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Dieses Thema hat 20 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Jim Ellis Offline



Beiträge: 33

23.11.2006 16:33
Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

An alle Krimi-Freunde!

Letzte Woche lief "Polizeiruf 110: Der Fall Lisa Murnau", Ich hatte den Film bereits auf der Festplatte, habe ihn dann aber versehentlich gelöscht. Jetzt suche ich überall einen Krimi-Fan, der diesen Film hat und mir eine Kopie zukommen lassen kann. Ich würde mich sehr über eine positive Antwort freuen!

Viele Grüße
Jim Ellis

inspectorhiggins Offline



Beiträge: 188

22.02.2007 19:27
#2 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Den Film habe ich vorliegen - neben diversen anderen "Polizeiruf 110"-Folgen. Mein Ziel ist es, die Serie so vollständig wie nur irgend möglich auf DVD zu bekommen.

Billyboy03 Offline




Beiträge: 695

26.06.2011 00:47
#3 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Am Donnerstag, den 23.6., lief im MDR eine ganz besondere Erstausstrahlung aus der Reihe Polizeiruf 110. Die Folge "Im Alter von ..." stammt aus dem Jahr 1974 und wurde kurz vor Fertigstellung von den DDR-Oberen verboten. Der Film, der eigentlich vernichtet werden sollte, ist 2009 gefunden worden. Da es keine Tonspur gab, hat man den Film anhand des Drehbuches neu vertont. Sprecher waren Schauspieler, die im Laufe vieler Jahre oder Jahrzehnte tragende Rollen in der Serie spielten. Dies war teils gewöhnungsbedürftig, im Großen und Ganzen ist dieses Experiment aber geglückt.

Zitat von MDR
Darsteller und Synchronstimmen:
  • Peter Borgelt - Oberleutnant Peter Fuchs - Oliver Stritzel
  • Jürgen Frohriep - Oberleutnant Jürgen Hübner - Andreas Schmidt-Schaller
  • Sigrid Reusse (Göhler) - Leutnant Vera Arndt - Anneke Kim Sarnau
  • Stanislaw Zaczyk - Major Wegner - Jaecki Schwarz
  • Wieslawa Niemyska - Jenny Gerlach - Isabell Gerschke
  • Walter Lendrich - Karl Fischer - Wolfgang Winkler
  • Teresa Lipowska - Ehefrau Fischer - Marie Gruber
  • Heinz Behrens - Horst Reisenweber - Jürgen Zartmann
  • Werner Kamenik - Herr Zander - Horst Krause


Der Film behandelt den Tod des zehnjährigen Benny. Der Junge wird das Opfer eines homosexuellen Pädophilen, ein in den 70er Jahren in der DDR kaum glaublicher Vorgang. Als sich nach aufwendiger Ermittlungsarbeit die Aufmerksamkeit der Polizei auf den Täter konzentriert, begeht dieser Selbstmord. Ungewöhnlich für den "Polizeiruf" ist auch die Tatsache, dass Oberleutnant Fuchs hier persönlich involviert ist, weil er den Jungen, das Kind einer Jugendliebe, kannte. Dies führt auch zu seiner Suspendierung von diesem Fall.

Als Kriminalfilm wirkt der Film aus heutiger Sicht bieder. Auch ist der wahre Täter rasch auszumachen. Die Thematik aber wird sensibel und ohne Effekthascherei umgesetzt und so stellt der Film ein nicht unwichtiges Stück Zeitgeschichte dar. Immerhin geht die Idee zurück auf den Fall des mehrfachen Kindsmörders Werner Hagedorn, der um 1969/70 seine Taten beging und später zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde.

Der Regisseuer des Films soll nach diesem Dreh keinen Film mehr bei DDR-TV gedreht haben (eine Art Berufsverbot).

Der Film stellt in meinen Augen eine Bereicherung für die Serie dar, weil er neue, teils ungeöhnliche Aspekte in die Serie einbringt, die man so auch später (zu DDR-Zeiten!) nie gesehen hat.

BillyBoy03

Georg Offline




Beiträge: 2.784

26.06.2011 11:52
#4 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Ich fand vor allem gut, wie toll der Film restauriert war. Inhaltlich eine schöne Polizeiruf-Folge, aber auch nichts Besonders.

Zitat von Billyboy03 im Beitrag #3
Der Film behandelt den Tod des zehnjährigen Benny. Der Junge wird das Opfer eines homosexuellen Pädophilen, ein in den 70er Jahren in der DDR kaum glaublicher Vorgang.

Dabei gab es zwei weitere Folgen, die dieses Thema (meiner Meinung nach besser) behandelten:
  1. Minuten zu spät (AT: Ein kleiner weißer Sarg), eine äußerst spannende und gelungene s/w-Episode von Manfred Mosblech sowie
  2. Der Kreuzworträtselfall, für viele - und auch für mich - sicherlich der beste DDR-"Polizeiruf", atemberaubend und spannend bis zur letzten Sekunde.
Im Ranking bleibt "Im Alter von ..." also für mich hinter dem "Kreuzworträtselfall" und "Minuten zu spät".

Das Theater, weshalb der Film nicht gezeigt werden und vernichtet werden sollte, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen, der fertige Film hatte doch außer dem Thema "Kindermord" überhaupt nichts mehr mit dem Fall Hagedorn zu tun. Interessant fand ich übrigens auch die nach Mitternacht gezeigte Doku über den Fall Hagedorn.

StefanK Offline



Beiträge: 897

26.06.2011 12:25
#5 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Direkt nach der Folge wurde auch eine Doku über "Polizeiruf 110" ausgestrahlt. Dort hieß es, dass ein Journalist aus "dem Westen" mitbekommen hätte, dass Hagedorn zum Tode verurteilt wurde. Die entsprechenden DDR-Entscheidungsträger befürchteten wohl, dass die Folge dem Todesurteil noch mehr Aufmerksamkeit geben würde und zogen sie kurzerhand aus dem Verkehr. Aus meiner Sicht eine etwas merkwürdige Denkweise ...

Billyboy03 Offline




Beiträge: 695

19.07.2011 09:07
#6 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Zitat von Georg im Beitrag #4
Minuten zu spät (AT: Ein kleiner weißer Sarg), eine äußerst spannende und gelungene s/w-Episode von Manfred Mosblech

Das ist wohl war. Spoiler folgen: Dieser Film ist vermutlich der erste DDR-TV-Film, der gleich mit mehreren Tabus bricht: Der Täter ist ein Pädophiler und es scheint (!) sich um einen Behinderten zu handeln. 1976 hat der Drehbuchautor Horst Bastian den Stoff erneut aufgegriffen und in der bewährten DIE-Reihe unter dem Titel "Die Brut der schönen Seele" als Kriminalroman veröffentlicht. Allerdings hat er den weichgespülten TV-Stoff (das kleine Mädchen überlebt knapp) gegen das härtere Szenario ausgetauscht: Anja Berger wird vom Täter ermordet.
Zitat von Georg im Beitrag #4
Der Kreuzworträtselfall, für viele - und auch für mich - sicherlich der beste DDR-"Polizeiruf", atemberaubend und spannend bis zur letzten Sekunde.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

BillyBoy03

Mark Paxton Offline




Beiträge: 341

02.10.2012 21:10
#7 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Gibt es hier im Forum eigentlich auch Fans dieser Serie? Ich habe da immer wieder mal zugeguckt, vor allem die Filme aus den 1970er-Jahren ähneln doch häufig dem "Kommissar" mit Rückblende und so (vor allem die ersten). Die Dritten wiederholen das ja leider nicht chronologisch rauf und runter, aber ab und zu bleibt mal man hängen, so wie ich letzte Woche bei "Der Mann", einem sehr guten Whodunit-Krimi rund um einen Mörder, der seine Haft abgesessen hat und natürlich wieder in einen Mordfall tappt. Zahlreiche Verdächtige und viele gute Schauspieler.

Die Einsatzgruppe Fuchs war ja auch sehr sympathisch. Wenn mögt ihr denn da am liebsten? Ich bin natürlich ein Fan der hübschen Sigrid Göhler, mag aber Frohriep und Borgelt genauso. Alfred Rücker war mir immer etwas zu aalglatt.

Havi17 Offline




Beiträge: 2.959

03.10.2012 00:16
#8 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Ich bin ein großer Fan der "Polizeiruf 110"-Folgen des WDR aus Volpe. Regie: Ulrich Stark ("Soko 5113"). Diese sind einfach nur klasse!

Gruß
Havi17

Billyboy03 Offline




Beiträge: 695

04.10.2012 22:39
#9 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

@Mark Paxton: Ich habe mich ja schon durch meine Äußerungen zum "Polizeiruf" als Fan geoutet. Aus ästhetischen Gründen gefallen mir auch die frühen Filme sehr gut, die s/w-Bilder und die Erzählweise ähneln den vergleichbaren, auch teils beschaulichen Filmen aus dem Westen. Eine Zeit lang kam dann viel gutes Mittelmaß und seit deren Start schwärme ich nun für die Rostocker um Charlie Hübner und Anneke Kim Sernau. Das sind moderne Krimidramen, wie ich sie mag.

Im historischen "Polizeiruf" ist es nicht so leicht für mich: Hauptmann Fuchs (früher Oberleutnant) ist ja der korrekte Ermittler, fast ein Mann ohne Eigenschaften. Sigrid Göhler war für viele Frauen ein Vorbild: Das ging soweit, dass sie später aus der Serie herausgeschrieben wurde, weil es zu viele weibliche Bewerberinnen zur Kriminalpolizei gegeben haben soll. Sie war, glaube ich, die erste weibliche Polizeiermittlerin im (gesamt-)deutschen Serien-TV und ein wenig auch das Vorbild für Kommissarin Wiegand (Karin Anselm) vom "Tatort" bzw. Kommissarin Buchmüller (Nicole Heesters).

BillyBoy03

Georg Offline




Beiträge: 2.784

06.10.2012 11:53
#10 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

Ich mag die alten Polizeiruf 110-Folgen eigentlich auch sehr gerne. Vieles war zwar auch langatmig, ja langweilig, aber es gibt schon starke Stunden des DDR-Krimis, die einen immer wieder erfreuen. Ich denke an Gesichter im Zwielicht, Minuten zu spät, Der Mann, Fall ohne Zeugen, Schuldig, Vergeltung?, Der Kreuzworträtselfall, Ein Schritt zu weit, Der Mann im Baum, Mit dem Anruf kommt der Tod oder Parkplatz der Liebe.

Mein Lieblingsermittler war eigentlich Jürgen Frohriep als Oberleutnant Hübner, wenngleich ich natürlich auch Peter Borgelt als Hauptmann Fuchs und Sigrid Göhler als Vera Arndt mochte. Auch Andreas Schmidt-Schaller als Thomas Grawe war eine interessante Ermittlungsfigur und auch Beck hat mir ganz gut gefallen.

Von den neuen Folgen (nach 1993) habe ich nur mehr wenige verfolgt, die jenigen, die @Havi17 erwähnt, sah ich damals bei der Erstausstrahlung und fand sie recht gelungen, auch wegen Inge Meysel.

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

27.07.2013 16:16
#11 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten

“Der Fall Lisa Murnau”

Erstsendung: 27.06.1971

Regie: Helmut Krätzig
Drehbuch: Hans-Jürgen Faschina, Helmut Krätzig

Darsteller: Peter Borgelt (Oberleutnant Peter Fuchs), Sigrid Göhler (Leutnant Vera Arndt), Klaus-Jürgen Steinmann (Leutnant Rüdiger), Petra Hinze (Lisa Murnau), Heinz Dieter Knaup (Rudolf Murnau), Ingolf Gorges (Harry Wolter), Hans Lucke (Postamtmann Albrecht), Hans Peter Reinecke (Paul Retzlaff), Klaus Manchen (Klaus Jürgen Proll)


“Wir gehen schon voll in die Version ...”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“Also, so einen Zeugen hatte ich noch nie. Auf dem Präsentierteller und Informationen gleich Null.”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“Jede Einzelheit ist hier wichtig!”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“Ich bin ein dramatisches Talent!”
(Leutnant Vera Arndt)

“Ich habe unter Einsatz weiblicher Mittel einem verdrießlichen Unbekannten das halbe Leben entlockt.”
(Leutnant Vera Arndt)
“Na hoffentlich das authentische!”
(Oberleutnant Peter Fuchs)
“Hoffentlich! Und ich fürchte, einige falsche Hoffnungen erweckt zu haben.”
(Leutnant Vera Arndt)

“Kein sehr erfreulicher Zeitgenosse. Sein Arbeitsbuch muß aussehen wie ein mittleres Branchenverzeichnis.”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“So, das Geld hätten wir. Sogar vollzählig. Nun fehlt uns nur noch der Täter.”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“Hoffentlich tut uns der Täter den Gefallen und nimmt unsere Tiefbauaktivität zur Kenntnis.”
(Oberleutnant Peter Fuchs)

“Kann ich Sie betören, versöhnen oder irgendwie rumkriegen, dass wir für heute Schluß machen?”
(Leutnant Vera Arndt)
“Ehe ich lauter Kuchen essen muß ...”
(Oberleutnant Peter Fuchs)


Als der Amtmann Albrecht das von ihm geleitete Postamt in der Herderstraße zu Dienstbeginn betritt, findet er die Schalterbeamtin Lisa Murnau bewußtlos vor. Sie wurde während ihres Nachtdienstes niedergeschlagen und schwebt in Lebensgefahr. Aus dem Tresor wurden 70 000 Mark geraubt. Außerdem wird in den Diensträumen der stark alkoholisierte junge Arbeiter Harry Wolter aufgefunden, der ebenfalls niedergeschlagen wurde.

Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt nehmen die Ermittlungen auf. Es steht fest, dass sich niemand gewaltsam Zugang zum Postamt verschafft hat. Lisa Murnau muß den Täter also gekannt haben und ihn selbst eingelassen haben.

Lisa Murnau war als attraktive junge Frau das Ziel mehrerer diverser Avancen. Neben Harry Wolter zählt der verheiratete Bäcker Paul Retzlaff ebenso zu Lisas Verehrern wie der Schausteller Klaus Jürgen Proll, der dubiose Geschäfte mit seinem Oldtimer macht. Überdies scheint auch Lisas Vorgesetzter Albrecht ein gewisses Interesse an ihr zu haben und das geraubte Geld hätte er zur Finanzierung seines Wagens sehr gut gebrauchen können. Auch Lisas geschiedener Mann Rudi, ein notorischer Arbeitsbummelant, erscheint verdächtig.

In einem Waldstück entdecken spielende Kinder in einem Abwasserrohr das entwendete Geld. Die Kriminalisten beschließen, dem Täter eine Falle zu stellen ...

“Der Fall Lisa Murnau” ist die erste Episode der traditionsreichen Reihe “Polizeiruf 110". Entworfen als Gegenstück zum westdeutschen “Tatort” erlangte der “Polizeiruf” rasch eine enorme Popularität, was einerseits an den glänzenden Darstellern lag (es wirkten durchweg die prominentesten Schauspieler des Landes mit) sowie an den spannend erzählten Geschichten, die immer auch die typischen Befindlichkeiten der DDR-Bürger und die Schattenseiten des "real existierenden Sozialismus" schilderten.

Peter Borgelt erwies sich besetzungstechnisch als ein absoluter Glücksgriff. Der gebürtige Rostocker (1927 - 1994), der bereits zuvor sehr überzeugend Kriminalisten in dem Fernsehmehrteiler “Geheimcode B/13" (1967) sowie in den Spielfilmen “12 Uhr mittags kommt der Boß” (1969) und “Nebelnacht” (1969) verkörpert hatte, avancierte mit seiner Rolle als Oberleutnant Fuchs (erst 1978 wurde er zum Hauptmann befördert) zu einem der populärsten Schauspieler der DDR. Um das Ausmaß seiner Beliebtheit deutlich zu machen, ist nach dem Mauerfall immer wieder vom “ostdeutschen Maigret” geschrieben worden und Peter Borgelt wurde des öfteren mit Jean Gabin verglichen. Gewisse physische Ähnlichkeiten sind durchaus vorhanden: die kräftige Statur, die in sich selbst ruhende, Gelassenheit gepaart mit natürlicher Autorität und väterlicher Güte sowie das breite, offene, sofort Vertrauen erweckende Gesicht. Dazu kommen sein hintergründiger, trockener Humor und das liebenswürdige, häufig verschmitzte Lächeln. Peter Fuchs bearbeitet seine Fälle in erster Linie durch intensives Nachdenken. Der Mann macht seinem sprechenden Familiennamen, der Cleverness assoziiert, alle Ehre. Es sicher kein Zufall, dass man dem von Peter Borgelt verkörperten Charakter seinen eigenen Vornamen gab. Er hat gewiss viel von sich selbst in diese Rolle einfließen lassen.

Peter Fuchs als Ruhepol und Felsen in der Brandung findet in der attraktiven Leutnant Vera Arndt sein ideales Pendant. Sigrid Göhler schuf mit ihrer Figur einen ähnlich populären Charakter wenn auch auf völlig andere Art. Weiblicher Charme und Einfühlungsvermögen zeichnen die junge Frau aus, die man dem erfahrenen Mann als zwar weisungsgebundene, aber dennoch gleichberechtigte Kollegin zur Seite gestellt hat. Auch ihr hat man mit Vera (russisch für Glaube) einen sehr sprechenden Namen gegeben. Wenn Peter Fuchs meist den ermittelten Fakten vertraut, verläßt sich Vera Arndt mitunter auch auf ihre Intuition und auf ihr Gefühl. Im gemeinsamen Abwägen ihrer beiden Ansichten gelangen sie zum Ziel.

“Der Fall Lisa Murnau” schildert in atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern realistische Ermittlungstätigkeit mit wenig, aber dafür wohldosierter und genau abgewogener Action.

Helmut Krätzig, der zu einem der profiliertesten Regisseure der Reihe avancieren sollte, inszeniert geradlinig und spannend.

Ein überaus gelungener Einstand für den "Polizeiruf 110".

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

14.11.2017 21:15
#12 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten



Polizeiruf 110: Der Fall Lisa Murnau

Episode 1 der TV-Kriminalserie, DDR 1971. Regie: Helmut Krätzig. Szenarium: Hans Jürgen Faschina, Helmut Krätzig. In den Hauptrollen: Peter Borgelt (Oberleutnant Peter Fuchs), Sigrid Göhler (Leutnant Vera Arndt). Mit: Klaus-Jürgen Steinmann (Leutnant Rüdiger), Petra Hinze (Lisa Murnau), Hans Lucke (Postamtmann Albrecht), Heinz-Dieter Knaup (Rudolf Murnau), Ingolf Gorges (Harry Wolter), Brigitte Lindenberg (Frau Wolter), Hans-Peter Reinecke (Paul Retzlaff), Klaus Manchen (Klaus-Jürgen Proll) u.a. Erstsendung: 27. Juni 1971. Eine Produktion des Deutschen Fernsehfunks.

Zitat von Polizeiruf 110 (1): Der Fall Lisa Murnau
Bei einem Überfall auf eine Postfiliale werden die Nachtdienst habende Angestellte Lisa Murnau niedergeschlagen und 70’000 Mark aus dem Tresor geraubt. Befragungen der Volkspolizei ergeben, dass Lisa Murnau während der Nächte auf dem Amt oft wechselnden Herrenbesuch empfing. Ist einer ihrer Verehrer der Täter? Ein Schüler, der ihr schöne Augen machte, wird ebenfalls verletzt im Tresorraum gefunden und avanciert zunächst zum Hauptverdächtigen, bevor sich diverse andere Spuren auftun: Auch der Bäcker Retzlaff, der Postamtmann Albrecht und Rudolf Murnau, von dem sich Lisa vor einigen Jahren getrennt hat, haben Gelegenheit und Motiv ...


„Polizeiruf 110“ ist nach dem „Tatort“ die am längsten währende deutsche Krimiserie und mithin eines der wenigen bis heute weitergeführten Unterhaltungsprogramme des DDR-Fernsehens. Das ist umso kurioser, als Krimis im Arbeiter- und Bauernstaat immer auch eine politische Dimension hatten – gerade vor dem Hintergrund, dass Verbrechen im real existierenden Sozialismus gern „unter der Decke“ gehalten und solche im Ausland mit Genuss als Fehlleitungen kapitalistischer Systeme dargestellt wurden. So beschäftigte sich die erste DDR-Krimiserie „Blaulicht“ mit „Agenten, Schieber[n] und Schmuggler[n], passend in die Zeit des Kalten Krieges“. Und auch wenn ihr Nachfolger „Polizeiruf 110“ seine staatskundliche Seite besser zu verbergen verstand und sogar mit ungewohnter Offenheit Missetaten thematisierte, so ist ein zeit- und gesellschaftstypischer Einschlag, der sich z.B. in den andauernden Anreden mit Rängen und Titeln bemerkbar macht, dennoch unzweifelhaft vorhanden:

Zitat von Polizeiruf 110, Booklet zur DVD-Veröffentlichung, S. 6f
Es wurden Delikte aufgegriffen, die so gut wie nie im DDR-Fernsehen zur Sprache kamen und im Allgemeinen tabuisiert waren. Themen wie Diebstahl, Versicherungsschwindel, Raub und Totschlag, manchmal auch Mord, Alkoholismus, Sexualverbrechen, Kindesmissbrauch und Jugendkriminalität wurden plötzlich als Probleme dargestellt, die es eigentlich in der angeblich konfliktlosen Gesellschaft der DDR nicht gab. Allerdings fiel auf, dass Arbeiter und Bauern nicht zu denen gehörten, die raubten, vergewaltigten oder sich sogar an Menschenleben vergriffen. Diese Delikte wurden auf dem Bildschirm des DDR-Fernsehens hauptsächlich der kleinbürgerlichen Schicht zugeordnet.




So ist es auch in der Auftaktfolge, die die beiden Ermittler Oberleutnant Fuchs und Leutnant Arndt einführt. Peter Borgelt verleiht dem Haupt-Schnüffler eine unaufgeregte Bodenständigkeit, während seine Kollegin Sigrid Göhler – ein personifiziertes Zeichen sozialistischer Fortschrittlichkeit gegenüber der ersten „Tatort“-Ermittlerin ab 1978 (!) – der VoPo ein sympathisches weibliches Gesicht verleiht. Hervorzuheben ist dabei das gleichwertige Auftreten beider Polizisten, das eher an partnerschaftliche Zusammenarbeit als an eine so oft gesehene Schlaukopf-plus-Assistent-Konstellation erinnert. Das Charisma von Borgelt und Göhler ist bemerkenswert, denn obwohl sie schon durch ihre schiere Dauerpräsenz während der 72-minütigen Falls zwangsläufig im Mittelpunkt stehen, legt die Folge ganz offensichtlich ihren Fokus ähnlich alter „Stahlnetz“-Darstellungen auf die Kleinschrittigkeit und teilweise Vergeblichkeit polizeilicher Routine-Methoden. Die VoPo wird hier also keineswegs als heldenhafte, abenteuerliche Institution gezeigt; vielmehr haftet diesem ersten „110“-Fall – auch in dieser Beziehung bietet sich der Vergleich zur westdeutschen Roland-Serie an – eine seriöse Angst vor dem allzu Spektakulären an.

Gerade in Anbetracht der Betonung der unvoreingenommenen, lückenlosen Zeugen- und Verdächtigenbefragungen ist es eine unvorhergesehene Entscheidung der Serienväter Krätzig und Faschina, die Auflösung zum „Fall Lisa Murnau“ in Form einer Falle zu gestalten, in die der unbekannte Täter ahnungslos tappt. Inhaltlich etwas unbefriedigend (weil man sich des Gefühls nicht erwähren kann, dass das Recht hier einen bloßen Zufallssieg erringt), sorgt dieser Kniff doch für einen optisch äußerst ansprechenden Ringschluss. Begann die Folge mit sehr atmosphärischen Aufnahmen vor und auf dem nächtlichen Postamt in der Nähe eines Rummelplatzes, so begeht sie ihren Höhepunkt mit einer ebenfalls ansprechend ausgeleuchteten Observation und Verfolgungsjagd im Dunkeln. Eine versöhnliche Coda scheucht daraufhin die letzten Wolken beiseite, sodass Zuschauer der ersten Folge mit einem veritablen Gefühl gesteigerter Sicherheit in den Abend entlassen werden, zumal das gestohlene Geld wieder auftaucht und das Überfallopfer an seiner Misere aufgrund des lockeren Umgangs mit Dienstvorschriften ohnehin selbst Schuld trug.

Die Entscheidung, die medialen Augen vor Verbrechen innerhalb der DDR nicht länger zu verschließen, dürfte der Deutsche Fernsehfunk trotz einiger kleinerer „Polizeiruf“-Skandälchen in den Jahren bis zur Wende nicht bereut haben. Schon in der Pilotfolge kündigt sich an, dass die von Borgelt und Göhler verkörperte Verlässlichkeit die durch die gezeigten Taten induzierte Unsicherheit leicht ausbügelt und der VoPo menschliche Identifikationsfiguren beschert. Der Auftaktfall zeigt solides Polizeihandwerk und überzeugt durch eine große Verdächtigenschar sowie gelungene Spannungsmomente. 4 von 5 Punkten.

PS: Die Folgen 2 und 3 – „Die Schrottwaage“ und „Die Maske“ – gelten als verschollen und sind in der DVD-Auswertung nicht enthalten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

18.11.2017 21:30
#13 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten



Polizeiruf 110: Verbrannte Spur

Episode 4 der TV-Kriminalserie, DDR 1972. Regie: Heinz Seibert. Szenarium: Hans Lucke. Dramaturgie: Hans Jürgen Faschina, Mira Lüders. In den Hauptrollen: Peter Borgelt (Oberleutnant Peter Fuchs), Sigrid Göhler (Leutnant Vera Arndt). Mit: Uta Schorn (Ulrike Loewen), Eckhard Becker (Hanno Hecht), Klaus Gehrke (Achim Raschke), Kurt Jung-Alsen (Medizinalrat Dr. Loewen), Maria Rouvel (Beate Loewen), Freimut Götsch (Unterleutnant), Hans Lucke (Portier Kleinweg), Werner Senftleben (Nachbar Exner) u.a. Erstsendung: 27. Februar 1972. Eine Produktion des Fernsehens der DDR.

Zitat von Polizeiruf 110 (4): Verbrannte Spur
Das Haus der Medizinalratsfamilie Loewen brennt lichterloh. Nachbarn entdecken das Feuer, denn die Loewens sind nicht zu Hause. Beim Versuch, zu löschen, kommt dem Nachbarn Exner durch die gläserne Terrassentür aus dem in Flammen stehenden Wohnzimmer ein Mann in Motorradkombination entgegengesprungen und stößt ihn zur Seite. Hat dieser Vermummte das Feuer gelegt? Es stellt sich heraus, dass es sich beim Mann in der Kluft um Hanno Hecht, den Liebhaber der Loewen-Tochter Ulrike, handelt. Die hat sich von dem Halbstarken mittlerweile ab- und auf Wunsch der Eltern einem soliden Antiquitätenhändler zugewandt. Ein Grund für Hecht, Rache zu üben?


Vom kriminalistischen Standpunkt betrachtet, bietet „Verbrannte Spur“ vielleicht nicht die überzeugendste Geschichte. Nach dem Feuer, dessen Dramatik leider durch das überbordend alberne Spiel von Carola Braunbock („Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“) in der Rolle der leutseligen Nachbarsgattin weitgehend im Sande verläuft, spannt sich ein nicht uninteressantes, aber vergleichsweise offensichtliches Familiendrama auf. Die amouröse Rebellion der Ulrike Loewen übernimmt rasch das Hauptaugenmerk. Die Rolle der jungen Frau im Drama geht dabei über die ihrer Altersgenossinnen im bundesdeutschen Krimi weit hinaus – schon in den ersten Folgen präsentiert sich die DDR in „Polizeiruf 110“ stolz als einen Ort der Emanzipation. Uta Schorn verkörpert die mit allen Wassern gewaschene Arzttochter, die sich gegen die Borniertheit ihrer Eltern auflehnt, sehr glaubwürdig und avanciert zum sehenswertesten Gastauftritt der Folge. Sie jongliert ihre zwei ungleichen Freunde – den gutmütigen, aber ungeschliffenen Kumpeltyp Hanno und den lackierten Wahlschwiegersohn Achim – mit Wankelmut und Durchtriebenheit. Am Ende wird keine der beiden Beziehungen von Erfolg gekrönt sein.

Das Drehbuch verfasste der Schauspieler Hans Lucke. Er setzte dabei ein wenig zu sehr auf offensichtliche Untertöne. Das betrifft sowohl den Humor, der sich auch später noch einmal bei seinem eigenen Auftritt als versnobter Portier unangenehm bemerkbar macht, als auch die staatsbürgerkundlich erwünschte Stichelei gegen das gehobene Bürgertum, das ausschließlich schlechte Eigenschaften aufgebrummt bekommt: In jenen Kreisen, die sich für etwas Besseres halten, agiert man steif (Mutter Loewen), weltfremd (Vater), verschlagen (Achim Raschke) oder vertrottelt (Kleinweg). Dadurch verliert auch der anfängliche Hausbrand schnell an Tragik, weil die Geschädigten so gut wie keine Anzeichen des Entsetzens oder überhaupt einer erkennbaren Auseinandersetzung mit der Tat zeigen. Im direkten Vergleich gewinnen in „Verbrannte Spur“ vor allem die ruhigen Momente an Wirkkraft. Sie werden in bester Krimitradition gern in wehmütigen Rückblenden – vor allem in Bezug auf die verhinderte Romanze von Ulrike und Hanno – inszeniert.

Ein Charakteristikum von „Polizeiruf 110“ ist seine im Gegensatz zum „Tatort“-Pendant auffällige Nicht-Verortung. Sowohl „Der Fall Lisa Murnau“ als auch „Verbrannte Spur“ spielen in nicht näher definierten Kleinstadt-Milieus, die sich überall in der Republik befunden haben könnten. Ortsnamen werden vermieden; im Pilotfall war nur vage von einer Herderstraße und einer Schleuse die Rede, ohne diese genauer zu verorten (Drehort war die Schleuse Wernsdorf bei Königs Wusterhausen). In „Verbrannte Spur“ fährt Nachbar Exner mit einem NE-Kennzeichen vor, was die Geschichte im Bezirk Gera verorten würde. Andererseits ist von einem weit entfernten Thüringer Hotel die Rede, für das Außenaufnahmen in Potsdam entstanden – ein geschicktes Verwirrspiel!

Der durchs dunkle Wohnzimmer schleichende Täter, der Benzin ausgießt und es anzündet, bildet einen griffigen Einstieg in einen Krimi, der anschließend einen Teil seines Reizes einbüßt. Auch als Familiendrama erweist sich „Verbrannte Spur“ als eher durchschnittlich, wenngleich die Folge mit einer schönen Rolle für Uta Schorn aufwartet. 3 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

21.11.2017 20:00
#14 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten



Polizeiruf 110: Das Haus an der Bahn

Episode 5 der TV-Kriminalserie, DDR 1972. Regie: Gerhard Respondek. Szenarium: Fred Unger. Drehbuch: Gerhard Respondek. Dramaturgie: Hans Jürgen Faschina, Eberhard Görner. In den Hauptrollen: Peter Borgelt (Oberleutnant Peter Fuchs), Sigrid Göhler (Leutnant Vera Arndt). Mit: Eberhard Mellies (Bernhard Schramm), Bruno Carstens (Bahnhofsvorsteher Steger), Heidrun Polack (Marie-Luise Steger), Klaus Nietz (Rolf „Rolle“ Lüder), Walter Lendrich (Paul Umbreit), Madeleine Lierck (Doris Kalikuleit), Siegfried Seibt (Rudi Sasse), Harry Pietzsch (Leutnant Lorenz) u.a. Erstsendung: 26. März 1972. Eine Produktion des Fernsehens der DDR.

Zitat von Polizeiruf 110 (5): Das Haus an der Bahn
Am feucht-fröhlichen Abend im Klubhaus hat sich „Rolle“ Lüder eine gehörige Portion Mut angetrunken. Er beschließt, die von allen Männern begehrte „Lu“ Steger auf seinem Moped nach Hause zu fahren, biegt aber im Wald zu einem stillgelegten Bahnstellwerk ab. Dort bedrängt er Lu, die am nächsten Morgen tot aufgefunden wird – von einem Zug angefahren. Ihr Tod erschüttert vor allem zwei Männer – ihren Vater, den strengen Bahnhofsvorsteher, und dessen verhassten Kollegen Schramm, der Lu sehr nahe stand. Wer hat die junge Frau, die entweder blindlings über die Gleise flüchtete oder vor den Zug gestoßen wurde, auf dem Gewissen?


Der Einstieg in die Folge „Das Haus an der Bahn“ erinnert stilistisch stark an die ZDF-Serie „Der Kommissar“: Sowohl die durch die lockere Feierstimmung bedingte Unvorsicht des Mädchens als auch die Zwangslage, in die sie sich dadurch bringt, könnten glatt aus der Feder Herbert Reineckers stammen. Im Gegensatz zu den typischen Schmetterlingen des Dauerschreibers entkommt Marie-Luise der gefährlichen Situation mit einem blauen Auge, überlebt die Nacht aber dennoch nicht. Eine stilvolle Standbild-Collage, die bemüht ist, unter keinen Umständen zu viel über den Tathergang zu verraten, setzt einen tragischen Schlussstrich unter die Nacht, die Gerhard Respondek und Kameramann Otto Hanisch in herrlich düstere Regenbilder kleiden. Auch später in der Folge kommt das unwirtliche, teils verschneite Wetter entlang der Bahntrasse immer wieder zur Geltung und sorgt für heimelige Seheindrücke, wenn dieser „Polizeiruf“ zu winterlicher Jahreszeit über den Bildschirm im gut geheizten Wohnzimmer flimmert.

Leider verrennt sich der Fall schnell in langwierige Befragungen und lapidare Gespräche der Bahner und Dorfbewohner, die, obwohl sie mit Lokalkolorit von der Bahnstrecke, dem verfallenen Stellwerksgebäude und einer Modellbahnplatte aufgelockert werden, doch recht langwierig wirken. Dem Hauptverdächtigen leiht Eberhard Mellies ein kerniges und doch Mitleid erregendes Gesicht: Bernhard Schramm wurde wegen Verdachts auf Nachlässigkeit und Hang zur Flasche vom Fahrdienstleiter zum Schrankenwärter zurückgestuft, wobei auch seine angedeutete Beziehung zum Mordopfer eine gewisse Rolle gespielt haben mag. Allerdings wirkt Mellies‘ Auftritt eine Spur zu zurückhaltend, sodass nicht jedes seiner Gefühle den Zuschauer unmittelbar erreicht. Im Gegenzug (man möge mir das Wortspiel nachsehen) wirft Bruno Carstens als Vater der Toten kraftvolle altpreußische Beamtenstrenge in die Waagschale. Er ist zu aufrichtig betroffen, um zum Kreis der Verdächtigen gezählt werden zu können, ergänzt das weitere Ensemble um Klaus Nietz und Walter Lendrich aber sehr stimmig.

Den Höhepunkt der Folge bildet eine spannungsgeladene Szene am Bahnübergang, als eine Schranke blockiert und sich gleichzeitig ein Güterzug und das Auto von Fuchs und Arndt der Gleiskreuzung nähern. Anschließend wird eine überzeugende mehrbödige Auflösung präsentiert, die darüber hinwegblicken lässt, dass die Folge zwischenzeitlich an Reiz eingebüßt hatte und man mit Straffungen hätte gegensteuern können. – Was die Frage nach dem Handlungsort angeht, so werden diesmal Hinweisschilder zu einer Siedlung Dietsdorf eingeblendet, die in Realität nicht existiert. Stattdessen brachte man ein Panoptikum der DDR-Topografie zusammen: Kennzeichen verweisen wieder auf Gera, die Bahner telefonieren nach Dresden und gedreht wurde angeblich in der Berliner Wuhlheide.

Das Schienenmilieu kommt dank exzellenter Außenaufnahmen gut zur Geltung; erneut ist es der etwas dröge Fall, der hinter den Erwartungen zurückbleibt. Nicht jeder aus der Riege der Gastdarsteller kann sich gebührend profilieren; es langt daher für solide 3 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.920

23.11.2017 15:30
#15 RE: Polizeiruf 110 (1971-..., TV) Zitat · antworten



Polizeiruf 110: Der Tote im Fließ

Episode 6 der TV-Kriminalserie, DDR 1972. Regie: Helmut Krätzig. Szenarium: Fred Unger. Dramaturgie: Eberhard Görner. In den Hauptrollen: Peter Borgelt (Oberleutnant Peter Fuchs), Sigrid Göhler (Leutnant Vera Arndt). Mit: Gerd Ehlers (Bruno Krüger), Klaus Manchen (Gerhard Kowalski), Norbert Christian (Otto Bigalke), Ursula Braun (Lisa Krüger), Ursula Staack (Agnes „Biggi“ Bigalke), Angelika Waller (Sandra Krüger), Harald Warmbrunn (Abschnittsbevollmächtigter Runge), Helmut Straßburger (Herr Polze) u.a. Erstsendung: 15. Mai 1972. Eine Produktion des Fernsehens der DDR.

Zitat von Polizeiruf 110 (6): Der Tote im Fließ
Bei Erweiterungsarbeiten für einen Braunkohletagebau finden Arbeiter ein menschliches Skelett in der Nähe des Abrissdorfs Zernsdorf. Der Tote kann als Gastwirt Bruno Krüger identifiziert werden. Als dessen Schwiegersohn und gleichzeitig größter Feind stellt sich ausgerechnet der Bauleiter Kowalski heraus. Kowalski, seine Sekretärin, die einst für Krüger arbeitete, Wächter Bigalke sowie Frau und Tochter Krüger erinnern sich bei den VoPo-Befragungen an den Verstorbenen, der angeblich in den Westen geflohen war. Es entsteht das Porträt eines herrschsüchtigen, wilden Mannes, für dessen Ermordung jeder einen Grund gehabt hätte ...


Mord als Ende eines Lebens wird hier geschickt mit dem Ende eines Dorfes gespiegelt, das bereits von seinen Anwohnern verlassen wurde und in wenigen Tagen dem Abrissbagger weichen wird, um einer Tagebauerweiterung Platz zu machen. Die trostlose Stimmung, die das todgeweihte Örtchen im Lausitzer Braunkohlerevier ausstrahlt, überträgt sich sofort auf die gesamte Folge, welche in Rückblenden von einem unausstehlichen Mordopfer erzählt. Immer wieder schildern ehemalige Dorfbewohner, die nun teilweise selbst für die Vernichtung ihrer alten Heimat im Namen des Kohleabbaus verantwortlich sind, Schauergeschichten aus dem Leben von Bruno Krüger, sodass vor den Augen des Publikums eine von Gerd Ehlers mustergültig verkörperte Tyrannenfigur wiederaufersteht. Man spürt deutlich, dass die Beteiligten noch immer tief von den damaligen Ereignissen geprägt sind und nicht nur körperliche, sondern auch seelische Narben zurückbehalten haben. Krüger ist fast ausschließlich hinter dem Tresen seiner alten Kneipe „Kalter Krug“ zu sehen, einer windigen Kaschemme, die ihren Erfolg nur dem nahen Tagebau und ganz sicher nicht der Gastfreundlichkeit seines Betreibers verdankt.

Nicht nur die immer neuen Enthüllungen, auch der perfekt austarierte Whodunit und die schauspielerischen Leistungen der Verdächtigen halten den Zuschauer bei der Stange. Als besonders beeindruckend bleibt die Leistung der zum Krüppel geschundenen Frau Krüger in Erinnerung, die zwar offensichtlich mit der Wahrheit hinterm Berg hält, aber zugleich wie eine verletzliche und gebrechliche Greisin wirkt, obwohl Darstellerin Ursula Braun zum Drehzeitpunkt erst 51 Jahre alt war. Auch Klaus Manchen, der bereits in der Pilotfolge in einer höchst verdächtigen Rolle mitwirkte, überzeugt hier als zweiter Dreh- und Angelpunkt zwischen allen Beteiligten neben dem Ermordeten.

Ein bisschen mutiger als in den recht weichgespülten Vorgängerepisoden geht es in „Der Tote im Fließ“ ebenfalls zu: Die Handlung ist zum ersten Mal zumindest einigermaßen offensichtlich in einer spezifischen Region verortet (auch wenn es im Braunkohlerevier keinen Ort namens „Zernsdorf“ gibt und dieses vielmehr dem Kreis Königs Wusterhausen im Bezirk Potsdam und nicht, wie auf einem Ortsschild zu lesen, dem Kreis Senftenberg im Bezirk Cottbus zugehörig war). Sie verbirgt zudem nicht, dass ihre Ursprünge in der Zeit vor dem Mauerbau liegen, dass der unausstehliche Wirt Krüger damals ergaunertes Geld in Westwährung umtauschte und seine Republikflucht plante, die dann auch gegenüber den offiziellen Stellen als Grund für sein Verschwinden angegeben wurde. Sie macht damit implizit ein längerfristiges Versagen der zuständigen DDR-Behörden deutlich, auch wenn Fuchs und Arndt (die sich mittlerweile duzen und schon gern ‘mal zusammen einen Cognac an der Hotelbar schlürfen) nun derlei Patzereien natürlich umgehend auszubügeln verstehen.

Spannende Reise in zwei Vergangenheiten, die mit einer interessanten Milieuzeichnung sowie einem überzeugenden Mordfall aufwartet und bei der Ermittlungs- und Tathergangsebene durch eine Rückblendenstruktur miteinander verbunden werden. Der Zuschauer lernt Opfer und Täter genau kennen, wobei angedeutet wird, dass die Rollenverteilung nicht ganz so klar ist, wie es das inkriminierende Skelett zunächst vermuten lässt. 4,5 von 5 Punkten.

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