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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 74 mal aufgerufen
 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 52

11.02.2018 19:26
#1 Der Unheimliche (1924) Zitat · antworten

Im neuen Bereich will ich auch gleich mal einen Roman vorstellen, der (zu Unrecht) nicht mal sonderlich bekannt sein dürfte:

Der Unheimliche

Originaltitel: The Sinister Man
Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung: 1924

Hauptpersonen:

Major Paul Amery - Chef einer Exportfirma ; der „Unheimliche“
Maurice Tarn - sein Geschäftsführer
Elsa Marlowe - eine Mitarbeiterin
Jessie Dame - noch eine Mitarbeiterin
Feng Ho - chinesischer Diener Amerys
Dr. Ralf Hallam - krimineller Arzt
Luise Hallam - seine Frau
Theophilus Tupperwill - Bankier
Inspektor Bickerson - Kriminalbeamter von Scotland Yard

Inhalt:

Der geheimnisvolle Major Paul Amery kehrt aus Indien zurück, um das Exportunternehmen seines verstorbenen Onkels zu übernehmen. Bei seinen Mitarbeitern gilt er als harter, unhöflicher Mann, der nicht sehr beliebt ist. Auch die Büromitarbeiterinnen Elsa Marlowe und Jessie Dame fürchten seine grobe Art. Und der chinesische Vertraute Amerys, Feng Ho, ist ein undurchschaubarer Geselle. Der bisherige Geschäftsführer des Unternehmens, Maurice Tarn, scheint in zwielichtige Geschäfte verwickelt. Tatsächlich ist er nicht nur der Vormund von Elsa Marlowe, sondern auch der Partner des kriminellen Arztes Dr. Hallam, welcher mit ihm zusammen einen Rauschgiftring betreibt. Doch es gibt auch noch eine zweite Rauschgiftbande, die Teil eines internationalen Netzwerkes ist, dessen Haupt ein mysteriöser Japaner namens Soyoka sein soll. Zwischen beiden Banden kommt es zum Konflikt, und während die erste „nur“ Rauschgift schmuggelt, schreckt die zweite auch vor Gewalt und Mord nicht zurück. Auf Dr. Hallam wird ein Mordversuch verübt. Der unermüdliche Inspektor Bickerson von Scotland Yard versucht Licht in das Dunkel zu bringen, doch auch er kann, obwohl vor Ort, wenig später den Mord an dem verdächtigen Maurice Tarn nicht verhindern. Elsa Marlowe, die ebenfalls am Tatort ist, verdächtigt Amerys Vertrauten Feng Ho, der Mörder zu sein. Ist der „Unheimliche“ Paul Amery vielleicht der englische Leiter von Soyokas Syndikat oder gar Soyoka selber ? Hat er die ganzen Gewinne seiner verbrecherischen Machenschaften in der Bank des dicken Bankiers Tupperwill versteckt ? Liegen hier auch die Gelder von Maurice Tarn ? Wieviel weiß Tupperwill davon ? Weitere dunkle Gestalten tauchen auf, etwa der brutale Stillman, offenbar ein Handlager der Kriminellen, aber auch Jessie Dames Vater oder Dr. Hallams Ehefrau spielen undurchsichtige Rollen. Es gibt weitere Opfer.
Obwohl sich Major Amery immer verdächtiger macht und alles andere als ein „Charmebolzen“ ist, beginnt Elsa Marlowe doch im Laufe der Zeit Gefühle für ihn zu entwickeln – und ihm geht es widerwillig offensichtlich ebenso. Irgendwann versteckt sie sogar Beweise für Amerys Schuld vor der Polizei, doch dann geraten beide plötzlich in tödliche Gefahr…

Kritik:

Als ich den Roman vor über zwanzig Jahren das erste Mal las, gefiel er mir gar nicht. Wahrscheinlich war er mir irgendwie zu „schmutzig“. Jetzt, beim zweiten Mal fand ich ihn wesentlich besser, ja, er dürfte gar ein unterschätztes Meisterwerk des Autors sein. Die Personen mit ihren Beziehungen zueinander sind nicht so leicht wie sonst bei Wallace zu durchschauen und auch nicht so eindimensional gezeichnet wie oft. Über dem ganzen Roman liegt ein sehr düsterer Zug, bei aller Wallace-typischen Klischeehaftigkeit ist doch eine realistische Schilderung der sich damals wohl gerade etablierenden Rauschgiftkriminalität zu spüren. Schon damals wurde auch im guten alten England skrupellos Geld mit dem Elend von Menschen gemacht, und die Nutznießer saßen nicht irgendwo in der Gosse wie die vielen gesichtslosen Handlanger, sondern in den Sesseln angesehener Mitglieder der gehobenen Gesellschaft. Nein, unrealistische „Cozy“-Stimmung kommt beim „Unheimlichen“ nicht auf, und Edgar Wallace ist auch nicht nur ein schluderiger Trash-Autor, als den ihn viele immer sehen. Beim „Unheimlichen“ schafft er es fast durchgängig, Spannung aufzubauen und neue Verwicklungen zu erzeugen, ohne den roten Faden zu verlieren. Weitere Morde oder Mordversuche geschehen, Gelder verschwinden und tauchen auf. Leider macht er auch seine typischen Fehler: mindestens ein großes Logikloch, ein paar wenig überzeugende Handlungsverknüpfungen, der undurchsichtige obligate Chinese und eine zwar nicht allzu kitschige, aber doch eher unwahrscheinliche Love-Story. Warum sich die nette Elsa Marlowe in den raubeinigen herrischen Major Amery verliebt, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Aber wahrscheinlich kannte sich Wallace mit der Psyche von Frauen auch besser aus als ich … :)
Immerhin stimmt es einen irgendwie versöhnlich, wenn sich der finstere Amery plötzlich Sorgen um Elsa macht, aber da ist beinahe schon zu spät. Schließlich lauert im Hintergrund ein skrupelloser Bösewicht, der die hübsche Elsa nicht nur als Zeugin beseitigen lassen will, sondern auch noch anderes, womöglich Schlimmeres, mit ihr vorhat. Was das ist, beschreibt der Autor zwar wie immer nicht direkt, lässt aber keinen Zweifel darüber aufkommen. Doch Amery gerät am Schluss selber mächtig in die Bredouille, sein Feind will ihn, soviel Spoiler sei erlaubt, buchstäblich zu Tode prügeln. Diese Stelle des Romans hat mich tatsächlich richtig gruseln lassen, auch weil Wallace die Szene in all ihren Vorbereitungen fast schon genüsslich beschreibt. Er lässt den Leser noch eine Weile im Unklaren, ist Amery nun tot, was ist mit dem Hauptübeltäter geschehen, der mittlerweile entlarvt ist? (Die Demaskierung des Hauptübeltäters dürfte den Wallace-erprobten Leser nun nicht all zu sehr überraschen). Und ganz zum Schluss wird noch die Identität eines Handlangers enthüllt, mit der man nun allerdings kaum gerechnet haben dürfte – ein unerwarteter und für Wallace eher untypischer Knalleffekt, der den Roman auch deshalb aus seinem Gesamtwerk abhebt. Schließlich klärt sich auch Major Amerys wahrer Charakter, und der dubiose Arzt Dr. Hallam nimmt ein anderes (milderes) Schicksal, als man vielleicht erwartet hätte. Was wird nun aus Major Amery und Elsa Marlowe? Auch im „Unheimlichen“ gilt immer noch: Ende gut, alles gut !
„Der Unheimliche“ sollte von jedem Krimiliebhaber mal gelesen werden.

Buch:

Ich habe mal eine offenbar gekürzte Goldmann-Jubiläums-Ausgabe gelesen sowie eine Sammler-Edition von Weltbild (zusammen mit dem Roman „Die toten Augen von London“). Da hat der Roman knapp 300 Seiten.

Verfilmung:

Der Roman wurde offenbar sehr werkgetreu schon mal in den zwanziger Jahren in Deutschland verfilmt.
Eine deutsche Nachkriegs-Verfilmung des Stoffes existiert nicht. Ob die Rauschgiftgeschichte in dem Wallace-Spielfilm „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ von 1961 aus dem eben besprochenen Buch übertragen wurde ? Wer weiss, zur Originalstory des Narzissen-Romanes gehört sie nämlich nicht. Aber das wissen nur die Produzenten.
Jedenfalls hätte sich die Story schön für eine der frühen Schwarz-Weiss-Verfilmungen der Sechziger Jahre geeignet. Ein paar kleine oder auch größere Änderungen hier und da, ein paar Leichen mehr (und leider wohl auch eine Verflachung der Handlung), und schon hätte man einen schönen Krimi gehabt, ohne die eigentliche Geschichte grundlegend umzuschreiben.

Gubanov Online




Beiträge: 15.362

11.02.2018 20:46
#2 RE: Der Unheimliche (1924) Zitat · antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Der Unheimliche

Eine deutsche Nachkriegs-Verfilmung des Stoffes existiert nicht.

Schöne Besprechung zum "Unheimlichen". Das Buch habe ich vor Jahren auch gelesen und als gesundes Mittelfeldwerk in Erinnerung. Viel ist mir aber leider nicht wirklich im Gedächtnis geblieben.

Zwar wurde das Buch nach 1945 nicht werkgetreu verfilmt, allerdings sollte man anmerken, dass es Titelgeber für einen Merton-Park-Wallace-Film von 1961 war, und dass die Rialto-Produktion "Im Banne des Unheimlichen" zunächst ebenfalls den Titel "Der Unheimliche" tragen sollte.

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