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Dieses Thema hat 5 Antworten
und wurde 547 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Georg Offline




Beiträge: 2.969

26.09.2014 19:32
Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

Ich möchte diesen Thread nutzen, um euch darin über eine Krimiserie zu berichten, die 1970 realisiert werden hätte sollen und die höchstwahrscheinlich aus Konkurrenzängsten über den gelungenen Pilotfilm nicht hinaus gekommen ist. Gestolpert ist über die Serie - wie immer - Jack_the_Ripper, der in einem Bericht über Reinhard Koldehoff in Hörzu (29/1973, Seite 95) auf folgende Zeilen stieß:

"Fast wäre Kolledhoff 1970 auch im deutschen Fernsehen ein Kommissar geworden, als ihn der Produzent Kuntze-Just für eine Krimiserie einplante. [...] Aber der Kommissar Mungo ging in die Binsen - es blieb bei der Pilotsendung. Drehbuchautor Hampel bekam vom ZDF die fertigen Drehbücher kommentarlos zurück".

Die geplante Serie wäre also gewesen:
KOMMISSAR MUNGO
mit Reinhard Kolldehoff als Kommissar Mungowski
Buch: Bruno Hampel
Produzent: Heinz Kuntze-Just (Televersal-Film Hamburg)
Auftraggeber: ZDF, s/w, 90 Minuten/ Folge

Ein sehr vielversprechendes Projekt, über dessen Pilotfilm ich weiter unten noch ein paar Worte verlieren werde. Was geschah aber? Mit dem geplanten Auftakt Auftrag Mord wurde ein sehr spannender Kriminalfilm produziert, in dem ein Hamburger Kommissar namens Mungowski (genannt "Mungo") und zwei Assistenten ermitteln. Die Figur des Ermittlers ist sehr originell und die sympathische Darstellung des Hauptdarstellers Kolldehoff hat absolutes Potential für eine Serie. Was geschah aber? Das ZDF schickte die weiteren Bücher Bruno Hampel zurück. Nun liegt die Vermutung nahe, dass auch der Münchner Produzent Helmut Ringelmann ein Machtwort gesprochen hatte. Denn Mungo wäre absolute Konkurrenz für Kommissar Keller gewesen. Reinhard Kolldehoff bestätigt das in dem genannten Bericht auf die Frage, warum nichts aus der Reihe wurde: "Bestimmt aus Angst wegen Ode". Es wäre auch nicht das erste Mal gewesen, denn man sagt ja auch, dass Das Kriminalmuseum und Die fünfte Kolonne nicht fortgeführt wurden, weil Ringelmann intervenierte, nachdem er bei Intertel wegging und mit seinem Kommissar die erste ZDF-Hauptabendserie produzierte.

Wie erwähnt, wurde immerhin der Pilotfilm zu Kommissar Mungo realisiert. Es handelt sich dabei um den vorzüglichen Fernsehfilm Auftrag Mord, der am 25. September 1970 im ZDF auf Sendung ging.
Darin spielt Walter Wilz den Barbetreiber Otto Grolbek, der beschließt, seine Vermieterin ermorden zu lassen. In weiteren Rollen sind Hannelore Schroth, Friedrich Georg Beckhaus, Werner Schumacher, Susanne Beck und Ralf Gregan zu sehen, der auch Regieassistent war.
Regie führte Dieter Lemmel, Kameramann war Jan Nĕmeček.
Den ermittelnden Kommissar Mungowski spielte wie erwähnt Reinhard Kolldehoff, seine Assistenten wurden von Frank Straass und Fritz Suppan dargestellt.
In dem rund 90minütigen Schwarzweißfilm gibt Reinhard Kolldehoff einen äußerst schlauen und sympathischen Kommissar, der wie sein amerikanischer Kollege Columbo - damals in der BRD noch völlig unbekannt - das Verbrechen aufrollt und seinen Gegner solange "malträtiert" und an die Wand spielt, bis dieser die Tat nicht mehr leugnen kann.

Der Film ist spannend, authentisch, spielt u. a. auch in Portugal und hat eine rasant voranschreitende Handlung. Bild+Funk urteilte: "Eine packende Kriminalstory! Spannender TV-Reißer von Bruno Hampel!". Wenn also alle Vorzeichen auf einen Erfolg hinwiesen, warum wurde dann nichts daraus? Aufgrund der Bücher kann es nicht gewesen sein, denn Heinz Kuntze-Just, der zuvor für das ZDF u. a. die Reihe Das Kriminalgericht und den Mehrteiler Millionen nach Maß mit Curd Jürgens produziert hatte, hatte sich als Autoren einen Mann geholt, der neben Herbert Reinecker wie kein anderer Erfahrung in dem Genre hatte: Bruno Hampel, der sich durch seine siebenteilige Serie Privatdetektiv Harry Holl und vor allem durch 39 Bücher für Kommissar Freytag (und weitere für Polizeifunk ruft) absolut im Genre profiliert hatte.
Hampels Bücher basierten stets auf echten Kriminalfällen, der erfahrene Mann führte eine Kartei mit Zeitungsausschnitten und Berichten über Morde, Einbrüche usw., die er bei Bedarf herausholte und aus denen er einen neuen Film bastelte. Dass er in Auftrag Mord sein Lieblingsmotiv, den berühmten Paragraphen (siehe dazu meinen Artikel auf der Kommissar Freytag-Seite auf meiner Krimihomepage) bemühte, ist eher Zufall.
Schließlich stellt sich auch die Frage, was aus den übrigen Büchern wurde. Da Hampel sonst nur Serien im 25- oder 60-Minuten-Format geschrieben hat, und die Bücher für Mungo auf eineinhalb Stunden getrimmt waren, ist es unwahrscheinlich, dass diese etwa für den später produzierten Privatdetektiv Frank Kross verwendet wurden. Im Bereich Fernsehspiel war Hampel in den 70ern nicht aktiv, Ausnahmen bildeten eine Komödie und ein historischer Krimi (Steig ein und stirb), bei denen die Storys sicherlich nicht verwertet wurden. Vielmehr ist wahrscheinlich, dass alle fünf oder zumindest einige Tatort-Folgen Bruno Hampels auf den Mungo-Büchern basieren. Die Folgen Das fehlende Gewicht (in dem Dieter Eppler den Ermittler spielt) und 90 Liter Super wären beispielsweise auch prädestiniert für Kommissar Mungo alias Kolldehoff gewesen. Dass Hampels Der Alte-Beiträge auf dem einen oder anderen Mungo-Fall beruhte, ist schließlich auch nicht auszuschließen.

Jedenfalls ist es sehr schade, dass Reinhard Kolldehoff nicht zum Serienkommissar wurde, zumal er wirklich eine originelle Figur abgab. Ihm in „Auftrag Mord“ zuzusehen, ist eine wahre Freunde, Walter Wilz ist ein ebenbürtiger Gegenspieler als perfider Mörder.

Angefügte Bilder:
mungo 1.jpg   mungo 2.jpg   mungo 3.jpg   mungo 4.jpg   mungo 5.jpg   mungo 6.jpg   mungo 7.jpg   mungo 8.jpg   mungo 9.jpg  
Giacco Offline



Beiträge: 1.631

26.09.2014 22:16
#2 RE: Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

Wieder mal eine sehr interessante Geschichte. Ich freue mich ja immer über Neues aus der Vergangenheit und von diesem Projekt hatte ich noch nie etwas gehört. Da ist wohl durch die Machtspielchen von Produzenten und Redakteuren eine möglicherweise publikumswirksame Serie auf der Strecke geblieben.

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

28.09.2014 18:02
#3 RE: Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

Hochinteressant! Die Besetzung mit Reinhard Kolldehoff als Kommissar klingt spannend, zumal ich ihn sonst nur als Ganove oder unfreundlichen Zeitgenossen in Filmen und Serien kenne.
Es gab doch auch mal ein Projekt für eine Krimiserie mit Joachim Fuchsberger in jenen Jahren, das dann auch im Sande verlief. Womöglich aus den gleichen Gründen wie "Kommissar Mungo"?

Georg Offline




Beiträge: 2.969

28.09.2014 19:25
#4 RE: Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

Durchaus möglich. Das Projekt mit Fuchsberger hieß Der neue Mann. Hier wurde schon mal darüber berichtet: Projekt "Der neue Mann" (J. Fuchsberger)

Der neue Mann (befand sich im Herbst 1970 in der Planungsphase) mit Joachim Fuchsberger in der Titelrolle war als Ablöse für den Kommissar geplant, 1971 sollte er starten. Darin sollte der harte Arbeitsalltag der Kriminalpolizei geschildert werden. Und schon ist klar, warum auch daraus nichts wurde: Der Kommissar lief erfolgreich weiter.
Es ist anzunehmen, dass es auch hier Interventionen gab, zumal Fuchsberger als TV-Kommissar sicherlich noch erfolgreicher als Ode gewesen wäre... Interessant wäre, was aus Kirsts Drehbüchern geworden ist.

Apropos Drehbücher: Bruno Hampel schrieb ja 1973 Nerze nachts am Straßenrand frei nach Hansjörg Martin, ebenfalls für Produzent Heinz Kuntze-Just, der ja auch den Kommissar Mungo produzieren hätte sollen. Möglich, dass in dieses Drehbuch auch eine Mungo-Geschichte mit einfloss...

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

19.10.2014 20:03
#5 RE: Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

Schade, dass weder aus dem einen, noch aus der anderen Serie etwas wurde. Blacky als TV-Kommissar wäre sicher der Quotenrenner gewesen! Auftrag Mord wäre ja dennoch einmal etwas für eine DVD-Veröffentlichung.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.564

04.11.2018 14:39
#6 RE: Reinhard Kolldehoff als "Kommissar Mungo" (1970) Zitat · antworten

BEWERTET: "Auftrag: Mord" (Deutschland 1970)
mit: Walter Wilz, Friedrich G. Beckhaus, Hannelore Schroth, Reinhard Kolldehoff, Fritz Suppan, Frank Straass, Werner Schumacher, Susanne Beck, Manfred Reddemann, Renate Schubert, Heinz Rippert, Anke Kröning u.a. | Drehbuch: Bruno Hampel | Regie: Dieter Lemmel

Otto Grolbek hat vor ein paar Monaten das Lokal von Vera Zinn übernommen, die nach Portugal ausgewandert ist. Dafür soll der junge Mann ihr monatlich DM 3000 auf Leibrente bezahlen. Mittlerweile bereut er die Vereinbarung, weil er unterm Strich draufzahlen wird, wenn Frau Zinn ein hohes Alter erreichen sollte. Grolbek wendet sich an seinen alten Bekannten Janos Klewe, den er schon einmal in einer Strafsache gedeckt hat. Nun soll er für ihn Vera Zinn ermorden und ihren Tod wie einen Selbstmord aussehen lassen. Klewe reist nach Portugal und sucht die Frau in ihrem Haus auf. Doch dann kommt es zu einer Wendung, mit der Otto Grolbek nicht gerechnet hat....



Walter Wilz steht im Mittelpunkt des Fernsehkrimis, der eine seiner letzten Arbeiten als Schauspieler war. Zur ZDF-Ausstrahlung im September 1970 berichtete das "Hamburger Abendblatt", dass Wilz im Mai 1970 eine eigene Fernseh- und Theaterproduktionsfirma namens "Zero" in München gegründet hatte und eine siebenteilige Dokumentarfilmserie über Afrika drehte. Der Schauspieler war also dabei, sich ein zweites Standbein zu schaffen und verlagerte seine Arbeit hinter die Kamera. "Auftrag: Mord" sollte ursprünglich der Pilotfilm zu einer ganzen Serie werden, ermittelnder Beamter war Reinhard Kolldehoff als Kommissar Mungowski. Der TV-Sender wollte seinem Erfolgsformat "Der Kommissar" mit Erik Ode wohl nicht Konkurrenz machen und setzte deshalb die bereits vorhandenen Bücher von Autor Bruno Hampel nicht um. Dabei handelt es sich bei dem vorliegenden knapp neunzig Minuten langen Kriminalfilm um eine spannende, schnörkellose Mordgeschichte, die neue Facetten der Darsteller zeigt, die hier gegen ihr Image besetzt worden sind. Sympathieträger Walter Wilz zeigt einen eiskalt berechnenden Charakter ohne Skrupel, der sich finanziell verspekuliert hat und nun nach einem eleganten Ausweg sucht. Geschickt schafft es das Drehbuch, Otto Grolbek zur Identifikationsfigur aufzubauen, wobei auch die Kameraführung nicht unwesentlichen Anteil hat. Walter Wilz' Gesicht wird häufig in Nahaufnahme gezeigt, sein Profil ist kantiger und männlicher geworden ist. Die düstere Rolle steht ihm gut und entlockt seinem Repertoire morbide Akzente, die ihn reifer und überlegener wirken lassen. Sein Otto Grolbek ist ein Mann, der unnahbar und unbequem agiert und keine Freundschaften, sondern Zweckbündnisse schließt.

Eröffnet der Krimi noch unter den Vorzeichen von Rebellion und Vandalismus, so zeichnet sich bald ab, dass der Geschädigte dabei ist, den Spieß umzudrehen und seinerseits jemandem zu schaden. Das Drehbuch hält mehrere solcher ausgeklügelter Schachzüge bereit und hält das Publikum mit einigen überraschenden Wendungen bei Laune. Die Konzentration auf das Vertuschen und Spurenverwischen macht den Zuschauer zum Komplizen, der sich recht bald mit dem männlichen Hauptdarsteller identifiziert. Reinhard Kolldehoff hat es zunächst schwer, sich gegen den charismatischen Täter zu profilieren, überzeugt dann aber durch hartnäckiges Hinterfragen jedes Details und elegantes Auslegen von listigen rhetorischen Fallen. Gab es im Mittelteil einen kleinen Durchhänger, der vor allem der Ratlosigkeit nach dem missglückten Anschlag geschuldet war, so messen sich Wilz und Kolldehoff bald offen miteinander und zeigen dabei ein Katz- und Mausspiel, wie man es sich für ein intelligentes Verhör wünscht. Hannelore Schroth inszeniert ihre Vera Zinn als kurzfristig verunsicherte Frau, die gern glauben würde, dass alles ins Lot kommt, aufgrund schlechter Erfahrungswerte jedoch misstrauisch und vorsichtig geworden ist. Dennoch kommt sie weitgehend den Vorgaben ihrer Umgebung nach, weil sie keine Fehler machen und vor allem nicht auffallen will. Susanne Beck hat eine kleine Rolle als schusselige Autofahrerin, deren zufällige Beobachtung später ein wichtiges Indiz liefert. Die Stimmung ist vergleichbar mit "Der Kommissar" und "Das Kriminalmuseum", wobei die Aufnahmen in Portugal für einen abstrakten Gegenpol sorgen, der das potenzielle Mordopfer noch mehr isoliert und der Anonymität aussetzt.

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