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Dieses Thema hat 37 Antworten
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 Edgar-Wallace-Forum
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Prisma Offline




Beiträge: 7.461

21.06.2015 13:03
#16 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE

In Jürgen Rolands "Der grüne Bogenschütze" schaut man auf eine potentiell verlässliche Bank, hat man es in der noch so jungen Reihe doch mit zwei Interpreten zu tun, die bereits Wallace-Erfahrung als Referenz vorzeigen konnten. Klausjürgen Wussow und Karin Dor hatten es zuvor mit anderen Partnern zu tun, auch waren die Anlegungen der Rollen verschieden, außerdem transportierten die Konstellationen untereinander gegensätzliche Strategien. Falls man das Spektrum der Zuneigung denn unter die Lupe nimmt, wird es sehr deutlich, dass es sich um einen Bereich handelt, der den Zuschauern nicht einfach lieblos zum Fraß vorgeworfen, sondern in vielen Facetten durchdacht wurde. In bislang fünf Filmen gab es eigentlich genauso viele unterschiedliche Herangehensweisen, was diese gerne unterschätzte Zutat als, zumindest in Gedanken der Verantwortlichen, wichtigen Bereich unterstreicht. Betrachtet man Karin Dor und Klausjürgen Wussow im gemeinsamen, aber auch im separaten Schauspiel, so geht die Strategie eines klassischen Wallace-Paares weitgehend auf. Es wurde offensichtlich Wert darauf gelegt, beide in ein noch nicht dagewesenes Licht zu rücken, genau wie es augenscheinlich die Absicht beim kompletten Film gewesen ist. Inspektor Featherstones kriminalistische Fähigkeiten scheinen ebenso gut ausgeprägt zu sein, wie seine amourösen Kapriolen, in seinem Wesen findet sich kaum Sachliches oder Ernsthaftes, so dass das Interesse Valerie Howetts insgeheim geweckt ist. Sie allerdings lässt sich mit vollstem Vergnügen auf dieses Spiel ein, treibt es auch immer wieder selbst an, und man möchte sagen, dass es sich eher um einen, für beide Seiten, erfrischenden Flirt handelt.

Bislang entstand noch in keinem Film der Eindruck, dass bei den Hauptpersonen mit derartiger Koketterie jongliert wurde, es ist so offensichtlich, dass jedem der beiden dieses Spielchen gefällt, wenn nicht sogar insgeheim imponiert, aber dennoch wirkt es schließlich so, als sei es das Hauptinteresse beider Protagonisten, diesen Zustand so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, da die Gefahr besteht, dass bei diesem unkonventionellen Weg die Luft spätestens beim konventionellen Ziel heraus wäre. So beschäftigt sich der komplette Verlauf lieber mit teilweise erotisch aufgeladenen Andeutungen und Plänkeleien, für die meistens Klausjürgen Wussow verantwortlich ist, und der dieses Umwerben auch nicht uninteressant gestaltet. So vergibt man ihm seine teilweise überhebliche Ader gerne, da im Zusammenspiel mit Karin Dor manchmal eine aufgeheizte Atmosphäre entsteht, und er definitiv ernste Absichten mit seiner verführerischen Gegenspielerin hat. Karin Dor beweist im Rahmen des Themas ihre Wandlungsfähigkeit und kreiert einen erstaunlichen Kontrast zu ihrer ersten Rolle bei Wallace, ohne dabei die Grundsätze zu vergessen. Plötzlich verkörpert sie dezente Erotik und gestaltet eine permanente Aufforderung in ihrem Wesen, die sie allerdings durch gespielte Abweisung übermittelt. Dieses amouröse Hin und Her verschafft angenehmerweise viel Charme und sorgt für eine beliebig wirkende Grundspannung, denn es ist eigentlich klar, dass der Pfeil des Amor noch treffsicherer gewesen ist, als der des grünen Bogenschützen. Da dieser Bereich nicht nur aus Neckereien bestehen kann, wurden einige bedrohlich wirkende Personen mit einbezogen, die das mögliche Glück des Paares bedrohen.

Karin Dor also, spielt hier mit einer Waffe namens Sex-Appeal, die sie zu dieser Zeit noch nicht richtig unter Kontrolle hatte, und so geht der Schuss in bestimmten Situationen nach hinten los, insbesondere wenn Stanislav Ledinek ihr nachsteigt. Ledinek hat keine Antennen für gewisse Nuancen und zarte, sowie deutliche Hinweise bei der Fahrt auf dem Liebeskarussell, er scheint es gewöhnt zu sein, dass eine Frau entweder ja oder nein sagt, wobei es ihn nicht sonderlich interessieren dürfte, denn er versteht immer nur ein ja. Angestachelt von der prinzipiell auffordernden Howett'schen Art, wittert er seine Chance bei dem attraktiven Objekt der Begierde und wirkt sogar gekränkt, wenn Valerie ihm demonstriert, wie abstoßend sie ihn findet. Schließlich lässt er sich volllaufen, denn erfahrungsgemäß wird der Whisky schon gefügig machen. Die Szenen zwischen Karin Dor und Stanislav Ledinek wirken weniger gefährlich als amüsant, und obwohl der Beschützer-Instinkt von Featherstone um ein Vielfaches gesteigert wird, geht letztlich keine latente Bedrohung von ihnen aus. Wenn der Täter am Ende schließlich zur Strecke gebracht ist, und man gemeinsam jede noch so gefährliche Situation gemeistert hat, bleibt man als Zuschauer etwas unschlüssig zurück, verlor die Interaktion doch deutlich an Intensität. So bleibt unterm Strich ein Ergebnis, das nicht das gehalten hat, was einem über weite Strecken versprochen, oder zumindest suggeriert wurde, denn ein konventionelles Zusammenfinden mag letztlich nicht so recht schmecken. In diesem Zusammenhang hätte ein zündender Regie-Einfall Wunder gewirkt, doch wenn man den Film als Einheit betrachtet, musste auch dieses kleine Fragment der Geschichte zwangsläufig Unentschlossenheit transportieren. Es bleibt ein Rückschritt im Fortschritt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.351

21.06.2015 19:46
#17 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

"Die toten Augen von London" (1961): Larry Holt und Nora Ward

Die zwanzigjährige Karin Baal und der dreiunddreißigjährige Joachim Fuchsberger tauen die klirrend-kalte Atmosphäre des im winterlichen Hamburg entstandenen Gruselkrimis auf. Die Figuren leben beide allein, haben Sinn für trockenen Humor und schätzen ein offenes Wort, das direkt und ohne Umschweife ausgesprochen wird. Nora Ward, die als Waisenkind früh selbständig wurde, was als positiver Aspekt für ihre unabhängige Persönlichkeit angeführt wird, ist weder romantisch, noch anlehnungsbedürftig. Sie hat immer ein kesses Lächeln auf den Lippen, nimmt jedoch aufgrund ihres Sozialberufes auch Anteil am Leid anderer und hat ein feines Gespür für Zwischentöne. Der junge Inspektor, der vor einem Karrieresprung steht, ist von ihrem Pragmatismus beeindruckt und findet sie auf Anhieb sympathisch. Wichtigen Anteil am Wohlfühlfaktor des Paares hat der fünfunddreißigjährige Eddi Arent, der als Anstandsdame fungiert (er ist fast immer dabei) und dem Paar durch dezente Hinweise und Ermunterung auf die Sprünge hilft. So verläuft die Beziehung in sehr klassischen Bahnen und endet mit der Verlobung der beiden nach der beruflichen Beförderung des Mannes.



Nora Ward ist die Erbin eines kanadischen Millionärs, von dessen Existenz sie erst nach seinem gewaltsamen Tod erfährt. Hier finden sich Parallelen zu Nora Sanders aus der "Bande des Schreckens", die ebenfalls ein großes Vermögen erbt, als ihr väterlicher Gönner von Verbrechern aus dem Weg geräumt wird. Natürlich wird mit keinem Wort angedeutet, dass eine Verbindung des Ermittlers mit der finanziell attraktiven Frau aus pekuniären Gründen eingegangen wird. Vielmehr fühlen sich die jungen Menschen jeweils bereits zueinander hingezogen, als der Faktor Geld noch kein Thema ist. Nora ist eine patent aussehende junge Frau mit kurzgeschnittenen Fingernägeln, gebändigter Frisur und winterfester Bekleidung. Sie und Larry verkörpern eine Verbindung, die zusammen Pferde stehlen könnte. Der eine ist um den anderen besorgt und fühlt sich verantwortlich. So ist es zunächst Nora, die um Larry bangt, als es bei seinem nächtlichen Besuch bei der "Greenwich Insurance Company" zu einem Todesfall kommt. Im Finale wehrt sich Larry mit Händen und Füßen gegen die Absicht der Mörder, auch Nora zu töten. Die Verhöhnung durch die Täter betont seine ehrlichen Absichten, während es der einundfünfzigjährige Dieter Borsche nur auf die Millionen von Nora abgesehen hat (eine exakte Kopie dieser Situation findet sich später in "Die seltsame Gräfin", als Richard Häussler Brigitte Grothum heiraten will).

Die menschliche Wärme, die zwischen Nora und Larry zum Ausdruck kommt, ist ungewöhnlich für ihr nüchternes, berechnendes Umfeld, in dem jede und jeder nur auf persönliche Bereicherung aus ist. Umso erstaunlicher ist es, dass alle Verlockungen und Drohungen an den beiden abprallen und sie aus der tödlichen Gefahr ohne bleibende Schäden hervorgehen. Das Resultat des gemeinsam erlebten Schreckens ist ihr Versprechen, für immer zusammen zu bleiben. Joachim Fuchsberger verleiht seinem Inspektor Holt jugendliche Frische, beweist aber gleichzeitig, dass er Routine und Erfahrung mitbringt. Karin Baal, die Berliner Göre, ist weder damenhaft wie Karin Dor oder Sabina Sesselmann, noch analytisch vorausplanend wie Renate Ewert. Am ehesten entspricht ihr Typ dem von Brigitte Grothum, die ebenfalls handfeste Charaktere verkörpert und neben Blacky wie der Kumpel von nebenan wirkt. Sie ist immer natürlich und weicht in ihrer Optik nicht wesentlich von der durchschnittlichen Kinobesucherin ihrer Zeit ab. Deshalb ist der Sympathiefaktor sehr hoch und man freut sich mit ihr über ihr Glück, statt sie zu beneiden oder es ihr zu missgönnen.

Fazit: 4 von 5

Prisma Offline




Beiträge: 7.461

28.06.2015 19:50
#18 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DIE TOTEN AUGEN VON LONDON

Die große Beliebtheit der noch jungen Edgar-Wallace-Reihe lässt sich aus vielen Gründen herleiten, doch in der Anfangsphase waren es sicherlich der große Abwechslungsreichtum, der dabei enorme Schützenhilfe leisten konnten. In Verbindung mit bewährten Zutaten und bekannten Gesichtern entstand so die Mischung, die der treue Kinogänger schätzte. Nicht nur, dass erstmalig Alfred Vohrer auf dem Regiestuhl Platz genommen hatte, auch in der weiblichen Hauptrolle gibt die hübsche Karin Baal ihr Wallace-Debüt. Joachim Fuchsberger kam in "Die toten Augen von London" bereits zu seinem dritten Einsatz. Kurz nachdem Larry Holts Chef ihm einen Fachmann zur Hilfestellung angekündigt hat, ist er genau wie der Zuschauer umso erstaunter, als er plötzlich eine attraktive Dame in seinem Büro vorfindet. Aus seinem Erstaunen wird selbstverständlich nach wenigen Augenblicken Begeisterung, und es handelt sich in jeder Beziehung um eine angenehme Überraschung, Nora Ward mit an Bord zu haben. Erneut verkürzt die Liebe auf den ersten Blick die Zeit, wobei sich innerhalb eines beruflichen, sehr sachlichen Gesprächs noch keine hochgradig amourösen Tendenzen herausfiltern lassen, zumal Nora auch direkt zur Sache bittet, nachdem sie sich kurz selbst vorgestellt hat. Spätestens in dieser Produktion wird es daher auch dem letzten klar werden, dass man einen resoluten, und in den richtigen Situationen auch feinfühligen Joachim Fuchsberger jede patente Interpretin zur Seite stellen konnte. In dieser Beziehung bleibt er das alleinige Allround-Talent der langjährigen Reihe. Wieder einmal kommt es auf die Nuancierung an, auf bestimmte Facetten, so dass man glaubhafte Konturen wahrnehmen darf.

Die ehrlichen Absichten eines Larry Holt werden schnell offensichtlich, und er lässt auch erst überhaupt keinen Zweifel daran entstehen, dass sein Interesse am liebsten nicht nur beruflicher Natur sein werde, auch wenn die Arbeit beide erst zusammengeführt hat. Nora hingegen lässt es nicht gerade so schnell angehen, wobei man dennoch betonen kann, dass sie eigentlich keinen Widerstand leistet und genau das gleiche für die männliche Hauptrolle empfindet. Für den Zuschauer offenbart sich eine überaus angenehme, und vor allem frisch wirkende Konstellation, so dass man dem Zusammensein gerne als Dritter partizipiert. In dieser Geschichte kommt wieder das Prinzip der armen, bedrohten Schönheit zum Tragen, deren Mittellosigkeit durch ein Millionenerbe weg dividiert wird. Dieser Umstand unterstreicht erneut, dass es sich um ganz ehrliche Zuneigung handeln muss, denn wie es eben oftmals war, hat Geld doch vieles in dieser Hinsicht verderben können und die reichen Damen der Serie, die durch ihre Solvenz erst Interessenten bekamen, hatten definitiv andere Namen. Das Paar wird meistens von Eddi Arent begleitet, der für die Geschichte nicht nur eine Art liebenswürdigen Clown zu spielen hatte, nein, er bekam vom Drehbuch auch eine Art Aufpasser-Funktion zugeteilt. Er wird achtgeben, dass die rücksichtslosen Verbrecher das junge Paar nicht in allzu große Gefahr bringen, was natürlich nicht immer gelingen wird, aber gleichzeitig richtet er auch ein Auge darauf, dass die beiden im romantischen Sinne noch nicht zu weit gehen. Für die Zuschauer entstehen hierbei auflockernde Situationen innerhalb der doch teilweise sehr hart und steril wirkenden Geschichte um Mord und Verbrechen.

Um für Brisanz zu sorgen, werden sogar noch die gierigen Krallen des Chefs der "toten Augen von London" nach Nora greifen, der seine ganz speziellen Absichten mit der zierlichen Dame hat. Nora gerät in eine Zange, aus der sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Es verlangt also eine enorme Portion Achtsamkeit und Timing, um die junge Frau vor dem Schlimmsten zu bewahren. Es hat den Anschein, dass Nora es stets gewöhnt war, schwierige oder gar gefährliche Situationen selbst in die Hand zu nehmen, um sie mit klarem Verstand zu lösen. Allerdings war sie offensichtlich noch nie mit derartiger Rücksichtslosigkeit konfrontiert, so dass sie unbedingt Hilfe braucht. Der Chef, dem sie die tiefe, abneigende Haltung noch hinlänglich demonstrieren wird, will sie heiraten, sie besitzen, um an ihr Erbe zu gelangen. So sieht zumindest die angenehmste Lösung aus, schließt sie doch den Tod aus, doch es wird deutlich dargelegt, dass er auch vor außerordentlichen Mitteln nicht zurückschrecken wird. In Verbindung mit dem hohen Altersunterschied kommt in diesem Zusammenhang eine Facette zum Vorschein, die das genaue Pendant zu der unschuldig, sich klassisch aufbauenden Liaison zwischen Larry und Nora darstellt, denn ganz offensichtlich hat der Chef Einiges an Fantasie, was sich mit einer noch so unschuldig wirkenden, und unerfahrenen hübschen Frau alles anstellen ließe. Obwohl das Thema Liebe auch hier absolut vorgefertigt gewesen ist, appelliert dieser widerwärtige Nebenbuhler an den guten Geschmack des Zuschauers und unterstreicht das geheime Verlangen nach einem Happy-End ganz deutlich. Karin Baal und Joachim Fuchsberger funktionieren als Paar wirklich sehr gut, ihr leichtfüßiges, präzises aber vor allem auch gegenseitig aufmerksames Schauspiel stellt genau die richtige Mischung für eine derartige Geschichte dar, die doch sehr stark mit beunruhigenden Elementen durchzogen ist.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.351

28.06.2015 20:15
#19 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

"Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961): Jack Tarling und Anne Rider

Der vierunddreißigjährige Joachim Fuchsberger trifft in der deutsch-englischen Ko-Produktion auf die vierundzwanzigjährige Sabina Sesselmann, mit der er bereits drei Jahre zuvor in zwei Filmen spielte, wobei "Liebe kann wie Gift sein" eine besonders melancholische Note darstellt. Von Beginn an wird klar, dass das Edgar-Wallace-Projekt unter Regisseur Ákos von Ráthonyi eine neue Richtung einschlägt. Es wirkt unterkühlt, distanziert in seiner Strenge und durch die Wahl der Akteure auch neutraler in seiner Aussage. Hier findet man keine bundesdeutsche Gemütlichkeit, weswegen der Film sich im Vergleich mit soliden, aber bekannteren Vertretern der Reihe keiner so großen Beliebtheit erfreut. Loyalität und Zurückhaltung drücken sich in den Beziehungen der Personen aus, die ihre Emotionen unter Kontrolle halten. Wer hier ausschert - wie der vierunddreißigjährige Klaus Kinski - gilt als labil, unberechenbar und letzten Endes wahnsinnig, weil es nicht zum guten Ton gehört, sich gehen zu lassen und seinen jeweils aktuellen Gefühlen freien Lauf zu lassen.



Jack Tarling arbeitet für den Sicherheitsdienst der Fluggesellschaft Global Airways, während Anne Rider im Sekretariat der Im-und Exportfirma von Raymond Lyne tätig ist. Die klassische Situation des Mannes, der bei seinen Ermittlungen auf eine hübsche Frau stößt, die ihm Informationen geben kann, findet sich auch in diesem Kriminalfilm. Die Bedrohung der Dame resultiert diesmal jedoch nicht aus einem zu erwartenden finanziellen Vorteil, sondern beruht auf ihrer optischen Attraktivität. So erweist sich der vierundfünfzigjährige Albert Lieven primär als an einem amourösen Abenteuer interessierter Nebenbuhler Fuchsbergers, als dass er durch seinen Drogenhandel gefährlich wäre. Die Szenen im Büro, der Machtzentrale seines Reviers, wirken beklemmend, da Anne als Angestellte bis zu einem gewissen Grad in Abhängigkeit steht und ihr Vorgesetzter diese Grenzen ausreizen will. Jack Tarling nimmt dies zunächst wortlos zur Kenntnis, weil er Anne die Entscheidung überlassen will. Joachim Fuchsbergers jungenhafter Charme bleibt in "Das Geheimnis der gelben Narzissen" weitgehend unter Verschluss, er passt sein Tempo dem von Sesselmann an und behandelt sie respektvoll und gibt sich unaufdringlich. Während er bei seinen anderen Filmpartnerinnen gern einmal eine flapsige, gutgemeinte Bermerkung macht und ihm der Schalk aus den Augen lacht, ist er in Gegenwart von Sesselmann ernst. Er wirkt reserviert und achtet ihr Bedürfnis nach Abstand. Sabina Sesselmann ist die Grace Kelly der Edgar-Wallace-Reihe: von einer erhabenen Unnahbarkeit, kombiniert mit natürlichem Glamour.

Als sich die Zuneigung der beiden in der Abschiedsszene am Bahnhof durch einen Kuss manifestiert, wächst auch die Gefahr, die sich wie eine Schlinge um die letzten Insider aus Raymond Lynes Umfeld zusammenzieht. Von nun an sind die Karten auf dem Tisch und alles steuert auf das Finale hin, in dem Anne Rider in ungewöhnlich direkter Weise angegriffen wird. Vom Schutz eines Hotelzimmers geht es zwischen verwitterte Grabreihen auf den Friedhof, wo sie an den Haaren durch die Nacht gezerrt wird. Es ist, als wolle der aufbrausende Exzentriker ihre kunstvolle Fassade zerschlagen, weil sie ihn - den animalischen Adlatus von Lyne - ignoriert hatte. Bezeichnenderweise ist es nicht Jack Tarling, der Anne vor dem Unhold rettet, sondern Ling Chu. Anne geht mit Jack von dannen, aber die Kamera wahrt auch hier Distanz. Die rasante Entwicklung, die in anderen Edgar-Wallace-Filmen mit dem zentralen Paar vor sich geht, bleibt hier aus. Jeder für sich reflektiert das Verhalten des anderen und nimmt die positive Wirkung des Gegenübers auf sich selbst dankbar an.

Fazit: 4 von 5

Prisma Offline




Beiträge: 7.461

04.07.2015 16:19
#20 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN

In der Blumensprache sagt die gelbe Narzisse: »Mein größter Traum, meine größte Sehnsucht hat sich mit dir erfüllt« Zwar vertritt der Narzissenmörder fernab dieser Einschätzung ganz offensichtlich eine entgegengesetzte Auffassung, jedoch lässt sie sich im Sinne des Themas sehr gut auf die Protagonisten übertragen, und das in gegenseitigem Einvernehmen. Bemerkenswert ist zunächst der Aspekt, dass die Narzisse ihren ambivalenten Charakter in diesem siebten Beitrag der Edgar-Wallace-Reihe voll entfalten darf, sich sogar auf die beteiligten Charaktere überträgt. So steht diese erhaben und stolz wirkende Blume vollkommen konträr zu ihrer bildschönen Erscheinung, denn ganz im Ursprung ihrer Symbolik kündigt sie den Tod an. Es scheint, als schwebe sie wie ein unabwendbarer, schwarzer Schatten über dem Szenario, und über sie werden mehrere negative Eigenschaften herausgearbeitet, wie beispielsweise den regelrechten Einsatz als Grabschmuck, als Markenzeichen für eine Mordserie, oder dass sie als geheimer Drogenkurier dienstbar gemacht wird. Bleibt man also beim mehrfachen Symbolcharakter der Narzisse, liefert sie keine eindeutigen Rückschlüsse im Sinne der amourösen Prognose für Sabina Sesselmann und Joachim Fuchsberger. Oder tut sie es doch eindeutig, kündigt sie als Liebesbote der Legende nach doch an, dass aus der jeweiligen Verbindung nichts werden könne? Die Einschätzung über den floristischen Weg gibt schließlich ein eher komplexes Bild her, so dass man über das tatsächlich Wahrgenommene zu handfesteren Rückschlüssen kommen wird. Die positiven, oder eher gesagt reizvollen Eigenschaften der titelgebenden Blume, entfalten sich über Sabina Sesselmann, die ebenso schön, stolz, aber auch faszinierend eitel wirkt.

Schon häufiger konnte man in der Serie gewisse Veränderungen in den Bereichen Stil, Aufbau und Marschrichtung erkennen, doch in Ákos von Ráthonyis Beitrag fand sozusagen eine kleinere Revolution statt. Die Geschichte wirkt prosaisch und ist mit tödlichem Ernst angereichert worden, so dass dieser Film die Gemüter der Fan-Gemeinde ebenso spaltet, wie es die widersprüchliche Narzisse selbst tut. Zu Beginn spürt man als Zuschauer keine eindeutigen Signale der beiden Hauptpersonen auf, es gibt keine sogenannte Liebe auf den ersten Blick, es scheint überdies, dass niemand auf der ernsthaften Suche nach einem Partner ist. Das erste Zusammentreffen zwischen Anne Rider und Jack Tarling wirkt somit eher kühl und starr, in keinster Weise irgendwie aufgeladen oder in eine bestimmte Richtung drängend. Unter schwierigeren Voraussetzungen als üblich, bekommt der Zuschauer hierbei mehrere Facetten der Findung geboten, und der Weg der mit Komplikationen gespickten Eroberung wird noch deutlicher als zuvor demonstriert. In "Das Geheimnis der gelben Narzissen" wirkt die zu keinem Zeitpunkt konstruiert wirkende Liebesgeschichte erfrischend und neu, ja es scheint, dass sie der Realität mehr entspreche, als es bei anderen Konstellationen innerhalb der Serie der Fall war. Anne fällt vom Prinzip her in die Rolle des unschuldigen Opfers, welches mit diversen Komplikationen konfrontiert wird, jedoch geht von ihr keine klassische Hilflosigkeit aus. Sie hat ihren festen, geregelten Platz im bürgerlichen Leben und besitzt offensichtlich kein größeres Vermögen, selbst mit möglichen Ambitionen geht sie äußerst diskret um. Ihr wertvollstes Gut ist augenscheinlich ihre Attraktivität, die der Narzisse gleichkommt. Anziehend und zurückweisend zugleich, was insbesondere Jack Tarling und auch Albert Lieven zu spüren bekommen.

Ihr Blick vermittelt in diesen Situationen eine gewisse Leere, dennoch beobachtet sie genau. Ihre Körpersprache ist von Unempfindlichkeit betont. Dabei bleibt unterm Strich jedoch nicht der Eindruck haften, dass sie keine Bereitschaft zur Zweisamkeit signalisiert, es kommt bei Anne auf die seltenen, günstigen Gelegenheiten im Verlauf an. Da sie nicht sucht, findet sie auch nicht, eher wird sie gefunden, allerdings im Sinne des begehrenswerten Objekts Frau. Vielmehr scheint es so, dass die Realität sie ernüchtert hat, offensichtlich hat sie bereits Einiges erlebt, so dass sie keinen weiteren Wert auf falsche Schmeicheleien legt. Ihr Gegenüber erfährt in der Regel keine direkte Zurückweisung, eher vernimmt man ein höfliches Jein, so dass alle Möglichkeiten im Sinne eines möglichen Verlaufs offen bleiben. Der Umgang mit Joachim Fuchsberger gestaltet sich spröde und beinahe sachlich, keiner der beiden legt Wert auf falsche Sentimentalitäten oder unangebrachte Phrasen. Dem Empfinden nach entsteht gerade durch diese Strategie eine der unaufdringlichsten, ehrlichsten und nachhaltigsten Romanzen der kompletten Reihe, selbst die Möglichkeit einer vielleicht nur intensiven Affäre ist weitgehend in Betracht zu ziehen, wenn die Distanz durch ein Auftauen der Emotionen gesprengt wird. Da der Narzissenmörder in dieser Geschichte mit der Protagonistin keine persönlichen Absichten im amourösen Sinne hegt, greift erneut die Integration eines selbstherrlichen Nebenbuhlers, hier in Form eines, sich seiner großartigen darstellerischen Fähigkeiten bewussten Albert Lieven. Sabina Sesselmann zeigt ohne jeden Zweifel eine der interessantesten und ausgefeiltesten Interpretationen innerhalb der Zwischenmenschlichkeit und Joachim Fuchsberger beweist hier erneut, dass er geradezu jede Anforderung blendend lösen, und jede Dame mit einer gehörigen Portion Empathie erobern konnte.

schwarzseher Offline



Beiträge: 319

05.07.2015 12:45
#21 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

Ich finde es toll wie in diesem Forum (fast ) alles und Jedes analysiert und von allen Seiten betrachtet wird.Oft ertappe ich mich danach dabei das ich den jeweiligen Film nochmal (genauer/anders) betrachte.
Bei diesem Thema kann ich selber leider nicht zu einem positiven Fazit kommen.Natürlich hat es damals einfach dazu gehört ( kannte man Quasi nicht anders )Im laufe der Jahre hat sich bei mir das Thema gleich mit den "humoristischen "Einlagen entwickelt,weniger wäre sehr oft mehr gewesen.Ich habe schon mal irgendwo geschrieben "dieses Beschützergehabe wird doch irgendwie exterm ätzend "
( und nein ,bevor jetzt wieder die Fuchsberger Fans reflexartig aufschreien ,der/die jeweiligen Schauspieler haben damit nichts zu tun )
Sozusagen hat sich eine (wichtige/gute) Wallace Zutat immer weiter selber parodiert.
Z.B. hat es mir auch mal gefallen wenn Kinski mal nicht der Schurke war und wenn K.Dor dann
auch mal zu Inspector XY gesagt hätte "verp..dich " wäre auch ganz lustig gewesen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.351

15.07.2015 20:01
#22 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

"Der Fälscher von London" (1961): Jane Leith-Clifton und Peter Clifton

Die dreiundzwanzigjährige Karin Dor und der achtunddreißigjährige Hellmut Lange zäumen das Pferd von hinten auf. Im Gegensatz zu anderen Paaren der EW-Serie, beginnt ihre Beziehung mit der Hochzeit - zu einem Zeitpunkt, da bestenfalls der Mann Gefühle für seine Frau hegt. Der Film weicht auch in anderen Aspekten deutlich vom Strickmuster der Reihe ab: der Erbe ist männlich; der Ermittler zu alt und gesetzt, um als potenzieller Liebhaber zu gelten und der geliebte Mann steht im Zwielicht des Verdachts, entweder wahnsinnig oder ein gerissener Verbrecher zu sein. Natürlich dürfen auch die finsteren Schurken nicht fehlen, die das junge Glück bedrohen. Hier sind sie in ihrer Originalität besonders gut gelungen: der siebenunddreißigjährige Robert Graf, der als Basil Hale galant und fordernd zugleich wirkt, sowie der siebenundfünfzigjährige Victor de Kowa dessen süffisanter Charme bei einer nüchternen Frau wie Jane zwangsläufig abblitzen muss.



Die Überlegungen, die Jane zu Beginn anstellt, entsprechen der Erwartungshaltung, die ihr Umfeld an sie richtet. Sie soll sich vorteilhaft vermählen, um sich und den Onkel finanziell abzusichern. Der betreffende Mann ist ihr nicht gerade unsympathisch (sonst wäre ihr Widerstand stärker ausgefallen), aber sie empfindet auch keine Liebe oder Leidenschaft für ihn. Dies zeigt sich deutlich am Zögern und der ängstlichen Beklommenheit in der Kirche und später nach dem gemeinsamen Abendessen, als sich Jane in ihr eigenes Zimmer verabschiedet. Peter, der sich schon länger wünscht, Janes Gefühle für ihn zu wecken, nutzt seine pekuniäre Vormachtstellung, um die Ehe zustande zu bringen. Er ist kein besonders geselliger oder attraktiver Mann (die Narben an seiner Wange werden explizit erwähnt), der sich im Werben um eine Frau hervortut. Lieber beschäftigt er sich mit Kupferradierungen und pflegt seine Freundschaft mit dem Junggesellen Inspektor Bourke. Die Eheschließung bringt deshalb für beide Parteien das angestrebte Ergebnis, auch, wenn der Umgang der beiden miteinander vorerst kühl bleibt.

Umso überraschender ist der rasante Wandel, der mit Jane vorgeht. Kaum fällt der erste Schatten auf Peters Lauterkeit, zeigt sie eine Loyalität, die sie zur Komplizin eines Mannes macht, der einen Mord oder andere Kapitalverbrechen begangen haben könnte. Sie hilft ihm wortlos und deckt ihn gegenüber Freunden und Polizei, obwohl sie anfangs nicht von seiner Unschuld überzeugt ist. Handelt sie aus blindem Gehorsam (der ihr in der kirchlichen Zeremonie abverlangt wurde), aus Instinkt oder aus einem Selbsterhaltungstrieb (die Verurteilung ihres Mannes hätte sie gesellschaftlich ruiniert)? Die widersprüchliche Romantik dieser Abläufe schmiedet das Paar in geheimem Einvernehmen aneinander und fördert ihre Annäherung. Dennoch geht jeder seinen eigenen Weg und verheimlicht dem anderen, was er plant. Hilfe holt man sich bei Vertrauten oder Ratgebern; durch die physische und psychische Abwesenheit des Mannes ist die junge Frau weitgehend auf sich selbst gestellt. Das Prickeln zwischen den beiden ergibt sich aus dem Umstand, dass der Fortbestand der Beziehung durch Einflüsse von außen bedroht wird und entweder am Galgen oder in der Irrenanstalt enden kann. Harald Reinl zeigt hier sein Gespür für menschliche Zwischentöne und verleiht dem Paar jene tragische Glasur, die seine Schauspieler zu Charakteren macht, mit denen das Publikum mitfiebert.

Fazit: 4 von 5

Prisma Offline




Beiträge: 7.461

19.07.2015 13:58
#23 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DER FÄLSCHER VON LONDON

Im Sinne des Themas hat es in der Serie bereits leichtere bis deutlichere Abwandlungen im turbulenten Zusammenfinden der Protagonisten gegeben, und in "Der Fälscher von London" bekommt diese variantenreiche Komponente einen völlig neuen Anstrich. Zunächst lässt sich sagen, dass der erfahrene Zuschauer hierbei nicht nur eine angenehme Abwechslung geboten bekommt, sondern vor allem einen gut konstruierten Baustein, der diese Kriminal-Geschichte vor allem interessant macht. Das Feld wird sozusagen von hinten aufgerollt, sieht man doch gleich zu Beginn eine Zweckhochzeit, die den verwöhnten Zuschauer nahezu irritieren wird. Hauptdarstellerin und Wallace-Stammpersonal Karin Dor, die bislang stets im Sturm erobert werden konnte, muss sich einer vorgefertigten Situation beugen. Als Pendant zu allen bisher geläufigen Herren der Schöpfung, die ihre Herzensdamen mit Vehemenz und Charme überzeugen konnten, sieht man Neuling Hellmut Lange, der Zweifel fabriziert, zunächst alles andere als sympathisch im klassischen Sinne wirkt und letztlich eine vollkommen andere Strategie bedient. Die Serie hat immer von neuen Impulsen gelebt und profitiert, so dass man bei fortlaufender Spieldauer des Films anerkennen wird, dass es sich um eine willkommene, und vor allem auch notwendige Abwechslung handelt. Schon häufiger konnte man hier und anderswo beobachten, dass der Geldadel die mittellose Schönheit heiraten wird, doch dem Empfinden nach fehlt hier eine altbekannte Zutat, nämlich die des gegenseitigen Einverständnisses. Da man Karin Dor in diesem Zusammenhang niemals Kalkül oder Absichten unterstellen würde, die ausschließlich einer finanziellen Absicherung und der Sorgenfreiheit dienen sollten, entsteht eine frühe Ratlosigkeit.

Die Erläuterungen, wieso diese Allianz überhaupt zustande gekommen ist, wirken nicht besonders einleuchtend, schon gar nicht erbaulich, allerdings kommt es zu einer recht zuschauerfreundlichen Entschädigung in Form einer konventionellen Krimi-Romanze, zumindest wenn der Gerissene zur Strecke gebracht ist. Der Weg dort hin ist allerdings steinig und mit vielen Komplikationen versehen, raffinierte Winkelzüge des Drehbuches sorgen dafür, dass Verdachtsmomente und allgemeines Misstrauen lange nicht ausgeräumt werden können. Das Zusammenspiel zwischen Peter und Jane Clifton ist zunächst geprägt von Abneigung und Distanz, sogar einseitiger Verachtung und Kälte, doch ganz im Stil der Wallace-Romanzen, zeigen sich auch hier deutliche Kapazitäten, bis es schließlich zu ersten Erfolgen kommt. Hellmut Lange beweist trotz gewollt zweifelhafter Züge ein gutes Gespür im taktvollen Umgang mit seiner Frau und begibt sich auf eine gut durchdachte Gratwanderung, die der Zuschauer hautnah miterlebt. Viele der beteiligten Personen schüren Zweifel, sorgen aber auch immer wieder für Ansätze von Vertrauen, wofür besonders der sich langsam erschließende Sinneswandel von Jane verantwortlich ist. Zunächst wendet sich das Blatt durch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Komponenten wie Loyalität und Vertrauen tun ihr Übriges dazu. Peters Reputation wird durch Nebenbuhler verbessert. Robert Grafs Interesse an der schönen Jane Clifton wirkt aufdringlich und unangenehm, Victor de Kowa arbeitet ebenfalls auf Hochtouren daran mit, die junge Ehe in geregelte Bahnen zu lenken, allerdings nur indirekt, oder besser gesagt ungewollt, da heimtückische Pläne nicht in Erfüllung gehen.

"Der Fälscher von London" besitzt aufgrund der alternativen Struktur sicherlich das Potential zu polarisieren, jedoch sind die Psychogramme für Wallace-Verhältnisse ganz gelungen, außerdem sollte man den Mut dieser Marschrichtung anerkennen. Bei amourösen Belangen ist der Ermittler in dieser Geschichte nicht beteiligt, wenn auch nicht vollkommen irrelevant, da er dem jungen Paar quasi beschützend zur Seite steht. Auch Karin Dors Rolle unterscheidet sich von ihren bisherigen Darbietungen, und ohne ihre Leistung zu bewerten lässt sich schon einmal pauschal sagen, dass sie im Sinne der Wandlungsfähigkeit ein wichtiges Allround-Talent darstellt. Der Umgang der Cliftons untereinander ändert sich wie erwähnt mit der Zeit, und es ist als erfrischende Abwechslung zu werten, dass man sich als Zuschauer erstmalig fragen muss, ob man in zwischenmenschlicher Hinsicht auf seine Kosten kommen wird. Verlauf, Handlungsweisen und Prognose sind in diesem achten Beitrag ein Stück weit unberechenbar, so dass man quasi sagen kann, dass Harald Reinl das erste russische Roulette der Gefühle in einem Wallace inszenierte. Wie es ausgeht, bleibt glücklicherweise relativ offen, denn sonst wäre diese Konstruktion unterm Strich unbefriedigend ausgefallen. Funktionierende Verstärker sind schließlich die Schauspieler, die ihre Emotionen weitgehend auf den Punkt bringen können. Die umgekehrten Voraussetzungen dieser Geschichte überraschen also im Sinne einer Alternativ-Variante, die mehr Spannung in die Geschichte bringt, als der eigentliche Kriminalfall, wobei man fairerweise sagen muss, dass eine sehr gute Verstrickung aller Inhalte miteinander stattgefunden hat, und das Eine ohne das Andere nicht hätte glaubhaft existieren können.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.351

18.10.2015 14:32
#24 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

"Die seltsame Gräfin" (1961): Mike Dorn und Margaret Reddle

Der vierunddreißigjährige Joachim Fuchsberger und die sechsundzwanzigjährige Brigitte Grothum stellen hier zum ersten Mal ein junges Liebespaar im Dunstkreis finsterer Gauner und exaltierter Eigenbrötler dar. Wie sich im Zusammenspiel mit den UFA-Stars beweist, kommt ihnen dabei ihre Normalität zugute. Im Umfeld übertriebener Gesten, veralteter Konventionen und grassierenden Wahnsinns erfrischen ihre Jugend und ihr Sinn fürs Praktische. Anfangs lässt sich die Sorge Mike Dorns noch nicht richtig zuordnen, da er sich nicht als Inspektor zu erkennen gibt. Man nimmt anhand der raffinierten Kameraeinstellungen sogar an, er könnte etwas mit den Anschlägen auf Margarets Leben zu tun haben. Diese Mischung aus verkappter Romantik und handfester Gefahr lassen Fuchsberger geheimnisvoll erscheinen und wecken das Interesse der nüchternen Grothum, deren Alltagstauglichkeit sie von den vornehmen Mädchenpensionaten entsprungenen Erbinnen unterscheidet. Die Angst um sie wird durch permanente Schreckensmomente genährt und lässt den Wunsch nach Aufklärung und Schutz dringlicher werden. Ein gutaussehender, mitfühlender Mann wie Joachim Fuchsberger ist genau richtig, um die Hoffnung auf ein gutes Ende zu fördern.



Weist das Liebespaar einen bürgerlichen Hintergrund auf, so lässt sich dies von ihren Kontrahenten keineswegs sagen. Bösewicht Richard Häussler, dreiundfünfzig Jahre alt, rechnet mit einer Eheschließung unter bestimmten Voraussetzungen. Bedingungen, die er diktiert und über deren Annahme für den eitlen Galan keine Zweifel bestehen. Neben weiteren unberechenbaren Figuren wie Stuart Besset, Dr. Tappatt und John Addams ist es vor allem die Grande Dame des Ensembles, die ihre Wirkung auf andere kalkulierend einsetzt: die dreiundsiebzigjährige Lil Dagover als Gräfin Eleonora. Ihre betuliche Art, die nervösen Gesten und die Nähe, die sie immer wieder zu der jungen Margaret sucht, lassen Raum für Spekulationen. Beäugt sie ihre Sekretärin, um sie zu kontrollieren, aus Misstrauen oder aus einem Interesse, das sich in Empfindungen nährt, die sich eine Dame wie sie niemals eingestehen würde? Beobachtet man, wie sie um Margaret herumschleicht, ist man nie ganz sicher, welcher Art die Bedrohung ist, der die junge Frau ausgesetzt ist. Diese latent vorhandene Spielart aus dem antiken Lesbos unterstreicht das Unbehagen, dem Margaret zwischen unerwünschtem Begehren, Wahnsinn, Obsession, Gier und Süchten ausgesetzt ist.

Man merkt, dass sich die beiden Hauptdarsteller sympathisch sind und sie ihre Zusammenarbeit als angenehm empfinden. Ein verständnisvolles Lächeln da, eine schutzgebende Handbewegung dort - ohne falsche Scheu, aber mit gegenseitigem Respekt beweist man sich, dass man den anderen schätzt und ihm Gutes will. Die Kombination Fuchsberger-Grothum steuert ihre Ziele sehr direkt an, weil es kein Umgarnen oder Flirten im eigentlichen Sinn gibt. Charmante Komplimente, die z.B. einer Karin Dor gemacht werden, prallen an Brigitte Grothum ab, weil sie die Absicht dahinter durchschaut. Sie ist für diese Art der Koketterie nicht zu haben. Das kommt ihrem Partner zugute, der konkret über Fakten sprechen will, ohne in Wortduellen seine Überlegenheit demonstrieren zu müssen. Lieber nimmt er die Dame seines Herzens in den Arm. Ohne Rücksicht auf seinen Anzug oder die perfekt geföhnte Frisur. Zuverlässigkeit und Handschlagqualitäten zählen hier mehr als ein Beharren auf Etikette, die am Beispiel der Gräfin selbst im Tode noch zelebriert und ad absurdum geführt wird.

Fazit: 5 von 5

Prisma Offline




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01.05.2016 14:24
#25 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DIE SELTSAME GRÄFIN

Josef von Bákys "Die seltsame Gräfin" legt bei einem gezielten Blick auf Teile der Besetzungsliste die allgemein bekannte These nahe, dass alte Liebe wirklich nicht zu rosten scheint. Der Film präsentiert neben bekanntem Wallace-Stammpersonal einige Relikte aus der goldenen UFA-Zeit, die mit der damals sensationellen Ankündigung von Lil Dagover in der Titelrolle ihren Aufhänger fand. Der erfahrene, beziehungsweise treue Zuschauer der ersten Stunde schaut mit der Beteiligung von Joachim Fuchsberger auf eine absolut sichere Bank, denn die Erfahrung verspricht, dass er auch diese Rolle generell und schließlich im Sinne des hier behandelten Themas in gewohnter Manier lösen wird. Eine junge Frau wird aus zunächst unerfindlichen Gründen von einem offensichtlich Wahnsinnigen bedroht, dessen Gesicht niemand anders als Klaus Kinski beängstigend sicher formen wird. Joachim Fuchsberger als Privatdetektiv Mike Dorn scheint offenbar nur mit einem Mindestmaß an Hintergrundinformationen versorgt zu sein, was seine Aufgabe, die attraktive Protagonistin zu schützen, nicht gerade einfach gestaltet. In den meisten Produktionen lag die zwischenmenschliche Findung der Hauptpersonen vorgefertigt auf der Hand, auch in diesem Beitrag sieht es nicht anders aus. Dennoch ist es das über weite Strecken mysteriöse Element der Bedrohung, das für Spannung und Unsicherheit innerhalb dieser sich anbahnenden Konstellation sorgt. Doch wer agiert im Hintergrund? Die Geschichte wird in diesem Zusammenhang einige Spitzenkandidaten zutage bringen, die aus unterschiedlichen Beweggründen agieren. Die teils antiquiert wirkende und an vergangene Tage erinnernde Bearbeitung der Regie baut eine elegante Brücke in die Vergangenheit, in der aller Wahrscheinlichkeit nach des Rätsels Lösung zu finden ist.

Margaret Reedle beginnt eine neue Stellung im Schloss der Gräfin Moron, sodass sich die vorsichtige Hoffnung aufbäumen kann, dass sie dort Ruhe und Sicherheit finden kann. Allerdings findet die Gefahr kein Ende und der Zuschauer beschäftigt sich mit zahlreichen Verdächtigungen, die auch insbesondere vor der Titelrolle nicht halt machen werden. Als die Star-Ankündigung des Films erstmals die Bühne betritt, vernimmt man nicht nur eine dramaturgische, sondern eine vollkommen ihrem Wesen entsprechende und offensichtlich natürliche Dominanz der Person Lil Dagover. In ihrem Schloss scheint die Zeit still gestanden zu haben, ihre Gestik und Mimik stammt aus einer anderen Dekade. In eine geheimnisvolle Aura gehüllt, bekommt der aufmerksame Zuschauer die erste schwarze Witwe der Reihe präsentiert und bei dieser Gattung wird jeder Mann mit amourösen Absichten in diesem Fall bestenfalls unterdrückt, im schlimmsten jedoch vernichtet. Dunkle Geheimnisse schwingen mit der Gräfin einher, einerseits nimmt man ihr die ehrliche Zuneigung für Margaret ab, andererseits bezweifelt man jedoch ihre Integrität. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass Gräfin Moron keine starken Frauen neben sich duldet, geschweige denn starke Männer. Unter dieser Voraussetzung, dass sie es gewöhnt ist, über den Dingen, respektive den Personen um sich herum zu stehen, machen sich kalte Vorahnungen breit, die man aufgrund der Unberechenbarkeit von Dagover jedoch immer wieder anzweifelt. Eines ist sicher, diese Frau hat im Sinne des Themas zahlreiche Verbindungen auf dem Gewissen, sie avanciert somit indirekt zu einer der gefährlichsten Unterdrückerinnen der kompletten Reihe. Doch hat man es tatsächlich mit einer derartig ernstzunehmenden Gegnerin zu tun, wenn es doch von anderen dubiosen Gestalten nur so wimmelt? Das Hemmen amouröser Absichten geht hier definitiv auf mehrere Konten.

Zum Einen gibt es Personen, die die Liebe insofern zu unterdrücken versuchen, dass eben ein fraglicher Partner liquidiert werden soll, wahlweise sogar beide. Eine Person zieht die Heirat mit der bedrohten Schönheit ihrem Tode vor und seine spät-frühlingshaften Sentimentalitäten werden zum Verhängnis. Joachim Fuchsberger und Brigitte Grothum, die bislang nur stiefmütterlich betrachtet wurden, bilden schließlich die klassische Konstellation und dem Empfinden nach war die Gefahr für das bedrohte weibliche Opfer nie größer, was mehrere Mordanschläge belegen, die keineswegs mehr bloßen Warnungen gleichen. Erneut hat Wallace-Routinier und Spezialist für Mehrfachanforderungen Joachim Fuchsberger alle Hände voll zu tun, um den Nebel, der sich um die Geschichte hüllt, zu vertreiben. Erst im Finale schließt sich der Kreis und behandelt diverse Altlasten die ebenfalls offenbaren, dass es eigentlich bislang nie eine akutere Bedrohung für die Findung der Protagonisten an sich, und die Liebe im Allgemeinen gegeben hat. Dem Empfinden nach ist "Die seltsame Gräfin" sogar eines der ergiebigsten Themen in diesem Rahmen, da anscheinend eine Person im Szenario existiert, bei der Naturell und Erfahrung keine anderen Schlüsse zulassen, als dass sie die schönste Sache der Welt im Keim zu ersticken versucht, und das nicht erst seit Mike Dorn und Margaret Reedle, sondern prinzipiell. Bei so vielen Spannungen für die strapazierten Wallace-Fans, die sich nach Balsam für die Seele sehnen und sich auf bestehende Gesetze der Serie verlassen, bringt die Geschichte eine versöhnliche Prognose in quasi doppelter Ausführung zustande, die sich eben nur entfalten kann, wenn der sorgsam herausgearbeitete Tyrann zur Strecke gebracht wird. So wird auch hier sozusagen ein Triumph der Zwischenmenschlichkeit präsentiert, in dem Joachim Fuchsberger wieder einmal als Held strahlen darf.

Percy Lister Offline



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01.05.2016 21:04
#26 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

Lil Dagover dominiert die Geschichte von Liebe und Macht in dem Sinn, dass sie in der Tat jedes Aufkeimen von Emotionen in ihrem Umfeld unterdrücken will. Sie gehört einer Gesellschaftsschicht an, in der Gefühle nur dem Pöbel, also dem gemeinen Volk zugestanden werden. Der intellektuelle Geist der höhergestellten Persönlichkeiten verbietet unkontrollierbare Emotionen; zudem glaubt die Gräfin an ihre Überlegenheit, gerade weil sie sich nicht von anderen abhängig macht. Dieses Verhalten lässt sie in den Augen eines modernen Publikums umso antiquierter erscheinen und trägt viel zu ihrem abgehobenen Status und der Aura der Unnahbarkeit bei.

Percy Lister Offline



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29.05.2016 14:09
#27 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

"Das Rätsel der roten Orchidee" (1961/62): Lilian Ranger und Edwin Tanner bzw. Lilian Ranger und Inspektor Weston

Die zweiundzwanzigjährige Marisa Mell wird gleich von zwei Verehrern umworben: dem neununddreißigjährigen Pinkas Braun, sowie dem ebenfalls neununddreißigjährigen Adrian Hoven. Dennoch ergibt das Dreieck keine klassische Liebespaarung, auch wenn am Ende vorgetäuscht werden soll, dass sich die weibliche Hauptfigur für den mit Glück und einem tüchtigen amerikanischen Kollegen gesegneten Scotland-Yard-Ermittler entscheidet. Der sonst gern als pfiffiger Frauenschwarm besetzte Österreicher sieht neben dem cleveren Christopher Lee reichlich blass aus, was auch seine Ausstrahlung als potenzieller Ehemann von Marisa Mell schmälert. Sein Schweizer Kollege Braun hat es da leichter. Ihn umgibt das Geheimnisvolle seiner Doppelrolle, er darf charmant und hart zugleich sein und scheint immer einen Trumpf in der Hinterhand zu haben. Die maliziöse Ausstrahlung seines herben Gesichts bringt ihn nicht von vornherein als eventuelle Partie ins Spiel und sorgt so für eine gewisse Spannung. Beide Männer scheinen das Wohl von Lilian Ranger im Auge zu haben und drücken dies durch berufsmäßige Bevormundung (Weston) oder originelle Präsente und Komplimente (Tanner) aus. Lilian scheint dies zu genießen und nimmt die Bestätigung ihrer Wirkung auf Männer als auflockernde Beigabe ihres Alltags bei einem knorrigen Arbeitgeber.



Gleich zu Beginn antwortet Lilian auf die Frage des alten Elias Tanner, ob sie schon einmal ans Heiraten gedacht habe, dass dies wohl jedes Mädchen einmal täte. Aufgrund ihres Alters und der Unabhängigkeit ihres Geistes, denkt sie jedoch noch nicht daran, sich fest zu binden. Sie betrachtet die Männer ihrer Umgebung als interessante Studienobjekte. Im Fall von Edwin Tanner ist sie neugierig, was der Mann mit dem exotischen Hintergrund im Schilde führt; sie freut sich, mit ihm zu flirten und seine Motive zu deduzieren. Der gesetzte Kriminalbeamte ist hingegen schon länger ein vertrautes Gesicht und auch wenn sie ihn scherzhaft mit Mister Sherlock Holmes anspricht, ist doch sie es, die ihn zu ergründen sucht. Ihre Fragen sind spöttisch und neckend und sie nimmt ihn anfangs nicht ernst. Erst als sie die professionelle Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen muss, betrachtet sie ihn als Helfer in der Not, was jedoch nicht zwangsläufig heißt, dass er als Mann in ihrer Gunst gestiegen ist. Um dem Publikum nach den Maschinengewehrsalven am Ende einen Moment zum Verpusten zu schaffen, deutet die Büroszene an, dass sich Lilian und der Inspektor nun ausgesöhnt haben und gemeinsam an einem Strang ziehen. Dies darf bezweifelt werden, da Lilian neue Wege gehen muss (nachdem sich sowohl die fingierte Erbschaft, als auch die neue Bankstellung in Luft auflösen) und der Beamte sich neuen Fällen zuwenden wird.

Vom psychologischen Standpunkt aus reizvoller ist zweifellos die Freundschaft zwischen Lilian und dem zwielichtigen Edwin. Die beiden umgarnen sich in kleinen Flirts und scheinen den gleichen feinen Humor und Sinn für Ironie zu haben. Da sie sich immer nur kurz begegnen und sich dabei von ihrer charmantesten Seite präsentieren, kulminiert ihre "Beziehung" in der spannenden Szene im Keller der Dorris-Bank, wo endlich Tacheles geredet wird. Zunächst zeigt Lilian naive Ungläubigkeit ob der kriminellen Seite ihres Verehrers und ist dann umso enttäuschter, als sie kombiniert, er habe sie nur als Vorwand benutzt. Diese Erkenntnis versetzt ihrer Sympathie für den rätselhaften Mann den Todesstoß, weshalb sie auf seine Feststellung, er wäre ihr wohl nicht ganz gleichgültig, nicht mehr antwortet. Ihr Sinken in die Arme des Inspektors ist deshalb nicht mehr als ein Reflex, der moralische Erschöpfung ausdrückt. Eine Verbindung mit einem Kriminellen darf laut Verhaltenskodex der Filmindustrie nicht ungestraft bleiben, wie man am Beispiel von Cora und Kerkie Minelli sieht. Zudem steht Lilian auf der Seite der Guten und muss sich deshalb an Weston halten, auch wenn er weitaus langweiliger ist als der Orchideenjäger vom Amazonas. Das Bedauern, das der Zuschauer am Schluss fühlt, gilt den ungenutzten Chancen des Lebens, der Mittelmäßigkeit von konventionellen Verbindungen und der Ohnmacht gegenüber den Erwartungen eines Massenpublikums.

3 von 5 im Durchschnitt

Prisma Offline




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29.05.2016 20:15
#28 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten



DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE

Wie kein anderer Film steht "Das Rätsel der roten Orchidee" in der bisherigen Reihenfolge der Edgar-Wallace-Beiträge für Neuerungen und offensichtliche Kehrtwendungen, es bleibt herauszufinden, ob es auch im Sinne des behandelten Themas zutrifft. Das Zuschauer-Interesse hielt sich seinerzeit erstmalig und vergleichsweise in Grenzen, die Gründe dafür lassen sich möglicherweise letztlich mit der neuen Strategie erklären. Das Liebesthema erfährt auch unter Helmuth Ashley eine für die Serie gängige Abhandlung, die Protagonisten haben sich zu finden, der Ermittler muss die attraktive Heldin vor dubiosen Elementen beschützen, die (hier nicht gerade) unsichtbare Hand aus dem Hintergrund greift nach der weiblichen Hauptrolle und verfolgt mit ihr ganz eigene Zwecke. Die neue Doppelspitze aus Österreich präsentiert sich mit Adrian Hoven und Neuentdeckung Marisa Mell zunächst sehr verlockend, zumindest auf dem Papier. Hovens aus vielen Filmen manifestiertes Image erscheint im Grunde genommen wie geschaffen für diesen Part zu sein, auch Marisa Mell bringt alle Grundvoraussetzungen und vielleicht noch ein bisschen mehr mit, um den Zuschauer zu erfreuen. Allerdings wurde das Gesetz der Serie hier in so gut wie allen Bereichen zu empfindlich gebrochen und die anvisierten Innovationen greifen nicht, da vor allem Adrian Hoven in fast allen Belangen versagt und er nicht nur einen mäßigen Ermittler abgibt, sondern vor allem einen unglaubwürdigen Liebhaber in spe. Die sich anbahnende Liebelei wird mit viel verspielter Ironie und Neckereien ausstaffiert, doch kommt man dem Empfinden nach niemals über die Absicht eines Flirts hinaus. Vom Prinzip her würde diese Strategie nach zehn Beiträgen eine willkommene Abwechslung darstellen, wenn nicht der permanente Versuch durchschimmern würde, dass alles nicht ernst gemeint ist. Somit hält sich das Interesse von Adrian Hoven, alias Inspektor Weston, eigentlich in Grenzen und er profitiert ausschließlich von der Wachheit seines Gegenübers, Lilian Ranger.

Ihr Auftreten gleicht dem eines Magneten, der die Männer auf ganz natürliche und faszinierende Weise anzieht, doch ihre Wirkung scheitert am Widerstand der Herren der Schöpfung, sodass es für den bislang verwöhnten Zuschauer beinahe ein Jammer ist, keine richtigen Antennen im Geschehen ausfindig machen zu können. Zur großen Verliererin dieses Spektakels wird schließlich Marisa Mell, deren eigentlich flexibles und leichtfüßiges Schauspiel zum scheinbaren Kraftakt ausufert, da sie gegen die Wand dramaturgischer Unzulänglichkeit und gegen die offensichtliche Schwäche gewisser Partner anzuspielen hat. Adrian Hovens Sachlichkeit und Starre lassen kaum Spielraum für amouröse Tendenzen zu, und es müssen schließlich andere Anwärter aufs Tableau, um sein unglaubwürdiges Interesse zu steigern. Schaut man sich die weibliche Hauptrolle an, bleibt es selbstverständlich logisch, dass man sich für dieses zauberhafte Geschöpf interessiert, allerdings geht diese Voraussetzung nicht von Adrian Hoven aus, der anscheinend gar nicht auf der Suche nach Verbindlichkeiten ist. So übernimmt Orchideenjäger Pinkas Braun das, was der Zuschauer insgeheim verlangt, und macht Lilian den Hof, die neben allen Avancen sogar noch einen Heiratsantrag bekommen wird, wenn auch nur von seinem Filmonkel Fritz Rasp, der bereits in anderen Sphären des Alters spielte. Auch hier entsteht rückwirkend leider der Eindruck, dass alles, was im Bereich der Findung geschieht, ausschließlich der holprigen Dramaturgie wegen passiert, dieser schließlich zum Opfer fällt und die Leichtigkeit sowie Glaubwürdigkeit anderer Beiträge vermissen lässt. Das Konstrukt lebt also nur durch die, man möchte fast sagen, zumindest halb umgekehrte Rollenverteilung, ergo, der aufmerksamen Anlegung kompensatorischer Rollen. Die Findung der beiden Hauptpersonen wird wie üblich durch die latente Bedrohung und einige Hintermänner unterwandert, wenn man auch hier nur eigentlich sagen möchte, denn Ernsthaftigkeit sucht man unter Ashleys Regie wie die Nadel im Heuhaufen.

Bezeichnend genug ist es daher, dass eine andere Person gegen Ende des Films wie aus dem Nichts für das behandelte Thema in die Bresche springen muss, und dies auch noch unter vollkommen negativen Voraussetzungen, da das Motiv Rache die Liebe gierig verschlingt. Bleibt man bei den Protagonisten in einer klassisch männlich-weiblichen Konstellation, etabliert sich der seltsame Eindruck, dass erstmals das eigentlich schutzbedürftige Opfer den Ermittler erobern müsste, um ans Ziel zu gelangen, und nicht umgekehrt. Lilian Ranger fällt jedoch auch weitgehend aus obligatorischen Strukturen heraus, da sie als Wallace-Heldin selten autonom und selbstbewusst wirkt, somit beinahe keinen Schutz, geschweige denn einen Partner braucht. Das alles war wohl insgesamt zu viel für die Wallace-Gewohnheitstiere, sodass dieser neunte Serien-Beitrag der Rialto Film aus vielen Gründen nur verhaltenen Zuspruch bekam. Vielleicht lässt sich anhand des Beispiels "Das Rätsel der roten Orchidee" die Erkenntnis gewinnen, dass die Zuschauer gerade beim Thema Findung, Liebe oder Happy-End noch wenig Kompromissbereitschaft innerhalb bestehender Vorstellungen, beziehungsweise Abhandlungen mitbrachten und die daher eher lieblos aneinandergereihten Sequenzen verhalten zu betrachten sind. Untersucht man die sinnbildliche Komponente der titelgebenden Blume, sollte sie von ihrer Bedeutung her das behandelte Thema eigentlich tatkräftig unterstützen. Unter Anderem steht die Orchidee als Symbol für Sinnlichkeit, Geheimnisse oder Hingabe, ganz zu schweigen von körperlicher Lust und sexueller Leidenschaft. Als bunte Vertreterin ist sie sogar Sinnbild für die ambitionierte Liebe. Letzteres charakterisiert diesen Beitrag von 1962 vielleicht mitunter am besten, dass er nämlich in vielerlei Hinsicht lediglich ambitioniert bleibt, allerdings kaum beim Thema Liebe. Ansonsten präsentiert das in die Geschichte integrierte Ensemble bestenfalls gute Ansätze, aber hauptsächlich kalte Duschen. Auch wenn es das Thema suggeriert, kann "L'amour toujors" also selbst bei Wallace nicht immer zünden.

Percy Lister Offline



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29.05.2016 20:47
#29 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

Das Moderne an "Das Rätsel der roten Orchidee" ist, dass es keine richtige Liebe zwischen den Paaren gibt. Am Ende erkennt man zwar, dass z.B. Cora Minelli sehr an ihrem Mann hing, allerdings wurde sie bis kurz vor Schluss als oberflächlich und eigensinnig dargestellt. Sie läuft als personifizierter Blondinen-Witz herum und erhält erst in den letzten Minuten Tiefe und Tragik. Lilian, die noch die Auswahl hat, schaut sich um und erkennt, dass die Gefühle an der Oberfläche bleiben, weshalb sie das Spiel mitmacht und dabei mehr als einen Stich machen kann.

Gubanov Offline




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29.05.2016 21:17
#30 RE: L'amour toujours bei Wallace Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #27
"Das Rätsel der roten Orchidee"
3 von 5 im Durchschnitt

Wundert mich nicht, dass die Romantik nicht so gut ausgeprägt ist wie z.B. in "Fälscher" oder "Gräfin", weil die "Orchidee" als Gangsterfilm im Vergleich zu einigen "märchenhafteren" Krimis doch ein sehr maskulines Genre bedient.

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