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Dieses Thema hat 15 Antworten
und wurde 1.485 mal aufgerufen
 Edgar-Wallace-Forum
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Peter Ross Offline



Beiträge: 1.353

14.09.2014 13:01
Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg Zitat · antworten

Da es zum Hamburger IMPERIAL THEATER noch keinen allgemeinen Thread gibt (lediglich zu einzelnen Filmen im Theater), eröffne ich mal diesen Thread. Ich war gestern mit meiner Frau mal wieder auf der Reeperbahn und konnte natürlich nicht am IMPERIAL THEATER nur vorbei gehen. Derzeit läuft dort "Jerry Cotton jagt den New Yorker Ripper". Für 2015 ist aber bereits "Edgar Wallace - Der Zinker" angekündigt. Den werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Welche Erfahrungen zum Theater gibt es von euch? (ein bißchen was habe ich in der Suche schon gefunden).

Das Theater ist sehr gut besucht gewesen und mit aufwendiger Bühnentechnik ausgestattet. Eine Reise nach Hamburg ist es sicherlich wert, denn atmospärisch gliedert es sich hervorragend in die Reeperbahn ein. Dort kann man natürlich zuvor in vielen Gaststätten lecker essen und im Anschluss noch mal über die Reeperbahn bei Nacht schlendern (um vielleicht paar Hamburger Astra (Bier) oder paar Cocktails zu trinken. Hotels sind nebenan viele, ich habe z.B. im ibis budget (Nacht 80 Euro) geschlafen. Wer direkt an der Reeperbahn übernachten will und ein komfortableres Hotel buchen möchte, der muss schon deutlich über 100 Euro pro Nacht zahlen. Das ibis budget hatte doch recht kleine Zimmer und wenig Service.

http://www.krimitheater.de oder http://www.imperial-theater.de
Reeperbahn 5, Hamburg

Peter Ross Offline



Beiträge: 1.353

29.03.2015 16:36
#2 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2015: Der Zinker) Zitat · antworten

Ich habe jetzt endlich mal im Theater das Edgar Wallace Werk "Der Zinker" gesehen, daher hier einmal ein paar Eindrücke:

Vorab: Wer sich das Theaterstück anguckt, sollte für sich auch nicht mit der Erwartung daran gehen, den Film im Live-Spiel zu sehen zu bekommen. Es gibt also keine Edgar-Wallace-Schüsse und auch Heinz Drache, Barbara Rütting etc. treten aus bekannten Gründen nicht auf.

Dennoch ist der Besuch lohnenswert!
Das Theater ist deutlich kleiner als die in der Umgebung angesiedelten Stage-Theater wie "Das Wunder von Bern" usw. Man sitzt mit gefühlt 200 Personen auf 2 Ebenen. Meine Frau und ich saßen oben in der Mitte der ersten Reihe. Die Bühne ist drehbar und hat ebenfalls seitliche Drehelemente. Damit werden verschiedene Handlungsorte abgebildet, hier beim Zinker einmal das Büro, der Ort zuhause, Scotland Yard und der Zinker-Übergabepunkt. Insgesamt bietet das alle ca. 10 Minuten sich ändernde Bühnenbild eine abwechselungsreiche Optik. Darstellerisch merkt man den Akteuren an, dass sie durchaus professionell Theater spielen, insbesondere hinsichlich der Dialoge, der Mimik und Gestik. Auch die Garderode ist gut durchdacht, verschiedene Outfits für die Darsteller.

Da ich den Roman "Der Zinker" nicht gelesen habe, kann ich inhaltlich lediglich einen Vergleich zum Film herstellen. Die Charaktäre Beryl Stedman, Larry Greame, Frank Sutton, Mr. Leslie und Millie Trent sind in nahezu identischen Rollen übernommen. Josua Harras (im Film Eddi Arent) übernimmt über weite Passagen einen Teil der Ermittlungsarbeit und tritt insbesondere zu Beginn auch als derjenige auf, der mit dem Publikum spricht und erklärt. Der Inspektor ist in der ersten Hälfte der "Unbekannte", im zweiten Teil wird dies aufgelöst. Es geschehen im Vergleich zum Film erheblich weniger Morde, aber dennoch wird auch mal die Waffe gezückt.
Inhaltlich ist der Ort des Geschehens nicht die Tierhandlung, sondern ein normales Büro. Die Rolle der Nancy Mulford (im Film Agnes Windeck) wurde durch einen männlichen Part ersetzt. Insgesamt spielt die Heirat zwischen Sutton und den beiden Frauen eine größere Bedeutung als im Film.
Eingearbeitet in das Theaterstück sind auch immer wieder medial passende Musikstücke (keine Original-Musik) sowie eine aufwendige Lichttechnik.

Positiv hervorzuheben ist auch die Atmospäre im Kino - auf den Gängen befinden sich Original-Edgar-Wallace-Plakate und das gesamte Design ist an Edgar Wallace angelehnt. Irgendwie ein wenig ein Gefühl, als würde die Zeit kurz 50 Jahre zurück liegen und man ginge in den 60er Jahren ins Kino zu einem Edgar Wallace Film.

Fazit: Empfehlenswert!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.574

09.06.2015 20:43
#3 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2015: Der Zinker) Zitat · antworten

Hamburgs Krimi-Theater präsentiert: "Der Zinker"

Das Imperial Theater an der Reeperbahn orientiert sich in seinen Aufführungen der Edgar-Wallace-Stücke an den Originalromanen, weswegen die Handlung in den 1920er und 1930er Jahren spielt. Neugierig, endlich einmal einen echten Wallace auf der Bühne zu erleben, begab ich mich am letzten Freitagabend in Begleitung von Marmstorfer und Gubanov nach St. Pauli. Die roten Polstersitze und der ebenfalls blutrote Vorhang (den Todessymbole wie Giftflaschen und Dolche zieren) sorgten für die richtige Stimmung. Allerdings müsste der Saal einmal ordentlich durchgelüftet werden: es roch nach Essig. Die Vorstellung war gut besucht und so wartete alles gespannt darauf, dass sich der Vorhang hob.

Zitat von Theaterprogramm 'Der Zinker' - Die Geschichte
Chefinpektor Barrabel ist ihm auf der Spur. Joshua Collie, Reporter der Londoner Morning Post, ebenfalls. Und Inspektor Elford jagt ihn, genauso wie Larry Graeme, der Juwelendieb. Wen? Das fragen Sie noch? Na, den Zinker natürlich. Londons aktuelles Verbrechergenie, das ein krummes Ding nach dem anderen dreht und doch nicht erwischt wird. Auf der Suche nach dem Schurken recherchiert Collie in der gediegenen Firma Sutton Export. Sutton, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf die schiefe Bahn geratenen Zeitgenossen wieder auf die Beine zu helfen, hat Ärger mit seinem neuen Schützling John Leslie. Hat dieser doch zu reges Interesse an Suttons hübscher Braut Beryl Stedman. Und auch sonst hat der hart arbeitende John Leslie keine guten Karten....


Die Aufmerksamkeit des Publikums wird gleich in den ersten Minuten gewonnen: Ein Geheimtreffen zwischen dem Juwelendieb Larry Graeme und dem furchterregenden "Zinker", der in seiner Maske an Nosferatu errinnert, endet mit grünem Rauch und Schüssen, die besonders für die Zuschauer ganz vorn an der Bühne einen ordentlichen Schrecken darstellen. Beim Polizeiverhör sieht man den Chefermittler als Schatten an der Wand - ganz wie bei Dr. Mabuse. Der Reporter Joshua Collie fungiert in den Zwischenszenen als Erzähler und spannt den Bogen zur Haftentlassung Graemes im Jahr 1931. Die Hochzeit von Beryl Stedman und Frank Sutton steht kurz bevor und sorgt für Intrigen und Verzweiflung im Kontor der Firma. Eva Wagner und Stefan Brentle gewinnen rasch die Sympathie der Zuschauer, während der aalglatte Ulrich Schaller in seinem taubenblauen Anzug für die gewünschte Distanz sorgt. Die heimlichen Liebesbande zwischen Beryl und dem vorbestraften Captain Leslie regen nicht nur die Phantasie der Sekretärin Millie Trent an und sorgen für Unmut bei Lew Friedman, sondern dominieren die Handlung, die sehr stark auf die Beziehungen der Personen untereinander fokussiert ist.



In der ersten Hälfte vor der Pause tritt der unheimliche Zinker mehrmals auf und sorgt für raschen Szenenwechsel auf der stilvoll ausgestatteten Drehbühne, die zackig im Zwielicht gewendet wird. Als Schauplätze dienen vor allem das Büro der Firma Sutton und das Wohnzimmer im Hause Stedman/Friedman. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Kostüme gelegt, bei denen Eva Wagner die Nase vorn hat: so oft wie sie wechselt niemand seine Kleidung. Untermalt wird die Handlung von den symphonischen Klängen aus "Vertigo", die eine düstere Stimmung heraufbeschwören und zu der "Räuberromantik" passen, die sich nach und nach entwickelt. Interessanterweise verließen einige Zuschauer die Vorstellung in der Pause, nachdem die erste Hälfte mit der Verhaftung John Leslies als Zinker endete. Sie dachten wohl, das sei es gewesen. Sie verpassten ein überraschendes Finale, das selbst den Kenner des Rialtofilms verblüffte. Nach mehreren Mordversuchen und der Enthüllung lange unter der Oberfläche brodelnden Identitäten, löst sich das Geheimnis um den "Zinker". Dankbar für einen äußerst unterhaltsamen Abend spendeten wir Beifall, während das Ensemble dreimal vor den Vorhang trat und sich verneigte.

Während in der Verfilmung aus dem Jahr 1963 Inspektor Elford die Ermittlungen dominiert, ist es hier der hochgewachsene und sehr eindrucksvolle Stefan Brentle als Captain Leslie, der den Spagat zwischen romantischem Liebhaber, abgeklärtem Büroangestellten und hartnäckigem Schnüffler/Rächer bravourös meistert. Eva Wagner als Beryl Stedman leidet unter den Anschuldigungen, die gegen ihre heimliche Liebe vorgebracht werden und balanciert überzeugend zwischen Pflichtgefühl und Neigung. Verena Peters, deren vorlautes Mundwerk für einige Lacher sorgt und an Ingrid van Bergen erinnert, gibt Millie Trent energisches Temperament. Angenehm ins Bild fügt sich Sönke Städtler, der von Anfang an beim Hamburger Kriminaltheater dabei ist und Ruhe und Verlässlichkeit ausstrahlt. Alexx Grimm lehnt seine flapsigen Feststellungen an Eddi Arents Rolle an und lockert den Ernst der Handlung immer wieder auf. Dem eingespielten Team, das bereits in anderen Edgar-Wallace-Stücken agierte (u.a. in 'Der grüne Bogenschütze', 'Die toten Augen von London', 'Der schwarze Abt' und 'Der unheimliche Mönch') sieht man Spielfreude und Engagement an. Wer eine Vorstellung besuchen möchte, hat an jedem Donnerstag, Freitag und Samstag um 20 Uhr bis voraussichtlich Ende August Gelegenheit dazu.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.578

11.06.2015 21:05
#4 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2015: Der Zinker) Zitat · antworten



Edgar Wallace: Der Zinker

Kriminalstück, BRD 2015. Regie: Frank Thannhäuser. Romanvorlage („The Squeaker“, 1927): Edgar Wallace. Mit: Eva Wagner (Beryl Stedman), Stefan Brentle (Captain Leslie), Ulrich Schaller (Frank Sutton), Alexx Grimm (Joshua Collie), Sönke Städtler (Lew Friedman), Gosta Liptow (Inspektor Elford), Verena Peters (Millie Trent), Guido Maria Kober (Tillman), Janis Zaurins (Larry) sowie ??? als Der Zinker. Besuchte Vorstellung: 5. Juni 2015, Imperial Theater.

Zitat von Der Zinker
Verrat und Mord in der Londoner Unterwelt. Juwelendiebe müssen befürchten, dass der Zinker ihnen entweder die Beute zu einem Ramschpreis abkauft oder sie bei Scotland Yard verpfeift. Auch Larry Graeme ist als Opfer des Zinkers ins Gefängnis gegangen – und hegt Rachegefühle für den Verbrecherboss. Der quittiert diese nach Larrys Entlassung mit einer Ladung Blei. Chefinspektor Barrabel muss derweil einen heimtückischen Giftanschlag über sich ergehen lassen, als er herausfindet, dass die Fäden des Zinkers in Frank Suttons biederer Exportfirma zusammenlaufen, in der der Geschäftsführer Sträflingen eine Chance zur Resozialisierung bietet ...


Der Andrang im Imperial-Theater ist schon beachtlich. Kein Vergleich mit Wiederaufführungen alter Krimis in Programmkinos, bei denen dann 20 bis 50 Eingeweihte auftauchen. Auch wenn der Saal eher überschaubare Dimensionen aufweist, so sind die Stuhlreihen doch dicht an dicht gebaut und so gut wie jeder Platz im Parkett besetzt. 272 Personen passen hinein, wenn man den Rang mitrechnet, 180 bis 200 werden sicher zusammengekommen sein. Schön, dass das Imperial mit seiner Krimi-Nische, und im Speziellen mit seiner Wallace-Nische, so erfolgreich ist. „Der Zinker“ läuft ja nun nicht erst seit gestern.

Da es auch für mich der erste Besuch im Imperial war, war ich gespannt auf die Herangehensweise an den Stoff. Vom mir bereits bekannten Hörspiel „Die seltsame Gräfin“ kann man schlecht Schlüsse ziehen, weil der Rialto-Film in diesem Fall sehr eng an der Wallace-Vorlage liegt. Ganz anders beim „Zinker“, der auf der Leinwand ganz andere Schwerpunkte setzt als zwischen Buchdeckeln. Und auf der Theaterbühne? Ich war hocherfreut, als ich bemerkte, dass sich Frank Thannhäuser ganz klar am echten Wallace orientiert und die Originalgeschichte aufbereitet, anstatt auf das (wenngleich sehr gelungene) Drehbuch von H.G. Petersson zurückzugreifen. Gerade der erste Akt verläuft nahezu 1:1 in den Bahnen des Romans, übernimmt sogar einige Dialogpassagen. Als Beispiel sei hier die frühzeitige Selbstbezichtigung Captain Leslies angeführt, die Stefan Brentle wiedergibt, wie Wallace sie verfasste:

Zitat von Edgar Wallace: Der Zinker, Weltbild, Augsburg 2000, S. 266
„[D]a Sie so furchtbar neugierig sind, muss ich Ihnen ja wohl meine interessante Liebhaberei beichten. Ich kaufe nämlich Dinge sehr billig ein und verkaufe sie teuer. Und wenn ich freie Zeit habe, so benütze ich sie dazu, andere Leute zu verzinken.“


Gerade am Beispiel des Captain John Leslie wird ersichtlich, welche frappierenden Unterschiede trotz Namensgleichheit bei bestimmten Figuren zwischen Vorlage und Verfilmung bestehen. Die Inszenierung des Imperial-Theater bewahrt nicht nur die charakterlichen Eigenheiten der Wallace-Protagonisten. Auch die verwendete Sprache, die Kostüme und die Bühnenbilder atmen den Charme der späten 1920er, frühen 1930er Jahre. Ein rundum gelungenes Erlebnis, das vor der Pause mit der Verhaftung John Leslies schließt.

Zitat von Edgar Wallace: Der Zinker, Weltbild, Augsburg 2000, S. 338
„Sind Sie von Scotland Yard?“ Es war Leslies feste Stimme. Er allein war gelassen, als ob er ein leidenschaftsloses Interesse an dem Missgeschick anderer zeigte.
„Das tut nichts, woher ich komme“, – der Sergeant sagte das würdevoll. „Ich muss Sie bitten, mich zur Marlborough Street zu begleiten.“ [...]
Totenbleich sah Beryl Stedman auf den Mann, der steif an dem Tisch stand. John Leslie wandte sich um und begegnete ihrem Blick, lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich bin der Zinker“, sagte er leichthin. „Ist das nicht eine erstaunliche Neuigkeit?“
Sie antwortete nicht, hörte nicht einmal das letzte Wort seines Satzes und begriff kaum den Sinn. Plötzlich gaben ihre Knie nach, und Lew konnte gerade noch seinen Arm um sie legen, bevor sie ohnmächtig wurde.


Interessante Randnotiz: Während im Imperial die Spielzeit der ersten Hälfte romannäher und deutlich umfangreicher ist, findet dieser Cliffhanger im Buch noch vor dem „Bergfest“ statt. Thannhäuser räumte die romanzenschwere zweite Hälfte, die u.a. eine genaue Schilderung der Gefühle von Beryl Stedman vor, während und nach ihrer Hochzeit mit Frank Sutton enthält, radikal auf und konstruierte ein im Sinn originalgetreues, in Wortlaut und Szenerie aber völlig neues Finale. Dies ist einerseits richtig, weil der Roman sich in der zweiten Hälfte etwas in die Länge zieht. Andererseits wird der Zuschauer um das hochspannende Finale im Leopard-Club gebracht; auch merkt man, dass der vorher wohldosierte und mit den Buchfiguren in Einklang stehende Humor in der zweiten Hälfte sich stellenweise in Ulkerei auszuwachsen droht. Dies ist insofern bedauerlich, als Akt 1 eine besonders würdige und gelungene Herangehensweise an den Krimi-Altmeister präsentiert.

Die positiven Eindrücke überwiegen trotz kleinerer Abstriche im Finale ganz eindeutig; die Besetzung war in wunderbarster Spiellaune. Besonders hervorgehoben werden müssen die Auftritte von Eva Wagner als Beryl Stedman, die es schafft, Standes- und Pflichtbewusstsein vergangener Tage nicht überholt oder naiv wirken zu lassen; von Stefan Brentle, der aus seiner dankbaren Rolle als „Captain Brummbär“ das Optimum herausholt; und von Sönke Städtler, der als Vernunftmensch Lew Friedman als verlässlicher Hüter dunkler Geheimnisse quasi die Essenz eines guten Wallace-Charakters und der britischen stiff upper lip auf die Bühne bringt. Auch Ulrich Schaller als Frank Sutton und Verena Peters als Millie Trent sind sehenswert. Guido Maria Kobers Tillman hätte gern weniger albern ausfallen dürfen; auch mit Alexx Grimms Interpretation des Reporters Collie bin ich nicht ganz einverstanden. Mein Optimalbild dieser Rolle ähnelt noch immer dem von Horst Bollmann in „Whiteface“.

Engagierte und lebhafte Inszenierung eines Romanklassikers, der für Filmfreunde ohne Vorkenntnis der Buchvorlage viele Überraschungen bereithalten wird und diejenigen mit Buchkenntnis mit Detailverliebtheit und einem sehr lobenswerten Respekt Wallace gegenüber erfreut. Spitzenbesetzung, Spitzenatmosphäre, attraktive Ausstattung des Theaters. Ich komme auf jeden Fall wieder zum nächsten Stück!



PS: Die Plakate im Foyer des Theaters kündigen an, dass demnächst die zwei Wallace-Stücke „Der Rächer“ und „Die Ratte“ aufgeführt werden. Bei „Der Rächer“ wird es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die Wiederaufführung des bereits gelaufenen Stücks handeln. „Die Ratte“ dagegen ist als Titel selbst einem gut informierten Romanleser kein Begriff. Dank der Nachforschungen eines Hamburger Forumsmitglieds wurde allerdings geklärt: Es handelt sich um die Vorlage „The Mouthpiece“, die in Deutschland bisher nicht erschienen ist. Wallace schrieb den Stoff im Jahr 1930 als Theaterstück; sein Sekretär Robert Curtis formte ihn 1935 zum gleichnamigen Roman um.

PPS: Die einzige schlechte Nachricht des Abends aus dem Imperial Theater: „Die seltsame Gräfin“ wird wohl der einzige Roman bleiben, den das Theater nicht nur als Theaterstück, sondern auch als Hörspiel-CD herausbringt. Nach Aussagen eines Imperial-Mitarbeiters ist es zu aufwendig, die gesamte Besetzung nach Ende der Spielzeit noch einmal für Hörspielaufnahmen zusammenzutrommeln.

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 423

12.04.2016 08:04
#5 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2016: Der Rächer) Zitat · antworten

Am vergangenen Wochenende habe ich mir auf der Reeperbahn in Hamburg eine Vorstellung des Imperial-Theaters angesehen. Auf dem Spielplan stand "Der Rächer", nach Edgar Wallace. Erzählt wurde die bekannte Geschichte, die weitestgehend eng an die Romanvorlage angelehnt war. Es wurden lediglich einige dramaturgische Veränderungen vorgenommen, so fiel z. B. die Passage weg, in der im Turmzimmer von Mister (Le)Penne eine Frau gefangen gehalten wird. Einige weitere Kniffe sorgten dafür, dass die Handlung auf das Bühnenbild angepasst werden konnte. Letzteres war sehr liebevoll ausgestaltet und verwandelte sich kurz vor Einläuten des Finales von einem gemütlich, feudal eingerichteten Herrenhaus zu einem finsteren Gewölbekeller. Die Kostüme der Darsteller waren passend ausgewählt und das 9köpfige Ensemble wirkte gut aufgelegt. Die Schauspieler agierten gut und glaubwürdig, auch wenn manches Mal die Handlung ein wenig zu sehr ins Klamaukhaftige gezogen wurde. Alles in allem fühlte ich mich in dem gemütlichen und an diesem Abend mit ca. 200 Plätzen nahezu ausverkauften Theater gut unterhalten.

http://www.imperial-theater.de/edgar-wallace-der-zinker-2/

Lord Low Offline




Beiträge: 634

12.04.2016 23:23
#6 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2016: Der Rächer) Zitat · antworten

Werd ich mir glaub ich im November auch ansehen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.578

04.09.2016 14:40
#7 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2016: Der Rächer) Zitat · antworten



Edgar Wallace: Der Rächer

Kriminalstück, BRD 2016. Regie: Frank Thannhäuser. Romanvorlage („The Avenger“, 1926): Edgar Wallace. Mit: Ulrich Schaller (Mike Brixan), Gosta Liptow (Jack Knebworth, Filmproduzent), Marina Zimmermann (Irene Carew, seine Assistentin), Patrick Michel (Lawley Foss), Linda Kochbeck (Adele Leamington), Christian Richard Bauer (Ronald Connolly), Verena Peters (Stella Mendoza), Sönke Städtler (Sir Gregory LePenne), Janis Zaurins (Mr. Longvale) sowie ??? als Der Rächer. Besuchte Vorstellung: 4. August 2016, Imperial Theater.

Zitat von Der Rächer
Die Dreharbeiten zu einer Stummfilmromanze auf dem Anwesen des filmbegeisterten Mr. Longvale werden von unheimlichen Ereignissen unterbrochen: In einer Szene, in der die leading lady Stella Mendoza den Requisitenkopf ihres getöteten Filmliebhabers aus einer Schachtel nehmen soll, findet sie darin ein Exemplar, das nicht aus Wachs, sondern aus Fleisch und Knochen besteht. Als sie dem Regisseur daraufhin eine Szene macht und durch die bisherige Statistin Adele Leamington ersetzt wird, erhält diese nächtlichen Besuch eines Affenmenschen, der verdächtig an ein Kostüm aus dem Film erinnert. Wird Inspektor Mike Brixan, der sich den Dreharbeiten undercover als Stuntman anschließt, weitere Verbrechen verhindern können?


Im Sommerurlaub war es nach dem schönen Erlebnis vom letzten Jahr selbstverständlich, wieder im Imperial-Theater vorbeizuschauen, in dem sich die Uhren in entgegengesetzte Richtung von 1927 auf 1926 gedreht haben: „Der Rächer“, der dieses Jahr Hauptattraktion des Reeperbahntheaters ist, wird nicht zum ersten Mal dort aufgeführt. Dass die Stücke nicht als Einwegware betrachtet, sondern nach längeren Pausen auch wieder zurück auf die Bühnenbretter geholt werden, gibt Späteinsteigern wie @Marmstorfer und mir die Chance, früher Verpasstes aufzuholen. Und es hat sich gelohnt: Die Geschichte des vom „Wohltäter“ verfolgten Filmteams funktioniert als Theaterstück sehr gut, ist kurzweilig und bietet eine gelungene Mischung aus Lachmomenten und ernstzunehmendem Krimi.

Mit Ausnahme des Finales verweilt die gesamte Handlung in Mr. Longvales Salon, wo in fliegendem Wechsel sowohl Dreharbeiten und Beratungen mit dem Filmproduzenten als auch private Auseinandersetzungen und Ermittlungen stattfinden. Um auch ohne Griff-Tower-Szenen in den Genuss von Sir Gregorys „einnehmendem Wesen“ zu kommen, wurde aus ihm kurzerhand der männliche Star der Produktion, der als tyrannischer Pedant seine Partnerinnen zur Verzweiflung bringt und Reggie Connolly (in diesem Fall Ronald Connolly) zum Kleindarsteller und Bhag-Ersatz im Kostüm degradiert. Überhaupt ist es eine gute Idee des Stücks, die Krimihandlung in der Filmhandlung zu spiegeln und sowohl das Auffinden der Köpfe als auch das Auftauchen des Affen so zu verkaufen, als wären sie durch das Drehbuch von Lawley Foss inspiriert worden. Dem verschlagenen Dramaturgen traut man einen fantasievollen Einsatz solcher Schauerelemente ja durchaus zu ...

Im Gegensatz zum „Zinker“, der sehr nah an die Buchvorlage angelehnt war, folgt der „Rächer“ zwar dem grundlegenden Plot; allerdings wurden von vorn bis hinten neue Dialoge und Szenenverläufe geschrieben. Es gibt sogar eine Figur, die im Buch nicht vorkommt – Knebworths Assistentin Irene –, die eindeutig der Steigerung der bei Wallace meist verbesserungswürdigen Frauenquote dient. Dass das Stück dennoch funktioniert und über den gleichen Nostalgiefaktor verfügt wie „Der Zinker“, verdeutlicht die jahrelange Erfahrung, auf die das Imperial zurückgreifen kann: Regisseur Frank Thannhäuser ist ein echter Wallace-Profi, dessen Handschrift das Publikum authentisch in die 1920er Jahre zurückversetzt, wobei ihm die liebevollen Arbeiten der Bühnenbildner und Kostümschneider zweifellos zugute kommen. Bildeindrücke der Inszenierung können auf dieser Seite abgerufen und durch Anklicken vergrößert werden. Die Detailverliebtheit zeigt sich aber auch schon in den ersten Minuten des Theaterbesuchs in Form der im Foyer aufgehängten, selbstillustrierten Plakate, die für die neueste Produktion von Jack Knebworths Filmgesellschaft mit Porträts der Hauptdarsteller Stella Mendoza (Verena Peters) bzw. Sir Gregory Le Penne (Sönke Städtler) werben. Nicht weniger kreativ die Idee, den Einstieg in das Stück dann auch tatsächlich in Form eines Stummfilms als Schwarzweißprojektion zu zeigen!

An der gut aufgelegten Besetzung findet sich kein Grund zum Mosern: Ulrich Schaller, der letztes Jahr als Frank Sutton noch verdächtig dreinschauen musste, übernimmt den Ermittlerpart mit großem Erfolg und hat einige wirklich nette Szenen mit Hauptdarstellerin Linda Kochbeck. Es ist schön, zu sehen, dass die Romanze als wichtiger Bestandteil der meisten Wallace-Stoffe nicht zugunsten moderner „gebrochener“ Charaktere oder emanzipatorischer Wehwehchen aufgegeben wird. Besonders vortrefflich und mit großer Theatergeste gehen natürlich Verena Peters und Sönke Städtler ihre Parts an, die sichtlichen Spaß daran haben, die Eigenheiten ihrer Figuren auf die Spitze zu treiben. Es war schon vorher abzusehen, dass die fulminante Millie Trent auch als Stella eine perfekte Figur machen würde – bestückt mit übergroßem Ego, lauter Stimme und funkelnden Kleidern erweckt Peters die Diva erwartungsgemäß zum Leben. Dezenter, aber ebenfalls sehr treffend tritt Patrick Michel in Klaus Kinskis Fußstapfen als Lawley Foss, dessen Tod den gelungenen Abschluss des ersten Akts bildet. Janis Zaurins könnte äußerlich zwar nicht weiter von Ludwig Linkmann entfernt sein, gibt sich aber manieriert genug für einen glaubwürdigen Mr. Longvale (und erinnerte sowohl Marmstorfer als auch mich spontan an Froonck Matthée).

Durch diese etwas rosagefärbte-weltvergessene Art Longvales sollte die Auflösung für Nichtkenner der Vorlage sehr überraschend kommen; die Wandlung vom Schwärmer im Samtmantel zum Henker hat sogar durchaus etwas Unheimliches. Und da man sich im Gegensatz zum „Zinker“ keine unnötigen Freiheiten im Finale herausnahm, bekommt man die erwarteten Grotten- und Guillotinenmomente auch in vollem Umfang – sogar mit zusätzlichem cleveren Dreh in der letzten Sekunde – geliefert. Spitze!

Ich kann es nur jedem Wallace-Fan ans Herz legen: Das wie auch 2015 gut besuchte Imperial-Theater zeigt, wie gut Wallace-Krimis auf der Bühne auch in klassischer Form ein modernes Publikum ansprechen können. Dazu tragen sowohl die große Spiellaune der Akteure als auch die behutsame Bearbeitung bei. „Der Rächer“ ist noch etwas geradliniger als „Der Zinker“, wobei nicht zuletzt das atmosphärische Finale in Erinnerung bleiben wird.

Peter Ross Offline



Beiträge: 1.353

04.09.2016 15:36
#8 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2016: Der Rächer) Zitat · antworten

Danke für die Eindrücke, Gubanov! Und vor allem das Finale scheint hier ja auch besonders prägnant in Erinnerung zu bleiben.
Ich werde einmal schauen, ob ich mir "Der Rächer" (läuft ja noch bis Ende Januar 2017) einmal anschaue.

DanielL Offline




Beiträge: 3.750

01.04.2018 15:22
#9 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Am Osterwochenende ist am Hamburger Imperial Theater die mittlerweile schon 12. Edgar-Wallace-Produktion angelaufen. Diesmal hat Theaterbetreiber und Regisseur Frank Thannhäuser dabei mit seinem Ensemble wieder einen besonders prominenten Wallace-Stoff angepackt: Den Goldmann Krimi Nr. 1 „Der Frosch mit der Maske“.

Dabei ist es erfreulicherweise (erneut) gelungen, mit einer wohlbedachten Adaption den Wünschen, die es grundsätzlich an eine solche Theateraufführung geben kann, gerecht zu werden. Das Publikum bekommt eine kurzweilig gestraffte „Frosch“-Inszenierung zu sehen, die sich selber nie zu ernst nimmt ohne in Albernheiten nach Marke „90er-Jahre-Fernsehfilme“ abzugleiten.

Wallace-Kenner werden zu schätzen wissen, dass die Theateradaption von Thannhäuser eine interessante Gradwanderung schafft: Reminiszenzen an die berühmte Rialto-Verfilmung von 1959 werden nicht ausgelassen. Bianca Arndt gibt als Lola Bassano etwa den ikonischen Filmsong „Nachts im Nebel an der Themse“ live zum Besten. Da wähnt man sich auf dem Hamburger Kiez schon wie im Wallace-Musical. Andererseits hat man sich erfreulicherweise nicht vollends auf die bereits abgewandelte und gestraffte Filmversion geworfen, sondern sich merkbar mit der Originalvorlage auseinandergesetzt und eigene behutsame Bearbeitungen umgesetzt.

So erlebt man unterhaltsame Figuren und Szenen, die Drehbuchautor Egon Eis in seiner Filmversion aussparte. Am Premierenabend erntete eine sehr pointenreiche Interpretation von Lord Farmley (Heiko Fischer) für besonderen Szenenapplaus, als dieser sich bei Elk und Hauptmann Gordon über den Frosch echauffierte.

Dem Finale mit der Demaskierung des Froschs und dem dramatischen Aufeinandertreffen von Ray und seinem Vater im Dienste hätte man gerne ein paar Augenblicke mehr einräumen können.

Der Frosch bestimmt den Spielplan des Imperial Theaters ab sofort mit drei Vorstellungen pro Woche. Ein Besuch beim nächsten Verweilen in Hamburg wird empfohlen.

Da ich am Premierenwochenende nicht der einzige Besucher aus dem Forenkreise war, freue ich mich schon auf sicher bald eintreffende, weitere Kritiken.

Gruß,
Daniel

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.310

01.04.2018 16:20
#10 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Dieses Theater möchte ich mir auch unbedingt anschauen. Als ich letztes Jahr mit meiner Frau in Hamburg war (Musical) gönnten wir uns noch einen Abend im Imerial-Theater mit dem Stück ZEUGIN DER ANKLAGE. Es war ein Erlebnis!

DanielL Offline




Beiträge: 3.750

03.04.2018 12:06
#11 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Das Hamburger Abendblatt hat heute eine Rezension veröffentlicht:
https://www.abendblatt.de/hamburg/articl...eberlaenge.html

Eine "Überlänge" habe ich nicht festgestellt und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass man auf umliegenden Sitzen ungeduldig wurde. Ansonten kann ich in vielen Punkten mit der Einschätzung "mitgehen".

Gruß,
Daniel

DanielL Offline




Beiträge: 3.750

03.04.2018 12:13
#12 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Die Hamburger Morgenpost berichtet von Jubel, Bravos und ordnet das Stück als "Must-See" ein.
https://www.pressreader.com/germany/hamb...282110637167743

Gruß,
Daniel

Gubanov Offline




Beiträge: 15.578

06.05.2018 20:45
#13 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Über einen Monat ist der Besuch von @Marmstorfer und mir schon wieder her, aber der „Frosch“ hinterließ Eindrücke, die man nicht schnell vergisst:



Edgar Wallace: Der Frosch mit der Maske

Kriminalstück, BRD 2018. Regie: Frank Thannhäuser. Romanvorlage („The Fellowship of the Frog“, 1925): Edgar Wallace. Mit: Dieter Schmitt (Sergeant Elk), Ulrich Schaller (Dick Gordon), Stefanie Wennmann (Ella Bennett), Rouven Klischies (Ray Bennett), Sönke Städtler (John Bennett), Gosta Liptow (Philo Johnson), Bianca Arndt (Lola Bassano), Janis Zaurins (Lew Brady), Marko Formanek (Carlo Hagen) sowie ??? als Der Frosch mit der Maske. Besuchte Vorstellung: 31. März 2018, Imperial Theater.

Zitat von Der Frosch mit der Maske
Die Bande des Frosches ist kein bloßer Einbrecherring. Inzwischen geht auch Mord auf das Konto der glänzend organisierten Brüderschaft, in deren Zentrum ein Mann mit unheimlicher Gasmaske steht. Wer ist der Frosch mit der Maske? Der Staatsanwalt Dick Gordon kommt auf seine Spur, als er zufällig die Bekanntschaft der harmlos scheinenden Familie Bennett macht. Deren Sprössling Ray gleitet langsam, aber unweigerlich in die Fänge des Verbrechers ab, indem er sich Hals über Kopf in dessen attraktive rechte Hand, die Nachtclubsängerin Lola Bassano, verliebt. Diese Beziehung führt Lola in einen Gewissenskampf, Ray Bennett auf das Podest des Henkers und seine Schwester geradewegs in die Arme des Frosches. Kann die Lage noch gerettet werden?


Mit dem „Frosch“ begann 1959 die Rialto-Serie ... und 59 Jahre später kommt er in Hamburg zu Theaterehren. Das ist gut verständlich, denn die Geschichte gehört zu Wallace’ starken Thrillern und steht synonym für seine gern geschaffenen großen Gangster-Organisationen, denen stets ein starker, unbekannter Anführer vorstand. Das vom Imperial Theater herausgegebene Programmheft zur Aufführung belegt nicht nur, dass der dieser Frosch im Jahr 2018 kein rundlich-lustiger Geselle mehr ist, sondern eine wirklich bedrohliche Gestalt im langen Ledermantel mit griffbereiten Gasampullen am Gürtel und im Halbdunkel blitzender Gummimaske; auch weist es spannungsfördernd auf ein interessantes Produktionshemmnis hin:

Zitat von Hamburgs Krimi-Theater präsentiert: Edgar Wallace – Der Frosch mit der Maske, Programmheft, S. 3
Der Wunsch, dieses Stück aufzuführen, bestand schon lange. Allerdings wies die Romanvorlage einige Tücken auf, die eine Bühnenversion lange unmöglich schienen ließen. Doch im vergangenen Sommer kam der Durchbruch: Wir hatten einen Kniff gefunden, die vielen Spielorte und Figuren zu einem spannenden Ganzen zusammen zu bringen.


Während es gelang, der großen Personenzahl mit dem üblichen Theaterkniff Herr zu werden, einen Schauspieler (in diesem Fall Heiko Fischer, der u.a. als Ezra Maitland, Baron von Dorchester und Pub-Wirt zu sehen ist) in mehreren Verkleidungen rollenübergreifend auftreten zu lassen, demonstrierte man bei der Schauplatzfrage großen Erfindungsreichtum. Tatsächlich unterscheidet sich „Der Frosch mit der Maske“ insofern massiv von anderen Inszenierungen, als das Theaterhafte, das sonst durch lange Szenen in gleichbleibenden Sets entsteht, völlig verloren geht. Alle paar Minuten wird umgebaut – dabei beschränkte man sich aber auf die nötigsten Dinge, die die jeweiligen Sets multifunktional andeuten. Der Experte spricht von einem Simultanbühnenbild. Metallelemente sorgen einmal für den morbiden Charme des alten Mörtelwerks an der Themse und finden dann wieder als Treppe zu Lolas Heron’s Club Verwendung; die Wochenendstimmung des gemütlichen Bennett-Hauses wird mittels einiger Klappstühle im Handumdrehen auf die Bühne gezaubert. Das Minimalistische beschäftigt die Fantasie der Zuschauer und gibt den Darstellern Raum zur freien Entfaltung.

Diesen nutzen altbekannte Ensemblemitglieder ebenso enthusiastisch wie Imperial-Neulinge. Den romantic lead übernahm Ulrich Schaller von Joachim Fuchsberger; zuletzt war er im „Zinker“ noch als mysteriöser Frank Sutton zu sehen – so ändern sich also die Zeiten ... Schaller zeigt, dass er nicht nur hintertrieben, sondern auch verschmitzt wirken kann und beeindruckt das Publikum mit Kombinationsgabe und Charme. Für ihn die sechste Wallace-Produktion auf der Reeperbahn, darf er diesmal gemeinsam im Duo mit Dieter Schmitt ermitteln. Der Wallace-Frischling erfüllt alle hohen Erwartungen, die man an den Namen Inspektor Elks knüpft – sowohl in den Szenen, in denen pragmatisch-vorlaute Beamtenmanier von ihm gefordert wird, als auch in solchen, in denen er mit amüsanter Leichtfüßigkeit überzeugt. Schmitt beweist Wortwitz und Situationskomik, was für einen kuriosen Abschluss des ersten Akts sorgt.

Auf der „dunklen Seite der Macht“ bleibt vor allem Bianca Arndt als Lola Bassano in Erinnerung, deren Rollenname für den Film in Lolita umgeändert worden war, hier aber wieder im Original erscheint. Überhaupt hält sich Thannhäusers Adaption wieder in vielen Punkten enger an den Roman, wenngleich sie ihre eigenen zusätzlichen Schwerpunkte – gerade in der tragischen Geschichte um Ray Bennett – setzt. Bianca Arndt hat die Fäden in „ihrer“ Bar mindestens ebenso fest in der Hand wie ihrerzeit Eva Pflug, zumal Arndt – eine ausgebildete Musicaldarstellerin – mit Inbrunst und Verführungsgabe den Evergreen „Nachts im Nebel an der Themse“ live schmettert. Dieses riesengroße Plus der Theateradaption lässt für einige Momente den Übergang zwischen Wallace-Nostalgie und echtem Reeperbahn-Flair verschwimmen. Arndt als Verführerin steht Stefanie Wennemann als goody two shoes Ella Bennett gegenüber – diese versucht verzweifelt, ihre streitbare Familie zusammenzuhalten und macht dabei eine sehr überzeugende Figur.

Auch wenn einige der Streitmomente zwischen Rouven Klischies und Sönke Städtler aus Frosch-Präsenzgründen hätten eingekürzt werden können, so taugen sie doch als gute Vorbereiter des spannenden Showdowns um die Beinahe-Hinrichtung Ray Bennetts, bei der alle Zuschauer den Atem anhielten und diejenigen, die den Film nicht in Erinnerung hatten, erstaunt nach Luft schnappten, als sie die Identität des Henkers erfuhren. Momente wie diese beweisen, dass die Wallace’sche Spannungsmaschinerie heute noch genauso gut funktioniert wie zu ihrer Entstehungszeit und dass klassische Unterhaltung auch in ihren ernstzunehmenden Momenten geschätzt wird. Oder wie Frank Thannhäuser, der „Krimi-König“ von Hamburg, persönlich sagt:

Zitat von Szene Hamburg: Der Krimi-König, Interview von Ulrich Thiele, Quelle
Die Leute lieben Edgar Wallace! Man kann tun, was man will, aber es ist so: Die Leute lieben ihn. Es ist ein Phänomen. Zum Glück können wir uns viel mit dem Stoff erlauben, wenn wir uns treu an die Geschichte halten. Wir können das Buch auf die Belange hier in unserem Haus zuschneiden. Jedes Edgar-Wallace-Stück, das wir gemacht haben, ist somit immer auch eine Uraufführung gewesen.


Auf dass es noch viele, viele Uraufführungen geben möge!

Ein hochdramatischer Wallace-Roman in einer ebensolchen Adaption, die von kreativer Erfindungsgabe aller Beteiligter sowie einem absolut engagierten und glaubwürdigen Ensemble zeugt. Erstklassig auch die Verwendung von „Nachts im Nebel an der Themse“ als Wink an den Harald-Reinl-Film gleichen Namens. Nicht nur die Morgenpost, auch ich ordne das Stück als must see ein – gerade für Wallace-Freunde.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.050

06.05.2018 21:35
#14 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Imposant, Danke für diese Information

Gruss
Havi17

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.574

08.05.2018 14:15
#15 RE: Edgar Wallace im IMPERIAL THEATER Hamburg (2018: Der Frosch mit der Maske) Zitat · antworten

Es freut mich, zu hören, dass es dem Hamburger Kriminaltheater erneut gelungen ist, die Balance zwischen der klassischen Romanvorlage und dem Rialto-Film zu finden, um möglichst einen großen Teil der Zuschauer zufrieden zu stellen. Ich hatte leider seit dem Besuch der "Zinker"-Aufführung vor drei Jahren keine Gelegenheit mehr, einem Edgar-Wallace-Theaterabend beizuwohnen. Umso mehr vertiefte ich mich kürzlich in das Programmheft, das ich mir schicken lassen hatte. Ich bin der Ansicht, dass die Mischung aus bewährten Mimen wie Ulrich Schaller, Sönke Städtler und Gosta Liptow und den Neuzugängen sehr ansprechend aussieht und begrüße das Vorhaben des Imperial Theaters, weitere Edgar-Wallace-Stücke auf die Bühne zu bringen. Nachdem die Optik hier bereits erwähnt wurde: Wie sieht es mit der Geräuschkulisse (abseits der populären Gassenhauer) aus? Wird das Auftauchen des "Frosches" mit dramatischen Klängen untermalt?

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