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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 468 mal aufgerufen
 Giallo Forum
kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

02.10.2008 08:00
Das dritte Auge (1966) Zitat · antworten

Der frühe Giallo "Das dritte Auge" (Il terzo occhio, 1966 noch in Schwarzweiß gedreht) gilt als Vorlage für Joe d'Amatos berüchtigtes "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf" (Buio Omega, 1979).

Cast: Franco Nero, Gioia Pascal, Erika Blanc, Olga Solbelli, Marina Morgan u.a.

Inhalt: Conte Mino (Franco Nero) wird von seiner herrischen Mutter (Olga Solbelli) unterdrückt. Sie kann es nicht ertragen, dass ihr Sohn eine andere, Laura (Erika Blanc), liebt. Um die Heirat und ihren Verlust an Einfluss zu verhindern, bringt sie ihre Zofe Martha (Gioia Pascal), die ebenfalls in Mino verliebt ist, dazu, Lauras Auto zu sabotieren. Laura kommt bei dem Unfall um. Minos Mutter erkennt, dass auch Martha ihren Sohn liebt und will sie aus dem Hause werfen, woraufhin sie von Martha ermordet wird.

Mino kann nicht ertragen, dass er die beiden Menschen, die er am meisten liebte, verloren hat. Er konserviert Lauras Leiche und bewahrt sie in seinem Zimmer auf. Bei dem Versuch, eine neue Beziehung zu beginnen, erwürgt er eine junge Tänzerin. Martha hilft ihm bei der Entsorgung der Leiche unter der Bedingung, dass er sie heiratet. Dann taucht plötzlich Daniella, Lauras Schwester, auf ...

Der Film - besonders die Art, wie gespielt wird, und die Kulisse des Schlosses - hinterlassen den Eindruck eines Theaterstücks oder eines Film aus den 1930er Jahren. Alles wirkt so künstlich, theatralisch, fremd und dadurch irgendwie bedrohlich. Dazu kommen in der deutschen Fassung die gestelzten Dialoge - so unterhält sich kein normaler Mensch, aber normal ist in diesem Film auch niemand! Die Schauspieler passen alle bestens in ihre Rollen, wobei es Franco Nero mit seinem Overacting doch etwas übertreibt. Besonders gelungen ist der Auftritt von Gioia Pascal als Martha. Erika Blac hat dagegen kaum etwas zu tun.

Die Kameraarbeit steht im krassen Gegensatz zum eher altmodisch wirkenden Schauspiel, ist sehr beweglich und unterstreicht die Stimmung perfekt - sie wirkt sehr durchdacht. Der Score ist gerade in der ersten Stunde von klassischen Musikstücken geprägt, die ebenfalls zur eigenartige Stimmung beitragen. Leider funktioniert das im Finale dann nicht mehr so toll - dort wird nur noch Standardware geliefert.

Der Film ist - trotz FSK-18-Freigabe - kaum brutal. Es fließt kein Blut - Mino mordet duch Erwürgen. Wer die gleiche Handlung mit einer deutlich höheren Portion Sleaze, Blut und Unfähigkeit sehen will, kann sich Joe d'Amatos Version "Buio Omega" ansehen. "Das dritte Auge" dagegen ist ein faszinierender, aber sicher nicht einfacher Film mit ganz eigener Stimmung. Sicher nicht für jedermanns Geschmack zu empfehlen.

Die DVD von E-M-S hat zwar ein hässliches Cover (Mintgrün und Rosa!) und ich weiß nicht, inwieweit der Film gekürzt ist (die Angaben widersprechen sich), bietet aber eine brauchbare, wenn auch nicht überragende Qualität.

Peter

Happiness IS the road! (Marillion)

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

19.08.2018 13:08
#2 RE: Das dritte Auge (1966) Zitat · antworten



BEWERTET: "Das dritte Auge" (Il terzo occhio) (Italien 1966)
mit: Franco Nero, Gioia Pascal, Erika Blanc, Olga Solbelli, Marina Morgan, Gara Granda, Richard Hillock u.a. | Drehbuch: Mino Guerrini, Piero Regnoli | Regie: Mino Guerrini

Graf Mino Alberti steht kurz vor der Heirat mit Laura. Seine Mutter sieht diesen Plänen mit Unbehagen entgegen und beauftragt die Haushälterin Marta indirekt mit der Tötung der jungen Frau. Daraufhin manipuliert diese die Bremsen von Lauras Wagen und es kommt zu einem tödlichen Unfall. Die Contessa erkennt derweil, dass auch Marta ihren Sohn liebt, und es kommt zu einem Streit, bei dem sie die Haushälterin entlässt. Marta lässt dies nicht auf sich sitzen und stürzt die alte Frau die Treppe hinunter. Nun muss Graf Mino zwei Todesfälle verkraften und statt der ersehnten Freiheit macht sich der Wahnsinn im Schloss breit....

Der Gothic-Thriller nutzt alle Stilelemente des Genres, um beim Publikum zu punkten. Müßig zu sagen, dass erneut Vergleiche mit Hitchcocks sechs Jahre zuvor entstandenem low budget-Film nach Robert Blochs Vorlage aufkommen. Franco Nero geht jedoch einen Schritt weiter und zeichnet seine Figur als Vertreter des degenerierten Adels, der seine gesellschaftliche Bedeutung verloren hat. Mino und seine Mutter bilden das einsame Bollwerk gegen das moderne Leben außerhalb der Schlossmauern. Sie halten den Schein eines privilegierten Daseins aufrecht und merken nicht, dass sie schon lange den Anschluss an die Realität verloren haben. Starre, verkrustete Abläufe, rückwärtsgewandte Handlungen und die stickige Atmosphäre eines Anwesens, in dem man von den toten Augen ausgestopfter Vögel beobachtet wird, lassen jeden Normalbürger wie einen Fremdkörper wirken. So bleibt auch Laura bald die Luft zum Atmen weg und sie verlässt die mit Hass und Missgunst aufgeladene Stätte. Olga Solbelli verkörpert die giftige Mutter mit Inbrunst. Wo ihr Blick hinfällt, wächst kein Gras mehr. Man kann sich gut vorstellen, wie die Domestiken vor ihr kuschten und ihr eigener Sohn zum emotionalen Krüppel erzogen wurde. Verlustängste gesteht sie sich nicht ein, sondern kompensiert diese mit herrischer Ungeduld und einschüchternden Befehlen. Gioia Pascal als Marta ruft beim Zuschauer nur bedingt Mitleid hervor, weil sie die Verhaltensmuster der Contessa selbst übernommen hat und ebenso unerbittlich agiert und andere manipuliert. Wie zur Rechtfertigung ihres Handelns betont sie mehrfach, in diesem Haus wie eine Sklavin behandelt worden zu sein und bestärkt den Conte in seiner Labilität, um Macht über ihn zu gewinnen. Im Prinzip drängt sie in die Rolle, welche vorher die Contessa über hatte. Nach Jahren der Frustration und des Wartens fehlen Geduld und Hoffnung, einen eigenen Weg zu gehen, und so wird das scheinbar naheliegende Erfolgsmuster von Einschüchterung, Drohung, Bevormundung und Verachtung fortgeführt, obwohl es letztlich für jenen katastrophalen Zustand verantwortlich ist, der ein normales Leben im Schloss unmöglich gemacht hat.



Erika Blanc als Laura entspricht mit ihrem Selbstbewusstsein und den genauen Vorstellungen über ihr Leben an der Seite des jungen Grafen nicht unbedingt dem Bild des hilflosen Opfers, das ahnungslos in sein Verderben rennt. Sie wird bald eines gewaltsamen Todes sterben, was sich in subtilen Bildern andeutet. Ein Tod, der durch eine Entwicklung hervorgerufen wird, die lange schon in der Luft lag und sich nun hemmungslos den Weg bahnt. Ihr Sterben öffnet die Tür zu weiteren Verbrechen, die mit jedem Mal intensiver und brutaler ausgeführt werden. Graf Mino watet im emotionalen Treibsand: Immer wieder strauchelt er und wird von seinen überspannten Nerven zu Fall gebracht. Seine Versuche, sich gegen Kontrolle und Vereinnahmung aufzubäumen, durchbrechen immer wieder kurz die Atmosphäre der Abhängigkeit, allerdings ohne dass Mino dadurch Souveränität erlangt. Im Bewusstsein, dass der Conte in ihr nur eine willige Helferin für Notfälle sieht, steigert sich Martas Verzweiflung und sie greift zu Methoden, die demütigend sind. Mit Erpressung versucht sie ihn an sich zu binden und fühlt sich gleichwohl vorgeführt, weil er sein Versprechen jederzeit zurücknehmen kann. Die Intensität der Schauspielleistungen wird durch die hervorragende Kameraarbeit und die wehmütige Musik begleitet. Das Seelendrama wird dadurch ins Bewusstsein des Publikums gerückt und benötigt nur wenige effektvolle Momente der Exaltation, um seine Wirkung zu entfalten. Franco Nero mag man bescheinigen, er übertreibe sein Spiel gerade in den finalen Szenen, wo sein overacting deutlich zu Tage tritt. Durch die Schwarzweiß-Fotografie erhält der Film eine zeitlos klassische Note und viele Schockmomente gewinnen gerade durch die düstere Ausleuchtung der Sets. In diesem Sinn sticht auch die Wachtraumsequenz positiv hervor, weil sie schlüssige Augenblicke in schneller Bildabfolge präsentiert und das künstlerische Element unterstreicht. Der Film lebt von seiner Mischung aus Poesie und Schrecken, von der Fragilität schöner Dinge, die absterben oder getötet werden (z.B. der Blumenstrauß, der von Marta geknickt wird, oder die Vögel, die der Graf ausstopft).

Eleganter Schwarzweiß-Thriller von darstellerischer Güte, dessen Handlung den Zuschauer in einen Sog aus seelischen Qualen und obsessiven Taten hineinzieht. Zeitlose Spannung, die nachdenklich stimmt. 4 von 5 Punkten

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

24.08.2018 17:36
#3 RE: Das dritte Auge (1966) Zitat · antworten

Vielen Dank für den informativen Bericht! Die Querverweise auf "Psycho" sind ja nun nichts Seltenes, aber immer vielversprechend. Da ich Franco Nero sehr schätze, steht "Das dritte Auge" nun auch bei mir weit oben auf der Sichtungsliste. Er scheint hier den Beschreibungen nach eine Rolle abbekommen zu haben, die seinen späteren deutlich entgegensteht.

Der Film wäre aber wirklich 'mal ein Kandidat für eine gewissenhafte Neuauswertung, denn die DVD von E-M-S, die dann unverändert nochmal von Carol Media aufgelegt wurde, enthält nur eine gekürzte Fassung mit ausschließlich deutschem Ton. Das geht besser!

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