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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 839 mal aufgerufen
 Francis Durbridge
Georg Online




Beiträge: 3.049

24.07.2012 12:26
Bewertet TV: "Poco a poco" (1980, IT) Zitat · Antworten



POCO A POCO
Italien 1980, 3 Teile, Farbe
Erstsendung: 30.11.-07.12.1980 (RAI 2, jeweils 20.40 Uhr)
Vorlage: Francis Durbridge, Übersetzung ins Italienische: Franca Cancogni
Freie TV-Bearbeitung: Giuseppe d'Agata
Musik: Paolo Conte
Regie: Alberto Sironi

Darsteller: Flavio Bucci, Teresa Ann Savoy, Diego Abatantuono, Franco Fabrizi, Renato Scarpa, Rino Cassano, Italo dall'Orto, Mariolina Bovo

Allgemeiner Inhalt: Der Mailänder Kriminalbeamte Mario Braschi ermittelt in einem undurchsichtigen Kriminalfall, nachdem er nach siebenjährigem Aufenthalt in Rom, wo er im Innenministerium gearbeitet und auch seine Ehefrau zurückgelassen hat, in die norditalienische Metropole zurückkehrt. Der berühmte homosexuelle Choreograph Renato Rada, der an der Mailänder Scala arbeitet, wurde in seiner Wohnung überfallen, diese wurde verwüstet und Rada in ein Auto gezerrt. Der Choreograph wurde zusammen geschlagen und außerhalb der Stadt aus dem Wagen geworfen. Wenig später wird auch seine Mitarbeiterin Annie Opfer eines Überfalls, bei dem sie den Attentäter beinahe ersticht. Wie hängt alles zusammen?



Teil 1 (Erstsendung RAI2: Sonntag, 30. November 1980, 20.40 Uhr, 61 Minuten): Renato Rada, ein berühmter Choreograph, wird nachts von mehreren Männern in seiner Wohnung überfallen. Die Männer, von denen er später angibt, dass sie so wie er homosexuell seien, verwüsten die Wohnung und bringen Rada in einem Wagen fort, um ihn außerhalb Mailands aus dem Wagen zu werfen. Mario Braschi, soeben aus Rom zurück gekehrt, ermittelt in dem Fall und steht bald vor einem weiteren mysteriösen Ereignis: die Kostümbildnerin Annie, eine Amerikanerin, die mit Renato an der Mailänder Scala zusammen gearbeitet hat, wird von einem Mann in ihrer Wohnung überfallen. Es kommt zum gefährlichen Handgemenge, bei dem Annie einen Brieföffner erwischt und ihn dem Unbekannten in den Bauch rammt. Dieser wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und gibt dort gegenüber der Polizei an, er könne sich an nichts erinnern. Annie sucht Schutz bei ihrem Vater, dessen Wohnung wenig später ebenfalls durchwühlt wird ...

Kritik und Besprechung Teil 1: Was für eine große Enttäuschung! Hier stimmt überhaupt nichts. Der Name des Drehbuchautors Giuseppe d'Agata wird im Vorspann unter "libero adattamento" (freie Adaption) aufgeführt. Diese freie Adaption geht so weit, dass von Durbridge nichts übrig bleibt. Ja, man hätte sogar den Verdacht, dass hier der Name des Autors nur genutzt wurde, um die Zuschauer zum Einschalten zu bewegen. Der Autor gab damals in Zeitungen an, er wollte Durbridges Stoff in eine zeitgenössische italienische Realität eingliedern, aus dem englischen Pudding ein Risotto alla Milanese (Mailänder Reisgericht) machen, die typische durbridgesche fein dosierte Spannung zugunsten mehr Personenpsychologie entfernen und die Handlung von London nach Italien verlegen. Eine Geschichte, die mehr an Maigret erinnern sollte, als an amerikanische Polizeikrimis. Er selbst habe dazu weitgehende Veränderungen am Originalskript vorgenommen. Diese gehen wie gesagt so weit, dass man nichts - absolut nichts - von Durbridge erkennt, keine mysteriösen Anrufe, keine seltsamen Gegenstände, keine Überraschungen, nicht einmal ein Cliffhanger am Ende des ersten Teils. Eine langatmige psychologische Kriminalgeschichte, die man auch beim besten Willen mit keinem der bekannten Durbridge-Stoffe assoziieren kann. Ich frage mich, welcher Stoff hier als Vorlage genommen wurde. Schließlich passen das gesamte homosexuelle Ambiente und verkleidungswütige Ladyboys nicht zum Meister der fein dosierten Spannung. Was die Besetzung betrifft, so hat Regisseur Alberto Sironi, der später durch seine passablen Inszenierungen bei "Commissario Montalbano" durchaus punktete, anscheinend für jede Rolle beim Casting die schlechteste und unsympathischste Person genommen. Jeder amateurhaft gedrehte Film ist besser, auch was die Bildqualität angeht, denn man filmte den gesamten Film auf Video (die Bildqualität der DVD ist verheerend). Die Darstellerin der Annie ist so unfreiwillig komisch, dass manche Szenen zwangsläufig an billige Schmuddelfilmchen erinnern (nicht umsonst spielte sie auch in Filmen von Tinto Brass mit!). Die Qualität erinnert zeitweise an billigste Soapoperas aus den 1980ern, nicht einmal die Musik, die der berühmte Cantautore Paolo Conte schrieb, überzeugt. Franco Fabrizi, hier in der Rolle von Annies Vater zu sehen, war in den 50ern und 60ern ein berühmter Kinostar und spielte hier seine erste Fernsehrolle. Was für ein Abstieg, in einem solchen Machwerk mitzuspielen! Finger weg von der DVD!



Eine "Eindrücke" der billig anmutenden Produktion "Poco a poco"


Publikumsliebling Franco Fabirizi gab hier seinen ersten Auftritt in einem Fernsehfilm


Eine "Goldene Himbeere" für die schlechteste Schauspielerin: Teresa Ann Savoy


Die "tolle" Bildqualität

Georg Online




Beiträge: 3.049

24.07.2012 19:33
#2 RE: Bewertet TV: "Poco a poco" (1980, IT) Zitat · Antworten

Teil 2 (Erstsendung RAI 2: Freitag, 5. Dezember 1980, 20.40 Uhr, 56 Minuten): Gabetto, der Mann, der von Annie Conti bei einem Handgemenge niedergestochen wurde, kann aus dem Krankenhaus fliehen. In Annies Wohnung gibt jemand ein seltsames Bild ab. Choreograph Renato Rada hingegen nimmt seine Arbeit an der Scala wieder auf und wird zur Gegenüberstellung, zu der er Annies Ehemann, den Rechtsanwalt Conti mitbringt, vorgeladen. In den ihm vorgeführten Personen kann er jedoch nicht diejenigen Männer wieder erkennen, die ihn in der Nacht überfallen haben. Annies Vater hingegen scheint dem entflohenen Gabetto in einer Hütte in den Bergen Unterschlupf zu gewähren. Commissario Braschi befragt Renatos Assistenten Luciano, der angibt, Gabetto mal in der Nähe Renato Radas gesehen zu haben. An statt zu ermitteln, macht sich Commissario Braschi an Annie Conti heran und verbringt eine Nacht mit ihr.

Kritik und Besprechung Teil 2: Auch Teil 2 bestätigt den negativen Eindruck. Hier hat man noch viel mehr das Gefühl, in einer billigen Soapopera zu sein, anstatt in einem Krimi. Wahllos werden Szenen gezeigt, in denen die einzelnen Figuren bei irgendwelchen Tätigkeiten zu sehen sind: mal schminkt sich Annie minutenlang, mal fährt jemand mit dem Auto durch die Stadt, mal geht der Commissario über zwei Minuten wortlos spazieren. In einer Einstellung sieht man Annie auf einem Boot. Auf einer Seite regnet es (fingierter Weise), beim anderen Fenster regnet es nicht und es scheint die Sonne. Wie man einen derart billigen Film produzieren konnte, vor dessen Minderwertigkeit selbst Jess Franco den Kopf schütteln würde, ist unklar. Und dass der Commissario dann auch noch ein Verhältnis mit der weiblichen Protagonistin anfängt und eine Nacht mit ihr verbringt, ist wohl der Gipfel. Überhaupt spielt Flavio Bucci den Ermittler so teilnahmslos, uninteressiert und schlecht, wie man es noch in keinem anderen Film gesehen hat. Ach ja, da war noch was: das soll ein echter Durbridge sein! Keine Rede, nicht im entferntesten auch nur Ansätze an Zutaten des typischen Durbridge-Straßenfegers. Und natürlich fehlt auch in Teil 2 der Cliffhanger. Von vorhandener Logik in manchen Szenen ganz zu schweigen. Dass Meister Durbridge seinen Namen da nicht zurück gezogen hat, verwundert schon sehr. Weniger verwundert die Tatsache, dass nach diesem TV-Film in Italien nie wieder eine Adaption des britischen Schriftstellers von der RAI verfilmt wurde.

Georg Online




Beiträge: 3.049

25.07.2012 10:43
#3 RE: Bewertet TV: "Poco a poco" (1980, IT) Zitat · Antworten

Teil 3 (Erstsendung RAI 2: Sonntag, 7. Dezember 1980, 20.40 Uhr, 67 Minuten): Auf den Vater von Annie, Feruccio Togliani, wird ein tödlicher Anschlag verübt. Nun wird offensichtlich, worum es ging: um Handel mit gestohlenen, wertvollen Bildern, die durch Fälschungen ersetzt wurden. Annies Vater war daran maßgeblich beteiligt, zumal er ein großer, bekannter Maler war. Commissario Braschi kann sich nun auch die beiden Überfälle erklären und sucht den Hintermann unter den in den Fall verwickelten Personen. Dabei spielt ein Mann namens Domenic eine wichtige Rolle ...

Kritik und Besprechung Teil 3: Die dritte Folge wird nun endlich zum Kriminalfilm und hier wird auch endlich nach den unnötigen Verwicklungen und dazu erfundenen Handlungssträngen klar, um welche Geschichte von Durbridge es sich handelt: keines der rund 20 für das Fernsehen verfassten mehrteiligen Kriminalspiele wurde als Vorlage genommen, sondern sein Theaterstück "The Gentle Hook", das er 1974 verfasste und das bereits 1979 für das Fernsehen der DDR unter dem Titel "Der elegante Dreh" adaptiert und 1987 als "Dies Bildnis ist zum Morden schön" in der BRD verfilmt wurde. Das italienische Drehbuch kaschiert in den ersten beiden Teilen geschickt die durbridgesche Handlung, die natürlich als Theaterstück nicht die Clous enthält, die im TV erwartet wurden. Überhaupt ist das Stück wohl das schwächste aller Bühnenarbeiten, weshalb die filmische Ausbeute entsprechend enttäuschend sein muss. Dass es sich bei "Poco a poco" um eine Adaption von "The Gentle Hook" handelt, hätte man natürlich - im Nachhinein - auch schon ansatzweise in den ersten beiden Teilen erkennen können, dort sind aber - wenn überhaupt - höchstens 5% der Originalhandlung untergebracht, während Teil 3 immerhin mehr an der Vorlage bleibt, sich aber auch sehr viel "künstlerische" Freiheiten erlaubt. Insgesamt ist die dritte Folge also ein wenig weniger enttäuschend als Teil 1 und 2. Der Kommissar und sein Assistent bleiben aber ebenso farblos und gelangweilt und deren Schauspieler spielen auch in diesem Sinne. Über das Niveau einer billigen Seifenoper oder eines Videosprachkurses für Italienisch kommt "Poco a poco" nicht hinaus. Schade.

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

25.07.2012 11:14
#4 RE: Bewertet TV: "Poco a poco" (1980, IT) Zitat · Antworten

Vielen Dank für deine Schilderungen. Scheint ja wirklich eine totale Niete zu sein, das lassen auch schon die Bilder und deren Qualität vermuten. Ich bin auch der Meinung, dass "Dies Bildnis ist zum Morden schön" einer der schwächsten Stoffe von Francis Durbridge ist und daher auch keine gute Ausgangslage für einen Fernsehfilm war, der sich über drei Folgen und sich (wenn ich deine Minutenangaben miteinbeziehe) über drei Stunden zieht. Die Italiener hätten doch auch noch andere, unverfilmte Mehrteiler gehabt, warum hat man sich wohl nicht deren bedient?

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