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Dieses Thema hat 16 Antworten
und wurde 876 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
Seiten 1 | 2
Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

18.05.2014 22:35
Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten


Zitat von Albert Campion
„Albert Campion. Born: 20th May 1900. Name known to be a pseudonym. Education: privileged. Embarked on an adventurous career: 1929. Justice neatly executed. Nothing sordid. Deserving cases preferred. Police no object. Business address: 17 Bottle Street, Piccadilly, London W1. Specialist in fairy stories.“

Campion

Die Archive des Golden-Age-Krimis eröffneten den englischen Fernsehsendern in den 1980er Jahren einen schier unendlichen Katalog klassischer Mordgeschichten und ihrer Helden mit feinen Spürnasen. Nach den großen Erfolgen anderer Period Dramas stieß die BBC auf den von Margery Allingham erfundenen Privatdetektiv Albert Campion, der seine adlige Herkunft zwar hinter einen Pseudonym verbirgt, sie aber offen in Gesten und auf der eloquenten Zunge zur Schau trägt. In gewisser Weise ist Campion ein Wesensverwandter des Lord Peter Wimsey von Dorothy L. Sayers, fallen beide doch nicht nur durch ihren herrschaftlichen Status, sondern auch durch eine ungewöhnlich frotzelige Art und Weise auf, die ihre Gegenspieler zur Weißglut treiben und beide Detektive in ernstliche Gefahr bringen kann.

Sehr angenehm die Strategie, acht der Allingham-Romane in Fernsehspiele zu übersetzen: Die BBC entschied sich zu ausführlichen Verfilmungen in Spielfilmlänge, teilte aber jede so auf, dass ein Zweiteiler mitsamt Cliffhanger in der Mitte entstand. Auf diese Weise sind die „Campion“-Adaptionen bequem zu betrachten und stellen zudem unter Beweis, dass der alte englische Krimi nicht nur aus trockenen Verhören und Witzen, sondern auch aus echten, handfesten Spannungsmomenten besteht.

Folgende Erzählungen wurden innerhalb der zwei „Campion“-Staffeln umgesetzt:

  1. Look to the Lady
  2. Police at the Funeral
  3. The Case of the Late Pig
  4. Death of a Ghost
  5. Sweet Danger
  6. Dancers in Mourning
  7. Flowers for the Judge
  8. Mystery Mile

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

18.05.2014 22:40
#2 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten



Campion: Look to the Lady (Dame im Visier)

Episoden 1 und 2 der TV-Kriminalserie, GB 1989. Regie: Martyn Friend. Drehbuch: Alan Plater (Buchvorlage, 1931: Margery Allingham). Mit: Peter Davison (Albert Campion), Brian Glover (Magersfontein Lugg), Andrew Burt (Inspector Stanislaus Oates). Gastdarsteller: Gordon Jackson, Barbara Jefford, Robin Lermitte, Sarah Finch, John Horsley, Fiona Lawrence, Martin Benson, Hilary Mason, Roy Evans, Mona Bruce u.a. Erstsendungen (GB): 22. und 29. Januar 1989, BBC.

Zitat von Campion (1): Look to the Lady
Auf raffinierte Weise bringt Albert Campion den gestrauchelten Sohn des Adelsgeschlechts Gyrth auf den rechten Weg zurück. Er tut dies nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil er für seinen neuesten Fall einen Vertrauensmann in der Familie Gyrth benötigt: Eine internationale Diebesbande hat es auf das Jahrhunderte alte Schmuckstück und Aushängschild der Familie, einen Kelch aus Rotgold, abgesehen. Und die Gauner schrecken nicht einmal vor Mord zurück ...


Um das Publikum von Anfang an bei voller Aufmerksamkeit zu halten, wählte man als Pilotfolge zur Serie einen Stoff aus, der zwar alle vertrauten Komponenten eines edlen Dreißigerjahre-Krimis beinhaltet, diese aber um Elemente aus den Bereichen Spuk und sogar leichter Horror ergänzt. So zeichnete der erfahrene Drehbuchautor Alan Plater eine Story nach, die keinen Punkt auf der Checkliste einer hervorragenden Mordgeschichte auslässt und mutig zwischen heimeliger Krimikomödie und ergreifender Gruselspannung hin- und herpendelt. Niemals werden die scharfen Zungen der Hauptdarsteller vernachlässigt, auch wenn es stellenweise richtiggehend unheimlich wird und am Ende sogar ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Rätsels um den Kelch derer von Gyrth ungelöst und der Erforschung durch kommende Generationen überlassen bleibt.

Peter Davison verkörpert die sehr unterhaltsame Mischung eines distinguierten, manierlichen und gut gekleideten Gentleman-Ermittlers mit einem spielerischen, manchmal kindlichen Gemüt, das ihn ähnlich wie seinen Kollegen Ian Carmichael (Lord Peter Wimsey) über die Unannehmlichkeiten eines Mordfalles erhebt. Noch mehr als bei Wimsey erhält man das Gefühl, das für Campion die Aufklärung eines Verbrechens einen sportlichen Zeitvertreib darstellt und er dabei auf die Gefühle von Hinterbliebenen wenig Acht nimmt, während er im Herausfordern seiner Gegner eine glänzende, selbstbewusste Figur macht. Als Assistent steht ihm sein Diener Lugg zur Seite, der selbst auf einige Vorstrafen zurückblickt und damit ebenso ein Bindeglied zur Unterwelt darstellt wie er durch aufdringliche, wenig standesgemäße Sprüche aus dem Rahmen zu fallen weiß.

Nicht weniger skurril werden in „Look to the Lady“ die Nebenfiguren – ein zum Bettler heruntergekommener und in die Arme der Familie zurückgeführter Adliger, eine Dorfhexe und ihr zurückgebliebener Sohn, ein erstaunlich praktisch veranlagter Professor und eine Rennstallbesitzerin mit er- und bestechender Rhetorik – zum Leben erweckt. Aber gerade dass den Protagonisten echtes Leben innewohnt, zeugt von der Qualität der Romanvorlage und deren Filmversion: Sie beleuchtet über reine Scherzhaftigkeit und das Vorzeigen von Charakterköpfen hinaus die Betroffenheit sowie die Gefahr, die von den Verbrechen bzw. dem Familienerbstück ausgehen. In einer besonders spannenden Szene überwältigen Campion, der Professor und ein grammatikalisch auf Abwegen wandelnder Dorfbewohner ein monströses Gespenst, das die Heide um den Herrensitz der Gyrths bewacht und Angst bei den Einheimischen schürt ...

Mit „Look to the Lady“ stimmt „Campion“ seine Zuschauer mit allen Klischees eines wunderbar nostalgischen Detektivromans auf kommende Abenteuer ein. Campion ist kein lupenreiner Held, sondern ein vergnügter Adliger, der Schnüffeleien und lebensgefährliche Duelle als reizvollen Zeitvertreib betrachtet. Eben diesen Eindruck erweckt auch die Verfilmung, die einmal mehr beweist, dass die Engländer Weltmeister darin sind, Spannung und Humor miteinander zu verbinden. 5 von 5 Punkten.

Lord Peter Offline




Beiträge: 507

20.05.2014 09:13
#3 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

6 der 8 Doppelfolgen liefen übrigens auch (wo sonst?) im DDR-Fernsehen, es gibt also eine deutsche Synchro.

Markus Offline



Beiträge: 651

21.05.2014 19:58
#4 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

In seinem Erinnerungsbuch an Poirot schreibt David Suchet, dass man ihm erzählt habe, die Poirot-Serie sei die einzige englische Krimiserie gewesen, die man in der DDR gezeigt hätte. Schönes Buch, aber diese Information ist etwas übertrieben.


Gruß
Markus

Georg Online




Beiträge: 3.049

21.05.2014 20:34
#5 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Die Serie klingt interessant, da spielt ja Peter Davison die Titelrolle, den ich als Tristan in "Der Doktor und das liebe Vieh" so schätze.

@Markus: David Suchet irrt übrigens gewaltig: BBC- bzw. britische TV-Produktionen waren im DDR-Fernsehen gar nicht selten. Beispiele:

- Melissa (Durbridge / 1974)
- Der Spürsinn des Mr. Reeder (Wallace / 1969 & 71)
- Van der Valk ermittelt
- Detective Sergeant Bulman, Scotland Yard

Lord Peter Offline




Beiträge: 507

21.05.2014 20:39
#6 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #5
@Markus: David Suchet irrt übrigens gewaltig: BBC- bzw. britische TV-Produktionen waren im DDR-Fernsehen gar nicht selten. Beispiele:

- Melissa (Durbridge / 1974)
- Der Spürsinn des Mr. Reeder (Wallace / 1969 & 71)
- Van der Valk ermittelt
- Detective Sergeant Bulman, Scotland Yard

Und "Sherlock Holmes" (Jeremy Brett), "Sergeant Cribb", "Der Baron", "Geisterschwadron", ...

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

21.05.2014 20:42
#7 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Nicht zu vergessen "Jim Bergerac ermittelt" mit John Nettles, bevor er "Inspector Barnaby" wurde. Und meine Erstsichtung von Episoden von "Agatha Christie's Miss Marple" und "Agatha Christie's Poirot" erfolgte im damaligen DDR-Fernsehen.

"Das ganze ist eine Sache der Vorstellungskraft. Phantasie."
(Heinz Drache in "Der Hexer")

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

21.05.2014 20:50
#8 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Vielleicht interessieren den einen oder anderen die deutschen Episodentitel der "Campion"-Episoden. Synchronisiert wurden die ersten sechs Zweiteiler:

  1. "Look to the Lady" als "Dame im Visier"
  2. "Police at the Funeral" als "Der Tod des alten Andrew"
  3. "The Case of the Late Pig" als "Ein Schwein wird beerdigt"
  4. "Death of a Ghost" als "Die Bilder des Verstorbenen"
  5. "Sweet Danger" als "Gefahr für Pontisbright"
  6. "Dancers in Mourning" als "Tänzer in Trauer"

Markus Offline



Beiträge: 651

22.05.2014 09:00
#9 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Zitat von Markus im Beitrag #4
In seinem Erinnerungsbuch an Poirot schreibt David Suchet, dass man ihm erzählt habe, die Poirot-Serie sei die einzige englische Krimiserie gewesen, die man in der DDR gezeigt hätte. Schönes Buch, aber diese Information ist etwas übertrieben.

Zitat von Georg im Beitrag #5
@Markus: David Suchet irrt übrigens gewaltig: BBC- bzw. britische TV-Produktionen waren im DDR-Fernsehen gar nicht selten.

Das war ja auch ironisch gemeint, es gibt tatsächlich zahlreiche Beispiele von englischen Serien, die wir dank DDR-Fernsehen auf deutsch erleben durften. Und wie ich an diesem Thread sehe, noch einige mehr, als mir einfallen würden.


Gruß
Markus

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

25.05.2014 14:50
#10 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten



Campion: Police at the Funeral (Der Tod des alten Andrew)

Episoden 3 und 4 der TV-Kriminalserie, GB 1989. Regie: Ronald Wilson. Drehbuch: Jeremy Paul (Buchvorlage, 1931: Margery Allingham). Mit: Peter Davison (Albert Campion), Brian Glover (Magersfontein Lugg), Andrew Burt (Inspector Stanislaus Oates). Gastdarsteller: Mary Morris, Timothy West, Suzanne Burden, John Harding, Avril Elgar, Gillian Martell, John Franklyn-Robbins, Tim Wylton, Carol Gillies, Kulvinder Ghir u.a. Erstsendungen (GB): 5. und 12. Februar 1989, BBC.

Zitat von Campion (2): Police at the Funeral
Ist die Villa der Faradays verhext? Die in Cambridge alteingesessene Familie wird von mehreren kurz aufeinander folgenden mysteriösen Todesfällen heimgesucht. Zuerst stirbt der exzentrische Andrew, der seiner Verwandtschaft stets das Leben schwer machte. Viele hätten ein Motiv, ihn zu töten; Onkel William sogar die beste Gelegenheit. Aber die Ereignisse beginnen, sich zu überschlagen. Gut, dass Albert Campion nun auch unter dem Dach der Faradays wohnt ...


„Meine neue Klientin sitzt dem Irrglauben auf, ich sei Privatdetektiv“, informiert Albert Campion seinen Freund Inspector Stanislaus Oates von Scotland Yard ein wenig eingeschnappt. Um ihr eine Lektion in Schwarzweißdenken zu bescheren, lädt er sie zu einem Treffen in der „Londoner Unterwelt“ ein – gedreht in einem Hinterhof nahe des Edgar-Wallace-Pubs in der Essex Street – und trägt bei dieser Zusammenkunft eine vollendete Sherlock-Holmes-Verkleidung mit Inverness-Cape, Deerstalker und Meerschaumpfeife. Ganz nebenbei beweist Peter Davison damit, dass er optisch durchaus auch für diese berühmte Rolle geeignet gewesen wäre, denn seit Peter Cushing ist es für Sherlock-Holmes-Darsteller nicht mehr unbedingt erforderlich, dunkelhaarig zu sein.

„Police at the Funeral“ ist ein in jeder Hinsicht skurriles Familiendrama. Die Mitglieder des Faraday-Clans werden so wunderbar pointiert dargestellt, dass es eine Freude ist, den bissigen englischen Humor zu verfolgen, der hier in Gestalt Onkel Andrews teilweise schwärzer als schwarz ausfällt. Eine Matriarchin herrscht über den Faraday-Clan – allerdings nicht mit der von Müttern wie Lady Lebanon bekannten eisernen Hand, sondern mit Intelligenz und offenen Augen für die Probleme ihrer streitbaren und nicht besonders intelligenten Nachkommen. Für Mary Morris war dies die letzte Rolle ihres Lebens – die Darstellerin starb bereits vier Monate vor der Ausstrahlung dieses Zweiteilers im Oktober 1988 in einer Schweizer Klinik an Herzversagen. Als ihr Filmsohn tritt Charakterkopf Timothy West auf, den Freunde der altmodischen Krimiserien bereits aus der Agatha-Christie-Verfilmung „Miss Marple: Das Geheimnis der Goldmine“ mit Joan Hickson kennen.

Nicht nur in der Aufmachung Campions zu Beginn der Geschichte, auch in der Aufklärung des in der deutschen Fassung titelgebenden „Tod des alten Andrew“ erinnert „Police at the Funeral“ an eine bestimmte Sherlock-Holmes-Geschichte, deren Namen hier anzugeben natürlich einen zu großen Spoiler bedeuten würde. Sir Arthur Conan Doyles Idee wurde von Margery Allingham allerdings noch deutlich ausgebaut und mit bitter-ironischen Untertönen unterlegt. Ein Schwachpunkt ist vielleicht die Frage nach dem Motiv, aber man kann sich damit trösten, dass bei Campion ohnehin nicht alles ausgesprochen und manches zwischen den Zeilen gelesen werden muss. Ob die Morde nun Witz oder Racheakt waren – die verabschiedenden Worte des Hauptverdächtigen und späteren Anschlagsopfers William Faraday an Albert Campion hallen jedenfalls als grobe Konterkarierung der Geschehnisse nach: „Falls Sie wieder einmal ein ruhiges Wochenende verleben wollen, vergessen Sie uns nicht.“

Der amüsierte Unterton dieser Margery-Allingham-Adaption beißt sich ein wenig mit der raffinierten und tragischen Mordserie und führt zu einigen durch die leichtherzige Herangehensweise verlorenen Spannungsmomenten. Dafür beschert auch die zweite „Campion“-Doppelfolge eine unterhaltsame Mördersuche nach bestem Whodunit-Prinzip, bei der man manches Mal herzhaft lachen kann, bis einem schließlich das Lachen im Halse stecken bleibt. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

26.05.2015 15:05
#11 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten



Campion: The Case of the Late Pig (Ein Schwein wird beerdigt)

Episoden 5 und 6 der TV-Kriminalserie, GB 1989. Regie: Robert Chetwyn. Drehbuch: Jill Hyem (Buchvorlage, 1937: Margery Allingham). Mit: Peter Davison (Albert Campion), Brian Glover (Magersfontein Lugg). Gastdarsteller: Moray Watson, Michael Gough, John Fortune, Rob Edwards, Dilys Laye, Claire Williamson, Amanda Elwes, Philip Bird, Robert Hamilton, Sarah Crowden u.a. Erstsendungen (GB): 19. und 26. Februar 1989.

Zitat von Campion (3): The Case of the Late Pig
In der Schulzeit war Pig Peters Campions größter Feind. Nun von dem verfrühten Ableben des unleidlichen Rotschopfs zu hören, versetzt den Kriminologen nicht in besondere Trauer. Im Gegenteil: Ein anonymer Brief weckt sein Interesse, sodass sich Campion auf der Beerdigung umschaut. Zunächst ohne Zwischenfälle. Einen Nachgeschmack bekommt die Geschichte erst, als Peters’ Leiche drei Monate später unter anderem Namen in einem Mordfall noch einmal auftaucht ...


Von den acht Margery-Allingham-Romanen, die in der Reihe „Campion“ verfilmt wurden, ist „The Case of the Late Pig“ der einzige, der aus Albert Campions Perspektive geschildert wird. Der Einsatz einer so persönlichen Note ist leicht nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass der scharfsinnige Schnüffler in diesem Fall verschiedenen Geistern aus seiner eigenen Vergangenheit gegenübertreten muss: Neben dem Schultyrannen „Pig“ begegnet Campion einem weiteren Klassenkameraden namens Whippet, diversen Bekannten und einer verflossenen Liebe, die ihm gegenüber die schlimmsten Befürchtungen hegt und sich abwechselnd zu ihm hingezogen und von ihm abgestoßen fühlt. Bildet Whippet auch das Bindeglied zwischen Pig und Albert, so ist sein Auftauchen doch nicht gerade leicht in Übereinklang mit Campions Biografie zu bringen, wenn man bedenkt, dass in Campions Adern eigentlich blaues Blut fließt und er seinen Namen erst später als falsche Identität annahm, um eben dies zu verdecken. Warum also kennt Whippet Campion bereits unter dessen aktuellem Namen?

Zitat von Susan Oleksiw, Rosemary Herbert: Aristocratic Sleuth, in „Whodunit?“, Oxford UP, 2003, S. 11
Margery Allingham’s creation Lord Rudolph K— is also a venturesome younger son freed from responsibility by a stodgy elder brother. He goes much further than Wimsey by breaking with his family, disowning his identity, and adopting various noms de guerre, one of which, Albert Campion, becomes his established name.


Dieses Background-Nitpicking tut dem reizvollen Sujet der Kindheitserrinerungen sowie dem damit verbundenen Fall keinen wirklichen Abbruch und liegt zudem wohl kaum in der Verantwortung der BBC. Ihr gelang einmal mehr eine erstklassige Romanadaption, die den Charme der 1930er Jahre atmet und spannende mit amüsanten Szenen abwechselt. Der komplexen Struktur der Erzählung wird mit dem Sendeformat von 2x 53 Minuten perfekt Rechnung getragen – es kommt niemals Langeweile auf; wohl aber gibt es genug Raum, um die Besonderheiten und Sonderbarkeiten der Zeit und der gehobenen Gesellschaft einzufangen. Dies fängt bei Luggs Besuch in einer zeitgenössischen Fleischerei an, setzt sich in den Gutsherrengebaren des in „seinem“ Dorf scheinbar allmächtigen Sir Leo Pursuivant fort und erreicht seinen Höhepunkt in den skurrilen Figuren der Effie Rowlandson und Poppy Burridge. Das dörfliche Flair wird geschickt vermittelt, was ein Eingreifen von Scotland Yard diesmal überflüssig macht und damit Gelegenheit für kleine Imperfektionen wie eine falsche Bestattung und den Raub eines Toten aus der lokalen Leichenhalle gibt.

Man mag einwenden, dass bei aller Güte des Verwirrspiels der Täter ein wenig zu offensichtlich präsentiert wird. Eine erste Enttäuschung über die Identität des Mörders legt sich allerdings rasch, wenn weitere Details der Lösung bekannt werden. Der Verweis auf den in den anonymen Briefen erwähnten „Maulwurf“ sowie die Mordmethode taugen nicht nur als bloße Wiedergutmachung, sondern demonstrieren die außergewöhnliche Raffinesse Allinghams beim Verfassen der Krimirätsel.

Kein Krimi für Vegetarier! Nicht nur Diener Lugg flucht, dass er den Schweinen in diesem Geheimnis nicht aus dem Weg gehen kann. Mit den geschickt gesetzten Spannungshöhepunkten einer Romanvorlage, die sich mit den guten Arbeiten von Dorothy L. Sayers oder Christies Marple-Stoffen vergleichen lassen kann, gelingt Robert Chetwyn und Jill Hyem mit „The Case of the Late Pig“ ein außerordentliches Rätselvergnügen. 5 von 5 Punkten sowie ein Lob für die extravaganten, aber niemals übertriebenen Leistungen der Gastdarsteller.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

28.05.2015 11:45
#12 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten



Campion: Death of a Ghost (Die Bilder des Verstorbenen)

Episoden 7 und 8 der TV-Kriminalserie, GB 1989. Regie: Michael Owen Morris. Drehbuch: Elaine Morgan (Buchvorlage, 1934: Margery Allingham). Mit: Peter Davison (Albert Campion), Brian Glover (Magersfontein Lugg), Andrew Burt (Inspector Stanislaus Oates). Gastdarsteller: Jean Anderson, Shaughan Seymour, Isabel Dean, Rosalie Crutchley, Milton Johns, Elizabeth Chambers, Amanda Harris, Patrick Bailey, Carole Ruggier, Adrian Lukis u.a. Erstsendungen (GB): 5. und 12. März 1989.

Zitat von Campion (4): Death of a Ghost
Der exzentrische Maler John Lafcadio hatte verfügt, dass seine Witwe an seinen Todestagen jeweils ein bisher unbekanntes Gemälde enthüllen solle. Diese posthumen Vernissagen haben sich zu Pflichtterminen der Londoner High Society entwickelt, an denen auch Albert Campion teilnimmt. Elf Jahre nach Lafcadios Ableben wird ein Nachwuchskünstler während eines Stromausfalls ermordet. Als wäre die Tat nicht schon rätselhaft genug, verschwinden in den folgenden Tagen alle Bilder des Mordopfers aus Privatbesitz und Galerien!


Wäre Albert Campion ein herkömmlicher adliger Snob, würde er die Bearbeitung dieses Falles für keinen Moment in Erwägung ziehen. „Death of a Ghost“ (ein in die Irre führender Titel, denn nirgends begegnet dem Zuschauer bei der Sichtung ein Geist oder auch nur die Erwähnung desselben) bringt den Ermittler mit dem Künstlermilieu zusammen und schreckt dabei nicht vor artistischen Übertreibungen zurück. Die einzige vernünftige Person in dem Drama scheint Belle Lafcadio, die Frau des Malers zu sein, die Realitäten ins Auge blickt, auch wenn sie manchmal einer gewissen Vergangenheitsverklärung anheim fällt. Streitende Maler und Galeristen, zwei Modelle mit dem Hang zum Dramatischen – eine Esoterikerin und eine Italienerin –, ein verhinderter Künstler, eine trunksüchtige Gehilfin und die erboste Freundin eines Malers, die sich nicht über die Heirat ihres Liebsten mit dessen Modell aufregt, sondern darüber, dass er trotz aller künstlerischer Ambitionen nun zu kommerziellen Zwecken malt, zählen zum – gelinde gesprochen – illustren Ensemble des Krimis.

Im Gegensatz zu den vorherigen Teilen lässt sich „Death of a Ghost“ ein wenig schleppend an, auch weil man eine Weile benötigt, um sich in die ungewohnten Kreise einzufinden. Doch da sind eine Menge Punkte, die den Zugang zum Stoff für Freunde des klassischen Kriminalromans erleichtern: Das erste Verbrechen erinnert zum Beispiel frappierend an „Ein Mord wird angekündigt“, obwohl diese Assoziation eigentlich genau umgekehrt vorgetragen werden muss, entstand Allinghams Roman doch bereits 1934 und Christies erst 1950. Das Verschwinden der Werke des jungen Tom Dacre ist ein ebenso reizvolles Rätsel wie der zweite Mord, der geschickt als Cliffhanger ans Ende der ersten Episode gesetzt wird.

Die Enthüllung des Täters kommt erstaunlich zeitig und wird wenig geheimnisvoll gehandhabt. Vielmehr posaunt Campion in seinen Versuchen, den hier erstaunlich widerspenstigen Inspector Oates zu überzeugen, die Lösung eher nebensächlich heraus (auch Lugg scheint mit seinem Herrn auf Kriegsfuß zu stehen; die Autorin hatte wohl nicht das richtige Händchen für die sonst eher harmlosen Scherze zwischen den wiederkehrenden Figuren). Dies wird ausgeglichen durch ein geradezu spektakuläres Finale, das – wie auch die Figurenwahl – Geschmackssache ist, aber sehr effektiv daherkommt. Der Darsteller des Mörders lässt seine Maske langsam fallen, sodass sich nach und nach immer mehr von der Fratze eines größenwahnsinnigen Irren zeigt. Den Höhepunkt des Abends stellt ein Versuch dar, Campion in der Station St James’s Park vor eine U-Bahn zu werfen.

Worauf auch immer der Titel anspielt – nach Anlaufschwierigkeiten entwickelt sich „Death of a Ghost“ zu einem formidablen, wenngleich nicht perfekten Ausflug in die Welt der Künstler, die Allingham geschickt mit Verblendung und Egomanie kombiniert. 4 von 5 Punkten. Die Schwachpunkte der Verfilmung liegen in einem etwas trockenen Anfang und der teilweise ins Unangenehme tendierenden Aufmüpfigkeit des sonst so liebenswerten Dieners.

Lord Peter Offline




Beiträge: 507

30.08.2019 15:14
#13 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Die Serie kommt am 15. November 2019 als (zweigeteilte) Gesamtausgabe von Pidax:

https://www.pidax-film.de/Serien-Klassik...786e44550c841b9
https://www.pidax-film.de/Serien-Klassik...786e44550c841b9

Hat man die letzte beiden Doppelfolgen gar synchronisieren lassen?

Gubanov Offline




Beiträge: 16.129

31.08.2019 09:04
#14 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Das sieht doch prima aus. Lob an Pidax fürs Ausbuddeln dieser hierzulande eher unbekannten Serie und dann auch noch für die Synchronisation der im DDR-Fernsehen ignorierten Folgen 7 und 8.


(PS: Ich habe neulich erst daran gedacht, dass ich hier noch weitersehen sollte. Für Period-drama-Fans ist es wirklich lohnenswert.)

schwarzseher Offline



Beiträge: 480

31.08.2019 09:54
#15 RE: Justice neatly executed: Campion (GB 1989-90) Zitat · Antworten

Ehrlich gesagt kann ich mich nicht im geringsten an die Serie erinnern bzw. habe ich noch nie bewusst von gehört.Aber das hier geschriebene lässt doch Vorfreude aufkommen.Bin mal gespannt wie "Tristan "sich als "Lord Peter"
schlägt Auch die Storys kenne ich nicht ( dachte eigentlich das mir in den zig Jahren Krimis verschlingen schon alles in die Hände gefallen wäre )

Freue mich ...Dank schon mal an Pidax

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