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Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 207 mal aufgerufen
 Romane
Mr. Igle Offline




Beiträge: 70

24.05.2015 22:08
#1 Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

DIE BLAUE HAND, Original: The Blue Hand, 1925, dt. Übersetzung Die blaue Hand von Klaus Prost für den Scherz Verlag, 2. Auflage 1985.

Inhalt:

Jim Steele arbeitet für die Anwaltskanzlei von Septimus Salter. Einer dessen häufiger Besucher ist Dr. Digby Groat. Groat sieht sich als rechtmäßiger Erbe eines Millionenvermögens. Die junge Eunice Weldon, eine Freundin Jim Steeles, erhält alsbald eine Stellung bei Jane Groat, der Mutter des Doktors. Doch die hartherzige, alte Dame und ihr Butler sind ihr unheimlich. Und noch mehr ängstigt Eunice: Nicht genug, dass Digby Groat in seinem Labor düstere Experimente durchführt, eines Tages entdeckt sie entsetzt den Abdruck einer blauen Hand. Digby Groat tut dies als einen müden Scherz ab, doch eine mysteriöse Person hinterlässt weitere solcher Abdrücke in Groats Haus. Mrs. Groat fällt beim Anblick der stumm drohenden blauen Hand in Ohnmacht. Und allmählich bekommt es auch ihr skrupelloser Sohn mit der Angst zu tun. Dafür sorgen nicht nur die Auftritte der rätselhaften „Blauen Hand“, sondern auch die Nachforschungen Jim Steeles. Tatsächlich könnte Groat nicht als einziger Anspruch auf das Vermögen des verstorbenen Lords anmelden. Doch der verschlagene Doktor ist schon zu weit gegangen, um jetzt noch umzukehren. Jahrelang hat er ein gesellschaftliches Doppelleben geführt und zugleich Intrigen gesponnen, um sich ein gewaltiges Vermögen zu erschleichen. Und Groat scheut sich auch nicht bis zum Äußersten zu gehen, um sein Ziel zu erreichen ...

Besprechung:

Dieser Roman darf als einer kreativsten, temporeichsten und atmosphärischsten des Autors gelten. Er ist ein Paradebeispiel für die brillante Fähigkeit von Wallace undurchsichtige Familiengeschichten mit Verbrechen der Vergangenheit und mysteriösen Vorgängen in der Gegenwart zu kombinieren. Die "Blaue Hand" ist hierbei nicht nur das Symbol für ein lange zurückliegendes Unrecht, sondern zugleich auch der "Motor" der Geschichte, der die Ereignisse geradezu sprunghaft nach vorne peitscht. Hier macht sich das geschultere Spannungsgefühl von Edgar Wallace sichtlich bemerkbar. 1925 schreibt er im direkten Vergleich zielgerichteter und mit mehr dramaturgischen Gespür als noch 1908.

Inhaltlich ist der Roman gewissermaßen zweigeteilt. In der ersten Hälfte geht es um die unheimlichen Ereignisse im Hause Groat und die Lösung vergangener und brandaktueller Rätsel, während sich in der zweiten Hälfte eine packende und wechselreiche Flucht an die Lösung aller Ereignisse anschließt. Das ist insofern geschickt, als dass dem Werk nach der erwähnten Auflösung nicht die Puste ausgeht. Hier ist den Protagonisten erst nach einer langen und ereignisreichen Odyssee ein gutes Ende vergönnt. Auch das kann man als positiv erachten: Anders als viele andere Wallace-Paare müssen sich Jim & Eunice ihre finale Zweisamkeit erst sehr, sehr hart erarbeiten. Das gibt der schönen Liebesgeschichte, die ohnehin schon zu den glaubwürdigsten des Altmeisters zählt, erst noch die richtige Würze.

Dabei zählen die Helden, trotz ihrer gelungenen Charakterisierung, sogar insgesamt noch zu unspektakulärsten Figuren des Werks. Bei dem erfahrenen und reserviert-standfesten Anwalt Salter, musste ich bei der Lektüre unweigerlich an Fritz Rasp denken. Das wäre im Falle einer Rialto-Verfilmung eine Paraderolle für ihn gewesen. Auch die geheimnisvolle Mrs. Fane ist eine wunderbar komplexe Persönlichkeit. Noch beeindruckender sind allerdings die Antagonisten aufgestellt. Von dem skrupellosen Digby Groat und seinen plastisch gezeichneten Spießgesellen bis hin zu der kaltherzigen Jane Groat bleiben hier kaum Wünsche offen. Digby Groat gehört insgesamt zu den perfidesten und hinterhältigsten, aber dadurch auch besten Schurken innerhalb des Wallace-Gesamtwerks.

Fazit:

Mit Abstand einer der gelungensten Romane von Edgar Wallace. Doppelbödig, temporeich, detailversessen und enorm atmosphärisch. Kein reines Fließbandprodukt, wie das Entstehungsjahr nahe legen könnte, sondern ein frisches und hochoriginelles Kriminalstück. Umso bedauerlicher ist es, dass Die blaue Hand bis heute noch nicht vernünftig verfilmt wurde* und bei den Aufzählungen der besten Titel des Autors leider auch allzu häufig unter den Tisch fällt.

* Die blaue Hand von 1967 kann man wohl kaum als Verfilmung im eigentlichen Sinne bezeichnen.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

patrick Offline




Beiträge: 2.906

25.05.2015 19:06
#2 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Ich finde die kurzen Inhaltsangaben der mir größtenteils unbekannten Romane wirklich spannend. Sie vermitteln mir sehr gut den Kontrast zu den Verfilmungen. Wie ich da herauslese, hat der Film "Die blaue Hand" rein gar nichts mehr mit dem Roman zu tun. Die Geschichte klingt aber auf jeden Fall sehr reizvoll.

Gubanov Online




Beiträge: 15.291

25.05.2015 21:42
#3 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Ich habe, angeregt durch Mr. Igles Besprechung, das gelungene Hörspiel „Die blaue Hand“ von Titania Medien wieder einmal aus dem Schrank geholt. Das eignet sich gut für Zwischendurch und hat die Erinnerungen an die Romanlektüre wieder aufgefrischt. Ich gehe voll mit bei dem Urteil, dass es sich hier um eines der besten Bücher von Edgar Wallace handelt. Die Atmosphäre im Hause der Groats, der abstoßende Charakter Digby Groats, das Geheimnis der blauen Hand und die verborgene Familiengeschichte sind glaubwürdig und sehr effektiv miteinander verwoben. Da kann man wirklich sagen: Wallace auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Auf dem Einband der Weltbild-Ausgabe befindet sich ein Foto von Peter Cushing. Seitdem mir diese Edition untergekommen ist, habe ich zu Digby Groat tatsächlich entweder Peter Cushing oder aber einen jungen Herbert Lom im Hinterkopf. Eine originalgetreue deutsche Umsetzung hätte ich mir dagegen nicht wirklich vorstellen können. Das Buch ist zwar sehr spannend, aber für einen typischen Rialto-Film zu actionarm. Außerdem weist die Story Parallelen zu „Die seltsame Gräfin“ auf. Erstens hätte man solche Ähnlichkeiten innerhalb der Frühphase (und nur in den Anfangsjahren hätte man den Stoff überhaupt verfilmen können) tunlichst vermieden; zweitens sieht man ja, welches eher suboptimale Ergebnis bei der „Gräfin“ herumgekommen ist. Die Verfilmung von 1967 kann in Hinblick auf die Buchvorlage deshalb nicht einmal als vergebene Chance betrachtet werden.

Eine Neuverfilmung unter Beibehaltung der Wallace-Handlung wäre gut möglich, weil anhand der Groats wunderbar die Verdorbenheit der alten snobistischen Familiendynastien verdeutlicht werden kann. Die Mutter steht unter Drogen, der Sohn ist ein Weiberheld und führt in seinem Labor, wenn ich mich recht entsinne, Experimente nach Art eines Dr. Staletti durch. Die blaue Hand als Zeichen einer Schuld aus der Vergangenheit ist auch für ein heutiges Publikum nachvollziehbar und wirkt im Gegensatz zu anderen Erkennungszeichen / Verkleidungen keinesfalls albern.

Mr. Igle Offline




Beiträge: 70

25.05.2015 23:28
#4 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Zitat von patrick im Beitrag #2
Ich finde die kurzen Inhaltsangaben der mir größtenteils unbekannten Romane wirklich spannend.

Freut mich, wenn ich auf diese Weise eventuell sogar zur Wallace-Lektüre animieren kann!
Zitat von Gubanov im Beitrag #3
Seitdem mir diese Edition untergekommen ist, habe ich zu Digby Groat tatsächlich entweder Peter Cushing oder aber einen jungen Herbert Lom im Hinterkopf. Eine originalgetreue deutsche Umsetzung hätte ich mir dagegen nicht wirklich vorstellen können.

Cushing und Lom sind wirklich sehr passend. Aus deutscher Sicht hätten sich zudem Robert Graf oder Wolfgang Kieling angeboten. Pinkas Braun hätte hier auch gut gepasst, wäre aber innerhalb der Rialto-Reihe wohl schon fast zu stereotyp besetzt gewesen. Eine Rialto-Verfilmung wäre vielleicht auch am Aufwand gescheitert. Man denke nur an die ganze Verfolgungsjagd zum Ende hin zu Land, zu Wasser und in der Luft (inklusive des rasanten Flugmanövers von Steele). So viel Geld hatte die Produktion für einen einzelnen Film sicher nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt, da gebe ich dir vollkommen recht, hätte eine Verfilmung im Zeitrahmen 1960 bis 1962 funktionieren können. International wäre ein jüngerer Orson Welles sicherlich eine Option für Digby Groat gewesen.
Zitat von Gubanov im Beitrag #3
Eine Neuverfilmung unter Beibehaltung der Wallace-Handlung wäre gut möglich, weil anhand der Groats wunderbar die Verdorbenheit der alten snobistischen Familiendynastien verdeutlicht werden kann. Die Mutter steht unter Drogen, der Sohn ist ein Weiberheld und führt in seinem Labor, wenn ich mich recht entsinne, Experimente nach Art eines Dr. Staletti durch. Die blaue Hand als Zeichen einer Schuld aus der Vergangenheit ist auch für ein heutiges Publikum nachvollziehbar und wirkt im Gegensatz zu anderen Erkennungszeichen / Verkleidungen keinesfalls albern.

Da gehe ich absolut mit dir konform, Gubanov! Die Neuverfilmungsdiskussion ist ja in der Frage der Handlungszeit mehr oder minder steckengeblieben. Letztendlich lassen sich Verfilmungsmöglichkeiten ja auch nur bis zu einem gewissen Grad diskutieren. Dennoch werde ich, wenn ich fünf Romane durch habe, einen Sammelbeitrag zu deren Verfilmungsmöglichkeiten im entsprechenden Thema schreiben. Damit wird dieses Thema drüben wenigstens nicht mit Verfilmungsbeiträgen zu jeweils nur einem Roman "geflutet".

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Gubanov Online




Beiträge: 15.291

18.02.2018 16:15
#5 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten



Edgar Wallace: Die blaue Hand (The Blue Hand)

Erstausgabe (Großbritannien): Ward Lock & Co., London 1925. Erstausgabe (Deutschland): Verlag Hesse und Becker, Leipzig 1928. Erstübersetzer: Ravi Ravendro (= Karl Döhring). Leseempfehlung: Weltbild-Verlag, Augsburg 2001 (Doppelband mit „Das Geheimnis der gelben Narzissen“). Erhältliche Hörbuchfassung: Audience / AME hören, Berg 2008 (2 CDs, Sprecher: Johannes Steck).

Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand
Der Anwalt Septimus Salter hat sich bereits daran gewöhnt, dass sein Sekretär Jim Steele mit Eifer in alten Akten liest. Besonders der Fall Danton, in dem es um ein verschwundenes Mädchen und das ihr zustehende Millionenerbe geht, hat es Jim angetan. Dieses Erbe soll in Kürze auf den unausstehlichen Scharlatan Dr. Digby Groat übergehen. Ungefähr zur gleichen Zeit nimmt Jims Freundin Eunice Weldon eine Stellung bei Groat und dessen Mutter auf. Die alte Dame hat kleptomanische Anfälle, verhält sich auch sonst reichlich merkwürdig und ist ihrem Sohn offenbar völlig hörig. Im Groat’schen Haushalt treibt zudem ein Unbekannter sein Unwesen, der blaue Handabdrücke zurücklässt. Diese scheinen eine düstere Bedeutung zu haben, denn Mrs. Groat fällt bei der Erwähnung der „blauen Hand“ in Ohnmacht. Derweil sorgt sich Jim Steele um Eunice, die im Hause der Groats zunehmend in Gefahr gerät, als die Groats bemerken, dass sie eine charakteristische Narbe am Handgelenk hat ...


Dass Edgar-Wallace-Fans hierzulande bei „Die blaue Hand“ zuallererst an Klaus Kinskis Irrenanstalts-Abenteuer mit Metallkrallenmorden denken, ist ein wenig schade, denn der Edgar-Wallace-Roman, von dem sich die Rialto 1967 nicht mehr und nicht weniger als den Titel borgte, überzeugt mit einem deutlich feineren, weniger abgehalfterten Plot, der die Stärken des Autors deutlich zum Tragen kommen lässt. Das Buch „Die blaue Hand“ ähnelt in seiner Grundstruktur insofern der „seltsamen Gräfin“, als hier wie dort eine junge Frau arglos eine Stellung in einem verbrecherischen Haushalt aufnimmt und dadurch in Lebensgefahr gerät. Im Vergleich ist „Die blaue Hand“ allerdings der überzeugendere der beiden Stoffe, denn gerade die Bedrohung, die von den Groats ausgeht, wird absolut eindringlich geschildert. Das macht den Roman sehr spannend, wenngleich er weder über eine Mordserie noch über einen Whodunit verfügt. Vielmehr ergibt sich der Nervenkitzel aus den Familiengeheimnissen und dem willensstarken, durch und durch bösartigen Charakter von Digby Groat.

Groat definiert sich über seine Gier sowohl nach Macht als auch nach Geld: Das bietet die perfekte Gelegenheit, die Geschichte der Danton-Millionen ins Spiel zu bringen, welche die Handlung ebenso wie die Auftritte der unbekannten blauen Hand laufend vorantreibt. Wallace operierte hier wieder einmal nach der Devise „alte Sünden werfen lange Schatten“ und verband ein nur mit Mühe aufzudeckendes, wohl gehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit mit den Vorkommnissen auf der aktuellen Ebene des Buches. Jim Steele gewinnt durch seine Beharrlichkeit an Profil; er ist der typische rechtschaffene Held, dem man aufgrund seiner unermüdlichen Nachforschungen jeden Erfolg gönnt. Dass Eunice Weldon im Hause der Groats jedoch oft auf sich allein gestellt ist, lässt ihn vor allem im Mittelteil des Buches manchmal off limits geraten; hier verstecken sich dann die großen Herausforderungen und Schrecken, die Eunice selbst bewältigen muss.

Wallace ließ, um Digby Groats Abscheulichkeit zu untermauern, Andeutungen von Vivisektions-Horror einfließen, auf den er ein Jahr später in „Die Tür mit den sieben Schlössern“ bei Groats ähnlich widerwärtigem „Nachfolger“ Dr. Staletti noch einmal zurückkommen sollte. Bei der Mutter Jane Groat handelt es sich dagegen um eine im Vergleich komplexere Figur, die einerseits selbst Unrecht ausübte, der aber nun auch Unrecht widerfährt. Hier hätte sich in einer Verfilmung ein großartiger Part für eine erfahrene Filmdiva angeboten. Um Jane Groat dreht sich außerdem auch die Bedeutung der blauen Hand, bei der es sich um ein geradezu tragisches Erkennungszeichen handelt. Im Gegensatz etwa zu kostümierten Bogenschützen verfehlt dieses Symbol seine Wirkung auch auf heutige Leser nicht.

Um ein besseres Bild von Wallace’ Originalfiguren zu vermitteln, hier einige Beschreibungen aus dem Roman:

Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 233
Seitwärts von dem alten tintenbeklecksten Tisch stand ein Stuhl, auf dem ein junger Mann [Jim Steele, Anm. d. Verf.] kniete. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und war in das Studium eines Schriftstücks vertieft. [...] Er war groß und hatte breite Schultern, aber trotzdem waren seine Bewegungen geschmeidig und biegsam. Sein gebräuntes Gesicht erzählte von Tagen, die er draußen im Freien verbracht hatte. Eine gerade Nase, ein fester Mund und ein hartes Kinn gaben ihm das charakteristische Aussehen eines früheren Offiziers, der vier Jahre lang an der Front alle Härten des Krieges mitgemacht hatte. Nun war er etwas verwirrt und sah mehr nach einem bei Unaufmerksamkeit ertappten Schüler aus als ein schneidiger Offizier, der das Viktoriakreuz erhalten und in hartem Luftkampf acht feindliche Flugzeuge heruntergeholt hatte.

Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 239
Der Schreiber öffnete die Tür für einen elegant gekleideten jungen Herrn [Digby Groat, Anm. d. Verf.]. Jim kannte ihn schon von früher, aber je öfter er ihn sah, desto weniger konnte er ihn leiden. Er hätte mit geschlossenen Augen das schmale, wenig freundliche Gesicht mit dem kurzen, schwarzen Schnurrbart, die müden Augen, die blasierten Züge, das große, vorstehende Kinn und die etwas abstehenden Ohren malen können, wenn er ein Zeichner gewesen wäre. Und doch machte Digby Groat in mancher Beziehung einen guten Eindruck, das konnte selbst Jim nicht bestreiten. Sein Anzug war nach dem modernsten und besten Schnitt gearbeitet und stand ihm außerordentlich gut. In dem Zylinder, den er in der Hand trug, hätte man sich spiegeln können, und als er ins Zimmer trat, verbreitete sich ein leiser Duft von Quelques Fleurs.

Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 244f
Sie [Eunice Weldon, Anm. d. Verf.] war von schlankem Wuchs und ging sehr gerade. Etwas Liebenswürdiges und Elegantes lag in ihren Bewegungen, so dass die Herren, die auf den Straßen umherschlenderten, um zu flirten, stehen blieben, wenn sie vorbeiging. Sie ließen sich durch ihre Haltung abschrecken, machten sich aber nachher bittere Vorwürfe, dass sie sie nicht kühn angesprochen hatten. Eunice hatte ein reines, fast madonnenähnliches Gesicht, aber ihre fröhlich lachenden, blauen Augen und ihre schöngeschwungenen Lippen waren sehr lebhaft und schienen nicht gewillt, das Leben in klösterlicher Abgeschlossenheit zu vertrauern. In ihren Augen lag ein eigentümlicher Glanz, in dem sich eine Bitte und auch zugleich eine Warnung ausdrückte. Es lag Reinheit in ihrem ganzen Wesen, in all ihren Zügen, in dem ausdrucksvollen Mund, in dem runden, jugendlichen Kinn. Es lag wie ein Hauch von Taufrische über ihrer weißen, klaren, fast durchsichtigen Haut. Alle Schönheit der Jugend schien in ihr vereinigt zu sein.

Zitat von Edgar Wallace: Die blaue Hand, Weltbild-Verlag, Augsburg 2001, S. 251
Die Frau, die ihm [Digby, Anm. d. Verf.] auf dem Sofa gegenübersaß, sah älter aus, als sie in Wirklichkeit war. Jane Groat war über sechzig, aber manche hielten sie für zwanzig Jahre älter. Ihr gelbliches Gesicht war von vielen Runzeln und Falten durchzogen, und auf ihren blassen Händen traten die blauen Adern hervor. Nur ihre dunkelbraunen Augen machten noch einen lebendigen Eindruck, und in ihrem Blick lag Neugierde, beinahe Furcht. Ihre Gestalt war gebeugt. Ihr Benehmen ihrem Sohn gegenüber war fast kriechend. Sie sah ihm nicht in die Augen – sie sah überhaupt selten jemand an.


Im aufregenden Finale bricht der Roman schließlich seine bis dato eher kammerspielhafte Atmosphäre merklich auf. Details aus den Personenbeschreibungen (vor allem jene, die Jim Steeles Fliegerlaufbahn betreffen) gewinnen auf einmal an Bedeutung. Eine umfangreiche Verfolgungsjagd auf Leben und Tod setzt sich in Gang – auf diese Weise bleibt das Buch bis zur letzten Seite lesenswert, auch wenn sich die meisten Fragen bereits kurz nach der Mitte klären. Insgesamt ist die Mischung zwischen klassischem Krimi und abenteuerlichem Ende exzellent abgestimmt. Sie spricht für Wallace’ untrügliches Gespür für Unterhaltungswerte und macht „Die blaue Hand“ zu einem besonders gelungenen Werk seiner geschäftigsten Arbeitsjahre, das man immer wieder aufs Neue genießen kann.

Das Fehlen einer werkgetreuen Verfilmung ist tatsächlich bedauerlich, zumal sich die Ereignisse im Hause Groat bei behutsamer Dramatisierung gut für einen frühen Wallace-Krimi oder einen schwarzweißen Hammer-Grusler angeboten hätten bzw. sich sogar noch heute für ein period drama im britischen Fernsehstil anbieten würden. Die Wehmut wird allerdings durch die Hörspieladaption von Titania Medien (2005) gelindert (Hörprobe), welche den Roman zwar stark einkürzt, aber mit großem Gespür für das Flair der Vorlage, glaubwürdigen Sprecherleistungen und einer stimmigen Geräuschkulisse umsetzt.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 48

19.02.2018 20:26
#6 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Die blaue Hand hatte ich mal in meiner Jugend gelesen und als nicht so dolle in Erinnerung. Vor kurzem noch Mal in der ungekürzten Weltbild-Ausgabe geschmökert. Aber ich muss zugeben (bitte nicht hauen ), an meinem ersten Eindruck hat sich nicht viel geändert - im Gegenteil. Zu sehr zieht sich die ganze Sache hin.
Selten war der Gegensatz der beiden männlichen Hauptprotagonisten größer, das stimmt. Auf der einen Seite der im Kriege zum Mann gereifte Jim Steele, gutaussehend, ehrlich, bis zum Erbrechen edelmütig und durchaus das Objekt weiblicher Begierden, was er natürlich niemals ausnutzen würde, da er seine Zeit nicht mit billigen Affären vergeuden würde. Gerade das Thema Krieg und seine Formung der männlichen Tugenden auf den Charakter Jim Steels treten in der ungekürzten Fassung viel deutlicher in den Vordergrund als in der später verwässerten Goldmann-Ausgabe. So bezeichnet Steele ein paar abenteuerlustige Jungen als "die zukünftigen tapferen Soldaten im nächsten Krieg" , oder so ähnlich, genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr . Das ist doch schon recht heftig, entsprach sicher aber dem damaligen Zeitgeschmack.
Da nimmt es nicht wunder, das der Gegenspieler Digby Groat recht bald als "Drückeberger" entlarvt wird. Daneben ist er geldgierig und ziemlich lüstern, wenn es um Frauen geht, ansonsten natürlich feige, hinterhältig und auch brutal. Außerdem ist er das Oberhaupt der "Bande der Dreizehn", was aber leider fast gar nicht weiter an Bedeutung gewinnt.
Eunice Weldon ist die übliche Schönheit. Und natürlich die übliche Millionenerbin. Das vermutet Jim Steele schon die ganze Zeit, wobei ich mich immer gefragt habe, warum er das tat ? Eigentlich gab es keinen Grund dazu.
Und während sich zwischen Jim Steele und Eunice Weldon eine sachte Romanze zu entspinnen beginnt, will der ruchlose Digby Groat natürlich schneller zum Ziel kommen und setzt hierbei auch unlautere Mittel ein. Steele ahnt das natürlich, schleicht sich bei Groat ein, wird ertappt, ist dann wieder zu edel, seinen Verdacht Eunice mitzuteilen, schleicht sich wieder ein ... usw. usw. Ehrlich, die ersten beiden Drittel des Romans hätte man mühelos auf ein Drittel reduzieren können. Irgendwann beginnt dann die Flucht des schurkischen Groat mit der entführten Eunice im Gepäck, und hier wird die Handlung dann tatsächlich temporeicher. Aber obwohl sie nun wirklich fast willenlos in seiner Gewalt ist, ihn gar als "Mischling mit allen negativen Eigenschaften" beschimpft (so was dürfte man heute nicht mehr schreiben ) und Groat eigentlich nichts mehr zu verlieren hat, benimmt er sich seltsam anständig ihr gegenüber - eigentlich wenig glaubhaft für so einen verderbten Wicht wie Digby. Aber sogar die recht spannend dargestellte Flucht zieht sich doch sehr in die Länge. Irgendwann ist dann mal Schluss, und Jim kann seine hart erkämpfte Eunice endlich in die Arme schließen.

Hm, ich kann echt nicht sagen, dass ich den Roman unter den Top-Titeln verorten würde. Da hat mir die weiter oben angesprochene "seltsame Gräfin" beim nochmaligen Lesen wesentlich besser gefallen. Naja, hängt vielleicht auch mit dem Alter zusammen. Und mit dem persönlichen Geschmack. Edgar Wallace ist für mich eben immer mysteriöse Maskierte, geheime Banden, Falltüren, Gänge, Nebel .... Davon hat die blaue Hand nicht allzuviel anzubieten, in gewisser Weise ist es eben ein "erwachsener" Roman, den man sicher deshalb schätzen kann. Immerhin ist der Schlussteil wirklich rasant geschrieben, und es gibt auch schlechtere Werke aus Wallace' Feder...

Gubanov Online




Beiträge: 15.291

19.02.2018 21:00
#7 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Eine interessante Gegenargumentation. Zum Roman "Die blaue Hand" habe ich bisher tatsächlich noch keine so kritische Stimme gehört. Aber in der Tat ist der Roman nicht so actionreich wie einige andere Wallace-Stoffe und wartet nicht mit den typischen Banden- oder Superschurken-Insignien auf. Die militärischen und politisch unkorrekten Spitzen sind zeitgeistig und sollten nicht von einem heutigen Standpunkt aus bewertet werden. Und was die Erfüllung typischer Rollenbilder ("die übliche Schönheit ... die übliche Millionenebin ... der edle Retter ... der verderbte Wicht") angeht, so verbuche zumindest ich das ganz klar bei den Pluspunkten, zumal die Figuren mehr als bloße Abziehbilder sind.

Alles in allem ist "Die blaue Hand" für mich (auch trotz der genannten Logikfehler; die Annahme Jims, Eunice könne die Erbin sein, als dafür noch keine Anzeichen vorliegen, fiel mir auch als etwas bemüht auf) auf jeden Fall in der Wallace-Top-10, eventuell sogar -Top-5, zu verorten. Bzgl. des qualitativen Vergleichs mit der "seltsamen Gräfin" steht meine Tendenz schon im vorherigen Beitrag; ich müsste sie im Detail aber noch einmal gegenprüfen, weil die "Gräfin" bei mir schon wieder eine Weile her ist.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 48

20.02.2018 18:14
#8 RE: Die blaue Hand (1925) Zitat · antworten

Mir persönlich machen die politischen Unkorrektheiten gar nichts aus, deswegen lese ich alte Romane in der Originalfassung besonders gerne, wenn sie nicht von irgendwelchen Weltverbesserern weichgespült worden sind. Aber mir ist nur aufgefallen, wie sehr sich Wallace hier von seiner zweifellos vorhandenen Abneigung gegenüber Südländern hat hinreißen lassen (Digbys unehelicher Vater war ja Spanier). Immerhin bringen einen auch solche Passagen den Autoren näher, ob man es nun teilt oder nicht. So ist es auch mit der Vorliebe fürs Militär, ich kann dem nun wenig abgewinnen und würde auch keine von E.W. zahlreichen Kriegsromanen lesen, aber so war nun mal die Zeit und es hatte sicher auch alles seine Berechtigung. Was die Klischees und Rollenbilder angeht, so stört das wenig, ist eben Wallace. Du hast da auch recht, dass die Mutter von Digby eine nicht so schablonenhafte Figur ist, erst war sie sozusagen Täterin und wurde dann das Opfer ihres herrschsüchtigen Sohnes. Das ist übrigens eine genaue Gegenkonstellation zu der "seltsamen Gräfin", die ihren Sohn fast schon grausam dominierte und er sich im Verlauf der Handlung langsam aus ihren Fängen befreite (Freud lässt grüßen...). Gerade diese Geschichte hat mir bei der "Gräfin" gut gefallen, wenngleich es sicher auch nicht der Top-Roman ist. Aber das kann man ja mal gesondert besprechen...

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