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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 181 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
DanielL Offline




Beiträge: 3.841

11.05.2020 00:12
Die drei Tage des Condor (1975) Zitat · Antworten

DIE DREI TAGE DES CONDOR (Three Days of the Condor) USA 1975 • Regie: Sydney Pollack • Drehbuch: Lorenzo Semple Jr., David Rayfiel nach dem Roman "Six Days of the Condor" von James Grady • Kamera: Owen Roizman • Schnitt: Don Guidice, Fredric Steinkamp • Musik: Dave Grusin • Produktion: Stanley Schneider, Dino De Laurentiis (Wildwood Enterprises)

Joseph Turner (Robert Redford) arbeitet mit sieben Kollegen für eine kleine Einheit der CIA. In einem New Yorker Büro durchkämmen sie als "American Literary Historical Society" getarnt Literatur nach Hinweisen, die sich für den Nachrichtendienst eignen könnten. Die Abteilung gilt als unspektakuläre Schreibtischdienst-Mannschaft, doch eines Tages überlebt einzig Turner dem Zufall sei Dank einen durch den Profikiller Joubert (Max von Sydow) angeführtes Überfallkommando. Schutzsuchend wendet er sich an die CIA-Zentrale, was jedoch eine weitere lebensbedrohliche Falle zur Folge hat. Durch die Straßen gehetzt nötigt er die Fotografin Kathy Hale (Faye Dunaway) zur Fluchthilfe. Schließlich sucht die mit ihm nach Motiven und verantwortlichen Hintermännern.


DIE DREI TAGE DES CONDOR mischt das alte Hitchcock-Modell des unschuldig Gejagten mit den Themen des "New Hollywood" der siebziger Jahre. Herausgekommen ist ein Meisterwerk, dass auch 45 Jahre später erschreckend aktuell ist, wird man doch unweigerlich jüngere Whistleblower-Affären erinnert. Der Film bietet Spannung von der ersten bis zur letzten Minute und neben schön inszenierten Szenen mitten im NYC der siebziger Jahre und ein wenig Nadeldrucker-Nostalgie auch zahlreiche toll geschriebene Dialoge zwischen Redford, von Sydow als Auftragskiller Joubert, und Cliff Robertson. Letzterer spielt einen stellvertretendem CIA-Direktor der Division New York und ist ein Rad in einem völlig aus den Fugen geratenen politischen Überwachungssystem. Redford funktioniert nicht nur gut mit den ungeplanten Gegenspielern, sondern prinzipiell auch mit Faye Dunaway. Einzig ist es dem Autorenteam und Pollack leider völlig misslungen, einen glaubhaften Schwenk von Dunaway aus der Opferrolle hin zur Partnerin-in-Crime (bzw. -in-Bed) darzustellen. Das geschieht mit Szenen, die in der Kürze der Zeit letztlich etwas unentschlossen und bisweilen merkwürdig zwischen naiver Romanze, Stockholm-Syndrom und BDSM-Andeutungen pendeln. Da klappte es bei Matt Damon und Franka Potente viele Jahre später in DIE BOURNE IDENTITÄT mit einem spontanen Kidnapping besser. Toll dagegen der Jazz-Score und die stets stilsichere Kamera. Für den Schnitt gab's sogar eine Oscar-Nominierung.

Als Turner bei der Wohnung eines Kollegen aufschlägt, klingelt er beim Nachbarn, um in den Hausflur zu kommen. Auf der Klingel steht groß der Name ARGENTO. Wird 1975 im Thriller-Milieu wohl kein Zufall sein, was?

Toller 70er-Verschwörungsthriller mit einem romantischen Stolperstein, über den man angesichts der spannend gestalteten und sehr gut gealterten Story hinwegsehen kann. 4,5/5

Gruß,
Daniel

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

11.05.2020 19:27
#2 RE: Die drei Tage des Condor (1975) Zitat · Antworten

Die drei Tage des Condor ist wahrlich ein bemerkenswerter Streifen. Das tiefe Misstrauen der amerikanischen Bevölkerung in die "Sicherheitsbehörden" nach der Watergate-Affäre und den vielen seltsamen Attentaten der sechziger Jahre spiegelt sich darin wieder. Unter Präsident Ford wurde kurz vor Entstehung des Filmes auch eine Kommission zur Aufdeckung von CIA-Aktivitäten nicht zuletzt auch im Inland eingesetzt - ein bisher wohl einmaliger Vorgang, der tatsächlich auch einige sehr bedenkliche Projekte zur Aufdeckung brachte (natürlich bei weitem nicht alle).
Es ist nicht der einzige amerikanische Film, der ein solches Thema in den siebziger Jahren behandelte, aber sicher einer der bekanntesten. Robert Redford spielt sehr überzeugend, Faye Dunnaway ist auch gut, und Max von Sydows Darstellung des Auftragskillers, der in seiner Freizeit chinesische Vasen bemalt, geht an die Nieren. Eigentlich ist er außerhalb seines Jobs ja fast ein netter umgänglicher Kerl, doch wenn er jemanden umlegen soll, agiert er wie eine eiskalte Maschine. Das Ende ist nicht unbedingt "happy", die Rolle der zur damaligen Zeit noch sehr glorifizierten unabhängigen Presse wird auch schon angezweifelt. Wird Joseph Turner, der gejagte kleine Geheimdienst-Angestellte, auf Dauer überleben ? Man darf wohl zweifeln...

DanielL Offline




Beiträge: 3.841

11.05.2020 21:32
#3 RE: Die drei Tage des Condor (1975) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #2
Das Ende ist nicht unbedingt "happy", die Rolle der zur damaligen Zeit noch sehr glorifizierten unabhängigen Presse wird auch schon angezweifelt. Wird Joseph Turner, der gejagte kleine Geheimdienst-Angestellte, auf Dauer überleben ? Man darf wohl zweifeln...


Das Ende hat man wirklich mit Fingerspitzengefühl hinbekommen. Es ist kein zu offenes Ende und lässt doch einen Zweifel übrig.

Nach meiner Sichtung am Sonntag hatte ich auch kurz Infos zur Romanvorlage gecheckt. Dort heißt Condor Ronald Malcolm, die Geschichte spielt in Washington über "Six Days" hinweg. Für die Filmhandlung straffte man das Geschehen auf drei Tage. Ansonsten scheint die Story zumindest der Inhaltsangabe nach nah am Film. Immerhin Turners literarisches Alter Ego lebt noch: Interessant fand ich, dass Autor Grady, der wohl seinen Roman 1974 in recht jungen Jahren schrieb, noch 2016 eine Forstsetzung "The Last Days of the Condor" brachte. Gleicher Protagonist, 40 Jahre später in der Post-Snowden Zeit. Aus zwei Gründen habe ich allerdings entschieden, den Roman lieber nicht zu lesen: Erstens passt mir die Story nicht: Condor wurde demnach Ende der 70er noch zum radikalen CIA-Außenagenten, landete schließlich in einem "CIA-Irrenhaus" und ist heute ein mentales Wrack. Er wird routinemäßig noch von der Homeland Security überprüft und schließlich liegen einige Agenten tot in seiner Wohnung... Soweit was ich zur Handlung las. So überzeugend wie Redford im Film seinem Vorgesetzten "Was seid ihr verkommen" ins Gesicht schmettert, so wenig kann ich mir eine solche Vita von Condor nach Version Joe Turner vorstellen. Und so kommt der Roman für mich als "Fortsetzung zum Film" kaum in Frage. Zweitens ist in vielen Rezensionen von wirrer Story und schlimmer Sprachstilistik zu lesen, was ich nach einem kurzen "Blick ins Buch" zunächst bestätigen kann. Bleibt zu erwähnen, dass es mittlerweile auch ein stark modernisiertes US-Serienremake von 2018 gibt (1 Staffel mit 10 Folgen), indem der Protagonist wiederum Joe Turner heißt, also klare Orientierung zum Film. Dem Trailer nach zu urteilen fehlt dieser Serie aber der Charme, mein Interesse ist jedenfalls nicht groß geweck, obwohl der Cast auch nicht ganz unprominent ist: https://www.youtube.com/watch?v=yWq6gHKzE1Y

Gruß,
Daniel

Ray Offline



Beiträge: 1.489

12.05.2020 19:34
#4 RE: Die drei Tage des Condor (1975) Zitat · Antworten

"Die drei Tage des Condor" ist wirklich ein Top-Thriller, den man sich immer mal wieder ansehen kann. Sehr gute Schauspieler, spannende Story, hochwertige Inszenierung. Generell wurden in diesen Jahren in Hollywood viele erstklassige Thriller gedreht, denke da z.B. an "Der Marathon-Mann", "Der Dialog" oder "Zeuge einer Verschwörung".

"Die Drei Tage des Condor" ist aktuell noch für ein paar Tage in der Mediathek von Tele 5 abrufbar:

https://www.tele5.de/filme/die-drei-tage-des-condor/

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

13.05.2020 21:32
#5 RE: Die drei Tage des Condor (1975) Zitat · Antworten

Zitat von DanielL im Beitrag #3
Interessant fand ich, dass Autor Grady, der wohl seinen Roman 1974 in recht jungen Jahren schrieb, noch 2016 eine Forstsetzung "The Last Days of the Condor" brachte.


Das, was du da über das Nachfolgebuch schreibst, hört sich ja wirklich gruselig an. Auch so eine Fortsetzung, die eigentlich kein Mensch braucht. Da will der Autor noch einmal an seinen Erfolgstitel anknüpfen. Wäre wohl besser, er hätte die Geschichte dann mit einem völlig anderen Helden geschrieben.
Das ist aber auch das Thema bei der weiter oben erwähnten "Bourne-Identität". Hier hat der gute Robert Ludlum seine an sich richtig gute Vorlage, wo der Held nicht Bourne, sondern Borowski heißt (und die mit Robert Chamberlain schon mal wesentlich roman-näher verfilmt wurde) noch zweimal in Folge selber mit nicht unbedingt notwendigen Folgebüchern drapiert, und ein Heer von verschiedenen Autoren schreibt nun scheinbar endlos an der Bourne-Serie weiter. Ich behaupte einfach mal, dass man das wirklich nicht gelesen haben muss...


Zitat von Ray im Beitrag #4
"Die drei Tage des Condor" ist wirklich ein Top-Thriller, den man sich immer mal wieder ansehen kann. Sehr gute Schauspieler, spannende Story, hochwertige Inszenierung. Generell wurden in diesen Jahren in Hollywood viele erstklassige Thriller gedreht, denke da z.B. an "Der Marathon-Mann", "Der Dialog" oder "Zeuge einer Verschwörung".


Richtig, an "Zeuge einer Verschwörung" habe ich auch gleich gedacht. Der "Marathon-Mann" ist natürlich auch gut. War auch die Zeit, wo man "Unternehmen Capricorn" gefilmt hat.
Irgendwie kommt es mir so vor, dass die Filme damals noch mehr inhaltliche Substanz hatten. Die Kritik ist wirklich spürbar. Heute ist bei derartigen Thrillern natürlich viel mehr Action und die selbstverliebte Darstellung der technischen Möglichkeiten zur Überwachung usw. anzutreffen, aber eine ernstere Auseinandersetzung mit den aufgezeigten Strukturen fehlt irgendwie.

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