Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 10 Antworten
und wurde 2.089 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Gubanov Offline




Beiträge: 14.470

26.10.2012 20:15
Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten



Horst Buchholz zählt zu den nicht unbedingt zahlreichen deutschen Hollywood-Exporten. Der gebürtige Neuköllner, der als Jungstar in den 1950er Jahren mit einer Mischung aus Charme und Aufmüpfigkeit die Herzen vieler junger Kinogängerinnen gewann, hatte seinen ersten Filmauftritt in einer kleinen Komparsenrolle in „Die Spur führt nach Berlin“. Und auch wenn er in den ersten Sekunden seiner Leinwandkarriere schon auf dem Funkturm stand, so ging es danach noch weiter steil nach oben. „Die Halbstarken“, „Die Bekennntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und „Monpti“ sind nur einige der Filme, die Buchholz drehte, bevor internationale Filmproduzenten auf ihn aufmerksam wurden und er in „Die glorreichen Sieben“ unter John Sturges und in „Eins, zwei, drei“ unter Billy Wilder in Hauptrollen zu sehen war. Trotzdem wurde Buchholz dem heimischen Publikum nicht untreu und meldete sich immer wieder, so zum Beispiel in vier Auftritten innerhalb der ZDF-Serie „Derrick“, zurück. Buchholz, der 1933 geboren wurde, verstarb 69-jährig im Jahr 2003 in seiner Heimatstadt.





Die Halbstarken

Kriminaldrama, BRD 1956. Regie: Georg Tressler. Drehbuch: Will Tremper, Georg Tressler (Vorlage: Will Tremper). Mit: Horst Buchholz (Freddy Borchert), Karin Baal (Sissy Bohl), Christian Doermer (Jan Borchert), Jo Herbst (Günther), Viktoria von Ballasko (Mutter Borchert), Stanislav Ledinek (Antonio Garezzo), Mario Ahrens (Mario), Manfred Hoffmann (Klaus), Hans Joachim Ketzlin (Willi), Karlheinz Gafkus (Kudde) u.a. Uraufführung: 27. September 1956. Eine Produktion der Inter-West Film Berlin und der CCC-Film Berlin im Union-Filmverleih München.

Zitat von Die Halbstarken
Neue Moden kursieren im beschaulichen Nachkriegsdeutschland. Die Jugend muckt auf. Teenager mit dem Wunsch nach Freiheit, Geld und Rock’n’Roll und beinah panischer Angst vor Arbeit und Unterordnung bringen Unruhe in städtische Schwimmbäder, Cafés und bisher leidlich intakte Familien. Was bewegt die Halbstarken und welchen Gefahren setzen sie sich aus? Freddy Borchert und seine Flamme Sissy ahnen nicht, in was sie sich hineinreiten ...


„Die Halbstarken“ gilt wohl nicht ohne Grund als einer der absoluten Klassiker des deutschen Fünfzigerjahrefilms. Nicht nur behandelt die Produktion aus dem Hause Inter-West-Film / Wenzel Lüdecke eine zeitgenössische Thematik, auch bedeutete sie für mehrere spätere Stars den Durchbruch als junge Wilde. Allen voran muss natürlich Horst Buchholz selbst genannt werden, der, als am 2. Juli 1956 in den CCC-Studios die erste Klappe für „Die Halbstarken“ fiel, zwar schon eine gewisse Erfahrung im Bereich Kinofilm vorzuweisen, aber gleichsam noch nie allein eine so große Produktion auf seinen Schultern getragen hatte. An seine Seite stellte man Karin Baal. Was heute in einem kurzen und so selbstverständlichen Satz abgehandelt werden kann, war der alles entscheidende Beginn der Filmkarriere der späteren Edgar-Wallace-Aktrice, die ihre Rolle für den Film nur durch mehrere Zufälle und ihre echte Berliner Schnauze bekommen hatte. Zum Casting, das extra für die Sissy Bohl veranstaltet wurde, war sie eigentlich als Begleitung ihrer Freundin gegangen und sprach dann schließlich auch nur deshalb vor, weil jedem Mädchen eine Flasche Coca Cola versprochen wurde. Trotzdem – oder gerade deswegen? – überzeugte sie die Anwesenden, auch wenn man bei Produktion oder Verleih später wohl kalte Füße bekam, einen solchen Frischling, damals 15 Jahre alt und ohne Schauspiel-Vorgeschichte, verpflichtet zu haben. Das Resultat: Karin Baal ist zwar im Film zu sehen, aus ihrem Mund tönt jedoch, nachsynchronisiert, die Stimme der siebeneinhalb Jahre älteren Brigitte Grothum. Vielleicht ist das aber gar nicht übel, denn die junge Karin konnte sich beim Drehen sowieso nur leidlich auf die Arbeit konzentrieren. Das Problem:

Zitat von Karin Baal, Cornelia Tomerius: Ungezähmt – Mein Leben, Südwest Verlag, München 2012, S. 34f
So hoffnunglos, wie ich in Horst Buchholz verliebt bin, so hoffnungslos ist Will Tremper in mich verliebt. Er fährt sogar mit mir zu seinen Eltern, um mich ihnen vorzustellen – in der Hoffnung, auf diesem Wege vielleicht einfach Tatsachen zu schaffen, den Eindruck einer offiziellen Beziehung zu erwecken. Ich lasse es mit mir geschehen. Doch auf der Rückfahrt im Auto breche ich in Tränen aus. „Weißt du“, schluchze ich und lasse mir von Will ein Taschentuch reichen, „ich liebe den Horst so sehr!“ – „Hör auf“, sagt Will entnervt, „der ist doch schwul!“ Ich schaue ihn aus großen, besorgten Augen an: „Aber wird er denn wieder gesund?“


Auch Christian Doermer gehört zur Jungdarsteller-Riege des Films. Später sollte er in Francis Durbridges „Das Halstuch“ erneut in einer ganz ähnlichen Rolle als braver Junge auftreten, der es nur sehr zögerlich schafft, vor dem Zuschauer seine weiße Weste abzustreifen. Interessanter der in Lederhose und schwarzem Hemd Rock’n’Roll tanzende Buchholz. Auf ihn ist der Film „Die Halbstarken“ zugeschnitten. Freddy Borchert ist aus seiner Familie geflohen. Kein Wunder, möchte man meinen, wenn man so einen Vater hat. Besieht man die Familienverhältnisse jedoch ein wenig genauer, so stellt man fest, dass sich Freddy und sein Erzeuger gleichen wie ein Ei dem anderen, dass nämlich beide völlig unfähig sind, anderen Menschen zuzuhören, sich in deren Lage zu versetzen, gar Kompromisse zu schließen oder Konflikte einvernehmlich und ohne Gewalt zu lösen. Absichtlich rückt „Die Halbstarken“ das vom Autor heraufbeschworene „neue Jugendproblem“ in die Nähe der alten Nazi-Last. Beides, so der deutliche Tenor, ist in unserer Gesellschaft unerwünscht, funktioniert nicht, richtet Unheil an.

Und Freddy stiftet eine ganze Menge Unheil. Frühe Formen von Mobbing und Gruppenzwang überbrücken den langen Vorlauf des Plots, bevor er nicht nur gesellschaftskritisch, sondern auch kriminalistisch abliefert. In dieser Hinsicht überzeugt vor allem das Finale, in dem man die blinde Wut förmlich mit den Händen greifen kann. Sissy Bohl hat hier ihren großen Auftritt: Karin Baal beweist damit gleich in ihrer ersten Rolle, dass sie – und das verbindet sie mit Horst Buchholz – auch als Darstellerin nicht angepasst und untergeordnet agiert, sondern jedem Film den eigenen, aktiven Stempel aufdrückt.

Zitat von Max Honert: Die Halbstarken – Ein Jugendproblemfilm, Booklet der Arthaus-Premium-Edition, 2006, S. 3ff
Authentizität ist das Qualitätsmerkmal, durch das sich „Die Halbstarken“ von den meisten deutschsprachigen Filmen der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre am deutlichsten unterscheidet. Das Milieu, die wirtschaftliche Situation, reale Drehorte, Laiendarsteller – all das konfrontiert den Zuschauer mit seiner eigenen Lebenswelt, obwohl es sich dramaturgisch um einen klassischen Suspense-Film handelt, der teilweise auch etwas schemenhaft daherkommt.


Honert trifft den hohlen Zahn der „Halbstarken“. Vor lauter Problemfilmpotenzial vergisst der Film zeitweise seinen eigenen Plot und ergeht sich in einigen unnötigen Abhängigkeitsschilderungen, die heute noch ein wenig krasser herausstechen als zum Produktionszeitpunkt. Ebenfalls als abhängig – und zwar von sich selbst – erweist sich Martin Böttcher, der auch zu den Newcomern des Filmteams gehörte. Abgesehen von einigen rockigen Elementen erkennt man in seiner gerade einmal dritten Kinokomposition schon durchschimmernde Mutterideen für spätere Scores wie „Das schwarze Schaf“ oder „Der Fälscher von London“.

Horst Buchholz verdankt seine Popularität sicher nicht zuletzt seinem Mitwirken in den „Halbstarken“, die er maßgeblich dort zum Erfolg machte, wo die Handlung um ein paar Minuten hinter den Erwartungen des Zuschauers herhinkt. Gemeinsam mit Karin Baal bildete er ein frisches und gut harmonierendes Paar, dem trotz junger Jahre die gemeinsame Zukunft in Film und echtem Leben aber verwehrt bleiben wird. 3,5 von 5 Punkten.

Peter Offline




Beiträge: 2.737

27.10.2012 11:23
#2 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

Sehr empfehlenswert ist folgendes Buch:

Christopher Buchholz, Myriam Bru, Beatrice Buchholz:
Horst Buchholz. Sein Leben in Bildern. Henschel-Verlag, Berlin 2003.

Ein Andenkenband aus erster Hand. Die Witwe und die Kinder von Horst Bucholz haben die bestmögliche Bildauswahl mit kompakten Texten verknüpft. Dieser herrliche Schmöker macht sofort Lust auf ein Wiedersehen mit Horst Buchholz in seinen filmischen Highlights.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.470

28.10.2012 13:36
#3 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten



Horst Buchholz in „Derrick“

Obwohl Horst Buchholz in den Siebzigerjahren mit großem Erfolg schon für diverse internationale Filme verpflichtet worden war und auch weiterhin Erfolg auf der großen Leinwand feierte, wandte er sich in diesem Jahrzehnt auch vermehrt dem Medium Fernsehen zu, indem er in diversen – vor allem amerikanischen – TV-Filmen und -Serien auftauchte. Doch nicht nur die Zuschauer zwischen New York und Los Angeles sollten Buchholz zu sehen bekommen: Auch fürs Zweite Deutsche Fernsehen stand er vor der Kamera. Einmal in „Der Alte“ (Liebe hat ihren Preis, 1983) und viermal in „Derrick“. Seine Rollen:

  • der Mathematiker Gerke in #26, „Das Superding“ (1976),
  • der Rockstar Alexis in #47, „Solo für Margarete“ (1978),
  • der gehörnte Richard Schulte in #73, „Auf einem Gutshof“ (1980) und
  • der Zoologe Arthur Dissmann in #100, „Die Tote in der Isar“ (1983)
Buchholz zeichnete in all diesen Auftritten eine Zweischneidigkeit aus, die nur wenige andere Darsteller erreichen konnten. Jeder der Männer, denen er ein Gesicht verlieh, war eine gebrochene Persönlichkeit, der übel mitgespielt wurde oder die anderen übel mitspielte. Unverkennbar sein markantester Auftritt gleich das Debüt in „Das Superding“: Wie ein Maßanzug ist diese Folge um Horst Buchholz geschnitten – als sei es ihre wichtigste Aufgabe, ihn ins rechte Licht zu rücken. Gerke ist jemand, den man heute anglophil als Mastermind bezeichnen würde, ein Moriarty der Siebziger. Nicht nur entwickelt sich aus dieser Prämisse ein perfekt ausgetüftelter Krimi, dessen Motivation „mit mathematischer Genauigkeit“ ermittelt wird, sondern auch ein besonders knisterndes Zusammenspiel zwischen Buchholz und Tappert.

Sicher waren sich die beiden Akteure damals über die zwischen ihnen bestehende Chemie im Klaren. Andernfalls wäre es vielleicht auch gar nicht zu vier Auftritten gekommen, die im Jahr 1983 allerdings leider abrupt beendet waren. Mit Folge 100 zog Buchholz einen Schlussstrich unter das Projekt „Derrick“. „The People Lexicon“ vermerkt hierzu knapp und sachlich: „Anfang der 1980er Jahre wandte sich Buchholz wieder mehr dem Theater zu, nachdem weitere Erfolge in der Film- und Fernsehkultur vorübergehend ausblieben. 1983 war er an der Seite von Brooke Shields in dem Abenteuerfilm ‚Sahara’ zu sehen. 1985 erhielt er den Filmpreis ‚Filmband in Gold’ für seine darstellerische Leistung in ‚Wenn ich mich fürchte’.“ (Quelle).

Vielleicht hätte es zu weiteren Beteiligungen Buchholz’ kommen können, wenn die Rollen in den Episoden #73 und #100 ähnlich groß und bedeutsam ausgefallen wären wie in „Das Superding“ oder auch in „Solo für Margarete“. Bei genauerer Betrachtung jedoch zeigt sich, dass Buchholz bei seinen letzten zwei Engagements nur als Steigbügelhalter für andere Darsteller – Ellen Schwiers im ersten und Horst Frank bzw. Christiane Krüger im zweiten Fall – agierte. Zeigt diese Besetzungspolitik, wie eigenständig und unangewiesen „Derrick“ als Marke war, oder einfach, aus welchem großen und begabten Schauspielerreservoir man anno 1983 noch schöpfen konnte?

Gubanov Offline




Beiträge: 14.470

03.03.2013 14:00
#4 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten



Am heutigen Sonntag jährt sich der Todestag von Horst Buchholz zum zehnten Mal. In der Biografie „Horst Buchholz – Verführer und Rebell“ führt Werner Sudendorf aus:

Zitat von Werner Sudendorf: Horst Buchholz – Verführer und Rebell, Aufbau Verlag, Berlin 2013
Am 2. März 2003 wurde Horst Buchholz mit einer schweren Lungenentzündung in die Charité eingeliefert und kam sofort auf die Intensivstation. Er fragte nach seiner Frau, die sich am nächsten Tag von Paris aus auf den Weg machte. Am späten Nachmittag des 3. März 2003 starb Horst Buchholz. Die Deutschen und besonders die Berliner trauerten um Hotte und das Symbol ihrer Jugend, das er nie sein wollte. Horst Buchholz wurde auf dem Waldfriedhof Heerstraße beerdigt, gekleidet in seinen Pelzmantel, in der Tasche eine Schachtel Zigaretten.


Der Autor liest aus der Biografie bei der heutigen Buchpräsentation um 16 Uhr im Kino Babylon Berlin-Mitte. Ebenfalls zugegen wird Buchholz’ Witwe Myriam Bru sein. Interessierte Zuhörer können für einen Eintritt von 5 Euro diversen Anekdoten lauschen. Auch anderweitig lohnt es sich, wieder einmal einen Blick auf Buchholz’ Schaffen zu werfen:





Nasser Asphalt

Thriller, BRD 1958. Regie: Frank Wysbar. Drehbuch: Will Tremper (Vorlage: Will Tremper). Mit: Horst Buchholz (Greg Bachmann), Martin Held (Cesar Boyd), Maria Perschy (Bettina), Gert Fröbe (Jupp), Heinz Reincke (Blinder), Inge Meysel (Gustl), Peter Capell (Donnagan), Renate Schacht (Wanda), Richard Münch (Dr. Wolf), Ludwig Linkmann (Tanek) u.a. Uraufführung: 3. April 1958. Eine Produktion der Inter-West Film Berlin im Europa-Filmverleih Hamburg.

Zitat von Nasser Asphalt
Um einen Routineauftrag zu erfüllen, ersinnt Zeitungskönig Cesar Boyd eine reißerische Schlagzeile von in einem polnischen Bunker verschütteten, überlebenden Wehrmachtsoldaten und lässt Ziehkind Greg Bachmann über alle Neuigkeiten berichten. Bald jedoch entwickelt die Lüge ein Eigenleben, das Boyd über den Kopf zu wachsen droht – zumal Greg nahe daran ist, den Schwindel aufzudecken. Wird Boyd ihn zum Schweigen anhalten können?


Man kann von vielen Filmstoffen sagen, dass sie die Zeit gut überstanden haben. Es gibt aber wenige aktuellere Stoffe als die in „Nasser Asphalt“ thematisierte Problematik des Gutdünkens und der Macht, die von den Tätigkeiten der Presse ausgeht. An dem, was Will Tremper und Frank Wysbar im Jahr 1958 kritisierten, hat sich nur wenig geändert – noch immer zählen reißerische Aufmachungen und ständige Eintrichterungen, bis die Leserschaft das Servierte annimmt, zum grundlegenden Handwerkszeug der schreibenden Zunft. Entstand 1955 mit „Alibi“ ein Kriminalfilm, der die Tätigkeit von Journalisten besonders glorifizierte (und als solcher auch überzeugte), so ist es erfrischend, drei Jahre später einen Film mit kritischem Unterton zu erleben, der auch vor der differenzierten Porträtierung der schwierigen Verhältnisse zwischen Ost und West im sich anbahnenden Kalten Krieg nicht zurückschreckt.

„Nasser Asphalt“ war und ist ein Film, der nah am Leben angesiedelt ist. Die noch immer interessante Geschichte, die sich im Nachkriegsgewand ein wenig nostalgisch anfühlt – auch weil die Geschwindigkeit, in der Nachrichten generiert werden (müssen), deutlich angestiegen ist – bildet eine passende Grundlage für glaubwürdige Figuren, die die Verdrehung der Lüge zur Wahrheit nicht überdramatisieren, aber gleichsam auch keine Schlaftablette aus moralischen Betrachtungen und Aufbruchslehren formen. Für die ungekünstelte Natur des Films spricht gleichermaßen die Tatsache, dass nicht alle Ressourcen, die die vielschichtige und internationale Handlung bietet, bis zum Letzten ausgepresst wurden. Man merkt: Der Film will es besser machen als Protagonist Cesar Boyd, der seinen Lebensunterhalt mit Vergnügen am Leid und der Irreführung anderer verdient. So dringt „Nasser Asphalt“ nicht unnötigerweise in Nebenhandlungen wie das angedeutete Atomprogramm der Russen oder die Kriegserfahrungen des jungen Reporters Bachmann ein, sondern überlässt das Randgeschehen der Fantasie des Zuschauers.

Unverkennbar sind die Parallelen, die „Nasser Asphalt“ mit dem berühmten Orson-Welles-Film „Citizen Kane“ verbinden. Im Gegensatz zu „Citizen Kane“ gelingt es der deutschen Produktion jedoch, nicht eine reine Scheiterbiografie zu sein, sondern kontinuierlich Spannung aufzubauen. Martin Held als Cesar Boyd überflügelt Orson Welles’ Kane mit der ihm eigenen harschen, treibenden Kraft, die ihn zum großen Star des Fünfzigerjahrekinos gemacht hat. Horst Buchholz kann Held immer nur einen Schritt hinterher sein, weil er nicht über dessen Ausgebufftheit verfügt, mimt Unschuld und Naivität aber stets passend und nicht auf übermäßig einfältige Weise. Die Vielzahl der Schauplätze trägt darüber hinaus ebenso zum Gelingen des Films bei wie die sehr präsente Musik, für die Hans-Martin Majewski mit dem Filmband in Silber ausgezeichnet wurde. Als Höhepunkt darf die Demonstrationsszene gelten, in der die Polizei die Wasserwerfer auf eine wütende Meute richtet, die nicht mehr weiß, was sie glauben und wofür sie sich einsetzen soll.

Formt man freilich ein so undurchdringliches und delikates Netz aus Unwahrheiten und ihren weitreichenden Folgen, so ist es schwer, der Kettenreaktion ein gebührliches Ende zu bereiten. Wenn Greg und Boyd endgültig ihre Wege trennen, macht der Film einen abrupten Schnitt und sieht von weiteren Entwicklungen, Zukunftsbetrachtungen und Richtigstellungen ab. Das wirkt ungewohnt – auch unbefriedigend –, betont aber ebenso das wenig schmeichelhafte Weltbild, das „Nasser Asphalt“ über seine gesamte Laufzeit zeichnet: Verantwortlichkeiten werden abgeschoben, Korrekturen erfolgen halbherzig und zur Not geht es mit noch einer Ausrede weiter. Als Hoffnungsschimmer bleibt die präsente, aber nie wirklich ablenkende Liebesgeschichte – damals ein Muss im Kino, heute belächelt, aber – warum sollte uns ein Film, sei er noch so ernst, nicht auch zum Lächeln bringen?

Es verbirgt sich kein effektiver Nutzen hinter dem glitschigen Filmtitel „Nasser Asphalt“. Er ist so willkürlich wie das Verhalten der Journalisten, die wie Soldaten an treue Pflichterfüllung glauben, aber unter falscher Flagge Glaubwürdigkeit und Karriere einbüßen. 4,5 von 5 Punkten für einen spannenden Film abseits ausgetretener Krimipfade.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.364

16.03.2013 21:41
#5 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

BEWERTET: "Nasser Asphalt" (Deutschland 1958)
mit: Horst Buchholz, Martin Held, Maria Perschy, Gert Fröbe, Inge Meysel, Heinz Reincke, Peter Capell, Renate Schacht, Richard Münch, Ludwig Linkmann, Aranka Jaenke, Wolf Martini, Nikolai Baschkoff u.a. | Drehbuch: Will Tremper, Frank Wisbar | Regie: Frank Wisbar

Der Reporter Greg Bachmann wurde auf Drängen des Starjournalisten Cesar Boyd vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, in das er wegen einer tollkühnen Aktion im Dienste seiner letzten Stellung geraten war. Bachmann soll für Boyd arbeiten und für ihn eine Sensationsgeschichte über eine Gruppe Wehrmachtssoldaten schreiben, die sechs Jahre lang in einem Bunker in Polen verschüttet waren. Die Falschmeldung entwickelt sich zum Selbstläufer und erregt nicht nur die Gemüter der Zeitungsleser, sondern sorgt auch für diplomatische Unstimmigkeiten. Als Boyd merkt, dass man seinem Schwindel auf die Schliche gekommen ist, will er die Verantwortung dem jungen Bachmann in die Schuhe schieben ...

"Die Lüge ist ein Bestandteil unseres Lebens." (Cesar Boyd)


Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 130f
Wie ein Gutsherr kommandiert Boyd Bachmann herum, duzt ihn und will gesiezt werden, lobt, manipuliert und hält Gardinenpredigten. Er ist der Nachrichtengeneral, der Übervater und überlebensgroß der Schauspieler Martin Held. Mit wegwerfenden Gesten ahmt Buchholz/Bachmann die Weltläufigkeit seines Vorbilds nach und wird eher unvermittelt zu einem Idealisten, dem Kandidaten für pathetische Appelle und Volksreden - auch zu einem Narren, der an ehrlichen Journalismus glaubt. Erst zum Ende des Films findet Buchholz aus dieser Rolle des Betrogenen heraus....


Zu einer Zeit, als die Presse noch übermächtig war, da sie nicht mit einer Nachrichtenverbreitung über Glasfaserkabel konkurrieren musste, trugen die Zeitungsmacher eine besondere Verantwortung, da sie Meldungen veröffentlichten, kommentierten und den Rhythmus bestimmten, in dem die Leser an Informationen kamen. Besonders der kleine Mann vertraute "seiner" Zeitung oft mehr als den Reden der Politiker und sah in ihr das Sprachrohr der Allgemeinheit. Missstände, Ungerechtigkeiten und Tatsachen, die "von denen da oben" gern unter den Teppich gekehrt werden, sollten von den rasenden Reportern aufgedeckt und angeprangert werden.

Der Film zeigt den Ehrgeiz des jungen Mannes, sich zu beweisen und das Vertrauen zu rechtfertigen, das sein Mentor in ihn gesetzt hat. Die Männer sind trotz der gemeinsamen Basis - den Arbeitswillen - wie Feuer und Wasser, wobei der Ältere immer noch soweit Zugeständnisse macht, als es ihm für sein Vorankommen dienlich ist. Er braucht den Schwung des begeisterungsfähigen Bachmann und profitiert von dessen Neugier, die keine Berührungsängste kennt. Die Lorbeeren von Bachmanns Arbeit fallen selbstredend Boyd zu, weshalb es fraglich ist, ob sich Bachmann jemals aus der Umklammerung des Vorbilds hätte lösen können. In diesem Sinne wirkt das Ende wie ein Befreiungsschlag und wird vom jungen Mann auch als solcher verstanden.

Maria Perschy, die 19jährige Darstellerin aus dem Burgenland, gibt Bettina das Gesicht eines einfachen Mädchens, das einen weiteren Streitpunkt zwischen dem hartgesottenen Boyd und dem impulsiven Bachmann verkörpert. Im Gegensatz zu ihrer platinblonden Eisprinzessin in "Der Henker von London" ist sie hier mit ihrer natürlichen Haarfarbe zu sehen und füllt die Ansprüche ihrer Rolle zufriedenstellend aus. Ohnehin sieht das Drehbuch vor, dass sie das Feld den beiden männlichen Hauptdarstellern überlassen muss und sie hat deshalb wenig Raum, sich nach vorne zu spielen. Selbst Gert Fröbe hält sich zurück und begnügt sich mit einer Nebenrolle.

Zitat von Michael Strauven: "Jedermanns Lieblingsschurke - Gert Fröbe" (Rotbuch Verlag, Berlin 2012), Seite 86f
Sieben Filme mit Fröbe kommen 1958 in die Kinos in Deutschland. [...] Zwei anspruchsvolle Gesellschaftsporträts sind dabei, damals noch gern "Problemfilme" genannt. [...] "Nasser Asphalt" ist überdurchschnittlich, wird aber nicht zu unrecht oft als Melodram bezeichnet.

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 132f
Für die Premiere von "Nasser Asphalt" am 3. April 1958 - drei Tage vor Ostern - ließ der Verleih Journalisten und Prominenz einfliegen. [...] Beim anschließenden Empfang im Hotel Atlantic saßen die Journalisten mit langen Gesichtern herum. Man war gut bewirtet worden und hatte einen wenig guten Film gesehen. Es war alles ein wenig aus der Balance geraten - ein Abend und ein Film mit Schlagseite und eine schiefe Rolle für Buchholz, gegen die er nicht anspielen konnte. Der junge wilde Idealist, so formulierte es die Presse, hatte keine Chance gegen den Routinier Martin Held.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.364

24.03.2013 13:56
#6 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

Bevor die heftigen Schneefälle im März 2013 in Berlin einsetzten, besuchten wir das Grab von Horst Buchholz (4. Dezember 1933 - 3. März 2003). Nachdem es gerade einmal ein paar Tage her war, dass man seiner anläßlich des zehnten Todestages öffentlich gedachte, wollten wir uns zunächst ein Bild über den Zustand der Grabstelle machen. Er hat ein sehr schönes Plätzchen für sich allein, vom Weg steigt man ein paar Stufen hinauf und tritt in einen von Bäumen und Sträuchern geschützten Hohlraum, in dem der weiße Marmorstein schlank und kalt auf die letzte Ruhestätte des gebürtigen Berliners hinweist. Unter seinem Namen und der Berufsbezeichnung sieht man ihn als jungen Mann in einer Szene aus "Eins, zwei, drei" (1961) vor dem Brandenburger Tor. Ernst sieht er an der Kamera vorbei; das Schwarzweiß-Porträt entspricht dem Image, das die Öffentlichkeit mit seinem Namen verbindet: unangepasst, eigensinnig und herausfordernd.


Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 9
"Ich bin in Berlin geboren, genauer gesagt, in Neukölln - ich bin also ein Urberliner." Bei Horst Buchholz klang immer ein besonderer Stolz an, wenn er davon sprach, dass er in Neukölln geboren und dort auch aufgewachsen ist. Woher kam dieser Stolz? Buchholz war doch in Paris, New York, Rom und Los Angeles zu Hause und konnte mühelos von einer Sprache in die andere wechseln. War diese Rede vom 'Urberliner' nur Getue, vielleicht ein gelegentlicher Anfall von Sentimentalität? Tatsächlich war Horst Buchholz wirklich stolz darauf, Berliner zu sein. Die Arbeiterviertel Neukölln und Prenzlauer Berg hatten ihn geprägt; dies waren die Orte seiner Kindheit, seiner Schulzeit, seiner Freundschaften und seiner Familie. Genauso stolz war er allerdings darauf, diese Viertel hinter sich gelassen zu haben.


Ein Ausspruch des von ihm verkörperten Felix Krull aus dem Roman von Thomas Mann steht als Motto unter seinem Bild: "Liebe die Welt, und die Welt wird dich lieben."

Das sehr gepflegt wirkende Grab, ein Ehrengrab des Landes Berlin, zeugte vom Besuch des Regierenden Bürgermeister der Stadt Berlin, Klaus Wowereit, der ein edles Rosenbukett hinterlegt hatte. Farblich passend zu den Sträußen und Schalen pflanzten wir zwei weiße und eine gelbe Primel ein; ich hatte noch eine besonders schöne rote Rose mitgebracht. Während Gubanov die Blumen eingrub, überlegte ich mir, warum mir die Besuche auf den Friedhöfen immer so nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Sie weisen darauf hin, dass auch Schauspieler keine Übermenschen sind und dass sie in der selben Erde ihr Ende finden wie andere Bürger dieses Landes. Ihnen einen Besuch abstatten zu können, sie von der großen Leinwand auf den Boden zurückzuholen und selbst ein wenig für die Pflege des letzten Bezugsortes tun zu können, ist tröstlich. Man geht mit guten Gedanken und Zuversicht fort und freut sich darauf, irgendwann wiederkehren zu dürfen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.364

20.05.2013 13:57
#7 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

BEWERTET: "Die Halbstarken" (Deutschland 1956)
mit: Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Paul Wagner, Viktoria von Ballasko, Jo Herbst, Stanislav Ledinek, Mario Ahrens, Manfred Hoffmann, Karlheinz Gaffkus, Friedrich Joloff, Benno Hoffmann u.a. | Drehbuch: Will Tremper, Georg Tressler | Regie: Georg Tressler

Zitat von Chronik des Films
Ein Berliner Jugendlicher (Horst Buchholz) aus unglücklichem Elternhaus avanciert unter dem Einfluss seiner Freundin (Karin Baal) zum Bandenführer. Bald aber öffnet sich vor ihm der Abgrund der Kriminalität: Seine Freundin erschießt bei einem Überfall einen Mann. Der Junge ist entsetzt und erkennt, dass er den Weg der Gewalt nicht gehen will. Reumütig stellt er sich der Polizei.

Zitat von "Geschichte"-Magazin Sehnsuchtsjahre - Die 50er und 60er, Ausgabe 4/2012, Seite 34
Der Nachwuchs hat nichts zu wollen, er hat zu folgen. [...] Doch in den Trümmern dieses Wahns [NS-Zeit] hat die Jugend den Hals voll von Ideologie und Propaganda, von Duckmäuserei und falscher Ehre, von Gleichschritt und Gehorsam. Man hat ja gesehen, wohin das führt. Sie begehrt auf gegen die Eltern, gegen Spießigkeit, Verklemmtheit, Doppelmoral. Anstand und Sauberkeit - wozu das alles? Freiheit ist angesagt, sich nichts sagen lassen.




Freddy Borchert und seine Clique glauben zwar, keinen äußeren Zwängen unterliegen zu müssen, wenden aber innerhalb der Gruppe die gleichen Mechanismen an, die auch beim ungeliebten Kommiss herrschen und praktizieren eine Gemeinschaft, in der der Stärkere das Sagen hat und die Marschrichtung diktiert. Mitläufer haben zu kuschen und ihr Privatleben den Vorgaben der Gruppe unterzuordnen. Die Brüder Borchert verkörpern Abbilder ihrer Eltern; der wilde Freddy hasst seinen Vater, ahmt aber dessen Umgangston und die Forderung nach Gehorsam nach, während Jan besonnener und nachdenklicher ist und sich um die Alltagsprobleme seiner Mutter sorgt. So viel Neues kann uns die Jugend der Fünfziger Jahre also auch nicht bieten, schon gar kein neues, erfolgsversprechendes Lebensmodell. Im Grunde verharrt man in ausgelutschten Klischees und wünscht sich die Wiederherstellung der alten Ordnung, wie man an Freddy selbst sieht: "Sollst mal sehen, wenn ich erst oben bin, kannste alles von mir haben - 'ne Villa, Pelzmäntel, Brillanten. [...] Ich dreh jetzt ein paar teure Dinger - und dann ist Schluss. Und keiner wird wissen, wie ich's geschafft habe. Und dann mach ich in Familie." Und die Frauen? Sissy fügt sich nur widerwillig in das Bild der künftigen Hausfrau und sucht nach einem neuen Weg, muss dann jedoch erkennen, dass ihre Zukunft trotz aller Rebellion auch an Freddys Seite konventionell verlaufen würde. Ihre Verachtung zeigt sich im Finale, als sie nicht nur eine Situation zu retten versucht, sondern auch mit ihrem Freund abrechnet. Obwohl das 15-jährige Mädchen und der 23-jährige Mann eine ungleiche (und verbotene) Beziehung unterhalten, spürt man wenig vom Altersunterschied - im Gegenteil: Sissy erweist sich als weitaus konsequenter und schonungsloser.

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 75
Weil alles anders, jung und neu sein sollte, stellte sich zunächst die Frage nach einem unverbrauchten Regisseur und Kameramann. Lüdecke reiste nach München, residierte im Hotel "Vier Jahreszeiten" und lud den Kameramann Helmuth Ashley zu einem Gespräch ein. [...] Der Hintergedanke war natürlich, dass Ashley [als Regisseur] dann auch in der Lage war, die Arbeit des Kameramanns zu überwachen. Gleichermaßen überrascht wie entzückt musste Ashley dennoch wegen eines anderen Engagements absagen und empfahl seinen Freund Georg Tressler.


Neben Horst Buchholz, der neben Hans Joachim Fuchsberger und Gerhard Riedmann 1956 von den Theaterbesitzern zum besten Nachwuchsdarsteller gewählt wurde, erlebt Karin Baal ihr Leinwanddebüt als "Sissy mit Ypsilon. Wie Romy," wie sie ein wenig verschmitzt hinzufügt.

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 78f
Vier Bewerberinnen wurden für Probeaufnahmen mit Buchholz ausgewählt, zwei von ihnen, Monika Peitsch und Karin Blauermel, kamen in die engere Wahl. Monika Peitsch wohnte im noblen Villenvorort Dahlem, war schon Statistin im Hebbel-Theater gewesen und arbeitete als Zahnarzthelferin. Sie war Will Trempers Favoritin. Karin Blauermel, für die Will Tremper den Namen Baal erfand, stammte aus dem Arbeiterbezirk Wedding. [...] Regisseur Tressler wollte Karin Baal - niemand anders.


Aus heutiger Sicht ist der Film vor allem wegen der Berlin-Aufnahmen und dem Zeitgefühl sehenswert. Inhaltlich gibt es einige Durchhänger, werden Szenen zu lange gedehnt und der eigentliche Coup zu unspektakulär umgesetzt. Obwohl Wenzel Lüdecke und Will Tremper bei der Filmpremiere in Essen behaupteten, es handele sich bei den "Halbstarken" um einen reinen Kriminalfilm, erlebt der Zuseher ein Sittenbild der Gesellschaft, das nur am Rande mit einer Krimihandlung angereichert wurde. Viel mehr bleibt der agile Horst Buchholz, dessen dunkle Schönheit wie ein Jettstein glänzt, in Erinnerung. Sein einnehmendes Lächeln, seine aggressive Unsicherheit und sein tragisches Scheitern.

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 80f
Nachdem der Bezirk Kreuzberg seine Unterstützung zurückgezogen hatte, wurden im Juli im Hallenbad Wedding die ersten Szenen gedreht; die Kellerräume des Hallenbades nutzte das Drehteam für die Szenen der Pistolenübergabe. In einer Eisdiele in der Kantstraße wurde das Gespräch zwischen Doermer und Baal aufgenommen, am S-Bahnhof Gleisdreieck der Überfall auf das Postauto inszeniert. In Lankwitz fand man die Espresso Bar, in der Rock'n'Roll getanzt wurde. Für die wenigen Innenaufnahmen wurden Ateliers der CCC-Studios in Spandau angemietet. Am 22. August drehte man in der Bismarckallee 18 im Ortsteil Grunewald die letzten Szenen; ein Dutzend Mal stolperte der angeschossene Freddy aus der Villa in die Arme der Polizei.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.470

20.05.2013 14:56
#8 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

Eine Anmerkung zu deinem letzten Zitat:

Die Drehortangaben zum Film sind sehr löblich, weil sich "Die Halbstarken" vom heutigen Standpunkt aus eher durch einen nostalgischen Berlin-Charme denn durch einen hohen Grad an Aktualität auszeichnen, aber Herr Sudendorf scheint auf dem Gebiet des Berliner Nahverkehrs nicht der größte Kenner zu sein. Auf einen S-Bahnhof Gleisdreieck wartet die Hauptstadt noch. Er entsteht, wenn überhaupt, erst mit der Eröffnung des Südteils der S21, deren erster Abschnitt momentan zwischen Nordring und Hauptbahnhof in Bau ist. Der Autor meinte wohl eher den U-Bahnhof Gleisdreieck, an dem sich die Linien U1 und U2 kreuzen. Der Bahnhof blickt auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurück, zu der u.a. einer der schwersten Berliner U-Bahnunfälle, ein eingeschränkter Betrieb während der Mauerzeit, der Ausgangspunkt einer modernen Magnetbahnstrecke zwischen 1984 und 1991 sowie Dreharbeiten zu diversen Krimis, u.a. dem "Tatort" "Keine Tricks, Herr Bülow", zählen. Auch in der "Praxis Bülowbogen" war der Name "Gleisdreieck" häufiger zu hören, gemeint war aber nicht unmittelbar der Bahnhof.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.470

24.05.2013 21:36
#9 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten



Tiger-Bay (Tiger Bay)

Kriminalfilm, GB 1959. Regie: J. Lee Thompson. Drehbuch: John Hawkesworth, Shelley Smith (Buchvorlage „Rodolphe et le Revolver“: Noël Calef). Mit: John Mills (Superintendent Graham), Horst Buchholz (Korchinsky), Hayley Mills (Gillie), Yvonne Mitchell (Anya), Megs Jenkins (Mrs. Phillips), Anthony Dawson (Barclay), George Selway (Detective Sergeant Harvey), Shari (Christine), George Pastell (Kapitän der Poloma), Paul Stassino (1. Offizier der Poloma) u.a. Uraufführung (GB): März 1959. Uraufführung (BRD): 31. Juli 1959. Eine Produktion von Independent Artists für Rank Film Distributors.

Zitat von Tiger-Bay
Die 12-jährige Gillie möchte mit den Jungs aus ihrer Nachbarschaft spielen. Damit sie richtig dazugehört, braucht sie eine Pistole. Wie gelegen kommt da der polnische Matrose Bronislav Korchinsky, der im Affekt seine Verlobte Anya erschießt. Er wird von Gillie durch den Briefschlitz beobachtet, später kann sie ihm die Waffe abluchsen. Als ihr Korchinsky auf die Spur kommt, plant er zunächst, die Zeugin zu beseitigen, doch schnell entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden.


In Noël Calefs Kurzgeschichte, die diesem Film zugrunde liegt, war die Kinderrolle ursprünglich ein Junge. Auch in der ersten Drehbuchfassung blieb „Rodolphe“ noch erhalten, bis der Regisseur J. Lee Thompson bei einem Besuch bei Hauptdarsteller John Mills dessen Tochter Hayley im Garten spielen sah. „Es könnte ja auch ein Mädchen sein“, sollen wohl seine Worte gewesen sein. Auf diese Weise kam Hayley Mills zu ihrer ersten Filmrolle. In ihrer bemerkenswerten Karriere dürften für Leser in diesem Forum u.a. auch die beiden Agatha-Christie-Verfilmungen „Mord nach Maß“ (1972) und „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988) interessant sein. In noch einer weiteren Hinsicht war „Tiger Bay“ eine Premiere: Horst Buchholz spielte erstmals in einer britischen Produktion, womit er seinen Ruf als länderübergreifender Star und deutsche Variante von James Dean begründete. Auch wenn Buchholz die Gabe nachgesagt wird, sechs Sprachen gesprochen zu haben, bieten für ein Debüt vor ausländischen Kameras Rollen, in denen der Schauspieler keinen Muttersprachler zu spielen hat, ein unverfängliches Sprungbrett für begabte Jungmimen.

Der Film, der nach einem Stadtteil in der Hafengegend der walisischen Hauptstadt Cardiff benannt ist, beginnt als Kriminalfilm und entwickelt sich im Verlauf immer weiter zu einer Studie einer bemerkenswerten Beziehung. In seiner ersten Hälfte dominiert die etwas heruntergekommene städtische Tiger-Bay-Atmosphäre, die den Film zu einem interessanten Zeitdokument macht. Mehrere Szenen entwickeln geradezu eine hitchcock-artige Spannung: Der aufreibende Streit, der zum Affektmord führt, gehört ebenso zu den Highlights wie die Konfrontation von Hayley Mills und Horst Buchholz auf dem dunklen Dachboden der Kirche. Später lockern sich Bebauung und Düsternis auf und machen begrünten Hügeln und den Wellen des Bristol Channel Platz – die Kamera fängt gerade auf dem Schiff in der letzten halben Stunde sehr beeindruckende Bilder ein.

Zitat von Tiger Bay (1959), British Film Institute ScreenOnline, Quelle
Tiger Bay (d. J. Lee Thompson, 1959) is more romantic and dramatic than realistic, more traditional than the uncompromising, radical departure of the films of the British New Wave. It is in some ways a transition: both traditional and modern, but not exactly social realism. It was ahead of its time in showing aspects of life not usually displayed in film in the 1950s, but limits these insights to brief glimpses. [...] Tiger Bay is representative of the pinnacle of traditional black and white cinematography, with every scene and shot beautifully lit and composed.


Der „Monthly Film Bulletin“ schreibt über die herausragenden Hauptdarsteller:

Zitat von Tiger Bay (1959), Monthly Film Bulletin, Quelle
The plot hinges on the touching relationship between the loyal, tomboyish child and the kidnapper who begins by thinking of killing her and ends up saving her life; and its principal merit is a steadily mounting suspense, carrying complete involvement without once becoming dishonest, either in character or construction. No attempt is made to elaborate the characters beyond the demands of the story, and they are appealingly presented. Apart from a jarring scene of overcalculation when she throws herself bodily into a description of the murder, Hayley Mills is splendid as the child; Horst Buchholz, assured and extrovert as the young Pole, gives promise of exceptional sensitivity into the bargain.


„Tiger Bay“ wurde auf der 1959er Berlinale gezeigt. Hayley Mills erhielt für ihre Kinderrolle einen Silbernen Bären als Sonderpreis für ihre außergewöhnliche schauspielerische Leistung und selbst die damalige Presse war von dem Film ganz hingerissen, nicht jedoch, ohne die moralische Zwickmühle anzuerkennen, in die der Zuschauer gebracht wird, wenn er letztenendes mit dem Täter sympathisiert. Buchholz’ Rolle ist nicht als böse Randerscheinung der Gesellschaft angelegt, sondern wird lediglich zu einem einmaligen Ausrutscher angestachelt. Sowohl Bronislav als auch Gillie sind zwei Charaktere, die einsam und mit wenig Akzeptanz durchs Leben gehen und sich für die gegenseitige Gesellschaft, die Freundschaft und das Vertrauen, das sie einander schenken können, dankbar zeigen. Am Ende riskiert der Pole für das Mädchen gar sein Leben und wird als „mutiger Mann“ einer Milderung seines Urteils entgegenblicken können.

Nicht jeder Mord führt zu konsekutiven Gräueltaten. „Tiger Bay“ beleuchtet die Jagd auf einen Verbrecher von einer ungewöhnlichen, aber sehr überzeugenden Seite, die am Konstrukt des verdammenswerten Monstrums zweifeln lässt. Horst Buchholz, Hayley Mills und ihr Vater John spielen exzellent vor authentischer Kulisse. 5 von 5 Punkten und eine besondere Empfehlung.

Achtung: Entgegen der Angaben auf dem Backcover und bei Amazon zeigt die britische DVD nicht das Original-Breitbildformat, sondern zoomt nach dem Vorspann auf ein störendes 4:3 auf. Sie hat zwar aufgrund der exzellenten Extras (Audiokommentar mit einer sehr sympathischen Hayley Mills, Bericht vom Dreh mit Fokus auf Horst Buchholz, Trailer etc.) auch ihre Meriten und ist günstig zu haben, es sei mir jedoch ausnahmsweise der Hinweis auf ein bekanntes Videoportal gestattet, wo der Film in ganzer Länge und 1,66:1 kostenfrei angesehen werden kann.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.364

18.05.2014 15:03
#10 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

BEWERTET: "Tiger Bay" (Großbritannien 1959)
mit: Horst Buchholz, Hayley Mills, John Mills, Yvonne Mitchell, Anthony Dawson, Megs Jenkins, Christopher Rhodes u.a. | Drehbuch: John Hawkesworth, Shelley Smith | Regie: J. Lee Thompson

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 143
Tiger Bay war der Name eines Stadtbezirks in der englischen Hafenstadt Cardiff. Dort hatten sich Menschen aus allen Kulturen niedergelassen; es war ein Rotlichtbezirk, hart, arm und gefährlich. Der junge Seemann Bronislav Korchinsky, gerade von einer Seereise zurück, sucht seine Freundin Anya. Sie ist aus der Wohnung, die er bezahlt, ausgezogen; in ihrer neuen Wohnung erklärt sie ihm, dass sie ihn nicht mehr liebt, und bedroht ihn, weil er die Wohnung nicht verlassen will, mit einer Pistole. Korchinsky entreißt ihr in einem Wutanfall die Waffe und erschießt sie. Das zwölfjährige Mädchen Gillie beobachtet den Mord durch den Briefschlitz in der Tür....




Horst Buchholz und Hayley Mills sind das ungleiche Paar, das dem Film zu seinem "Mann auf der Flucht"-Thema noch weitere Aspekte hinzufügt. Ursprünglich sollte ein kleiner Junge Zeuge des Verbrechens werden und sich an die Fersen des Seemanns heften, doch bei einem Besuch des Regisseurs im Haus des Schauspielers John Mills fiel ihm dessen Tochter Hayley auf und das Drehbuch wurde umgeschrieben. Buchholz fand die Idee genial und verstand sich auf Anhieb mit seiner jungen Kollegin. Bei den vielen gemeinsamen Szenen war es unabdingbar, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden herrschte, das ihr Agieren so natürlich und realistisch erscheinen ließ, dass die Geschichte glaubhaft wirkte. In seinen Notizen vermerkte Buchholz vierzehn Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten folgendes über die begabte Mimin:

Zitat von Werner Sudendorf: "Verführer und Rebell - Horst Buchholz" (Aufbau Verlag 2013), Seite 145
Sie hat einen Charme wie Katharine Hepburn und die gleiche Figur, die ihr eine natürliche Grazie verleiht. Sie ist intelligent und sagt gerade heraus, was sie denkt, ohne zu verletzen. Sie ist von großer Herzlichkeit und gefühlvoll, ohne dass das eine wie das andere aufgesetzt wirken. Ihre Augen sind ihr bestes Ausdrucksmittel. Sie scheint mit ihren Augen hören zu wollen. Intensiv wollen sie alles bewusst miterleben, scheinen ihre Umwelt sofort abzuschätzen, dann einzuschätzen, zu erkennen, um gleichzeitig mit einer Spur Naivität sich selbst fragen zu wollen - ist so was möglich? Zu ihrem Humor kommt ein fabelhafter Spieltrieb. Und sie wirkt verwundbar, verletzlich. Das ist eine Eigenschaft, die nur ganz wenige Frauen mit so viel Verstand, Humor, Witz und Energie besitzen.


Dabei ist die kleine Gillie kein pflegeleichtes Kind und reizt den Zuseher bisweilen so sehr, dass man sich wünscht, Korchinsky würde sich ihrer auf die eine oder andere Weise entledigen. Dabei widerlegt sie nur den Irrglauben, Kinder seien die besseren Menschen und findet sich in einer Reihe mit den erpresserischen Mädchen aus "Infam" (1961). In keinster Weise versucht der Film, ihr Handeln durch die soziale Herkunft zu rechtfertigen. Sie wächst bei ihrer Tante auf und spielt mit den Jungs auf der Straße, doch ihr Charakter wäre in vornehmerer Umgebung auch nicht edler oder selbstloser geworden. Durch ihren gesunden Egoismus betont sie ihre Eigenständigkeit und das Recht, sich zu behaupten. In einer Welt, in der Frauen auf Dienstleistungen abonniert sind, sucht sie ihren Weg nach draußen und überlegt, wie sie Einfluss und Macht gewinnen kann. Es ist bemerkenswert, wie Hayley Mills Stimmungen zum Ausdruck bringt und dabei die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ohne sich der Attribute Schönheit und Liebreiz zu bedienen, mit denen junge Mädchen ansonsten gern Punkte sammeln. Im Gegenteil: Sie ist so uneitel wie ihr Komplize und die beiden bilden ein ungewöhnliches Paar, das ein Stück des Weges miteinander zurücklegt, ohne sich deshalb gut leiden zu können. Das Geständnis Bronislavs am Ende, dass er Gillie nicht mag, wirkt so befreiend, weil es wahr ist und nicht den Erwartungen des Publikums entspricht.

John Mills als Kriminalbeamter ist hartnäckig und beweist Einfühlungsvermögen, das es ihm ermöglicht, die Gedankengänge der Zeugin zu verfolgen. Man spürt seine Sympathie sowohl für das Kind als auch für den jungen Delinquenten. Unter anderen Voraussetzungen hätte das Trio fruchtbar zusammenarbeiten können und eine verschworene Gemeinschaft gebildet. Die Spannung verlagert sich vom Schauplatz des Mordes in wild-romantische Settings, die von einem Dachboden über eine Ruine bis zu einer Pferdekoppel und der finalen Weite der See reichen. Der Kreis der Drehorte schließt sich und unterstreicht die Sorgfalt, die beim Drehen angewandt wurde. Mitte September 1958 begann man zu filmen: vier Wochen in Cardiff und sechs Wochen in den Beaconsfield-Studios. Am 7. Dezember 1958 heiratete Buchholz in London Myriam Bru, im März 1959 war er in Hamburg für die Synchronarbeiten zum Film, der im gleichen Monat in Cardiff Premiere hatte.

Ein intensives Zeugnis großer Schauspielkunst, authentisch, ungeschminkt und bei aller Ambitioniertheit spannend wie ein altmodischer Krimi-Reißer. Man glaubt, selbst die rauhe Meeresbrise zu spüren und verbündet sich mit den sturmumtosten Gestalten, deren Handeln bewegt und zur Reflexion eigener (Vor-)Urteile anregt. 5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.364

01.05.2017 14:39
#11 RE: Ein Rebell aus Neukölln: Filme mit Horst Buchholz Zitat · antworten

BEWERTET: "Monpti - Eine Pariser Geschichte" (Deutschland 1957)
mit: Romy Schneider, Horst Buchholz, Mara Lane, Boy Gobert, Bum Krüger, Olive Moorefield, Iska Geri, Joseph Offenbach, Bobby Todd, Edith Heerdegen, Antoine Marin, Pierre Dany, Georges Bever, Raymond Pierson u.a. | Drehbuch: Helmut Käutner und Gábor von Vaszary nach der Vorlage "Monpti" von Gábor von Vaszary | Regie: Helmut Käutner

Auf einer Parkbank lernt ein ungarischer Maler ein junges Mädchen kennen, das sich ihm gegenüber als Tochter wohlhabender Eltern ausgibt. In Wahrheit arbeitet sie als Näherin in einem Modeatelier und bewohnt ein kleines Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel. Anne-Claire und "Monpti", wie sie ihn nennt, freunden sich an, geraten jedoch immer wieder in Streit und verlieren sich aus den Augen. Dennoch reißt ihre Verbindung nicht ab....



Wer sich einen konventionellen Liebesfilm mit dem frischen jungen Paar Horst Buchholz und Romy Schneider erwartet, wird überrascht. Bereits die einleitenden Worte des Regisseurs deuten an, dass es sich um eine bittersüße Fabel handelt, die uns Einblick in Leid und Freud junger Liebender gibt. Obwohl Werner Sudendorf in seinem Buch "Verführer und Rebell" (Aufbau Verlag, 2013) proklamiert, "es handele sich um einen Romy-Schneider-Film mit Horst Buchholz als Beigabe", erfahren wir doch alles aus der Sicht des männlichen Protagonisten. Der Schauplatz Paris erlebt keine romantische Verklärung, sondern zeigt, dass in der "Stadt der Liebe" nur jene gut leben, die es sich auch leisten können - so wie überall auf dieser Welt. Diskrete Kommentatoren emotionaler Verkümmerung begleiten die Handlung in Gestalt der eleganten, aber gelangweilten Mara Lane und ihres blasierten und eigentlich dem eigenen Geschlecht zugeneigten Galans Boy Gobert. Stehen Anne-Claire und ihr Monpti erst am Anfang eines Weges, den Nadine und Monpti II schon zu Ende gegangen sind? Die sexuelle Note dient als Kitt und Streitpunkt der neuen Beziehung, wobei vor allem die unterschiedlichen Vorstellungen für Missverständnisse, falsche Hoffnungen und letztendlich laufend neuen Zündstoff sorgen. Anne-Claire glaubt, genau zu wissen, was Monpti von ihr erwartet bzw. ist bestrebt, alles richtig zu machen und den traditionellen Weg einer Frau einzuschlagen. Dabei stellt sie die Freundschaft immer wieder auf eine harte Probe, indem sie sich von Launen und Selbsttäuschung leiten lässt. Mehr als einmal weiß der junge Mann gar nicht, wie ihm geschieht und das Wechselbad der Gefühle setzt ihm ebenso zu wie seine karge finanzielle Situation.

Horst Buchholz stattet seinen ungarischen Zeichner mit einer Verletzlichkeit aus, die sich nicht in Selbstmitleid ergeht, sondern nach verschiedenen Möglichkeiten sucht, aus seinem Dilemma herauszukommen. Er gibt offen zu, dass er einsam ist und bedient sich im Gegensatz zu seiner Partnerin keiner falschen Fassade. Das Unverständnis über die unnützen Lügen von Anne-Claire entziehen ihr die Sympathie des Publikums, weil sie an einer Legende strickt, die ihr im Grunde selbst schadet. Falscher Stolz, Scham, Eitelkeit, Eifersucht und Unehrlichkeit brechen ihrer Freundschaft fast das Genick. Beide sind im Grunde allein in der großen Stadt, wo niemand an ihrem Schicksal Anteil nimmt, weil jeder mit seinen eigenen Kapricen beschäftigt ist. Romy Schneider wirkt mit den blonden Haaren fast durchsichtig, was durch ihre pastellfarbene Kleidung noch unterstrichen wird. Ihre Unschuld, die sie durch Schwindeleien zu überspielen sucht, mischt sich mit Angst. Angst, zu versagen, Angst vor dem Leben und Angst, sich emotional an einen Menschen zu binden. Das kleine Glück der beiden rührt das Publikum, weil man in den gemeinsamen Szenen merkt, wie gut sich die Schauspieler auch privat verstanden. Der Respekt und die Rücksicht, die man sich entgegenbringt, schimmern immer wieder durch. Wie eine leichte Sommerbrise, die von Regenschauern unterbrochen wird, gestaltet sich der Film zu einer tiefgründigen Momentaufnahme, die das Leben zweier Menschen durchrüttelt. Vom Stil her lässt sich "Monpti" mit dem vier Jahre später entstandenen Klassiker "Frühstück bei Tiffany" vergleichen, bei dem die Poesie ebenfalls aus den bitteren Augenblicken der Erkenntnis herrührt und jeder in seinem eigenen Kokon gefangen ist.

Tollpatschig wie Ente Napoleon beginnt die Romanze zwischen Anne-Claire und Monpti, deren Stimmungen wechseln wie das Wetter in Paris. Feinsinnig und pointiert in der Parallelhandlung zeichnet Helmut Käutner das Porträt der fragilen Liebe und profitiert dabei vom angenehmen Spiel seiner Stars. 4,5 von 5 Punkten

 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen