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Dieses Thema hat 23 Antworten
und wurde 1.939 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Fräulein Janine Offline




Beiträge: 124

28.10.2016 22:03
#16 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Ich habe mir "Babeck" letzte Woche mit großem Vergnügen angesehen. Charles Regniers elegante Boshaftigkeit war wunderbar anzusehen. Mir gefiel Helmut Lohner gut in der Rolle; allein es war schwer zu glauben, dass der feingliedrige Lohner des Scherenschleifers Sohn sein soll. Aber da dieser auch für mehrere Monate im Jahr unterwegs ist ...

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

12.10.2018 22:00
#17 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten



Babeck (Teil 1: Ein Sarg aus Genua)

Teil 1 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1968. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Helmuth Lohner (Manfred Krupka), Cordula Trantow (Marianne Hohmann), Helmut Käutner (Dr. Brenner), Siegfried Lowitz (Weingarten), Charles Regnier (Kaminsky), Senta Berger (Susanne Stefan), Walter Richter (Scherenschleifer Krupka), Helma Seitz (Agathe), Paul Albert Krumm (Hiebler), Rudolf Schündler (Kriminalkommissar) u.a. Erstsendung: 27. Dezember 1968. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion für das Zweite Deutsche Fernsehen und den Österreichischen Rundfunk.

Zitat von Babeck (Teil 1: Ein Sarg aus Genua)
Im Auftrag einer undurchschaubaren Organisation, an deren Spitze ein gewisser Herr Babeck steht, ermordet der Arzt Dr. Brenner einen ihm völlig unbekannten Scherenschleifer. Wichtig ist für Brenner nur, dass er – im Tausch gegen ihn belastende Papiere – den Leichnam eines Ertrunkenen „abliefern“ kann, der dann in einen aus Genua überführten Sarg gelegt wird. Darin soll angeblich der Reporter Hohmann zu Grabe getragen werden. Dessen Tochter Marianne und der Sohn des Scherenschleifers, Manfred Krupka, tun sich zusammen und ermitteln auf private Initiative, denn die Polizei will selbst dann nichts unternehmen, als auch Dr. Brenner tot aufgefunden wird. Die erste Spur führt zu Herrn Weingarten, Mariannes Onkel, der ebenfalls von Babeck und dessen Handlanger Kaminsky erpresst wird. In seiner Zwangslage sieht Weingarten keinen anderen Ausweg, als den jungen Krupka zu erschießen ...


Mit der sehr detailliert geschilderten Sequenz zwischen Dr. Brenner und dem Scherenschleifer beginnt „Babeck“ auf ungewöhnliche Weise. Der naive Arbeiter wird von den Versprechungen des Arztes angezogen wie die Motte vom Licht und wandert damit ebenso unvermeidlich in sein Verderben. Der Zuschauer ahnt schnell, worauf Brenners Ansinnen hinausläuft, hat aber Schwierigkeiten, sich das Gesehene zu erklären. Für den Mord gibt es keinerlei nachvollziehbare Gründe und tatsächlich erfährt man später, dass Brenner lediglich eine willkürlich ausgewählte Leiche benötigt, um die Leute, die ihn erpressen, zufriedenzustellen. Damit ist das Interesse am großen Hintermann und seinem noch reichlich diffusen Masterplan mehr als hinlänglich geweckt – diesmal hört dieser schon nicht mehr auf ein durbridge-typisches Pseudonym wie Gilbert, sondern auf den sehr reineckeresk klingenden Namen Babeck; ebenso wie die Handlung von England und Frankreich nach Deutschland (und später Italien) verlegt wurde. Während die Reinecker-Trilogie mit derlei Rahmenbedingungen recht flexibel umgeht, folgt sie inhaltlich einem roten Faden, um nicht zu sagen: gewissen Gesetzmäßigkeiten und Wiederholungen, was die Münchner Abendzeitung veranlasste, abfällig anzumerken:

Zitat von Münchner Abendzeitung, zitiert nach „Die Krimihomepage“: „Babeck“, Quelle
Babeck könnte genauso Der Tod läuft hinterher heißen, so sehr ähnelt die Handlung dem Dreiteiler des letzten Jahres.


In Bezug auf die Ausgangssituation steckt darin durchaus ein Körnchen Wahrheit: Ebenso wie in „Der Tod läuft hinterher“ ruft hier das mit Mord erklärte Verschwinden eines nahen Angehörigen einen Privatermittler sowie ein damit verbundenes zweites Verbrechen dessen weibliche Begleitung auf den Plan – Joachim Fuchsbergers Rolle wird hier von Helmuth Lohner übernommen, während als „Ersatz“ für Marianne Koch Cordula Trantow zu sehen ist. Im Gegensatz zu Fuchsberger wirkt Lohners Auftreten leider einigermaßen irritierend. Man missgönnt ihm die Fortschritte seiner Ermittlungen – nicht einmal aufgrund seiner bohrenden, im Vergleich zu Blacky ungleich uncharmanteren Aufdringlichkeit, sondern weil die Indizienkette, die ihn auf die Spur von Brenner und Hohmann führt, vollkommen herbeikonstruiert erscheint und Kommissar Zufall der unerfahrenen Spürnase mehrfach zu Hilfe eilt. Als ähnlich unglaubwürdig muss die Besetzung leider auch in der Hinsicht bezeichnet werden, dass der schmale österreichische Schauspieler in Anzugzwirn und Cabriolet der Sohn des armen, proletenhaften Scherenschleifers sein soll. Wenn man diese Pillen jedoch schluckt und sich mehr auf das Gespinst der Gauner konzentriert, lässt sich „Babeck“ dennoch als unterhaltsame Mörderjagd an. Lohner und Trantow arbeiten sich vor allem an Helmut Käutner (Dr. Brenner) und Siegfried Lowitz (Weingarten) ab, während ihnen dahintergeschaltete Verbrecherfiguren wie die von Charles Regnier (Kaminsky) oder Senta Berger (Susanne Stefan) im ersten Teil noch verborgen bleiben. Vor allem Käutner und Regnier liefern hervorragende Leistungen, wobei Käutner – so sinister er noch sein Mordopfer umzirzte – nach der Tat vor allem durch seine fahrige, unter dringendem Zugzwang stehende Art auffällt. Andeutungen, dass es sich bei seiner Rolle um einen wie auch immer gearteten Nazi-Verbrecher handelt, verleihen der Darstellung des schauspielernden Regisseurs eine zusätzliche Tiefe, die er auch deshalb sehr überzeugend meistert, weil Babecks Organisation sich ebenfalls geradezu faschistischer Gleichschaltungsmethoden bedient. Diese greifen auch bei Herrn Weingarten, den peinigende Skrupel plagen, der aber dennoch dank der harten Hand und des „guten Zuredens“ von Kaminsky unweigerlich weiter in die Sache verwickelt wird. Regnier versprüht hier einen diabolischen Charme, während Lowitz die zunehmende Überforderung eines Normalbürgers mit der Last eines Verbrechens glaubhaft zum Ausdruck bringt.

Es spricht für die hohen Standards der Sendereihe, dass „Babeck“ es sich erlauben kann, sich zweier so charismatischer Darsteller und Rollenanlagen wie jenen von Käutner und Lowitz bereits im ersten Teil zu entledigen. Das Geheimnis darum, warum Hohmanns Leiche nicht im überführten Sarg liegt, wird bislang hingegen kaum angetippt und verspricht interessante Rätselspannung in den kommenden Episoden. Der Cliffhanger am Ende des ersten Teils ist Reinecker ebenfalls hervorragend gelungen und weckt den dringenden Wunsch, möglichst zeitnah weiterzusehen. Das ZDF spannte seine Zuschauer zur Premiere diesbezüglich nicht gar so lang auf die Folter wie die durbridge-erprobte ARD und sendete die drei „Babeck“-Teile an drei aufeinanderfolgenden Abenden zwischen Weihnachten und Silvester 1968. Atmosphärisch spielt „Babeck“ mit seinen Aufnahmen in München und Umland vielleicht nicht ganz in der gleichen Liga wie der sehr aufwendige „Der Tod läuft hinterher“, zumal auch die Szenenbilder in diesem Mehrteiler sowie die Bildgestaltung von Rolf Kästel etwas banaler erscheinen als die von Ernst Wilhelm Kalinke. Dennoch fängt Kästel einige interessante Aufnahmen ein, vor allem im Brenner’schen Bootshaus sowie in Weingartens Tiefgarage.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

13.10.2018 20:50
#18 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten



Babeck (Teil 2: Das Geheimnis der Calasetta)

Teil 2 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1968. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Helmuth Lohner (Manfred Krupka), Cordula Trantow (Marianne Hohmann), Senta Berger (Susanne Stefan), Curd Jürgens (Mann im Rollstuhl), Friedrich Joloff (Mazzini), Wolfgang Völz (Fasold), Paul Albert Krumm (Hiebler), Kai Fischer (Caroline), Charles Regnier (Kaminsky), Paul Verhoeven (Körner) u.a. Erstsendung: 28. Dezember 1968. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion für das Zweite Deutsche Fernsehen und den Österreichischen Rundfunk.

Zitat von Babeck (Teil 2: Das Geheimnis der Calasetta)
Weingarten kann seinen Plan, Krupka zu töten, nicht umsetzen und wird im Gegenzug von Babecks Handlangern ermordet. Krupka hat mittlerweile herausgefunden, dass der Reporter Hohmann vermutlich noch lebt. Seine Spur führt in die Chérie-Bar, wo Krupka dem Barmann Fotos aus Genua zum Kauf anbietet. Dieser ist sehr interessiert und will sie mit Profit an Babeck weiterveräußern. Durch diesen Trick kommt der Ermittler mit den Hintermännern des Clans in Kontakt, doch ausgerechnet der zentrale Babeck erweist sich als ausgesprochen schlüpfrige Gestalt. Können Krupka und Marianne Hohmann seiner habhaft werden, wenn sie der Barbesitzerin Susanne Stefan persönlich nach Genua folgen? Nur um Haaresbreite entgehen sie dem nächsten Attentat im Schnellzug ...


Was das Malibu für „Der Tod läuft hinterher“ war, ist die Chérie-Bar für „Babeck“. Statt Pinkas Braun, Gisela Uhlen, Josef Meinrad und Jan Hendriks treiben sich diesmal Senta Berger, Paul Albert Krumm, Kai Fischer und Wolfgang Völz auf und hinter der Bühne herum und bringen Krupka in die eine oder andere gefährliche Situation. Im Nachtclub spielt Wolfgang Becker erneut seine inszenatorische Stärke aus und lässt das Etablissement zu einem gefährlichen Sündenbabel mit magnetischer Faszination werden. Fischer tanzt mit gleich zwei Schlangen, Krumm verstellt Lohner den Ausweg und der Name Babeck wird verheißungsvoll durch die Kulissen geflüstert. Der absolute Hauptgewinn dieser Szenen sowie der gesamten Mehrteiler-Besetzung ist allerdings Senta Berger, deren kühle Eleganz so beherrscht und wohldosiert wirkt, dass sie ganz offensichtlich in eine ganz andere Liga gehört als die offensichtlichen Klein- und Großschurken der Reinecker’schen Krimiwelt. Sie für einen Krimimehrteiler zu gewinnen, war ein einmaliger Clou, zu dem man Ringelmann nur gratulieren kann. Musikpapst Peter Thomas und Spezialist Wolfgang Becker widmen ihr mit „Vergiss mich, wenn du kannst“ einen spektakulären Gesangsauftritt, dessen groovige Melodie auch in allen anderen Szenenuntermalungen wieder auftaucht. Thomas, der sich um 1968 herum auf dem Höhepunkt seines Schaffens befand, schuf damit in meinen Augen (oder vielmehr: Ohren) den besten Krimi-Song der Sechzigerjahre, den man sich immer und immer wieder anhören muss.

Während man sich an Helmuth Lohners Art mittlerweile gewöhnt hat (er schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes vor allem in der groß aufgezogenen Jagd- und Kampfszene auf der Baustelle recht ordentlich), vermisst man bei Cordula Trantow noch immer eine nennenswerte Eigeninitiative. Freilich ist fraglich, inwiefern das der Schauspielerin angelastet werden kann oder nicht vielmehr Autor Herbert Reinecker dafür verantwortlich gemacht werden muss, der Marianne Hohmann fast ausschließlich hinter Manfred Krupka herlaufen oder Hilfsdienste für ihn verrichten lässt. Marianne Koch hatte ein Jahr zuvor – sicher auch aufgrund ihres Prominenzbonus – die im Vergleich attraktivere Rolle erhalten. Als sehenswerter Umbruch in der Mitte des Mehrteilers gestaltet sich die Zugfahrt der beiden Ermittler nach Genua, wo sie über Susanne Stefan näher an Babeck und an den vermissten Hohmann-senior heranzukommen gedenken. Das geplante Attentat im Eisenbahntunnel von Brixen verfehlt seine spannungssteigernde Wirkung nicht, wenngleich man sich für den Pistolenschützen in spe eine beeindruckendere Besetzung als ausgerechnet den schwerfälligen Biedermann Paul Verhoeven hätte vorstellen können. Auch der Schauplatzwechsel nach Italien tut dem Krimi gut, lässt er doch erkennen, dass es abermals um einen internationalen Schwindel geht, der hier von Babecks Gehilfen mit allen Mitteln gedeckt werden soll. Genua strahlt förmlich gegenüber den etwas tristen München-Aufnahmen, doch sollte man sich von der einladenden Fassade nicht blenden lassen ...

Die Idee, den einzelnen Episoden des Mehrteilers individuelle Titel zu geben, ist ein weiterer Pluspunkt von „Babeck“, denn sie machen zusätzlich gespannt auf den kommenden Handlungsabschnitt und brechen die abstrakte Natur der relativ aussageschwachen Haupttitel effektiv auf (schließlich geben weder „Der Tod läuft hinterher“ noch „Babeck“ oder „11 Uhr 20“ viel über die jeweiligen Produktionen preis). Gerade die Untertitel „Ein Sarg aus Genua“ und „Das Geheimnis der Calasetta“ erhöhen die Neugierde des Zuschauers, zumal Manfred und Marianne eine Menge geschickter Kombinationen anstellen müssen, bevor sie kurz vor Ende des zweiten Teils überhaupt auf den Namen des Schiffs Calasetta stoßen. Der insgesamt höhere Anteil detektivischer Arbeit in Teil 2 unterscheidet „Babeck“ von „Der Tod läuft hinterher“, welcher sich mit voranschreitender Laufzeit zunehmend intuitiver gestaltete, während „Babeck“ nach einem in dieser Hinsicht schwächeren Auftakt nun wirklich sehr solide Krimikost bietet. Man kann sich freilich nur zu gut denken, worin das Geheimnis der Calasetta besteht, doch die verbleibenden ungeklärten Fragen um Hohmann sowie um Babeck und sein „Unternehmen“ reichen mehr als aus, um dem letzten Teil gespannt entgegenzublicken.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

14.10.2018 14:30
#19 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten



Babeck (Teil 3: Tödliche Geschäfte)

Teil 3 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1968. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Helmuth Lohner (Manfred Krupka), Cordula Trantow (Marianne Hohmann), Curd Jürgens (Mann im Rollstuhl), Senta Berger (Susanne Stefan), Karl John (Hohmann), Charles Regnier (Kaminsky), Katrin Schaake (Marita Jung), Walter Morath (Mendozza), Friedrich Joloff (Mazzini), Jan Hendriks (Bleriot) u.a. Erstsendung: 29. Dezember 1968. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion für das Zweite Deutsche Fernsehen und den Österreichischen Rundfunk.

Zitat von Babeck (Teil 3: Tödliche Geschäfte)
An Bord der Calasetta begegnen Manfred Krupka und Marianne Hohmann zum zweiten Mal dem undurchsichtigen Geschäftsmann Mazzini, der gegen Babeck arbeitet, aber über alle Hintergründe bestens informiert ist. Obwohl Mazzini ihnen das Leben rettet, gehen Manfred und Marianne nicht auf sein krummes Angebot ein. Sie versuchen weiterhin, der Wahrheit auf aufrichtige Weise näherzukommen. Marianne lässt sich nicht einmal von ihrem Vorhaben abhalten, als ihr Vater sie plötzlich kontaktiert und eindringlich bittet, nach München zurückzukehren und die Sache zu vergessen. Zu pikant sind die Ermittlungen mittlerweile geworden: Die Calasetta wird zur Verschiffung illegaler Waren genutzt – doch welche sind das? Auf einem von Babeck gegebenen Ball bietet Manfred Krupka noch einmal alles auf, um die tödlichen Geschäfte zu durchkreuzen ...


Obwohl Herbert Reinecker immer wieder illustre Mordmotive erfand, steht hinter seinen Bildschirmmorden doch meist nur eine von wenigen übergeordneten Einflussgrößen – in diesem Fall ist es die bloße Geldgier, die Männer zu skrupellosen Geschäftemachern mit dem Tod werden lässt. Vom plumpen Mord am Scherenschleifer in der verschlafenen Siedlung am Starnberger See bis hin zum mondänen genuesischen Palais mit seinen Verbindungen zu illegalen Handelspartnern aus aller Welt ist es ein gewaltiger Gedankensprung – doch die geschickt angedrehte Eskalationsschraube lässt das immer größere Anwachsen der kriminellen Energie plausibel und folgerichtig erscheinen. Zumindest bis hin zu einem Knackpunkt kurz vor Ende des Falles, als die Irrungen um die sicher geglaubte Identität von Babeck mit einem letzten Twist eine geradezu mystische Qualität erhalten. Diese Überraschung hätte Reinecker durchaus einsparen können – ohne sie hätte man den Fall sauberer aufwickeln und leichter verstehen können. Immerhin blendet die atemberaubende Inszenierung der letzten Filmminuten die logischen Bedenken bis auf ein Minimum aus; welcher der vorbelasteten Herren nun der „richtige“ Babeck ist, ist letztlich einigermaßen unwichtig. An die Stelle eines Whodunit treten moralschwangere Entscheidungen, mit Gangstern zu kooperieren oder sie auffliegen zu lassen, selbst in angebotene Geschäfte einzusteigen oder sie als asozial abzulehnen. In der Beantwortung dieser Fragen zeigt Reinecker vor allem den Kontrast zwischen alter und junger Generation auf:

Zitat von Tom Zwaenepoel. Dem guten Wahrheitsfinder auf der Spur. Würzborg: Königshausen & Neumann, 2004. S. 160
Im Dreiteiler Babeck (1968) gibt es einige formale Merkmale populären Erzählens, wie etwa ein optisch interessantes Setting (Oberschicht, Unterwelt) und moralische Zuordnungen bei den Figuren; Tod sühnt geschehenes Unrecht. Gegen Ende der Babeck-Handlung spitzt sich der moralische Konflikt zum Generationenkonflikt zu, der im Jahr der Studentenbewegung (1968) ein beliebtes Thema in den Medien und in der Bestseller-Literatur ist.


Manfred und Marianne sind als junge Protagonisten die einzigen aufrichtigen Figuren, die mehrfach angebotenes Geld ausschlagen, um ohne Vorbehalte weiter ermitteln zu können. Gerade zwischen Marianne und ihrem Vater sowie zwischen den Figuren von Senta Berger und Curd Jürgens, die sich als miteinander verwandt entpuppen, entbrennen Vater-Tochter-Konflikte, die alters- und sozialisationsbedingte Unterschiede in der Gewichtung von Recht und Unrecht erkennbar werden lassen. Vor allem Curd Jürgens trumpft als scheinbarer Strippenzieher mit gebieterisch distinguierter Aura stark auf („Hier gelten die Maßstäbe, die ich setze. Das ist der höchste Luxus.“), um sich schlussendlich als jammernder Verlierer eines unerwarteten Kräftemessens auf nicht weniger eindrucksvolle Weise zu verabschieden. Dass er eigentlich eine andere Rolle hätte spielen sollen und man den Mann im Rollstuhl seiner kurzfristigen Verletzung wegen erst im letzten Moment ins Drehbuch hineinschrieb, mag der Grund für das etwas verunglückte Ende sein, macht sich sonst aber wenig bemerkbar. Karl John legt seine geheimnisumwitterte Rolle dagegen pragmatischer und mit weniger Pathos an; man hätte sich von ihm einen Hauch jener Abseitigkeit gewünscht, die er noch in Peter Lorres „Der Verlorene“ an den Tag legte.

Für Manfred und Marianne endet das Abenteuer „Babeck“ noch unrunder als für den Zuschauer; warum beide nach der Erschießung des falschen Babeck plötzlich davon absehen sollten, die gesammelten Informationen der Presse zukommen zu lassen, um zumindest den Rest der „sauberen“ Geschäftsleute einer Strafe zuzuführen, wird nicht klargemacht. Vielleicht hätte Reinecker einige dehnende Szenen vor dem Finale fortlassen und die gewonnene Zeit stattdessen in ein erläuternderes Wrap-up am Ende investieren sollen.

„Babeck“ beginnt biederer als „Der Tod läuft hinterher“ und endet zum Ausgleich mit einem deutlichen Mehr an Grandezza und politischer Schwere. Diese baumelt am Ende leider etwas unzufriedenstellend in der Luft, was selbst durch die exzellenten Schurkendarsteller nicht verhindert werden kann. „Babeck“ ist dennoch ein starker, nervenzehrender Krimi auf hohem Niveau, allerdings mit einigen Schwächen im Vergleich zum Vorgänger und mir daher nur mehr gute 4 von 5 Punkten wert.

Georg Offline




Beiträge: 2.969

14.10.2018 21:18
#20 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Interessant im Falle von Babeck wäre ja zu wissen, ob das schwache Ende dem Umschreiben des Drehbuchs geschuldet ist. Curd Jürgens saß ja nicht von Haus aus im Rollstuhl, sondern hätte die Hauptrolle spielen sollen. Nach einem Unfall war er aber an den Rollstuhl gefesselt und das Drehbuch wurde umgeschrieben. Was da genau "verschlimmbessert" wurde, weiß ich leider nicht. Auch nicht, welche Rolle er spielen hätte sollen? Die von Charles Regnier? Die von Lohner kann es ja nicht gewesen sein, dafür war er zu alt.
Außerdem wäre ja auch Martin Held für die Rolle von Siegfried Lowitz vorgesehen gewesen. Aber Held spielte nicht - vielleicht war sie ihm doch zu klein?
Ein Fehler der sehr guten Regie ist außerdem, dass man durch die Handlung nicht erfährt, welche Belastungsunterlagen der von Käutner gespielte Arzt zurück erhält. Das wird NUR in der Zusammenfassung von Teil 1 (die ja auf der DVD fehlt!!!!) erwähnt: hier wird gesagt, es sei belastendes Material aus dem Weltkrieg.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.538

14.10.2018 21:35
#21 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Es ist ja zwingend nötig, dass die nachträglich eingefügte Rollstuhl-Rolle die Auflösung maßgeblich verändert hat. Vermutlich nicht unbedingt zum Besseren. Interessant wäre, zu erfahren, wie sie ursprünglich ausgesehen hätte. Wäre der letztliche Hauptschurke einfach direkt als Babeck entlarvt worden oder hätte es einen anderen "Schmierenkomödianten" gegeben, der als Sündenbock für Manfred und Marianne herhalten muss?

Dass Martin Held das Angebot nicht annahm, finde ich sehr schade. Ich kann ihn mir sehr gut in der Rolle vorstellen. Vielleicht war er verhindert? Seine sonst sehr arbeitsame Filmografie weist 1968 ein gähnendes Loch auf - evtl. ein größeres oder mehrere Theaterengagement(s).

Zu den belastenden Unterlagen, mit denen Dr. Brenner erpresst wird: Seine Haushälterin (Helma "Rehbeinchen" Seitz) sagt in Teil 1 ziemlich deutlich, dass Brenner im Krieg tief in üble Machenschaften verwickelt gewesen sein muss, weil danach einige Patienten sich weigerten, sich von ihm behandeln zu lassen. Womöglich war er KZ-Arzt?

Georg Offline




Beiträge: 2.969

15.10.2018 17:56
#22 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Ja, ich denke, dass Dr. Brenner ein KZ-Arzt war, das dürften die Unterlagen bewiesen haben, die er zurück bekam, nachdem er den Scherenschleifer ermordet hat.

Leider weiß ich nicht, wie die ursprüngliche Reinecker-Fassung ausgeschaut hat. Ich weiß es auch nur, weil bei der ZDF-Wiederholung Anfang der 90er die damals noch existierende Fernsehsprecherin den Film mit der Bemerkung ankündigte, dass Jürgens die Hauptrolle spielen sollte, sich verletzte, im Rollstuhl saß und dass das Drehbuch umgeschrieben werden musste.

Jan Offline




Beiträge: 1.331

15.10.2018 19:44
#23 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #21

Zu den belastenden Unterlagen, mit denen Dr. Brenner erpresst wird: Seine Haushälterin (Helma "Rehbeinchen" Seitz) sagt in Teil 1 ziemlich deutlich, dass Brenner im Krieg tief in üble Machenschaften verwickelt gewesen sein muss, weil danach einige Patienten sich weigerten, sich von ihm behandeln zu lassen. Womöglich war er KZ-Arzt?

Das würde zumindest erklären, warum es für die Unterlagen keine rechte Erklärung im Film gibt. Um NS-Bezüge hat man sich in den 1960er Jahren, wenn sie denn wirklich auf die Mattscheibe oder die Leinwand kommen sollten, letztlich dann doch herumgedrückt, sie verklausuliert oder gleich ganz weg gelassen. Siehe auch die deutsche Fassung des "Quiller-Memorandums" oder, oder.

Gruß
Jan

Mr. Wooler Offline




Beiträge: 423

16.10.2018 23:31
#24 RE: Babeck (1968, TV) Zitat · antworten

Sehr schöne Besprechung von Babeck.
Ich hatte auch irgendwo gelesen, dass Curd Jürgens eine größere Rolle hätte spielen sollen, dass dies aber aufgrund eines Unfalls, etc. nicht möglich war und er daher eine kleinere Rolle im Rollstuhl übernehmen musste. Keine Ahnung, was er da hätte spielen sollen. Ich finde die Besetzung bei Babeck ganz großartig und könnte mir gar keine anderen Besetzungen vorstellen, weil ich jede noch so kleine Rolle in diesem Dreiteiler liebgewonnen habe.
Angefangen mit Käutners großartigem Spiel als Dr. Brenner. Dann weiter mit Lowitz, der den Mord an Krupka durchspielt und dann durch ein unvorhergesehenes Ereignis aus der Bahn geworfen wird und in der Tiefgarage zusammenbricht. Dann die kaltschnäuzige, lässige Art von Charles Regnier als Kaminsky. Die abgeklärte und souveräne (und nebenbei wunderschöne) Senta Berger mit ihrer im wahrsten Sinne des Wortes unvergesslichen Gesangseinlage. Auch mit Helmut Lohner in der Hauptrolle hatte ich nie Probleme. Meines Erachtens ist er in jeder Phase glaubwürdig und stellt zwischendurch auch große Emotionen dar. Dazu kommen all die Nebendarsteller, die aus Babeck ein einzigartiges Sehvergnügen machen.
Kann mich nur wiederholen - großartige Fernsehunerhaltung, die es heute so leider nicht mehr gibt.

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