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Dieses Thema hat 6 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Georg Online




Beiträge: 2.959

01.05.2018 11:47
Das Feuerschiff / Ich kann nur einmal sterben (1962) Zitat · antworten

DAS FEUERSCHIFF
Krimi, BRD 1962

Mit James Robertson Justice, Helmut Wildt, Dieter Borsche, Pinkas Braun, Werner Peters, Michael Hinz, Wolfgang Völz, Sieghardt Rupp, Günter Mack, Georg Lehn

Drehbuch: Curt Siodmak
nach der Novelle von Siegfried Lenz
Kamera: Heinz Pehlke
Musik: Peter Sandloff
Regie: Ladislao Vajda

Hamburg: eine Bande bestehend aus drei Gangstern überfällt eine Bank und versucht mit einem Boot über das Wasser nach Dänemark zu flüchten. Doch die drei Männer, angeführt von Caspary, erleiden beinahe Schiffbruch und werden von der Besatzung des Feuerschiffs von Kapitän Freytag aufgenommen. Schnell stellt sich heraus, dass die Geretteten Verbrecher sind. Nach und nach eskaliert die Situation an Bord und es fallen Schüsse. Eines der Bordmitglieder stirbt ...

Die Novelle „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz, die durchaus auch als Krimi gesehen werden kann, wird meist als Parabel zu den Themen Gewalt, Widerstand und Verantwortung des Einzelnen verstanden (so Wikipedia) und gehört in vielen Leselisten von Schulen zum Standardinventar.
Lenz‘ Geschichte wurde dreimal verfilmt, neben der hier besprochenen Version gibt es auch eine US-Kinovariante von 1986 (Regie: Jerzy Skolimowski) mit Tom Bower, Klaus Maria Brandauer, William Forsythe und Robert Duvall. Der NDR produzierte 2007 einen Fernsehfilm (Regie: Florian Gärtner) mit Jan Fedder und Axel Milberg.
Zurück zur 1962er-Version: Ladislao Vajda inszeniert einen spannenden Film, dem das Lexikon des internationalen Films allerdings zu Recht Folgendes vorwirft: „Der Film übersieht offenbar, daß die zugrundeliegende Erzählung von Siegfried Lenz vor allem eine Parabel über den gewaltlosen Widerstand ist. Seine Diskussion über Ordnung und Recht versickert auf der Grenze zwischen Thesenstück und dramatischem Durchhalteabenteuer.“ Als reiner Kriminalfilm funktioniert Vajdas Inszenierung jedoch recht gut, die Spannung wird gut aufgebaut, die zunehmend eskalierende Stimmung an Bord wird gelungen wieder gegeben und mündet in ein dramatisches Finale. Die vorzügliche Besetzung macht aus „Das Feuerschiff“ natürlich einen Leckerbissen für Genrefans: James Robertson Justice brilliert als Dr. Freytag, Helmut Wildt als Gangster Caspary spielt diesen fast sympathisch ruhig. Sieghardt Rupp als Mann fürs Grobe ist in einer für ihn passenden Rolle zu sehen und die Schiffsmannschaft, bestehend aus dem Wallace-Inventar Pinkas Braun, Werner Peters und Wolfgang Völz ist sehenswert. Gelungen auch der Auftritt des jungen Michael Hinz als Sohn des Kapitäns, der im Konflikt mit dem Vater steht, nicht nur über die Vorstellungen, wie sein Leben ablaufen soll, sondern auch darüber, wie mit der gesamten Situation umgegangen werden kann.
Nette Hamburgbilder gibt es als Draufgabe, so dass „Das Feuerschiff“ als schönes s/w-Krimiabenteuer durchgängig und ohne Längen unterhält.

Giacco Offline



Beiträge: 1.617

01.05.2018 12:57
#2 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten

Die "Film-Echo"-Kritik war positiv:

"Vajda begnügt sich nicht damit, einen knisternden, actionreichen Krimi herunterzureißen. Er machte aus dem "Feuerschiff" einen echten Gangsterfilm mit starkem gesellschaftlichem, ja politischem Engagement. Und die Erzählung von Lenz bietet ihm dazu durchaus die rechte Handhabe.
Schauspielerisch dominiert in der Kapitänsrolle die souveräne Persönlichkeit von James Robertson-Justice. Doch spricht diese Feststellung nicht im geringsten gegen die übrigen Darsteller, die - jeder für sich - ausgezeichnete Typen verkörpern. Vor allem die Besatzung mit Dieter Borsche, Pinkas Braun, Michael Hinz als Kapitänssohn, Georg Lehn, Günter Mack und Werner Peters. Psychologisch interessante Kreaturen auf Seiten der Gangster: Sieghart Rupp und Simon Martin. Nur der intellektuelle Boss selbst, Helmut Wildt, bleibt etwas oberflächlich konturiert. Beachtlich die Kameraarbeit Heinz Pehlkes.
Ein deutscher Gangsterfilm, der Aufmerksamkeit verdient und auch gute Chancen außerhalb der auf harte Kost erpichten Publikumskreise haben sollte"

Der amerikanische Verleih "Columbia" brachte "Das Feuerschiff" am 5. März 1963 in die Kinos. Das geschäftliche Ergebnis war von Anfang an unterdurchschnittlich. Film-Echo-Note: 5,1 bei 28 Meldungen (Erstnote: 4,8)

Immerhin gab es das "Filmband in Silber" verbunden mit einer Prämie von 300.000 DM und Michael Hinz erhielt als bester Nachwuchsdarsteller das "Filmband in Gold".

Giacco Offline



Beiträge: 1.617

02.05.2018 13:04
#3 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten

Bei der Beschäftigung mit diesem Film fiel mir der Darsteller "Simon Martin" auf, der einen der 3 Gangster spielt:



Mir sagt der Name nichts und ich habe im Netz keine weiteren Informationen gefunden. OFDB & Filmportal listen "Das Feuerschiff" als seine einzige Film-Mitwirkung auf, während IMDB noch einen spanischen Film von 1965 nennt. Davon gibt es im Netz einen kleinen Ausschnitt und es könnte sich in der Tat um denselben Schauspieler handeln.
Da fragt man sich doch: Wie kommt ein völlig unbekannter Spanier(?) an eine tragende Rolle in einem deutschen Film, für den man ansonsten nur qualifizierte und erfahrene Schauspieler auswählte?

Georg Online




Beiträge: 2.959

02.05.2018 14:06
#4 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten

Danke für Deine Rückmeldungen, Giacco!

Dieser Schauspieler spricht im Film auch gar nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Regisseur Vajda lebte viele Jahre in Spanien, vielleicht kam es deshalb zu seiner Verpflichtung?

Giacco Offline



Beiträge: 1.617

02.05.2018 14:51
#5 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten

Zitat von Georg im Beitrag #4
Regisseur Vajda lebte viele Jahre in Spanien, vielleicht kam es deshalb zu seiner Verpflichtung?

Das scheint mir eine einleuchtende Erklärung zu sein.
Mir war gar nicht bekannt, dass Vajda ab 1954 sogar spanischer Staatsbürger war.
In Spanien lief der Film unter dem Titel "Atraco" und hatte 138.839 Zuschauer.

greaves Offline




Beiträge: 403

02.05.2018 19:29
#6 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten

Kann man den Film auf DVD oder blu Ray kaufen?

Peter Offline




Beiträge: 2.817

23.06.2018 12:31
#7 RE: "Das Feuerschiff" aka "Ich kann nur einmal sterben" (1962) Zitat · antworten



Siegfried Lenz: DAS FEUERSCHIFF (1960 / 1962 / 1985 / 2008):

Bevor sie seinen berühmtesten Roman bestimmten, tauchten sie sie also schon in seiner nicht weniger berühmten, weil filmisch mehrfach aufbereiteten Erzählung/Novelle "Das Feuerschiff" auf: Alle Aspekte der Pflichterfüllung, gegen alle Widerstände und im Zuge aller Widersprüche. Das große Thema schon in 'Deutschstunde', dem Schicksalsplot von Siegfried Lenz. Ein Thema auch, welches nach Lenz´ Lebenserfahrung in den Facetten der Geschichte und des menschlichen Zusammenlebens zu einem gehörigen Teil schicksalsgebend für die Geschicke und Geschehnisse der Welt war....

Bereits zwei Jahre nach Erscheinen der Erzählung "Das Feuerschiff" (1960) wurde die Geschichte des zum besseren Leuchtturmwärter degradierten Kapitäns, der einer Verbrecherbande 'lediglich' durch passiven Widerstand entgegentritt und damit seinen aktionistischen Sohn und die nicht minder tatendurstige eigene Besatzung enttäuscht, erstmals verfilmt.

Sehr interessant in dieser 1962er Version die Besetzung der Hauptrolle mit James Robertson Justice, der zu jener Zeit im internationalen Kino ja sehr populär war und interessante Charismatiker verkörperte, zum Teil auch mit gewichtigen 'Supporting-Roles' in wirklichen Hollywood-Großfilmen der finanziellen A-Klasse. So gesehen die sehr gute Besetzung einer Rolle, die wahrlich nicht jeder verkörpern kann. So hat man also Justice´ Europa-Abstecher gut nutzen können (er kam ja zu jener Zeit auch in England hervorragend an - im ersten Rutherford-Marple-Streifen als herrischer Mr. Ackenthorpe senior).

Filmsohn Michael Hinz ist ein perfekt passender Jung-Mime für den hitzigen, gerade erst reifenden Mann, der sich auf dem Schiff nolens volens auf den sehr guten Weg begibt, nach längerer Suche endlich seine Rolle im Leben zu finden.
Dagegen sind die Rollen der Nebenfiguren der Besatzung auf dem Schiff über weite Strecken fast ein wenig unbedeutend, bis sie denn im Laufe der Geschichte zwei, drei große Momente bekommen - und damit dann wundervoll auch die Berechtigung für die erfreulich prominente Besetzung gewinnen.

Für Werner Peters allerdings blieb leider im Grunde nur eine stärkere Szene, aber man kann eben nicht allen Figuren genügend Entfaltungsraum geben. Daher kann man dies eher als Feststellung denn als Kritikpunkt werten.
Auch Dieter Borsche zunächst unauffällig, seinen Charakter hinter der 'Vize-Mütze' versteckend, erst dann zupackend, als sein Charakter nachhaltig korrumpiert wird. Es ist zwar nicht so, dass er zu den Bösen überläuft (die Argumente, 'denen' zu helfen, um sich selbst zu helfen, sind durchaus schlüssig), aber er zeigt schon diese typische menschliche Eigenschaft, dass man sich Tatkraft auf die ein oder andere Art abkaufen lässt. Wenn man erstmal im Flow ist, wächst die Entschlossenheit - und wirkt im Finale bei Borsche fast wie die des David Judd in den 'toten Augen'... Hinter den zentralen Figuren also ein Part, der dem Autor sichtbar wichtig ist.

Pinkas Brauns vordringliche Aufgabe ist mutig zu zeigen, wie die unterdrückte Emotionalität in Grenzsituationen unangenehm ausbricht, das ist sehr menschlich beobachtet und konsequent ins Stück eingearbeitet.
Solide Nebenrollen verkörpern Günter Mack, Wolfgang Völz und Georg Lehn, deren Rollen nah an der Romanfassung gehalten wurde, sie sind auch in der neuesten Verfilmung wieder ähnlich angelegt worden.

Besonders wichtig für "Das Feuerschiff" von 1962 ist die Betrachtung der Schurken. Neben der Forums-Relevanz aller Film-Fieslinge dieser Zeit vor allem wegen der Krimi-Schwerpunktverlagerung, da die Vajda-Version zu den auftauchenden Schiffbrüchigen keine Frage offen lässt. Sondern wie in einem klassischen Kriminalfilm mit dem Verbrechen der Bande beginnt, nicht mit der widersprüchlichen Trostlosigkeit eines in Ketten liegenden Schiffs.

Helmut Wildts Krimi-Visage war ja prädestiniert für durchaus verschiedene Rollen im Genre, die vermuteten schauspielerischen Limits kamen in dieser gefälligen Rolle überhaupt nicht zum Tragen. Er interpretiert seinen Part mit der zugedachten Selbstgefälligkeit recht überzeugend, was auch ein Zeichen dafür ist, wie hervorragend diese spezielle Bösewicht-Rolle in der Vorlage angelegt ist. Die Figur ist so dankbar, dass jeder vernünftige Schauspieler etwas daraus gewinnen kann und jene Aspekte in den Vordergrund bringt, die seinen schauspielerischen Fähigkeiten am ehesten entsprechen. Interessant wird die Rolle durch die ehrliche Überzeugung, in der eigenen Zwangssituation in einer Art von Notwehr zu handeln, obwohl ja gerade dieser Charakter verantwortlich für das komplette Schlamassel ist. Axel Milberg (2008) war sicherlich vom Typus näher an Robert Duvall (1985), welcher seine Method-Actor-Skills natürlich am ehesten beim Herausarbeiten des exzentrischen Gangsters rüberbrachte, dessen Psyche für weitere Handlungen jede Überraschung zuzutrauen ist. Wildt zeigte uns dagegen einen dem klassischen Milieu entsprungenen Anführer einer Räuberbande, ausgestattet mit viel Routine und den Begabungen des erfolgreichen Straßenkämpfers.

Der junge Simon Martin, ein im Prinzip gänzlich unbekannter Mime, ist gar nicht schlecht als ein zum Mord getriebener Trauma-Patient, der sehr dazu beiträgt, eine Gleichförmigkeit der Bösewicht-Figuren zu vermeiden. Von Anfang an auf die Rolle des 'Killers bei Bedarf' festgelegt, bringt er den dafür angemessenen psychopathischen Hintergrund glaubwürdig mit.
Absoluter Vorzeige-Gangster und auf diesem Sektor ohnehin höchst zuverlässig: Sieghardt Rupp, der hier eine besonders schöne Figur hat, denn er darf nicht nur konsequent böse sein, sondern das üble Geschehen häufiger mit präzise eingesetzten Hohnlachern quittieren...... Sehr feine Unterstreichung eines insgesamt sehr gelungen skizzierten Gangster-Trios.

Insgesamt stellte Vajda die kriminalistischen Aspekte etwas stärker in den Vordergrund als die Lenzschen Grundmotive, was dem Unterhaltungswert des Films natürlich entgegenkam, den Freunden tief verständiger Literaturverfilmungen aber eher eine Enttäuschung bereitete.
Klar, das eher melodramatische Ende weist uns darauf hin, dass wir nicht einfach nur einen Krimi gesehen haben. Aber auf diesen dicken Schlußstrich muss man sich eben einlassen, genau wie man sich es mit dem nasskalt-unverwüstlichen Stoff und seiner aggressiven Grundstimmung bewusst behaglich machen muss, denn dann macht die Geschichte wirklich Freude. Siegfried Lenz, der gelegentlich auch mal gepflegte Langeweile verbreitete, also mal so richtig unterhaltsam und spannend, dieses Werk hätte ruhig als stärker genutztes Vorbild für ihn selbst - und auch für manch anderen 'schweren' Autor dienen dürfen....

In der Film-Version von 1985 konnten mit Brandauer und Robert Duvall zwei seinerzeit international sehr angesagte, große Stars für einen kleinen Film (jedenfalls gemessen an US-Verhältnissen) verpflichtet werden. Unter der Regie von Independent-'bird-of-passage' Jerzy Skolimowski vermittelte der Film den Gesamteindruck, dass die Unterhaltung professionell geklappt hat, dass man als Zuschauer aber eben nicht so sehr vom literarischen Inhalt, sozusagen von der Meta-Ebene, ergriffen wurde. Zwar ist der tiefe Sinn dieser Parabel, an allen Orten zu funktionieren, dennoch entstehen beim Heraustrennen aus dem erdachten Umfeld unweigerlich Reibungsverluste. Die Geschichts- und Story-Glättungen à la Hollywood tun ja häufig ihr übriges, wenngleich dieser Film mit Sicherheit zur besseren Hälfte amerikanischer Produktionen gehört. Zumal 'Vulkan' Brandauer im Zenit seines Schaffens diese Kapitäns-Rolle mit Zurückhaltung und beklemmender Glaubwürdigkeit angelegt hat.

Gefühlt wie gestern, doch vor inzwischen auch schon wieder zehn Jahren wurde dann die neue Version des NDR umgesetzt. Nur zu verständlich, dass das TV-Produkt im Vergleich zu den früheren Verfilmungen zwar sorgfältig angelegt, jedoch nicht mit dem höchsten Budget und nicht mit den überragendsten Schauspielern ausgestattet werden konnte. Axel Milberg genügt vielleicht schon höchsten Ansprüchen, die meisten Mitstreiter bewegen sich eher im Rahmen des üblich-soliden Fernsehkrimi-Niveaus. Jan Fedder als überregionaler Sympathieträger spielte hier seine beste Rolle, die schließlich ein Klassiker unter den 'Hanseatenrollen' ist - und die auszufüllen ihm auf seine älter werdenden Tage sichtbar am Herzen lag. Und doch bleibt Fedder bei aller Heimstärke eine Spur limitierter als Justice oder gar Brandauer... . Aber die TV-Arbeit von 2008 hat auch ihre Vorzüge. Die Geschichte wirkt sehr norddeutsch, man bewahrte sich das Ursprüngliche, das vom Autor Gewollte. Ein großer Moment in einer kleinen Szene ist das Auftauchen von Lenz persönlich als Angler. Ein sehr bewegender Moment, der Begriff 'Cameo' wird einer solchen Szene sicherlich nicht ganz gerecht. Auf jeden Fall ein würdiger Abschluss nach drei doch recht interessanten, eigenständigen Bearbeitungen einer ergiebigen Erzählung. Weitere Verfilmungen dürften nicht mehr nötig sein. Eigentlich....

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