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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Giallo Forum
Gubanov Offline




Beiträge: 15.576

16.04.2018 22:30
Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (1971) Zitat · antworten

Koch Media veröffentlicht am 14. Juni 2018 den Poliziottescho "Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" von Damiano Damiani mit Franco Nero, Riccardo Cucciolla, Georges Wilson und John Steiner auf DVD und auf Blu-ray. Hört sich recht vielversprechend an:



Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (L'istruttoria è chiusa: dimentichi, 1971)

Zitat von Koch Media: Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!
Nach einer Falschanklage wegen Fahrerflucht landet der gut situierte Architekt Vanzi (Franco Nero) in Untersuchungshaft, die er bald wieder zu verlassen glaubt. Doch die Mühlen der Justiz lassen den Unschuldigen bald immer mehr verzweifeln. Als er daraufhin sein Vermögen dafür einsetzt, sich seinen Gefängnisaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, gerät er zunehmend in die Fänge der Mafia. Denn die ehrenwerte Gesellschaft kontrolliert die gesamte Strafanstalt und hat schon bald ganz eigene Pläne mit ihm ...

Mit seiner engagierten Anklage gegen die Verzahnung von organisiertem Verbrechen und korruptem Justizsystem beweist Genre-Spezialist Damiano Damiani ("Allein gegen die Mafia", "Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert") einmal mehr sein Gespür für gesellschaftlich brisante Themen, die er in einer extrem spannenden Thriller-Handlung verarbeitet. Zu den Klängen von Altmeister Ennio Morricone brilliert vor allem Kultstar Franco Nero ("Django") in der für ihn ungewöhnlichen Rolle des unschuldig Inhaftierten, der immer tiefer in einen Sumpf aus Korruption und Gewalt gezogen wird.


EAN-DVD: 4020628823504
Sprachen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 1.85:1 (16:9)
Extras: Trailer, Interviews, Bildergalerie

Gubanov Offline




Beiträge: 15.576

08.07.2018 19:00
#2 RE: Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (1971) Zitat · antworten



Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s!
(L’istruttoria è chiusa: dimentichi / Tante sbarre)


Gefängnisdrama, IT / FR 1971. Regie: Damiano Damiani. Drehbuch: Arduino Maiuri, Massimo de Rita, Damiano Damiani (Romanvorlage „Tante sbarre“, 1970: Leros Pittoni). Mit: Franco Nero (Vanzi), Riccardo Cucciolla (Pesenti), Georges Wilson (Campoloni), John Steiner (Biro), Ferruccio de Ceresa (Gefängnisdirektor), Antonio Casale (Ventura), Daniele Dublino (Wachtmeister), Piero Nuti (Doktor), Luigi Zerbinati (Zagarella), Claudio Nicastro (Salvatore Rosa) u.a. Uraufführung (IT): 27. Oktober 1971. Uraufführung (BRD): 15. Juni 1977.

Zitat von Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s!
Wegen eines angeblichen Unfalls mit Fahrerflucht kommt der Architekt Vanzi in Untersuchungshaft. Ebenso schwer wie der Entzug seiner Freiheit wiegt für den kultivierten Vanzi, dass er sich im Gefängnis mit unflätigen Zellengenossen und mafiösen Strukturen arrangieren muss. Mit verschiedenen Bestechungen gelingt es ihm scheinbar, aus dem Ärgsten herauszukommen, doch sein neuer Zellenmitbewohner Pesenti wird ihm noch einiges Kopfzerbrechen bereiten: Pesenti ist davon überzeugt, verfolgt und beobachtet zu werden, weil er ein wichtiger Zeuge in einem brisanten Fall sei, der kaltgestellt werden solle. In einer fatalen Nacht erfährt Vanzi die Wahrheit über Pesenti, was ihn zu einer schweren Entscheidung zwingt ...


So baulich marode sich das Gefängnis in „Das Verfahren ist eingestellt“ zeigt, so verkommen sollen auch die Strukturen des italienischen Justiz- und Strafvollzugssystems erscheinen. Dem Betrachter von Damiano Damianis Film steigt einerseits förmlich der zwischen den rauen Betonwänden festsitzende Schweißgeruch in die Nase; andererseits begleitet ihn auch das Gefühl von Bestechlichkeit, Unterwanderung und einer je nach Situation schwankenden Ohn- und Allmacht der Vollstreckungsorgane. Dass man mit Vanzi, der im Kittchen auf seine wohlerzogene Andersartigkeit reduziert und von Insassen wie Wärtern nur mehr „Architekt“ gerufen wird, einen offenbar unbescholtenen Bürger bei seinem unvorhergesehenen Alptraum-Trip begleitet, hat dabei vielfältige Auswirkungen auf die Wahrnehmung der teilweise ungeheuerlichen Vorgänge: Man verbrüdert sich mit Vanzi sowohl gegen korrupte Beamte und Mafiosi als auch gegen abstoßende Häftlinge, bekommt aber zugleich vor Augen geführt, dass sich Vanzi seines Sonderstatus, den er sich mit dem großzügigen Einsatz seines Bankkontos sowie einem opportunistischen Verhalten gegenüber den Leitwölfen im Knast sichert, durchaus bewusst ist. Wenn die Macht, die ein offensichtlich madiges System hier exerziert, so immanent und bedrohlich ist, wirft man gemeinsam mit Vanzi nur zu leicht Prinzipien über Bord, um in der nächsten Szene dann zu sehen, welche ungewollten Konsequenzen sich daraus ergeben. Damiani führt dem Zuschauer vor Augen, dass man als Gefängnis-Grünschnabel tunlichst die Folgen des eigenen Handelns im Blick haben sollte ... weil es immer wieder gilt, Integrität gegen Selbstschutz abzuwägen. Dabei kann man eigentlich nur verlieren – entweder das eigene Gesicht und die Freiheit oder die wenigen verbleibenden Verbündeten.

Gerade weil „Das Verfahren ist eingestellt“ eine derartige Abwärtsspirale durchläuft, verfolgt man Franco Neros Odyssee mit stetig wachsender Aufmerksamkeit. Wird zunächst vor allem auf den anfänglichen Lagerkoller des frisch Eingesperrten sowie auf körperliche Unzulänglichkeiten und Gefahren eingegangen, zeigt sich später ein immer feiner gesponnenes Intrigengeflecht, das den Protagonisten zunächst verzweifeln und dann aufgeben lässt. Sein bourgeoiser Hintergrund ist identifikationsstifend und anklagend zugleich: „Die Botschaft war, dass Feigheit ein Bestandteil der Kultur des italienischen Bürgertums ist“, sinniert Regieassistent Enrique Bergier und beschreibt damit vor allem den markanten Schluss, mit dem Damiani der Hauptfigur und dem Zuschauer gleichermaßen einen üblen Dämpfer mitgibt. Franco Nero wandelt sich entsprechend vom ungerecht behandelten Sympathieträger zum selbst unrecht handelnden Günstling – eine Herausforderung, die der Mime mit spielerischer Intensität und einer gehörigen Portion Wut im Bauch glaubhaft meistert.



Einen besonderen Antrieb bekommt das Geschehen durch die gewaltvollen Momente, die immer wieder den Gefängnisalltag durchbrechen. John Steiner stellt einen übellaunigen Mörder dar, der schon zweimal zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde und nun nichts mehr zu verlieren hat, selbst wenn er seinen Zellenkumpanen nachts die Schlagadern durchschneidet. Verschiedene harmlose oder geheimnisvolle Häftlinge werden übel misshandelt, weil sie Vanzi in zu pikante Details einweihen oder eine Bedrohung für das verfilzte Gefängnisregime aus inkompetenten Aufsehern und dem Mittelsmann und Knastkönig Salvatore Rosa (exzellent: Claudio Nicastro) darstellen. Wenn ein missliebiger Häftling eine Abreibung bekommen soll, wird er kurzerhand in die Dunkelzelle verlegt, bei lauter Musikbeschallung zusammengeschlagen, in die Irrenabteilung abgeschoben oder aber die Wärter lassen nachts „zufällig“ die Tür zur Zelle für unangenehmen Besuch offen. Beeindruckend auch die Szene im Innenhof, als es wegen einer Lappalie zu einer Gefängnisrevolte kommt, während der die Insassen den Chefaufseher mit „Duce“-Schreichören beleidigen, was einen Einsatz der Wasserwerfer sowie einige drakonische Gruppenbestrafungen zur Folge hat. Fast schon idyllisch wirkt dagegen die scheinbare Sicherheit der Dreimannzelle, in die Vanzi etwa zur Hälfte des Films verlegt wird. Er teilt sie sich mit einem spleenigen Homosexuellen (Luigi Zerbinati) und dem paranoiden Pesenti, in dessen Rolle Riccardo Cucciolla Zweifel, Misstrauen und Angst zum Ausdruck bringt. Aus Vanzi und Pesenti werden nach anfänglichen Schwierigkeiten Verbündete – eine Allianz, die aber zeitlich begrenzt ist und auf Vanzi im Nachhinein kein gutes Licht wirft.

Mit Ausnahme der letzten Minuten verlässt „Das Verfahren ist eingestellt“ die Haftanstalt nicht; so entsteht eine regelrecht klaustrophobische Stimmung, die von der dezenten Musik von Ennio Morricone unterstrichen wird. Eindrucksvoll ist die Bildgestaltung, die aus dem tristen Schauplatz das maximal Mögliche herausholt und dennoch nicht gewollt kunstvoll, sondern schmutzig-realistisch wirkt. Dazu trägt bei, dass zwar die Zellen im Studio nachgebaut wurden, die Einstellungen auf den Fluren jedoch in einem echten Gefängnis entstanden, das zum Entstehungszeitpunkt bereits leergezogen und aufgegeben worden war. Bedingt durch die Monotonie des Schauplatzes bewegt sich der Film im überwiegend grau-braunen Farbspektrum, was ideal zu seiner zermürbenden Stimmung passt. Sobald Vanzi das Gefängnis hinter sich gelassen hat, rückt ihn die Kamera dagegen offensiv vor Insignien des gedankenlosen Konsums (Werbeplakate, Autos, Sportboote), die einen Gegenpol zum rigiden Gefängnisregime bilden und Vanzi seine bitteren Erfahrungen schnell vergessen lassen werden. Um mit ihm zu sprechen: „Hier bin ich genau wie die [anderen Gefangenen], aber ich werde anders sein, wenn ich draußen bin.“

Das Gefängnisdrama nutzt schockierende ebenso wie anrührende Momente, um eine kritische, aber womöglich ebenso realistische Geschichte vom Zweikampf zwischen Moralismus und Utilitarismus zu erzählen. Für Franco Neros Architekten Vanzi ebenso wie für den Zuschauer wird der Gefängnisaufenthalt zur maliziösen Achterbahnfahrt, deren bitteres Happy End die Frage aufwirft, mit welchen schmutzigen Deals man sein Gewissen belasten darf. Starke 4,5 von 5 Punkten.

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