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 Giallo Forum
Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

26.08.2018 20:45
Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen (1992) Zitat · antworten

Zitat von Enrico Rosseni im Beitrag Gialli und Polizei- / Gangsterfilme aus Italien
Body Puzzle
→ Ein gelungener Neo-Giallo, der ziemlich spannend geraten ist. Empfehlenswert!

Dann wird es höchste Zeit, dass „Body Puzzle“ auch endlich seinen eigenen Thread erhält:



Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen (Body Puzzle / Misteria)

Thriller, IT 1992. Regie: Lamberto Bava. Drehbuch: Bruce Martin, Lamberto Bava, Teodoro Agrimi (d.i. Teodoro Corrà) (Story: Teodoro Corrà, Domenico Paolella). Mit: Joanna Pacula (Tracy), Tomas Arana (Michele), François Montagut (Abe), Gianni Garko (Polizeichef), Erika Blanc (Dr. Corti), Matteo Gazzolo (Gigli), Susanna Javicoli (Mrs. Consorti), Bruno Corazzari (Professor Brusco), Ursula von Bächler (Katia Lelli), Giovanni Lombardo Radice (Morangi) u.a. Uraufführung (IT): 20. März 1992. Uraufführung (BRD): 6. April 1993.

Zitat von Body Puzzle – Mit blutigen Grüßen
Die junge Witwe Tracy ist entsetzt, als sie in ihrem Kühlschrank ein abgetrenntes menschliches Ohr findet. Ein Einbrecher, der einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte, muss es dort platziert haben. Es gehört zum Leichnam eines Patisseurs, der am Vortag brutal getötet wurde und damit nur das erste Opfer einer ganzen Mordreihe darstellt. Zu allem Überfluss stahl der Killer in der Nacht auch die Leiche von Tracys Ehemann Abe aus dessen Grab. Der Verdacht des Ermittlers, der sich in Tracy verliebt, fällt auf Abes besten Freund Tim. Doch warum sollte Tim diese schrecklichen Taten begehen und was bewegt ihn dazu, die Ermordeten so auszunehmen wie seinerzeit Jack the Ripper?


Als einer der spätesten Gialli von echtem Schrot und Korn verlegt „Body Puzzle“ das gelbe Krimiflair nicht nur in die frühen 1990er Jahre, sondern trotz stolzer Rom-Kulisse fast schon in ein räumliches Vakuum, das die internationale Vermarktbarkeit des Films in den Videotheken Europas und der USA beträchtlich steigern sollte. Auch wenn man Lamberto Bavas Filmfiguren auf den Campo di Verano, ins Cinecittà due oder vor den Eingang zum Giardino Biologico folgt, so tragen die Protagonisten doch amerikanische Namen, und natürlich war auch der Plot auf diejenigen Zuschauer zugeschnitten worden, die schon ganz an die Funktionsweise von US-Slasherfilmen gewohnt waren. Das bedeutet auch, dass man den Killer von Anfang an kennt und ihn unverhohlen bei seinen blutdurstigen, von klassischer Musik untermalten Ausflügen begleitet, die sich inhaltlich zwar sehr brutal anhören (er entfernt jeweils ein äußeres Körperteil, um es Tracy „darzubieten“, und entnimmt außerdem ein inneres Organ, mit dem er düstere Pläne verfolgt), in der tatsächlichen Umsetzung aber nicht an die Härte anderer Gialli heranreichen. Einige Momente wirken recht teuflisch, weil der offensichtlich geisteskranke Täter die Machtposition gegenüber seinen Opfern genüsslich auskostet (z.B. als er eine Frau auf einer öffentlichen Toilette überfällt) – Szenen, in denen man sieht, wie das Messer in den Körper eindringt, gibt es aber tatsächlich kaum, sodass auch zarter besaitete Zuschauer nicht in Ohnmacht fallen sollten.



Auch wenn seine Identität (vermeintlich) klar ist, enthüllt „Body Puzzle“ die wahren Beweggründe des Killers nur zögerlich und gibt dem Ermittler Michele (Tomas Arana) so genügend Gelegenheiten zur intensiven Befragung von Tracy sowie zum Einholen anderer Informationen von Zeugen und Bekannten des Killers. Hierbei fallen vor allem Erika Blanc in einer gereiften Rolle als Psychiaterin, Bruno Corazzari als Klinikarzt sowie Giovanni Lombardo Radice als homosexueller Pferdewirt auf; auch Gianni Garko, der Michele als Vorgesetzter bissig zu Erfolgsmeldungen anhält, liefert Momente, die jeweils kurzfristig an frühere Filme des Genres erinnern. Das Hauptdarstellerpaar mit seinen Fönfrisuren steht dagegen ganz für die Gegenwart der beginnenden 1990er Jahre; Arana und Partnerin Joanna Pacula überzeugen als überarbeitete bzw. bedrohte Einzelgänger, die in den gemeinsamen Szenen mit Charme und Anstand umeinander scharwenzeln und offenbar überlegen, ob sie das abgedroschene Klischee der Ermittler-verliebt-sich-in-Zeugin-Erzählweise aus den Siebzigerjahrefilmen reaktivieren sollen. Sie tun es zögerlich, aber überzeugend – und doch lässt Polizist Michele die traumatisierte Tracy am Ende allein zurück.

Offensichtlich mit großem Aufwand und auf hohem handwerklichen Niveau gedreht, führt „Body Puzzle“ den Zuschauer dank der kenntnisreichen Regie von Lamberto Bava und der ästhetischen Kameraführung von Luigi Kuveiller („Rosso – Die Farbe des Todes“) zu diversen Spannungshöhepunkten. Erwähnt seien nur die gelungene Rahmung des Films mit parallelen Szenen von Verkehrsunfällen, der bitterböse Mord an einer Blindenlehrerin „vor den Augen“ ihrer ahnungslosen Schüler, die versuchte Entführung einer Schwangeren aus dem Krankenhaus und eine eiskalte Überraschung in einer Tiefkühltruhe. Kaum eine Szene des Films zieht sich länger als nötig, immer wieder passieren neue Scheußlichkeiten oder werden Puzzleteile des Rätsels zusammengefügt; auf Atempausen muss man also weitgehend verzichten. Dass der Film und seine Handlung dennoch nicht restlos überzeugen, liegt an seinen massiven Verstößen gegen jede Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man kann vielleicht nicht einmal so weit gehen, die Enthüllungen im letzten Viertel als unlogisch zu bezeichnen, aber erratbar und naheliegend waren sie andererseits auch keinesfalls. Man fühlt sich deshalb ein wenig von Bava verschaukelt, was den positiven Gesamteindruck ein wenig drückt, aber nicht genug der Ärgerlichkeit ist, um nicht auch die positiven Seiten eines Films würdigen zu können, der bis zum Schluss einen hochwertigen, wirklich fast amerikanischen Eindruck hinterlässt.

Auch wenn man es nicht unbedingt mit einem zweiten Jack the Ripper zu tun bekommt, so steckt in François Montaguts erregter Mörderdarstellung doch so viel abgedrehte Perfidität, dass gehörige Angst um Joanna Paculas Tracy und die anderen Opfer entsteht. „Body Puzzle“ ist ein später und recht modern wirkender Giallo, dessen Edelatmosphäre sich ein wenig mit seiner unwahrscheinlichen Handlung beißt, den man aber als weiteren Könnensbeweis von Lamberto Bava gut und gern auf die Sichtungsliste setzen darf. 4 von 5 Punkten.

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