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Dieses Thema hat 14 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

26.12.2014 13:30
Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Hollywoods heitere Stunden
Amerikanische Liebesfilm- und Komödienklassiker


Neben den glitzernden Stars und Starlets, berühmten Produzenten und großen Budgets denkt man bei der Erwähnung von Hollywood-Filmen vor allem an leichte, unbeschwerte Unterhaltung. Den Erzeugnissen aus der weltbekannten Filmschmiede schreibt man – heute wie früher – für gewöhnlich nicht den größten Tiefgang zu, was aber auch gar nicht immer vonnöten ist. Manche Inszenierungen wollen einfach nur als beschwingter Zeitvertreib, Flucht in romantische Idealwelten oder Gute-Laune-Überbringer funktionieren – das beweisen zahllose Liebesfilme, Komödien und Lustspiele, die zu nachhaltigen Evergreens geworden sind.

Und doch hört man immer wieder, dass gerade diese Genres eine besondere Kunstfertigkeit erfordern, um auf der Leinwand lebensecht zu wirken. Selbst Psychologie und Filmwissenschaft haben z.B. das Genre der Komödie tiefgründig(-er, als man meinen könnte,) auseinandergenommen. Auf Grundlage der Texte von Bergson und Freud fasst Thomas Koebner zusammen:

Zitat von Thomas Koebner (Hrsg.): „Filmgenres: Komödie“, Reclam Verlag Stuttgart, 2005, S. 4
Der Blick durch das Objektiv und die ihm eingeschriebene Wahrnehmung sind die Basis für die Entstehung und Erzeugung komischer Effekte. Was die Montage mit ihrem vielfältigen Potential, einzelne Aufnahmen zu einem Text zu verdichten und zu verweben, leistet, ist Konstruktion auf dem Fundament der Einstellung. Die Geschichte der Filmkomödie entfaltet sich dementsprechend zwischen zwei grundsätzlichen Polen: einerseits Filmen, in denen die Einstellung / der Blick auf das komisch inszenierte / erscheinende Subjekt dominiert, und andererseits Filmen, in denen die narrative Konstruktion, die dramaturgische Handlungs- und Dialogführung, Überhand gewinnt. Es ist kein Zufall, dass mit der Einführung des Tonfilms und seinen sprachlichen Dialogen für Jahrzehnte der Typus der subjektzentrierten Komödien, die von Akteuren wie Linders Max, Chaplins Charlie oder Keatons Buster bestimmt waren, in den Hintergrund traten.


Inwiefern man sich von solchen analytischen Spitzfindigkeiten oder einfach nur von Wohlbefinden oder Herzschmerz leiten lässt, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen. In diesem Thread soll jedenfalls Platz sein für all jene US-Klassiker, denen Lacher und eine nette Romanze wichtiger sind als Mord und Totschlag.

Bereits besprochen (Liste wird nachträglich ergänzt):

Arsen und Spitzenhäubchen (Arsenic and Old Lace, 1944) [ 1 ]
Jede Frau braucht einen Engel (The Bishop’s Wife, 1947) [ 1 ]
Kurven-Lily (Girl Happy, 1965) [ 1 ]
Leiche zum Dessert, Eine (Murder by Death, 1976) [ 1 ]
Manche mögen’s heiß (Some Like It Hot, 1959) [ 1 ]
Mr. Dodd geht nach Hollywood (Stand-in, 1937) [ 1 ]
Sehnsucht / Perlen zum Glück (Desire, 1936) [ 1 ]
unvergessliche Weihnachtsnacht, Die (Remember the Night, 1940) [ 1 ] [ 2 ]

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.509

26.12.2014 13:41
#2 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



BEWERTET: "Die unvergessliche Weihnachtsnacht" (Remember the Night) (USA 1939)
mit: Barbara Stanwyck, Fred MacMurray, Beulah Bondi, Elizabeth Patterson, Willard Robertson, Sterling Holloway, Charles Waldron, Paul Guilfoyle, Charlie Arnt, Tom Kennedy, Georgia Caine u.a. | Drehbuch: Preston Sturges | Regie: Mitchell Leisen

Lee Leander entwendet bei einem New Yorker Juwelier ein wertvolles Armband, wird erwischt und vor Gericht gestellt. Wegen der Weihnachtsfeiertage wird die Entscheidung im Prozess auf den 3. Januar vertagt. Der Staatsanwalt John Sargent möchte nicht, dass die Angeklagte das Fest im Gefängnis verbringt und beantragt, sie auf Kaution freizulassen. Da sie im gleichen Bundesstaat zuhause ist wie er, nimmt er sie mit seinem Wagen mit. Lees Mutter will ihre Tochter jedoch nicht sehen und so lädt John sie spontan zu sich ein. Die herzliche Atmosphäre im Hause Sargent blendet den Alltag für kurze Zeit aus, doch bald muss sich John die Frage stellen, ob er Lee wirklich für Jahre hinter Gitter bringen will....



Eines der berühmtesten Paare des 'Film Noir' probt vier Jahre vor dem Erfolg "Frau ohne Gewissen" schon einmal, wie es sich anfühlt, elegant und mondän aufzutreten, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen und ein Wechselbad der Gefühle zu durchleben. Barbara Stanwyck verkörpert eine junge Frau, die ebenso wie ihr Gegenpart Fred MacMurray vom Land kommt und in der Metropole New York allein lebt. Während sich der Mann wegen seiner einfachen Herkunft und der Verbundenheit mit seiner Familie eine gesunde Distanz zu den Insignien des Wohlstands bewahrt hat, umgibt sich die Frau mit Pelzen, Schmuck und schicken Hüten, um wenigstens optisch zu der 'ehrenwerten Gesellschaft' zu gehören. Wie es sich für einen echten Hollywood-Klassiker gehört, erfährt sie Läuterung im Kreis der traditionellen amerikanischen Durchschnittsfamilie, die das wichtigste Fest im Jahreskreis mit allem feiert, was dazugehört: Popcorn, Tannenbaum, Geschenken und gemeinsamem Singen bei Klavierbegleitung. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung und ein Scheunenfest zu Silvester ergänzen die Festivitäten. Obwohl die Familie Sargent Lee schnell in ihren Kreis aufnimmt, bleibt das Verhältnis von John und Lee lange unklar und mündet in ein Ende, das keineswegs dem üblichen 'Und sie lebten glücklich bis in alle Ewigkeit' entspricht. Anhand von 'komischen' Figuren wie dem Verteidiger, der vor den Geschworenen nach jedem noch so abwegigen Strohhalm greift, dem Friedensrichter, der sich mehr um die Unversehrtheit seiner Fensterscheiben sorgt und dem Farmersgehilfen, der sich unbändig über den Gamsbarthut freut, zeigt der Film die skurille Seite des Lebens auf, um dem Ernst der Lage ein wenig die Schärfe zu nehmen und das Publikum, das sich auf unbeschwerte Unterhaltung eingerichtet hat, zum Schmunzeln zu bringen. Das bewährte Gespann des stilvollen Hollywood-Films Ted Tetzlaff, Hans Dreier, Edith Head und Frederick Hollander ist mittlerweile zum Synonym für Klasse geworden. Die Ausstattung und die Kostüme unterstreichen den Charakter des Films, der nicht so offensichtlich daherkommt, wie man es vielleicht vermutet.

'Still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt....' Eduard Ebels Worte betonen die Botschaft von "Remember the Night": Nicht nur der Prozess wird vorübergehend ausgesetzt, sondern auch Lee Leanders Einsamkeit. Eine Garantie für fortdauerndes Glück gibt es jedoch nicht, denn Weihnachten ist nur ein Meilenstein, aber kein Dauerzustand. 4 von 5 Punkten

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

26.12.2014 13:45
#3 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Die unvergessliche Weihnachtsnacht (Remember the Night)

Liebeskomödie, USA 1940. Regie: Mitchell Leisen. Drehbuch: Preston Sturges. Mit: Barbara Stanwyck (Lee Leander), Fred MacMurray (John Sargent), Beulah Bondi (Mrs. Sargent), Elizabeth Patterson (Tante Emma), Willard Robertson (Francis X. O’Leary), Sterling Holloway (Willie), Charles Waldron (Richter in New York), Paul Guilfoyle (Bezirksstaatsanwalt), Charlie Arnt (Tom), John Wray (Hank) u.a. Uraufführung (USA): 19. Januar 1940. Uraufführung (BRD): 6. Juni 1981. Wiederaufführung (USA): 25. Dezember 2013, New York. Eine Produktion von Paramount Pictures.

Zitat von Die unvergessliche Hochzeitsnacht
Nur wenige Tage vor Weihnachten wird die notorische Langfingerin Lee Leander in New York verhaftet. Ihr Verteidiger konstruiert vor Gericht die absurdesten Theorien, um seine Mandantin freizubekommen, was John Sargent von der Staatsanwaltschaft sofort ausnutzt, um den Prozess auf das neue Jahr zu vertagen. Nur durch eine Kaution kann Lee das Weihnachtsfest in Freiheit verbringen. Als sie erfährt, dass die Kaution ausgerechnet durch John gestellt wurde, ist sie misstrauisch. Doch über die Feiertage lernen sich der Staatsanwalt und die Diebin näher kennen, als sie vorher zu vermuten gewagt hätten ...


„Was hat denn die Moral damit zu tun?“

Dass Fred MacMurray und Barbara Stanwyck vor der Kamera wunderbar zueinander passen, wissen Noir-Liebhaber durch den großen Erfolg von „Double Indemnity“. Wie Hollywood aber eben so ist, nutzten die Studiooberen die Chemie zwischen den Schauspielern nicht nur für einen Film aus, sondern ließen MacMurray und Stanwyck in den 1940er und 1950er Jahren nicht weniger als viermal zusammen in den Hauptrollen auftreten. Den Anfang machte mit „Die unvergessliche Weihnachtsnacht“ ein Film, der wie gemacht ist für die Festtage, fürs Lachen und Nachdenken, für Kurzweil und Tragik. Oder in den Worten des Drehbuchautors:

Zitat von Jeremy Arnold: „Remember the Night“ at Turner Classic Movies, Quelle
The finished movie, [Preston Sturges] said, „had quite a lot of schmalz, a good dose of schmerz and just enough schmutz to make it box office.“




Unter der Oberfläche einiger eher platter Witzeleien (ein durchgedrehter Anwalt, eine störrische Milchkuh und ein gerechtigkeitsfanatischer Farmer [oder etwa ein farmender Gerechtigkeitsfanatiker?]) verbergen sich nicht nur klügerer, dezenterer Humor, bitteres Drama und eine kindlich verheißungsvolle Bilderbuch-Weihnacht, sondern vor allem eine große Portion Zeitkolorit. Während „Die unvergessliche Weihnachtsnacht“ vorgibt, ein Liebesfilm zu sein, handelt es sich doch in Wahrheit um ein verstecktes Politikum, das weibliche wie männliche Zuschauer – in seinen unterschwelligen Anspielungen aber vor allem weibliche – auf eine Zeit der Enthaltsamkeit und des Wartens einstimmt, in der zum Zwecke einer „bedeutenderen Mission“ privates Glück zurückgestellt werden und mithin auch besondere Pflege erfahren muss, um nicht an den Widrigkeiten, der erzwungenen Distanz des Alltags zu zerbrechen. Statt ein paar Jahren Gefängnis hatten die Menschen vor der Leinwand eben ein paar Jahre Krieg vor sich.

Was man ausgehend von der Inhaltsangabe allerdings auf keinen Fall erwarten sollte, ist eine Kriminalgeschichte. Der Diebstahl stellt ebenso wie Gerichtsverhandlung und Gefängnisstrafe nur ein notwendiges Instrument dar, das die hauptsächliche Handlung im Mittelteil des Films überhaupt erst ermöglicht. So wirken die „unvergesslichen“ Momente, die die Hauptdarsteller gemeinsam erleben, wie eine Geschichte aus einer anderen Welt, wie isoliert vom bittereren Hier und Jetzt der Produktionszeit, wie ein Road-Movie, wie eine Flucht. Im differenzierten Spiel v.a. von Stanwyck wird deutlich, dass sie so manches Ereignis kaum fassen kann, das für andere einfach völlig normal und traditionell ist. In solchen Momenten blitzt dann die überzeugende Weihnachtsstimmung durch, anhand derer man auch einmal die Güte des eigenen Privatlebens vermessen kann.

Frank Nugent fasste in der New York Times zusammen: „It is a memorable film, in title and in quality, blessed with an honest script, good direction and sound performances ... a drama stated in the simplest human terms of comedy and sentiment, tenderness and generosity ... warm, pleasant and unusually entertaining.“ Was gäbe es sonst noch zu sagen? 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

26.12.2014 13:45
#4 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Die DVD von Lighthouse KG / Mr. Banker Films: Das mir unbekannte Kleinlabel Mr. Banker Films vertreibt über die Lighthouse KG diesen Film in einer sogenannten „Weihnachts-Edition“ mit festlichem Cover (inklusive Wendeeinleger ohne FSK-Störung). Der Film ist in einer ansprechenden Qualität aufgespielt, wenngleich man sicher auch aus den frühen 1940er Jahren schon bessere Restaurationen gesehen hat. Das Bild ist ein wenig unstet und grieselig, auch ein wenig zu kontrastreich, aber insgesamt recht ansehnlich. Die Behauptung eines Amazon-Kundenrezensenten, der Film liege nur in einer auf 16:9 beschnittenen Fassung vor, stimmt definitiv nicht. Deutscher und englischer Ton (ersterer stellenweise etwas schwer verständlich) sowie eine Kapitelanwahl stehen für den weihnachtlich gestimmten Filmfreund zur Wahl, ansonsten ist die Veröffentlichung absolut barebones.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

05.01.2015 23:00
#5 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Manche mögen’s heiß (Some Like It Hot)

Kriminalkomödie, USA 1959. Regie: Billy Wilder. Drehbuch: Billy Wilder, I.A.L. Diamond (Vorlage: Robert Thoeren, Michael Logan). Mit: Marilyn Monroe (Sugar Kane Kowalczyk), Tony Curtis (Joe / Josephine), Jack Lemmon (Jerry / Daphne), George Raft (Gamaschen-Colombo), Pat O’Brien (Detective Mulligan), Joe E. Brown (Osgood Fielding, der III.), Nehemiah Persoff (Little Bonaparte), Joan Shawlee (Sweet Sue), Billy Gray (Sig Poliakoff), George E. Stone (Zahnstocher-Charlie) u.a. Uraufführung (USA): 29. März 1959. Uraufführung (BRD): 17. September 1959. Eine Produktion von United Artists, Ashton Productions und The Mirisch Corporation.

Zitat von Manche mögen’s heiß
Die brotlosen Musiker Joe und Jerry können gerade noch der Polizei entkommen, als der illegale Club, in dem sie spielen, bei einer Razzia auffliegt. Zu allem Überfluss werden die beiden Zeugen, wie ihr Boss, Unterweltchef Gamaschen-Colombo, seinen Widersacher ins Jenseits befördert. Auf der Flucht vor den Schergen der Gamasche und mit der Hoffnung auf einen gut bezahlten Urlaub nehmen die beiden eine Stellung in einer Kapelle in Florida an – in einer Frauenkapelle. In der Not frisst der Teufel Fliegen, und aus Joe und Jerry werden Josephine und Daphne ...


„Wenn ich ein Mädchen wäre – und ich bin ja eins –, würde ich mir jeden Schritt überlegen.“

In seiner im Jahr 2000 veröffentlichten Rangliste „AFI’s 100 Years ... 100 Laughs“ kürte das American Film Institute Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ zur besten Hollywood-Komödie aller Zeiten – der Einspruch gegen diese Entscheidung dürfte sich in Grenzen halten. Dabei war der Erfolg des Films zum Produktionszeitpunkt noch gar nicht in vollem Ausmaß abzusehen: Der für seine konservativen Ansichten bekannte Filmproduzent David O. Selznick sagte angeblich zu Wilder:

Zitat von Anke Sterneborg: „Manche mögen’s heiß“, Digipaktext der Focus Edition
„Du lieber Himmel, eine Komödie, in der Morde vorkommen?! Man wird Sie kreuzigen! Das Publikum wird scharenweise rauslaufen!“


Auch die erste Vorpremiere in Pacific Palisades gab keinen Anlass zur Freude, denn tatsächlich schienen mafiöse Gangsterorganisationen und Maschinengewehrsalven die komischen Seiten des Films auszustechen. „Nobody laughed“, erinnert sich Tony Curtis im Making-of. Lag die Unsicherheit des Publikums vielleicht nicht nur am Verbrechen, sondern auch an der pikanten Schlagseite der Story, die der Film erzählt? Sicher erscheint es vom heutigen Standpunkt als Bedenkenträgerei, wenn die katholische National Legion of Decency Wilders Komödie eine „Ekel erregende Zweideutigkeit in Kostümen, Dialogen und Situationen“ unterstellt. Die „Legionäre“ führten weiter aus:

Zitat von National Legion of Decency, Brief vom 5.3.1959 an Mr. Geoffrey Shurlock, Motion Picture Association of America
The subject matter of „transvestism“ naturally leads to complications; in this film there seemed to us to be clear inferences of homosexuality and lesbianism. The dialogue was not only „double entendre“ but outright smut. The offense in costuming was obvious. In the present atmosphere of our society, which seems to be calling for censorship and controls (sic!), this picture will only add fuel to the fire.




Doch klar ist auch, dass nicht nur der Titel durchaus provokativ gedacht war. Die gesamte Herangehensweise an das Thema mit seinem historischen Hintergrund und den ironischen Anspielungen auf schwierige historische Zustände wie Prohibition und Weltwirtschaftskrise zeugt ebenso von Mut wie die Verkleidung der Musiker, die über harmlose Witzeleien nach Art von „Charleys Tante“ deutlich hinausgeht. „Manche mögen’s heiß“ stellt Geschlechterkonzepte auf die Probe (manchmal sogar auf den Prüfstand) und scheut sich beim Kuss zwischen Curtis in Drag und Monroe sowie in seiner berühmten Schlusspointe („Niemand ist perfekt“) tatsächlich nicht vor Momenten, die zwar nur im Entferntesten als homoerotisch bezeichnet werden können, in strikteren Zeiten des Motion Picture Production Codes aber sicher aufgrund des vierten (Ge- / Ver-)bots („any inference of sexual perversion“) auf dem Boden des Schneideraums gelandet wären.

Tony Curtis stand als erster der Hauptdarsteller für die Produktion fest. War zunächst geplant, ihm Frank Sinatra und Mitzi Gaynor zur Seite zu stellen, so mag man sich in der Rückschau eine andere Besetzung als die letztlich zustande gekommene gar nicht mehr vorstellen. Curtis und Lemmon harmonieren perfekt in ihren männlichen und weiblichen Szenen, wobei man Lemmon sogar eine noch größere Freude daran, in eine ganz andere Haut zu schlüpfen, anmerkt. Auch Marilyn Monroe bringt alle Szenen nicht nur glaubhaft, sondern ganz bezaubernd „an den Mann“, auch wenn „Manche mögen’s heiß“ bereits in einer turbulenten Phase ihres Lebens entstand und sie am Set wohl ständig für Schwierigkeiten, Verspätungen und unzählige Anläufe pro Szene sorgte.

Obwohl „Manche mögen’s heiß“ ein komödiantisches Feuerwerk erster Güte ist und das Drehbuch eine Punchline nach der anderen abliefert, gelingt sowohl die Darstellung der härteren Seiten (mit Noir-Legende George Raft in einer tollen Rolle als Gamaschen-Colombo) als auch der stilleren Momente (Sugar bekommt immer nur das kurze Ende der Wurst) überzeugend und tiefgängig. Abgerundet wird das perfekte Filmerlebnis durch ansehnliche Drehorte (v.a. Coronado Beach, der eigentlich in Kalifornien und nicht in Florida liegt), die höllisch eingängige Titelmusik von Adolph Deutsch und die Synchronisation der Berliner Ultra-Film, in der Erik Schumann auf Curtis, Georg Thomalla auf Lemmon und Margot Leonard auf Monroe zu hören sind.

Entgegen erster Unkenrufe wurde „Manche mögen’s heiß“ zu einem Riesenerfolg, weil die Komödie sich auf intelligente, amüsante und gewagte Art mit einer Thematik beschäftigt, die bis heute nicht abschließend geklärt ist: den Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Dass nebenbei auch noch ein Gangsterkrimi, atmosphärische Gesangseinlagen und ein authentisches Zwanzigerjahre-Flair geboten werden, ist da das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem I. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

05.01.2015 23:00
#6 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Die DVD von Focus Edition / Metro Goldwyn Mayer / United Artists: Als Teil 11 der Focus-Edition erschien „Manche mögen’s heiß“ in einer ansprechenden Digipak-Version mit gut restauriertem Bild und umfangreichem Bonusmaterial. Das Schwarzweißbild wurde anstandslos aufbereitet und dabei nicht übermäßig gefiltert, zudem wurde, was aus den Bildern hier nicht ersichtlich wird, das Originalformat von 1,66:1 exakt beibehalten – leider auch bei diesem Film allem Vernehmen nach keine Selbstverständlichkeit. Ton liegt auf Deutsch und Englisch vor (+ optionale deutsche Untertitel). Neben dem kurzen Artikel, der im mehrfach auffaltbaren Digipak abgedruckt ist, enthält die DVD einen Audiokommentar von Paul Diamond, dem Sohn des Drehbuch-Koautoren von „Manche mögen’s heiß“, sowie zwei Dokumentationen zum Film, die beide jeweils mehr als 20 Minuten laufen. Leider ist die Edition, die auch über ein geschmackvolles Cover und Menü verfügt, heute vergriffen und im Neuzustand mittlerweile recht teuer.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

29.03.2015 15:00
#7 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Eine Leiche zum Dessert (Murder by Death)

Kriminalkomödie, USA 1976. Regie: Robert Moore. Drehbuch: Neil Simon. Mit: Truman Capote (Lionel Twain), Alec Guinness (blinder Butler Bensonmum), Nancy Walker (taubstumme Küchenhilfe), David Niven (Dick Charleston), Maggie Smith (Dora Charleston), Peter Sellers (Sidney Wang), James Coco (Milo Perrier), Peter Falk (Sam Diamond), Eileen Brennan (Tess Skeffington), Elsa Lanchester (Jessica Marbles) u.a. Uraufführung (USA): 23. Juni 1976. Uraufführung (BRD): 17. September 1976. Eine Produktion von Columbia Pictures und Rastar Pictures.

Zitat von Eine Leiche zum Dessert
Die fünf berühmtesten Detektive der Welt erhalten eine Einladung des eigensinnigen Eigenbrödlers Lionel Twain, sich an einem Wochenende auf dessen abgelegenem Landsitz einzufinden. Dort angekommen, machen die Spürnasen die unschöne Entdeckung, dass sie vor die größte Herausforderung ihres Lebens gestellt werden: Lionel Twain inszeniert einen Mord in geschlossener Gesellschaft – und die versammelten Schlauköpfe müssen herausfinden, wer Opfer und wer Täter ist ...


„Sie sind zwar nicht meine Art von Bulle, aber Sie sind clever und Sie riechen gut.“

Die illustersten Detektivfiguren bevölkern die Klassiker der Kriminalliteratur. Einige der wichtigsten von ihnen unter einem Dach zu versammeln, stellte sich der Dramatiker Neil Simon zur Aufgabe. Dabei war es nicht seine Absicht, die klügsten Köpfe für eine Art Super-Krimi aufeinandertreffen zu lassen – vielmehr blieb der vor allem für seine Komödien bekannte Autor seinem Leisten treu und führt mit „Murder by Death“ seinem Publikum die paradoxe Seite von Mordgeschichten vor Augen. Der Film gerät zu einer Parodie auf alles, was Liebhabern an klassischen Geschichten des Genres lieb und teuer ist – und obwohl Simon restlos alle Klischees durch den Kakao zieht, kann man ihm über die Verballhornung nicht böse sein. Zu hinreißend komisch geraten Personal und Plot.

Anders könnte man es sich gar nicht vorstellen: Natürlich begeben sich die Schnüffler für ihren großen Fall auf den abenteuerlichen Weg zu einem abgelegenen, nebelumwaberten Schloss, das nur über eine baufällige Seilbrücke zu erreichen ist und nach ihrem Eintreffen völlig von der Außenwelt abgeschnitten wird. Um Zuschauer und Protagonisten in die richtige Stimmung für einen „hübschen kleinen Mord“ zu versetzen, pimpt der an Agatha Christies sinistren Mr. Shaitana („Cards on the Table“) erinnernde Lionel Twain sein Anwesen mit gelockerten, knarrenden Türen, Mehl und Zuckerwatte als Ersatz für Staub und Spinnweben sowie allerlei technischen Spielereien, die selbst erfahrene Kriminalisten zum Staunen bringen. Und die erfahrenen Kriminalisten finden sich dann auch zahlreich ein: Dick und Dora Charleston (~ Nick und Nora aus der „Thin Man“-Reihe) herzerfrischend dekadent; Sidney Wang und Adoptivsohn (~ Charlie Chan) urkomisch, weil nicht politisch korrekt; Sam Spade und sein Engelchen (~ Noir-Legenden Bogart und Bacall) saucool und liebenswert abgehalftert; Milo Perrier (~ Hercule Poirot) ständig hungrig; und Jessica Marbles (~ Jane Marple) mit ihrer Pflegerin, die aber viel älter und gebrechlicher ist als sie selbst. Alle diese Figuren funktionieren perfekt im Rahmen des Films – sie bilden die Crème de la crème der Kriminalistik und agieren gleichzeitig wie die größten Trottel der Weltgeschichte.



Das Geniale an „Murder by Death“ ist, dass der gesamte Film von vorn bis hinten keinen Sinn ergibt. Das Ereifern über unerwartete Zwischenfälle, Anschläge auf und Verschwinden von Personen vertreibt kurzweilig und höchst amüsant die Laufzeit des Films, versucht aber zu keinem Zeitpunkt, Anspruch auf Logik oder Nachvollziehbarkeit zu erheben. Figuren sterben und werden ohne stichhaltige Erklärung bald wieder zum Leben erweckt. Simon klagt mit seiner Satire die willkürliche Spannungsmache der erfolgreichen Krimi-Autoren an, indem er aufzeigt, wie man aus einer Mücke einen Elefanten machen kann: Am Ende bleibt der Zuschauer im Unklaren darüber zurück, was sich nun tatsächlich an diesem Wochenende abspielte, wer ermordet wurde und wer nun eigentlich wessen Identität übernahm.

Zitat von Deborah Looney: „Murder by Death“ at Turner Classic Movies, Quelle
The detectives stumble across more than one apparent murder while avoiding numerous attempts on their own lives. Along the way, they also discover everyone has a motive for murder. Plot twists and rapid-fire dialogue continue right up to the final scene. The New Yorker described Murder by Death as, „sophisticatedly funny, full not only of one-liners but also of production gags; a scream, for instance, turns out to be the doorbell.“ Nothing is ever as it appears in the Twain mansion. [...] In spite of the impressive cast, some had their doubts about how the film would do at the box office. The company David Niven’s son worked for invested in the film expecting it to be a tax loss. Instead, Murder by Death became the number eight moneymaker of 1976. Niven responded, „So much for a tax loss. But isn’t it rather alarming to have a son who has absolutely no faith in his old man’s pictures?“


Wohl auch aufgrund der gewagten parodistischen Schärfe und der nicht immer kinderfreundlichen Späßchen kamen einige der ursprünglich für den Film geplanten Besetzungen nicht zustande. Das Booklet zur DVD weiß z.B. zu berichten, dass Myrna Loy das Angebot ausschlug, mit Dora Charleston ihre eigene Rolle aus Hollywoods Schwarzweiß-Jahren wieder auferstehen zu lassen, weil sie Simons Drehbuch für zu gewagt hielt. Der Erfolg aber gab den Machern und den mutigen Darstellern Recht: „Murder by Death“ ist ein wahres Feuerwerk der komischen Ideen und eine wunderbare Spielwiese für jeden nicht gerade bierernsten Krimifreund. Wohl gerade, weil jeder Jux stimmig bis ins Detail und in character mit den Originalvorlagen ist, geht die (Ab-)Rechnung mit fünf bekannten Geistesgrößen bestens auf.

Nacht, Nebel, Gewitter, ein Schloss im Nirgendwo, ein verrückter Gastgeber, eine Gruppe verblüffter Detektive: Die Zutaten für „Murder by Death“ könnten nicht stimmiger sein. Neil Simon bereitet daraus keine Ode, sondern ein Spottlied auf die Krimiklassiker aus der Golden-Age-Zeit zu – mit Einfällen, die so obskur sind, dass man schon bald nicht mehr nach dem Sinn des Unterfangens fragt, gelang ihm ein Klassiker unter den Hollywood-Komödien, dessen Witze zuverlässig immer wieder zünden. 5 von 5 Punkten. Zu bedauern ist einzig, dass ein Teil der Schlusssequenz herausgeschnitten wurde, in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson zu spät eintreffen und alles Wichtige bereits verpasst haben.

Gubanov Offline




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29.03.2015 15:00
#8 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Die DVD von Columbia Tristar Home Entertainment: Gegen die Veröffentlichung von Columbia kann man nicht das Geringste einwenden: Der Film ist im Originalformat von 1,85:1 in kräftigen, aber natürlichen Farben und einer angenehmen Filmkörnung aufgespielt; der Zuschauer erhält sowohl bei den Tonspuren als auch bei den Untertiteln die Wahl zwischen Deutsch, Englisch und verschiedenen anderen Sprachen. Ein ca. 10-minütiges Interview mit Neil Diamond kann im Bonusbereich eingesehen werden, bietet zwar keine weltverändernden Informationen, aber ist genau der richtige Ausklang für das vergnügliche Filmerlebnis. Auch der Kinotrailer wird geboten. Wer schon zur alten Auflage gegriffen hat, kommt um den FSK-Flatschen und das labberige Eco-Case herum und erhält sogar ein Faltblatt mit Produktionsnotizen. Aktueller Preis: auf Wühltischniveau zwischen 5 und 7 Euro.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

23.07.2015 07:50
#9 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Mr. Dodd geht nach Hollywood (Stand-in)

Liebeskomödie, USA 1937. Regie: Tay Garnett. Drehbuch: Gene Towne, C. Graham Baker (Romanvorlage: Clarence Budington Kelland). Mit: Leslie Howard (Atterbury Dodd), Joan Blondell (Lester Plum), Humphrey Bogart (Quintain), Alan Mowbray (Regisseur Koslofski), Marla Shelton (Thelma Cheri), C. Henry Gordon (Nassau), Jack Carson (Tom Potts), Tully Marshall (Fowler Pettypacker), J.C. Nugent (Junior Pettypacker), William V. Mong (Cyrus Pettypacker) u.a. Uraufführung (USA): 29. Oktober 1937. Eine Produktion von Walter Wanger Productions für United Artists.

Zitat von Mr. Dodd geht nach Hollywood
Mit Atterbury Dodd beauftragt der Bankier Pettypacker ausgerechnet einen weltfremden Bücherwurm mit der Aufgabe, die auf Sinkflug befindlichen Colossal-Filmstudios wieder auf Kurs zu bringen. Der geschäftliche Erfolg der Firma hängt an einem Streifen, der dank inkompetenter Hauptdarstellerin und selbstverliebtem Regisseur unter keinem guten Stern steht. Alle Optimierungsversuche, die Dodd mit Hinweis darauf anbringt, dass er in allen Mitarbeitern nur Rechnungseinheiten sieht, scheitern, weil ein Filmstudio seine eigenen Gesetze hat. Kann das reizende Lichtdouble Lester Plum den Finanzmanager mit dem Gewerbe vertraut machen?


„Beim Film ist das eben so.“

Hollywood nimmt sich selbst auf die Schulter. Der sittenstrenge Grünschnabel Atterbury Dodd wird mir nichts, dir nichts mit dem exaltierten Glamour-Leben der Stars, Sternchen und Strippenzieher hinter den Kulissen konfrontiert, die auf Kosten des Studios in Saus und Braus leben und denen es herzlich egal ist, ob ein Film diesen oder nächsten Monat fertig wird, wenn man nur an den Abenden zwischen den Drehs tanzen und trinken kann. Währenddessen versuchen idealistische Kleindarsteller und verzweifelte Altstars, deren beste Tage bereits vorüber sind, ihr Stück vom Kuchen abzubekommen, den sich diejenigen teilen, die gerade ihre five minutes of fame haben oder sich am besten an Publikumsgeschmack oder Studiodynamik anpassen können. Dass eine Komödie im Filmbereich so offen mit den Schattenseiten des Hollywood-Traums umgeht, zeugt von dem Humor, den die Studiobosse damals offenbar auch noch selbst aufzubringen in der Lage waren.

Logisch, dass die Spitzen gegen die Traumfabrik stellenweise klar überzeichnet wurden. Andererseits steckt in jedem Superlativ eine gewisse Wahrheit. Um rechtlichem Ärger zu entgehen, sprach sich die Produktion gleich im Vorspann pro forma von jeglichen Parallelen zur Wirklichkeit frei:

Zitat von Brian Cady: „Stand-in“ at Turner Classic Movies, Quelle
At the beginning of the film, a large title card reads, „The characters and events depicted in this motion picture are fictitious. Any similarity to actual persons, living or dead, is purely coincidental.“ Of course, this probably means characters were based on actual Hollywood celebrities but the in-jokes are a bit obscure after 66 years. The villain, Ivor Nassau, might be David O. Selznick as he has an addiction to horse racing and a sign outside his office that suspiciously resembles the ‚Selznick International Pictures’ logo. Could the accented director, Koslofski, be a dig at MGM’s Richard Boleslawski or possibly even Erich von Stroheim or Josef von Sternberg?




Was interessanterweise nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte, ist Leslie Howards Hauptrolle. Bekommt der Zuschauer einen nüchternen, direkt puritanischen Bücherwurm zu Gesicht, so sind aus Howards Privatleben Affären im Übermaß, u.a. zu den Hollywood-Diven Tallulah Bankhead, Merle Oberon und Myrna Loy, überliefert. Der verklemmte, aber hochintelligente Dodd stellt eine angenehme Abwechslung zum typischen Helden des US-Kinos dar, der üblicherweise ein geerdeter, gutmütiger, einfach gestrickter und nicht zu vornehmer „Mann von nebenan“ zu sein hatte. Gerade weil diese Attribute hier nicht zutreffen, drückt man als Zuschauer für die sich im Cinderella-Stil anbahnende Liebesgeschichte des New Yorker Buchhalters mit seiner Lichtdouble-Prinzessin fest die Daumen. Man ist überzeugt: Sie könnte auch gelingen, ohne dass Dodd seine Prinzipien aufgibt. Leider fordern die Konventionen der seichten Erzählstrukturen am Ende aber doch ihren Tribut und stilisieren Dodds Wandel vom Einheiten-Jongleur zum Anwalt der entlassenen Studiomitarbeiter auf etwas kitschige Weise.

Joan Blondell übernimmt als handfeste Frau, die ihre Jugend an den Film verlor und davon nunmehr wenig profitiert, sich aber weder in falschen Träumen noch in Bitterkeit verliert, das Ruder über weite Strecken des Films. Ihre Kommentare sind schnippisch und unkonventionell und demonstrieren den Wandel von aufgeschlossener Kameradschaftlichkeit über Freundschaft zu Liebe glaubhaft innerhalb weniger Szenen. Humphrey Bogarts große Erfolge standen 1937 noch bevor, sodass er hier nur in einer wenig beachtenswerten Nebenrolle zu sehen ist. Interessanter Marla Sheltons Parodie auf überkandidelte Leinwanddiven und C. Henry Gordons Verkörperung des bösartigen Investors mit Spekulation auf Pleite der Colossal Film.

Eine sehr gut funktionierende Liebesgeschichte deutet den Hollywood’schen Traum von der großen Romanze auf amüsante Weise um und beseitigt Hindernisse, die durch klassische Figuren- und Geschlechterkonzepte geschaffen wurden. Leider zieht „Mr. Dodd geht nach Hollywood“ diesen interessanten Ansatz nicht konsequent genug durch, bietet dafür aber leichtherzige Einblicke in die zeitgenössischen Arbeitsweisen der US-Filmindustrie, einschließlich kurioser Außenaufnahmen. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.362

23.07.2015 07:50
#10 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Die DVD von Kinowelt: Die DVD-Veröffentlichung verdankt „Mr. Dodd geht nach Hollywood“ allein dem Mitwirken von Humphrey Bogart. Zusammen mit seinem Film-Noir-Auftritt in „Der Tiger“ brachte Kinowelt die Komödie dann auch unter dem vielsagenden Titel „Filmlegende Humphrey Bogart“ in einer Sammeledition heraus. Dem Filmmaterial merkt man sein Alter an, eine vorbildliche Restaurierung wäre von Kinowelt aber wohl auch kaum erwartet worden. Immerhin fällt die Bildschärfe lobenswert aus. Der Film kommt ohne jede Zugabe daher. Es besteht die Möglichkeit, sich ihn mit der deutschen Synchronisation oder im Originalton anzusehen und bei Bedarf Untertitel hinzuzuschalten. Doch wenigstens ein individuelleres Cover oder Menü hätte dem nostalgischen Spaß besser zu Gesicht gestanden. Die Kinowelt-DVD ist vergriffen, eine Neuveröffentlichung von Filmjuwelen aber bereits angekündigt.

Gubanov Offline




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02.08.2015 14:50
#11 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Sehnsucht / Perlen zum Glück (Desire)

Kriminalromanze, USA 1936. Regie: Frank Borzage. Drehbuch: Edwin Justus Mayer, Waldemar Young, Samuel Hoffenstein (Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“: Hans Székely, Robert A. Stemmle). Mit: Marlene Dietrich (Madeleine de Beaupré), Gary Cooper (Tom Bradley), John Halliday (Carlos Margoli), William Frawley (Mr. Gibson), Ernest Cossart (Aristide Duvalle), Akim Tamiroff (Polizeibeamter), Alan Mowbray (Dr. Maurice Pauquet), Zeffie Tilbury (Tante Olga), Enrique Acosta (Pedro), Alice Feliz (Pepi) u.a. Uraufführung (BRD): 2. April 1936. Uraufführung (USA): 11. April 1936. Eine Produktion von Paramount Pictures.

Zitat von Sehnsucht / Perlen zum Glück
Eine raffinierte Diebin erleichtert den Pariser Juwelier Duvalle um eine einmalige Perlenhalskette im Wert von 2,2 Millionen Franc, indem sie den Mann gegen einen bekannten Psychiater ausspielt und sich heimlich aus dem Staub macht. Ihre Flucht führt sie ebenso wie den amerikanischen Urlauber Tom Bradley an die spanische Grenze, wo sie diesem aus Angst vor der Zollkontrolle die Kette zusteckt. Auch wenn Bradley völlig ahnungslos ist, stellt es sich für die Diebin, die unter dem Namen Gräfin de Beaupré firmiert, als schwierig heraus, das Schmuckstück wiederzuerlangen. Noch bevor sie sich versieht, hat sie sich in ihren „Komplizen“ verliebt ...


„If I take these pearls, you will never see them again.“

„Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“, heißt es in der ersten Zeile von Friedrich Schillers „Don Karlos“, als auf den angenehmen und glücklichen Aufenthalt des spanischen Hofes in der Sommerresidenz, dem Palast von Aranjuez, zurückgeblickt wird. Ist die Begegnung von Madeleine de Beaupré und Tom Bradley auch nur ein Sommerflirt, nur ein kurzzeitiges Abenteuer, das nach wenigen Tagen zurückgelassen werden kann? Bevor sich der Film dieser romantischen und schwermütigen Problematik hingibt, zeigt er seinem Publikum selbstbewusst die leichtherzigere Seite der beiden Protagonisten – einer Aufschneiderin und Betrügerin, die mit dem ihr eigenen Glamour jedes ihrer Opfer problemlos um den kleinen Finger wickelt, und eines jovialen, herzlichen Ingeneurs, dessen amerikanische Bodenständigkeit die abgehobene Europäerin alsbald wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt.

Zitat von „Desire“ im Zeughauskino Berlin, Programm Jul.-Sep. 2015, S. 53
Am 2.4.1936, zwei Wochen vor der ersten öffentlichen Aufführung in den USA, fand die Premiere von Desire im Berliner Capitol am Zoo statt. Die Emigrantin Marlene Dietrich war beim deutschen Publikum weiterhin sehr beliebt, und Propagandaminister Goebbels notierte am 2.4.1936 in sein Tagebuch: „Abends Filme: [...] Sehnsucht, mit der Marlene Dietrich und Cooper, die beide ganz große Schauspieler sind. Vor allem die Dietrich, die wir leider nicht mehr in Deutschland haben.“ – Gary Cooper besuchte 1938, nur kurz nach den Novemberpogromen, auf Promotionstour die Reichshauptstadt und die Studios in Babelsberg.


Schon der Blick in den Vorspann enthüllt, welche Fülle von deutschem Personal an der Produktion von „Desire“ beteiligt war. Neben der Dietrich sind vor allem Produzent Ernst Lubitsch sowie Komponist Friedrich Hollaender zu erwähnen, der dem Star des Films den Sprechgesang „Awake in a Dream“ auf den Leib schneiderte. Die Vorlage lieferten Hans Székely und Robert Adolf Stemmle – 1933 wurde sie schon einmal unter dem Titel des Schiller-Zitats mit Brigitte Helm und Gustaf Gründgens verfilmt.



In den komischen Momenten des Films, die, obwohl sie lückenlos zünden und zum Schmunzeln, ja manchmal gar zu herzhaftem Lachen anregen, nie übermäßig albern wirken, zeigen Dietrich und Cooper eine bewundernswerte Harmonie. Cooper gelingt ein ursympathisches Mienenspiel, das ihn in vielen Situationen wie einen schüchternen Schuljungen wirken lässt, auch wenn er nach seinem Treffen mit der bezaubernden Madeleine beteuert: „I’m not a little boy anymore.“ Marlene Dietrich dagegen bringt Eleganz und Stil in die Beziehung ein und sorgt damit für das noble Flair, auch wenn ihr Adelstitel in Wahrheit erstunken und erlogen ist. Äußerlich scheint sie hohe Ansprüche zu stellen, innerlich strahlt aber auch sie heiße Freude über das Treffen eines freundlichen, unverkrampften Menschen aus, wo sie doch sonst von Galgenvögeln und Snobs umgeben ist.

Zitat von Frank Nugent: „Desire“, The New York Times, 13.4.1936
Ernst Lubitsch, the Gay Emancipator, has freed Marlene Dietrich from Josef von Sternberg’s artistic bondage, and has brought her vibrantly alive in Desire, which is the Paramount Theatre’s generous contribution to this festive season. Permitted to walk, breathe and smile and shrug as a human being instead of a canvas for the Louvre, Miss Dietrich recaptures, in her new film, some of the freshness and gayety of spirit that was hers in The Blue Angel and other of her early successes. The change is delightful, and so is the picture.


Häufig – so auch in der sonst ausnehmend positiven Kritik der New York Times – wird darauf hingewiesen, dass man von „Desire“ inhaltlich nicht allzu viel zu erwarten habe. Natürlich bleiben der Diebstahl der Juwelen oder die Organisation der Diebes- und Hehlerbande im Vergleich zu waschechten Kriminalfilmen relativ grob skizziert. Doch die elliptische und entsprechend temporeiche Erzählweise, die das Unwesentliche beiseite schiebt und voll und ganz in der (im wahrsten Sinne des Wortes schmeichelhaften) Ausleuchtung des ungleichen Paares aufgeht, hat die reizende Konsequenz, aus „Desire“ einen leicht zu konsumierenden und dennoch nicht leichtfüßigen, einen nostalgischen und dennoch nicht veralteten, einen rundum liebens- und sehenswerten Film zu machen.

Hintersinnige Lacher, Juwelenraub und die große Liebe, zwischendurch pittoreske Naturaufnahmen und die frische Aura einer „Gräfin“ de Beaupré – „Desire“ bemüht sich aufrichtig, keine Wünsche offenzulassen. Mit einem brillanten Duo in den Hauptrollen gesegnet, erscheint der Boulevardstoff mindestens so hochwertig wie die verschwundene Perlenkette. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




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02.08.2015 14:50
#12 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten

Die DVD von Universal Home Entertainment (UK-Import): Vieles spricht dafür, dass die Scheibe aus dem Hause Universal nur ein Verlegenheitskauf in Ermangelung einer besseren Alternative ist. Recht lieblos präsentiert die im Rahmen der zwei größeren Reihen „Marlene Dietrich: The Movie Collection“ und „Universal Cinema Classics“ erschienene DVD den Film in solider, aber etwas abgeschlaffter Bildqualität, bei der sich vor allem fade Kontraste und häufige Verunreinigungen (Laufstreifen) bemerkbar machen. Es fehlen jegliche Extras und auch das notdürftig und grell nachkolorierte Menü hinterlässt keinen besonders einladenden Eindruck. Positiv zu erwähnen ist, dass der englische O-Ton von verschiedenen Untertitelspuren, darunter englischen und auch deutschen, begleitet wird. Auch der Preis ist akzeptabel. Selbst trotz des momentan eher ungünstigen £-€-Umrechnungskurses bekommt man den Film inklusive Versand nicht für 2,2 Millionen, sondern für unter 10 Euro.

patrick Offline




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15.11.2015 18:19
#13 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Arsenic and Old Lace (Arsen und Spitzenhäubchen)

Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1944
Länge: 113 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Frank Capra
Drehbuch: Julius J. Epstein, Philip G. Epstein
Produktion: Frank Capra, Jack L. Warner
Musik: Max Steiner
Kamera: Sol Polito
Schnitt: Daniel Mandell

Besetzung:
Cary Grant: Mortimer Brewster, Josephine Hull: Abby Brewster, Jean Adair: Martha Brewster, Raymond Massey: Jonathan Brewster, Peter Lorre: Dr. Herman Einstein, Priscilla Lane: Elaine Harper (Brewster), John Alexander: Teddy Brewster, Jack Carson: Officer O’Hara, Edward McNamara: Seargent Brophy, John Ridgely: Officer Sanders, James Gleason: Inspektor Rooney, Edward Everett Horton: Mr. Witherspoon, Grant Mitchell: Reverend Harper, Vaughan Glaser: Richter Cullman, Chester Clute: Dr. Gilchrist, Edward McWade: Gibbs, Alter Mann, Garry Owen: Taxifahrer, Charles Lane: Standesamt-Reporter, Hank Mann: Standesamt-Reporter, Spencer Charters: Standesbeamter


Der frischvermählte Schriftsteller und Theaterkritiker Mortimer Brewster hat’s nicht leicht, entdeckt er doch ausgerechnet an seinem Hochzeitstag eine Leiche im Haus seiner beiden geliebten alten Tanten Abby und Martha. Diese liegt in einer Truhe, direkt am Fenster, und Mortimer glaubt, sein beklopfter Bruder Teddy, der sich für Präsident Roosevelt hält und im Keller den Panamakanal aushebt, habe den Toten auf dem Gewissen. Doch ist dem mitnichten so, denn seine liebenswürdigen Tanten haben ihre eigene Vorstellung von Wohltätigkeit, nämlich alte alleinstehende Herren als Untermieter in's Haus zu locken, mit Arsen im Hollunderwein zu vergiften und anschließend im Keller beizusetzen. Dies wird von dem verrückten Teddy ausgeführt, der glaubt, dass es sich um Opfer des Gelbfiebers handelt. Tatsächlich wurden bereits 12 Männer in’s Jenseits befördert. Als Mortimer dies erfährt, mutiert er zum Nervenbündel , was naturgemäß seine Beziehung zu seiner Frau Elaine belastet, da er fortan nur noch damit beschäftigt ist, die Sache zu vertuschen und sich um Teddys Einweisung in eine Anstalt zu kümmern, da dann im Falle einer Entdeckung die Sache auf ihn abgewälzt werden kann. Dazu verlässt er das Haus und verbietet seinen Tanten aus verständlichen Gründen, irgendwelche Fremde hinein zu lassen.

Allerdings verkompliziert sich die Angelegenheit, nachdem ausgerechnet jetzt der seit 20 Jahren verschollene Bruder Jonathan auftaucht. Es handelt sich bei ihm um einen durch und durch psychopathischen, polizeilich gesuchten, Serienmörder, dessen Gesicht jenem von Frankensteins Monster ähnelt, was das Werk seines Komplizen, des ständig betrunkenen Chirurgen Dr.Einstein, ist, der vor der Gesichtsoperation den entsprechenden Film sah. Dr.Einstein ist unterwürfig, ängstlich und im Grunde gutmütig, wird aber von Jonathan beherrscht. Letzterer schüchtert seine Tanten ein und verweist sie nach oben, um ungestört die Leiche eines gewissen Mr.Spenalzo in's Haus bringen zu können, die im Wagen liegt. Spenalzo wurde von Jonathan ermordet, nachdem er ihn mit Boris Karloff verglich. Als perfektes Versteck erscheint ihnen die Truhe, die nun leer ist, nachdem Teddy das jüngste „Gelbfieberopfer“ im Keller entsorgt hat.

Als Mortimer zurückkehrt, erkennt er seinen verunstalteten Bruder nicht gleich, da er auch ihn, wie üblich, an Boris Karloff erinnert, was er durch die Aussage "Where die you get that face? Hollywood?"bekräftigt. Die gegenseitige Antipathie der beiden Brüder flackert wieder auf. Als Mortimer die neue Leiche in der Truhe entdeckt, hält er dies für ein weiteres "wohltätiges" Werk seiner Tanten, erkennt aber, dass es sich um Jonathans Opfer handelt, nachdem dieser ebenfalls bedacht ist, die Truhe nicht zu öffnen. Nun hat er ein Druckmittel, seinen „Lieblingsbruder“ zum Verlassen des Hauses zu bewegen, widrigenfalls die etwas einfältigen, öfters als Besucher auftauchenden, Polizisten darauf hingewiesen würden. Doch dreht Jonathan den Spieß um, nachdem er und Dr.Einstein die 12 Leichen im Keller entdecken. Sichtlich amüsiert weist Dr.Einstein Jonathan darauf hin, dass die liebenswürdigen Tanten gleich viele Männer auf dem Gewissen haben, wie der, auf der ganzen Welt gesuchte, Jonathan, was dieser nicht auf sich sitzen lassen will, weshalb er mit einem weiteren Mord in Führung gehen möchte. Das Opfer sollte sein „geliebter“ Bruder Mortimer sein, an dem er die etwas aufwendige Melbourne-Methode praktizieren will und ihn an einen Stuhl fesselt.

Allerdings kommt der, nicht unbedingt mit Intelligenz gesegnete, Officer O`Hara vorbei, um Mortimer sein selbst verfasstes Stück vorzutragen, wobei er denkt, dieser habe sich absichtlich fesseln lassen, um eine neue Geschichte durchzuspielen. Jonathan will beide ermorden, wird aber von Dr.Einstein niedergeschlagen und verhaftet, nachdem O`Haras Vorgesetzte vorbeikommen. Dem geht eine wilde Schlägerei voraus, die Jonathan vom Zaun bricht, nachdem einmal mehr sein „gutes Aussehen“ mit jenem von Boris Karloff verglichen wird. Sein Hinweis auf die nunmehr 13 Leichen im Keller wird von Mortimer in’s Lächerliche gezogen, der es durch sein überdrehtes und durchgeknalltes Auftreten schafft, die ganze Familie Brewster als geisteskrank erscheinen zu lassen, weshalb die Polizei es für überflüssig erachtet, nachzusehen.

Als dann aber Elaine aus dem Keller kommt, ist sie sichtlich schockiert, wird aber von Mortimer „sprachlos geküsst“. Dieser erfährt von seinen Tanten, die schließlich Teddy in die Nervenheilanstalt begleiten, um dort weiterhin für ihn zu sorgen, dass er selbst gar kein erblich vorbelasteter Brewster ist, sondern Sohn einer, nicht zur Familie gehörenden, Köchin und eines Schiffskochs. Mortimer und Elaine können nun einer unbeschwerten und „unbeklopften“ Zukunft entgegensehen. Dr.Einstein stiehlt sich davon, nachdem er noch als Arzt gebraucht wird, um die Einweisungspapiere zu unterzeichnen. Die „scharfsinnige“ Polizei erkennt natürlich nicht, dass die Beschreibung von Jonathans Komplizen 1:1 auf ihn zutrifft.

"Arsenic and Old Lace" ist die wohl schwärzeste schwarze Komödie des alten Hollywood. Im gleichnamigen, von Joseph Kesselring (1902-1967) geschriebenen, Theaterstück, dass zwischen 1941 und 1944 1.444 mal aufgeführt wurde, spielte Boris Karloff (1887-1969) den Jonathan Brewster. Im Film wird er von Raymond Massey (1896-1983) würdevoll vetreten, wobei er in der englischen Originalversion ständig mit Boris Karloff, in der deutschen Synchro mit Frankensteins Monster verglichen wird und dabei fauchend und angsteinflössend ganz wunderbar das Gesicht verzieht. Es handelt sich um eine temporeiche, schwungvolle und durchgeknallte Komödie, die man immer wieder gern sieht. Neben Masseys Frankenstein-Ersatz bestechen vor allem der Österreicher Peter Lorre (1904-1964) als liebenswerter Trunkenbold Dr.Einstein und Cary Grant (1904-1986) als Mortimer Brewster. Wirklich toll, wie er schockiert die Augen aufreißt und mit perfektem Mienenspiel und vollem Körpereinsatz von einer bösen Überraschung zur nächsten stolpert. Nicht zu vergessen Josephine Hull (1877-1957) und Jean Adair (1873-1953), welche die beiden liebenswürdigen, aber mörderischen, Tanten ganz hervorragend verkörpern. Priscilla Lane (1915-1995) ist ein angenehmer weiblicher Aufputz. Frank Capras (1897-1991) Film wurde eigentlich bereits 1941 gedreht, allerdings erst 1944 offiziell uraufgeführt, da man sich dazu verpflichtet hat, so ungewöhnlich lange zu warten, um sich nicht mit dem Theaterstück zu überkreuzen. Neben der, von mir bevorzugten, englischen Originalversion, gibt es zwei deutsche Versionen von 1957 und 1962, wobei Letztere einen neuen Vorspann hat und auch hauptsächlich gezeigt wird. Ich habe einmal ein in Mundart aufgeführtes Theaterstück des Stoffes besucht, das mit der Musik aus dem Edgar-Wallace-Film "Der unheimliche Mönch" eingeleitet wurde.

Fazit:

Wunderbarer pechschwarzer und perfekt gespielter Komödien-Evergreen, den man einfach gesehen haben muss. 5 von 5.

patrick Offline




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08.06.2016 18:09
#14 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



Girl Happy (Kurven-Lily)

Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1965
Länge: 96 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Regie: Boris Sagal
Drehbuch: Harvey Bullock, R.S. Allen
Produktion: Joe Pasternak
Musik: George Stoll, Robert Van Eps
Kamera: Philip H. Lathrop
Schnitt: Rita Roland

Besetzung:
Elvis Presley: Rusty Wells, Shelley Fabares: Valerie Frank, Harold Stone: Big Frank, Gary Crosby: Andy, Joby Baker: Wilbur, Jimmy Hawkins: Doc, Nita Talbot: Sunny Daze, Mary Ann Mobley: Deena Shepherd, Fabrizio Mioni: Romano Orlada, Peter Brooks: Brentwood Von Durgenfeld, Jackie Coogan: Sgt. Benson, John Fiedler: Mr. Penchill, Chris Noel: Betsy, Beverly Adams: Girl #2, Dan Haggerty: Charlie, Red West: Extra in the Kit Kat Club


Rusty Wells und seine Band, bestehend aus Andy, Wilbur und Doc, sind bei dem autoritären und gefürchteten Big Frank, den die Aura eines Gangsters umgibt, sehr erfolgreich als Musiker im kalten und verschneiten Chicago beschäftigt. Nach Ende ihres Engagements haben sie einen Osterurlaub im warmen Fort Lauderdale, Florida, im Auge, der aber zu scheitern droht, da Big Frank ihren Vertrag verlängern möchte. Wie es der Zufall aber will, plant auch Big Franks 21-jährige Tochter Valerie, eine Studentin, die Osterferien in Fort Lauderdale zu verbringen, was ihrem Vater gar nicht gefällt, da der Ort als Lieblingsdestination liebeshungriger Studenten verrufen ist. Rusty kann Big Frank dazu überreden, ihn und seine Band als Valeries heimliche Aufpasser zu engagieren. Was erst wie ein bezahlter Urlaub aussieht, entpuppt sich sehr bald als nervenaufreibender 24-Stunden-Job, da Valerie nicht nur sehr hübsch und lebenslustig ist, sondern auch bald die Aufmerksamkeit eines italienischen Casanovas auf sich zieht, der nichts anbrennen lässt. Daraus ergibt sich folglich eine Reihe turbulenter "Notfall-Einsätze" des Quartetts. Obendrein verliebt sich dann auch noch Rusty selbst in Valerie, die seine Gefühle durchaus erwidert. Leider taucht Rustys jüngster Flirt Deena zu einem sehr ungelegenen Zeitpunkt auf und Valerie erfährt auch noch, dass Rusty von ihrem Vater bezahlt wird, auf sie aufzupassen. Daraufhin ertränkt sie ihren Liebeskummer im Alkohol und beschließt aus Rache, dass Rusty sich sein Geld schwer verdienen sollte...

"The King of Rock'n Roll" hat sicher den Ruf, ein besserer Sänger als Schauspieler gewesen zu sein und es gibt zweifelsohne bessere Drehbücher als die seiner Filme, welche oft als bloße Vehikel für die darin vorkommenden Lieder verschrien sind. Auch wird ihnen nicht selten vorgeworfen, die während der 60er-Jahre im Schatten der Beatles schwindende Karriere des Idols künstlich am Leben zu erhalten. Die genannten Einwände mögen zu einem gewissen Grad berechtigt sein, doch kann man "Girl Happy" eines sicher nicht vorwerfen, nämlich am Unterhaltungswert zu kranken. Es handelt sich um eine freche, flotte und sehr turbulente Musik-Komödie mit schmissigen Songs, über die sich Fans des "King" freuen dürfen. Der Plot ist zwar einfach gestrickt und wohl auch stellenweise sehr naiv und unlogisch, was den Film aber auszeichnet ist seine besonders unbeschwerte und natürliche Lockerheit, die völlig frei von jedweder Verkrampfung daherkommt, was bei heutigen Komödien leider nur noch sehr selten der Fall ist. Außerdem wird in schönen kräftige Farben ein strahlendes Zeitdokument der vergleichsweise noch relativ unkomplizierten und bunten 60er-Jahre präsentiert, angereichert mit einer Vielzahl hübscher Mädchen und ausgelassener Studenten, wobei sich wieder einmal alles um "Thema Nr.1" dreht. Trotz der erwähnten Leichtigkeit begegnen sich die jungen Männer und Frauen hier noch sehr jugendfrei, was natürlich am Jahre 1965 liegt, das noch nicht bei der Freizügigkeit der 70er-Jahre angekommen ist.

Neben "Elvis the Pelvis" (1935-1977) spielt die Schauspielerin und Sängerin Shelley Fabares (geb.1944) die weibliche Hauptrolle. In einer sehr kurzen, gerade einmal wenige Augenblicke dauernden, Nebenrolle ist der im Jänner dieses Jahres verstorbene Dan Haggerty (1941 oder 1942-2016) als Muskelprotz Charlie zu sehen. Bekannt wurde er in den 70er-Jahren durch die Serie "The Life and Times of Grizzly Adams" (Der Mann in den Bergen, 1977-1978). Unter den vielen hübschen Damen tummelt sich auch die "Miss America 1959" Mary Ann Mobley (1937 oder 1939-2014). Joe Pasternak (1901-1991) produzierte "Girl Happy" nach dem Vorbild seiner 1960er-Komödie "Where The Boys Are" und konnte auch diesmal wieder die Kinokassen klingeln lassen. Die oftmals geschmähten Elvis-Songs "Girl Happy", "Do the Clam", "Spring Fever" und "Fort Lauderdale Chamber of Commerce" sind ebenfalls besser als ihr Ruf und verbreiten vor allem im Film eine gute Chemie. "Girl Happy" war übrigens an 25. Stelle der erfolgreichsten Filme von 1965 und damit insgesamt unter den erfolgreichsten 15% aller Filme des besagten Jahres.

Fazit:

Einfach gestrickte aber sehr unterhaltsame und flotte Musik-Komödie für jene, die den Flair der Sixties lieben. 4,5 von 5.

Percy Lister Offline



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18.11.2017 21:00
#15 RE: Hollywoods heitere Stunden: Liebesfilm- und Komödienklassiker Zitat · antworten



BEWERTET: "Jede Frau braucht einen Engel" ("The Bishop's Wife") (USA 1947)
mit: Cary Grant, Loretta Young, David Niven, Monty Woolley, James Gleason, Gladys Cooper, Elsa Lanchester, Sara Haden, Karolyn Grimes u.a. | Drehbuch: Robert E. Sherwood und Leonardo Bercovici nach dem Roman von Robert Nathan | Regie: Henry Koster

Als Henry Brougham noch ein einfacher Pfarrer war, lebten er und seine Frau Julia glücklich und im Kontakt mit den kleinen Leuten. Seitdem er aufgrund der Fürsprache der reichen Mrs. Hamilton zum Bischof befördert worden ist, türmen sich die Termine und er muss bei den Snobs der vornehmen Kreise Klinken putzen, um Spenden für eine neue Kathedrale zu sammeln. Die Ehe von Henry und Julia leidet darunter, weil sie kaum noch Zeit füreinander haben. Eines Tages erscheint Dudley auf der Bildfläche, ein charmanter Mann mit einem ungewöhnlichen Geheimnis: er ist ein Himmelsbote und will Henry zeigen, wie wichtig es ist, dass er bei all der Arbeit seine Ehe nicht vernachlässigt. Bald schon beäugt der Bischof die Zweisamkeit von Dudley und Julia mit eifersüchtigem Auge....



Bereits in den ersten Szenen des Films fällt die freundliche Gelassenheit der von Cary Grant verkörperten Figur auf, die im Kontrast zur Reserviertheit von David Niven steht, dem die Rolle des Bischofs besser zu Gesicht steht als jene des Ehemanns. Loretta Young hat ihre Träume noch nicht abgelegt und kümmert sich lieber um kleine Besorgungen als mit den humorlosen Damen der Gesellschaft Tee zu trinken. Grant weht wie eine frische Brise in das Leben der Broughams und seine positive Ausstrahlung fasziniert alle, die ihm begegnen. Konflikte bleiben nicht aus, wenn zwei unterschiedliche Lebenseinstellungen aufeinandertreffen und während Grant mit leichter Grazie über die Schlittschuhbahn schwebt, sitzt Niven im wahrsten Sinne des Wortes bei seiner herrischen Gönnerin fest. Der populäre Cary Grant wird "von seinen Freunden als heiter-besinnlicher, künstlerisch intuitiver Mensch geschildert"*. Der gut strukturierte Haushalt der Broughams erhält nach der Ankunft Dudleys eine unbeschwerte Note und das Publikum freut sich über das Erwachen der kindlichen Weihnachtsvorfreude bzw. über die Wiederentdeckung der Leichtigkeit. Pflichten erhalten durch spontane Variationen eine neue Sichtweise und starre Terminpläne werden aufgeweicht und Neues geschaffen. Während Henry seine Pläne immer verbissener durchziehen will und die Hürden um keinen Zoll zurückweichen, gelingt es Dudley scheinbar wie von Zauberhand, andere Menschen vom Sinn reflektierender Sichtweisen und Improvisation zu überzeugen. Die warme Ausstrahlung festlich geschmückter Räume und weißer Schneelandschaften sorgt für Wohlbefinden beim Zuschauer, ohne jemals in Kitsch umzukippen.
In der deutschen Fassung liegt eine hochwertige Synchronisation mit Gert Günther Hoffmann auf Cary Grant, Almut Eggert auf Loretta Young und Friedrich Schoenfelder auf David Niven vor. Bei der Oscar-Verleihung 1948 war "The Bishop's Wife" in fünf Kategorien nominiert und gewann den "Goldjungen" für den besten Ton. Wenn man bedenkt, dass der Film vor siebzig Jahren gedreht worden ist, steigt die Begeisterung für die sehr gute Bild- und Tonqualität der in der Reihe "Samuel Goldwyn Films" bei Sony Pictures erschienenen DVD.

Wunderschöner Klassiker mit einem eleganten Star-Ensemble, der die Weihnachtsbotschaft mit dezenten Spitzen gegen die Schwächen der Menschen vermittelt, wobei er sich und dem Publikum reichlich Zeit zum Verweilen gönnt. Eine warmherzige Illusion - man kann auch Traum dazu sagen - die man nur allzu gern glaubt. 5 von 5 Punkten

* Friederike Mat: Unsere Filmlieblinge - Ein Bilderbuch, Verlag Bernhard Reiff, 1956

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