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 Film- und Fernsehklassiker national
Gubanov ( gelöscht )
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07.06.2020 21:30
Rittmeister Wronski (1954) Zitat · Antworten



Rittmeister Wronski

Spionagekrimi, BRD 1954. Regie: Ulrich Erfurth. Drehbuch: Axel Eggebrecht (Vorlage: Michael Graf Soltikow). Mit: Willy Birgel (Rittmeister Igor Wronski), Irene von Meyendorff (Liane von Templin), Ilse Steppat (Leonore von Cronberg), Antje Weisgerber (Ilse von Jagstfeld), Paul Hartmann (Oberst Ranke), Claus Holm (Dornbusch), Axel Monjé (Major Momenbeck), Rudolf Forster (Oberst Maty), Elisabeth Flickenschildt (Jadwiga Wronski), Charles Regnier (Richter am Volksgerichtshof) u.a. Uraufführung: 11. Oktober 1954. Eine Produktion der Apollo-Film Berlin für die Deutsche London-Film Hamburg.

Zitat von Rittmeister Wronski
Weil sein Name wegen Schuldenmacherei bei der polnischen Armee verbrannt ist, wechselt Rittmeister Igor Wronski sein Metier zum Geheimdienst. Der ebenso galante wie gewiefte Filou soll im Berlin der 1930er Jahre entscheidende Unterlagen, die einen möglichen Angriff Deutschlands auf sein östliches Nachbarland betreffen, ausfindig machen. Mithilfe seiner Bekannten Liane von Templin knüpft er Kontakte zu hohen Militärs und vor allem dem weiblichen Personal des Reichswehrministeriums. Als besonders harter Brocken entpuppt sich Chefsekretärin Leonore von Cronberg: Sie durchschaut Wronskis Spiel, unterstützt ihn dann aber bereitwillig, weil sie ebenfalls polnische Wurzeln hat ...


Sowohl die dekadenten Ausschweifungen und aufregenden Spielmanöver als auch die ernsthaften Gefahren großer Politik machen „Rittmeister Wronski“ zu einem Spionagefilm, den man mit skeptischer Bewunderung und kindlichen Träumen von Erfolg und Einfluss verfolgt. Insofern dürfte sich an der Wirkung von Ulrich Erfurths Streifen, der erstaunlich gut gealtert ist, wenig geändert haben – schon 1954 war der Stoff offenkundig darauf ausgelegt, sowohl Männer als auch Frauen (aus unterschiedlichen Gründen) für das Tun des polnischen Agenten zu begeistern und zu hoffen, dass er mit seinen tollkühnen Aktionen Schläge gegen das NS-Regime führen könne. Obwohl Wronski am Ende des Films als einsamer, missverstandener Verräter dasteht, der sich ein Doppelspiel zu viel aufgeladen hat, ist er fürs Publikum eine grandiose Identifikationsfigur. Davon zeugt schon die Besetzung mit Massenliebling Willy Birgel, der trotz seiner voranschreitenden Jahre Ilse von Jagstfelds euphorischen Ausruf „Ist das ein Mann!“ voll und ganz rechtfertigt: Auf der einen Seite verbucht Birgel seinen unverminderten Charme bei Frauen, den er hier für „die Sache“ instrumentalisiert, und seine gute Figur zu Pferd und in brenzligen Situationen. Auf der anderen Seite steht seine Figur, wie mehrfach im Film betont wird, für die maskulinen Attribute „Geld, Patriotismus und Abenteuerlust“.

Das offizielle Filmplakat zeigt Birgel zwar in zweifelhafter Pose, hebt aber auf sein Charisma und auf die Frage ab, wieso die Frauen in Wronskis Umfeld zu seinen Spionagewerkzeugen wurden. Es betont damit zugleich die Verschiedenartigkeit der im Film gezeigten Frauencharaktere: Irene von Meyendorff („aus Leichtsinn“) gibt die Lebedame mit Hang zu Luxus und ausschweifenden Partys, die das Geld, mit dem Wronski umherwirft, gern annimmt, ohne nach dessen Ursprung zu fragen, und die selbst nach der Enthüllung der Wahrheit im Angesicht einer Gestapo-Verhaftung noch ein rauschendes Fest organisiert. Antje Weisgerber („aus Liebe“) stellt die asketische Außenseiterin dar, die sich hoffnungslos in Wronski verliebt und die Hoffnung in dessen guten Charakter bis zum Schluss nicht aufgibt. Von Olga Tschechowa („aus Unwissenheit“) sieht man nur kurz am Anfang, wie Wronski an ihr ein Exempel seiner Kühnheit und Unverfrorenheit statuiert. Am prägnantesten ist sicher der Auftritt von Ilse Steppat („aus Überzeugung“). Sie verkörpert einen gehbehinderten Eisklotz von einer Frau, die Wronski auf eigensinnige Weise in ihr Herz schließt, weil sie ihm in aller Heimlichkeit eine lange unterdrückte Seite ihres starken Charakters präsentieren kann: Als Hauptinformantin fädelt sie Gelegenheiten ein, weiß über Politisches Bescheid, fertigt Schlüsselabdrücke und Dokumentenfotos auf Mikrofilm an. Zum Dank erwartet sie sich die aufrichtige Zuneigung des Frauenhelden, ohne dabei zu berücksichtigen, dass alle anderen Damen in dessen Umfeld ungleich attraktiver erscheinen.



Auch wenn der Vorspann – vermutlich aus persönlichkeits- oder lizenzrechtlichen Gründen – behauptet, alle Figuren in diesem Krimidrama wären frei erfunden, so basiert der Film doch (mit einigen Abweichungen) auf der Geschichte des polnischen Spions Jerzy Sosnowski, der zwischen 1926 und 1934 mithilfe einiger deutscher Assistentinnen die auch im Film gezeigte Behörde unterwanderte.

Zitat von Jerzy Sosnowski bei Wikipedia.org, Quelle
Sosnowski führte sich als Ritter von Nalecz in Berliner Kreise des deutschen Adels ein, der traditionell mit dem deutschen Militär verwoben war. Der polnische Geheimdienst unterstützte dieses Vorhaben mit finanziellen Zuwendungen. Ab 1926 hatte Sosnowski aus dem deutschen Adel die Frauen Irene von Jena, Benita von Falkenhayn und Renate von Natzmer für Spionagetätigkeiten gegen das Deutsche Reich angeworben. Vor allem von Natzmer beschaffte Sosnowski wichtige Unterlagen aus dem Reichswehrministerium, unter anderem Informationen über Truppenstärken und Aufmarschpläne der deutschen Reichswehr. Seine Vorgesetzten bezweifelten jedoch vor allem wegen Sosnowskis aufwändigem Lebensstil die Echtheit der Dokumente und verdächtigten ihn, ein Doppelagent der deutschen Seite zu sein.


Axel Eggebrecht und Ulrich Erfurth komprimierten und veränderten einige von Sosnowskis bzw. Wronskis Aktionen (was dem Fluss der Filmhandlung enorm zugute kommt, denn „Rittmeister Wronski“ ist ein äußerst organischer Film), behielten aber den tragischen Ausgang der echten Vorkommnisse bei. Gerade das steht dem Film, der in seiner ersten Hälfte wegen des „bunten Agentenlebens“ manchmal etwas seicht wirkt, gut zu Gesicht, verleiht es ihm doch eine angemessene Schwere und Botschaft. Melodramatische und kriminalistische Elemente halten sich dabei die Balance; besonders positiv hervorzuheben ist die kurze Szene beim Hochverratsprozess, in der Charles Regnier als agitierender Volksrichter in Erscheinung tritt. Ebenso wird auch in anderen Kleinrollen (Elisabeth Flickenschildt als Wronskis Schwester, Ernst Schröder als sein Assistent, Rudolf Forster als sein Vorgesetzter, Claus Holm als aggressiver Erfüllungsgehilfe der Nationalsozialisten) 50er-Jahre-typische Maßarbeit geleistet. Zusammen mit Igor Oberbergs feiner Kameraarbeit und den von Erfurth oft eingesetzten Licht-Schatten-Effekten ergibt sich ein hochwertiger Gesamteindruck.

Dieser Film ist ein gutes Beispiel für die anhaltende Faszination des Agentenberufs. Willy Birgels Rittmeister Wronski ist ein waghalsiger, selbstsicherer Geselle, dem man bei seinen Undercover-Aktionen gegen das Dritte Reich alles Gute wünscht, der in Geld- und Frauenangelegenheiten aber gleichzeitig wenig zuverlässig ist. Der Plot ist umfangreich und der Film entsprechend temporeich; Erfurth gelang zudem eine ausgewogene Mischung aus Krimi, Historienfilm und Romanze. 4,5 von 5 Punkten.

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