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Dieses Thema hat 16 Antworten
und wurde 616 mal aufgerufen
 Kurzgeschichten-Wettbewerb
Seiten 1 | 2
Gubanov Offline




Beiträge: 15.777

20.03.2009 15:47
Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
Bei dem Verfassen meiner Geschichte ging es mir wie einigen anderen Autoren: Nicht die erste Idee, die ich hatte, erwies sich als die, die ich abgegeben wissen wollte. Nach zwei anderen Storyplanungen, die sich alle als zu lang und kompliziert erwiesen und eher den Stil von Agatha Christie oder Francis Durbridge aufwiesen, krempelte ich meine Planung kurz vor der Abgabefrist noch einmal komplett um und schrieb innerhalb weniger Tage das Endresultat "Der Mann, der spazieren ging". Ich möchte mich bedanken für das Lob, das diese Geschichte besonders in Bezug auf die Handlung erhalten hat. Ich weiß, dass ich nicht der Kreativste bin und dass mir das Erfinden schlüssiger und logischer Krimiplots sehr schwer fällt. Eine schöne Ausgangssituation mag leicht gefunden sein, aber an überzeugenden Enden mangelt es mir häufiger. Dass ich diese Nuss also zur Zufriedenheit der Majorität gelöst habe, freut mich ganz besonders. Ein weiterer Punkt, der mich hat zweifeln lassen, war der, dass einige Gedankensprünge in der Geschichte besonders in Verbindung mit dem benutzten Ausdruck einige oberflächlichere Leser eventuell stutzen oder hängen lassen würden. Teilweise hat sich dies in Bemerkungen über die fehlende Durchsichtigkeit der Geschichte bemerkbar gemacht.

Den größten Kritikpunkt hingegen bildete der Ausdruck. In ganz vielen Besprechungen (oder das, was da als kurze Begründung für die Punktvergabe abgegeben wurde) las ich: "Das ist zu hoch. Das macht keinen Spaß. Das ist zu schwer, zu kompliziert, zu gestochen." - Gerade in diesem Punkt bin ich jedoch von meiner Geschichte sehr überzeugt. Der Ausdruck passt vielleicht nicht immer zu Wallace, der bekanntlich ein Autor einfacher Trivialliteratur war und die Zielgruppe ansprach, die sich nicht schämte, mit billigen Kriminalheften anstatt Shakespeare und Co. in den Taschen herumzuspazieren. Ich hatte mir hingegen besonders in Bezug auf die Antiquiertheit Mr. Reeders das Ziel gesetzt, eine ihm und seiner oft zitierten geistigen Zugehörigkeit zur viktorianischen Ära entsprechende Ausdrucksweise anzuwenden.
Darüber hinaus kann ich den Kritikpunkt "zu schwer geschrieben" nur dann akzeptieren, wenn belegt wird, dass es der Handlung schadet. Dass ich aber ewig ins Pamphletieren gekommen bin, kann ich nicht sagen. Alle anderen dahingehenden Kritiken muss ich leider an den Leser zurückgeben. Wer schreibt "Das ist mir zu hoch", der gibt in meinen Augen zu, dass er nicht gewillt ist, die Kraft und Anstrengung in die Lektüre der Geschichte zu investieren, die der Autor für den Leser beabsichtigt hat. Da ich davon ausgehe, dass in diesem Forum eine gebildete Schicht bedient wird, kann vorausgesetzt werden, dass jeder meiner Sätze gut verständlich ist, wenn man sich nur die entsprechende Mühe gibt, d.h. vielleicht zwei oder drei Mal nachliest, um die tiefere Bedeutung eines jeden Satzes und vielleicht sogar eines jeden Wortes zu entdecken. Viele Anspielungen überliest man so vielleicht beim ersten Mal. Ich würde diejenigen, die den Ausdruck kritisiert haben, bitten, die Geschichte mit gutem Willen noch einmal oder noch einige Male aufmerksam zu lesen und sich dabei wirklich Mühe zu geben, jedem verschachtelten Nebensatz zu folgen, da er nicht aus bösem Willen dasteht, sondern, weil er einen unumgänglichen und unmittelbar notwendigen Zweck erfüllt.
Kritik dieser Art kam überdies hauptsächlich von denen, die ihre Bewertungen eher subjektiv ausrichteten und konnte nur selten mit objektiven Argumenten belegt werden. Ein einfaches "Ein solcher Stil gefällt mir persönlich nicht" ist in einer Bewertung eines Wettbewerbs allerdings eher unangebracht, weil unerklärbar und mit Fakten nicht unbedingt zu verteidigen. Natürlich geht es darum, welche Geschichte einem am besten gefällt, aber wenn es nur am persönlichen Geschmack liegt, dass einem der Ausdruck nicht zusagt, dann kann ich als Autor nicht darauf eingehen. Es jedem passend zu machen, geht nun einmal nicht.

Genug zur Verteidigung. Dass die Geschichte sicherlich nicht die spektakulärste war, war mir von Anfang an bewusst. War es nicht gar die einzige ohne einen Mord oder zumindest einen nicht ganz natürlichen Todesfall? Natürlich kann einfache Erpressung in einem Wettbewerb nicht gegen effektive Tötungsmethoden bestehen. Hier zolle ich meinen Respekt den Autoren, die es geschafft haben, das schlimmste aller Verbrechen künstlerisch und logisch effektiv zu gestalten - ein Schritt, den ich beim ersten Mal schlichtweg noch nicht gewagt habe. Auch habe ich versucht, jeglichen Füllstoff auszumerzen und alles so straff wie möglich zu erzählen. Dabei kam heraus, dass meine Geschichte die kürzeste war. Sicher fanden das viele zu puritanisch - ein wenig Humor oder die typisch Wallace'sche Spannungsmache hätte der Geschichte sicher gut getan und einige Erwartungen befriedigt, die "Der Mann, der spazieren ging" (übrigens ein Titel, den ich in besonderer Anlehnung an Wallace wählte) in seiner vorliegenden Form nicht erfüllen kann.

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Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

20.03.2009 16:48
#2 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
Hallo Gubanov,

ich gehöre zu denen, die auch den etwas gehobenen Sprachstil Deiner Geschichte kritisiert haben, allerdings ganz konkret in Bezug auf den Wallace´schen Schreibstil. Du mußt Dir diese Kritik schon gefallen lassen, wenn Du auf der einen Seite eine Story erfindest, die sich stark an die Reeder-Geschichten anlehnt und andererseits auch mit dem Titel explizit die EW-Nähe suchst. Und daß zum Lesen einer Kurzgeschichte auch einfach unterhaltender Lesegenuß gehört, ist zwar meine subjektive Meinung, aber sicher auch eine allgemeine Erwartungshaltung vieler Leser.
Wie man es auch betrachtet, eine Wertung wird immer subjektiv bleiben, weil ein Subjekt dies tut. Das ist auch nicht störend, denn es gibt verschiedene Geschmäcker.
Ich fände es aber besser, etwas weniger "schulmeisterlich" mit uns anderen umzuspringen ("ist dem Autor zu empfehlen...")
Ich werde mir Deine Geschichte sicher nochmal durchlesen, aber wissenschaftlich durcharbeiten sicher nicht.

Mit der Lizenz zum Verhüten



BillyBoy03

Gubanov Offline




Beiträge: 15.777

20.03.2009 17:24
#3 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
Du hast schon vollkommen recht in Bezug auf den Wallace-Stil. Hier weist ein Vergleich deutliche Unterschiede auf, die sich, wie ich zu erläutern versuchte, aus der unterschiedlichen Grundhaltung und der Ausgangssituation sowie der Zielgruppe ergeben. Eine dahingehende Kritik, die sich der Devise "Wenn schon Wallace-Bezug, dann auch bis ins letzte Detail" verordnet, ist ja auch vollkommen legitim. Deine Kritik war auch von mir mitnichten kritisiert worden - mir ging es um diejenigen Bewerter, die sich, wie mir aus kurzen (zu kurzen) und eher persönlich gelenkten Bewertungsstatements ersichtlich ist, weniger eingängig mit der Materie beschäftigt haben als vielleicht zur Würdigung eines aufwändigen Schreibstils notwendig ist. Wenn dies entgegen meiner ursprünglichen Ansicht die Mehrheit darstellt, werde ich freilich versuchen, meinen Stil dahingehend anzupassen, dass er "massenkonformer" ist, allerdings nur, wenn sich dies auch nach stichhaltiger Beschäftigung mit der Geschichte noch als wichtig für die Leser erweist. Inwiefern das mit Schulmeisterlichkeit zutun hat (die mir sicher innewohnt und die ich mit meinem Berufswunsch später auszuleben gedenke ), ist sicher Ansichtssache und auffassungsabhängig - ich finde nur, man sollte sich die Mühe einer möglichst objektiven Bewertung nicht aus Leichtsinn und Frohmut ersparen.

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DanielL Offline




Beiträge: 3.754

20.03.2009 19:57
#4 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Wortgewandte Eleganz bedeutet für mich, sie auch elegant einzusetzen!

(Muss ich jetzt 3 Euro ins Phrasenschwein werfen? )

Gruß,
Daniel

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

20.03.2009 23:00
#5 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Darüber hinaus kann ich den Kritikpunkt "zu schwer geschrieben" nur dann akzeptieren, wenn belegt wird, dass es der Handlung schadet. Dass ich aber ewig ins Pamphletieren gekommen bin, kann ich nicht sagen. Alle anderen dahingehenden Kritiken muss ich leider an den Leser zurückgeben. Wer schreibt "Das ist mir zu hoch", der gibt in meinen Augen zu, dass er nicht gewillt ist, die Kraft und Anstrengung in die Lektüre der Geschichte zu investieren, die der Autor für den Leser beabsichtigt hat. Da ich davon ausgehe, dass in diesem Forum eine gebildete Schicht bedient wird, kann vorausgesetzt werden, dass jeder meiner Sätze gut verständlich ist, wenn man sich nur die entsprechende Mühe gibt, d.h. vielleicht zwei oder drei Mal nachliest, um die tiefere Bedeutung eines jeden Satzes und vielleicht sogar eines jeden Wortes zu entdecken.

Es ging mir nicht darum, dass mir der Inhalt durch den Stil unverständlich wurde oder das ich deinen Ausführungen nicht folgen konnte - es geht mir aber im algemeinen so, dass ich das Gefühl hatte du willst allen beweisen wie toll du dich ausdrücken kannnst - es wirkt eben teilweise gewollt ....was mir ein bisschen den Spass nimmt .

Ausserdem geht es mir zumindest so, dass man eine Geschichte zwar Objektiev schwach finden müsste , sie einen aber Trotzdem bestens unterhält (z.B. Christies Vergessliche Mörderin ) - während andere an denen Technisch überhaupt nichts auszusetzen ist einen nicht zu fesseln vermögen.


Das Soll jetzt mit sicherheit kein Verriss deiner Story werden - ich halte sie für den 2.Besten Beitrag ....


Und letzten Endes kann man es nie allen recht machen


Peter

Don't think twice, it's all right ...

Bob Dylan

Barnaby Offline




Beiträge: 312

22.03.2009 01:18
#6 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Zur Aufgabe der Bewertung gab es anfangs – ich hatte vorher noch einmal im Forum gesucht – nur die Veröffentlichung von Daniel am 5. Januar, die das Ergebnis der Diskussion um den Wettbewerb im Vorfeld zusammenfasste:

„Konkret geht es darum eine Kurzgeschichte im Stil von Edgar Wallace zu erfinden und als Beitrag einzureichen.“

Damit war die einzige vorgegebene Meßlatte für die Bewertungen der „Stil Edgar Wallace’ “, egal, ob nun die Romane oder die deutschen Filme der Sechziger zu Grunde gelegt werden.

Nachdem die ersten Bewertungen gepostet waren, hatte Gubanov eine ausgekleidete Bewertungsskala entworfen, die dann für einige Bewertungen auch benutzt wurden und hilfreich war (wobei das negativ besetzte Kriterium des Füllstoffes auch missverstanden werden konnte, denn bei E.W. gibt es durchaus reichlich Füllstoff zur Ausmalung der Romane).

Beim nächsten Wettbewerb wird es an dieser Stelle sicher einfacher sein, denn eine Anleitung – für den, der sie braucht – könnte es dann gleich zur Eröffnung der Bewertungen geben.

Bei alleiniger Anwendung der Meßlatte des „Stils“ konnte ich dem „Spaziergänger“ in Sachen Wortwahl und Ausdruck keine volle Punkzahl geben, denn hier ist eine deutliche Abweichung. Dass das unter anderen Gesichtspunkten nicht negativ ist, da aus oben genannten Gründen bewusst so gewollt, ist ja eine andere Sache. Da die Geschichte sehr kurz war, war es auch kein Problem, sie in Ruhe in einigen Abschnitten zweimal oder dreimal zu lesen. Für einen längeren Unterhaltungsroman würde ich den Satzbau aber als zu schwierig empfinden.

Über die Bewertungen lässt sich schlecht diskutieren, da es eine einheitliche Richtlinie nicht gab. Ich verstehe aber Gubanovs Anliegen, dass sich jede/r Bewertende mit den Beiträgen erst eingehend auseinandersetzen sollte. Es wird jedoch nicht jede/r immer die Zeit dazu haben. Auch das muss toleriert werden.

Nebenbei:
Gibt es eigentlich Wallace-Romane ohne einen Mord? Darüber habe ich bisher gar nicht nachgedacht.

Da über den Inhalt der Geschichte bisher noch nicht gesprochen wurde, möchte ich noch einige Fragen stellen:
Mr. Reeder erzählte dem Sergeanten, dass sein „Bekannter“ Steuerbeamter wäre. Woher wusste er dies eigentlich? Dazu gibt es keinen Hinweis. Und auch Beamte fangen nicht erst um halb elf mit dem Dienst an...
Eine andere Unklarheit ist die Frage, was Mr. Anerly eigentlich mit all dem erpressten Geld gemacht hat. Es ist für die Aufklärung vielleicht nicht unbedingt nötig, wäre aber für ein bisschen Füllstoff in der Geschichte interessant. Dem Leser fehlt hier das Motiv für die Taten.
Unklar ist für mich auch, wie Mr. Anerly es schaffte, im Prozess unter einem falschen Namen verurteilt zu werden. Dies klingt eher unwahrscheinlich, da es dem Gericht hätte auffallen müssen.

Best regards,
Barnaby

Count Villain Offline




Beiträge: 4.084

22.03.2009 01:57
#7 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Zu letzterem Punkt: Ray Bennett wurde im Frosch ja auch unter dem Namen Bill Carter zum Tode verurteilt. Das muss also nicht wirklich auffallen.

der seltsame Graf Offline




Beiträge: 157

22.03.2009 13:30
#8 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
also, um mich in die Diskussion einzuklinken: ich muss sagen, gerade der Stil hat mich sehr für die Erzählung eingenommen. Mir ging es weniger darum, ist er komplex oder einfach zu lesen, handelt es sich nur um "Unterhaltung" oder "gehobene Literatur" (ich denke, diese Unterscheidung ist genauso wenig hilfreich wie "E-Musik" und "U-Musik") mir war v.a. wichtig, passt der Stil zum Inhalt der Geschichte? Schließlich sollte er ja nicht Selbstzweck sein, sondern den Inhalt möglichst klar zutage treten lassen. In diesem Fall denke ich, dass diese Verbindung auch sehr geglückt ist. Schon die Tatsache, dass es hier nicht um einen klassischen Mord geht weist ja darauf hin, dass die Geschichte abseits der ausgetretenen Pfade anzusiedeln ist. Auch dass ein Mann, der spazieren geht, der ein Flaneur, ein Dandy ist, sorgfältig, nachdenklich und anspielungsreich formuliert, scheint mir gut zu passen.
Der Mann, der jeden Tag so pünktlich das Haus zum Spaziergang verlässt, dass man die Uhr danach stellen könnte, wird in einem Stil beschrieben, der selbst an ein Uhrwerk erinnert, wo alle komplizierten Rädchen und Federn und mechanischen Teile ineinandergreifen, um aus einer banalen Harmlosigkeit eine veritable Kriminalerzählung entstehen zu lassen.
Von daher hat mir die Geschichte sehr gut gefallen, auch wenn sie sich weniger direkt an die Wallace-Geschichten oder -Filme anlehnt.
Gubanov Offline




Beiträge: 15.777

22.03.2009 14:38
#9 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
@ Barnaby: Danke für die ausführliche Einschätzung. Ich werde mich bemühen, dir die Antworten auf deine Fragen zu geben und dies möglichst mit der Geschichte selbst zu tun und nur wenig selbst hinzuzufügen.
Zitat von Barnaby
Mr. Reeder erzählte dem Sergeanten, dass sein „Bekannter“ Steuerbeamter wäre. Woher wusste er dies eigentlich? Dazu gibt es keinen Hinweis.

Mr. Reeder gibt dem Sergeanten eine ganze Reihe von Informationen über seinen "Bekannten". Diese Informationen gliedern sich in zwei Gruppen: Einerseits gibt es solche, die ausführlich und nachvollziehbar begründet werden (z.B. die Leselust durch die Abdrücke des Kneifers), andererseits solche die eigentlich völlig abstrus wirken (z.B. seine Abneigung gegen Sensationen auf Rennplätzen) und die lediglich die Funktion erfüllen, Mr. Reeder als fähig darzustellen, geniale Deduktionen anzustellen. Es geht bei diesen nicht um den genauen Weg (der nur mittels der Einleitung als langzeitliche Beobachtung grob umrissen wird), sondern um das konkrete Ziel der verblüffenden Schlussfolgerung. In welche der beiden Gruppen du die Steuerbeamter-Frage einreihst, bleibt im Endeffekt dir überlassen, denn zumindest einen Ansatz liefere ich dir: die extrem genaue Pünktlichkeit, die gemeinhin für Beamtentum spricht.
Zitat von Barnaby
Und auch Beamte fangen nicht erst um halb elf mit dem Dienst an...

1:0 für dich.
Zitat von Barnaby
Eine andere Unklarheit ist die Frage, was Mr. Anerly eigentlich mit all dem erpressten Geld gemacht hat. Es ist für die Aufklärung vielleicht nicht unbedingt nötig, wäre aber für ein bisschen Füllstoff in der Geschichte interessant.

Sicher wäre es interessant gewesen, dies zu beleuchten, wenn tatsächlich etwas mit dem Geld geschehen würde. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass ein Charakter wie Anerley es verprasst oder überhaupt ausgibt. Wie ich im Folgenden bezüglich des Motivs erläutern werde, ging es ihm ja auch nicht darum, von seiner Erpressung finanziell zu profitieren. Wahrscheinlich sparte er die Früchte seiner Abwege...
Zitat von Barnaby
Dem Leser fehlt hier das Motiv für die Taten.

Das Motiv kann man sich aus zwei kleinen Anmerkungen zusammenbasteln, die sich in der Geschichte gut getarnt verstecken (ich gebe zu, ich hätte es offensichtlicher machen sollen): Einmal heißt es: "Lew Anerley, so war es schließlich herausgekommen, hatte als Kunde zufällig ein überaus pikantes Telefongespräch mitgehört, das Morvitch mit einem Komplizen geführt und aus dem sich eine unangenehme Konsequenz ergeben hatte.", ein andermal: "Lew Anerley war ein gewöhnlicher Mann. Zu gewöhnlich, als dass nicht etwas Ungewöhnliches an ihm zu finden gewesen sein müsse.". Den Anstoß für die Erpressungen bildeten jeweils völlige Zufälle, die Mr. Anerley in die Hand spielten und ihn aus reiner Kuriosität und dem Verlangen, einmal seine ausgetrotteten Wege des Alltags zu verlassen, zum Verbrecher werden ließen. Er sah es nicht auf das erpresste Geld in erster Linie ab, sondern genoss den "Thrill", eine illegale Handlung zu begehen. Mit der Verurteilung kann daraufhin seine Läuterung einsetzen, da er sieht, dass das falsche Handeln zu zu ernsthaften Folgen führen kann.
Zitat von Barnaby
Unklar ist für mich auch, wie Mr. Anerly es schaffte, im Prozess unter einem falschen Namen verurteilt zu werden. Dies klingt eher unwahrscheinlich, da es dem Gericht hätte auffallen müssen.

Hier bedanke ich mich bei Count Villain, der schon in die Bresche gesprungen ist und ein (vielleicht ebenso unglaubwürdiges?) Vergleichsbeispiel angeführt wird. Inwiefern es ein Einzelner schaffen könnte, die Justiz bezüglich seiner Identität zu narren, habe ich persönlich noch nicht ergründet und stütze mich daher lediglich auf meine Fantasie.

Ich hoffe, ich konnte dir die Fragen ausreichend beantworten.

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Barnaby Offline




Beiträge: 312

22.03.2009 21:48
#10 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

@der seltsame Graf:

Ich finde, das ist eine schöne Würdigung des Zusammenhangs von Schreibstil und Inhalt der Story. Die Interpretation der Figur des Spaziergängers ist eine der möglichen, die Figur wird ja in der Geschichte nur in einigen wenigen Strichen skizziert. Der Begriff „Dandy“ passt allerdings so gar nicht, da damit eigentlich modisch auffällige, elegante Lebemänner gemeint sind. Das ist Mr. Anerly nun nach der kurzen Beschreibung überhaupt nicht. Einen Beamten auf dem Weg zum Dienst würde ich weniger als Flaneur interpretieren, der den Tag genießt, sondern eher als typisierten, pedantischen korrekten Bediensteten einer Behörde. Solche Typen gibt es (es sind aber nicht alle Beamten so ). Der Titel lenkt da ein bisschen ab. Interessant, was man in die knappe Geschichte alles reininterpretieren kann beim Lesen.

Regards,
Barnaby

Barnaby Offline




Beiträge: 312

22.03.2009 22:33
#11 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

@Gubanov:

Danke für die prompten Erläuterungen. Die Sache mit dem konkreten Erraten des Berufs durch Mr. Reeder könnte man sich durch eine zufällige Beobachtung erklären. Deine Geschichte lässt Raum und fordert auch einige Phantasie des Lesers!

Was das nicht erkennbare Motiv für das Geld angeht, lasse ich mal meine Phantasie spielen:
Wie wäre es mit einer unehelichen Tochter, die an ihrem 18. Geburtstag eine gewisse Summe Geld erhalten soll, damit sie künftig in besseren Verhältnissen leben kann? Hier hätte man dann einen ganzen Strauß an Möglichkeiten, zu anderen Stories überzuleiten.

Das mit der Verurteilung unter falschem Namen beim „Frosch“ hat mich dort auch etwas irritiert. Es ist für mich einer der Schwachpunkte dieses Romans/Films, ebenso wie die – dann verhinderte – schnelle Ausführung des Todesurteils. Aber E.W. hat sich für seine Bücher meist nicht genug Zeit gelassen und sie auch nicht mehr überarbeitet, wie man in der Biographie lesen kann.

Mmmh, ich werde mir morgen früh in der S-Bahn die Pendler im Abteil auch mal genauer ansehen, deren Gesichter ich jeden Tag sehe. Wer weiß, was da für Abgründe lauern...

Best regards,
Barnaby

Count Villain Offline




Beiträge: 4.084

23.03.2009 00:08
#12 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Also ich fand das nicht irritierend. Zu Wallace' Zeiten waren halt die Möglichkeiten die Identität zweifelsfrei festzustellen begrenzt.

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 424

23.03.2009 09:56
#13 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Also, ich bekenne mich dazu, zu den Lesern zu gehören, die in der Tat mehrere Sätze in dieser Geschichte mehrfach gelesen haben, zum einen, um ihren vollen Sinn zu begreifen und zum anderen, um die teilweise brilliante und sehr gewählte Wortwahl zu bewundern. Es finden sich zahlreiche Sätze in der Geschichte, die wirklich außergewöhnlich formuliert sind. Doch so sehr, wie ich eine solche Ausdrucksweise bewundere, muss ich hier gestehen, dass mich persönlich das mehrmalige Nachlesen (denn immerhin möchte man als aufmerksamer Leser kein wichtiges Detail verpassen) schon ein wenig gestört hat, weil es aus meiner Sicht den Lesefluss stört. Und für mich persönlich steht, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, die eigentliche Geschichte stets im Vordergrund. Vielleicht, aber auch das ist subjektiv, wäre hier etwas weniger zugleich mehr gewesen. Denn an der Story an sich gibt es nichts auszusetzen. Es wird eine sehr schöne Ausgangssituation erzählt, aus der sich eine schlüssige Story entwickelt. Ein weiteres goroßes Plus ist für mich, dass sich in der Geschichte tatsächlich kein unnützer Füllstoff befindet. Der Autor beschränkt sich auf das, was wichtig ist und was zu erzählen ist. Dies betrachten viele als den Schlüssel zu einer wirklich guten Geschichte. Und dass es hier nicht um Mord geht, sondern "lediglich" um Erpressung, stört mich dabei herzlich wenig, denn auch hier ist die Story gefragt, die meines Erachtens bei anderen Delikten als Mord genauso spannend sein kann und in diesem Fall auch ist.

Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

23.03.2009 19:19
#14 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten

Hallo Gubanov,

ich habe mir Deine Geschichte nochmals durchgelesen. Und ich muß sagen: sie gefällt mir beim nochmaligen Lesen besser als zuvor. Vielleicht auch, weil einige kompliziertere Sätze jetzt nicht mehr so störend wirkten

Aber ich habe trotzdem einen Punkt, der mir nicht ganz logisch vorkommt:

"Lew Anerley, so war es schließlich herausgekommen,
hatte als Kunde zufällig
ein überaus pikantes Telefongespräch mitgehört,
das Morvitch mit einem Komplizen
geführt und aus dem sich eine unangenehme
Konsequenz ergeben hatte."

Aus der Beschreibung der Persönlichkeit des Anerley geht doch hervor, daß dieser ein verstaubter Finanzbeamter war, der offensichtlich auch keine Damenbekanntschaften hatte. Was tut ein solcher Mensch zufällig in einem der teuersten Juwelierläden der Stadt?

Ansonsten war diese die stringenteste Story des Wettbewerbs, und mehr Fragen haben ich zumindest jetzt nicht (Du hast ja bereits einige Fragen beantwortet...

Mit der Lizenz zum Verhüten

BillyBoy03

Gubanov Offline




Beiträge: 15.777

23.03.2009 22:47
#15 RE: Der Mann, der spazieren ging Zitat · antworten
Zitat von Billyboy03
Aus der Beschreibung der Persönlichkeit des Anerley geht doch hervor, daß dieser ein verstaubter Finanzbeamter war, der offensichtlich auch keine Damenbekanntschaften hatte. Was tut ein solcher Mensch zufällig in einem der teuersten Juwelierläden der Stadt?

Verstaubte Finanzbeamte haben oft einen besonderen Hang zu ihren Müttern...

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