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 Film- und Fernsehklassiker international
Gubanov Offline




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02.06.2018 20:15
In einer heißen Nacht (1994) Zitat · antworten



In einer heißen Nacht (De flat)

Erotikthriller, NL 1994. Regie: Ben Verbong. Drehbuch: Jean van de Velde. Mit: Renée Soutendijk (Roos Hartman), Victor Löw (Eric Coenen), Hans Hoes (Jacques Posthuma), Jaimy Siebel (Davy), Mirjam de Rooij (Lidy van Oosterom), Leslie de Gruyter (Hennie van Oosterom), Guy Sonnen (Cees den Boer), Huib Rooymans (Erwin Nijkamp), Miguel Stigter (Marcel van der Kooy), Jacques Commandeur (Charles Uffingh) u.a. Uraufführung (NL): 21. April 1994. Uraufführung (BRD): Juni 1995. Eine Produktion von Meteor Film.

Zitat von In einer heißen Nacht
Ein anonymer Apartment-Block kann zu einem gefährlichen Ort werden – das bemerkt die Ärztin Roos Hartman, als sie in Begleitung des Nachbarn Eric Coenen ihre Bekannte bestialisch ermordet auffindet. Roos und Eric kommen einander näher und je mehr sich die alleinerziehende Mutter auf die Affäre mit dem undurchsichtigen Mann einlässt, desto stärker keimt in ihr der Verdacht, dass Eric selbst der Mörder sein könnte. Dennoch kann sie sich seiner Anziehungskraft nicht widersetzen – bis es zu einer faustdicken Überraschung kommt ...


„In einer heißen Nacht“ liefert den in eine spannende Krimi-Handlung implementierten Beweis für den Umstand, dass eine sexuelle Abhängigkeit die eigentlichen Charakterzüge einer Person bemerkenswert verändern kann. Mit großer Sorgfalt wird Roos Hartman von Anfang an als eine verantwortungsvolle und aufrichtige Frau dargestellt, die in Trennung von ihrem zynischen Ehemann lebt, sich allein um den gemeinsamen Sohn Davy kümmert, als Ärztin auch außerhalb der Bereitschaftszeiten auf die Bedürfnisse ihrer Patienten eingeht und dabei neben medizinischen Diagnosen auch freundschaftliche Ratschläge bereitstellt. Als sie den deutlich jüngeren und weniger gefestigten Eric kennenlernt, verfällt sie mehr und mehr in ein Verhaltensmuster, das sie eigentlich verabscheut. Nicht nur tragen einige offenherzige Erotikszenen dazu bei, die Seriosität ihrer Figur vor den Augen des Zuschauers zu demontieren; auch verlegt sich Roos bei der Ausübung ihrer Lust auf Praktiken, die ihr vorher noch unvorstellbar und tadelnswert erschienen – so zum Beispiel, als sie der Prostituierten aus der Nachbarschaft anfangs Hilfe anbietet, weil diese sich von einem Freier misshandeln lässt. An ihre Worte „Liebe hat doch nichts mit Schlagen zu tun“ wird man sich später noch erinnern ...

Die feindliche Stimmung der voneinander abgeschotteten kleinen Wohnungen, ihrer eigentümlichen Einwohner sowie unterschwellige Hinweise, die von Anfang an darauf hindeuten, dass Erics Absichten nicht ohne (kriminellen?) Eigennutz sind, sorgen durchgehend für eine Atmosphäre der Anspannung, die von Kameraführung und Musik zu veritablen Angstgefühlen verdichtet wird. Durch ihren Anrufbeantworter, das stets neue Hiobsbotschaften verkündende Radio, die ausgespähte Zahlenschloss-Kombination ihrer Wohnungstür sowie die naive Unbedarftheit ihres Sohnes liefern auch bald die eigenen vier Wände keine Abschottung mehr vor dem Eindringen der Außenwelt. Vielsagend ist es auch, dass man als Zuschauer, der durch Roos’ Augen blickt, den Schmeicheleien Erics zunehmend erliegt, während Davys kindliche Neugier in steigendem Maße als störend oder aufdringlich empfunden wird – obwohl dies die Intentionen der beiden Charaktere gründlich konterkariert. Dass es Ben Verbong gelingt, dieses „Denken mit der Hose statt dem Hirn“ von den Protagonisten auf das Publikum zu übertragen, legt beredtes Zeugnis über die Wirkkraft seines Films ab.

„In einer heißen Nacht“ wird oft mit dem Hollywood-Erotikthriller „Sliver“ verglichen, der nur ein Jahr zuvor erschien und an dessen Szenen sich Verbongs Film stellenweise recht eng orientierte. Diese Parallele ist allerdings insofern mit Vorsicht zu genießen, als der US-Film mit Sharon Stone, William Baldwin und Tom Berenger bei der Verleihung der Goldenen Himbeere 1994 nicht weniger als siebenmal nominiert war. Dies auf eine Stufe mit dem durchaus nicht intellektuell wertvollen, aber grundsoliden, spannenden und sauber umgesetzten „In einer heißen Nacht“ zu stellen, ist gerade in Anbetracht der differenzierten Performance von Renée Soutendijk eine handfeste Provokation. Die Schauspielerin aus Den Haag, die dem hiesigen Publikum vor allem aus dem klaustrophobischen Aufzug-Thriller „Abwärts“ mit Götz George, Wolfgang Kieling und Hannes Jaenicke bekannt sein dürfte, wandelt als Roos Hartman geschickt auf der schmalen Linie zwischen engagiertem Sympathieträger-Spiel und der ihr abverlangten Offenherzigkeit und kompromittiert trotz verschiedener „Regelüberschreitungen“ ihren Charakter nie endgültig.

Der Kriminalfall wirkt stellenweise ein wenig pflichtschuldig in die Geschichte integriert, weist aber dennoch genug faszinierende Aspekte auf, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers konstant zu wahren. Die Fragen, warum und durch wessen Hand vor einem Jahr Erics Frau starb und wie das jetztige Mordopfer mit ihm in Beziehung stand, liefern den perfekten Nährboden sowohl für nagende Zweifel als auch für selbstständige Nachforschungen, die Roos unter Ausnutzung ihres Insiderwissens und ihrer Bekanntschaften als Ärztin anstellt. Dass sie von der Polizei nicht viel Hilfe zu erwarten hat, wird aus persönlichen Gründen schnell klar, sodass die Weiterentwicklung des Films sich letztlich aus dem innerlichen Duell zwischen sexueller Anziehung und dem Drang, unvoreingenommen die Wahrheit zu erfahren, speist.

Ben Verbongs „In einer heißen Nacht“ funktioniert gleichermaßen als packender Krimi und als unverhohlene Schilderung der Ausnutzung emotionaler und körperlicher Zuneigung. Darüber, welche Komponente die Oberhand gewinnen wird, ist man sich nie im Klaren, was eine starke Identifikation mit Renée Soutendijks überhöhter und dennoch glaubwürdig verkörperter Rolle zur Folge hat. 4 von 5 Punkten.

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