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 Giallo Forum
Gubanov Offline




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25.01.2017 20:30
Hitch-Hike / Der Todes-Trip (1977) Zitat · antworten



Hitch-Hike / Der Todes-Trip / Wenn du krepierst – lebe ich!
(Autostop rosso sangue)


Thriller, IT 1977. Regie: Pasquale Festa Campanile. Drehbuch: Ottavio Jemma, Aldo Crudo, Pasquale Festa Campanile (Roman „The Violence and the Fury“: Peter Kane). Mit: Franco Nero (Walter Mancini), Corinne Cléry (Eve Mancini), David Hess (Adam Konitz), Joshua Sinclair (Oaks), Carlo Puri (Hawk), Pedro Sanchez (d.i. Ignazio Spalla) (mexikanischer Tankwart), Leon Lenor (d.i. Leonardo Scavino) (Mendoza), Mónica Zanchi (Mädchen auf dem Zeltplatz), Benito Pacifico (erster Highway-Polizist), Angelo Ragusa (zweiter Highway-Polizist) u.a. Uraufführung (Italien): 30. September 1977. Uraufführung (Deutschland): 25. November 1977.

Zitat von Hitch-Hike
Eve Mancini und ihr Mann Walter, ein dem Alkohol verfallener italienischer Journalist, durchqueren mit ihrem Wohnwagen den Westen der USA. Als Eve einen Anhalter mitnimmt, ahnt das Ehepaar nicht, welchen Ärger es sich damit macht: Der scheinbar harmlose Adam ist Teil in Wahrheit ein Bankräuber und zwingt die beiden, ihm bei der Flucht nach Mexiko zu helfen. Doch schon bei der ersten Polizeisperre kommt es zu einer tödlichen Schießerei – und das ist nur der Anfang des Mancini’schen Horrortrips ...


Roadmovies, gerade wenn sie in den Weiten des dünn besiedelten amerikanischen Westens spielen, verbindet man eigentlich mit der größten erdenklichen Freiheit. Die Ausgangssituation allerdings mit einem Anhalter-Geiseldrama zu verknüpfen, gerät zur geschickten Karikatur der typischen Genre-Konventionen: In „Hitch-Hike“ genießt niemand die Autonomie des Autofahrens; es sind Zwänge und Bredouillen, die für die Mancinis im Vordergrund stehen – eine Notsituation, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, drängt sich dem Ehepaar auf. Obwohl der Anhalter in Gestalt von David Hess zunächst einen ausnehmend harmlosen Eindruck macht, entpuppt der Kameraschwenk auf die von den Mancinis nicht einsehbare Leiche in „seinem“ gestrandeten Wagen schon in der ersten Szene die düstere Zwistigkeit, die sich die beiden Reisenden mit dem guten Willen, den Fremden mitzunehmen, ins Haus auf vier Rädern holen (oder man hat einfach schon „Last House on the Left“ oder „House on the Edge of the Park“ gesehen, in denen Hess ähnliche Psycho-Auftritte hinlegte).

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Film, der unterwegs im Auto spielt, sich ganz auf die drei Insassen verlässt. Und hier zieht „Hitch-Hike“ seine wichtigste Trumpfkarte: Die Figuren sind einfach nur spektakulär gut. Sie treffen genau die richtige Balance aus schicksalsschwerer Tiefe, um die Interaktionen zwischen dem Trio hochspannend und tragisch wirken zu lassen, und oberflächlich-plakativem Sleaze, den man sich von einem Italo-Thriller erwartet. Dies bringt den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt, fiebert man in der Situation des Hijackings doch automatisch mit den Mancinis mit, obgleich man Walter als Trunkenbold, Egoisten und – wie nennt man das Kind gelinde beim Namen? – rücksichtslosen Testosteronbolzen kennengelernt hat.



Sex spielt eine immense Rolle in „Hitch-Hike“ und der Film gibt sich nicht erst Mühe, das Thema auf seriöse Weise anzugehen. Inhaltlich tritt er absichtlich in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen und zögert nicht vor exploitativen Stilmitteln bis zur Vergewaltigung zurück, von denen man nicht erwartet hätte, je eine so verhältnismäßig stilvolle Umsetzung präsentiert zu bekommen. Der Verdienst liegt eindeutig bei Corinne Cléry, die die Kurve zwischen bezaubernder Nymphomanie und selbstbestimmtem Eigensinn (im wahrsten Sinne des Wortes) wunderbar bespielt, quasi Krallen und Brüste gleichermaßen effektvoll auspackt (höre ich mich etwa wie @Blap an?). Mit den beiden Männern in ihrer Gegenwart ist sie gestraft und zugleich von ihnen abhängig; das Gemisch aus verbrecherischer Kaltblütigkeit, Hang zum bedröhnenden Fusel und Drang zur Lebenserhaltung zündet explosiv immer wieder aufs Neue.

Das Lob für exzellente Charakterarbeit und Schauspielkunst zolle ich nicht nur Hess und Cléry, sondern explizit auch Franco Nero, der in Hess’ Worten einer der unterschätztesten Schauspieler überhaupt ist. Ich mag nicht widersprechen. Gerade gen Ende darf Franco die Bösartigkeit seiner Figur so richtig zur Geltung bringen. Das Ende der ungeschnittenen Fassung ist teuflisch. Auch wenn es aus heiterem Himmel kommt und vielleicht nicht mit allen Facetten der Charaktere übereinstimmt, die man dankbar kennenlernen durfte, so verfehlt es doch nicht die Wirkung, auf den harten Tobak des Hauptteils noch eine Schippe draufzulegen und den Zuschauer sprachlos und fantastisch unterhalten zurückzulassen. Angeblich existiert auch ein alternatives Ende, das einen harmonischeren und dafür etwas melancholischeren Ausgang zeigt, aber der finale Schlag in die Magengrube gehört nach dieser atemberaubenden Fahrt einfach dazu.

Die aufmerksamkeitserregende Machart des Films mag dazu verleiten, „Hitch-Hike“ als guilty pleasure abzutun. Aber nein! Auch handwerklich handelt es sich um einen mehr als soliden Film, der mit einigen einfach klasse gefilmten Spannungsmomenten (die Polizistenmorde, das demolition derby mit dem roten Truck, die fatale Auseinandersetzung am Lagerfeuer) aufwartet, auch in Nebencharaktere einige Mühen investiert und zudem beeindruckend verbirgt, dass der Handlungsplatz USA bloß vorgegaukelt ist. In den Abruzzen gefilmt, kann man das, was man sieht, wirklich nur für die USA halten – so effektiv arbeiteten location scouts und Filmausstatter. Ergänzt wird die atemlose Luzie mit einem Score von Ennio Morricone, der – wie er es Jahre zuvor schon bei Argento praktizierte – den schockierenden Erlebnissen süßlich-hippiefreundliche Lila-Laune-Klänge entgegensetzt. Der Effekt ist frappierend und trägt zum rundum gelungenen Gesamteindruck bei, der sich aber wahrscheinlich nur bei Freunden etwas härterer Gangart einstellen wird.

In den deutschen Verleih wurde „Hitch-Hike“ mit einem der typischen Fremdschämtitel jener Jahre geschickt („Wenn Du krepierst – lebe ich“). Das Ulkige ist, dass der Stil dieses Hau-drauf-Titels dem Film eigentlich ganz gut entspricht, weil er die abseitigsten Erwartungen des Zuschauers anspricht. Dabei bleibt „Hitch-Hike“ aber immer hervorragend gemacht, auch wenn „edel“ sicher das falsche Wort ist, um eine so abgedrehte Fahrt zu beschreiben. In Ermangelung jedweder Kritikpunkte und weil sich das Werbeversprechen des DVD-Covers („Unforgettable! [...] A Lost Classic!“) vorbehaltlos erfüllt hat, greife ich zur Höchstwertung. 5 von 5 Punkten plus jede Menge Wohlfühlpunkte für Corinne Cléry!



Die DVD von Blue Underground (US-Import): Die Blue-Underground-DVD liefert alles, was man üblicherweise bei diesem Label erwarten darf: gutes Bild, englischen Ton und eine unverzichtbare Begleitfeaturette, in der alle drei Hauptdarsteller sehr launig über den Film erzählen. Wer eine deutsche Auswertung bevorzugt, kann guten Gewissens zur 2016 nachgereichten Scheibe von OFDb-Filmworks greifen, die als Blu-ray oder DVD erhältlich ist. Dort fehlt zwar die Featurette, dafür gibt es aber einen sicher auch nicht üblen Audiokommentar und mehr Ton- und UT-Optionen. Leider enthält keine der beiden Veröffentlichungen die alternative Schlussszene.

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