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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 1.132 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.404

05.08.2012 19:58
Mordprozess Dr. Jordan (1949) Zitat · antworten

BEWERTET: "Mordprozess Dr. Jordan" (Deutschland 1949)
mit: Rudolf Fernau, Maria Holst, Margarete Haagen, Dorothea Wieck, Kurt Waitzmann, Mila Kopp, Axel Ivers, Theodor Danegger, Martha Ziegler, Hubert von Meyerinck, Erwin Kleist, Hilde Willer, Grete Wurm, Theodor Loos, Max Mairich u.a. | Drehbuch: Wolf Neumeister, Erich Engels | Regie: Erich Engels

Dr. med. Alexander Jordan fährt am 7. November 1912 mit dem Zug von Köln nach Wiesbaden, wo er sich heimlich mit seiner Schwägerin Leonie Leborius treffen möchte. Die beiden haben seit geraumer Zeit ein Verhältnis miteinander, von dem Leonies Schwester Constanze keine Kenntnis hat. Um seine Schwiegermutter abzulenken, bestellt Jordan sie nach Einbruch der Dunkelheit ins Telegraphenamt. Er hat jedoch nicht damit gerechnet, dass die alte Dame ihre Tochter Leonie bittet, sie zu begleiten. Als Frau Leborius auf offener Straße erschossen wird, fällt der Verdacht auf ihren Schwiegersohn, der beträchtliche Schulden und durch seine private Situation ein zusätzliches Motiv hat....



Die männliche Hauptrolle dieses Kriminalmelodrams spielt der gebürtige Münchner Rudolf Fernau (1903-1985). Der Mime mit dem spöttischen Zucken um die Mundwinkel gibt hier nach seinem großen Erfolg in "Dr. Crippen an Bord" (1942) erneut einen Arzt, der unter dem Verdacht steht, eine ihm nahe stehende Frau getötet zu haben. Nach wie vor gilt, was Felix Henseleit bereits am 16.12.1942 im "Film-Kurier" über den Schauspieler geschrieben hat:

Zitat von Felix Henseleit: Film-Kurier 'Dr. Crippen an Bord', 16.12.1942
Er gibt dieser Mittelpunktgestalt des Films die vielfältige Charakterisierungskunst, die den von ihm geformten Rollen stets das unverwechselbare Gepräge gibt. Welche Vielfalt der Nuancen hat er auch für diese Zwielichtfigur bereit! [...] Er zeigt diese Hauptgestalt des Films als einen sehr zusammengesetzten Menschen, bei dem Züge von Menschlichkeit, die sogar bisweilen ein tragisches Schicksal wahrscheinlich sein lassen, neben Zügen stehen, die die Gestalt mit Merkmalen versehen, die die Figur unter der Maske des Harmlos-Biedermännischen ins Unheimliche wenden. Aus dieser Vielfalt formt sich eine außergewöhnlich eindrucksvolle schauspielerische Leistung, die den Ausdrucksreichtum, die reiche Skala der Nuancen, die Rudolf Fernau zur Verfügung stehen, erkennen lässt.


In der weiblichen Hauptrolle überzeugt die vor allem aus Heimatfilmen bekannte Österreicherin Maria Holst (1917-1980). Ab Ende der Dreißiger Jahre war sie eine gefragte Theaterschauspielerin, was man auch in diesem Film merkt, wenn sie Räume weitläufig durchschreitet und mit ihrer Präsenz ausfüllt.



Die Ereignisse laufen in rascher Abfolge ab und zeigen uns den Tropenarzt bereits nach zwanzig Minuten vor Gericht. Sein Verteidiger wird von Kurt Waitzmann gespielt, der viele Jahre später ebenso wie Fernau in den Edgar-Wallace-Filmen der Rialto mitwirken sollte. Sein Engagement und das Einbringen eines neuen Beweises für die Unschuld seines Mandanten, können nicht verhindern, dass Dr. Jordan zum Tode verurteilt wird (er wird allerdings zu lebenslanger Haft "begnadigt").

Der Mordprozess wird zügig abgewickelt und leitet die Zeit der Isolation und Einsamkeit ein, die jedoch nicht nur den Mann, sondern auch die neue Frau an seiner Seite von gesellschaftlichen Freuden ausschließt. Ohnehin kann die Geschichte von Dr. Jordan nicht erzählt werden, ohne auf die Kraft der Zerstörung hinzuweisen, die von ihm ausgeht; mehrere Todesfälle, gestohlene Jahre und vernichtete Karrieren begleiten den Mann, der sich laut Berufsethos zum Edlen und Guten verpflichtet hat.



Am Ende des Films haben wir vier Menschen sterben gesehen, in mindestens drei Fällen hätte das Ableben der Personen verhindert werden können - trotzdem baut die Handlung vor allem auf die Gefühlswelt des männlichen Protagonisten, auf seinen mühsamen Weg zurück ins Leben, das ihn nach der vorzeitigen Haftentlassung nach fünfzehn Jahren keineswegs mit offenen Armen empfängt. Ein Zuhause im herkömmlichen Sinne hat er nicht mehr, seine einzige Hoffnung ist das Wiedersehen mit Leonie. Dreimal werden symbolisch Blumen überreicht, dreimal tritt die Eisenbahn in Erscheinung. Die floralen Sträuße werden jedes Mal fallengelassen, obwohl sie Freude bereiten sollten; die Bahnfahrten bringen uns zum Tod bzw. ums Leben.

Geschickt schafft es das Drehbuch, den Zuseher zum Verbündeten Jordans zu machen. Seine Ehefrau wird als kühl und egoistisch dargestellt, die junge Schwägerin oberflächlich-naiv und das Mordopfer altertümlich-verständnislos. So fällt es dem Publikum nicht schwer, an eine Verkettung unglücklicher Zufälle und die Tat eines Unbekannten zu glauben. Der Gefängnisalltag, der Jordan beim Tütenkleben und dem sehnsüchtigen Warten auf Post zeigt, unterstreicht das Unrecht, dass Jordan offenbar von der Justiz angetan wurde. Auch nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus gibt es immer wieder Momente, in denen Gefahr droht, die Zuschauer die Luft anhalten und hoffen, dass der Arzt davonkommt. Rückblickend muss man erkennen, dass Dr. Jordan nicht nur seine Umgebung, die Justiz und das Publikum, sondern vor allem sich selbst getäuscht hat.

NB: Die Universität Magdeburg hat eine sehr gute Abhandlung zu "Mordprozess Dr. Jordan" online gestellt, in der Filmhandlung, Charaktere, Inhalt und "mise-en-scéne" analysiert werden.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.845

12.01.2014 20:48
#2 RE: Mordprozess Dr. Jordan (1949) Zitat · antworten



Mordprozess Dr. Jordan

Kriminalmelodram, D 1949. Regie: Erich Engels. Drehbuch: Erich Engels, Wolf Neumeister (Buchvorlage „Der Fall Mauritius“, 1928: Jakob Wassermann). Mit: Rudolf Fernau (Dr. Alexander Jordan), Maria Holst (Leonie Leborius), Margarete Haagen (Frau Leborius), Mila Kopp (Livia Mantuzza), Dorothea Wieck (Constanze Jordan, geborene Leborius), Kurt Waitzmann (Verteidiger Dr. Lehnhardt), Axel Ivers (Staatsanwalt Dr. Radtke), Theodor Danegger (Vater Jordan), Martha Ziegler (Schwester des alten Jordan), Berthold Ebbecke (Kriminalkommissar) u.a. Uraufführung (BRD): 12. Oktober 1949.

Zitat von Mordprozess Dr. Jordan
Erschoss Dr. Jordan seine Schwiegermutter auf offener Straße, weil sie einem Verhältnis mit seiner Schwägerin im Wege stand? Diese Auffassung vertritt zumindest der Staatsanwalt Dr. Radtke, dessen Indiziensammlung Dr. Jordan eine lebenslängliche Zuchthausstrafe einbringt. Die Zeitungen schreiben von einem Justizirrtum, doch Dr. Jordan wird erst nach 15 Jahren begnadigt. Hat seine Nichte Leonie so lange auf ihn gewartet?


Die Besprechung enthält Spoiler.

Was gern als das Porträt eines großen Justizirrtums verkauft wird und außerdem auf der Erzählung eines Justizirrtums in Novellenform basiert, hat in Wahrheit mit einem Justizirrtum nur wenig gemein. In den letzten Minuten des Films erfährt der Zuschauer, dass Dr. Jordan aller Verbrechen, deren man ihn angeklagt hat, tatsächlich schuldig ist. Ironischerweise war der einzige Irrtum, den die Gerichte begingen, insgeheim doch an die Beteuerungen des Arztes zu glauben und ihn nach 15 Jahren zu begnadigen.

Mit dieser Art subtiler Ironie hantiert „Mordprozess Dr. Jordan“ mehrfach. Die Handlung wird durch sich wiederholende Szenen, zum Beispiel Frisörbesuche, in Kapitel unterteilt, die zugleich für verschiedene Zeitabschnitte deutscher Geschichte als auch für Wendungen im Fall Jordan stehen. Der Film deckt die Spanne von der späten Kaiserzeit bis zur späten Weimarer Republik ab – und obwohl er keinen expliziten Kommentar zum Zeitgeschehen formuliert, wird aus dem unter der amerikanischen Militärregierung noch vor Gründung der souveränen Bundesrepublik entstandenen Produkt doch klar, was der Zuschauer vom Lauf der Historie zu halten hat. Dr. Jordan ist ein Symbolbild des deutschen Michels – disziplinarisch untergebuttert im Kaiserreich, gelitten während der Zeit des Ersten Weltkriegs, mit Trauma in die wilde Weimarer Republik entlassen und erst kurz vor deren Ende sein wahres Gesicht entblößend.

Ein weiteres Stück Geschichte lud die Produktion auf sich, nachdem sie dem deutschen Filmgeschäft abseits von Berlin, Hamburg und München nach dem Krieg wieder auf die Beine half:

Zitat von Hans Dieter Schreeb: Die Geschichte der Filmstadt Wiesbaden auf Filmmuseum.Info
Der erste Spielfilm, der je in den Wiesbadener Studios Unter den Eichen gedreht wurde, hieß „Mordprozess Dr. Jordan“, ein Klassiker vom ersten Tag an. [...] Hauptdarsteller war Rudolf Fernau, damals und in den Jahrzehnten davor und danach der typische Filmbösewicht. Bis zum Erscheinen von „Mordprozess Dr. Jordan“ waren seine beiden bekanntesten Filme „Im Namen des Volkes“ (hier gab er einen skrupellosen und dämonischen Mörder) und „Dr. Crippen an Bord“. [...]

Der größte Name bei "Mordprozess Dr. Jordan" war jedoch der des Produzenten – Heinz Rühmann. [...] Allerdings gab es 1945 einen Knick in seiner Karriere. Neider diffamierten ihn als Nazi; es tauchten Pamphlete auf, die ihn als Mitläufer und Mittäter darstellten. Dabei spielte vor allem die Scheidung von seiner jüdischen Frau eine große Rolle. Genau genommen bewies Rühmann gerade dabei Zivilcourage und Haltung, aber die Umstände waren schwer zu erklären. [...] Das brachte ihn dazu, 1947 zusammen mit Alf Teichs, einem ehemaligen Produktionsleiter der Terra, die Filmfirma „Comedia“ zu gründen. [...] Doch hatte Rühmann entweder ein gesundes Selbstvertrauen oder er meinte, sein Partner Teichs werde schon wissen, wie es gehe. Letzten Endes ging es schlecht. Die „Comedia“ (Signet: ein Januskopf und an drei Orten in Handelsregister eingetragen, in Wiesbaden, in München und in Berlin) ging 1952 in Konkurs; Rühmann haftete mit seinem Privat-Vermögen.




Obwohl sich „Mordprozess Dr. Jordan“ wie erwartet als Melodram der alten Schule entpuppt, weist der Film ein höheres Tempo auf, als man es von vergleichbaren Kriminal- oder Gerichtsfilmen gewohnt ist. Gerade zu Beginn kann man im Rahmen nachkriegsdeutscher Drehgewohnheiten von sich überschlagenden Ereignissen sprechen, die zunächst für einige Verwirrung über die beteiligten Charaktere sorgen. Diese ungewöhnlich ungestüme Situation wird bald durch den umfangreichen Einsatz einer Erzählstimme sowie durch ausgewogene darstellerische Leistungen geglättet. Rudolf Fernau spielt mit einer Ruhe, die seine Kaltschnäuzigkeit verrät, aufgrund der großen Identifikationskraft seiner Figur für den Zuschauer aber zunächst als eine Überzeugung von Unschuld fehlinterpretiert werden und damit den Film zu einem wirkungsvollen Täuschungsmanöver machen kann. Als interessante Gegenspieler treten Axel Ivers und Kurt Waitzmann vor Gericht gegeneinander an, weil die beiden Herren ausnahmsweise nicht der gesetzten Weisheit des Alters entsprechen, die man sich für gewöhnlich von den Rollen von Staatsanwalt und Verteidiger vor dem geistigen Auge zurechtlegt.

Zwar bekommt man manchmal den Eindruck vermittelt, die Handlung sei zu wendungsreich konstruiert, um tatsächlich auf wahren Ereignissen basieren zu können, doch die Biografie Carl Haus, der als Vorbild für Dr. Jordan in der Verfilmung diente, belehrt den Ungläubigen eines Besseren:

Zitat von Carl Hau auf Wikipedia.org
Carl Hau war ein deutscher Jurist, der im Juli 1907 in Karlsruhe wegen Mordes an seiner Schwiegermutter Josefine Molitor zum Tode verurteilt wurde. Der Indizienprozess erregte große öffentliche Aufmerksamkeit. Hau wurde zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt und nach 17 Jahren Haft auf Bewährung freigelassen. Er verfasste danach zwei Bücher, in denen er den Prozess und die Haftzeit aus seiner Sicht schilderte. Die im Ullstein Verlag erschienenen Berichte wurden zu Bestsellern. Das badische Justizministerium widerrief 1925 unter anderem wegen dieser Veröffentlichungen die Aussetzung der Strafe. Es kam zu neuen Debatten in der Presse über den Fall und über die Meinungsfreiheit ehemaliger Häftlinge. Carl Hau beging auf der Flucht in Italien am 5. Februar 1926 Suizid.


Sowohl in der Natur des Melodrams als auch im Charakter Dr. Jordans liegt der Umstand, dass das Verderben des Titelhelden in seinen unglücklichen Bindungen an Frauen begründet liegt. Die weibliche Seite der Produktion wurde durch Maria Holst, Dorothea Wieck und Margarete Haagen nüchterner vertreten, als man es für die entweder stark emotional oder echauffiert agierenden Männer des Films behaupten kann. Dr. Jordans Schwäche macht sich auch in den Szenen nach der Entlassung bemerkbar, in denen er in einem zweifelhaften Lokal versumpft, was der hauptsächlichen Angelegenheit des Films bei aller Vertiefung des Charakters leider einigen Wind aus den Segeln nimmt.

Erich Engels und dem Fotografen Werner Krien gelangen zum Ausgleich bravouröse, stilvolle Aufnahmen, die die historische Auslegung der Geschichte betonen und gleichzeitig im typischen Stil leider vergangener Filmkunst der Vierzigerjahre arbeiten. Scharfe Licht- und Schattenwürfe, elegante Kameraeinstellungen und die einfallsreiche, aber nie verspielte Ausnutzung der Kulissen zählen zu den Stärken des zeitgenössischen Kinos und machen auch „Mordprozess Dr. Jordan“ zu einem gelungenen Beispiel seiner Zunft.

Weniger der durch den Titel in Aussicht gestellte Gerichtsfilm als vielmehr ein biografisches Melodram entfaltet sich in raschem Schritt vor dem Zuschauer, der in einen historisierenden, aber zugleich geschichtsaufarbeitenden Kontext entführt wird. Die soliden Leistungen einer Schauspielerriege, deren Qualität man in jeder Geste erkennen kann, ergänzen das Filmerlebnis zu einem spannenden Ausflug in das vernachlässigte Genre des Nachkriegskrimis. 4,5 von 5 Punkten.

Blinde Jack Offline




Beiträge: 2.000

12.01.2014 23:55
#3 RE: Mordprozess Dr. Jordan (1949) Zitat · antworten

Auch hier ein großes Dankeschön an Gubanov für den Tipp.

Ich habe mir soeben den Film angesehen und allein die Thematik hat mich fasziniert. Rudolf Fernau verkörpert eindrucksvoll den schicksalhaften Weg seines Lebens und hat mich das Thema anfangs auch an das dänische Meisterwerk aus dem Jahre 2012, DIE JAGD, erinnert, spottet die unerwartete Auflösung all diesen Ansätzen. Durch einen authentischen, zum Mitfühlen einladenden Fernau, legt der Film über weite Strecken eine falsche Fährte und zwingt den Zuschauer insofern zu einer blinden Sympathie. Interessant und für die Entstehungszeit vielleicht auch gewagt ist der Schluss, der nicht jeder Sympathie trotzt und zudem auch äußerst tragisch ist.

Abgesehen von Rudolf Fernau als Nonplusultra des Filmes ist hier weiterhin den Drehbuchautoren ein großes Lob auszusprechen. Durch den geschickten Aufbau, die zügige Erzählweise (auch durch die Off-Kommentare) und die symbolischen Bilder, drängt sich mitunter fast schon der Vergleich zum Theaterstück auf, bzw. auch in schwacher Form der Vergleich zu den Dogma95 Konzepten. Auch wenn die Konflikte bisweilen überspitzt sind, so verhält sich der Film dennoch ausgesprochen nüchtern damit und auch die bereits angesprochene Identifikation mit dem Charakter Fernaus entfernt sich klar vom billigen schwarz-weiß-Schema. Das Ergebnis, insbesondere der Schluss, spricht für sich, wenn man als Zuschauer die Fragmente einer ganzen Person vor sich hat und keine einseitigen und auch völlig weltfremden Gut-oder Böse-Stempel. Gänzlich frei von Konstruktion ist die Geschichte natürlich nicht, aber auch durch die wiederkehrenden Bilder bzw. Szenen wird der Person Fernaus ein stimmiger Rahmen geschaffen, der die Entwicklung deutlich spürbar werden lässt.

Ebenfalls überzeugt haben mich die starken Aufnahmen. Kameraeinstellungen wurden mit Bedacht gewählt (vor allem in dem einen Rückblick nach Paris, wo über eine Empore gefilmt wurde, die angeschnitten noch im Bild zu sehen ist) und sind ausdrucksstark. Am Anfang, kurz vor dem Mord, wird sogar unheimliche Spannung erzeugt und das gänzlich durch Bild und Ton, ohne zusätzliche Schockeffekte. Was also allein die Bilder schon vermitteln, ist wirklich klasse.

Abschließend noch ein Wort zu anderen Darstellern des Films. Kurt Waitzmann hat mir hier eigentlich so gut gefallen, wie bei keinem seiner Wallace-Auftritte und spielt seinen wichtigen Part so locker, dass auch er dafür Sorge trägt, dass man an die Unschuld Fernaus glaubt. Sogar der eine Moment des Zweifels spielt geschickt in die gegensätzliche Richtung und das ist auch dem sympatischen und optimistischen Spiel Waitzmanns zu verdanken. Unter einer Haarpracht versteckt, mischt sich Hubsi als Friseur unters Geschehen, aber Blickfang in dieser Szene bleibt natürlich Fernau, der nebenbei bemerkt in seinem hellen Anzug toll aussieht. Ja, auch hierauf bin ich aufmerksam geworden und die Kostüme im Film strahlen nur so vor Eleganz. Die restlichen Darsteller, obgleich mir alle unbekannt, überzeugen hier bis in die kleinsten Rolle und sehr gut gefiel mir der Droschkenfahrer, der für einen wunderbar leichten Humor sorgt.

Ich kann nur, abschließend, nochmals Danke sagen, denn auch hier wurde genau mein Geschmack getroffen. Zwischen Kriminalfilm und einem eindringlichen Charakterspiel bewegt sich dieser Film mit hoher Präsenz und selbst wenn er letztlich in beiden Genres ein interessantes Ende wählt, wirft das Drehbuch auch zwischendrin weitaus mehr Fragen auf.

Klasse Film, der Form halber 5 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 2.777

05.09.2015 20:39
#4 RE: Mordprozess Dr. Jordan (1949) Zitat · antworten

Ein sehr spannender Justizkrimi, der durch die großartige, glaubhafte Dartsellung von Rudolf Fernau getragen wird, aber auch in den anderen Rollen - bis hin zu den kleinsten Parts (Hubert von Meyerinck als florentinischer Frisör) - absolut hervorragend besetzt ist. Neben Fernau sticht für mich vor allem Kurt Waitzmann als Jordans Verteidiger hervor. Leider verkümmerte dieser sehr gute Darsteller später in Klein- und Kleinstrollen, in denen er austauschbar war.

Dr. Crippen-Regisseur Erich Engels hat einen packenden und spannenden sowie authentisch wirkenden Spielfilm abgeliefert. Sehenswert. Ich schließe mich dem lobenden Urteil meiner Vorschreiber an.

Ray Offline



Beiträge: 774

29.07.2016 21:21
#5 RE: Mordprozess Dr. Jordan (1949) Zitat · antworten

Mordprozess Dr. Jordan (BRD 1949)

Regie: Erich Engels

Darsteller: Rudolf Fernau, Kurt Waitzmann, Maria Holst, Margarete Haagen, Hubert von Meyerinck u.a.


Der Bericht enthält Spoiler.


Auch ich schließe mich den positiven Stimmen zu diesem Film an.

Wer unvoreingenommen an den Film herangeht, darf einigermaßen darüber überrascht sein, was der Film alles in weniger als 90 Minuten verpackt. Angesichts des Titels erwartet man einen Mord und einen sich anschließenden, langwierigen Prozess. Doch weit gefehlt. Innerhalb der ersten Minuten geschieht das Verbrechen, zur Halbzeit ist der Prozess bereits zu Ende, kurz darauf ist Dr. Jordan schon wieder (nach 15 Filmjahren!) begnadigt, um wenig später ein weiteres Mal per Haftbefehl gesucht zu werden. Es folgt ein überraschendes und packend inszeniertes Ende.

Alles in allem ist Erich Engels ein gelungenes Kriminalstück gelungen, das insbesondere von der ausdrucksstarken Darstellung Rudolf Fernaus lebt. Daneben gefällt vor allem Kurt Waitzmann, der zur Zeit der Krimiwelle in den 1960er-Jahren eher in kleineren Rollen auftrat. Hier bekommt er Zeit und Raum, dem Zuschauer andere Facetten seines Könnens zu offenbaren. In Sachen Ausstattung und Kameraarbeit wurde ebenfalls sehr ordentliche Arbeit geleistet.

Kleiner Kritikpunkt: Die Szene, in der Jordan aus dem Zug geführt wird und ihm dann bei der Polizei der Pass verlängert wird, obwohl er bundesweit gesucht wird und ein Fahndungsbild auf dem Schreibtisch liegt, ist doch ziemlich unglaubwürdig, zumal Jordan durch den Prozess und seine Enthüllungen für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat und daher einem Polizeibeamten bekannt sein müsste.


Dichtes Kriminalstück mit einem charismatischen Hauptdarsteller und überzeugendem Finale. Kleinere Unstimmigkeiten werten den Film nur unwesentlich ab. 4,5/5 Punkten.

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