Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 70 mal aufgerufen
 Romane
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 81

18.09.2018 12:36
Die seltsame Gräfin (1925) Zitat · antworten

Die seltsame Gräfin

Originaltitel: The Strange Countess
Erscheinungsjahr: 1925


Hauptpersonen:

Lois Margaritta Reddle: junge Sekretärin
Michael Dorn: Privatdetektiv
Leonora Moron: die "seltsame" Gräfin
Selwyn Moron: ihr unterdrückter Sohn
Elizabeth Smith: Freundin von Lois
Mary Pinder: Strafgefangene, angebliche Mörderin
Chesney Praye: unsympathischer Bekannter der Gräfin
Doktor Tappat: zweifelhafter Arzt
Mr. Shaddle: Rechtsanwalt
Braim: Hausmeister im Hause Moron
Mr. Mackenzie: geheimnisvoller Vermieter
Mrs. Rooks: Gehilfin von Dr. Tappat


Handlung:


Margaret Reddle, eine nette junge Frau, gibt ihren Arbeitsplatz im Büro des Rechtsanwaltes Mr. Shaddle auf, um eine neue gutbezahlte Stellung im Hause der Gräfin Leonora Moron anzutreten. Als letzte Amtshandlung für Shaddles Kanzlei soll sie eine Angelegenheit im Frauengefängnis Telsbury regeln. Dort erregt eine langjährige Gefangene, Mary Pinder, ihre Aufmerksamkeit. Recht bald schon kommt Lois der Verdacht, dass Mary Pinder ihre leibliche Mutter ist. Diese Begebenheit wird hier von Edgar Wallace ungewohnterweise ziemlich fix gleich am Anfang abgehandelt, natürlich spielt auch wieder die unvermeidliche Narbe irgendwo am Körper der schönen jungen Heldin ihre zugewiesene Rolle. Lois beschließt, genauer nachzuforschen und die Unschuld ihrer mutmaßlichen Mutter und verurteilten Mörderin zu beweisen, an die sie fest glaubt.
Lois hat aber noch ein anderes Problem. Auf Schritt und Tritt folgt ihr der junge Michael Dorn, offenbar ein hartnäckiger Verehrer. Ihre Kollegin, Mitbewohnerin und beste Freundin Lizzy Smith ist mit ihrem eher schlichteren Gemüt sofort Feuer und Flamme für den attraktiven Mann, doch Lois gibt sich zurückhaltend. Sie entkommt um Haaresbreite einem "Verkehrsunfall", wobei auch hier Mike Dorn in der Nähe ist, und später stiehlt er sogar mitten in der Nacht eine Schachtel erlesener Pralinen aus Lois' Schlafzimmer, von denen sie glaubte, dass er sie ihr geschickt hatte. Doch nun beginnt sie ihren Job im prächtigen Stadthaus der Morons. Die stattliche Gräfin entpuppt sich bald als zwar vordergründig höfliche, aber kalte und herrschsüchtige Frau. Besonders ihr Sohn, Lord Selwyn Moron, leidet unter ihrer offenkundig zur Schau getragenen Verachtung für ihn. Selwyn, obschon lange der Kinderzeit entwachsen, hängt immer noch an ihrem Rockzipfel, wofür sie auch alles tut. Doch er hat neben seiner Schwächlichkeit auch eine andere Seite, er ist elektrotechnisch sehr begabt und spitzelt seiner dominanten Mutter und ihren ominösen Bekannten heimlich hinterher.
Bald stellt sich heraus, dass der geheimnisvolle Michal Dorn ein bekannter Privatdetektiv ist, welcher offensichtlich ein berufliches Interesse an der hübschen Miss Reddle hat. Denn er ist auch hier in ihrer Nähe. Lois kommt auch nicht zur Ruhe, denn sie überlebt nur mit Mühe und Not den Absturz ihres baufälligen Zimmerbalkons. Glücklicherweise wird sie von Braime, dem Hausmeister, gerettet, den sie bisher immer abstoßend fand. Allmählich beschleicht sie ein ungutes Gefühl, sie sehnt sich sogar nach ihrem bisher unwillkommenen "Schatten" Mike Dorn, welcher ihr schon lange geraten hat, überall gut aufzupassen.
Bald lernt Lois Reddle auch Chester Praye kennen, ein trotz seiner eleganten Kleidung recht ordinärer und unsympathischer Mann. Sein plumpes Auftreten scheint die Gräfin nicht zu düpieren, man spricht sogar von einer Heirat der beiden. Offenbar hat auch eine so kalte Frau wie Gräfin Moron ein Herz, oder steckt mehr dahinter ? Das vermutet auch Selwyn, der Praye verabscheut, genauso wie den Dr. Tappat, einen anderen zweifelhaften Bekannten der Gräfin, einen Trinker und Scharlatan. Michael Dorn kennt die kriminelle Vorgeschichte der beiden Herren, was ihn natürlich nicht beliebt macht. Drohungen werden ausgetauscht. Lois Reddle möchte ihre Stellung im Hause der Gräfin am liebsten wieder aufgeben, zumal plötzlich der Hausmeister Braime in lebensgefährlichem Zustand in der Bibliothek liegt...
Nach einigem Hin und Her beschleunigt sich die Handlung, Lois wird entführt und Michael Dorn gerät in große Gefahr, als er sie aufspüren will, derweil auch Lizzy Smith und der junge Lord Moron nicht untätig sind. So endet alles in einem dramatischen Finale wieder im Hause der "seltsamen Gräfin", das Geheimnis der Mary Pinder und ihrer Tochter wird aufgeklärt, denn letzten Endes geht es wieder einmal um ein Millionenvermögen, das nach Willen der Schurken nicht in die rechten Hände gelangen soll. Natürlich gibt es auch wieder ein Happyend, diesmal sogar in zweifacher Ausführung...


Bewertung:

Auch "Die seltsame Gräfin" ist einer von Edgar Wallace' bekannteren, wenngleich wohl auch unbeliebteren Romanen. Das Tempo ist zugegebenermaßen gemächlicher als sonst. Es gibt, zumindest in der Haupthandlung, nicht mal eine respektable Leiche, wenngleich jede Menge Mordanschläge auf die Helden, aber auch Nebenfiguren. Andererseits nimmt sich der Autor mehr Zeit, die handelnden Personen und ihre Beziehungen zu beschreiben. Gerade die vertraulichen Gespräche zwischen den beiden Freundinnen Lois Reddle und Lizzy Smith bringen eine besondere und auch oft heitere Note in die Handlung ein. Sie erscheinen recht lebensnah. Der Gegensatz zwischen der ernsten, etwas schwermütigen und zurückhaltenden Lois sowie der einfacheren, gutmütigen und vor allem praktischen Lizzy gibt dem Ganzen zumindest zwischenmenschlich eine gewisse Würze.
Besonders gefallen hat mir der Konflikt zwischen der herrischen Gräfin Moron und ihrem kleingehaltenen Sohn. Edgar Wallace war ein guter Beobachter von Menschen, alleine schon die Tatsache, wie das Personal dem armen Selwyn die gleiche Verachtung entgegenbringt wie seine Mutter, hat bestimmt irgendwo eine reale Vorlage. Grausamerweise verletzt sie ihn mit einem Obstmesser, körperliche Strafe wechselt sich ab mit psychischer Demütigung. Aber praktischerweise findet der gar nicht mal so dumme und ungeschickte Lord in der netten Lizzy Smith eine Helferin, sich aus den Fängen der übermächtigen Gräfin zu lösen und ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Im Prinzip ist diese "Nebenhandlung" interessanter als die eigentliche konventionelle Liebesgeschichte zwischen Lois Reddle und Mike Dorn. Aber andererseits spielt Wallace auch wieder sehr mit dem klischeehaften Wunschbild vieler junger Frauen der damaligen (und wohl auch heutigen) Zeit, einen reichen Adligen zu heiraten. Rosamunde Pilcher lässt grüßen... Nebenher kommen einem Selwyn und Lizzy auch vor wie ein paar große Kinder auf Abenteuerpirsch, irgendwie schon komödienhaft. Aber die Liebesgeschichte zwischen Mike Dorn und Lois Reddle ist daneben sehr steril.
Die Schurken der Geschichte sehen schon äußerlich wie ebensolche aus - der pöbelhafte aber geschniegelte Chesney Praye ebenso wie der alkoholkranke und schmuddelige Doktor Tappat, eher ein unglaubwürdiger Umgang für so eine feine Dame wie die Gräfin Moron.
In diesem Buch herrscht eher längere Zeit "Mystery"-Stimmung, eine dunkle Bedrohung liegt über der jungen Heldin, die nach und nach und gerade zum Ende hin handfeste Formen annimmt. Hier ist es auch wieder ein typischer Wallace, mit action, Verfolgungen, einer bösen geldgierigen Gehilfin und brennenden Häusern, bis hin zur Auflösung all der Geschehnisse. Allerdings gibt es eben auch viel zu viele Längen, ein ewiges Verstecken der beiden Frauen von Dr. Tappatt vor Mike Dorn, unverständlich auch, dass der keine Helfer dabei hat und alles alleine erledigt. Die Figur der peitschenschwingenden Handlangerin Mrs. Rooks soll wohl noch ein wenig Schaueratmosphäre verbreiten, genau wie die beiden aggressiven indischen Wachhunde auf einem versteckt liegenden Anwesen. Diese Gruselelemente kommen aber ein bisschen spät.
Auffällig ist die Einführung des alten geigenspielenden Mr. Mackenzie, einem Vermieter und Nachbarn der beiden Mädchen in ihrer gemeinsamen Wohnung. Seine Funktion im Buch ist nicht so ganz klar. Da er in seiner Jugend, wie er häufig erwähnt, mal von einer jungen Schauspielerin fürchterlich betrogen wurde, erwartet man als geübter Wallace-Leser eigentlich, dass sich Gräfin Moron zu guter Letzt als ebenjene Dame herausstellt. Doch das ist irgendwie untergegangen, ich nehme mal an, dass es der Autor schlicht vergessen hat.
Ohne Zweifel hat E.W. Aufregenderes geschrieben, aber beim nochmaligen Lesen nach längerer Zeit war ich eher überrascht über dieses Buch, das sich recht gefällig liest, das aber auch beruhigt längere Zeit mal aus der Hand gelegt werden kann. Der Wallace-Freund sollte es auf jeden Fall einmal damit versuchen, aber auch jeder andere Krimileser, der nicht unbedingt eine bluttriefende Schauerstory konsumieren will.


Buch:

Gelesen habe ich die Weltbild-Ausgabe (zusammen mit Das Geheimnis der Stecknadel). Der Roman hat da knapp über 200 Seiten und ist von Wallace' Stammübersetzer Ravi Ravendro ins Deutsche übertragen.


Verfilmung:

"Die seltsame Gräfin" ist in gewisser Weise ein Unikat in der Wallace-Reihe. Der Film von 1961 versammelt neben den "üblichen Verdächtigen" einmalig auch einige bekannte UFA-Stars. So ergibt sich ein merkwürdiges Spiel von Jung und Alt nebeneinander her. Den forschen Scotland-Yard (!)-Detektiv spielt Joachim Fuchsberger, eigentlich wie immer so, wie man es gewohnt ist. Briggite Grothum als (hier:) Margaret Reedle gibt ihren Wallace-Einstand, des weiteren spielt einmalig Edith Hancke als Lizzy Smith mit und kommt ihrer literarischen Vorlage schon recht nahe, genauso wie Eddi Arent als Lord Selwyn Moron, der für den etwas komischen, unter der Fuchtel seiner übermächtigen Mutter stehenden Sohn der "seltsamen" Gräfin im Rahmen der Wallace-Schauspieler wohl die Idealbesetzung ist. Fritz Rasp als Vertreter der alten Schauspiel-Generation hat es, hier als Rechtsanwalt Shaddles, auf immerhin fünf Wallace-Auftritte gebracht. Dagegen wird die titelgebende Figur, Gräfin Eleonora Moron, von Lil Dagover dargestellt, die mal ein Superstar der Dreißiger Jahre gewesen sein muss. Auch Marianne Hoppe als Mary Pinder und Rudolf Fernau als gewissenloser Doktor Tappatt sind einmalig mit von der Partie, während Richard Häusler in der Figur des verbecherischen Chester Praye hier nur zum ersten Mal bei Wallace erscheint. Reinhard Koldehoff stellt den Butler John Addams (als Ersatz für Braime) dar, wie immer mit finsterem Schurkengesicht, aber doch auf der guten Seite. Last but not least gibt es hier noch eine hinzugedichtete Figur, die allerdings einen Großteil des Unterhaltungswertes des Filmes ausmacht - den Irrenhauspatienten Stuart Bresset, der, wie könnte es anders sein, von Klaus Kinski in Szene gesetzt wird. Es ist vielleicht tatsächlich sein "irrster" Auftritt in der Filmreihe. Im Prinzip wurde sich großteils an der Buchvorlage orientiert. Die Gräfin wohnt hier nicht in einem Stadthaus, sondern außerhalb auf "Schloss Cornaflet" (oder so ähnlich). Natürlich musste die gemächliche Romanhandlung etwas dramatisiert werden, so ist denn der der arme Butler nicht nur fast, sondern richtig tot, und zum Schluss purzeln die Leichen dann, aber auch bei weitem nicht so viel wie in anderen Wallace-Filmen. Das Tempo des Filmes ist im Vergleich zu dem seiner Vorgänger doch oft stark ausgebremst. Doch es gibt auch viele schaurige Aspekte, die Szenen im Irrenhaus des bösen Dr. Tappat, wo Margaret in den geheimen Keller zu den Verrückten gesperrt wird, habe ich immer sehr gruselig gefunden. Auch die beständige Bedrohung von Margaret Reedle durch den wahnsinnigen Klaus Kinski (wie er im Film heißt, habe ich erst durch das Internet erfahren) ist meistens gelungen, manchmal schon unfreiwillig komisch. Psychoterror per Telefon wechselt hier ab mit tatsächlichen Mordanschlägen, die das junge Ding Gottlob alle ohne einen Kratzer überlebt. Das theatralische Schauspiel der "alten Garde", allen voran natürlich die seltsame Lil Dagover, nötigt dem Zuschauer schon ein wenig Toleranz ab, aber auch Marianne Hoppe und Rudolf Fernau agieren wie die Figuren einer Theaterbühne in ihrer aufgesetzten Gutheit oder Schlechtheit. Da lobt man sich doch Blacky Fuchsberger, wie immer etwas ruppig, draufgängerisch und männlich.
So bleibt denn ein Film mit einigen Längen, doch auch einigen spannenden Wallace-typischen Szenen übrig. Ist, genauso wie der Roman, eben Geschmackssache. Er zählt aber auf jeden Fall zu den Werken, die noch den Geist der Buchvorlage atmen, was man ja von späteren Titeln nicht immer behaupten kann.

 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen