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 Film- und Fernsehklassiker national
Prisma Offline




Beiträge: 7.571

27.08.2012 14:39
Bewertet: "Arzt ohne Gewissen - Privatklinik Prof. Lund" (BRD 1959) Zitat · Antworten



ARZT OHNE GEWISSEN - PRIVATKLINIK PROF. LUND (1959)

mit Ewald Balser, Barbara Rütting, Wolfgang Preiss, Erica Beer, Karin Baal, Wolfgang Kieling, Wolfried Lier, Lina Carstens, Agnes Windeck und Cornell Borchers





Auf dem Kongress der Kardiologen sorgt Professor Lund (Ewald Balser) mit seiner unfassbaren Aussage »Nicht nur Krankheit, auch der Tod ist überwindbar« für internationale Schlagzeilen. Der Chirurg hat Pläne, das medizinische Weltbild zu revolutionieren und stößt auf hohes Interesse und große Anerkennung. Lund möchte an der weltberühmten, aber schwer herzkranken Sängerin Harriet Owen (Cornell Borchers) eine Herztransplantation vornehmen, doch fast niemand weiß von seinen Plänen. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen überredet er den ambitionierten Arzt Dr. Westorp (Wolfgang Preiss) ihm bei der riskanten Operation zu assistieren, nachdem Lund ihn in sein Forschungsprojekt, dass in einem abgeschirmten Schloss stattfinden soll, eingeweiht hat. Dort finden sich auch der zwielichtige Dr. Stein (Wolfgang Kieling), ein ehemaliger KZ-Arzt, und die junge Arztin Dr. Cordt (Barbara Rütting), die dem Professor behilflich sind. Wer ist in die Pläne eingeweiht, wo kommen die benötigten Organe her und wie weit ist Professor Lund für seine Visionen bereit zu gehen?

Bei "Arzt ohne Gewissen" handelt es sich um einen weiteren Griff in die Pidax-Schatzkiste, und dieser Medizin-Thriller mit Kriminalelementen kann sich durchaus sehen lassen. Umgesetzt wurde der Film von Falk Harnack, der insgesamt ein gutes Gespür für Atmosphäre beweisen konnte. Zur Entstehungszeit war der Inhalt um die Transplantation von Organen noch visionär, möglicherweise skandalös, da es praktisch gesehen noch Zukunftsmusik darstellte. Die Integration der Figur des Dr. Stein, einem ehemaligen Obersturmführer, lässt unbequeme Quervergleiche zur NS-Zeit zu, in der das Experimentieren am lebenden Objekt wohl Hochkonjunktur hatte. Die Frage nach wertvollem oder minderertigen Leben ist hier zwar präsent, wurde aber ungünstig verarbeitet, was an der möglichen Sympathie für einige Protagonisten liegt. Trotz des logisch-konsequenten Verlaufes bleiben Zweifel bestehen, ob die Medizin nun eigentlich Fluch oder Segen darstellt. Die Kernaussage, dass die Medizin eben durch ihre unkonventionellen Visionäre immer wieder bedeutend weiter kommt, mag vielleicht stimmen. Allerdings bekommt sie durch die pauschale Aussage in ihrem kaum differenzierten zeitlichen Rahmen einen ziemlich negativen und naiven Beigeschmack. "Arzt ohne Gewissen" leistet daher als Gesellschaftskritiker keine ernstzunehmende Arbeit und etabliert sich somit fast ausschließlich im Unterhaltungssektor, wozu die prominente Darstellerriege einen entscheidenden Teil beiträgt.





Ewald Balser verkörpert Professor Lund. Er wird nicht dargestellt als klassischer mad scientist, denn dem entgegen steht seine patente Erscheinung, sondern er erhebt den Anspruch, der Menschheit einen großen Dienst tun zu wollen, aus seiner Sich etwa zu müssen. Dabei stehen weniger Profilierungsgier und Eitelkeit im Vordergrund, als sachliche Überlegungen eines großen Wissenschaftlers. Um seine Ziele verwirklichen zu können, muss er allerdings zwischen brauchbarem und unbrauchbaren Leben entscheiden, so dass er (trotz seiner zugegebenermaßen recht sympathischen Erscheinung und überzeugender Erläuterungen) als Protagonist nicht tragbar wird. Dort hinein wirkt der perfide Assistent Dr. Stein zusätzlich, der in Form von Wolfgang Kieling beängstigend wirkt, aber großartig aufspielt. Seine erschreckenden Ansichten trägt er ungeniert zur Schau, er hat es (als die Ärzte noch nicht weiß, sondern braun trugen) nicht anders gelernt und er handelt keineswegs aus idealistischen Motiven. Er ist lediglich ein Verbrecher, dem man Unterschlupf gewährt hat. Wolfgang Preiss (der hier noch gar nichts mit Dr. Mabuse gemein hat) als zunächst faszinierter Arzt Dr. Westorp, schaut zu dem großen Wissenschaftler Professor Lund auf. Er ist durch und durch Idealist und vollkommen mit seinem Beruf verheiratet, so dass er sogar seine Urlaubsreise kurzfristig absagt, als er gebeten wird in der Privatklinik zu assistieren. Diese drei Darsteller bieten ein facettenreiches Kontrastprogramm und wirken überaus glaubhaft, Ewald Balser allerdings dominiert das geschehen ganz unaufdringlich, aber mit hoher Präzision.

Die Damen der Setzliste gefallen sich im Jahre 1959 noch zu sehr in obligatorischen oder an Klischees orientierten Rollen, und beim Interpretieren von naiven bis hilflosen Beteiligten. Nur Barbara Rütting zeigt hier eine eindeutige Tendenz ihres potentiellen Rollenfachs. Sie ist Dr. Marianne Cordt und beim ersten Hören dieses Namens musste ich schmunzeln, da ich Dr. Marianne Koch verstanden hatte und das immer wieder tue. Sie stellt die klassische Alleingängerin dar, die unter Kollegen als moralische Instanz fungiert, aber am persönlichen Schuldbegriff zu kapitulieren droht. Sie wirkt resigniert und überspielt ihr emotionsloses Nebenherlaufen mit Zynismus. Wieder einmal bemerkenswert diese Barbara Rütting. Erica Beer bedient das Klischee der braven Arztgattin, die trotz permanenten Wartens auf ihren anscheinend Tag und Nacht arbeitenden Mann die Füße stillhält und alles hinnimmt. Sie muss lange an Treffpunkten warten, wird mit Ausreden am Telefon abgespeist, oder kurzerhand zum Einkaufen geschickt. Dennoch strahlt Erica Beer eine sehr angenehme Besonnenheit und Sympathie aus, so dass die Ehesituation trotz allem sehr harmonisch wirkt, und wohl ausschließlich auf der Geduld und Kompromissbereitschaft der Frau beruht. Als Birke Sawatzki zeigt Karin Baal einen Glanzauftritt. Die Junge Frau, die schon mehrmals in Professor Lunds Klinik war, ist entgegen ihrer Ausstrahlung müde vom Leben und deutet einen problematischen sozialen Hintergrund an. So soll es also sein, dass man ein ideales Opfer in ihr gefunden hat, denn wer nicht leben will muss sterben; und zwar für die bedeutende Sache. Baal ist hier so auffordernd-frech, überaus charmant und plappert frei Schnauze, wie es ihr gerade gefällt. Großartig! Agnes Windeck und Lina Carstens sieht man in angenehmen, wenn auch typischen Rollen, die sehr kurz ausgefallen sind. Heimlicher Star des Films ist Cornell Borchers, die in den Mitte vierziger Jahren tatsächlich zwei Semester Medizin studierte. In "Arzt ohne Gewissen" sieht man die in Litauen geborene, und international erfolgreiche Darstellerin bereits in ihrem letzten Film. Ihre Harriet Owen, eine weltbekannte Sängerin, leidet an akuter Herzinsuffizienz und der Professor, der ihr Leben als wertvoll einschätzt, möchte ihr helfen. Borchers verleiht ihrer Figur eine tieftraurige Aura und wirkt sehr beeindruckend im Interpretieren ihrer Emotionen. Ein überzeugendes und darüber hinaus ernstzunehmendes Ensemble.

Der Einstieg in die Produktion beginnt mit einer Bestattung und dem Verschleiern von Ungeheuerlichkeiten. Wolfgang Preiss erklärt sie Situation aus dem Off und begleitet den Zuschauer durch einen Film, der fast ausschließlich eine große Rückblende darstellt. Die Musik von Siegfried Franz wirkt anfangs sehr angemessen, schlägt aber im Verlauf zu heitere Töne an, was sich ungünstig auf die Spannung auswirkt. Die Rolle der Polizei ist hier eine reine Nebensächlichkeit. Die Kommissare interpretieren die grimmig wirkenden Herren Emmerich Schrenk und Walter Jacob, die den Fall scheinbar unbehelligt aufrollen, aber den Faden zu verlieren drohen. Die Schauplätze sind in dieser Divina-Produktion erstklassig. Die Klinik, die Aula, die weiten Wege zum unheimlich wirkenden Schloss in dem Entsetzliches vor sich geht, der Schlosspark, eine Moorlandschaft, und so weiter. Des Effektes Willen wurde als Experiment auch ein angeblicher Primat eingebaut, was heute eher ziemlich lächerlich wirkt, auch die angeblich aus Menschen entfernten Herzen, die in Reih und Glied im Exterieur schlagen, laden zum Schmunzeln ein. Insgesamt erscheint die Spannung hier zwar latent vorhanden zu sein, doch sie wurde manchmal zu peinlich genau dosiert. Dieser Film hätte einige Paukenschläge mehr verdient gehabt. Auch hätte ihm eine eindeutigere Position gut gestanden, doch die Wertung bleibt dem Zuschauer überlassen. Als Unterhaltungsfilm funktioniert diese Führung durch die Privatklinik des Professor Lund aber ganz bestimmt und vor allem die schauspielerischen Finessen verhelfen ihm zu dem Status sehenswert.

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