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Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

21.04.2019 20:15
Die nackte Bourgeoisie (1977/78) Zitat · Antworten



Die nackte Bourgeoisie (Ritratto di borghesia in nero)

Erotikdrama, IT 1977/78. Regie: Tonino Cervi. Drehbuch: Tonino Cervi, Cesare Frugoni, Goffredo Parise (Buchvorlage „La maîtresse de piano“, 1949: Roger Peyrefitte). Mit: Ornella Muti (Elena Mazzarini), Senta Berger (Carla Richter), Stefano Patrizi (Mattia Morandi), Christian Borromeo (Renato Richter), Capucine (Amalia Mazzarini), Paolo Bonacelli (Paolo Mazzarini), Mattia Sbragia (Edoardo Mazzarini), Maria Monti (Linda), Eros Pagni (Kommissar), Giancarlo Sbragia (Maffei) u.a. Uraufführung (IT): 3. März 1978. Uraufführung (BRD): 17. November 1978. Eine Produktion der Mars Film Produzione für CIC Cinema International Corporation.

Zitat von Die nackte Bourgeoisie
Als Mattia Morandi wegen seines Klavierstudiums nach Venedig zieht, fällt es ihm nicht schwer, Anschluss zu finden. Renato Richter, ein Kommilitone, stellt ihn seiner Mutter Carla vor. Carla und Mattia beginnen ein stürmisches Verhältnis, das abrupt beendet wird, als Mattia Elena kennenlernt, die Carla als zukünftige Frau für ihren Sohn auserkoren hat. Nicht nur muss sich Mattia nun zwischen der erfahrenen Frau und dem jungen Mädchen entscheiden; auch überrascht ihn die Vehemenz, mit der beide Frauen um ihn kämpfen. Eine ist sogar bereit, für ihre Liebe über Leichen zu gehen ...


Angesiedelt im Venedig der späten 1930er Jahre, balanciert „Die nackte Bourgeoisie“ für den größten Teil der Spielzeit auf einem feinen, espritvollen Grad zwischen Gesellschaftsdrama und Romanze, wobei den amourösen Verflechtungen der hochwohlgeborenen, aber nach dem Börsenkrach verarmten Familie Richter immer etwas Unstatthaftes anhaftet. Man begegnet der alleinerziehenden Mutter Carla, deren aufreizendes Verhalten von Anfang an große Anziehungskraft ausübt. Nichtsdestotrotz wundert man sich über ihren sonderbaren Umgang mit ihrem offenbar homosexuellen Sohn, den sie bereits mit 17 Jahren gebahr. Dem ortsfremden Mattia Morandi ebnen die Richters trotz ihrer unkonventionellen Art den Weg in die venezianische Oberschicht, deren „schwarzes Porträt“ von Tonino Cervi in eher künstlerischen als gesellschaftskritischen Impressionen festgehalten wurde. Von anderen italienischen Filmen ähnlicher Machart unterscheidet sich „Die nackte Bourgeoisie“ dahingehend, dass sie dem Zuschauer keine Urteile in den Mund legt, sondern ihm die Position des ruhigen, aber dafür nicht immer distanzierten Beobachters überlässt.



Man kommt den Hauptfiguren dabei sowohl seelisch als auch körperlich sehr nah, was den Film trotz seiner langen Laufzeit und der Tatsache, dass sich erst kurz vor Schluss eine kriminelle Handlung zuträgt, spannend hält. Zu Beginn dominiert Senta Berger in einer Rolle die Szenerie, die erste Alterungserscheinungen thematisiert und sie zu einer reifen, erfahrenen Protagonistin macht. Später bringt das Auftreten der schönen jungen Elena die ältere Carla aus dem Konzept; mit der Verschwenkung der Aufmerksamkeit auf Ornella Muti kommt der Berger nun plötzlich eine verzweifelte, bettelnde Rolle zu. Der Kontrast zwischen den beiden Schauspielerinnen und ihren Rollen wurde von Cervi exzellent herausgearbeitet, zumal beide sowohl ihre attraktiven als auch ihre abgrundtief hässlichen Seiten zeigen dürfen. Muti spielt zurückhaltender als Berger, aber nicht weniger raffiniert und bringt sowohl Mattia als auch den Zuschauer sukzessive auf ihre Seite. In Stefano Patrizi kann sich die Produktion im positiven Sinne auf ein Milchgesicht verlassen, denn dass Mattia letztlich nur ein Spielball der beiden willensstarken Frauen ist, steht außer jeder Frage. Eine morbid-abseitige Schlagseite verleiht auch Christian Borromeo dem Geschehen, der mit seinem pikanten Humor und seiner doppelbödigen Rolle die Eskalation zusätzlich befeuert und letztlich den größten Verlust verbuchen muss.

Selbst die nicht perfekt restaurierte Fassung des Films verrät dessen optische Schönheit auch abseits der Körper von Berger und Muti. Das innerlich wie äußerlich in Verfall geratene Venedig, hinter dessen imposanten Fassaden sich nicht selten Schulden, Perversionen oder Profilierungssucht verbergen, bildet den idealen Rahmen für das mit großer Geste erzählte Geschehen. Es versprüht ebenso wie die elegische Musik von Vince Tempera einen dekadenten, weltentfremdeten Charme, der dem Zuschauer die gedankliche Reise durch Zeit und Gefühle erleichtert. Auch wenn sich der Film im Wesentlichen als Drama versteht, so sorgen erpresserisches Vorgehen und ein überraschender Mord sowie dessen Vertuschung in der zweiten Hälfte für zusätzliche Zuspitzung. Auf diese Weise gelingt es der „nackten Bourgeoisie“, zwar mit einer Heirat zu enden, diese aber keineswegs als kitschige Versöhnung, sondern vielmehr als bitteren Preis zu verstehen.

Stilvolles Drama mit schillernden Charakteren vor gehobenen Kulissen. Die erotische Komponente mindert nicht den hochwertigen Eindruck, den das Gesellschaftsporträt mit der charismatischen Doppelspitze Berger / Muti hinterlässt, weil sie nicht selbstzweckhaft zum Einsatz kommt, sondern sich stimmig aus der statisch aufgeladenen Atmosphäre ergibt. 4,5 von 5 Punkten für Zuschauer, die nicht nur auf den raschen Thrill aus sind.

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