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Dieses Thema hat 36 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.081

03.10.2014 11:52
#16 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Tatort München - Veigls Fälle (10):
Schlussverkauf

(Tatort Nr. 88)
Erstsendung ARD: 21.05.1978
Buch: Konrad Sabrautzky
Kamera: Luy Briechle
Musik: Hans Posegga
Regie: Wilm ten Haaf

Mit Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer, Willi Harlander, Ida Ehre, Kyra Mladek, Werner Schulze-Erdel, Mijou Kovacs, Marianne Lindner, Hans-Dieter Asner, Uli Steigberg u. v. a.

Ein Münchner Warenhaus. Mitten im Menschengewimmel bricht plötzlich ein Mann tot zusammen. In seinem Rücken steckt ein Messer. Hauptkommissar Veigl ermittelt und hat zahllose Verdächtige ...

Konrad Sabrautzky, später selbst Regisseur, hat mit diesem Tatort einen Whodunit geschrieben, in dem - für einen spannenden Krimi optimal - sehr viele Verdächtige vorkommen. So wie es in einem Krimi eigentlich sein soll. Gut gespielt und mit tragischem Ende unterhält der Film mit guten Darstellern. Kyra Mladek ist eine gute Wahl, ebenso Hans-Dieter Asner als Herr Haslauer, der sonst eher immer auf Staatsanwaltsrollen abonniert war. Der großen Ida Ehre, eine der wichtigsten deutschen Theaterdamen, beim Spiel zuzusehen ist jedoch der größte Trumpf dieser von Wilm ten Haaf routiniert inszenierten Episode. Interessant auch Werner Schulze-Erdel, der spätere beliebte Gameshowmoderator, als jugendlicher Verdächtiger.
Schlussverkauf ist mit Sicherheit nicht DER große Wurf, aber gute Krimiunterhaltung, bei der man Veigl/ Bayrhammer die Erfahrung aus den vorigen Folgen schon deutlich anmerkt und in der die Seriendarsteller mehr als routiniert agieren. Wunderbar! Interessant: Brettschneider wird in dieser Folge zum Kriminalobermeister befördert ...
Positiv ist schließlich auch der Soundtrack von Hans Posegga hervorzuheben!

Sehr passend finde ich auch Mr. Keeneys Kritik weiter oben im Thread: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer)

Georg Offline




Beiträge: 3.081

04.10.2014 12:33
#17 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Tatort München - Veigls Fälle (11):
Schwarze Einser

(Tatort Nr. 94)
Buch: Willy Purucker
Kamera: Edgar Scholz
Musik: Joachim Ludwig
Regie: Wolf Dietrich

Mit Gustl Bayrhammer, Willy Harlander, Helmut Fischer, Karlheinz Böhm, Marilene von Bethmann, Renate Grosser, Joseph Saxinger, Helena Rosenkranz, Hans-Reinhard Müller, Robert Naegele u. v. a.

Ein Obdachloser beobachtet morgens früh um drei Uhr, wie eine Frau vom Balkon in einem Wohnblock stürzt. Es sieht zunächst wie Selbstmord aus, was den aus dem Schlaf gerissenen Hauptkommissar Veigl besonders ärgert. Doch bald stellt der schlaue Ermittler fest, dass er nicht umsonst gerufen wurde. Spätestens nach der Obduktion ist klar, dass der Tod bei Irmagrd Döring durch Fremdeinwirken verursacht wurde. Durch ein am Tatort sichergestelltes Foto kommen die Ermittler auf den Musiker Dr. Ferdinand Prelinger, der der letzte Freund Irmgards war. Er kann jedoch ein Alibi vorweisen. Veigl ist der Mann dennoch suspekt ...

Schwarze Einser ist der zweite Beitrag Willy Puruckers zu den Veigl-Tatorten. Im Gegensatz zu Schüsse in der Schonzeit gestaltet sich die Episode jedoch eher als zäh. Spannung kam für mich trotz des Whodunits nicht wirklich auf. Allenfalls sehenswert ist die Episode wegen der Protagonisten und des Humors: Veigl ist herrlich schlecht gelaunt und mokiert sich auch über das abenteuerliche Nachtleben von Kommissar Lenz, nur weil dieser um halb vier Uhr morgens nicht erreichbar ist. Der Tierfreund Veigl, ehemaliger Dacklbesitzer, sorgt sich auch um die Katzen der Toten, damit diese nicht ins Tierasyl kommen müssen. Im französischen Ausland schließlich setzt er auf bairische Tradition und bestellt "a Bier" - "aber nur, wenn's die deutsch-französische Freundschaft nicht gefährdet". Als sympathischer Running Gag im ersten Drittel des Films gefielen mir auch jene Szenen, in denen der Hauptkommissar vergeblich versucht, einen Kaffee zu bekommen. Als er diesen endlich am Schreibtisch (übrigens im neu eingerichteten Büro!) hat, schüttet Lenz ihn um ...
In der Titelrolle ist Karlheinz Böhm zu sehen, der diesen Part wohl nur angenommen hat, weil er hier spielen konnte, was er selbst werden wollte: einen Musiker. Er wirkt in einer seiner wenigen Fernsehkrimirollen immerhin glaubhaft.
Die Geschichte bringt Veigl schließlich sogar nach Nizza, wo mit einem kleinen Stab gedreht wurde. Die Art und Weise, wie der von Böhm dargestellte Musiker mit seiner Geliebten durch die Stadt an der Côte-d'Azur wandert, ist willkürlich und derart falsch zusammengeschnitten, dass sich jeder, der die Stadt kennt, nur an den Kopf greifen kann. Diesen Regiefehler mag man Wolf Dietrich noch verzeihen, dass in der ersten Szene, die um drei Uhr morgens spielt, allerdings hellstes Tageslicht herrscht, ist völlig daneben und hätte nicht passieren dürfen.
Schwarze Einser (der Titel bezieht sich auf eine bestimmte Art von Briefmarken) ist schließlich ein mehr als durchschnittlicher Tatort, der selbst innerhalb der Veigl-Fälle eine große Anzahl an besseren Filmen zur Konkurrenz hat.

Nochmals der Hinweis: heute Abend wiederholt der BR um 20.15 Veigls ersten Fall "Münchner Kindl"!

Georg Offline




Beiträge: 3.081

05.10.2014 11:04
#18 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Tatort München - Veigls Fälle (12):
Ende der Vorstellung

(Tatort Nr. 99)
Erstsendung ARD: 06.05.1979
Buch: Norbert Ehry
Kamera: Hermann Reichmann
Regie: Georg Marischka

mit Gustl Bayrhammer, Willy Harlander, Helmut Fische, Robert Freitag, Sabine von Maydell, Ingeborg Schöner, Elmar Wepper, Thomas Astan, Maria Sebaldt, Werner Asam, Ulrich Beiger u. v. a.

Andrea Bäumler, eine junge attraktive Schauspielerin, wird in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Veigl, der vom sonntäglichen Eisstock schießen weggeholt wird, ermittelt im Umfeld der Toten. Alle Spuren führen zu dem bekannten Schauspieler Car Liebold, mit dem Andrea ein Verhältnis hatte. Die Betonung liegt auf "hatte", denn nun lebt der Filmstar mit der Cousine der Toten zusammen. Was hat Toni Inninger, ein kleiner Krimineller, mit der Sache zu tun? Wollte er den Täter erpressen? Dem Kommissar kann er keine Antwort mehr geben, denn er wird ermordet auf einem Waldweg aufgefunden. Es sieht aus wie Selbstmord. Veigl ist sich jedoch sicher, dass es das nicht war ...

Ende der Vorstellung bringt Hauptkommissar Veigl in die Theaterwelt, wo er den Mord an einer jungen, attraktiven Frau klären muss. Interessant ist die Geschichte, auch wenn man kein geübter Krimiseher sein muss, um zu erraten, wer der Täter ist. Sehenswert macht die Episode schließlich gar nicht die Handlung, sondern die Art und Weise wie Bayrhammer seinen Veigl anlegt: grantig, urbayrisch und nie um einen flotten Spruch verlegen. Eine wunderbare Kommissarsfigur, die der Tradition verpflichtet ist. So mokiert er sich darüber, dass es in der Kantine nun Cannelloni statt Fleischpflanzerln gibt ("I mecht wiss'n, ob's in Neapel umgekehrt an Obatzt'n essen!"). Als Schlitzohr erweist er sich gegenüber einer jungen Journalistin, die er bewusst auf eine falsche Fährte lockt. Über ihren Zeitungsbericht, in dem sie Veigls Vornamen "Melchior" verrät, ist er ebenso herrlich erbost. Aus seinem Privatleben erfahren wir immerhin, dass er gerne Eisstock schießt, denn er wird beim winterlichen sonntäglichen Treffen mit seinen Freunden zum Mordfall weggeholt. In Stiefeln und Pudelmütze erscheint er am Tatort, was bei den Zeugen für Belustigung sorgt.
Dass es in dieser hauptsächlich verschneiten Winterepisode einige Szenen gibt, in denen es grün ist, ist dem Regisseur Marischka (der einen Gastauftritt hat!) nicht anzukreiden, zumal man bei Filmaufnahmen, die nicht chronologisch gedreht werden, das nicht vermeiden kann. Allerdings inszeniert er, wie Prisma weiter oben schon richtig bemerkte, viel zu behäbig. Eine Straffung hätte der ganzen Episode mehr Tempo verliehen. Schauspielerisch ist nichts einzuwenden, Werner Asam ist wieder Mal als Kleinkrimineller in seiner 08/15-Klischeerolle zu sehen, besonders erfreut hat mich Elmar Wepper als Ganove. Claudia Demarmels und Sabine von Maydell erfreuen das Auge und auch das Mitwirken von Ingeborg Schöner, Ulrich Beiger, Maria Sebaldt und Thomas Astan schaden einem Krimi nie!
Wie erwähnt, lebt die Episode eher von den Serienfiguren. Neben dem herrlich grantelnden Veigl, der hier wahrlich zur Höchstform aufläuft, ist vor allem Brettschneider, dem wie in den anderen Episoden viel mehr Gewicht zukommt als dem blasseren Lenz, auch nie um einen flotten Spruch verlegen. Herrlich jene Szene, in der Veigl sagt, er kenne den Schauspieler Carl Liebold, weil er ihn früher oft im Kino gesehen hat. Darauf Brettschneider: "Das war wohl noch zur Stummfilmzeit!".
Summa summarum ist Ende der Vorstellung sicherlich gute Krimiware, der ein bisschen mehr Tempo nicht geschadet hätte, wobei die Inszenierung Georg Marschikas auch nicht unsolide ist.

Prismas Besprechung (Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer)) kann ich mich durchgehend anschließen!

Prisma Offline




Beiträge: 7.549

05.10.2014 21:28
#19 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #17
Prismas Besprechung kann ich mich durchgehend anschließen!

Gilt das auch für den letzten Absatz über Alexandra Marischka?

Georg Offline




Beiträge: 3.081

05.10.2014 22:18
#20 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Absolut! Ich fand die Rolle richtig gut, ein "schöner" Part im wahrsten Sinne des Wortes...

Georg Offline




Beiträge: 3.081

20.10.2014 10:01
#21 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

TATORT MÜNCHEN - Veigls Fälle (13):
Maria im Elend

(Tatort Nr. 107)
Erstsendung ARD: 16.12.1979
Buch: Willy Purucker
Kamera: Ingo Hamer
Musik: Eugen Illin
Regie: Wolf Dietrich

Mit Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer, Willy Harlander, Artur Brauss, Elert Bode, Felix von Manteuffel, Richard Lauffen, Rainer Basedow, Veronika Faber, Marianne Brandt, Ludwig Schmid-Wildy u. v. a.

Die Madonnenstatue "Maria im Elend" wird aus einer Kirche entwendet. Wenig später meldet sich ein anonymer Anrufer bei einer Münchner Zeitschrift, die über den Diebstahl exklusiv berichtet hat und fordert 200.000 D-Mark. Der Chefredakteur beschließt, die Polizei nicht einzuschalten und hofft auf eine Exklusivstory. Das Geld wird übergeben. Wenig später verschwindet der Fotograf der Zeitung, der den ganzen kriminellen Vorgang auf Zelluloid bannen sollte und wird tot in seinem ausgebrannten Auto aufgefunden. Ein Fall für den an Zahnschmerzen leidenden Hauptkommissar Veigl ...

Maria im Elend überrascht nicht durch eine besonders originelle Kriminalgeschichte. Daran ist Autor Willy Purucker anscheinend auch nicht interessiert. Vielmehr zeigt er die Arbeit der Ermittler einerseits und das Verhalten der Täter auf der anderen Seite. Immerhin bleibt es bis zum Schluss ein Geheimnis, wie der Fotograf verschwand und was wirklich mit dessen Wagen geschah. Hervorzuheben ist Artur Brauss, der bairisch spricht und einen sympathischen Mann darstellt, der schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, aber versucht, einem anständigen Leben nachzugehen. Rührend kümmert er sich um seine Tante (Marianne Lindner) und ist für seine Freunde da. Die Zuseher können ihm nicht böse sein und man empfindet beinahe ein wenig Mitleid, als man erfährt, dass er sich doch wieder vom Verbrechen anziehen lassen hat. Er ist eine Art Gentleman-Gangster, nicht umsonst bemüht sein Komplize den Titel des bekannten Mehrteilers Die Gentlemen bitten zur Kasse, als er über sich und Rudi Mack (Brauss) selbst spricht.
Das Ermittlerteam spielt in dieser Episode sehr gut zusammen, herrlich sind die Schlagabtausche zwischen Veigl, Brettschneider und Lenz. Der Humor tut der Folge gut. Als Running Gag kommt schließlich Veigls Weisheitszahn vor, der immer wieder schmerzt. Dennoch sucht der Hauptkommissar alle möglichen Gründe, um einen Besuch beim Zahnarzt zu vermeiden.
Positiv ist schließlich auch noch die Musik hervorzuheben, die für Spannung und Tempo sorgt, was bei der manchmal etwas langatmigen Inszenierung nicht schadet.
Summa summarum: ein durchschnittlicher Tatort mit einer interessanten Täterphysiognomie und einem großteils spielfreudigen Schauspielerensemble.

Georg Offline




Beiträge: 3.081

25.10.2014 17:45
#22 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Tatort München - Veigls Fälle (14):
Spiel mit Karten

(Tatort Nr. 114)
Erstsendung ARD: 27.07.1980
Buch: Theo Régnier
Kamera: Werner Kurz
Musik: Ernst Brandner
Regie: Wolf Dietrich

Mit Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer, Willy Harlander, Alexander Allerson, Ilse Neubauer, Georg Marischka, Jochen Mann, Claus Eberth, Franz Xaver Kroetz, Michael Stippel, Gaby Herbst, Werner Zeussel

Hansgünther Geroth, Inhaber und Redakteur eines Werbeblattes, verunglückt nach einem Beisammensein in der Waldschenke mit dem Wagen tödlich. Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet, als man feststellt, dass eines der Bremsseile manipuliert wurde. Veigl ermittelt und findet bald heraus, dass der Tote eine Kartei hatte, in der er "erpressungswürdige" Personen sammelte und bei Bedarf auch bei diesen vorstellig wurde, um anständig abzukassieren. Damit hat der Münchner Ermittler eine Vielzahl an Verdächtigen ...

Theo Régniers Erstlingswerk ist eine routinierte Krimigeschichte, der trotz des Whodunits und der ordentlichen schauspielerischen Leistungen irgendwie doch der Pepp fehlt. Vielleicht liegt es an der Inszenierung, vielleicht an der Länge des Films. Immerhin konstruiert er die Story ganz geschickt, so dass alles auf Erpressungen hinaus läuft, die der Tote bei Bedarf bei vielen Menschen durchgeführt hat. Das sorgt natürlich für eine Vielzahl von Verdächtigen, was in einem Krimi besonders von Vorteil ist. Spannend gestaltet sich auch die Szene auf der Autobahn, in der Georg Marischka (nun vom Veigl-Regisseurssessel vor die Kamera gewechselt) das Lösegeld übergeben soll. Hätte Wolf Dietrich ein bißchen mehr aufs Gas gedrückt, wäre sogar ein temporeicher Krimi daraus geworden. So bleibt ein ansehnlicher Film mit einigen Längen. Positiv ist auch hier wieder das unterhaltsame Zusammenspiel der Ermittler und deren gegenseitige Neckereien hervorzuheben und auch die Musik Ernst Brandners.
Gustl Bayrhammer beklagte nach seinem Abgang in der kommenden Folge, dass die Drehbücher immer mauer würden. Man muss ihm recht geben, denn das sympathische Münchner Team hatte bei 15 Episoden in meinen Augen nur zwei wirklich starke Fälle (Das zweite Geständnis und Schüsse in der Schonzeit) und soweit ich mich erinnern kann, wurden die Geschichten als Helmut Fischer das Ruder übernahm, nicht besser. Die zuständige Redaktion wäre gut beraten gewesen, eine sorgfältigere Auswahl der Bücher walten zu lassen. Apropos: Redakteur Peter Hoheisel hat hier einen Gastauftritt, in einer Szene wird nämlich die Beförderung des "Kollegen" Hoheisel gefeiert.

Georg Offline




Beiträge: 3.081

27.10.2014 20:05
#23 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

TATORT MÜNCHEN - Veigls Fälle (15):
Usambaraveilchen

(Tatort Nr. 123)
Erstsendung ARD: 20.04.1981
Buch: Herbert Rosendorfer
Kamera: Eduard Windhager
Musik: Erich Ferstl
Regie: Wilm ten Haaf

Mit Gustl Bayrhammer, Stephan Orlac, Karin Kernke, Enzi Fuchs, Willy Harlander, Helmut Fischer, Maria Körber, Robert Naegele, Marianne Lindner, Wolfgang Büttner, Otto Stern u. v. a.

Anwalt Berg, Freund von Hauptkommissar Veigl, war früher Polizist. In Abendkursen hat er sich fortgebildet und schließlich zu studieren begonnen. Nun ist er Strafverteidiger und befindet sich in einer schwierigen Situation: ausgerechnet wenige Tage, nachdem der verheiratete Mann sich entschieden hatte, sich von seiner Freundin zu trennen, wird diese in ihrer Wohnung erschossen. Das Problem: Berg war kurz nach der Tat in der Wohnung, leugnet es aber zunächst und konstruiert sich ein Alibi. Sein Freund Melchior Veigl kann diese dennoch zu Nichte machen ...

Das ist er also, Veigls letzter Fall: das Drehbuch schrieb der schriftstellernde Richter Herbert Rosendorfer, der den Fall praktischer Weise in einem ihm bekannten Milieu ansiedelte. Wie Jack the Ripper schrieb, ist das Buch eher unspektakulär, hat aber genau deshalb auch seine Qualitäten:

Zitat von Jack_the_Ripper
Herbert Rosendorfers Drehbuch ist unspektakulär, folgt im Grunde ausgetretenen Krimipfaden, variiert bekannte Versatzstücke, wirkt aber durch das natürliche Spiel der Darsteller und Wilm ten Haafs bodenständiger Regie im besten Sinne des Wortes alltäglich, nachvollziehbar, authentisch.


Ein Fall, der trotzdem nicht langweilig wird, was wie erwähnt durch die guten Darsteller bedingt ist und auch durch den überaus sympathischen Kommissar, von dem wir uns nun nach 15 eigenen Fällen und rund 20 fleißigen Gastauftritten in anderen Episoden verabschieden müssen (zumindest vorübergehend, denn als Anfang der 90er der Osten in den Tatort kam, war Veigl nochmals Ehrlichers Vorgesetzter, diesmal wieder mit Dackel, aber leider ohne den Charme und den Witz, den wir aus den frühen Folgen kannten). Ausgerechnet im Gerichtssaal besprechen Veigl und Lenz kurz in der Mitte des Films, dass der routinierte Ermittler in Pension geht und Lenz als Nachfolger vorgeschlagen hat. Wie Jack_the_Ripper auch schon bedauerte, geht man am Ende der Episode gar nicht mehr darauf ein. Schade. Vielleicht wurde die Szene auch erst später ins Buch aufgenommen.
Zurück zur Geschichte: lange hat man das Gefühl, dass es eigentlich keine Verdächtigen gibt, aber Rosendorfer wartet dann am Ende immerhin doch noch mit einer Überraschung auf. Originell sind - wie immer bei ihm - manche Figuren, wie zum Beispiel der Nachbar, herrlich verkörpert von Wolfgang Büttner, der mit akribischer preußischer Genauigkeit alles mitnotiert. In der Besetzungsliste fiel mir auch noch Otto Stern, in einer seiner späten Rollen, positiv als Jurist auf.
Der letzte Veigl-Fall ist sicherlich nicht der Beste, aber er stimmt versöhnlich und lässt den Ermittler in guter Erinnerung. Dennoch: Bayrhammer & Co. hatten in meinen Augen das Pech, nicht die besten Drehbücher zur Verfügung zu haben. Das haben sie mit großer Schauspielkunst, mit Humor und Neckereien oft sehr gut kaschiert.
Überhaupt merkt man, dass Bayrhammer & Harlander (und auch Fischer) bereits in den Startlöchern zu Meister Eder und sein Pumuckl scharten, optisch sind sie Meister Eder und Schlosser Bernbacher von Folge zu Folge ähnlicher geworden und gleichen ihren Alter Egos in der Abschlussfolge nun aufs Haar.
Schließlich möchte ich hier auch noch mal den Brief in Erinnerung rufen, den Veigl & Haferkamp alias Bayrhammer & Felmy zeitgleich an Chefredakteur Gunther Witte schrieben. Es ist sicherlich kein Zufall, dass beide fast zum selben Zeitpunkt aus der Reihe ausstiegen ...
file.php?url=http%3A%2F%2Ffiles.homepagemodules.de%2Fb1686%2Ff2290151t62733p7369720n3_WayusLkB.jpg&r=1&content=RE%3A_Die_1970er-%26quot%3BTatort%26quot%3B-Kommissare%3A_Haferkamp_%28Hansj%26ouml%3Brg_Felmy%29
Und auch ein Zitat von Gustl Bayrhammer aus dem Spiegel (17/1981) zu den Gründen, warum er aufgehört hat: "Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr."

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

01.04.2020 00:00
#24 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Die „Der Alte“-Folge „Zeugenaussagen“ hat mich auf weitere Arbeiten von Herbert Rosendorfer gespannt gemacht. Genialer Menschenkenner oder mediokres One Trick Pony? So ganz hat sich diese Unklarheit auch nach „Weißblaue Turnschuhe“ noch nicht gelegt ...



Tatort: Weißblaue Turnschuhe
Oberinspektor Veigl ermittelt in München und im Chiemgau

Episode 30 der TV-Kriminalserie, BRD 1973. Regie: Wolf Dietrich. Drehbuch: Herbert Rosendorfer. Mit: Gustl Bayrhammer (Oberinspektor Veigl), Helmut Fischer (Oberwachtmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider), Hans Baur (Kriminalrat Härtlinger). In Gastrollen: Karl Obermayr, Nikolaus Schilling, Edd Stavjanik, Franziska Liebing, Ulrich Beiger, Ernst Schmucker, Günther Stoll, Maria Stadler u.a. Erstsendung: 24. Juni 1973, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (30): Weißblaue Turnschuhe
Dass er die Entführer des Millionärs Schneck nicht finden kann, scheint Oberinspektor Veigl in seiner nahenden Urlaubsstimmung weniger zu beeinträchtigen als ein lapidarer Handtaschenraub auf dem Bogenhausener Friedhof. Selbst als der gewiefte Kriminaler anhand der markanten Turnschuhe den Dieb gefasst hat, ahnt er noch nicht, dass zwischen beiden Fällen eine Verbindung besteht. Dies wird ihm erst klar, als er gemeinsam mit Hauptkommissar Liersdahl am Chiemsee urlaubt – denn ganz in der Nähe befindet sich das Haus, in das Schneck bei seiner Entführung verschleppt wurde. Eine Frage bleibt: Wer sind die Hintermänner?


Ganz ähnlich wie bei seinem einmaligen „Der Alte“-Ausflug strotzt auch dieses Drehbuch von Herbert Rosendorfer vor bajuwarischem Schmelz und Lokalkolorit sowie rabiat gezeichneten Typen, die wohl schon der Autor selbst nicht ganz ernst nahm. Ins Zentrum einer solch volksnahen Räuberposse passt ein Oberinspektor Veigl vom kleinbürgerlich-sympathischen Gemüt eines Gustl Bayrhammer jedoch ungleich besser hinein als ein in München ohnehin oft allzu preußisch wirkender Siegfried Lowitz. Der Ermittler agiert hier mit den Zeugen und Verdächtigen auf einem Niveau, packt mit großem Elan einen 10-Mark-Fall an und scheut sich nicht, sich bei der Suche nach seinem Verdächtigen höchstselbst bei der Essenausgabe für Obdachlose anzustellen. Dass sein vorlauter Assistent ihn fragt, ob er hier häufiger verkehre, versteht sich praktisch von selbst. Es sind gepfefferte Zeilen wie diese oder der Running Gag des Kleinganoven, er habe ja eine so freundlich-geradlinige Art, die den Unterhaltungswert des Falles zumindest durch seine Figuren garantieren, wenn das Geschehen an sich schon recht verwinkelt und nicht besonders zielstrebig gestaltet ist.

So lässt man sich bereitwillig von Bayrhammer sowohl durch die verschrobenen Seitenschauplätze der Isar-Metropole als auch aufs platte Land führen, wo vor allem der kurze gemeinsame Urlaub mit Dieter Eppler von der Kripo Saarbrücken eine nette Einlage darstellt. Natürlich wird dem genüsslichen Freizeitvergnügen alsbald durch einen Zufall ein rasches Ende gemacht und von da an das gewagte Unterfangen angegangen, aus zwei so ungleichen Fällen wie dem Diebstahl einer Handtasche und einer Millionärsentführung einen durchgängigen Plot zu stricken. Das scheitert in erster Linie an einem Mangel an Verdächtigen, sodass Veigl wenige Kombinationen selbst anstellen muss, sondern oft nur 1 und 1 zusammenzuzählen braucht. Die beiden zentralen Schurkenfiguren erweisen sich schließlich auch als reichlich blass; dafür erhalten Karl Obermayr als Karikatur des Gelegenheitsverbrechers Sondermayr und Ulrich Beiger als Herr Schneck etwas ausführlichere Gelegenheit, ihren Figuren Leben einzuhauchen.

Der für die Inszenierung verantwortliche Wolf Dietrich (bei „Tatort“ nur viermal für Veigl verpflichtet) liefert gute, meist rasch voranschreitende Ware ab; eventuell wäre zu einer stimmungsvolleren Inszenierung der Nacht- und Spannungsszenen zu raten gewesen. In dieser Hinsicht hat „Zeugenaussagen“ die Nase vorn; dort kommt gen Ende noch etwas Gruselstimmung auf, während z.B. die Szene mit dem Einbruch in der Pension oder das Finale in der Bank in „Weißblaue Turnschuhe“ zwar ihren Zweck erfüllen, aber etwas pflichtschuldig wirken. Mit mehr Biss gingen die Beteiligten den unerwarteten Ein-Szenen-Auftritt von Günther Stoll an, der als aus allen Rohren feuernder Anwalt Veigl und dem Staatsanwalt einen empfindlichen Strich durch die Rechnung macht – zumindest vorübergehend ...

Die bayerische Fahne weht gedanklich immer ebenso weißblau im Hintergrund mit wie die titelgebenden Turnschuhe. Veigl zeigt sich als grantelnd-liebenswerter Musterbayer und passt als solcher recht gut in Herbert Rosendorfers volksnahes, nicht immer glaubwürdiges Gaunerstück. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

03.04.2020 00:30
#25 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten



Tatort: 3:0 für Veigl
Oberinspektor Veigl ermittelt in München

Episode 40 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Michael Kehlmann. Drehbuch: Michael Kehlmann, Carl Merz. Mit: Gustl Bayrhammer (Oberinspektor Veigl), Helmut Fischer (Oberwachtmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider), Achim Benning (Kriminalrat Schneehans). In Gastrollen: Klaus Löwitsch, Gaby Herbst, Karl-Maria Schley, Edwin Noël, Ludvik Askenazy, Rolf Wanka, Hans Reiser, Fritz Strassner u.a. Erstsendung: 26. Mai 1974, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (40): 3:0 für Veigl
Hätte sich Gangsterboss Strasser einfach mit seiner Haftstrafe abgefunden und nicht einen fingierten Gerichtstermin zur Flucht genutzt, hätte Oberinspektor Veigl wenigstens einen Fall weniger. Und ausgerechnet zu einer so angespannten Zeit fragt auch noch das Betrugsdezernat wegen Unterstützung bei einem Fall gefälschter Stadiontickets an. Obendrauf kommen zwei Mordfälle, die als Unfall oder Selbstmord getarnt werden sollten, aber Veigls Aufmerksamkeit erregen. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen dem gutmütigen Kriminaler wenig Zeit bleibt, die Spiele der Fußballweltmeisterschaft zu verfolgen ...


Vom stressigen Arbeitsalltag der Polizei soll dieser vierte Veigl-„Tatort“ erzählen, der sich weniger um seine einzelnen Handlungsstränge als vielmehr um die Überarbeitung seines Protagonisten kümmert. Ironischerweise hatte Drehbuch-Co-Autor Carl Merz bereits Erfahrung auf dem Gebiet des kriminalistischen Mix and Match, stellt sein älteres Skript zur Pater-Brown-Komödie „Er kann’s nicht lassen“ doch ein ähnliches Sammelsurium unterschiedlicher Fälle dar. Im Gegensatz zu Heinz Rühmann muss Gustl Bayrhammer die Angelegenheiten jedoch nicht nacheinander, sondern parallel angehen, was gerade zu Beginn nicht nur bei ihm, sondern auch beim Zuschauer für Verwirrung sorgt. Zudem kommt, wie bereits angedeutet, jedes einzelne Rätsel durch diese Plotkonstruktion ein wenig kurz. Besonders augenfällig ist das bei den beiden Mordfällen, bei denen sich Veigl jeweils nur an einer einzigen Person (Karl-Maria Schley bzw. Edwin Noël) abarbeitet, sodass die jeweilige Auflösung nicht die geringste Überraschung bereithält. Hier hätte die Konzentration auf weniger Tohuwabohu doch für mehr Substanz sorgen können.

Was die Folge dennoch sehenswert macht, ist in erster Linie das gut aufgelegte Spiel der Polizisten, das neben akutem Personalmangel auch Kompetenzgerangel erkennen lässt. Veigl sieht sich zwischen mehreren Dezernaten zerrissen und ist besonders auf Kriminalrat Schneehans nicht gut zu sprechen. Bayrhammer baut diese willkürliche Antipathie auf seine typische liebenswerte Weise aus, während er zu seinen Assistenten und insbesondere zu seinem Dackel ein wesentlich freundlicheres Verhältnis pflegt. Der kurzbeinige, aber getreue Begleiter darf am Ende sogar Polizeihund spielen und einen Täter durch Biss ins Bein an der Flucht hindern – fast schon kindlicher Humor wie dieser kommt erneut reichlich vor; auch Willy Harlander bringt ihn durch ein grimassierendes Mienenspiel ein. Für den Lacher der Episode sorgt aber ein Dialog zwischen Veigl und Lenz: „Nehmen wir einmal an, Sie hätten eine Frau.“„Herr Veigl, ich habe eine Frau.“ Tja, Herr Oberinspektor – man sollte eben nicht von sich auf andere schließen ...

Der wohl ungewöhnlichste der drei Fälle ist ein mit einem Sträflingsausbruch verbundener Handel mit gefälschten Fußballeintrittskarten. Diese Schandtat verleiht der Folge besonderen Zeitcharakter, weil sie während der Fußball-WM 1974 in Deutschland spielt und es ganz konkret um unsaubere WM-Tickets geht. Am Ende darf man Veigl endlich ins Stadion begleiten; doch ein paar ausführlichere Ermittlungen in eben jenem Milieu hätten der Episode auch zuvor schon gutgetan. Ich denke, hier wurde die Chance für eine Folge mit ganz besonderem Schwerpunkt leider etwas verschenkt bzw. verwässert. Wir bekommen stattdessen einen schäbigen Nachtclub, einen ausländischen Informanten, einen als Reisebüro getarnten Umschlagplatz und Druckerpressen im Hinterzimmer einer Eisbar serviert – das ist immerhin etwas. Der Hintermann Strasser taucht leider nur zu Beginn und Ende der Episode auf; Klaus Löwitsch ist aber charismatisch genug, um diese schwierige Distanz zu überbrücken.

Die Kurzweil, die dieser „Tatort“ ausstrahlt, lässt WM-Gastgeberstadt München in einem großteils heiteren Licht erstrahlen. Veigl arbeitet zwar am Limit, aber dafür an simplen Fällen, die die amüsante Grundstimmung nicht wesentlich beeinträchtigen. 3 von 5 Punkten. Der umfangreiche Cast hätte sich im Gegensatz zu Veigls Dackel Oswald vermutlich oft mehr szenischen Auslauf gewünscht, muss aber drehbuchbedingt an der kurzen Leine bleiben.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

09.04.2020 00:00
#26 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten



Tatort: Als gestohlen gemeldet
Oberinspektor Veigl ermittelt in München

Episode 48 der TV-Kriminalserie, BRD 1975. Regie: Wilm ten Haaf. Drehbuch: Erna Fentsch. Mit: Gustl Bayrhammer (Oberinspektor Veigl), Helmut Fischer (Oberwachtmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider), Hans Baur (Kriminalrat Härtinger). In Gastrollen: Gisela Uhlen, Susanne Uhlen, Felix Franchy, Ralf Wolter, Beate Hasenau, Harry Kalenberg, Joachim Richert u.a. Erstsendung: 16. Februar 1975, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (48): Als gestohlen gemeldet
Eine Ausfahrt ins Grüne endet für den Automechaniker Otto Jirisch mit eingeschlagenem Schädel im Straßengraben. Als Veigl Jirischs Arbeitgeberin Frau Stumm Mitteilung von der schweren Verletzung macht, zeigt diese sich aufs Äußerste erschüttert – sie pflegte ein enges Verhältnis mit ihrem Angestellten. Dass er bis vor Kurzem im Gefängnis saß, wusste sie nicht. Jirisch erliegt seinen Verletzungen, sodass Veigl nun mit voller Konzentration auf Mördersuche gehen kann – bei Frau Stumm, einem ehemaligen Mithäftling und einer raubeinigen Masseuse. Ein Motiv wird klar, als sich herausstellt, dass mehrfach Autos von Frau Stumms Kunden als gestohlen gemeldet wurden ...


Nachdem sowohl „Weißblaue Turnschuhe“ als auch „3:0 für Veigl“ stellenweise eher Lustspielcharakter hatten und man es bei „Tote brauchen keine Wohnung“ eher mit einem Problemfilm versuchte, demonstrierte Erna Fentsch in „Als gestohlen gemeldet“, wie man einen richtigen Krimi aufzieht. Sehr geradlinig mit Fund des Opfers, Benachrichtigung der „Angehörigen“, Befragungen von Verdächtigen und Ermittlungen in eine dunkle Nebenbeschäftigung verläuft der Fall in herkömmlichen, aber konzentrierten und daher angenehm zu verfolgenden Bahnen. Fentsch war bis 1944 als Schauspielerin in 18 Filmen seichter Genres zu sehen und setzte nach dem Krieg (bzw. nach ihrer Heirat mit Carl Wery) ihre Karriere als Drehbuchautorin fort. Mit den beiden Scripts zu „Als gestohlen gemeldet“ und „Das Mädchen am Klavier“ lieferte sie ihre letzten beiden Arbeiten überhaupt ab, ohne dass diese verstaubt oder ungelenk wirken. Sehr wohl aber merkt man eine gewisse weibliche Note, da sich im Gegensatz zum paternalistischen Standard hier hauptsächlich die Damen profilieren dürfen.

Diese treten in Gestalt des Mutter-Tochter-Gespanns Uhlen auf, die beide im Film mit dem gleichen Mann ins Bett steigen. Die typische Dreieckssituation kommt zwar am Rande zum Tragen; allerdings verzichtete man auf große Eifersuchtsmomente und konzentrierte sich stattdessen auf den Todesfall. Das sorgt dafür, dass Bayrhammer viele lohnenswerte Szenen mit Gisela Uhlen erhielt, die als ahnungslose Werkstattbesitzerin eine verblüffend überzeugende Besetzung ist, während Susanne Uhlen ein bisschen in Vergessenheit gerät. Auch Beate Hasenau erhielt die Gelegenheit, sehr stark aufzuspielen – für Freunde der markigen Darstellerin ist ihr Auftritt als ruppige Halbweltdame, die das ganze Revier im Fuhrwerkerton herumkommandiert, aufgrund des schieren Unterhaltungswerts ein absolutes Muss. Auf männlicher Seite darf Felix Franchy in einigen Rückblenden sein zweifelhaftes Verführungstalent demonstrieren und Ralf Wolter in einer für seine Verhältnisse recht unnervigen Rolle verdächtig tun.

Der Schauplatz Autowerkstatt ist ein interessanter Einfall, von dem man gerade das richtige Maß an Details serviert bekommt. Insbesondere der Einblick in die eher feindlichen Stimmungslagen der anderen Mitarbeiter, denen das Verhältnis von Frau Stumm mit Otto Jirisch natürlich nicht entgangen ist und die auf seine „Werkswohnung“ neidisch sind, erweist sich als vielsagend. Der Schwindel um die angeblich gestohlenen Autos passt da gut ins Gesamtbild und entbehrt nicht einiger tragischer Seitenhiebe gegen die auf ihrem Posten einigermaßen verlorene Frau Stumm, die Veigl auch offenbar ein wenig leid tut. Der Kriminaler arbeitet hauptsächlich allein und setzt seine Assistenten unabhängig voneinander für bloße Handlangertätigkeiten ein, sodass Helmut Fischer und Willy Harlander diesmal untergeordnete Rollen spielen. Natürlich hat der Fall mit ein paar gelegentlichen Längen zu kämpfen; insgesamt darf das Gebotene aber als für „Tatort“-Verhältnisse absolut anständig angesehen werden – ein solider Fall aus München, dem vielleicht mit einer ähnlich knackigen Laufzeit wie seinen Vorgängern noch ein bisschen unter die Arme gegriffen worden wäre.

Dieser „Tatort“ ist in erster Linie wegen seines ungewöhnlichen Auto-Milieus und der guten Leistungen von Gisela Uhlen und Beate Hasenau sehenswert. Beide Schauspielerinnen interagieren herrlich mit Bayrhammer, während sich ein routinierter, aber nicht uninteressanter Fall kontinuierlich aufwickelt. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




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12.04.2020 00:30
#27 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten



Tatort: Das Mädchen am Klavier
Hauptkommissar Veigl ermittelt in München und am Chiemsee

Episode 70 der TV-Kriminalserie, BRD 1977. Regie: Lutz Büscher. Drehbuch: Erna Fentsch. Mit: Gustl Bayrhammer (Hauptkommissar Veigl), Helmut Fischer (Hauptwachtmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider), Hans Baur (Kriminalrat Härtinger). In Gastrollen: Werner Asam, Ruth Drexel, Sissy Höfferer, Karin Hübner, Michael Degen, Carline Seiser, Otto Bolesch, Ulli Günther, Katharina Seyferth, Helen Vita, Else Quecke, Wolfgang Fischer, Hans Zander u.a. Erstsendung: 2. Januar 1977, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (70): Das Mädchen am Klavier
Feueralarm in der Nacht: Ein Schulgebäude brennt aufgrund von Brandstiftung nieder und beim Ausräumen am nächsten Morgen findet man eine verkohlte Frauenleiche. Die Identifizierung gestaltet sich schwierig; man weiß nur, dass die Tote zwischen 20 und 30 Jahren alt gewesen sein muss. Erste Verdachtsmomente ergeben sich gegen den über seine Verhältnisse lebenden Hausmeister der Schule; doch auch die Rektorin, die mit einem Architekten befreundet ist und einen schnellen Neubau anstrebt, könnte etwas mit dem Verbrechen zu tun haben. Veigl wägt gründlich alle Spuren ab – sehr zum Unmut des Kriminalrats, der schnelle Ermittlungsergebnisse einfordert ...


In ein angenehm sommerliches Oberbayern taucht man in dieser 70. „Tatort“-Folge ein, in der Veigl und sein Team mit Gemütlichkeit, aber auch mit Nachdruck einer Brandstiftung in Kombination mit einem Todesfall auf die Schliche kommen. Während sie die Verdächtigen sondieren, sitzen Gustl Bayrhammer und Helmut Fischer im Biergarten und verzehren Bier, Schweinsbraten mit Klößen und Rippchen mit Kraut. Auch Regisseur Lutz Büscher ließ sich von dieser Entspanntheit anstecken und inszenierte ohne Eile, aber recht ansehnlich – der Fall an sich ist schließlich interessant genug, um trotzdem am Ball (oder vielmehr an der Wasserskileine) zu bleiben. Das hat sowohl mit dem Verlauf der Ermittlungen, der immer wieder kleine Rätsel am Rande des Weges aufkommen lässt, als auch mit dem Umstand zu tun, dass den Polizisten diesmal hauptsächlich sympathische Charaktere begegnen. Werner Asam bildet als proletenhafter Hausmeister natürlich die große Ausnahme: Sein Heinrich Riedel, der sich des Klangs wegen lieber „Enrico“ nennen lässt, verhält sich in jeder Beziehung so mies wie nur irgend möglich. Er verbindet Selbstverliebtheit mit Dummheit, prasst mit verdächtig viel Geld herum, betrügt seine Frau, zeigt heftige Macho-Manieren gegenüber seiner Affäre und verwickelt sich in Falschaussagen, während er gleichzeitig die Polizisten hinterrücks beleidigt. Hier legte Erna Fentsch bei der Figur des zweifelhaften Gigolo im Vergleich mit Otto Jirisch aus „Als gestohlen gemeldet“ noch eine Schippe drauf.

Vergleicht man ihre beiden „Tatort“-Drehbücher, so fällt auf, dass auch hier wieder überdurchschnittlich viele Frauen in wichtigen Rollen auftauchen. Diesmal referenziert sogar der Titel eine weibliche Figur – eine Randerscheinung zwar, aber dafür eine für des Rätsels Lösung ungemein wichtige. Karin Hübner, Sissy Höfferer, Ruth Drexel, Carline Seiser, Helen Vita, Katharina Seyferth, Ulli Günther und Else Quecke zeichnen sehr unterschiedliche Facetten der Weiblichkeit – von stark und beschützend über redselig und oberflächlich bis hin zu gebrochenen Charakteren. Letztere verleihen der Folge nach hinten hinaus einen wehmütigen Charakter; hier vergaloppiert sich „Das Mädchen am Klavier“ vielleicht auf den letzten Metern ein wenig, indem versucht wird, der Toten, die schließlich nur ein bedauerliches Zufallsopfer war, eine tränenreiche Backstory anzudichten.

Man ist geneigt, den Machern diesen kleinen Irrweg zu verzeihen, bietet die Folge doch vorher ein sehr schönes Bild systematischer und umfangreicher Ermittlungen in alle Richtungen. Veigl zeigt, dass er unvoreingenommen agiert, sich die Menschen anschaut und nicht „auf Knopfdruck“ Erfolge vorweisen will. Sein Vorgesetzter mahnt ihn daraufhin an, sich dem „Leistungsdruck“ zu beugen – Veigl schlägt kurzerhand mit einer Lehrstunde darüber zurück, dass die Arbeit des Kriminalisten nicht nur mit Zahlen bemessen werden kann. Wir lernen außerdem, dass Veigl privat ebenfalls einen Verlust zu beklagen hat: Sein Dackel Oswald ist aus dem Leben geschieden und weil es nie wieder so ein gutes Tier geben wird, wird Veigl sich keinen Vierbeiner mehr zulegen ...

„Das Mädchen am Klavier“ ist ein solider „Tatort“, der sich vor allem durch eine vorbildliche Krimihandlung auszeichnet. Stellenweise fällt das Tempo sehr gemächlich aus, aber das passt irgendwie zum eigenwilligen Kommissar Veigl und den gen Ende etwas düsteren Tönen. 4 von 5 Punkten für eine ernsthaftere Version von „Hurra, die Schule brennt“.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

14.04.2020 14:00
#28 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten



Tatort: Schüsse in der Schonzeit
Hauptkommissar Veigl ermittelt in München

Episode 77 der TV-Kriminalserie, BRD 1977. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Willy Purucker. Mit: Gustl Bayrhammer (Hauptkommissar Veigl), Helmut Fischer (Hauptmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider). In Gastrollen: Siegfried Rauch, Werner Asam, Martin Semmelrogge, Veronika Fitz, Hans Stadtmüller, Ingrid Capelle, Eberhard Peiker, Jörg Hube, Viola Böhmelt u.a. Erstsendung: 17. Juli 1977, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (77): Schüsse in der Schonzeit
Mit dem elterlichen Gewehr ziehen der missratene Biwi und sein Kumpel Dscho nächtens auf die Jagd. Das Wild, das sie erlegen, verkaufen sie an einen Wirt, der sich über den Frischfleischnachschub während der Schonzeit freut. Sowohl Dscho als auch Biwis Stiefvater Hannes Mader geraten allerdings unter Verdacht, darüber hinaus auch auf Menschen anzulegen, als in einem Waldstück bei Grünwald unter Reisigtarnung eine Mädchenleiche auftaucht. Es handelt sich um eine junge Anhalterin, die vor ihrem Tod von Hannes ein Stückweit im Auto mitgenommen und in eine abgelegene Jagdhütte eingeladen wurde ...


Wie auch immer es anderen „Tatort“-Anhängern gehen mag: Für mich hat Wilderei als Straftat immer etwas Altmodisches an sich, tendiert fast schon in Richtung eines Kavaliersdelikts. Helmuth Ashley, dessen einziger „Tatort“ „Schüsse aus der Schonzeit“ ist, unterstreicht diese Ansicht auch zunächst. Er stellt den Szenen, die Biwi und Dscho bei ihrer illegalen Jagd zeigen, ein urbayerisches Laientheaterstück über einen Wilddieb gegenüber. Veigl wohnt diesem in Begleitung einer Berliner Kollegin bei, die ob des starken Dialekts der Theatermimen nur die Hälfte versteht. Sie erkundigt sich allerdings verwundert, ob es in Bayern immer noch so zugehe. Und man möchte meinen, dass Willy Purucker mit seinem Drehbuch auf Herbert-Rosendorfer-Pfaden wandelt und genau das zeigen wollte: ein idyllisch-charakterkopfiges Zerrbild des Freistaats, gespickt mit Traditionen, Stereotypen und einem Hauch rebellischer Jugend.

Die Handlung braucht eine Weile, bis sie Fahrt aufnimmt, bewegt sich dann aber in angemessener Geschwindigkeit voran. Man mag bemängeln, dass alle Verdächtigen einander zumindest über drei Ecken kennen, obwohl das für die Handlung nicht nötig gewesen wäre. Das raubt der Folge einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, wobei diese ohnehin nicht so stark ausgeprägt ist wie die lokalpatriotische Überspitzung. Man sieht das auch bei Veigl und seinem Team, die diesmal einigen etwas unpassenden Humor zum Besten geben müssen. Zum Beispiel verrennt sich Veigl in einer falschen Theorie, dem Hauptverdächtigen Hannes Mader kein Wort zu glauben, behauptet aber am Ende kurzerhand, er habe ihn von Anfang an für unschuldig gehalten. Solche Momente und auch Szenen, in denen er seine Untergebenen maßregelt, machen Veigl nicht unbedingt sympathisch.

Neben einer rustikalen Zither-Begleitmusik, die noch nicht so aufdringlich ist wie spätere Frank-Duval-Kompositionen, gibt es einige schön eingefangene Szenen in der Natur und einem Landgasthof zu sehen; insgesamt hätte ich mir aber bei diesem Thema mehr Wald- und Wiesenflair gewünscht. Stattdessen spielen Teile des Films in einer Fleischerei. Hier trifft man erneut auf Werner Asam, der merkwürdigerweise in zwei direkt aufeinanderfolgenden Veigl-„Tatorten“ unterschiedliche Gast(-haupt-)rollen übernahm. Man muss allerdings zu seiner bzw. der Rettung des BR anmerken, dass er in beiden Besetzungen wie der Topf auf den Deckel passt – hier ist er zunächst ähnlich wie im Vorgänger als ungemein selbstsicherer Tunichtgut zu sehen, der seinen Stiefvater hasst und bei seiner Mutter auf Schönwetter macht. Später wird er zunehmend in die Enge getrieben, was Asam die Möglichkeit bietet, ein paar andere Facetten als in „Das Mädchen am Klavier“ zu zeigen. Unglaubwürdig ist lediglich, dass seine Figur als 20 Jahre alt beschrieben wird, obwohl er zum Drehzeitpunkt bereits 32 Lenze zählte.

Veronika Fitz und Martin Semmelrogge treten als Filmmutter bzw. -kumpel von Biwi Landthaler glaubhaft und mit Hang zur unauffälligen Dramatik in Erscheinung. Siegfried Rauch liefert sich als Schwiegervater ein paar gute Duelle mit Asam und auch Bayrhammer. Am Ende stellt sich heraus, dass mehr als der überschaubare Personenkreis der Folge gar nicht nötig ist und wahrscheinlich auch nicht gut getan hätte – ohne lose Fäden oder überflüssige Verdächtige wickelt sich der Mord, der leider ohne Rückblende auskommen muss, auf und am Ende gibt es sogar noch eine Messerspitze Action.

„Schräge Typen in einem starken Bayernkrimi“, urteilte TV Spielfilm und charakterisiert diese Lokalposse damit recht genau. Ob man sie stark oder eher durchschnittlich findet, wird davon abhängen, ob man sich von Wilddieberei noch in Schrecken versetzen lässt und inwiefern man etwas mit den beiden Darstellern Werner Asam und Martin Semmelrogge anfangen kann. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




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16.04.2020 14:00
#29 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Mit „Schüsse in der Schonzeit“ habe ich mein eigenes Veigl-TV-Aufzeichnungsarchiv ausgeschöpft. Es geht mit ein paar Fällen von den offiziellen Icestorm-Tatort-DVDs weiter. Es ist halt leider alles Flickwerk beim „Tatort“.



Tatort: Münchner Kindl
Oberinspektor Veigl ermittelt in München

Episode 14 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Michael Kehlmann. Drehbuch: Michael Kehlmann, Carl Merz. Mit: Gustl Bayrhammer (Oberinspektor Veigl), Helmut Fischer (Oberwachtmeister Lenz), Willy Harlander (Wachtmeister Brettschneider), Achim Benning (Kriminalrat Schneehans). In Gastrollen: Marianne Nentwich, Louise Martini, Walter Kohut, Walter Sedlmayr, Hans Otto Ball, Hans Reiser, Gisela Tantau, Ulrike Fitzthum u.a. Erstsendung: 9. Januar 1972, ARD. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Zitat von Tatort (14): Münchner Kindl
Über Fernsehen und Radio fordert die Kripo die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Suche nach Martha Hobiehler auf, einer 24-jährigen Frau, die aus einer psychiatrischen Klinik entflohen ist. Die Hobiehler hatte schon einmal bei einem eigenmächtigen Freigang ein Kind getötet und hat nun offenbar Ulli, die Tochter eines Fabrikanten, entführt. Mit dieser versteckt sie sich bei ihrer Bekannten Frieda und deren Zuhälter Franz, der Martha zunächst zu einem Einbruch bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber anstiftet und sie dann ins horizontale Gewerbe drängen will. Als Franz außerdem noch auf die Idee kommt, Lösegeld für das Kind zu fordern, eskaliert das Geschehen ...


Zum ersten Mal wird der Zuschauer in Gustl Bayrhammers Debüt-„Tatort“ schon ganz am Anfang überrascht: Nicht der übliche Serienvorspann läutet das Geschehen ein, sondern ein nachgestellter Nachrichtenbeitrag über Martha Hobiehler. Man findet sich damit mitten im Plot wieder – symptomatisch für diese Episode, die zu keinem Zeitpunkt lange fackelt und insgesamt auch nur 77 Minuten läuft. Eine weitere Überraschung fürs Publikum Anfang 1972 dürfte gewesen sein, dass die Episode ohne Mord auskommt. Damit wurde sie zum Vorbild für mehrere andere Veigl-Auftritte, die ebenfalls andere Verbrechen in den Fokus rückten. Hier also geht es um eine getürmte Verrückte, eine Kindesentführung, Einbruch und Prostitution – eine recht ansehnliche Mischung, die weder einer explosiven Dramatik noch amüsanter bayerisch-österreichischer Spitzen entbehrt. Michael Kehlmann fand eine gute Balance, die den Stoff einerseits davor bewahrt, zu ungemütlich zu werden, und andererseits genug Offenherzigkeit und Härte mitbringt, um Kammerspieltendenzen abzufedern.

Für eine gehässige Schärfe sorgt Walter Kohut, der in seiner Zuhälterrolle nicht idealer besetzt (und nicht stereotyper gekleidet) sein könnte. Nachdem man zunächst mit einer gewissen Entgeisterung die Odyssee der umnachteten Martha verfolgt, ist es schließlich Franz Ziehsl, der für Thrill, sexuelle Nötigung und Gewalt sorgt und damit die nötige Gefährlichkeit in die Episode bringt. Zunächst nur als „Freund“ angekündigt, entblättert er Schicht für Schicht seine Bösartigkeit: von Kuppelei über Einbruchdiebstahl bis hin zu Erpressung und eiskalten Mordgedanken. Leider verfiehl Kehlmann im gleichen Maße, in dem er Ziehsl zum Schuft stempelte, umgekehrt darauf, dem Zuschauer Mitleid mit der Kindsentführerin beibringen zu wollen. Das wirkt in Anbetracht der leidenden Eltern der entführten Ulli etwas befremdlich, auch wenn wir erfahren, dass Veigl den Vater wegen seines gut bezahlten Jobs nicht leiden kann. Marianne Nentwich stellt die Martha nicht als abgedrehte Verrückte, sondern als stille Frau voller Unlogik und Komplexe dar, die manchmal durch übereilte Schutzreaktionen ihre Gesprächspartner vor den Kopf stößt. Sie hätte es am Ende durchaus verdient gehabt, für die Entführung bestraft zu werden, weshalb es etwas unbefriedigend ist, dass der Fall nicht richtig polizeilich aufgewickelt wird.

Oberinspektor Veigl wird zwar recht umfangreich mitsamt Dackel Oswald und foppendem Umgang mit seinen Untergebenen vorgestellt, darf sich auch mehrfach in der Nervenheilanstalt umhören, trägt aber sonst kaum mit Ermittlungen zum Fortlauf der Handlung bei. Am Ende gelingt es den Polizisten nicht, auch nur irgendwem – weder Franz noch Martha – auf die Spur zu kommen, zumindest nicht on screen. Immerhin kann man sich damit beruhigen, dass es eine sinnvolle Entscheidung war, die Spielzeit lieber in einen ausführlichen Showdown mit Nentwich und Kohut, Louise Martini und Walter Sedlmayr zu investieren, anstatt Routinearbeiten der Behörden zu zeigen.

Dieser ungewöhnliche frühe „Tatort“ zeigt, dass damals noch nicht alle Spielregeln der Reihe eingehalten wurden. „Münchner Kindl“ ist in vielfacher Hinsicht ein Ausnahmefall und gleichsam durchaus ein überzeugendes Milieu- und Spannungsstück, wenn man den München-„Tatort“ nicht nur wegen Veigl und Lenz einschaltet. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



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17.04.2020 15:13
#30 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Veigl (Gustl Bayrhammer) Zitat · Antworten

Die Veigl-Tatorte wären perspektivisch auch etwas für mich, aktuell bin ich ja noch bei Trimmel. Eigentlich erstaunlich, dass man für Veigl keine Ermittler-Box herausgebracht hat. Würde sich von der Anzahl der Fälle lohnen und eine solche Edition müsste sich doch auch verkaufen. Diese "Misch-Boxen" sind für mich eher weniger interessant. Dann warte ich lieber auf (sporadische) Ausstrahlungen. Da zeigt sich allerdings auch das "Flickenteppich"-Prinzip. Trotz gefühlt 20 Tatort-Wiederholungen pro Woche scheint es nicht möglich zu sein, da wenigstens partiell Struktur reinzubringen. Chronologische Wiederholungen wie bei den Drache-Tatorten Ende 2018 gibt es selten.

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