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Dieses Thema hat 15 Antworten
und wurde 961 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

20.01.2017 20:36
Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre

Die prüden 50er Jahre, waren das lustfeindlichste Kinojahrzehnt der deutschen Filmgeschichte.
War in den wilden 20ern, den 30ern und selbst noch 1940 nackte Haut und unverhohlene Erotik im Film durchaus kein Skandal und erst recht keine Besonderheit, sah das 6 Jahre nach Kriegsende schon ganz anders aus.



Wegen einer von Hildegard Knef entblößten Brust im Film „Die Sünderin“ liefen die Moralwächter Sturm und sahen die sittliche Entwicklung der Jugend gefährdet.
Angesichts von kaum vergangenem Weltkrieg und Völkermord muss man sich heute wundern über welche Sachverhalte man 1951 auf die Barrikaden ging.
Während der französische Film mit „Und ewig lockt das Weib“ von 1956 mit Brigitte Bardot ein neues Sexsymbol hatte, das immerhin den deutschen Curd Jürgens verlocken durfte, bedarf es Deutschland noch eines Anstoßes von Außen, bis die Hüllen fallen dürfen.

Der Tod der Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt und die darauf 1958 und 1959 erschienenen Spielfilme „Das Mädchen Rosemarie“ und „Die Wahrheit über Rosemarie“,(Unsterblich im Film: Rosemarie Nitribitt (2))
befriedigten den Voyeurismus der Bundesdeutschen und zeigten, quasi durchs Schlüsselloch,
nackte Haut und sittenwidriges Verhalten, gerne mit erhobenem moralischem Zeigefinger. Diese Entwicklung setzte sich in den nächsten Jahren der 50er und auch in den 60er Jahren fort.
Zum einen setzten Filme wie „Madeleine Tel: 13 62 11“ von 1958 mit Eva Bartok in der Hauptrolle auf das bewährte Sujet des Callgirls, andere Filme warben mit schwülstigen Titeln wie „Die junge Sünderin“ von 1960, der an den „Skandalfilm“ mit Hildegard Knef denken ließ und der mit Karin Baal, der „Nachfolgerin“ der Rosemarie aus dem Film von 1958, gewisse Erwartungen weckte, die die harmlosen Jungmädchenabenteuer aber nicht hielten.
Nackte Haut indes wurde immer selbstverständlicher als pikante Zutat in diversen Genres eingesetzt, so zum Beispiel in Brian- Edgar- Wallace- Filmen, in denen Soho als Schauplatz auch Synonym für erotisch- exotische Unterhaltung und käufliche Liebe ist.



Ziemlich zeitgleich begann mit dem Film „Polizeirevier Davidswache“ von 1964, St. Pauli erneut ins Blickfeld der Filmemacher zu rücken. Werden in diesem Film Rotlichtszenen noch unaufgeregt als Realität des Kiez` gezeigt, wird der Anteil von nackter Haut und tristem Sex in kommenden St. Pauli- Filmen immer häufiger als reiner Selbstzweck inszeniert.



Anders in Frankreich wo Louis Bunuel mit „Belle de jour“ 1967 neue Maßstäbe im erotischen Spielfilm setzte. Bunuel, der gemeinsam mit Dali bereits 1928 Erfahrung mit Tabubrüchen gesammelt hat („un chien andalue“) inszeniert ästhetisch und hocherotisch die masochistischen Obsessionen einer Frau (Catherine Deneuve) deren erotische Tagträume von Fesselung, Züchtigung und Demütigung sie in ein Bordell führt, wo sie als Schöne des Tages ein Doppelleben führt.

Der absolute Tiefpunkt deutscher „Erotikfilme“ ist mit dem Beginn der Schulmädchenreporte und Lederhosenfilme erreicht, die ab 1970 mit stupidem rein-raus das Ende der Erotik einläuteten.

In diesem thread sollen die Filme Beachtung finden, die auf subtile Weise jenseits schwülstiger Erotik und tristem Sex, das deutsche Kino bereichert haben.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

20.01.2017 20:47
#2 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Das große Liebesspiel 1963

Hildegard Knef, Walter Giller, Thomas Fritsch, Alexandra Steward, Martin Held, Daliah Lavi, Peter van Eyck, Nadja Tiller, Peter Parten, Danièle Gaubert, Angelo Santi, Lilli Plamer,
Paul Hubschmidt, Elisabeth Flickenschild, Charles Regnier, Fritz Tillmann, Gisela Trowe

Regie: Alfred Weidenmann
Drehbuch: Herbert Reinecker
Musik: Charly Niessen

Das große Liebesspiel, ist erschienen als DVD bei filmjuwelen , Spieldauer 126 min.





Am Anfang war Arthur Schnitzlers „Der Reigen“, ein Theaterstück, das 1920 in Berlin uraufgeführt wegen seiner Freizügigkeit für Furore und mehr noch für einen handfesten Theaterskandal sorgte. Seit 1950 wurde das Stück immer wieder verfilmt .
1951 schrieben die Österreicher Michael Kehlmann, Helmut Qualtinger und Carl Merz eine in die Gegenwart versetzte Persiflage mit dem Titel „Reigen 51“.
„Das große Liebesspiel“ ist die filmische Umsetzung dieses Theaterstücks, das in deutsch- österreichischer Koproduktion mit großem Staraufgebot realisiert wurde.
Dieser Ensemblefilm besteht aus mehreren Liebesepisoden, die lose ineinander übergehen.
Charly Niessen, ein bedeutender Schlagerkomponist der 50er und 60er Jahre steuerte mit „Eins und eins das macht zwei“, einen Evergreen bei. Der Titel, von Hildegard Knef gesungen, ist als Instrumentalversion auch die begleitende Filmmusik.

Im Booklet zur DVD steht zum Inhalt folgendes:
Zwölf Liebesepisoden, bei denen „Der Reigen“ Pate stand: Callgirl und Polizist, Callgirl und Schüler, Schüler und Rektorengattin, Rektor und Sekretärin, Sekretärin und Chef, Chef und geschiedene Frau des Chefs, geschiedenen Frau des Chefs und Student, Student und Französin, Französin und Gastarbeiter, Gastarbeiter und Schauspielerin, Schauspielerin und Diplomat, Diplomat und ältere Dame, Diplomat und nochmals das Callgirl.
(Was tatsächlich 13 Begegnungen ergibt.)

Dieser Film verzichtet auf voyeuristische Einblicke und moralischen Impetus.
Wurde er auch mit den Werbeslogans „delikat- charmant- amourös“ und „delikat- charmant- witzsprühend, das ewig menschliche Liebesspiel in verbotenen Paradiesen“ beworben, so erscheint dieser Film weder delikat noch erscheint er witzsprühend.
Ganz im Gegenteil, der Film zeigt menschliches Begehren, das Sehnen nach Liebe, die Lust am Abenteuer auf fast sachliche und zutiefst menschliche Art und Weise.
Es werden keine Einblicke durch das Schlüsselloch gewährt, dafür aber Einblicke in die Seelen der Protagonisten, dass macht diesen Film aus.
Das völlige Fehlen eines Urteils, oder gar einer Verurteilung des gezeigten menschlichen Verhaltens, die Selbstverständlichkeit, mit der eben dieses menschliche Verhalten vorausgesetzt wird, sorgte dafür, dass der Film eine Altersfreigabe erst ab 18 erhielt.
Gezeigt werden Menschen, die Lust an der Lust empfinden, die sich aneinander erfreuen, die sich unglücklich machen, die ausgelassen, verzweifelt, glücklich, desillusioniert und zutiefst traurig sind.
Dieser Film setzt auf leise Ironie und lakonische Töne.

Da haben wir zum einen den Schulrektor (sehr gut dargestellt von Martin Held), der so in sein eigenes strenges Regelgerüst eingebunden ist, dass er seine junge Frau, die er offensichtlich begehrt, kaum zu berühren wagt, weil er damit aus seiner selbst gewählten Rolle des stets korrekten Herrn fallen würde. Erst weg von zu Hause, erlaubt er sich, nach dem reichlichen Genuss von Alkohol, fühlen zu dürfen was er fühlt. Durch das Trinken, hat er die Rechtfertigung, nicht er selbst gewesen zu sein.

Nadja Tiller gibt eine großartige Vorstellung der geschiedenen Frau des Chefs.
Sie zeigt den Gefühlsreichtum einer verzweifelt liebenden Frau, die peinlich bemüht ist, das hinter einer kühlen Fassade zu verbergen (was für ein Unterschied zu ihrer Darstellung der „Rosemarie“.)
Sie gibt sich ihrem geschiedenen Mann hin, wissend, dass er ihre Verwundbarkeit nur ausnutzt, doch ist dies die einzige Möglichkeit sich der Illusion hinzugeben, dass es noch nicht vorbei ist. Doch es ist vorbei, weswegen sie eine heimliche Affäre mit einem Studenten beginnt, in der sie versucht die Kontrolle zu behalten. Der Chef hingegen (Peter van Eyck) ist selber ein zerrissener, der echter Gefühle kaum fähig ist, und der allein in der „Jagd“, Befriedigung findet.

Lilli Palmer, spielt die selbstbewusste Schauspielerin, die sich sexuell selbst bestimmt ohne falsche Scham und falsche Romantik, die Männer nimmt die sie will. Sie tut das so charmant, dass ihr das wahrscheinlich nicht mal die strengen deutschen Sittenwächter übel nehmen konnten.

Der Diplomat (Paul Hubschmidt), eine ihrer Eroberungen ist mit einer älteren Dame liiert.
Elisabeth Flickenschild erhielt für diese Rolle hochverdient, das Filmband in Gold.
Sie trennt sich von dem Mann den sie liebt, ehe er es tut. Sie ist viel älter als er und weiß, das die gemeinsame Zeit vorbei ist. Sie fällt diese Entscheidung, weil ihre Selbstachtung es ihr gebietet. Die vage Hoffnung er möge diese Entscheidung nicht akzeptieren zerplatzt. Sie bleibt traurig und verlassen zurück.

Alle Schauspieler dieses außergewöhnlichen Ensembles machen ihre Sache gut.
Herausragend ist für mich jedoch Hildegard Knef als Callgirl.
Sie eröffnet den Reigen mit dem Polizisten (Walter Giller) und dem jungen Schüler (ganz bezaubernd Thomas Fritsch), und sie beschließt ihn mit dem Diplomat.
Ihre Darstellung eines Callgirls ist weder schlüpfrig, noch anstößig, noch delikat. Sie ist eine moderne, selbst bestimmte, charakterstarke und unsentimentale Frau, die genau weiß wie das Leben ist auch wenn sie wünschte es wäre anders.

Das von Hildegard Knef am Anfang und Ende des Films vorgetragene Lied „Eins und eins das macht zwei“ transportiert die Handlung und die Stimmung des Film auf geniale Weise, deswegen möchte ich der unvergleichlichen Hildegard Knef auch das letzte Wort überlassen:

Eins und eins, das macht zwei,
drum küss und denk' nicht dabei,
denn denken schadet der Illusion.
Alles dreht sich, dreht sich im Kreis,
und kommst du mal aus dem Gleis,
war's eben Erfahrung
– anstatt Offenbarung –
was macht das schon.


Der Mensch an sich ist einsam
und bleibt verlassen zurück.
Sucht man sich nicht gemeinsam
ein kleines Stück von dem Glück;
dem Glück, das man mit Füßen
ein ganzes Leben lang trat,
das man mit ein paar Küssen
plötzlich zuhause hat.

Eins und eins, das macht zwei,
drum küss und lächle dabei,
wenn dir auch manchmal zum Heulen ist.
Glücklich, wer das Heute genießt
und, was vorbei ist, vergisst.
Es kommt, wie es kommen muss:
Erst kommt der erste Kuss,
dann kommt der letzte Kuss,
dann der Schluss.


Mein Fazit: Wenn der Film auch ein paar Längen hat, mich hat er sehr angesprochen und berührt. Deswegen gibt es von mir 4,5 von 5 Punkten.

Jan Offline




Beiträge: 1.232

21.01.2017 00:00
#3 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Interessanter Thread! Sieht man einmal von den einschlägigen Aufklärungsfilmern ab, so war ein wesentlicher Wegbereiter des sexuell aufgeladenen deutschen Films jener Jahre sicher Rolf Olsen, der mir hier noch eher in den Sinn kommt als der m.E. völlig überbewertete Rolf Thiele. Sexploitation baute Olsen schon ab ca. Mitte der 1960er Jahre in seine Filme ein. Die St.-Pauli-Filme, an denen sich später auch Jürgen Roland oder Alfred Vohrer ohne allzu viele Hemmungen beteiligten, kann man sicher als einschlägige Einschnitte diesbezüglich ansehen. Aber auch bereits Jahre zuvor finden sich überraschend freizügige Szenen in den Hamburg-Filmen: Beispielsweise inszenierte der ansonsten kreuzbrav filmende Eugen York bereits 1957 in seinem Hans-Albers-Vehikel "Das Herz von St. Pauli" überraschend freizügig "oben ohne" (also nicht sich selbst, sondern seine Darstellerin). Für die Dekade durchaus bemerkenswert.

Mit Erotik hatte das alles sicher wenig zu tun - eher mit Sex und mit Berechnung. Die Hemmungen fielen dann nach und nach ab spätestens Mitte der 1960er Jahre immer mehr. Wallace ist ja auch ein gutes Beispiel.

Gruß
Jan

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

21.01.2017 18:52
#4 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Zitat von Jan im Beitrag #3
Beispielsweise inszenierte der ansonsten kreuzbrav filmende Eugen York bereits 1957 in seinem Hans-Albers-Vehikel "Das Herz von St. Pauli" überraschend freizügig "oben ohne"


Stimmt, da gibt es unter anderem Gerd Fröbes "Bein- Casting" und ziemlich frivole Szenen, in denen männliche Gäste in einem Etablissement, den Damen mittels einer Angel die Bhs, vom Leib pflücken.
Das wirkt jedoch ziemlich piefig und bemüht.
Ich muss gestehen, ich habe den Film aber nicht mehr so ganz in Erinnerung.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

28.01.2017 14:04
#5 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Verführung am Meer (Ostrva), Deutschland, Jugoslawien 1963

Peter van Eyck, Elke Sommer u.a.m.

Regie: Jovan Zivanovic
Drehbuch: Yug Grizely, Rolf Schulz
Produzent: Artur Brauner

„Verführung am Meer“ ist erschienen als DVD bei PIDAX FILM KLASSIKER , Spieldauer 76 min.





Eva, eine junge Studentin, hat eine Verabredung im winterlichen Berlin.
Eine ältere Dame hat einen Auftrag für sie. Eva, die nach eigenen Angaben nicht für viele Aufgaben taugt, erhält 2000 DM und die Aussicht auf weitere 2000, wenn sie den Auftrag, der nicht weiter benannt wird und sie in sonnige Gefilde führen soll, erfolgreich zum Abschluss bringt.

Schon bald darauf befindet sie sich auf einem Schiff, dass Kurs auf die dalmatische Küste nimmt. Sie bezieht dort ein Hotel und sieht sich in dem kleinen Küstenort um, wo sie die Aufmerksamkeit eines jungen Gigolos auf sich zieht.
Ausgerüstet mit einer Landkarte und einem gemieteten Motorboot nimmt sie Kurs auf eine verlassen aussehende Insel. Sie ignoriert ein Schild, dass die Insel als Privateigentum ausweist und das Baden verbietet.
Ihre Reize präsentierend, sonnt sie sich am Strand, doch bald zerreißen Schüsse die Luft und zwei Hunde werden auf die ungebetene Besucherin gehetzt.

Am nächsten Tag sieht man Eva erneut Kurs auf die Insel nehmen, wo sie sich furchtlos und trotzig erneut zum Sonnenbaden niederlässt, nachdem sie ihrerseits ein Schild aufgestellt hat, dass den Besitzer der Insel auffordert, doch nicht auf sie zu schießen, da sie doch nur Baden wolle.
Sie schläft ein und wird von einem Unwetter überrascht. Die Stimme eines Mannes lässt sich hören, die ihr sagt, sie solle in der Hütte Schutz suchen. Auf dem Weg zur Hütte simuliert Eva einen Sturz und lässt sich von dem Unbekannten „retten“, der sie in seine Hütte bringt und ihren vermeidlich verstauchten Fuß widerwillig versorgt.
Doch dann lässt er sie wieder allein und Eva verlässt die Insel, doch nicht ohne sich vom Fremden zu verabschieden, der das erste Mal mit ihr redet.
Eva versteckt ihre Schwimmflossen und fährt zurück in den Ort.

Im Hotel nimmt sie einen Anruf von ihrer Auftraggeberin entgegen, der sie bestätigt, dass der Fisch bald anbeißen wird. Eva scheint mit sich selber ganz zufrieden zu sein, als sie im Hotelzimmer in ihren 2000 DM „badet“. Sie geht abends aus, und zahlt dem jungen Gigolo 100 DM für seine Gesellschaft.



Am nächsten Tag begibt sich Eva wieder auf die Insel um nach ihren „vergessenen Flossen“ zu suchen, der Mann jedoch hat ihre Tricks längst durchschaut.
Das ändert jedoch nichts daran, dass sie sein Interesse wecken konnte.
Nach dem er sie weggeschickt hat, schwimmt er ihr nach um ihr zu sagen, sie müsse bleiben.
Nun gibt sie sich wiederum zögerlich und abweisend, was ihn dazu veranlasst, von ihr abzulassen.
Es beginnt ein subtiles und sinnliches Spiel um Kontrolle und Dominanz, bei dem nicht klar ist, wer mehr Macht über den anderen ausübt.
Sie verbringen den Nachmittag als Liebespaar.
Er will, dass sie bleibt, doch sie fährt zurück in den Ort.



Erneut trifft sie den Gigolo. Doch ihre Selbstzufriedenheit hat gelitten. Ihrem junger Begleiter, der verwirrt registriert, daß er nicht weiß wofür er ihr Geld bekommt, hält sie entgegen, dass es gar nicht so leicht sei sich zu verkaufen.
„Du musst wissen, wie du mich zu nehmen hast, dafür bezahle ich dich ja.“

Am nächsten Tag, kommt sie wieder auf die Insel, der Mann ist glücklich. Er ist bereit das Alleinsein aufzugeben und seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch dann ertappt er Eva dabei, wie sie sein Tagebuch liest und reagiert verletzt und unwirsch. Sie versucht ihm begreiflich zu machen, dass es für sie wichtig ist, zu wissen wer er ist, was er nicht versteht.
Ihn interessiere nur das heute, nicht das gestern. Er will nichts über sich preisgeben.
Eva die sich längst verliebt hat, reagiert ihrerseits verletzt, da er auch nichts über sie wissen möchte und sie deshalb das Gefühl hat, dass es ihm nur um ihren Körper, nicht aber um ihre Person geht. Doch wird ihr klar, dass es angesichts des wahren Grundes für ihren Aufenthalt, wahrscheinlich auch für sie besser ist, die Vergangenheit nicht zu thematisieren.
Als er sich entschließt, ihr sein Tagebuch zum Lesen zu geben, will sie es nicht mehr. In einem befreienden Akt, wirft er es ins Meer.

Eva und der Mann verbringen sieben Tage auf der Insel, in ihrer eigenen Welt und eigenen Realität. Er will das Eva bleibt, sie will, dass er mit ihr zurück ins Leben kommt.
In einem letzten halbherzigen Bemühen, versucht er Eva klarzumachen, dass er möglicherweise der falsche Mann für sie ist, denn er sei schwierig, schweigsam, ohne Charme, grob und müde. Eva wischt seine Bedenken beiseite, sie habe einen Mann wie ihn immer gesucht.



Sie wollen noch am selben Abend ein Schiff nehmen um Dalmatien gemeinsam zu verlassen. Eva, die im Hotel ihre Sachen zusammenpacken will, wird dort bereits von ihrer Auftraggeberin erwartet.
Nun endlich wird das Rätsel um die selbstgewählte Einsamkeit des Mannes und um Evas Auftrag gelöst.
Wie sich zeigt, ist die geheimnisvolle ältere Dame, die Mutter des Mannes.
Ihm, der einst ein strebsamer und vielversprechender Akademiker war, der an Frauen und Vergnügungen nie Interesse gezeigt hat, führte seine Mutter eine Frau zu, die er heiratete und die ihn, wider Erwarten ganz erfüllte. Das war der kontrollsüchtigen Mutter auch nicht recht, denn sie sah die Karriere des Sohnes gefährdet.
Aus diesem Grund setzte sie, mit Erfolg, einen Liebhaber auf die Ehefrau an, den ihr Sohn im Bett mit seiner Frau erwischte.
Er schoss auf den Mann, musste ins Zuchthaus und verkroch sich nachher auf dieser Insel.
Eva sollte alles tun um ihn zurück zu holen.

Eva, angewidert von der Frau und sicher auch von ihrem eigenen Anteil an dieser schmutzigen Komödie, wirft ihr das bereits ausbezahlte Honorar vor die Füße und will nur noch weg, um dem Mann den sie liebt, die Wahrheit über ihre Rolle in diesem Stück zu ersparen.
Er jedoch wollte sie abholen und hat genug gehört um zu wissen, welches infame Spiel seine Mutter zu verantworten hat und um zu wissen, dass Eva sich davon distanziert hat.
Eva die das Hotelzimmer flüchtet wird von ihm an der Mole gefunden.
Die Turmuhr schlägt zwölf.
Ein neuer Tag beginnt, das Gestern ist vorbei. Ihn interessiert nur das Heute. Er nimmt sie mit zurück auf ihre Insel.




Ich bin zufällig auf diesen Film gestoßen, habe ihn zum ersten Mal gesehen und kann diesen Umstand gar nicht verstehen.
Wieso ist dieser Film nicht viel bekannter?
Fast ist er ein Kammerstück, der von der eindringlichen und aufrichtigen Darstellung Peter van Eycks und dem trotzig, verletzlichen Spiel Elke Sommers lebt.

Elke Sommer die 1963 bereits auf zahlreiche Filmproduktionen verweisen konnte und bereits den Status einen Sexsymbols hatte, zeigt in diesem Film viel nackte Haut. Sie räkelt sich im Hotelbett, schwimmt nackt im Meer und sonnt sich unbekleidet.
Dennoch gelingt es Regisseur und Kameramann, dies ästhetisch und sinnlich statt schlüpfrig und schwül in Szene zu setzten.
Darüber hinaus kommen in diesem Film nicht nur die Herren der Schöpfung auf ihre Kosten sondern auch die Frauen.
Peter van Eyck, eine feste Größe im deutschen Film, macht in „Verführung am Meer“ nicht nur eine gute Figur, er hat sie auch und darf sie zeigen.
Nie hat er mir in einer Rolle besser gefallen.
Er ist aufregend lässig, geheimnisvoll und erfreulich ungebügelt.
Sein schweigsamer, schroffer und leidenschaftlicher Charakter kontrastiert zu Elke Sommers impulsiver Weiblichkeit. Die Unterschiede der Charaktere, wie auch die Unterschiede in männlicher und weiblicher Wahrnehmung sind fein gezeichnet und psychologisch überzeugend.
Der Mann, der Vormittags sich selber und Nachmittags die ganze Welt hasst und die Frau, die für Geld fast alles macht, offenbaren Stückchenweise mehr von ihrem vielschichtigen und verletzlichen Wesen.



Es werden wundervolle Momente voll Intimität gezeigt.
Das sind nicht nur die Kuss und Liebesszenen am Strand und im Wasser, sondern vielmehr die kleinen privaten Momente, wie sie jedes Paar kennt.
Es ist die Art wie sie ihm beim Rasieren zusehen möchte, während sie seinen Pullover trägt und das fast kindliche Rollenspiel, in dem sie auf ihrer einsamen Insel, wie ein etabliertes Paar in Gesellschaft agieren.
Die „Verführung“ im Filmtitel darf wörtlich genommen werden. Es verführen sich nicht nur die Protagonisten, auch der Zuschauer wird verführt.

Der Deutschen Sehnsucht nach Wärme und Ferne kommt der Film ebenfalls entgegen. Die wunderschöne weite dalmatische Kulisse steht in krassem Gegensatz zur anfänglichen Szenen im kalten, hektischen, abweisenden Berlin. Anstelle von vorbeihastenden Menschenmassen gibt es auf der Insel außer dem Liebespaar nur die beiden Hunde des Mannes und eine Ziege.
Es gibt keine hohen Häuser, nur eine windschiefe Hütte. Auf der Insel gibt es genug Raum für das Wesentliche.



Das Schönste aber ist der Schluss. Nie hätte ich bei diesem Film ein happy end erwartet, aber wie sehr habe ich es beiden gewünscht!
Ungetrübt happy ist es zwar nicht, dafür hat Eva zu viel mit sich auszumachen und der Mann muss verkraften, dass er in der Vergangenheit zu oft manipuliert worden ist.
Doch ist er ein starker Mann der weise genug ist, aus einer akuten Verletzlichkeit heraus, nicht sein Glück gehen zu lassen, und sie ist mutig genug, ihm zu vertrauen und sich von ihm zurück auf ihre Insel führen zu lassen.
Wie schön.....

Mein Fazit: Ein sinnlicher und fesselnder Film der ganz besonderen Art. Dieser Film ist ein kleines Meisterwerk, deshalb gibt es von mir 5 von 5 Punkten.

Giacco Offline



Beiträge: 1.474

28.01.2017 16:13
#6 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

"Verführung am Meer" wurde am 16.8.1963 vom "Europa-Filmring" gestartet. Der Film war kein Publikumserfolg und landete mit der Film-Echo-Note 4,5 (bei 29 Meldungen) im hinteren Mittelfeld der Erfolgsrangliste, befand sich aber in guter Gesellschaft zwischen Alfred Vohrers "Ein Alibi zerbricht":4,5 (43) und Miss Marples "Wachsblumenstrauß": 4,5 (23)

Allein durch die Ausgangsposition "Mädchen verkauft sich, wenn das Geld stimmt" und dadurch, dass sie am Ende dafür nicht einmal "bestraft" wird, praktiziert der Film einen Umgang mit Sexualität und Geschlechterrollen, der im Widerspruch zu den Moralvorstellungen der damaligen Zeit stand. Zudem war der jugoslawische Regisseur Zivanovic in Deutschland völlig unbekannt. Deshalb haben viele Kritiker sich wahrscheinlich gar nicht die Mühe gemacht, mal etwas genauer hinzuschauen und sich ernsthaft mit dem Film auseinanderzusetzen.
Hier ein Beispiel:

"Nur zwei Darsteller "beherrschen" die ebenso romantische wie sentimentale Handlung: Elke Sommer und Peter van Eyck. Die ersten paar hundert Meter gehören der attraktiven Elke Sommer. Mit gewaltiger blonder Mähne streift sie durchs felsige Gelände, macht rührend "Wau-Wau", während sie die beiden Schäferhunde füttert und zeigt erstaunliche Fähigkeiten, über und unter Wasser zu küssen. Peter van Eyck schert sich den Teufel um den Altersunterschied und spielt den seelisch auftauenden Mann mit der müden und blassen Arroganz des arg gereiften Liebhabers. - Bei aller Spekulation mit dem Sex: eine Elke macht noch keinen Sommer (an der Kinokasse)...

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

28.01.2017 17:31
#7 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Zitat
Peter van Eyck schert sich den Teufel um den Altersunterschied und spielt den seelisch auftauenden Mann mit der müden und blassen Arroganz des arg gereiften Liebhabers.



Interessantt, dass der Altersunterschied thematisiert wird.ca.
Wenn der 50 jährige Rudolf Prack mit der ca. 30 Jahre jüngeren Sonja Ziemann oder später mit der ebenfalls ca. 30 Jahre jüngeren Marianne Koch sein Filmglück fand, haben die Kinozuseher das augenscheinlich nicht negativ bewertet.
Die Beispiele ließen sind endlos fortsetzten.

Danke Giacco für den interessanten Beitrag. Es ist immer spannend zu erfahren, wie Filme von ihren Zeitgenossen oder in dem Fall den zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

08.02.2017 01:52
#8 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

"Die Sünderin", Deutschland 1951

Hildegard Knef, Gustav Fröhlich u.a.m.

Regie: Willi Forst
Drehbuch: Willi Forst, Georg Marischka, Gerhard Menzel

"Die Sünderin" ist erschienen als DVD u.a. bei ARTHAUS , Spieldauer 87 min.






Die erste Filmvorstellung in diesem thread, hätte eigentlich diesem Film gebührt,
denn er läutete den Sündenfall im bigotten deutschen Nachkriegskino ein.
Sturm lief vor allem die katholische Kirche, die eine FSK- Freigabe verhindern wollte.
Dennoch kam der Film zur Aufführung, was Demonstrationen und tumultartige Szenen zur Folge hatte.
In einigen Städten wurden die Vorführungen unter Polizeischutz gestellt.
Was war der Grund für diese unentschuldbare Verletzung des „gesunden deutschen Volksempfindens“?

Willi Forst, Bel Ami und Operettenregisseur, der mit leichter Hand larmoyante Filme zu drehen wusste deren Frivolitäten harmlos genug waren, dass selbst die Nazis keinen Anstoß daran nahmen, und der einigermaßen unbelästigt seine Boulevardkomödien selbst im 3. Reich produzieren konnte, beschritt mit "die Sünderin" Neuland.
Das Melodram beginnt mit dem Ende. Dem Ende einer Liebe und dem Ende eines Lebens.
Marina (Hildegard Knef), eine junge Frau, leistet ihrem todkranken Lebensgefährten Alexander (Gustav Fröhlich) Sterbehilfe.
Während sie auf das Ende wartet, lässt sie sowohl die Geschichte ihrer Liebe als auch die Geschichte ihres Werdegangs Revue passieren.



Sie, eine Tochter aus gutem Haus, wird als junges Mädchen von ihrem Stiefbruder verführt. Ihre Mutter, die ihren Mann fortwährend betrügt, gibt ihr das Beispiel einer leichtlebigen Frau, die wechselnde Herrenbekanntschaften sucht, die ihr Geld und schöne Kleider einbringen. Ihrem Beispiel folgt Marina. Sie wird eine Lebedame, oder sagen wir besser eine Edelnutte, mit ständig wechselnden Begleitern, bis sie eines Nachts auf den vollkommen heruntergekommenen Maler Alexander trifft, den sie aus Mitleid aufliest, wie einen herrenlosen Hund.
Sie verliebt sich in ihn, ein Gefühl, dass ihr bisher fremd war. Alexander blüht auf und Marina ändert ihr Leben von Grund auf. Doch die Liebe bleibt nicht ungetrübt. Alexander, der an einem Gehirntumor leidet, wird über kurz oder lang erblinden und schließlich sterben. Er hat nicht vor, das Ende abzuwarten und hat zu diesem Zweck Veronal bei sich, um selber entscheiden zu können, wann und wie er aus dem Leben scheidet.
Marina hat fortan nur ein Ziel, den geliebten Mann glücklich zu machen.
Sie reist mit ihm nach Italien, wo sie zuerst sehr glücklich sind, bis Alexanders Schmerzen unerträglich werden und die ersten Sehstörungen auftreten. Marina will ihm zu neuen Lebensmut verhelfen, in dem sie eines seiner Bilder verkauft, aber keine Galerie ist interessiert.
Nur ein Galerist ist bereit das Bild abzunehmen, kaufen allerdings will er Marina.
Sie lässt sich auf dieses Geschäft ein.
Marina hat, so kann man sagen, an der Seite Alexanders ihre Unschuld zurückgewonnen, auch wenn sie sich prostituieren mag, denn das hat auf ihre Psyche keinen Einfluss. Es ist, so sagt sie selber, lediglich als ginge man durch Dreck.
Tatsächlich gibt das vermeidlich verkaufte Bild Alexander Auftrieb.
Er lässt sich dazu überreden mit Marina zurück nach Deutschland zu fahren, um sich einer riskanten aber immerhin möglichen Operation zu unterziehen.
Marina die 4000 Mark für die Operation braucht, ist bereit sich wieder zu prostituieren, was sie nicht mehr kann. Doch das Schicksal, lässt sie auf Alexanders Arzt, selber einen Todgeweihten, treffen. Er ist bereit die Operation kostenlos durchzuführen.
Die Operation scheint gelungen, das Paar ist glücklich. Alexander malt wieder, besser als je zuvor. Er malt nur Marina, vor allem als Akt und verkauft plötzlich alles was er produziert. Doch der Tumor konnte nicht ganz entfernt werden, Alexander erblindet. Er weiß, dass die Zukunft Schmerzen und den Verlust seines Verstandes mit sich bringt. Marina, die versprochen hatte ihn nie im Stich zu lassen, tötet ihn auf Verlangen und geht dann ihrerseits in den Freitod.

Was haben wir also?
Zum einen eine junge Frau, die von der Freigiebigkeit ständig wechselnder Begleiter lebt, weil sie „das gute Leben“, Wohlstand und schöne Kleider zu schätzen gelernt hat und sich später erneut prostituiert um ihren Geliebten zu retten.
Allerdings eine unerhörte moralische Entgleisung in einem Land, in dem ein nicht unerheblicher Anteil der weiblichen Bevölkerung intime Beziehungen zu Besatzungssoldaten unterhielt, weil sie mehr Leichtigkeit in ihrem Leben wollten und möglicherweise auch Nylonstrümpfe, Kondensmilch, Schokolade, amerikanische Zigaretten usw.
Dann haben wir die erste Splitterfasernackte im deutschen Kinofilm, die kurz gezeigt wird. Bis dato hatten immerhin kleine Stücke Stoff die ein oder andere Blöße bedeckt.
Schlussendlich wird eine mutige Frau gezeigt die eigenständig Entscheidungen trifft und dabei nur ihrem Gewissen verpflichtet ist. Diese Entscheidungen beinhalten Sterbehilfe und Selbstmord.

1951 gab es mit 5 Millionen Arbeitslosen (das Wirtschaftswunder sollte noch auf sich warten lassen), zahllosen Kriegsversehrten, unzähligen Witwen und Waisen und Flüchtlingen die nach wie vor in elenden Notbaracken leben mussten, wahrlich andere Themen, die auf der Agenda hätten stehen müssen, aber im Januar gab es nur noch „Die Sünderin“.
Hätten die Kirchenvertreter angesichts des Genozids an der jüdischen Bevölkerung, den Konzentrations- und Vernichtungslagern, der Euthanasie und Hitlers Weltkrieg nur halb so laut von den Kanzeln gewettert, wäre es um die moralische Glaubwürdigkeit der Deutschen vielleicht nicht ganz so finster bestellt gewesen.
Heute ist kaum nachvollziehbar, wieso die moralische Entrüstung so groß war, aber auch Willi Forst selber stand diesem Sturm der Entrüstung indigniert bis fassungslos gegenüber.
Er hatte "Die Sünderin" nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt.

Tatsächlich glaube ich, dass es eben nicht nur die Nacktszene und auch nicht Sterbehilfe und der thematisierte Selbstmord alleine waren, die für diesen Aufruhr gesorgt haben.
Das neue Selbstbewusstsein der Frauen, die sich oft ohne Ehemann und Ernährer um ihre Familien und den Wiederaufbau kümmern müssen, ist den Männern, die als Geschlagene aus dem Krieg zurückkamen nicht nur suspekt sondern bereitete auch Angst.
Ergo wird gerade im Film, genauso wie übrigens auch in Printmedien und der Werbung, die traditionelle Rollenverteilung nahtlos an die Vorkriegsjahre geknüpft. Willi Forst schert sich einen Teufel um diese rückwärtsgewandten Rollenvorstellungen und präsentiert mit Marina einen anderen Frauentypus, eine aufregende Frau, die das Leben und die Verantwortung dafür in die eigenen Hände nimmt und mehr noch auch die für ihren deutlich älteren Partner.



Gustav Fröhlich, der leicht angestaubte und schon etwas mottenzerfressen wirkende UFA- Star der 20er, 30er und 40er Jahre, spielt den Maler der, so wie er auch selber, bessere Zeiten gesehen hat. Ein jugendlicher Held ist er sicher nicht, aber durch all die Verzweiflung die seiner Rolle anhaftet, schafft es Fröhlich einen begeisterungsfähigen, intelligenten, begabten, humorvollen und kindlichen Charakter durchblitzen zu lassen. Wenn er z.B. in einer herrlich komischen Szene Bilder mit seinem Allerwertesten malt, um die Galleristen zu narren, versteht man, warum Marina ihn liebt.

Hildegard Knefs geniale Darstellung der Marina liegt nicht nur an ihrem besonderen schauspielerischen Instinkt sondern ist auch in ihrer Biographie begründet.
Hildegard Knef wurde in jungen Jahren Opfer schrecklicher körperlicher und sexueller Gewalt. Sie ist nicht daran zerbrochen, doch umspielt sie immer die gewisse Melancholie einer Frau die weiß, welche Tiefschläge das Leben einem versetzen kann, die aber auch die kämpferische Kraft besitzt bei schwersten Treffern wieder aufzustehen und weiterzugehen.
Hildegard Knef ist ein Glücksfall für diesen Film. Sie ist keine junge Naive wie Sonja Ziemann oder Ruth Leuwerik, von denen man eher rosarote Verliebtheit und ein züchtiges Küsschen vor dem happy end erwartet. Man glaubt ihr die Rolle in jedem Moment.
Sie schafft es, sich nicht in den Fallstricken zu verfangen, die in diesem Melodram überall lauern, denn die Geschichte bietet Potential ein sentimentalen Rührstück zu werden.
Das dieser Film, trotz heftig schluchzender Geigen und unzähliger Tränen, keine Schmonzette geworden ist, ist der glücklichen Hand Willi Forsts bei der Besetzung seiner Hauptrollen geschuldet, dem lässigen Witz, der jenseits aller Dramatik dennoch in den Dialogen und einigen Spielszenen vorhanden ist und der wunderschönen Darstellung dieser erwachsenen, ungekünstelten Liebesbeziehung.
Der Film ist kein erotischer Film, weil Hildegard Knef ihren entblößten, makellos schönen Körper zeigt, sondern weil er uns eine Liebe mit Höhen und Tiefen zeigt und uns Anfang und Ende miterleben lässt, ohne ständig abzublenden.



Vielleicht weil das Genre neu für Willi Forst war, wirkt der Film nicht so routiniert, wie man das von einem so erfahrenen Regisseur wie ihm hätte erwarten können. Teilweise wirkt er gar ein wenig experimentell, das auch weil der Film aus diversen Retrospektiven erzählt wird und in Zeit und Modus hin und her springt.
Aber schließlich ist das Leben ja auch keine Gerade.

Der Skandalfilm "Die Sünderin" war der Kassenerfolg des Jahres, denn jeder der mitreden wollte, musste den Film gesehen haben.
Wäre das nicht so gewesen, vielleicht wäre er schon in Vergessenheit geraten, aber das wär sehr schade gewesen.



Mein Fazit: "Die Sünderin" ist ein besonderer Film. Er ist mutig, besticht durch schöne Bilder und lebt von den beiden tollen Hauptdarstellern.
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten und ein extra Sternchen für Hilde.

Jan Offline




Beiträge: 1.232

08.02.2017 09:27
#9 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

"Die Sünderin" war der kommerziell erfolgreichste Film des reichlich sagenumwobenen Produzenten Rolf Meyer, der nach dem Kriege das Atelier Bendestorf bei Hamburg aufbaute, auf dessen Areal sowie nebenan im Garten der Gaststätte "Schlangengrube" auch "Die Sünderin" produziert wurde. Meyer geriet nicht zuletzt durch diesen Skandalfilm ins Visier der Sittenwächter, denen er durch seine überaus kreativ gestaltete Unternehmenspraxis reichlich Munition bot. So ist auch an der "Sünderin" ein gewisser Kurt Werner beteiligt - kein geringerer als Meyer selbst, der sich für fiktive Drehbucharbeiten einige Tausender in die eigene Tasche überwies. Nach einem Autounfall kurz nach der Uraufführung der "Sünderin" erholte sich Rolf Meyer nur schwer von dessen Folgen und musste so erleben, dass seine Widersacher die Schwäche seiner Abwesenheit nutzten, um ihm abschließend den Garaus zu machen. Meyer kam später in Untersuchungshaft, angeklagt des Betruges, der Steuerhinterziehung sowie der Nötigung und Zechprellerei. Alles Umstände, die sich leicht nachweisen ließen. Meyer, der nach eigenem Bekunden nicht wusste, wie herum man eine Bilanz lesen musste, wies eigene Mitarbeiter gar schriftlich an, unliebsame Gläubiger zur Ablenkung in den nächstbesten Puff zu schleppen, zahlte große Deckel in einschlägigen Hamburger Lokalen nicht, weil er meinte, er sei eingeladen. Der letzte Ausweg, dem Gericht einzureden, er sei geistesgestört, scheiterte kläglich. Meyer verstarb völlig verarmt mit nur 52 Jahren in dem kleinen Ort Sprötze nahe seiner ehemaligen Wirkungsstätte Bendestorf. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte ihn dort zuletzt aufgenommen. Das Filmmuseum Bendestorf hält zu Rolf Meyer aber auch in großem Umfang zu dessen bekanntestem Werk "Die Sünderin" reichlich Ausstellungsmaterial bereit.

Gruß
Jan

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

08.02.2017 12:13
#10 RE: Sammelthread: Erotik im deutschen Film der 50er und 60er Jahre Zitat · antworten

Danke @Jan für die interessante Info und den Tipp mit dem Filmmuseum Bendestorf.
Gruß Janine

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

01.03.2017 21:48
#11  Filmmuseum Bendestorf Zitat · antworten

Zitat
Das Filmmuseum Bendestorf hält zu Rolf Meyer aber auch in großem Umfang zu dessen bekanntestem Werk "Die Sünderin" reichlich Ausstellungsmaterial bereit.





Ich hoffe, ich kann das Filmmuseum irgendwann mal besuchen. Ich hab gelesen, dass ihnen das Geld ausgeht.
Wie schade das wäre.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

01.03.2017 22:09
#12 ... und sowas nennt sich Leben Zitat · antworten

... und sowas nennt sich Leben 1961

Karin Baal., Michael Hinz, Elke Sommer, Wolfgang Lukschy,
Heli Finkenzeller, Klaus Wilke, Alfred Balthoff u.a.m.

Regie: Géza von Radványi
Musik: Martin Böttcher
Produzent: Artur Brauner

„... und so was nennt sich Leben“ ist erschienen bei Pidax Film- Klassiker, Laufzeit 93 min.






Bilder zum Vergrößern anklicken



„,,, und so was nennt sich Leben“ ist eigentlich ein Hybrid, eine Mischung aus Sittendrama, Halbstarkenthematik und erotischem Film.
Der Film, eindeutig gedreht in Berlin, spielt in Frankfurt, das seit dem Fall Rosemarie Nitribitt hinreichend als bundesdeutsches Sündenbabel bekannt war.
Die Protagonisten sind eine Handvoll Jugendlicher und junger Erwachsener, die ein zweites Zuhause in der Jazzkneipe „Rabennest“ gefunden haben, die von dem ebenfalls noch sehr jungen Mario (Claus Wilke) betrieben wird.
Die Schlüsselfigur ist Irene Dierks (Karin Baal), die Tochter eines verwitweten Anwalts (Alfred Balthoff), die mehr noch als ihre Bekannten keine Gelegenheit zu unverbindlichen sexuellen Abenteuern auslässt. Gelegenheiten die zu nichts verpflichten und von denen nicht mehr erwartet wird als Zeitvertreib und Bestätigung.
Die Reihe ihrer Liebhaber ist lang, einzig der verträumte und in dieser Gesellschaft wie ein Fremdkörper wirkende Martin (Michael Hinz), Musikstudent und Sohn des Bauunternehmers Berger (Wolfgang Lukschy), ist ehrlich in Irene verliebt.
Sie jedoch spielt nur mit ihm, benutzt ihn und erhört ihn nicht.
Irenes Freundin aus Kindertagen, Britta (Elke Sommer) kommt nach Frankfurt um das zu machen, was ein Mädchen machen kann, das nichts kann.
Irene macht sie mit Mario bekannt, der ihr hilft als Mannequin Fuß zu fassen.
Als Irene merkt, dass Britta Interesse an Martin zeigt, verstärkt sie ihre Spielchen mit ihm. Sie macht ihm Hoffnungen, zieht ihn zu sich heran um ihn dann um so herzloser wieder von sich wegzustoßen.
Ihr temporäres Interesse jedoch gehört dem grobschlächtigen Bob (Klaus Otto Alberty).
Sie bewegt Martin dazu, mit Bob einen Boxkampf auszutragen, den der unmöglich gewinnen kann. Bob veranlasst sie dazu, den Kampf zu verlieren und bietet sich ihm als Trophäe an.
Sie stürzt Martin vollends in Verzweiflung, als sie ihm lachend die Wahrheit über diesen Kampf berichtet, was ihn so in Rage bringt, dass er Irene würgt, was die wiederum mit einem Lachen quittiert.



Martin, am Ende seiner Kräfte, bitten seien Vater um Rat, denn obwohl er Irene mit all ihren dunklen Seiten kennt, kann er nicht aufhören sie zu lieben. Der Vater reagiert mit Unverständnis und Verachtung, die er seinen schwachen Sohn deutlich fühlen lässt.
Er sucht Irene Dierks auf, um ihr zu verbieten weiterhin Kontakt zu seinem Sohn zu pflegen und wird doch selber ihr nächster Liebhaber.
Irene indes wird schwanger. Sie glaubt, dass das Kind von Bob ist und erwartet, dass er nun zu ihr steht, was Bob keineswegs vorhat.
Irene muss feststellen, dass die Macht, die sie über Männer zu haben geglaubt hat, eine Illusion war.
Bob der zynisch feststellt, das wohl ein halbes Dutzend anderer genauso gut als Vater in Frage kämen, stellt ihr seinen Verlobte vor, eine wohlhabende junge Frau, die er wegen des Geldes heiraten wird.
Irene wendet sich nun an Berger und verlangt von ihm das Geld für eine Abtreibung, da sie anderenfalls ihre Affäre publik machen würde.
Berger zeigt sich unbeeindruckt und wirft sie raus.
Ihrem Vater, der von ihr das Bild des unschuldigen Mädchens hat, will Irene nicht die Wahrheit sagen, sie verfällt auf den Plan nun Martin zur Heirat zu bewegen.
Es gelingt ihr recht mühelos, Martin davon zu überzeugen, dass sie ihn wirklich liebt und mit ihm ein besserer Mensch werden könnte.
Martin will Irene heiraten, auch gegen den Willen der Eltern, als er jedoch seinem Vater davon erzählt, eröffnet der ihm seine Affäre mit Irene und die Tatsache, dass sie ein Kind erwartet.
Irene, die ihre Felle davonschwimmen sieht, greift zu einem letzten verzweifelten Trick. Ihre Bekannte Ulla (Hannelore Elsner) hatte diesen Trick angewandt, um von ihren Eltern einen Wagen zu erpressen. Sie hat, die Verzweifelte mimend, Schlaftabletten geschluckt und sich selbstverständlich rechtzeitig finden lassen.
Irene schluckt nun im Beisein von Martin Luminaltabletten, in der Erwartung, dass er Hilfe holen wird.
Er tut es nicht. Irene merkt zu spät, dass ihr Spiel aus dem Ruder läuft, sie schafft es nicht mehr selber einen Notarzt zu rufen und stirbt.
Martin hat sie sterben lassen, umgebracht, so seine Meinung, haben sie die anderen, die aus ihr machten, was sie war.
Er will sich der Polizei stellen, doch seine Eltern beschwören ihn, dies nicht zu tun. Sein Vater ist entsetzt, was würde das für die Firma bedeuten.
Ein echter Mann, macht so was mit sich selber aus. Eine durchaus opportune Meinung der Kriegsgeneration.
Martin besteigt das Dach eines Hochhauses, Man darf annehmen, dass er springen wird.




Die Geschichte wird aus der Perspektive einer hedonistischen, aller Vorbilder beraubten Jugend erzählt.
Tatsächlich legen die Erwachsenen kein identifikationsstiftendes Verhalten an den Tag.
Schon in der Eingangsszene im „Rabennest“ wird der erste Vertreter der Elterngeneration, der in diesem Jazzschuppen auf der Suche nach einem Abenteuer zu sein scheint, als recht mieser Charakter enttarnt.
Er spricht ein angetrunkenes Mädchen am Tresen an und will ihr, da er grade seine „soziale Ader“ hat, einen Drink spendieren. Ihren Freund Wim (Klaus Dahlen), kanzelt er auf hochmütig, impertinente Art und Weise ab, als dieser seine Freundin zum Tanz auffordert. Er stellt Besitzansprüche an die junge, ihm unbekannte Frau, nur auf Grund seines Alters und seines Status und ohrfeigt den jungen Mann, der ihm rhetorisch überlegen ist sogar.
Rausschmiss und Keile, die er sich einfängt sind verdient und folgerichtig.

Die Doppelmoral der etablierten und saturierten Elterngeneration manifestiert sich vor allem im Ehepaar Berger. Vater Berger, der ein Verhältnis mit der 20jährigen Freundin seiner Tochter unterhält, betrügt nicht nur seine Frau (Heli Finkenzeller) schamlos sondern hat auch ein gänzlich frauenverachtendes Weltbild. Er ist mit sich ganz im Reinen, denn schließlich ist er ein Macher, ein Wirtschaftswunderboss. Seine Frau zieht es, angesichts ihres schönen Heimes und der sozialen Stellung, vor diese Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Frau Schlösser (Tilly Lauenstein), die Betreiberin des Modesalons, in dem Britta eine Anstellung gefunden hat, entlässt diese, als sie sieht, dass ihr Sohn Britta sexuell bedrängt. Sie weiß, das Britta das Opfer und nicht die Schuldige ist, aber das ist ihr gleich. Ihren Sohn wird sie nicht einmal rügen, das Mädchen ist es, dass ihren Salon in Unruhe versetzt.
Vater Dierks schließlich, ein sanfter und gutmütiger Mann, versteht es die Augen vor der Realität zu verschließen und nichts wahrzunehmen, dass seinen Seelenfrieden gefährden könnte. Er ist der Prototyp des Mitläufers, der von allem keine Ahnung hat und doch immer nur das Beste wollte.



Aufgewachsen in einer Gesellschaft, die Doppelmoral und materiell motiviertes Handeln zu obersten Maximen erkoren haben, darf man von der Jugend eigentlich nicht mehr erwarten.
Das zumindest ist die Quintessenz des Films.
Auch den jungen Erwachsenen geht es, außer um Vergnügungen, vorrangig um Geld und Ansehen, dass sie in höchst egoistischer und skrupelloser Weise zu erlangen suchen.
In dieser Geschichte täuschen fast alle, sie betrügen, sie lügen, sie hintergehen und spielen sogar mit ihrem Leben.
Manche tun es versteckt, manche offen, so wie Britta, die Mario, als Dank für seine Hilfe erlaubt, in der Gruppe seinen Ruf als Casanova aufrecht zu erhalten, indem er mit ihr als neuer Eroberung renommieren darf, was er, obgleich zwischen den Beiden nicht läuft, auch tut. Dennoch ist Britta vielleicht die integerste Person in dieser Geschichte. Sie hat feste Grundsätze, und zwar ihre eigenen.
Elke Sommer gibt hier nicht, wie so oft den Vamp, sondern ein bodenständiges Mädchen, das gleichermaßen Sexappeal als auch Skrupel hat.
Einzig Martin ist zur Täuschung nicht fähig, folglich muss er auf der Strecke bleiben, auch weil er seinen eigenen moralischer Ansprüchen am Ende nicht standhält.
Michael Hinz spielt diesen nervösen und naiven jungen Mann sehr glaubhaft.

Irene, Schöne und Biest in Personalunion, zeigt alle Merkmale einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Unfähig zur Empathie und zum Aufrecherhalten von Beziehungen, mit Neigung zu aggressivem und autoaggressivem Verhalten, ohne jedes Schuldbewusstsein, lehnt sie jedwede Normen, Verpflichtungen und Regeln menschlichen Miteinanders ab. Sie ist eine Grenzgängerin, die einzig noch zu ihrem Vater, den sie tatsächlich zärtlich liebt, eine emotionale Bindung hat.
Aber ihr Vater darf sie nicht kennen, er darf nicht um ihr wahres Wesen wissen.
Sie will ihren Vater nicht enttäuschen und das ist absolut nachvollziehbar!
Alfred Balthoff spielt den Vater so zerbrechlich. Er wirkt mit seinen sorgsam über die Glatze angeklatschten Haaren gleichermaßen lächerlich als auch rührend.
Man will diesen Mann beschützen.



Überhaupt Alfred Balthoff! Er adelt durch seine schauspielerische Präsenz und seine unter die Haut gehende Stimme ( Er synchronisierte unter anderen Fernandel als Don Camillo) jede Rolle. Leider ist er nicht oft im Film zu sehen gewesen.
Seine Darstellung ist großartig.

Karin Baal läuft zu Höchstform auf. Seit den Halbstarken auf das problematische Bad Girl abonniert, versteht sie es der Irene Tiefe zu geben, sie ist begehenswert, verachtenswert und bemitleidenswert zugleich.

Claus Wilke, in „die Wahrheit über Rosemarie“ noch als Milchreisbubi vom Dienst besetzt, darf hier den verwegenen Playboy spielen, was er ganz gut und auch sympathisch macht. Er trägt hier noch nicht so dick auf wie später als Percy Stuart.

Karl Otto Alberty in seiner ersten Rolle als Bob, spielt das was er am besten kann, den plumpen, dumpfen Unsympathen.

Eigentlich sind alle Rollen, auch die kleinsten, ausnehmend gut besetzt und gut gespielt.
Die Kameraführung ist Klasse, einer der Kameramänner war Richard Angst, der unter anderem auch in „der Henker von London“ und „Der schwarze Abt“ für das Bild verantwortlich war.
Die coole Jazzmusik von Martin Böttcher, der auch die Filmmusik für „Die Halbstarken“ und für " Winnetou" schrieb, ist klasse und vermittelt das Lebensgefühl der Jugend sehr gut.




Ist dieser Film nun ein erotischer Film?
Vor allem geht es in diesem Film um „das Eine“. Auch wenn Sex nur angedeutet wird, werden genug Nuditäten und Reizwäsche präsentiert um Neugierde und Voyeurismus des Publikums zu befriedigen, zumindest den des männlichen Publikums, denn der Milchbubi Hinz, der ältliche Lukschy und der tumbe Alberty sind nicht dazu angetan, Frauen zum Schwärmen zu bringen.
Wahre Leidenschaft ist nicht das Thema des Films, sie kommt gar nicht vor, genauso wenig wie Liebe oder Sinnlichkeit.
Der Film der mit dem Slogan „Schicksalsbild einer Hemmungslosen warb“ und eine Altersfreigabe ab 18 hatte, hat auch heute noch eine FSK 16 (!!!),
was sich meinem Verständnis entzieht.
Die Frage ob und wie erotisch der Film ist, soll sich jeder Zuseher am Besten selbst beantworten.

Mein Fazit:"--- und sowas nennt sich Leben" mag ein etwas überzeichnetes Sittenbild seiner Zeit sein, aber aus heutiger Sicht auch sehr interessant. Darstellung, Regie, Kamera und Musik sind spitze. Ein sehenswerter Film. Von mir gibt es 4 von 5 Punkten.

Giacco Offline



Beiträge: 1.474

02.03.2017 19:22
#13 RE: ... und sowas nennt sich Leben Zitat · antworten

Der "Prisma"-Verleih brachte ".. und sowas nennt sich Leben" am 10.01.1961 in die Kinos. Bei der Uraufführung in Hannover, bei der Elke Sommer, Claus Wilcke und Klaus Dahlen anwesend waren, gab es starken Beifall vom Publikum.

Auszug aus einer zeitgenössischen Kritik:

"Ein Glück, dass die "Sünderinnen"-Rolle mit Karin Baal besetzt ist, die alle Peinlichkeit mit ihrem erstaunlich groß gewordenen Ausdrucksregister überspielt. Auch die übrigen darstellerischen Leistungen befriedigen und passen in das obskure Milieu, das dank der ausgezeichneten Fotografie wenigstens Atmosphäre hat. Nur am wirklichen Leben zielen Autor und Regisseur haargenau vorbei. So eine wichtige Rolle spielen Sex, Angabe, Vergnügungssucht und Exzesse nicht im Dasein der Jugend."

Auch dieser Film kam über einen durchschnittlichen Erfolg nicht hinaus. Nach der Erstnote 3,8 stand am Ende eine 4,1 bei 23 Meldungen.

Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

12.03.2017 20:44
#14 Straße der Verheißung Zitat · antworten


„Straße der Verheißung“, Deutschland 1962



Mario Adorf, Karin Baal, Johanna von Koczian, Wolfgang Völz, Lotte Ledl, Wolfgang Wahl,
Gretl Schörg, Amedeo Nazzari und andere mehr

Regie: Imo Moszkowicz
Kamera: Klaus von Rautenfeld
Musik: Martin Böttcher
Produzent: Luggi Waldleitner
„Straße der Verheißung“ ist erschienen bei FILMJUWELEN, Laufzeit 93 min.





Das zentrale Thema dieses Filmes ist das Schicksal. In „Straße der Verheißung“ wird der Frage nachgehgegangen, ob und wie weit, der Mensch sein Schicksal in Händen hält, und was wäre, wenn er andere Entscheidungen getroffen hätte.

Der Mann, an dem sich diese Frage festmacht ist Joe (Mario Adorf) ein Seemann auf Landgang, der in Neapel sein nächtliches Vergnügen sucht.
Nachdem er einige Zeit durch die Straßen gestreift ist, überlässt er dem Schicksal den weiteren Fortgang des Abends.
Er wirft eine Münze, um zu entscheiden, ob ihn sein Weg nach rechts oder links führen soll.


Bilder zum Vergrößern anklicken

Der Weg führt nach links in die Paradiso Bar. Einer Kaschemme mit exotischen Tänzerinnen. Nina (Karin Baal), eine der Tänzerinnen weckt Joes Interesse.
Er geht ihr nach Kneipenschluss nach, spricht sie an und sie nimmt ihn mit nach Hause in ihre erbärmliche Bruchbude,
die sie sehr kindlich mit naiven Wandbildern geschmückt hat. Abgeschminkt in diesem Zimmer, wirkt Nina ganz anders. Aus dem sündigen Weib, ist ein verletzliches Mädchen geworden, das erschöpft von der Arbeit einschläft, noch bevor es auch nur zu einem Kuss hat kommen können. Doch grade diese Zerbrechlichkeit ist es, die Joe anzieht. Er schläft auf dem Boden und besorgt Nina am nächsten Morgen Frühstück.
Nina, die keinen Menschen hat, fühlt sich zum ersten Mal umsorgt. Die beiden verlieben sich ineinander. Nina ist glücklich und will für immer bei Joe bleiben. Sie verbringen einen ausgelassenen Tag, doch schon am Abend ziehen erste Wolken auf, denn Joe will nicht mehr, dass Nina vor fremden Männern tanzen soll. Sie kann aber, auf Grund ihres Vertrages, nicht von heute auf Morgen aufhören. Joe ist rasend eifersüchtig, genau genommen sogar auf sich selber, denn er wirft ihr vor, wie leicht sie es ihm gemacht hat und zieht daraus Rückschlüsse auf ihre Verfügbarkeit für Männer.



Joe muss noch am selben Abend zurück auf sein Schiff, doch die Eifersucht treibt ihn zurück. Er nimmt fälschlicherweise an,
dass Nina mit einem anderen Mann mitgeht und lässt sich, Quartalssäufer der er ist, besinnungslos vollaufen.
Er wird verhaftet und muss eine Gefängnisstrafe absitzen. Nina, die ihn besucht, wird von ihm beschimpft und bespuckt,
dennoch will sie ihn nicht aufgeben.
Am Tag seiner Entlassung besäuft sich Joe wieder, zertrümmert Ninas Zimmer und bedroht sie auf beängstigende Art und Weise.
Besoffen schläft er über seiner Raserei ein. Am nächsten Morgen nimmt er war, wie rührend Nina alles zu seinem Empfang vorbereitet hat.
Nina verzeiht ihm ohne viele Worte, ein Zeugnis für ihre Einsamkeit und vielleicht auch dafür, dass solch ein Verhalten für sie nichts Neues ist.
Joe fährt wieder zur See. Nina bekommt ein Kind von ihm.
Die Zukunft zeigt beide als verheiratetes Paar in einem kleinen Haus mit einem bezaubernden Sohn.
Joe jedoch ist nicht ganz glücklich, denn ihn lässt der Gedanke nicht los, was gewesen wäre, wenn die Münze ihn nach rechts hätte gehen lassen.


Fast Rewind!
Joe, ist wieder an der Straßengabelung und die Münze führt ihn nach rechts.
Es wird ein feucht- fröhlicher Abend und Joe wacht im Zimmer eines Saufkumpanen auf, der Dienstbote in einem herrschaftlichen Haus ist.
Die Dame des Hauses, Valentina (Johanna von Koczian) tritt an Joe heran und trägt ihm auch ihr Radio zu reparieren.
Valentina ist eine mondäne, verwöhnte Frau, die um ihre Reize weiß und Joe verführt. Der ist offensichtlich bereit sich zu verlieben,
denn es bleibt auch diesmal für ihn nicht bei einem belanglosen Abenteuer.
Joe der sich vorkommt wie im Schlaraffenland, verbringt nun mit Valentina einen unbeschwerten Abend. Unbeschwert zumindest für ihn.
Sie umgibt eine unbestimmte Melancholie. Beide gehen Abends in die Paradiso Bar, wo Joe Ninas Auftritt jedoch gar nicht wahrnimmt.
Nina bringt Joe zum Schiff. Sie will auf ihn warten und ihn abholen, wenn er wieder kommt.
Nina, die vorgegeben hat bei ihrem Onkel zu wohnen, wird von dem Abends schon erwartet.
Der „Onkel“ (Amedeo Nazzari) misshandelt Nina, die augenscheinlich seine rechtlose Mätresse ist.
Als Nina Joe, nach dessen erneuter Ankunft in Neapel abholt, stellt sie ihm den „Onkel“ vor, der unverblümt zur Sache kommt.
Er hätte Nina großgezogen, aber auch die Frau in ihr gesehen. Er will wissen, ob Valentina für Joe nur ein Abenteuer ist oder er sie heiraten will.



Valentina sei verwöhnt und niemals mit der Heuer eines einfachen Seemanns zufrieden zustellen.
Valentina gibt dies zu und eröffnet Joe, dass sie nicht will, dass er weiter zur See fährt.
Der „Onkel“ setzt Joe die Pistole auf die Brust. Wenn er Valentina heiraten wolle, müsse er für sie sorgen können.
Er könne ihm dabei helfen. Er verspricht Joe 1000 Dollar im Monat, wenn dieser für ihn arbeiten will.
Joe soll sein Schiff sabotieren, damit es nicht rechtzeitig auslaufen kann.
Joe ist verwirrt und kommt in Versuchung, doch entscheidet sich dafür, auf Valentina zu verzichten und anständig zu bleiben.
Er verlässt das Schiff, lässt sich vollaufen, und veranstaltet im Haus des „Onkels“ einen ordentlichen Budenzauber.
Er kommt über Nacht ins Gefängnis und geht nach seiner Entlassung ins Paradiso, wo ihm Nina begegnet, die ihn mit nach Hause nimmt......







Im Trailer des Films wird damit geworben, dass es eine solche Thematik im Film noch nie gegeben habe.
Tatsächlich ist das Gedankenspiel um Vor- und Selbstbestimmung spannend und gut erzählt.
Es gibt einen sehr guten Film mit Gwyneth Paltrow und dem Titel „Sliding doors“ der 1998 das Schicksal in ähnlicher Weise zum Thema macht.

Der Film „Straße der Verheißung“ , dessen Außenaufnahmen tatsächlich in Neapel gedreht worden sind, hat einiges zu bieten.
Neben den großartigen und stimmungsvollen Aufnahmen der Stadt, und den guten Studiokulissen (gäbe es die Paradiso Bar, so würde ich dort gerne einmal hingehen) besticht der Film mit guter Musik, erneut von Martin Böttcher, einem guten Titelsong, schön vorgetragen von der Sängerin Olive Moorfield, die in den 50er und 60er Jahren häufig in deutschen Filmen zu sehen war, und guten Schauspielern,
die auch in kleinen Rollen glänzen. So Lotte Ledl und Gretl Schörg als Tänzerinnen in der Paradiso Bar.
Die drei Hauptdarsteller, vor allem Karin Baal und Mario Adorf sind brillant.


Karin Baal spielt die Nina auf eine nie kitschige aber zutiefst zu Herzen gehend Weise.
Johanna von Koczian, stellt ein unselbständiges, verstörtes Geschöpf dar, dass nicht vermag, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Mario Adorf zeigt alle Facetten eines im Kern anständigen, doch impulsgestörten Trinkers auf erschreckend realistische und dichte Art und Weise.
Seine Darstellung ist hervorragend.

Es geht in diesem Film, jedoch nicht nur um Schicksal, es geht auch um Liebe und um Sex in seinen vielfältigen Erscheinungsformen.
Sex wird im Film nicht gezeigt, aber durch sehr sinnliche Art und Weise angedeutet.
Durch die schönen Hauptdarstellerinnen und den sehr maskulinen Mario Adorf wird „Straße der Verheißung“ zu einem Film voll knisternder Erotik.
Durch die Thematisierung käuflicher Liebe und der Andeutung der Pädophilie
zeigt er aber auch die dunkle, freudlose Seite des Sex. Dennoch setzt mich auch diesmal die FSK 16 in Erstaunen.




Mein Fazit: „Straße der Verheißung“ ist ein außergewöhnlicher Film, mit hervorragenden Aufnahmen, guter Musik und tollem Ensemble.
Er zeichnet sich durch ein interessantes Thema aus und nicht zuletzt durch die sinnlichen Lippen von Mario Adorf ;-)
Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten.

Giacco Offline



Beiträge: 1.474

13.03.2017 11:47
#15 RE: Straße der Verheißung Zitat · antworten

Zitat von Fräulein Janine im Beitrag #14
Dennoch setzt mich auch diesmal die FSK 16 in Erstaunen.




Als der Film 1962 in die Kinos kam, hatte er natürlich eine FSK 18.

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