Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 54 mal aufgerufen
 Giallo Forum
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.388

13.08.2017 14:28
My Dear Killer / Time to Kill, Darling (1972) Zitat · antworten



BEWERTET: "Time to kill, Darling!" (Mio caro assassino / My dear killer / Sumario sangriento de la pequena Stefania) (Italien / Spanien 1972)

mit: George Hilton, Salvo Randone, William Berger, Manolo Zarzo, Patty Shepard, Piero Lulli, Helga Liné, Tullio Valli, Dante Maggio, Dana Ghia, Monica Randall, Alfredo Mayo, Corrado Gaipa, Marilú Tolo u.a. | Drehbuch: Franco Bucceri, José G. Maesso, Roberto Leoni, Tonino Valerii | Regie: Tonino Valerii

Der ehemalige Versicherungsdetektiv Paradisi wird in einer Baugrube von einem Bagger geköpft. Der Fahrer der Firma wird kurz darauf ebenfalls ermordet. Inspektor Luca Peretti stellt bald einen Zusammenhang zwischen den zwei Morden und der Entführung der kleinen Stefania Moroni her, die in einem Bunker nahe der Baugrube tot aufgefunden wurde. Wer steckt hinter diesen Verbrechen? Was wissen die Angehörigen des Kindes? Und wie viele Zeugen werden noch beseitigt werden?

Die goldene Regel des Giallo, dass ein Privatmann selbst Ermittlungen anstellt, während sich die offizielle Polizei zurückhält, wird hier aufgehoben. Die prominente Besetzung der Inspektorenrolle verleiht dem Film Seriosität und verhindert eine gewisse Willkür, wie sie in anderen Vertretern des Genres oft zu sehen ist. George Hilton meistert seinen Part als Repräsentant des Gesetzes mit stoischer Gelassenheit, was ihn umso glaubwürdiger macht, weil er trotz intensiven Engagements nicht der panischen Verzweiflung das Wort redet, wie es gern der Fall ist, wenn Zeugen sterben und Beweismittel vernichtet werden. Er untermauert seine Rolle mit dem Tragen einer Lesebrille und arbeitet eng mit seinen Kollegen zusammen, was ebenfalls für die Ernsthaftigkeit des Stoffes spricht. Man begegnet sich bereits an den Tatorten höflich und präzise delegierend und zeigt damit, dass Ermittlungen immer ein Gemeinschaftsprodukt und selten das Ergebnis von Alleingängen sind. Trotz der drastischen Wahl seiner Mordmethoden spielt der Film nicht in der Liga der Sleaze- oder Splatterfilme, sondern erzählt die Geschichte der Entführung und Ermordung von Vater und Tochter Moroni, die aus ihrem paradiesischen Umfeld gerissen wurden und in einem abgelegenen Versteck ein trauriges Ende fanden. Das melancholische Musikthema von Ennio Morricone unterstreicht die Tiefe, welche der Stoff durch die Trauer und den Verlust der beiden Familienmitglieder erhält. Um die aktuellen Morde aufklären zu können, muss Inspektor Luca Peretti zunächst die Spuren in die Vergangenheit verfolgen. Und wie immer, wenn trübes Wasser aufgewühlt wird, kommen auch unerfreuliche Tatsachen an die Oberfläche. Die Personen sehen sich gezwungen, sich unangenehmen Erinnerungen zu stellen und ihre Beziehungen werden auf eine starke Probe gestellt, weil Hass, Unzufriedenheit und Ansprüche lange zurückgestellt worden waren. Die einfühlsame, aber unaufdringliche Präsenz von Inspektor Peretti federt die Gefühlsausbrüche der Befragten ab und kanalisiert die erhaltenen Informationen zu einem großen Ganzen. Es wundert daher wenig, dass er sich am Ende bei der Überführung der Methode eines Berufskollegen wie Agatha Christies Poirot bedient und den Täter nicht bei einer Messerstecherei in finsterer Gasse, sondern im eleganten Salon des Familienanwesens entlarvt. Die Deduktion erfolgt klärend und spannend zugleich.



George Hilton (geb. 1934 in Montevideo / Uruguay) entpuppt sich immer mehr als einer meiner liebsten Giallo-Schauspieler. Er beweist in "Time to kill, Darling!", dass er weitaus mehr kann als nur den mit allen Wassern gewaschenen Lebemann und Liebhaber zu spielen. Seine angenehme Zurückhaltung dominiert die Handlung auch ohne Faustkämpfe oder brillante Intrigen. Patty Shepard als Lehrerin Paola Rossi darf einige der markantesten Szenen des Films begleiten: die unheimliche Ausleuchtung der Gassen auf ihrem Nachhauseweg, die subjektive Kamera bei der Bedrohung durch einen Eindringling und der Schrecken, den sie zuerst im Hausflur und dann auf ihrer Etage erlebt, sichert ihr nicht nur Sympathiepunkte, sondern verleiht ihr auch Glaubwürdigkeit. Mitleid erwecken die Szenen mit der alten Frau bei dem Altschrottsammler oder jene Rückblenden, in denen das fröhliche Glück der kleinen Stefania gezeigt wird. Schockmomente wie der Sprühregen aus Blut im Badezimmer oder die Auffindung der verwesten Leichen im Bunker sind kurz, aber nachhaltig und verleihen dem Film neben dem erwünschten Grusel auch Betroffenheit. Wieder einmal sind mehrere Schreiber für das Drehbuch verantwortlich, was diesmal aber nicht zu einem unausgewogenen Tauziehen der Ideen führte, sondern zum Beleuchten mehrerer Aspekte. Von einer stilvollen Ästhetik sind neben den Szenen in der Villa auch jene auf dem Postamt, als die Ermordung einer Zeugin in Echtzeit gezeigt wird. Beiläufige Hinweise auf weitere schwelende Glutherde unter der Oberfläche der konservativen Prosperität liefern das Auftauchen eines nackten Mädchens und Hinweise auf alte Rechnungen, die innerhalb der Familie noch offen sind. Es zeigt sich wieder einmal, dass man immer etwas findet, wenn man nur tief genug gräbt und der schöne Schein und die weiß getünchte Fassade oftmals Abgründe verdecken. So unaufdringlich wie der Titelscore von Morricone ist deshalb auch die Auflösung, die von Inspektor Peretti sachlich vorgetragen wird, obwohl er sichtlich bewegt und zugleich erleichtert ist, endlich reinen Tisch machen zu können.

Spannender Thriller mit allen Zutaten eines Giallo, der eine tragische Geschichte erzählt, ohne dabei auf die Stärken des Genres zu verzichten: schwarzbehandschuhter Killer, bedrohte Frauen und zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die zur tödlichen Waffe werden. 4 von 5 Punkten

PS: Es ist ungewöhnlich, dass ich als quasi noch grüner Giallo-Neuling hier einen Thread eröffnen kann. Ich war erstaunt, dass es zu diesem Film noch kein eigenes Thema gab.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.587

13.08.2017 14:48
#2 RE: My Dear Killer / Time to Kill, Darling (1972) Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #1
PS: Es ist ungewöhnlich, dass ich als quasi noch grüner Giallo-Neuling hier einen Thread eröffnen kann. Ich war erstaunt, dass es zu diesem Film noch kein eigenes Thema gab.

So feucht hinter den Ohren bist du ja nun gerade nicht mehr im Giallo-Bereich nach deinen zahlreichen Besprechungen in diesem Jahr, die ich immer gern lese, weil sie neue Blickwinkel auf die Filme, hinter denen sich mehr als nur Gewalt und Nacktheit verbirgt, offenbaren. Wenn ich diesen Review lese, bin ich tatsächlich überrascht, dass sich zu einem so klassischen Giallo hier noch nicht geäußert wurde. Aber das sollte Ansporn sein, dies bald nachzuholen.
Zitat von Percy Lister im Beitrag #1
George Hilton (geb. 1934 in Montevideo / Uruguay) entpuppt sich immer mehr als einer meiner liebsten Giallo-Schauspieler.

Das hätte ich vorher gar nicht so vermutet, weil er doch oft den verwegenen Hallodri spielt. Aber da Hilton ja in nicht gerade wenigen Genreperlen zu sehen ist, von denen dir auch noch einige ausstehen, dürfen wir uns wohl auf weiteres Lesefutter hier im Giallo-Forum freuen.

Ray Offline



Beiträge: 642

13.08.2017 20:57
#3 RE: My Dear Killer / Time to Kill, Darling (1972) Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #1
George Hilton (geb. 1934 in Montevideo / Uruguay) entpuppt sich immer mehr als einer meiner liebsten Giallo-Schauspieler.


Kann ich gut verstehen. Geht mir genauso, auch wenn ich im Giallo nicht so bewandert bin. Aber in "Der Killer von Wien", "Der Schwanz des Skorpions", "Die Farben der Nacht", "Das Geheimnis der blutigen Lilie" und eben "Der schöne Körper der Deborah" hat er mich stets überzeugen können.

Insofern hat deine Besprechung von "My dear killer" durchaus mein Interesse geweckt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.388

13.08.2017 21:05
#4 RE: My Dear Killer / Time to Kill, Darling (1972) Zitat · antworten

Zum Glück habe ich noch ein paar "Hilton-Gialli" auf der hohen Kante: "Das Geheimnis der blutigen Lilie" und "Die Farben der Nacht". Es werden also noch weitere Berichte folgen. Ich halte zudem Ausschau nach günstigen Online-Gelegenheiten, die sich bei Versteigerungen oft bieten.

 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen