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Dieses Thema hat 67 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Stroheim Offline




Beiträge: 154

15.09.2013 14:03
#31 Klassische Gruselfilme Zitat · antworten

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In meiner Vorstellung oben von 'The Changeling' / 'Das Grauen' aus dem Jahr 1980 ist mir ein Fehler unterlaufen:


Ich habe mich hier auf die Händler- und Herstellerangaben auf dem Backcover meiner US-DVD verlassen. Die dort angegebene Laufzeit von 115 Minuten ist jedoch falsch.Tatsächlich läuft der Film nur 106 Minuten in der NTSC-Fassung – entsprechend rund 102 Minuten im europäischen PAL-Format.


Die deutsche FSK 16-DVD in der Kinowelt Edition ist also ungekürzt und besitzt zudem mehrere Tonspuren, kann also vorbehaltlos zum Kauf empfohlen werden:

http://www.heise.de/preisvergleich/eu/da...ing-a36689.html




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Prisma Offline




Beiträge: 7.466

10.11.2013 23:52
#32 Das Spiel mit der Angst - Horror - und Gruselfilme ("Magdalena - Vom Teufel besessen") Zitat · antworten



MAGDALENA - VOM TEUFEL BESESSEN (1974)

Dagmar Hedrich als Magdalena
mit Werner Bruhns, Michael Hinz, Elisabeth Volkmann, Eva Kinsky, Karl Walter Diess, Peter Martin Urtel, Sascha Hehn und Rudolf Schündler
eine Produktion der TV 13 im Verleih der Constantin Film
ein Film von Walter Boos



»Ich möchte kommunizieren!«


Die junge Magdalena (Dagmar Hedrich) lebt in einem Mädchenheim, da sie ihre Eltern bereits im Kindesalter verlor. Sie gilt als gewissenhaft, hilfsbereit und freundlich, bis zu dem Tag, an dem ihr Großvater durch rätselhafte Umstände ums Leben kam. Eines Morgens wird er von einer Prostituierten am Tor ihres Hauses gefunden, ermordet und gekreuzigt. Magdalena ist von nun an wie ausgewechselt, und sie fällt durch hysterische Anfälle, obszönes Verhalten und vulgäre Sprache auf. Die Heimleitung Frau Stolz (Elisabeth Volkmann) weiß sich keinen Rat mehr und ordnet eine ärztliche Behandlung an. Als Magdalena erneut ausrastet, zu allem Überfluss in der Kirche bei ihrem Bekannten, Pfarrer Conrad (Rudolf Schündler), zieht man den Psychoanalytiker Professor Falk (Werner Bruhns) zu Rate, der Magdalena in seinem Haus aufnimmt, um sie mit seinem Assistenten Doktor Scholz (Michael Hinz) zu beobachten. Doch beide ahnen noch nicht, dass sie sich von nun an in großer Gefahr befinden. Ist Magdalena tatsächlich von einem Dämon besessen..?

Unter seinem Pseudonym Michael Walter, schickte Regisseur Walter Boos dieses eigenwillige Feuerwerk, ganz im Fahrwasser des Exorzisten-Hype ins Rennen, und man kann vernehmen, dass der Film wirtschaftlich sogar sehr erfolgreich gewesen sein soll. Eine derartige Interpretation aus deutschen Landen wirkt für meine Begriffe nahezu beispiellos, nicht einmal der Thematik, sondern vor allem der Exposition wegen. Das Publikum wird mit einem Fließband an verbalen Obszönitäten und eindeutigen Posen konfrontiert, und der geneigte Zuschauer hat dabei tatsächlich einen dämonischen Spaß! Beim erstmaligen Ansehen fragte ich mich häufiger einmal, ob ich eigentlich richtig gehört habe, wenn Magdalena mit ihrem scharfzüngigen Gossenton aufwarten durfte. Ja, man hört und sieht stets richtig, und ohne falsche Bescheidenheit kann ich zugeben, wie amüsant das Alles wirkt, selbst bei jeder erneuten Sichtung. Das Ufa-Tape muss deswegen immer sehr schwer leiden, wenn bestimmte Szenen im halben oder vollen Dutzend zurückgespult werden. Ist das unfreiwillige Komik? Wenn ja, hat sie durchaus etwas für sich und findet meine volle Begeisterung. Handwerklich gesehen, bewegt sich die Inszenierung hauptsächlich auf TV-Niveau, was ihr schließlich ganz gut steht, da sich der komplette Film erst gar nicht als Exorzisten-Drama anbiedern möchte, sondern sich auf seine Weise, als Unterhaltungsreißer oder kleiner Horrorfilm mit beigemischter Sex-Würze präsentieren möchte. Abklatsch von großen Vorbildern ist nämlich so lange nicht schlimm, wenn diese Versuche auch einigermaßen gelungen sind.

Laiendarstellerin Dagmar Hedrich soll angeblich 1967 ihren ersten, also vorletzten Film gedreht haben, was ich aufgrund der Aussage im Vorspann (erstmalig auf der Leinwand) bezweifle. Eher ist davon auszugehen, dass sie sich nach dieser Strapaze zur Ruhe gesetzt hat. Ihre Vorzüge liegen nicht etwa in ihrem Schauspiel, welches man offen gesagt eher als einfältig betrachten darf, sondern in ihren choreografischen Fähigkeiten und ihren konstitutionellen Vorzügen, mit denen sie durchaus Aufsehen erregen kann. Wenn sie dann plötzlich loslegt (und in diesem Film braucht man nur etwa zehn Minuten darauf zu warten), wirkt sie jedoch auf eine seltsame Art und Weise überzeugend. Ihre Zustände der Besessenheit wirken beachtlich und ihre verbalen Entgleisungen spektakulär. Als sie sich erst- aber nicht letztmalig die Kleider vom Leib reißt, brüllt sie beispielsweise die Heimleiterinnen mit: »Ihr Nutten!« an, wobei es sich dabei allerdings noch um gewählteres Vokabular handelt, nachdem sie zuvor ganz schamlos ihre Kopulationsgelüste formuliert hatte. Bei Pfarrer Conrad bringt sie einen Satz, der mir vor Lachen immer wieder Tränen in die Augen treibt: »Ich möchte kommunizieren. Aber nichts in den Mund, sondern unten rein in die *****!« (naja, den Rest kann man sich ja denken, und diese überdeutlichen Anspielungen hört man nicht zum letzten Mal), und wie schon zuvor bei Eva Kinsky, glaubt man nach diesem Satz bei Rudolf Schündler genau die gleiche Empörung zu sehen, die gar nicht einmal gespielt wirkt. Sagenhaft dieses Titelmädchen, welches insgesamt wegen der mangelnden Präsenz der anderen Darsteller doch gar nicht so schlecht wegkommt, wie auf die ersten Blicke befürchtet. Die Riege der mitunter bekannten Schauspieler wirkt nicht nur Dagmar Hedrich, sondern auch dem Gesamtgeschehen komplett untergeordnet, so dass man keine bahnbrechenden Interpretationen herausfiltern kann.

Mit "Magdalena - Vom Teufel besessen" sieht man einen Film, der sich nicht nur als Bediensteter im Rahmen der Exorzisten-Welle sieht, sondern er tut vor allem auch seinen Frondienst hinsichtlich der florierenden Sex-Welle. Mit der Zeit kamen dabei viele Konglomerate heraus, die belanglos oder uninteressant waren und blieben, jedoch ist dieser Film von Walter Boos bestimmt nicht dazuzuzählen, weil es sich für meine Begriffe einfach um eine zu extravagante, mit neuen Impulsen angereicherte Interpretation handelt. Zwar wirkt der Plot viel zu inkonsequent in seiner Ausarbeitung, beinahe jeder Handlungsstrang im parallelen Verlauf wird zur Nebensächlichkeit, und die reißerischen Elemente setzen gerne einmal zum Überholmanöver an, aber - ich kann es nicht anders behaupten - es macht Spaß sich diesen Film (vor allem auch mehrmals) anzuschauen, denn Langeweile und Leerlauf bleiben hier Fremdwörter, naja, genau wie eben die Logik auch. Die Idee, ein dämonisches Wesen mit Rachegelüsten zu integrieren, welches sich zum Verwirklichen seiner Ziele eine weltliche Sex-Sklavin auserkoren hat, ist jedenfalls alles andere als herkömmlich. Der Verlauf jedenfalls forciert von Anfang bis (beinahe) Ende die Aufmerksamkeit des Zuschauers, angefangen mit dem Ermordeten, der gekreuzigt wurde, über die schamlose Achterbahnfahrt der Titelheldin, bis hin zum kleinen Finale, das an Aufklärung zwar interessiert erscheint, aber vollkommen wirr und diffus bleibt, von den fragwürdigen medizinischen (sogenannten) Expertisen mal ganz abgesehen. Auch das Tauziehen zwischen Schulmedizin und Kirche wirkt ziemlich selbstgefällig. Vor allem empfiehlt sich dieser Film im akustischen Bereich, und diese Sequenzen wirken schon beunruhigend, visuell gesehen gibt es auch einige Nettigkeiten (Möbel rücken von selbst hin und her, Gegenstände schweben), und ein paar annehmbare Tricks lassen sich auch noch aufspüren. Also mich hat dieses eigentümliche Filmchen noch jedes Mal sehr schön unterhalten und amüsieren können!

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

25.01.2014 16:11
#33 Das Spiel mit der Angst - "Malabimba" Zitat · antworten



MALABIMBA - KOMM UND MACHS MIT MIR (1979)

mit Katell Laennec, Patrizia Webley, Enzo Fisichella, Giuseppe Marrocu, Elisa Mainardi, Pupita Lea und Maria Angela Giordan
eine Produktion der Filmarte
ein Film von Andrea Bianchi





»Heute Abend bin ich käuflich. Was bietest du?«


In der gut situierten Familie von Andrea Caroli (Enzo Fisichella) widmet man sich einem ausgefallenen Zeitvertreib. Bei einer Séance in ihrem Schloss wird fatalerweise ein böser Dämon gerufen, der unmittelbar darauf folgend Besitz von Andreas Tochter (Katell Laennec) ergreift. Schon bald fällt das junge Mädchen durch ihre obszöne Sprache und diverse Anzüglichkeiten auf, auch ihr Hunger nach Sex wächst ins Unermessliche, was die Herrschaften im Schloss untereinander nur anzuheizen scheint. Zunächst nimmt man die Situation wenig ernst, da man von altersentsprechenden Verwirrungen ausgeht, doch die Situation spitzt sich zu und schon bald hat man den ersten Toten zu beklagen. Schwester Sofia (Maria Angela Giordan), die sich im Hause um den erkrankten Onkel kümmerte, scheint die einzige zu sein, die die Brisanz der Lage zu erkennen scheint. Mit ihrem Glauben will sie den bösen Dämon vertreiben...

"Malabimba" habe ich mit großer Spannung erwartet und daher auch hastig verschlungen. Bei Andrea Bianchis Film handelte es sich für mich quasi um einen eher unsicheren Beitrag, da die verlässliche Bank in Form einer verlockenden Besetzungsliste hier augenscheinlich fehle. So sah es zumindest aus. Doch plötzlich standen dann einige gute alte, nackte Bekannte da, die hier mit ihrer Überzeugungskraft keineswegs sparsam umgehen. Der Einstieg ist mit der völlig überspitzt dargestellten Séance durch das weibliche Medium sorgt schon für Aufmerksamkeit pur, auch wenn die Befürchtung nahe liegt, dass es viele Elemente zu sehen geben wird, die einem Genre-Aufguss gleich kommen. Glücklicherweise schlägt "Malabimba" dann doch einige alternative Wege ein, die nicht unbedingt alltäglich wirken und diesem Beitrag zumindest ein empfunden-eigenständiges Grundgerüst geben. Zusätzlich weiß der Film durchaus eine wenig greifbare und seltsame Atmosphäre zu verteilen, und wenn es dann bereits nach kürzester Zeit richtig losgeht, ist man schnellstens in seinem Element. Bei derartigen Beiträgen erwarte ich persönlich die Finessen der Dialoge stets mit Hochspannung. Finessen ist dabei natürlich gleichbedeutend mit diversen Griffen in die unteren Schubladen des Sprachgebrauchs und die obszöneren Wendungen aus dem Gossenton-Duden und man kann schon sagen, dass man die Ohren hier ordentlich spitzen darf. Neben all dem noch auftauchenden Lustgeschrei, wird der Anfang dabei mit folgendem Zitat gemacht: »In meinem Alter hast du auch schon mit den Freunden deines Vaters gebumst, nicht wahr Großmutter? Stimmt doch alte Schlampe!« Und just in dieser Manier geht es dann abwechselnd neben allerhand Sex-Szenen auch weiter. Die Inszenierung hält (nicht zuletzt wegen des eleganten Settings, den stimmungsvollen Schauplätzen und der hervorragenden Musik), konträr dazu einige sehr dichte Momente bereit, die dem augenscheinlich untergeordneten Besessenheits-Thema ein aussagekräftiges Gesicht geben.

Die Hauptrolle wurde mit der schönen Katell Laennec nahezu atemberaubend besetzt. Als des Dämons sekundäres Objekt der Begierde mit primärem Einsatz, verfällt sie mitunter in Zustände, die zu fesseln wissen. Dabei ist der Typ Katell Laennec prädestiniert gewesen für diese Rolle: Unschuldig aussehend, nichtsahnend, sympathisch, mit makellosem Körper ausgestattet und beeindruckender Exzessivität, liefert sie die nötige Glaubwürdigkeit für das reihenweise Verfallen etlicher Beteiligter. Eine besondere Performance bekommt man dazu noch von der vulgär, und in diesem Fall daher anziehend wirkenden Patrizia Webley geboten, deren erste Nacktszene bei der anfänglichen Séance ein echter Knüller bleiben wird. Überhaupt liefert das gesamte Ensemble durchgehend gute Leistungen, vor allem aber Maria Angela Giordan als Schwester Sofia arbeitet das eigentliche Thema neben Partnerin Laennec immer wieder sicher heraus. Insgesamt zeigt sich eigentlich das alte Spiel zwischen Gut und Böse, was bei Bianchis Bearbeitung jedoch fast schon wieder exotisch wirkt. Der Dämon sucht sich zielstrebig sein Opfer aus, da er vom Guten wie magisch angezogen zu sein scheint. Natürlich sieht man überaus deutliche Parallelen zu anderen Horror-Klassikern, was sich hier insbesondere im Finale offenbart, aber dennoch ist "Malabimba" nicht nur ein langweiliger Horror-Sex-Mischmasch geworden, dazu ist er zu dynamisch, spannend und provokant. Die in kurzen Intervallen integrierten HC-Szenen hätte der Film insgesamt bei Weitem gar nicht nötig gehabt, auch die offensiven Inzest-Angebote der Szenerie sind nicht gerade geschmackvoll, aber dem Thema schließlich doch dienlich. Auf einschlägige Ekel-Effekte aus der Horror-Küche hat man in diesem Film verwunderlicherweise komplett verzichtet, was sich als großer Vorteil erweisen wird. Der Wechsel zwischen Eleganz und Vulgarität, Ästhetik und Frivolität gestaltet den Verlauf im Rahmen dunkler Familienbande als sehr abwechslungsreich. Eine gelungene Veröffentlichung eines recht beindruckenden Films!

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

01.03.2014 13:41
#34 Das Spiel mit der Angst - "Und erlöse uns nicht von dem Bösen" Zitat · antworten



UND ERLÖSE UNS NICHT VON DEM BÖSEN / MAIS NE NOUS DÉLIVREZ PAS DU MAL (1971)

mit Jeanne Goupil und Catherine Wagener
Bernard Dhéran, Gérard Darrieu, Marc Dudicourt, Véronique Silver, Jean-Pierre Helbert und Michel Robin
eine Produktion der Société Générale de Production | Productions Tanit
ein Film von Joël Séria





»Zu sündigen ist inzwischen unsere Hauptbeschäftigung!«


Die beiden 14jährigen Klosterschülerinnen Anne und Lore interessieren sich nicht sonderlich für das, was Mädchen ihres Alters normalerweise so umtreibt. Statt sich mit so profanen Dingen wie Jungs abzugeben, lesen sie nachts lieber heimlich unter der Bettdecke die Werke von Lautréamont und Baudelaire und huldigen, ganz dem verführerischen Reiz des Verbotenen erlegen, ihrer einzig wahren Liebe, dem Teufel. Angefacht von ihrer Leidenschaft für das Böse und dem Plan, ihrem Liebsten zu imponieren, um sich ihm bei einem Hochzeitsritual vollends hingeben zu können, beginnen die beiden in den Sommerferien, den Männern aus ihrem Dorf gemeine Streiche zu spielen. Was als Spiel aus Verführung und Demütigung beginnt, gerät aber zusehends außer Kontrolle... [Zitat: "Und erlöse uns nicht von dem Bösen", erschienen bei BILDSTÖRUNG]

Der sehr stimmungsvoll klingende Titel des Films war Anreiz genug, ihn mir zuzulegen, da mich von darstellereischer Seite eher mit unbekannten Gesichtern konfrontiert sah, und um es direkt zu betonen; dieser Beitrag ist einer der beachtlichsten, die ich auf das Genre reduziert, in den letzten Jahren zu sehen bekam! Zunächst zeigt sich die Handhabe der Regie, im Rahmen bestehender Konventionen als sehr progressiv im Veranschaulichen der Thematik, und es wird schnell deutlich, dass sich dieser Film sehr stark von der Konkurrenz abheben wird. Die optisch unschuldig anmutenden Protagonistinnen Anne und Lore wirken in ihrer Unberechenbarkeit teils beängstigend, und bedienen ein einfaches Prinzip erstaunlich sicher und überzeugend, ja, etwa nach dem Motto, was passieren könnte, falls man einem Schimpansen eine Pistole in die Hand drückt. Dieser, im übertragenen Sinne angeführte Vergleich, bezieht sich natürlich auf die Unberechenbarkeit, sowie Ursache und Wirkung, da die Regie zwar offensichtlich und gerne auch lauthals, aber äußerst clever mit Institutionen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abrechnet, so dass unterm Strich kein sensationslüsterner Film zurückbleibt. Das perfide an der gesamten Inszenierung sind und bleiben die beiden Protagonistinnen. Als Zuschauer findet man sich nämlich ebenfalls in einem Wechselbad aus Faszination und Abscheu wieder, und es ist oft schwer zu ordnen, was die beiden Mädchen alles so treiben. Die allgemeine Provokation beschwört nicht nur bei den Beteiligten eindeutige Reaktionen, sondern dem Zuseher geht es ebenso. Verwirrung stiften Anne und Lore durch ihr unscheinbares Aussehen. Bei 14jägrigen Klosterschülerinnen, die zwischen Unschuld und Laszivität hin- und herpendeln, fühlt man sich irgendwie ertappt, gerade weil man ihnen zuschaut. Allerdings waren die Hauptdarstellerinnen damals bereits 21, beziehungsweise 20 Jahre alt, was nur noch mehr Zustimmung in Richtung dieser unmöglich perfiden Inszenierung bringt. In Krimis wird man von Seiten der Regie beispielsweise gerne zum Komplizen gemacht, hier möchte Joël Séria den Zuschauer verführen, und ihn originellerweise quasi selbst zum "Sünder" werden lassen, was gleichzeitig bedeutet, dass es bei diesem Stoff keine hohe Distanz zu finden gibt, obwohl er aufgrund fehlender Exposition keineswegs distanzlos, oder besser gesagt aufdringlich wirkt.





Anne und Lore stammen beide aus sehr betuchten Verhältnissen. Damit brauchbare und gottesfürchtige Ehefrauen aus ihnen werden, schickte man sie auf eine Klosterschule. Dabei springen ihre eigenen Mütter als Prototypen der Frau mit einer Art ins Auge, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Kultiviert, brav und langweilig. Wenige Szenen im Kloster erinnern an einschlägig bekannte Abhandlungen in diversen anderen Filmen, lediglich ein zaghafter Blick durchs Schlüsselloch, wo man eine Schwester mit einer Novizin beim leichten Vorspiel sehen kann, doch die Warnungen vor der gefährlichen Fleischeslust und die erhobenen Zeigefinger der Moral schweben allgegenwärtig wie schwarze Schatten umher. Bei der Predigt stellt sich Anne den Pfarrer halb nackt vor, der dabei von der Kanzel herab am Fluchen ist, als sei er besessen, oder bei der Beichte spielt sich in ihrer Vorstellung der Anfang einer sexuellen Handlung mit ihrem Beichtvater ab. Auch wenn das nach wenig aussieht, aber immerhin spielt sich alles Weitere in den Gedanken der Zuschauer ab. Immer wieder wird die unbändige Lust nach Brutalität und Vandalismus gezeigt, beispielsweise das Quälen einer jungen Katze oder das Töten von kleinen Vögeln, und dieser Verlauf nimmt seelenruhig und beinahe unbemerkt aggressivere Formen an. Die Mädchen suchen sich erwachsene Männer aus, die sie anspitzen indem sie sich ihnen anbieten, und sich wie erwachsene Frauen aufführen, oder wahlweise wie Prostituierte. Doch nur aus Büchern und der Fantasie lässt es sich eben nicht kopieren oder erlernen, so dass man andere Seiten der Herren kennen lernen muss, was in einigen Fast-Vergewaltigungen gipfelt, bis auch schon der kleine Showdown kommt, den man tatsächlich erahnt hat, weil die logische Konsequenz so unausweichlich erscheint. Wie eine solche dann schließlich aussehen kann, bekommt man schließlich im großen Finale mit einem ungeheuren Schock offeriert. Handwerklich gesehen, bewegt sich "Mais ne nous délivrez pas du mal" auf aller höchstem Niveau, und besticht durch elegante Settings und Details, atmosphärisch dichte Bilder und einer feierlich klingenden Musik von Dominique Ney, die den Film trügerisch-idyllisch, aber auch verheißungsvoll begleitet, und den Titel untermauert. Die teils bizarren Dialoge versetzen in Staunen, und dieser Beitrag von Joël Séria ist schon ein grotesker, schmutziger, und schließlich kleiner Geheimtipp geworden. Beachtlich!

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

21.09.2014 14:10
#35 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Geisterhaus" Zitat · antworten



DAS GEISTERHAUS / THE HOUSE THAT WOULD NOT DIE (1970) [TV]

mit Barbara Stanwyck, Richard Egan, Michael Anderson Jr., Doreen Lang, Mabel Albertson und Kitty Winn
eine Produktion der Aaron Spelling Productions | für ABC
ein Film von John Llewellyn Moxey





»Ich glaube wir sollten in diesem Haus doch keine spiritistische Sitzung abhalten!«


Ruth Bennett (Barbara Stanwyck) erbt ein im 18. Jahrhundert erbautes Haus, das sie mit ihrer jungen Nichte Sara (Kitty Winn) bezieht. Die anfängliche Begeisterung über das gemütlich wirkende Ambiente und die ruhige Lage schlägt jedoch schnell um, da sich eigenartige Dinge dort abspielen, die nicht logisch zu erklären sind. Die Gerüchte die in der Stadt umgehen, scheinen sich zu bestätigen, denn es scheint dort tatsächlich zu spuken. Als man dort mit einigen Nachbarn eine Séance abhält, fällt Sara unmittelbar danach durch drastische Verhaltensweisen auf und kann sich bereits im nächsten Moment an nichts mehr erinnern. Ist sie von einem Dämon besessen? Nach einiger Zeit kommt man dem dunklen Geheimnis des Hauses auf die Schliche, das mit einer weit zurück liegenden Tragödie zusammenhängt...

»Die Heizung funktioniert, erfrieren werden wir nicht.« Das bestimmt nicht, denkt man sich als Zuschauer, denn es werden vermutlich weitaus grauenvollere Dinge auf die neuen Bewohner dieser vier Wände zukommen. Die anfängliche Begeisterung über das schöne Interieur und das Ambiente werden von den zwei neuen Bewohnerinnen zwar anfangs euphorisch in den Fokus gerückt, jedoch mag sich dieses Gefühl nicht im Entferntesten auf den skeptischen Zuschauer übertragen, was gleich eine der besonderen Stärken dieses Films ausmacht. Er lebt im besonderen Maße von seiner beklemmenden und mysteriösen Atmosphäre, die teilweise so dicht wird, dass sie quasi alle Beteiligten im Würgegriff hält. Dementsprechend geschieht der Einstieg auch ziemlich schnell und man befindet sich mit Hilfe einiger bewährter Griffe unmittelbar im Geschehen. Die erste Nacht ist bereits durchzogen mit beunruhigenden Geräuschen, Schritten und Stimmen, Miss Stanwyck findet sich in einem bizarren Traum wieder und die Nacht wird plötzlich von einem entsetzlichen Schrei zum Tag gemacht. Klassische Stilmittel und ein straffer Spannungsaufbau sorgen für permanente Aufmerksamkeit und die nötigen Informationen zum Verständnis werden ganz knapp und präzise geliefert, als plötzlich gefühlt scharenweise Nachbarn auftauchen, die das sagenumwobene Haus charakterisieren und somit die zu konstruierende Atmosphäre anheizen. Die verstorbene Besitzerin des Hauses lebte anscheinend wie eine Einsiedlerin und alle wollen das Spukhaus einmal von innen sehen und berichten bei dieser Gelegenheit von einigen althergebrachten Mythen. Aufgrund der begrenzten Spieldauer von nur gut siebzig Minuten wird dementsprechend ein schnelles Tempo vorgelegt, das die Atmosphäre ungemein begünstigt, die spätestens in der ersten Séance einen unbehaglichen Höhepunkt erlebt. Dabei kommen recht einfache, aber wirkungsvolle Mittel zum Tragen, die vor allem im akustischen Bereich zu vernehmen sind. Ein heulender Wind durchzieht das komplette Haus, dessen Eiseskälte man förmlich spüren kann, Personen reagieren heftig und und lange Zeit unverständlich, man hat das Gefühl es sei eine unsichtbare Person zugegen, von der eine latente Gefahr ausgeht.







"Das Geisterhaus" entwickelt sich zielsicher zu einem angenehmen Grusler, wenngleich man nicht vergessen darf, dass man es lediglich mit einem TV-Beitrag zu tun hat. Diese Silhouette ist von Anfang bis Ende auch stets offensichtlich, was man insbesondere in der Ausstattung sehen kann, aber die Regie hat aus den verfügbaren Mitteln das Optimum herausschlagen können. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Barbara Stanwyck das Szenario nicht nur anführt, sondern auch mit Eleganz und Ausstrahlung anreichert. Dieser Schuss Star-Bonus steht der Produktion natürlich sehr gut und lässt schon alleine deswegen nie den Eindruck von Belanglosigkeit aufkommen. Überhaupt hinterlässt das recht übersichtlich gehaltene Ensemble einen guten und größtenteils bleibenden Eindruck, vor allem ist hier Richard Egan zu nennen, der sowohl eine solide, als auch unheimliche Vorstellung hinterlassen kann. Erstmalig ist Kitty Winn zu sehen, die Jahre später mit den Filmen "Der Exorzist" und "Exorzist II - Der Ketzer" große Bekanntheit erlangen sollte. Überhaupt sind hier große Parallelen zu der Rolle der Sharon aus diesen beiden späteren Produktionen zu erkennen, weil sie eine ähnlich empfundene Tragik, Zerrissenheit und Fragilität transportiert. Die Geschichte um das geerbte Haus samt Gespenst ist im Grunde genommen eher herkömmlich und wirkt im Endeffekt wenig ausgefeilt. Umso erfreulicher ist die wirklich ansprechende Umsetzung die genügend Grusel und mysteriöse Spannung fabrizieren kann, um einen interessanten und teilweise sogar packenden Verlauf zu garantieren. Das Finale fällt im Gesamteindruck leider etwas ab, denn es wirkt recht hastig konstruiert. Außerdem kommt das unbestimmte Gefühl auf, dass einige Fragen unbeantwortet geblieben sind, vielleicht hätte man auch gerne noch eine Art Prognose für den weiteren Verbleib der Personen angeboten bekommen. Nichtsdestotrotz bleibt nach diesem schnellen Ende der positive Gesamteindruck bestehen, dass man es für TV-Verhältnisse mit einem überdurchschnittlichen Beitrag zu tun hatte, der von John Llewellyn Moxey sehr klassisch umgesetzt wurde und immer wieder mit beeindruckenden Sequenzen überzeugen konnte. Recht gelungen!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.390

30.10.2014 13:47
#36 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Geisterhaus" Zitat · antworten

BEWERTET: "Das Geisterhaus" (The House that would not die) (USA 1970)
mit: Barbara Stanwyck, Katherine Winn, Richard Egan, Michael Anderson jr., Doreen Lang, Mabel Albertson u.a. | Drehbuch: Henry Farrell nach dem Roman 'Ammie, Come Home' von Barbara Michaels | Regie: John Llewellyn Moxey

Ruth Bennett und ihre Nichte Sara Dunning ziehen in ein altes Haus in Gettysburg, Pennsylvania. Die junge Frau möchte an der dortigen Universität studieren. Gleich am ersten Abend machen die beiden Frauen Bekanntschaft mit ihrem Nachbarn Professor Pat McDougal und dessen Freund Stan Whitman. Nachdem Sara eines Nachts ohne Grund auf ihre Tante losgeht und diese fast erwürgt, beschließt man, der Sache auf den Grund zu gehen. Es stellt sich heraus, dass Amanda, die einzige Tochter von General Campbell, im Jahr 1780 spurlos verschwand und ihr Vater daraufhin dem Wahnsinn verfiel. Immer öfter versucht Ammie, sich durch Sara zu äußern und auch mit Professor McDougal gehen unheimliche Veränderungen vor. Liegt der Schlüssel zur Lösung im Keller des Hauses? Was ist damals vor fast zweihundert Jahren geschehen?



Das Genre des Horrorfilms arbeitet oft und gern mit dem Motiv des Geisterhauses, obwohl dies erst in den Achtziger Jahren besondere Bedeutung erfuhr. Dennoch bildet der von John Llewellyn Moxey inszenierte Film eine bemerkenswerte Ausnahme, spricht er doch gezielt Ängste an, die sich auf einen örtlich begrenzen Schauplatz, ein Einzelschicksal der Vergangenheit und eine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit aller Beteiligten konzentrieren. Dabei orientiert er sich an klassischen Vorgaben wie wir sie bereits bei Arthur Conan Doyle, übrigens einem überzeugten Verfechter des Spiritismus, finden. Die Abgeschiedenheit des Hauses ist ebenso wie in "Das Haus bei den Blutbuchen" eine Gefahr für die Bewohner, da es fernab von Recht und Ordnung und des aufmerksamen Auges und der kontrollierenden Hand der Öffentlichkeit liegt. Ein Verbrechen, das hier geschieht, kann leicht unentdeckt bleiben.
Barbara Stanwyck ist der Star der Produktion und führt ein Ensemble an, das sich in wohltuender Weise aufeinander einstellt. Traditionelle amerikanische Werte wie Nachbarschaftshilfe und die Verpflichtung gegenüber dem Grund und Boden der Ahnen, äußern sich durch die rücksichtsvolle Höflichkeit der Personen untereinander. Selbst in prekären Situationen wie den tätlichen Angriffen der anderen durch Sara und den Professor, kommt es zu keiner Gegengewalt, sondern nur zur Selbstverteidigung, die dem anderen keinen Schaden zufügen kann. Trotz der fiebrigen Unruhe, die vor allem Sara im Haus empfindet, wiegen Anteilnahme, Wissbegierde und Verantwortungsgefühl stärker als der Wunsch, den Schauplatz eigennützig aufzugeben und das Geheimnis unaufgeklärt zu lassen. Hier vermittelt der Film eine unmissverständliche Botschaft, die den Einzelnen in die Pflicht nimmt, beim Unglück anderer nicht wegzuschauen. Während Stanwyck elegant und lebenserfahren auftritt und dabei eine kameradschaftliche Wärme ausstrahlt, die den Zuseher gleich für sie einnimmt, zeichnet Kitty Winn die junge Nichte zunächst als aufgeschlossenen, unkomplizierten Typ - Ali MacGraw nicht unähnlich - der neugierig auf das Leben zugeht. So natürlich sie auf den ersten Blick wirkt, so düster und hart erscheinen ihre Züge im Laufe der Handlung, wenn Ammie Besitz von ihr ergreift oder darüber debattiert wird, wie man vorzugehen beabsichtigt. Ihre Fröhlichkeit schlägt unvermittelt in Hass, Panik und Verzweiflung um, ihr Gesicht wirkt erstarrt und ungeschlacht. Ebenso ergeht es Richard Egan, der die Rolle des Vaters übernimmt und sehr früh die Gefahr andeutet, die vom Patriarchen ausgeht. Doreen Lang erinnert an Vanessa Redgrave und meistert den schwierigen Part als Medium überzeugend, auch, wenn die beiden Séancen keine nennenswerten Ergebnisse zu Tage fördern.



So bleibt viel Raum für Detektivarbeit, die Recherchen in alten Tagebüchern und Familienchroniken nötig macht. Die Beharrlichkeit, mit der jede Spur verfolgt wird und die Unnachgiebigkeit der Personen führen zu einem untypischen Ende, das weitaus versöhnlicher und runder erscheint als es in anderen Vertretern des Genres der Fall ist. Die Opfer der Vergangenheit fordern Aufklärung und keine Zerstörung, sie wollen Gerechtigkeit und keine weiteren Todesfälle. Die Kürze der Laufzeit beschleunigt das Geschehen, das dennoch keinen Mangel an Stringenz aufweist und konzentriert die Handlung auf das Wesentliche. Das Spiel mit Licht und Schatten, mit Nebel und Wind und die Fokussierung auf die antike Atmosphäre des alten Hauses benötigen keine aufdringlichen Spezialeffekte, sondern leben vom empathischen Agieren der Darsteller. Ein gut gemachter, altmodischer Spukfilm, der von seiner Entstehungszeit profitiert und durch seine Einfachheit besticht. In der deutschen Synchronfassung hört man die vornehme Stimme von Carola Höhn auf Barbara Stanwyck, sowie Hartmut Becker auf Michael Anderson jr. und Helga Anders auf Katherine Winn.

Empfehlenswert!

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

25.12.2014 11:53
#37 RE: Das Spiel mit der Angst - "Mord in der Rue Morgue" Zitat · antworten


Jason Robards   Christine Kaufmann   Herbert Lom   in

MORD IN DER RUE MORGUE

● MURDERS IN THE RUE MORGUE / MORD IN DER RUE MORGUE (GB|1971)
mit Maria Perschy, Adolfo Celi, Peter Arne, Rosalind Elliot, María Martín sowie Michael Dunn und als Gast Lilli Palmer
eine Produktion der American International Pictures | im Verleih der AIP
nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe
ein Film von Gordon Hessler





»Stoße ich Sie ab? Ihrer Mutter habe ich gefallen!«


Ganz im Stile des Grand Guignol führt eine Theatergruppe Edgar Allan Poes "Die Morde in der Rue Morgue" auf. Das Haus ist stets gut besucht da die Masse nach Sensationen und Nervenkitzel sucht. Bei einer Aufführung wird die Hauptdarstellerin Madeleine Charron (Christine Kaufmann) ohnmächtig, nachdem sich in ihrer Fantasie bizarre Sequenzen über einen bestialischen Mord abgespielt haben, doch sie kann die immer wiederkehrenden Träume nicht ordnen. Als sich abseits der Bühne plötzlich Morde abspielen, ist der potentielle Täter schnell ausgemacht, da nur Mitglieder des ehemaligen Ensembles ihres Mannes César (Jason Robards) mit ätzender Säure ermordet werden. Es muss sich um René Marot (Herbert Lom) handeln, den auf der Bühne einst das gleiche Schicksal ereilte, doch Inspektor Vidocq (Adolfo Celi) sieht einen Haken an der Sache. Marot hat bereits vor vielen Jahren Selbstmord begangen. Als das Phantom jedoch immer weitere Opfer fordert, kommt man mit Hilfe von Madeleines Träumen auf die entscheidende Spur...

In der erfolgreichen Edgar Allan Poe-Reihe von American International Pictures stellt Gordon Hesslers "Mord in der Rue Morgue" ein wirklich sehenswertes, aber genauso eigenwilliges Filmvergnügen dar, das sich zahlreicher Elemente aus Horror, Grusel, bis hin zu kleineren Bruchstücken des gepflegten Psycho-Thrillers bedient. Die große Stärke dieser lediglich nur nominellen Poe-Adaption ist definitiv der sequenzartige Aufbau, der undurchsichtig bis zum zugegebenermaßen etwas zu konstruierten Finale bleibt, was aber nicht gleichzeitig heißt, dass überwiegend viele verworrene Tendenzen aufkommen. Vielmehr sieht man einen Verlauf, der nahezu traumwandlerisch vor sich hin plätschert und die Nerven wegen des diffusen Elements zu strapazieren versucht und dies bestenfalls auch kann. Hessler verweigert dem Zuschauer Transparenz und arbeitet mit allen Mitteln gegen einen klaren Durchblick, denn immer wieder ist man mit in die bizarren Traumsequenzen der Protagonistin mit eingebunden und daher kann man die Bilder auch keineswegs ordnen. Teilweise wirken diese Fragmente sogar so inkohärent, dass man vermutet, gleich in mehreren Parallelhandlungen zu sein. Zwar ahnt man, dass sich ein düsteres Geheimnis hinter all dem verbergen muss, aber Erklärungen gibt es quasi erst im letzten Moment. Mit diesem Film bekommt der Zuschauer also ein schönes Beispiel serviert, wie ein Verlauf auch ohne halsbrecherische Effekte und Überspannung funktionieren kann und das große Ziel, dass die Geschichte einfach beunruhigen soll, wird recht eindrucksvoll erreicht. Der Vorwurf, Hessler habe hier einen potentiellen Whodunit verschenkt ist nur auf den ersten Blick gerechtfertigt, da der Film diese Strategie nicht als Hauptziel verfolgt. Vorhersehbarkeit und Geheimnis veranstalten ein, unterm Strich interessantes Tauziehen, in das sich die Protagonisten jeweils wahlweise einreihen, und sich dieser Strategie sogar beugen.







Gordon Hesslers Edgar-Allen-Poe-Beiträge der AIP überzeugen schon alleine wegen ihren ausgewogenen, und teils spektakulären Besetzungslisten, und auch hier bekommt man einige gute alte Bekannte zu Gesicht. Christine Kaufmann, die nach längerer schöpferischer Pause wieder am aktiven Filmgeschäft teilnahm, fungiert hier als Projeltionsfläche für Angst und Schrecken, aber ebenso für Geheimnisvolles und Undurchsichtiges. Die Kamera bedient sich förmlich ihres zerbrechlich wirkenden Wesens und ihres makellosen Gesichts, welches im Sinne des Verlaufs oft maskenhafte Züge annimmt. Madeleines Träume sind in ihrer optischen und akustischen Serialität nicht zu durchschauen, sie wirken beunruhigend und erscheinen sozusagen wie eine Deviation, deren immer gleich abfolgende Bilder des Rätsels Lösung vorenthalten, verzerren und eine Bewusstlosigkeit folgen lassen. Neben ihr wirkt Jason Robards eher wie ein Fremdkörper wenn man bedenkt, dass die beiden verheiratet sind, allerdings wirkt die unsympathische Note, die von ihm ausgeht, sehr förderlich für den Handlungsverlauf. Zwischen Jason Robards und Herbert Lom, dem Bösewicht der Geschichte, entsteht somit ein Tauziehen auf Augenhöhe, da Gut und Böse irgendwann kaum mehr voneinander abgetrennt erscheinen. Besonders Herbert Lom als tragische Figur zieht diesen Eindruck immer mehr auf sich, da man als Zuschauer irgendwie Verständnis mit diesem vom Schicksal gestraften Herrn bekommt und seine Motivation teilweise sogar nachvollziehen kann. Beide Akteure wirken solide, wobei dies für deren Verhältnisse fast schon wieder zu wenig ist. Hier werden Adolfo Celi als hartnäckiger Hüter des Gesetzes und Michael Dunn als undurchsichtiger Lakai des totgeglaubten Marot blendend aushelfen, denn sie zeigen weitaus stichhaltigere Leistungen, wenngleich diese wohl auch Parts waren, die das Drehbuch günstiger berücksichtigte. Kurze Wiedersehensfeude gibt es mit der gerne gesehenen Österreicherin Maria Perschy als Dirne und Lilli Palmer als Auslöser für das düstere Geschehen, deren Szenen im Film dem Vernehmen nach übrigens fast alle entfernt wurden. Da sie eine Schauspielerin darzustellen hatte, legt Palmer nochmals einen bedeutenden Schliff in Sachen Overacting drauf.

Mit "Mord in der Rue Morgue" bekommt man es mit einem beeindruckenden Beispiel zu tun, wie überzeugende atmosphärische Dichte als Alternative aussehen kann, die in ihrer Gestaltung sogar kleinere Ausrufezeichen setzen kann, insbesondere in der Bildgestaltung. Im Gegensatz dazu stehen teilweise hektische und unübersichtliche Tendenzen zu Buche, wenn man die Vokabel verworren allerdings durch verwirrend ersetzt, kommt man der Intention des Ganzen wohl ziemlich nahe. Hessler führt den Zuschauer immer wieder gekonnt in die Irre, da wichtige Erklärungen für den Spannungsaufbau vorenthalten werden. Das Finale ist in mehrere Etappen eingeteilt und verlangt zugegebenermaßen etwas zu viel Aufmerksamkeit ab. In der Ausstattung kann der Film durchaus überzeugen, üppige Settings und Garderoben fangen die Zeit, in der die Handlung spielt, recht gut ein, wobei viele Sequenzen auch eigenartig gestreckt wirken, da zahlreiche Wiederholungen angesagt sind. Im Bereich Effekte fehlen eigentlich entscheidende Akzente, beziehungsweise wie es aussieht, eher das richtige Know-how. Der Versuch, das Publikum nachhaltig auf psychologischer Ebene zu strapazieren, funktioniert zwar immer mal wieder für den Hausgebrauch, aber leider nicht auf einem konstanten Niveau. Die passenden Musikthemen von Waldo de los Rios funktionieren sehr gut und besonders das Titelthema bleibt in Erinnerung, aber konträr dazu nimmt man recht einfache Dialoge wahr. Insgesamt hinterlässt Gordon Hesslers Adaption einen vielleicht zu unschlüssigen Eindruck zurück, da in wichtigen Bereichen Potential verschenkt wurde, doch irgendwie ist dieses (zumindest so angelegte) Verwirrspiel überzeugend genug, um bei der Stange zu halten, vielleicht auch weil der Eindruck entsteht, dass die Gestaltung weitgehend unorthodox ist, und sich dem Empfinden nach von manchen Filmen der gleichen Natur abheben kann. Aber da liegt die Entscheidung wieder einmal beim Konsumenten, denn "Mord in der Rue Morgue" ist im Endeffekt in einer Art Grauzone anzusiedeln, weil sich die überproportionalen Stärken mit Ketten von durchschnittlichen Fragmenten abwechseln. Für meine Begriffe bleibt dieser immer wieder gerne gesehene Film jedoch sehenswert und absolut unterhaltsam.

patrick Offline




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25.12.2014 12:29
#38 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Geisterhaus" Zitat · antworten

Irgendwie klingt das wie ein Mix aus Dr.Phibes (mit Vincent Price) und Phantom der Oper. Ich finde es schade, dass man den Stoff anscheinend nie wirklich werkgetreu verfilmt hat.

Prisma Offline




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09.02.2015 22:40
#39 RE: Das Spiel mit der Angst - "Beschwörung" Zitat · antworten


Faith Domergue   John Ireland   John Carradine   in
BESCHWÖRUNG

● THE HOUSE OF SEVEN CORPSES / BESCHWÖRUNG (US|1974)
mit Carole Wells, Charles Macaulay, Jerry Strickler, Ron Foreman, Dennis Record, Marty Hornstein, u. a.
eine Produktion der Television Corporation of America | im Verleih der International Amusements
ein Film von Paul Harrison





»Scheiße! Cut! Cut!«


Der alt-ehrwürdige Landsitz der Beals ist berüchtigt für seine düstere Geschichte, denn dort kam es einst zu sieben entsetzlichen Todesfällen, bei denen sich die Gerüchte um Selbstmord und Mord bis in die Gegenwart aufrecht erhalten konnten. Eines Tages nimmt sich eine Filmcrew der mysteriösen Sage an und dreht einen Horror-Film im gleichen Haus, der sich der Ereignisse von damals annimmt. Die Dreharbeiten verlaufen nach Ansicht des Regisseurs Eric Hartman (John Carradine) im Endeffekt zufriedenstellend, wenngleich besonders Nachts immer merkwürdige Dinge Geschehen. Am letzten Drehtag hat die Hauptdarstellerin Gayle Dorian (Faith Domergue) eine entscheidende Szene zu interpretieren. Sie liest einen lateinischen Spruch aus einem Beschwörungsbuch vor, der angeblich die Toten zum Leben erwecken kann. Doch in dieser finalen Szene wird das Unheil herbei beschworen und die schockierte Filmcrew findet sich plötzlich in einem schrecklichen Alptraum wieder...

Betrachtet man sich den deutschen Titel "Beschwörung", so bringt er den Charakter dieser recht interessanten Veranstaltung ziemlich deutlich auf den Punkt. In diesem Film wird das Böse unbeabsichtigt herauf beschworen, welches offensichtlich nur wieder einmal geduldig darauf gewartet hatte, endlich dienstbare Jünger zu finden, um ordentlich loslegen zu können. Die Film-in-Film-Thematik nimmt der geneigte Zuschauer sehr wohlwollend auf und gerade hier kommt ein sehr netter Effekt zu Stande, denn man kann oftmals nicht unterscheiden, ob es sich um eine Filmszene handelt oder um Realität. Der Einstieg in die Geschichte ist zunächst verwirrend. Nach dem Vorspann, der etliche Szenen des Todes und Verderbens in grellen Farben zeigt, sieht man wenig später Faith Domergue die so zurecht gemacht ist, dass man ihr sehr genau ansieht, dass die goldenen Zeiten längst vorbei sind. Man sieht eine Szene in dem alten Herrenhaus. Verheißungsvoll murmelt sie die beschwörenden Sätze herunter und das alles wirkt wie in einem billigen Horrorfilm der C-Kategorie. Alleine diese Tatsache ist schon einmal bemerkenswert, dass die Crew offensichtlich einen schlechten Film dreht, was sich im tatsächlichen Beitrag von Paul Harrison allerdings nicht widerspiegelt. Sicherlich sieht das Ganze aufgrund dieser Sequenzen am Set häufig wie eine schlampige TV-Produktion oder Ähnliches aus, aber dadurch entsteht auch ein besonderes, gegensätzliches Profil. Wenn überhaupt, hat der Film insgesamt Probleme mit seinem Tempo, denn es dauert sehr lange, bis übernatürliche Dinge in Gang kommen. Oder sind es nur Film-Szenen? Oder treibt tatsächlich ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen? Diese Fragen werden bis kurz vor Ende unter Verschluss gehalten, was zwar einen betulichen Verlauf zur Folge hat, aber auch für eine unterschwellige Spannung sorgen wird.







Im Rahmen der Besetzung hatte Regisseur Paul Harrison mit Faith Domergue, John Carradine und John Ireland tatkräftige Zugpferde an Bord, die genau wie der Rest der Crew sehr überzeugend wirken. Die ehemalige Hollywood-Schönheit Faith Domergue sieht man hier bereits in ihrem vorletzten Film und sie setzte sich 1976 zur Ruhe. Gerade zum Ende ihrer Karriere partizipierte sie noch einmal in recht interessanten Produktionen, wie beispielsweise "Nackt über Leichen" von Lucio Fulci. Als US-Amerikanerin bedient sie hier jegliches Klischee, und das nahezu perfekt. Man nimmt ihr die abgesattelte Ex-Diva zu jedem Zeitpunkt ab, sie wirkt offensichtlich frustriert und eigentlich schon komplett ausgelaugt. Die Resignation darüber, dass sie genau weiß, in was für einem Schund-Film sie gelandet ist, sieht man ihr in den leeren Augen deutlich an. Permanent gerät sie mit ihrem Regisseur aneinander, der ungeduldig delegiert und ihr gerne ihre mangelnde Tatkraft und vor allem ihr fortgeschrittenes Alter unter die Nase reibt, indem er die jüngere Kollegin lobt wo er nur kann. Auch mit ihren Anbiederungs- und Annäherungsversuchen kommt sie nicht mehr weit. Im Umgang mit ihr hinterlässt John Ireland einen hervorragenden Eindruck. Insbesondere im Rahmen der Dialoge werden nette Akzente gesetzt, die den eigentlich zutiefst ordinären Charakter der Beteiligten sicher heraus arbeiten. Sticheleien, Beleidigungen und niedere Wortwahl polieren den bislang schleppenden Verlauf deutlich auf, denn die Geschichte verliert sich für sehr lange Zeit nur in vagen Andeutungen, indem beispielsweise der Friedhof im Park häufiger gezeigt wird, oder rätselhafte Personen umher schleichen, man beobachtende Augen sieht, und so weiter. Den ersten Effekt bekommt man erst nach langer Zeit geboten, indem man die zerfetzte Katze der Hauptdarstellerin im Park auffindet. Diese langsam auf Touren kommende Strategie begünstigt den Verlauf in eigenartiger Weise aber sehr gut, so dass das Finale in einem hastigen Spektakel explodieren darf und für meine Begriffe einen ordentlichen Überraschungseffekt bereit hält. Insbesondere die immer wieder verwendete Chormusik kreiert unbehagliche und nachhaltige Zustände, insgesamt bleibt ein Film zurück, der schließlich eine angenehme Spukhaus-Überraschung dargestellt hat. Wer jedoch ein Splatter-Festival der wahnsinnig gewordenen Mörder oder Leichen erwartet, könnte hier womöglich enttäuscht werden. Ansonsten wurden Klassik, Grusel, Horror, Übersinnliches und das kleine ABC der Billigproduktionen sehr geschickt ineinander verbunden. Ein kurzweiliges und recht sehenswertes Spektakel!

Percy Lister Offline



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14.02.2015 15:01
#40 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Haus der Geheimnisse" Zitat · antworten



BEWERTET: "Das Haus der Geheimnisse" (Original: "Derrière les murs") Frankreich 2011
mit: Laetitia Casta, Thierry Neuvic, Jacques Bonnaffé, Emma Ninucci, Anne Loiret, Roger Dumas u.a. | Buch und Regie: Julien Lacombe und Pascal Sid

Die Schriftstellerin Suzanne Berancourt kehrt Paris den Rücken und lässt sich in einem Herrenhaus auf dem Land nieder, um neue Ideen für einen Roman zu bekommen. Die alleinstehende Frau wird von den Dorfbewohnern wegen ihrer Unabhängigkeit und ihrer Eleganz argwöhnisch beäugt. Suzanne bietet an, das Schulmädchen Valentine zu unterrichten. Als diese kurz darauf verschwindet, werden Stimmen laut, die behaupten, die Fremde hätte Unglück über das Dorf gebracht. Währenddessen hat Suzanne zwar ihre Schreibblockade überwunden, wird aber von Angstträumen heimgesucht....



Die selbstgewählte Einsamkeit ist ein Thema, das schon immer für Spekulationen gut war. Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen und sich über literarische Schöpfungen den Lebensunterhalt zu sichern, macht Madame Berancourt zu einem Symbol der emanzipierten Nachkriegsfrau, die nach dem Tod ihres Mannes auf eigenen Füßen steht. Sie trifft auf Landbewohner, die noch in alten Hierarchien und Machtverhältnissen verwurzelt sind und durch den Neuankömmling aus ihrer bigotten Resignation gerissen werden. Suzanne bedient sich aller Attribute einer Künstlerin der schreibenden Zunft. Sie benutzt Genussmittel als Stimulanzien gegen die erdrückende Einfallslosigkeit; sie raucht und trinkt - natürlich Absinth, der vor allem in Frankreich populäre Wermutbranntwein, dessen Name ebenso verhängnisvoll klingt wie der des Laudanums, das sie zur Betäubung ihres Schmerzes einnimmt. Hier verwischen die Grenzen zwischen Phantasie und Realität, zwischen Genie und Wahnsinn und malen Bilder an die Wand, deren Bedeutung sich nicht sofort erschließt. In behutsamer Weise lassen Julien Lacombe und Pascal Sid zunächst vieles offen. Sie liefern Indizien, aber nicht Beweise und bewegen sich damit auf einem Terrain, das Raum für Poesie schafft. Die malerische Landschaft, die sommerliche Atmosphäre und das alte - fast möchte man sagen 'gewachsene' - Haus bilden den Rahmen für die Geschichte einer Frau, die den Zuseher ebenso fesselt wie Adèle - la miseráble, deren Exil im kanadischen Neuschottland mit Isabelle Adjani nachhaltig verfilmt wurde.



Die korsische Schauspielerin Laetitia Casta verkörpert eine Frau, der die Schatten der Vergangenheit in ihr neues Leben folgen und deren beherrschter Gleichmut immer wieder erschüttert wird. Ihre Physiognomie ist von einer faszinierenden Direktheit. Obwohl sie unnahbar und vornehm wirkt, offenbart sie eine verletzbare Natürlichkeit. Die Fokussierung auf ihr Handeln lässt ihre Mitspieler in die zweite Reihe rücken, wobei deren Leistungen durchaus beachtlich erscheinen. Die schleichende Bedrohung durch den Biedermann Jacques Bonnaffé und die anteilnehmende Sympathie von Seiten Thierry Neuvic's, stärken die kraftvolle Interpretation der Hauptrolle. Die Kamera rückt Laetitia Casta immer wieder in den Mittelpunkt, zeigt sie in traumwandlerischer Schönheit und ungeschützter Verzweiflung. Ihr Kampf gegen vermeintliche oder tatsächliche Phantome berührt und lässt die gereifte Schauspielerin in jenen Szenen kindlich rein wirken. Eine herausfordernde, intelligente Darstellung eines unaufgearbeiteten Traumas, deren Ursache - Schuldgefühle - symptomatisch für gesellschaftlich noch immer vorhandende Anschauungen ist. 5 von 5 Punkten

Prisma Offline




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15.02.2015 23:53
#41 RE: Das Spiel mit der Angst - "Haus der Geheimnisse" Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #40
Eine herausfordernde, intelligente Darstellung eines unaufgearbeiteten Traumas, deren Ursache - Schuldgefühle - symptomatisch für gesellschaftlich noch immer vorhandende Anschauungen ist.

Das hört sich doch nach einem sehr interessanten Verlauf an, vielen Dank für die Vorstellung, die neugierig macht!
Ich habe mir die DVD mal gleich bestellt, klingt irgendwie doch ganz nach meinem Geschmack.
Dann werde ich mich also dieser geheimnisvollen Herausforderung demnächst auch stellen!

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

09.03.2015 22:16
#42 RE: Das Spiel mit der Angst - "Nachtschatten" Zitat · antworten



NACHTSCHATTEN

● NACHTSCHATTEN (D|1972)
mit Elke Hart, John van Dreelen, Max Krügel, Ella Timmermann
eine Visual Filmproduktion | im Freunde d. Dtsch. Kinemathek Verleih
ein Film von Niklaus Schilling





»Was ist mit dem Moor? Sag es mir!«


Der Hamburger Musikverleger Jan Eckmann (John van Dreelen) interessiert sich für ein zum Verkauf stehendes Haus in der Lüneburger Heide, wo er die Bekanntschaft mit der überaus mysteriös wirkenden Besitzerin Elena Berg (Elke Hart) macht. Bei den ergebnislosen Verhandlungen über das Objekt ist es Mitternacht geworden und Jan nimmt das Angebot an, bei der in schwarz gekleideten Frau zu übernachten. Im Traum sieht er Elena in bizarren Sequenzen an seinem eigenen Grab stehen. Die Faszination um Elena wurde durch diese eigenartigen nächtlichen Vorkommnisse nur noch mehr verstärkt, bis sich beide schließlich etwas näher kommen. Elena wird von allen Dorfbewohnern gemieden, wenn nicht sogar gefürchtet, da es heißt, dass sie ihren eigenen Ehemann vor geraumer Zeit umgebracht haben soll, der seitdem im Moor verschwunden ist. Es dauert sehr lange, doch dann entschließt sich der Musikverleger doch dazu, die geheimnisvolle Elena zur Rede zu stellen...



Niklaus Schillings "Nachtschatten" feierte 1972 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin seine Premiere, doch vermutlich ist mit feiern bei diesem Beitrag etwas zu viel gesagt. Doch zunächst zur gängigen Klassifizierung. Dieser Film des Schweizer Regisseurs wird hauptsächlich dem Grusel- oder Horrorgenre hinzu gerechnet und gerade für deutsche Verhältnisse sollte immer löblich erwähnt werden, wenn derartige Projekte eine Umsetzung fanden. Schilling ist bekannt für seine für seine Affinität im Bereich des Experimentierens und auch hier werden einige sehr anschauliche Kostproben geboten, die jedoch leider nur einen Bruchteil der Spielzeit in Anspruch nehmen. Im Endeffekt weckt dieser Beitrag viele falsche Erwartungen, die in Verbindung mit einem seelenruhigen, oder schleppenden, dem eigenen Empfinden nach sogar äußerst langweiligen Verlauf keinen bedeutsamen Gesamteindruck zurücklassen werden. Der Versuch, hauptsächlich die Bilder ohne sinnvolle, beziehungsweise nur durch Insider-Verstärker sprechen zu lassen, erweist sich als schwerwiegender Fehler und überhaupt werden alle atmosphärisch gelungenen Komponenten von den vielen eklatanten Schwächen dieses Beitrages nahezu restlos überlagert. Auch nach mehrmaligem Anschauen erschließen sich Intention, Ursache und Wirkung nur zähflüssig und das nicht, weil die geschilderten Inhalte dieser Geschichte zu kompliziert, gar zu verschachtelt wären. Nein, es gibt eine ganz einfache Erklärung, die mit der überaus deutlichen Sprache dieser Produktion zusammenhängt. Es erschließen sich so gut wie keine Berührungspunkte im handwerklichen Bereich, auch der Plot bleibt nur potentiell interessant weil das mystische, oder bedrohliche Element keine intensive Abhandlung erfahren hat und sich nur in vagen Andeutungen verliert, aber vor allem bekommt man bei "Nachtschatten" im schauspielerischen Bereich eine eiskalte Dusche serviert. Die miserablen Darbietungen provozieren eine seltene Art von Fassungslosigkeit, auch die hölzernen Dialoge, die sich penetrant in konturlose Andeutungen und Belanglosigkeiten hüllen, sind nach kurzer Spieldauer simplerweise nur noch unverträglich.



Elke Haltaufderheide spielte hier unter ihrem Künstlernamen Elke Hart und zunächst bleibt einmal festzustellen, dass ihre Erscheinung der Geschichte sehr zuträglich ist. Die blonde Verführung in Trauerkleidern wirkt beinahe wie eine schwarze Witwe, spätestens wenn sie ihr Ensemble gegen Sommerkleider ausgetauscht hat, sie hüllt sich mit Vorliebe in einen mysteriösen Schimmer und spricht in Orakeln, die den Zuschauer dazu auffordern sollen, sie noch unergründlicher zu finden. Leider ist der Darstellungsstil wie erwähnt hölzern, unflexibel und daher nicht interessant genug, eine nachhaltig in Erinnerung bleibende Aura zu konzipieren. Was anfangs anziehend und verlockend wirkte, wird im weiteren Verlauf zurückweisend und bedrohlich, wenngleich dies alles nur mit viel Fantasie herauszufiltern ist. Einen besonders schwerwiegenden Fall einer Fehlbesetzung stellt der Niederländer John van Dreelen dar, denn sein unmotiviertes Schauspiel wirkt hier nahezu laienhaft. Das Verhältnis zwischen Elena und Jan entwickelt bei der merkwürdigen Entstehungsgeschichte leider keine bei der Stange haltende Brisanz, aber vor allem keine nachhaltige Spannung. Alles bleibt wie ein Phantom. Interessant wird es, wenn es zum Einsatz von Edvard Griegs Musik kommt und die dazu geformten Bilder zu greifen beginnen. Licht und Schatten, Umrisse, Silhouetten und die trügerisch einladende Landschaft lassen die gewünschte mystische Komponente aufkommen, sorgen daher für Aufmerksamkeit. Doch plötzlich wird jede atmosphärisch beeindruckende Szene wieder, beispielsweise durch unerträglich flache Dialoge, in denen das Stilmittel des aneinander Vorbeiredens zum Tragen kommt, zunichte gemacht. Der Film transportiert von Anfang bis Ende den Eindruck eines klassischen Kammerspiels, bei dem lediglich zwei Personen die Initiative ergreifen werden, natürlich auch sollen. Schillings subtile Botschaften wirken bei intensiver Betrachtung recht ambitioniert, und auch die stets wünschenswerte Übertragung von Zuschauergewalt sollte hier löblich erwähnt werden. Doch was soll im Endeffekt geschehen, wenn Botschaft, Metaphorik, Sinnhaftigkeit und die zugegebenermaßen intelligente Abhandlung des Stoffes im Würgegriff der absolut unbändigen Langeweile untergehen? "Nachtschatten" kann letztlich trotz aller Kritik als mutiger Beitrag bezeichnet werden, der mit einer Ruhe irritiert, die zum Himmel schreit.


Prisma Offline




Beiträge: 7.466

26.04.2015 13:27
#43 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Haus der Geheimnisse" Zitat · antworten



DAS HAUS DER GEHEIMNISSE

● DERRIÈRE LES MURS / DAS HAUS DER GEHEIMNISSE (F|2011)
mit Laetitia Casta, Thierry Neuvic, Jacques Bonnaffé, Anne Benoît, Anne Loiret, Emma Ninucci, Charline Paul, Mathilde Tolleron und Roger Dumas
eine Produktion der Sombrero Films | Canal+ | Orange Cinéma Séries | Ciné+ | Appaloosa Films | CNC | Banque Populaire Images 11 | Uni Étoile 8
ein Film von Julien Lacombe und Pascal Sid





»Oder hast du Angst?«


Die Schriftstellerin Suzanne Berancourt (Laetitia Casta) verlässt Paris, um an einem Roman zu arbeiten. Da die junge Frau seit geraumer Zeit an einer Schreibblockade leidet, arrangiert ihr Verleger ihren Umzug aufs Land, wo sie sich vollkommen akklimatisieren soll. Sie beginnt ihre Arbeit in einem großen, verlassenen Landhaus, doch auch dort bekommt sie ihren Kopf nicht frei. Von Geräuschen aus dem Keller angelockt, findet sie einen geheimen Raum, in dem sie Inspiration findet und ihn deswegen zu ihrem Schreibzimmer macht. Gleichzeitig wird Suzanne allerdings ab sofort von beunruhigenden Visionen und Angstzuständen heimgesucht, doch sie sieht darin keine Bedeutung. Im Dorf gerät die Schriftstellerin außerdem ins Gerede, da sie zu selbstbewusst und modern auftritt. Als nach kurzer Zeit auch noch das Mädchen Valentine (Emma Ninucci) verschwindet, dem sie zuvor Schulunterricht gegeben hatte, dichten sich die Dorfbewohner einen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen der neuen Hausherrin und den rätselhaften Ereignissen zusammen. Kommt es zu einer Hexenjagd..?



Ein Zug hält irgendwo, es scheint, als wäre die verschlafene Provinz um eine Attraktion reicher, denn es ist eine Dame von Welt angekommen, deren Eleganz und Eigenwilligkeit wie eine Kulturrevolution bei den Bewohnern wirken muss. Der Weg zum alten Herrenhaus ist gezeichnet von idyllischen Eindrücken der Landschaft, doch die verheißungsvollen Klänge der schwerfällig wirkenden Musik wollen sich diesem sommerlich-leichten Eindruck nicht beugen. Bereits nach kurzer Spieldauer wird klar, dass sich die Doppelregie auf die Sprache der Bilder konzentrieren, und auch verlassen wird, auffällig ist die überaus hochwertige Kameraarbeit, die eine beeindruckende Symmetrie herzustellen vermag. Details und Hochglanz dominieren den Film in Sequenzen, bis die Dunkelheit ihren bedrohlichen Charakter entfalten kann. Inmitten dieser hochqualifizierten Bearbeitung nimmt man Laetitia Casta als Lichtgestalt im Dunkeln, und wenn man so will als Schatten in der Helligkeit wahr. Die vornehmste Aufgabe scheint sich zunächst darin zu erfüllen, ein schnelles und reichhaltiges Psychogramm der Protagonistin zu zeichnen, schnelle Schnitte und viele unterschiedliche Veranschaulichungen ihres Gemütes heben die ohnehin vorhandene Wandlungsfähigkeit von Laetitia Casta hervor, die diese Eigenschaft eins werden lässt mit ihrer Rolle. Die Genre-Klassifizierung Horror, wird diesem bildgewaltigen Film nicht gerecht und birgt daher das Potential, für Enttäuschungen zu sorgen, oder zumindest einmal für nicht in Erfüllung gegangene Erwartungshaltungen beim Zuschauer. Subtile Botschaften werden laufend, aber uneindeutig vermittelt, das mysteriöse Element wird sporadisch durch stechende Musik und einschießende Bilder im Ultrakurzformat transportiert, und es entsteht somit eher Unbehagen und intelligenter Grusel, falls das nicht auch schon wieder zu viel gesagt ist. Im Endeffekt weigert sich dieser Film vehement dagegen, in einer Schublade untergebracht zu werden, was die globale Unentschlossenheit in der Handhabe schließlich dokumentiert. "Das Haus der Geheimnisse" spart es sich beinahe komplett auf, auf visueller Ebene für Aufsehen zu sorgen, eher könnte man die eigentliche Intention als kognitiven Grusel bezeichnen.



Nicht nur auf stilistischer Ebene ist hier Verlass, sondern vor allem auf die Hauptdarstellerin Laetitia Casta, deren Schönheit sich in unzähligen Blüten entfaltet. Als Zuschauer ahnt man, dass die Flucht in die Provinz nicht nur aufgrund der vorhandenen Schreibblockade geschehen ist, sondern es entwickelt sich das unbestimmte Gefühl, dass es sich um ein Davonlaufen vor der eigenen Vergangenheit handelt. Man wird hautnah Zeuge eines spürbaren Verfolgungswahns, den die Protagonistin sehr gut zu übertragen weiß. Suzanne kommt mit einer Maske, einer eleganten Fassade auf dem Land an, man sieht ihr genau an, dass sie eigentlich Eroberungen gewöhnt ist, jedoch hier auf unbekannte Widerstände der Bewohner und des Umfeldes stößt. Ihre Körpersprache ist geprägt von einem diffusen Angriffsprinzip, mit erhobenem Haupt stellt sie sich selbst der Konfrontation mit Widersachern. Doch beim genaueren Blick erkennt man eine gehemmte und zutiefst verängstigte Person, die die Strapazen der Flucht nicht umsonst auf sich genommen hat. Unsicherheiten zeigen sich in ihrem scheuen Blick, oder beispielsweise beim nervösen Rauchen, so dass sich die Vermutung immer mehr verdichtet, dass einschneidende Erlebnisse auf sie, und den Zuschauer zukommen werden. Der Verlauf schafft es, eine solide Grundspannung aufrecht zu erhalten und immer wieder kann man sich an der beinahe überqualifizierten Bearbeitung erfreuen, die im Rahmen atmosphärischer Dichte deutliche Akzente setzt. Wenn das Finale nicht mehr weit ist, entsteht trotz aller Weichenstellungen jedoch der Eindruck, dass die über Strecken konsequent geführte Linie und die sehr interessante Geschichte nicht vollkommen ausgeschöpft wurde, da es an fundamentalen Erklärungen fehlt. Das Prinzip, sich vollkommen auf die unübersehbaren Stärken zu verlassen, um somit auftauchende Schwächen zu relativieren, geht im Endeffekt nicht vollkommen auf, aber entschädigt dennoch in Form eines hochwertigen Filmerlebnisses, das auf diffuse Art und Weise zu denken gibt und eher unbewusst bewegt. Unterm Strich bleibt also zu sagen, dass "Das Haus der Geheimnisse" seine Wirkung auch ohne akribische Blicke vollkommen entfaltet, aber dennoch teilweise mit dem Gefühl zurücklässt, dass ein unbestimmter Baustein fehlt, oder dieser zumindest nicht klassisch genug herausgearbeitet wurde. Am wichtigsten jedoch bleibt, dass dieser Film von Julien Lacombe und Pascal Sid von Anfang bis zum Ende fesseln kann, und diese knapp 85 Minuten wie im Traum vergehen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.390

26.04.2015 14:06
#44 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Haus der Geheimnisse" Zitat · antworten

Ich freue mich sehr über Deinen fundierten Kommentar, lieber Prisma. Du verstehst es, hinter die Dinge zu blicken und hast ein ausgeprägtes Feingefühl für die Gedankenwelt der handelnden Personen. Leider gibt es das Making Of nur in französischer Sprache, sodass das deutsche Publikum um wichtige Zusatzinformationen gebracht wird.

Prisma Offline




Beiträge: 7.466

26.04.2015 19:58
#45 RE: Das Spiel mit der Angst - "Das Haus der Geheimnisse" Zitat · antworten

Danke! Ich wusste nach Deiner Beschreibung zum Film, dass er mir auf jeden Fall zusagen würde. Stilistisch gesehen führt er die Tradition der französischen Auffassung fort, Filme sehr elegant und bildgewaltig zu inszenieren. Was das Making Of angeht, so werde ich mich damit mal beschäftigen und falls es tatsächlich Zusatzinformationen gibt, berichte ich dann darüber.

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