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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 174 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Prisma Offline




Beiträge: 7.505

07.04.2018 13:29
Kirmes (1960) Zitat · antworten


Kirmes

● KIRMES (D|1960)
mit Juliette Mayniel, Götz George, Hans Mahnke, Manja Behrens, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel, Benno Hoffmann, Raidar Müller
eine Freie Film Produktion | im Europa Filmverleih
ein Film von Wolfgang Staudte




»Wir zeigen Ihnen heute Abnormes und Enormes«


In einem Dorf in der Eifel findet die alljährliche Kirmes statt. Als man das Karussell auf dem Festplatz aufbauen will und für die Befestigung ein Loch gräbt, kommt ein grausiger Fund in Form eines Skeletts zum Vorschein, außerdem eine Maschinenpistole und ein Helm der Wehrmacht. Die Überraschung ist groß, als plötzlich Frau Mertens (Manja Behrens), eine alteingesessene Bewohnerin des Dorfes, behauptet, dass es sich bei den Gebeinen um ihren Sohn Robert (Götz George) handelt, der 1944 desertiert war. Mit dem Fund kommt eine lange verschwiegene, aber genauso schockierende Geschichte zum Vorschein, die mehrere Personen das Gesicht verlieren lassen...

»Ein paar Knochen und ne alte verrostete Knarre«
, hört man von einer jungen Dame, die sich im selben Moment desinteressiert abwendet, um sich den schöneren Angeboten der Kirmes zu widmen. Betrachtet man den Menschenauflauf, so hat die Veranstaltung nicht nur eine zusätzliche, sondern eigentlich auch eine der zugkräftigeren Attraktionen gefunden und alles geht Schlag auf Schlag. Unsentimental geht man mit dem Leichenfund um, alles Nötige soll in die Wege geleitet werden, bis es einen ersten frühen Schock gibt. »Das Bündel da draußen war einmal unser Sohn Robert.« Schnell werden hektische Stimmen laut, denen ein Märchen vom unbekannten Soldaten lieber wäre; es würden Unannehmlichkeiten erspart und der Aufwand hielte sich auch in Grenzen. Doch eine Mutter besteht auf ihrer Behauptung, dass es sich definitiv um ihr Kind handle. Konträr zum luftig-leichten Titel des Films macht sich eine eigenartige Schwere und Bedrängnis breit. Es stellt sich daher unmittelbar die spannende Frage, wohin einen dieser Verlauf noch führen wird. Plötzlich werden alte Stimmen von Funktionären aus dem Krieg wieder laut; man windet sich und die mittlerweile fest in der eigenen Tasche isolierte Faust findet um mehrere Ecken herum neue Einsatzgebiete, wenig später präzise Skizzierungen. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnt man, dass sich der Film mit Rückblenden beschäftigen wird und vom Schauplatz Kirmes, normalerweise einem Sammelbecken für Ausgelassenheit und Freude, wird der Zuschauer plötzlich mit einer erschreckenden Exekution konfrontiert. In dieser Szene zeigt sich bereits die besondere inszenatorische Qualität dieses Beitrags, außerdem ein für diese Zeit vielleicht nicht gerade übliches Engagement der Regie.

Parolen, Worthülsen und Abschreckung provozieren ein irritierendes, hauptsächlich erzwungenes Mitläufertum, welches naturgemäß eine gewisse Entrüstung, aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorruft. Als unangenehm wirkender Verstärker funktioniert zusätzlich eine Art sterile Kehrtwende des Verlaufs, in dem es eben doch noch so heiter zugegangen war. Plötzlich ist wieder Kriegszustand, die Waffen der Schießbuden werden durch echte ersetzt. Angst, Verfolgung und Bedrohung lauern in jedem Winkel der Szenerie. Kinder kolportieren die Geschichte des Landesverräters, der soeben hingerichtet wurde und die Atmosphäre wird zusehends unbehaglicher, vor allem auch, weil Ortsgruppenleiter Georg Hölchert sein Unwesen treibt und nach nicht linientreuen Bürgern herumschnüffelt. Diese Person, um nicht zu sagen, dieser Prototyp, wird hervorragend dargestellt von Wolgang Reichmann und er bringt seine Interpretation in Gestalt, Wort und Tat überaus präzise auf den Punkt. Überhaupt bekamen die Darsteller sehr anspruchsvolle Aufgaben anvertraut und es lässt sich ein sehr hohes Niveau an darstellerischer Kompetenz feststellen. Jeder von ihnen kommt in Einklang mit den größtenteils schwierigen Anforderungen. So spielt sich Multitalent Götz George langsam in den Fokus der Geschichte. Angesichts der Anlegung dieser Rolle und den Gewissheiten, die der Verlauf früh festlegt, transportiert sich Tragik und eine ernüchternde Determination, die umso erdrückender wirkt, weil sich ein Ende des Krieges und die Verbindung zur Französin Annette anbahnt. Lichtblicke und Hoffnungsschimmer werden gerade von den Hauptpersonen skizziert, doch potentielle Schocks schweben wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario. Die Leichtfüßigkeit und die Spiellaune der Französin Juliette Mayniel färbt den Verlauf mit trügerischer Sorglosigkeit, eine Art C'est-la-vie-Prinzip führt den Zuschauer immer wieder auf dünnes Eis.

Weitere hochklassige Leistungen zeigen Hans Mahnke und Manja Behrens als Roberts Eltern, die zwischen gefährlicher Diplomatie, aufsteigender Desillusionierung und nackter Angst hin- und herpendeln werden. Viele weitere bekannte Darsteller runden das Geschehen im Rahmen ausgefeilter Charakterdarstellungen ab, sodass man sowohl handwerklich, als auch stilistisch sozusagen mehrfache Qualitätsansprüche herausfiltern kann. Wolfgang Staudte bedient sich des hervorragenden Stilmittels, von Anfang an ein Damoklesschwert über die Geschichte zu legen. Da man als Zuschauer meint, den Verlauf weitgehend vorausahnen zu können, entstehen umso größere Schockerlebnisse, wenn trotzdem das Unerwartete passiert. Als Ursprung hierfür dient die Unberechenbarkeit gewisser Personen, die dem Protagonisten möglicherweise selbst die Nächsten sein könnten. Der heimliche Kampf von Moral und Werten wird zur empfundenen Sisyphusarbeit. Hohe Widerstände dominieren die Szenerie und machen das Anschauen meistens nicht leicht. Oftmals ist einem so, als habe man den Titel des Films vergessen oder vielleicht sogar falsch verstanden, aber im Endeffekt ist er an Doppelbödigkeit kaum zu übertreffen. War also am Ende alles nur "Kirmes"? Der hier entlarvende Blick der Regie in Richtung einiger Personen bestätigt den Eindruck, dass sich unter dem Nimbus eines "Spiels" - wie dieses auch heißen mochte oder möge - für sie alles rechtfertigen und vergessen lässt. Das Finale im Bereich der Rückblenden versetzt einen großen Tiefschlag und wird mit dem eigentlichen Finale auf dem Festplatz zur universellen Anklage gegen diejenigen von damals, die immer noch, oder eben trotzdem mit ausgelassenem Gehabe am ewigen Ort des Geschehens zu beobachten sind. Regisseur Wolfgang Staudte ist ein Mahnmal gelungen, welches im Gros des deutschen Nachkriegsfilms mit Mut zur Wahrheit und intelligenter Reflexion hervorsticht. Großartig!

Giacco Offline



Beiträge: 1.519

07.04.2018 22:44
#2 RE: Kirmes (1960) Zitat · antworten

"Kirmes" nahm 1960 als deutscher Beitrag an den Berliner Filmfestspielen teil. Juliette Mayniel wurde als beste Schauspielerin mit einem "Silbernen Bären" ausgezeichnet. Der Kinostart erfolgte am 18. August (FSK:18, Prädikat: wertvoll)
Wie bei dem Thema zu erwarten war, erwies sich das Publikumsinteresse als mäßig. Film-Echo-Note: 4,6 (33 Meldungen)
In Frankreich hatte der Film 309.177 Besucher.

Prisma Offline




Beiträge: 7.505

09.04.2018 10:28
#3 RE: Kirmes (1960) Zitat · antworten

Zitat von Giacco im Beitrag #2
Wie bei dem Thema zu erwarten war, erwies sich das Publikumsinteresse als mäßig. Film-Echo-Note: 4,6 (33 Meldungen)

Das hatte ich aufgrund des doch eher schwierigen und teils ungemütlichen Stoffs bereits vermutet.
Wenigstens ist es so, dass Filme wie "Kirmes" nach vielen Jahren oft einen besonderen Status eingeräumt bekommen, falls man sie denn überhaupt zu Gesicht bekommt.
Aber nichtsdestotrotz ein großes Dankeschön an Giacco. Diese begleitenden Informationen sind immer gerne gesehen und stehen den Threads wirklich sehr gut!

Gubanov Offline




Beiträge: 15.214

09.04.2018 18:57
#4 RE: Kirmes (1960) Zitat · antworten

Zitat von Prisma im Beitrag #3
... falls man sie denn überhaupt zu Gesicht bekommt.

Diese Möglichkeit bietet sich bei "Kirmes" z.B. im Rahmen der Helmut-Käutner-Retrospektive "Querläufer" im Berliner Zeughauskino am Mittwoch, 6. Juni, 20 Uhr. Es wird auch eine ganze Reihe anderer mehr oder weniger forenrelevanter Filme - vor allem Dramen und Zeitgeschichtliches - gezeigt. Siehe hier.

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