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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 455 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Georg Offline




Beiträge: 3.067

24.08.2015 08:48
#1 Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (1960/61) Zitat · Antworten

Zitat von brutus im Beitrag Eure DVDs
Die Heuchler (Pidax Film-Klassiker)

Ein toller Schwarzweiß-Krimi, atmosphärisch, stark gespielt und noch dazu ein Whodunit! Erinnert irgendwie an die Atmosphäre in "Es geschah am hellichten Tag".

Gubanov Offline




Beiträge: 16.255

24.08.2015 10:57
#2 RE: Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (1960/61) Zitat · Antworten

Leider handelt es sich um eine Erwin-C.-Dietrich-Produktion, was mich sehr skeptisch macht. Interessanter wären für meine Begriffe die richtigen Wachtmeister-Studer-Verfilmungen mit Heinrich Gretler. Die wollte ich schon lang einmal sehen; eine Auswertung auf dem deutschen Markt wäre wünschenswert - vor allem gemeinsam mit den anderen Filmen nach Glauser: Bewertet: Friedrich-Glauser-Verfilmungen ("Wachtmeister Studer")

Jan Offline




Beiträge: 1.448

24.08.2015 11:46
#3 RE: Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (1960/61) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #2
Leider handelt es sich um eine Erwin-C.-Dietrich-Produktion, was mich sehr skeptisch macht.

Berechtigterweise. Der Film stammt allerdings aus der Anfangszeit Dietrichs. Hier hing er sich zumeist an andere Produzenten an bzw. tat sich mit diesen zusammen, die eher im Hintergrund und als Financiers fungierten, jedoch bei Buch und Dramaturgie durchaus mitsprachen (und den quirligen Erwin, wie er zumindest später behauptete, nicht selten auf halbem Wege sitzenließen). Insofern gehört "Die Heuchler" noch nicht zur späteren Erwin-C.-Dietrich-One-Man-Show, bei der die geradezu poetischen Titel noch das Beste waren ("Stwardessen. Sie fliegen durch die Lüfte. Vögeln gleich." ). Insofern kann man hier m.E. getrost zuschlagen.

Gruß
Jan

Georg Offline




Beiträge: 3.067

24.08.2015 12:29
#4 RE: Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (1960/61) Zitat · Antworten

In der Tat verheißen die Erwin-C.-Dietrich-Produktionen später nichts Gutes. Dieser Film (gerade zufällig gestern Abend wieder gesehen) stellt jedoch wirklich eine Ausnahme dar. Qualitativ sehr hochwertig und weder billig noch kolportagehaft. Spannend und atmosphärisch, der Ermittler ist wunderbar.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.255

04.01.2020 00:30
#5 RE: Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (1960/61) Zitat · Antworten



Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall (Die Gejagten)

Kriminalfilm, CH / BRD 1960/61. Regie: Max Michel. Drehbuch: Alfred Bruggmann, Werner Marti, Victor Trivas (Romanvorlage „Die Gejagten“, 1953: Walter Blickensdorfer). Mit: Heinrich Gretler (Kriminalwachtmeister Müller), Claude Farell (Frau Reichle), Heinz Woester (Bankdirektor Meier), Pierre Dudan (Dr. Amsler), Elisabeth Roth (Frau Dr. Amsler), Charles Ferdinand Vaucher (Architekt Häuptli), Helen Vita (Alvine Dünki), Jean-Jacques Weiss (Dr. Kunz), Franz Matter (Titus Zangger), Paul Bühlmann (Mötteli) u.a. Uraufführung (CH): 11. April 1961. Uraufführung (BRD): 12. Mai 1961. Eine Produktion der Urania-Filmproduktion Zürich im Sphinx-Filmverleih Zürich.

Zitat von Die Heuchler – Wachtmeister Müllers großer Fall
Zu viert gingen sie auf die Jagd; nur zu dritt kehrten sie wieder zurück: Die Leiche des vierten Mannes, des Gemeindevorstehers Reichle, finden der Arzt Amsler, der Bankdirektor Meier und der Architekt Häuptli erst einige Stunden später mitten im Wald. Ein Schuss tötete ihn. Wachtmeister Müller findet heraus, dass alle drei Herren und noch einige mehr ein Motiv gehabt hätten, Reichle umzubringen. Der angesehene Herr ging nämlich verschiedenen schmutzigen Geschäften nach – darunter Frauengeschichten, Erpressung und Grundstücksschieberei ...


„Unfall oder Selbstmord?“ fragen die Jagdgesellen, als sie ihren Kumpanen erschossen im Wald liegen sehen. Erst die Kegelbrüder kommen darauf, dass es vielleicht auch Mord sein könnte. In diese gemütliche, vom kriminalistischen Standpunkt fast schon naive Welt bricht das Ableben des Ortsvorstehers Reichle wie ein unerhörter Schlag hinein. Zwar waren die Schweizer bereits durch die Wachtmeister-Studer-Fälle von Friedrich Glauser und durch „Es geschah am helllichten Tag“ in gewissem Maße morderprobt; eine so umfangreiche Krimikultur wie anderen Teilen Europas kann dem gemütlichen Alpenvolk aber nicht zugesprochen werden. So geht alles eine Spur gemütlicher zu, und die erste Frage, die der Wachtmeister am Tatort stellt, ist, ob es in der Nähe denn kein Wirtshaus gäbe.

Eben jenen Ermittler stellt Heinrich Gretler mit maigret-ähnlichen Zügen als gesetzten Stoiker dar, als rauen, aber liebenswerten Fels in der Brandung, der anstatt einer Pfeife gern Zigarren raucht, sich hintergründige Gedanken macht und sie den Verdächtigen dann unumwunden auf den Kopf hin zusagt. Da Gretler bereits den Studer in den Romanverfilmungen von 1939 und 1947 gespielt hatte, bauten die Autoren zudem noch eine niedliche Szene ein, in der Müller versehentlich Studer genannt wird und darauf verständnisvoll reagiert – schließlich sei er schon oft mit ihm verwechselt worden. Diese Seelenruhe Gretlers strahlt auf den gesamten Film aus, der nicht zuletzt deshalb ein wenig „aus der Zeit gefallen“ wirkt. Im Gegensatz zum eifrigen Maigret, bei dem man Superlative heranziehen musste, bearbeitete Gretlers Wachtmeister Müller (wie schon der Titel verrät) vermutlich nur einen einzigen „großen Fall“.



Die anderen neben Gretler auftretenden Darsteller sind auch zumeist schweizerischer Herkunft. Ihr Spiel wirkt manchmal etwas hölzern; allerdings sind die wesentlichen Verdächtigencharaktere Meier, Amsler und Häuptli sehr facettenreich und einprägsam. So tut es dem Rätsel überhaupt keinen Abbruch, dass man im Wesentlichen „nur“ zwischen diesen drei Optionen wählen kann. Ergänzt wird das Ensemble durch Claude Farell, die als Frau des Toten für Mitleid und Getuschel sorgt. Demgegenüber ist nicht ganz klar, weshalb Helen Vita als Reichles Liebschaft eine derart prominente Nennung im Vorspann und sogar eine übergroße Abbildung auf dem Filmplakat erhielt. Ihre Rolle ist auf eine Szene beschränkt, was auch besser ist, da sie die polizeibekannte Mätresse ganz in ihrem Stil weit ins Parodistische überzeichnet.

Sowohl die Ausstattung des Films als auch der hohe Anteil an Außenaufnahmen – viele davon am Tatort im Wald, teilweise bei Nacht und / oder Nebel – sprechen eine hochwertige Sprache. Leider wirkt die musikalische Untermalung, die nur aus Jagdhornklängen besteht und in einigen Spannungsmomenten gänzlich fehlt, weniger gelungen. Sie hätte die Schlinge, die Müller langsam um die drei Jäger zuzieht, welche selbst zu den titelgebenden „Gejagten“ der Romanvorlage werden, noch besser verdeutlichen und damit zu einem noch stabileren Spannungsbogen beitragen können. Dennoch geht am Ende alles auf, weil der Film nicht nur mustergültig in seiner Whodunit-Struktur ist, sondern die Täterfrage sogar noch besonders effektiv im Rahmen einer Mordrekonstruktion auflöst. Da blickt man über einige Ungeschicktheiten, zu denen auch der eher plumpe Tod des Hauptschurken und die Schlussszene im Fußballstadion gehören, milde hinweg.

Zweieinhalb Jahre nach „Es geschah am helllichten Tag“ gelang Heinrich Gretler eine zwar sicher nicht an den Suspense-Faktor dieser Dürrenmatt-Geschichte, wohl aber an die schweizerische Gemütlichkeit seiner früheren Studer-Auftritte anknüpfende Mordermittlung, die den Zuschauer selbst zum Detektiv werden lässt. Aus drei Verdächtigen den richtigen herauszupicken, ist in diesem Fall eine lohnende Aufgabe mit echtem, teilweise etwas ungelenkem Retro-Charme. 4 von 5 Punkten.

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