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Dieses Thema hat 17 Antworten
und wurde 2.829 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.025

23.08.2017 11:54
#16 RE: Wer erschoss Boro? (1986, TV) Zitat · antworten

Zitat von TV-1967 im Beitrag #15
Das Ganze ist auf jeden Fall diesmal ein extremes Kammerspiel a la Weidenmann/Reinecker. Vieles wirkt sehr aufgesetzt. Vor allem der Hauptdarsteller Ernst Schröder.
Interessant jedenfalls Dirk Galuba diesmal als Kommissar zu sehen.

Ich finde den Mehrteiler geraden wegen des großen Ernst Schröder sehenswert. Sehr glaubhaft, wie er den Kommissar gibt. Dirk Galuba hingegen fand ich als Assistent eher blass. :-)

Gubanov Offline




Beiträge: 15.975

30.05.2019 23:30
#17 RE: Wer erschoss Boro? (1986, TV) Zitat · antworten



Der Kommissar sind Sie: Wer erschoss Boro?

Teile 1 bis 3 des TV-Kriminalmehrteilers, BRD 1986/87. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Ernst Schröder (Hauptkommissar Clausen), Dirk Galuba (Kriminalkommissar Hausmann), Horst Bollmann (Alwin Borowitz), Edda Seippel (Helene Häubel), Richard Münch (Herr Senfter), Inge Birkmann (Frau Senfter), Sonja Sutter (Helga Holzmann), Kurt Sowinetz (Kurska), Karl Heinz Vosgerau (Dr. König), Roswitha Schreiner (Andrea König), Markus Boysen (Theo Höltzel), Jochen Horst (Alf Wohnisch), Henry van Lyck (Lobeck), Michael Boettge (Kranich), Manfred Spies (Fahring) u.a. Erstsendungen: 2. Januar, 13. und 20. Februar 1987. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Wer erschoss Boro?
Die Haushälterin Helene Häubel informiert die Kripo darüber, dass ihr Arbeitgeber Alwin Borowitz erschossen wurde. Der selbsternannte Guru liegt tot im Versammlungsraum seiner Villa. Eine kleine Gruppe getreuer Anhänger bezeichnet den Ermordeten als Heiligen – dennoch rücken diese Borowitz teilweise bedingungslos ergebenen Personen (darunter ein älteres Ehepaar, ein verarmter Rentner, ein Student, eine Anwaltstochter, ein Drogensüchtiger und eine verlassene Frau) in den Fokus der Ermittlungen von Hauptkommissar Clausen. Dieser findet heraus, dass Alwin Borowitz in Wahrheit noch lebt. Der Tote hatte die Identität seines Bruders übernommen, weil er in Rom vor einiger Zeit einen Mord begangen hatte ...


Auf den langjährigen „Derrick“-Zuschauer wirkt „Wer erschoss Boro?“ wie ein zwar tappert-freies, aber inhaltlich und stilistisch doch bis in Details vertrautes Serien-Special in Überlänge. Eine Grünwalder Villa als Schauplatz eines Whodunit-Krimis sowie die Handschrift der hinter der Kamera an dem Krimi Beteiligten sind beinah noch charakteristischer als das fehlende Gesicht des 281-fach erprobten Hauptdarstellers – von der Strukturierung des Drehbuchs über die Merkmale der Inszenierung und musikalischen Untermalung bis hin zur allgemeinen Besetzungsstrategie des Produzenten verspürt man in allen wichtigen Aspekten ein Gefühl verdächtiger Vertrautheit. Dass die beiden hier statt Tappert zu sehenden Kommissarsdarsteller bei „Derrick“ fünf- bzw. 22 Mal mit von der Partie waren, verstärkt die Assoziationen natürlich zusätzlich. Immerhin durchmischte man die gewohnte Palette insofern, als sowohl Ernst Schröder als auch Dirk Galuba sonst meist eher verbrecherische oder zumindest zwielichtige Gestalten verkörperten. Der Rollenwechsel ins Ermittlerfach gelingt ihnen recht gut, wobei sich beide zu Gunsten der Verdächtigen zurücknehmen. Im Gegensatz zur überpräsenten Penetranz des Polizistenduos aus der Mitrateserie „Dem Täter auf der Spur“ ermöglichen sie dem Zuschauer, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, tatsächlich einen direkten, unmittelbaren Zugang zum Verdächtigenkreis.

Dieser ist natürlich der Posten, mit dem „Wer erschoss Boro?“ am meisten wuchern kann. Insbesondere der stark gealterte Richard Münch in einer seiner letzten Rollen sowie die immer wieder beeindruckende Inge Birkmann zeichnen die Boro-Verehrer mit galanter Eleganz bei gleichzeitiger kompromissloser, stellenweise sogar offen feindsinniger Verteidigung ihrer alterssenilen Verblendung. Ebenfalls stark für die Sache des verstorbenen Boro tritt Markus Boysen ein, der sich in einer Studentenrolle gemäß alter Reinecker-Regeln am lautstärksten für angeblich Wahres, Schönes und Gerechtes ereifern darf. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass der Wahn der Boro-Sekte sowie die Rattenfänger-Strategien ihres Anführers nie zu explizit ausgebreitet werden. Der Mehrteiler bleibt immer rein kriminalistisch interessiert und gleitet keineswegs in die vielleicht zu erwartende Philosophiestunde ab. Andere Verdächtige wie Sonja Sutter, Kurt Sowinetz oder Roswitha Schreiner bringen eher ihre charakteristischen Gesichter als wirklich einprägsame Charaktere oder Handlungsfunktionen mit, wohingegen Karl Heinz Vosgerau und Horst Bollmann als Figuren außerhalb der halbreligiösen Anhängerschaft für angenehm bodenständige Momente und gleichzeitig fein gezeichnete Verdachtsmomente sorgen.



Tatsächlich lässt sich rückblickend sagen, dass die Hinweise, die dem Zuschauer zur Ergreifung des richtigen Täters an die Hand gegeben werden, von Herbert Reinecker sehr geschickt und unauffällig in die Handlung eingestreut wurden. Dies hat den befriedigenden Effekt, dass die Auflösung weder absolut augenfällig noch in unerreichbarer Ferne ist – eine schöne Balance für einen Mitratekrimi. Allein schon aufgrund seiner „Einführung-Ausführung-Auflösung“-Struktur hält er die Spannung bis zum Ende. Sie baut sich zwar eher langsam auf, was vor allem an der überlangen Szene im Polizeirevier liegt, in der nacheinander alle Beteiligten vorgeladen und zum ersten Mal befragt werden. Zuvor am Tatort und später bei weiteren Ermittlungen dürfen die Ermittler „in freier Wildbahn“ jedoch umso markantere Duftmarken setzen, was gleichermaßen für die mit epischen Kameraschwenks arbeitende Bildgestaltung von Rainer Gutjahr gilt. Das einzige Hindernis, das dem Zuschauer abgesehen vom polizeirevier-kammerspielartigen Hauptteil noch in den Weg gelegt wird, ist das eher affektierte Spiel von Edda Seippel. Für die Rolle der allwissenden Haushälterin ist es aber letztlich wohl gar nicht so unpassend.

Wenn Dirk Galuba nach den fast 100 Minuten des Hauptteils schelmisch grinst und den Zuschauer fragt, gegen wen denn nun der Haftbefehl ausgestellt werden soll, ist das ein hocheffektiver Cliffhanger. Das ZDF hatte sich mit „Wer erschoss Boro?“ ein veritables Spektakel im multimedialen Produktverband ausgedacht und entgegen der lästernden Sticheleien des Spiegel, die parallel veröffentlichte „Handakte“ läge „wie Blei in den Regalen“, erreichte die Taschenbuch-Publikation ordentliche Verkaufszahlen (120’000 Exemplare). Sicher spielte die Hoffnung auf die Gewinnprämie von zehnmal 10’000 Mark für erfolgreiche Hobbydetektive am heimischen Fernsehgerät dabei eine gewisse Rolle. Dafür und für den insgesamt sehr spannenden und verblüffenden Fall lässt man sich zur Not auch mit Frank Duvals eigenwilliger Komposition „Face to the Wind“ berieseln, die – und so schließt sich der Kreis – sieben Jahre später in der „Derrick“-Folge „Das Thema“ wiederverwendet wurde.

„Die Frage ist an Sie gerichtet: Wer erschoss Boro?“ Als Zuschauer greift man Hauptkommissar Clausen nur zu gern, wenngleich vermutlich in den allerwenigsten Fällen erfolgreich unter die Arme. Man bekommt es mit einem mustergültigen Krimi der alten Schule mit der von Ringelmann und Reinecker gewohnten Präzision in Storytelling, Besetzung und Produktionsstandards zu tun. Ergänzt durch die innovative Idee der Zuschauerbeteiligung und die vertrauten Parallelen zum Dauerbrenner „Derrick“ ergibt sich daraus beste Abendunterhaltung. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.975

31.05.2019 22:30
#18 RE: Wer erschoss Boro? (1986, TV) Zitat · antworten

PS: Noch ein Hinweis für Leute, die „Wer erschoss Boro?“ noch nicht gesehen haben: Auf der Pidax-DVD, die eine erfreulich gute Bildqualität hat, sind die ersten beiden Episoden „Die Einführung“ und „Die Ausführung“ miteinander vertauscht worden. Wenn man „Alle abspielen“ oder auf „Teil 1“ anwählt, bekommt man zuerst den Hauptteil in Spielfilmlänge gezeigt. Wer die richtige Reihenfolge sehen will, muss im Menü zuerst „Teil 2“ ansteuern. Ich muss allerdings sagen, dass ich über diesen Fehler nicht einmal so traurig bin: „Die Einführung“ eignet sich auch gut als Zusammenfassung nach der Sichtung der umfangreichen Ermittlungen (oder generell als netter Bonus mit Blick hinter die Kulissen), wohingegen ich, wenn ich sie schon vorher gesehen hätte, sicher das Gefühl gehabt hätte, mir sei bereits eine ganze Menge verraten worden.

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