offensichtlich in den Mainstream-Bereich ein, um die Konkurrenz aber innerhalb der Umsetzung deutlich in die Schranken zu weisen. Sich dem Mainstream hinzugeben hat in der heutigen Zeit direkt etwas Exotisches, da letztlich jeder versucht, das Rad neu zu erfinden. Der Film ist visuell beeindruckend, aber vor allem darf er im akustischen Bereich wirklich nach seines Gleichen suchen, denn es ist Hochspannung und Nervenkitzel angesagt. Der große Vorzug bleibt, dass das Grauen über lange Strecken spekulativ bleibt, und die Fantasie sehr ungemütlich anspricht und fordert.

Die Besetzung ist zwar blendend, bleibt dem Thema allerdings strikt untergeordnet. Die Charaktere wirken daher recht einheitlich, lenken beispielsweise aber auch nicht durch unnötige Selbstinszenierungen vom eigentlichen Thema ab. Adrienne Barbeau, damals mit John Carpenter verheiratet, ist die sympathische Stimme der Nacht, die Antonio Bay allabendlich begleitet. Über ihre sympathische Stevie Wayne wird ein Großteil der Spannung aufgebaut, da sie über das Radio vor dem unheimlichen Nebel warnt, bis sie selbst attackiert wird. Jamie Lee Curtis wird von Tom Atkins als Anhalterin aufgelesen und eines kommt zum anderen. "Psycho"-Ikone Janet Leigh bleibt außer einigen netten Dialogen recht unscheinbar, jedoch wurden die verschiedenen Personen hervorragend in die Geschichte integriert und werden sich aus unterschiedlichsten Gründen später zum packenden Showdown treffen. Carpenter legt insgesamt beinahe keinen Wert auf charakterliche Differenzierungen oder Tiefe der Protagonisten, was schließlich dem Film sehr zu Gute kommt, und die Konzentration auf diesen deutlich forciert. So bekommt man auch den Eindruck, dass es die Nachkömmlinge der Schuldigen von einst jederzeit erwischen könnte, oder sogar müsste, da sie ihre zu Schuld bezahlen haben. Das Raffinierte an der Geschichte ist schließlich, dass über die nicht gerade mit Feuer erfüllten Personen ein Zwiespalt für den Zuschauer aufgebaut wird, da die Frage zwischen Recht und Schuld im Raum steht. Die blutrünstigen Wesen aus dem Nebel haben eigentlich das Recht auf Rache, aber wer sympathisiert schon mit einer Reihe von Untoten, die darüber hinaus nicht mehr ganz frisch aussehen? Charakterlich jedenfalls wurde kein Gegengewicht aufgebaut, keine höhere Instanz wird wirklich angesprochen, und man darf es sagen wie es ist: Entstanden ist Horror pur!

Inszenatorisch hat man es also mit eineinhalb Sternstunden zu tun. Der Plot ist von Anfang bis Ende logisch und nachvollziehbar aufgebaut, obwohl man es im Endeffekt nur mit einem Märchen zu tun hat. Schon der Einstieg mit dem alten Seemann, der einer Gruppe gespannter Kinder die Geschichte wie Seemannsgarn erzählt, hat ein unheimliches Flair, langsam aber sicher merkt der Zuschauer, dass die Angst überall lauern kann und schon bald auftauchen wird. Die Hauptrolle im Film spielt der leuchtende Nebel, der sich langsam aber zielstrebig in der Ortschaft verteilt. Elektrische Geräte spielen verrückt, Autos fangen an zu hupen, Lichter gehen aus, Erschütterungen sind zu spüren, Zifferblätter zerspringen, man hört unheimliches Klopfen an Türen, etc. Hierbei ist es hauptsächlich die Akustik, die dem Zuschauer die Nerven zerreißt. Stereotype, sich permanent wiederholende Aneinanderreihungen von metallisch wirkenden Tönen, machen die Hetzjagd beinahe unerträglich. Nichts im Bilde wirkt jedoch hektisch, sondern genau wie der "Nebel des Grauens" fließend, und doch weiß man, dass die Klabautermänner ihr Ziel erreichen werden. Übliche Effekte runden das Gesamtbild schließlich erstaunlich gut ab, und es ist daher nicht anders zu beschreiben, dass man es mit einem Meilenstein des Horror-Kinos zu tun hat, der Spannungszustände schürt, und die Ängste der Zuschauer hemmungslos anspricht. Bei 'The Fog' hat man es also mit Horror im klassischsten Sinne zu tun, der sich auf wesentliche Komponenten konzentriert, und keine Ablenkungsmanöver in Form von überspitzten Ekel-Effekten nötig hat. Ich habe ja auch schon viel gesehen und es gibt wirklich nicht viele Filme von denen ich folgendes sagen kann, aber "Nebel des Grauens" ist ein Erlebnis, dass mich nicht nur jedes Mal aufs Neue fasziniert, sondern vor allem immer und immer wieder, hauptsächlich der Akustik wegen, beunruhigt.

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10.03.2013 15:46
#15 RE: Das Spiel mit der Angst - Horror- und Gruselfilme ("The Fog") Zitat · antworten

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