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Dieses Thema hat 10 Antworten
und wurde 541 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.531

25.03.2018 14:25
Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



"Sanfter Schrecken - Unheimliche Geschichten am Kamin" (Deutschland 1977)
mit: O. E. Hasse, Klaus Schwarzkopf, Wolf Roth und Peer Schmidt | Drehbuch: Alfred Weidenmann nach Geschichten von Robert Bloch, Stanley Ellin, Jack Sharkey und Henry Slezar | Regie: Alfred Weidenmann

Sherwood Castle wird von einem heftigen Gewitter heimgesucht. Wohl dem, der am wärmenden Kaminfeuer in einem der bequemen Ledersessel Platz nehmen und einen belebenden Weinbrand genießen kann. Während draußen die Blitze zucken und der Hausdiener Mühe hat, die sich aufplusternden Vorhänge in Zaum zu halten, wartet der Hausherr auf seine Gäste. Ein Herrenquartett zweifellos, so wie Tausende andere auch. Oder doch nicht? Nachdem sich endlich auch der Vierte im Bunde eingefunden hat, ergreift der Älteste das Wort und bestätigt das, was längst schon wie ein Hauch über der Runde liegt: Die distinguierten Herren der Gesellschaft sind tot. Sie liegen seit geraumer Zeit auf dem Friedhof und haben ihre Ruhestatt für die kurze Zeitspanne zwischen Abend und Morgen verlassen, um über die Umstände ihres Todes zu berichten. Melancholie liegt in bescheidenem Maße in der Luft, Bedauern und Wehmut versuchen sich ihren Weg zu bahnen, doch der resolute Schlossherr duldet weder Gefühlsduselei, noch Ablenkungen, welche die kostbare Zeit beschneiden könnten.



Jeder der Anwesenden starb eines ungewöhnlichen Todes, das steht außer Zweifel und nun ist es an den Männern, ihr Schicksal mit Würde und Fassung zu tragen, während einer nach dem anderen erzählt. Die edlen Tropfen rinnen durch die Kehlen und wärmen von innen, das behagliche Feuer flackert im Kamin und alle lauschen betroffen, amüsiert oder schockiert den gefassten Worten des jeweiligen Erzählers. Die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen, sein Handeln zu entschuldigen oder eine Erklärung abzugeben, gibt es nicht. Das Geschehene kann nicht rückgängig gemacht werden; die abgeklärte Haltung des Hausherrn resultiert aus pragmatischer Selbstbeherrschung, schließlich sei der Weg von der Familiengruft zum weitläufigen Ansitz seiner Vorfahren nicht weit. Temperamentsausbrüche könne sich ein Toter nicht mehr erlauben, er muss sich mit den spärlichen Annehmlichkeiten einer standesgemäßen Grabstätte begnügen und sich in Bescheidenheit üben. Umso mehr erfreut es die Persönlichkeiten im Salon, für eine kurze Zeit der Reminiszenz ihren Namen, ihre Geschichte und ihr Leben zurückzubekommen und sei es auch nur, um die Anwesenden betroffen zu machen. Nacheinander sollen ihre Schicksale erzählt werden, die eines gemeinsam haben: das Element der Tragik und die Empfindung, dass das Ende vermieden werden hätte können, wenn die Betreffenden klüger, besonnener und weitsichtiger gehandelt hätten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.450

25.03.2018 14:40
#2 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten

Diese Einführung verheißt angenehme Gruselspannung alter Schule. Verheißungsvolle Vorlagen-Autoren und eine gute Besetzung, bei der übrigens auffällt, dass Tatort-Kommissar Finke (Schwarzkopf) wieder auf seinen Assistenten (Roth) trifft. Auch sonst gibt es klare Hinweise in Richtung Norden, denn das Schloss, in dem sich die Herrenrunde versammelt, ist jenes, welches uns auch aus "Die Bande des Schreckens" und "Wartezimmer zum Jenseits" bekannt ist - Schloss Tremsbüttel nordöstlich von Hamburg. Ich hatte das Glück, bei etwas besserem Wetter dort zu sein, und musste mich nicht am Kaminfeuer wärmen - was in Anbetracht des dortigen Hotelbetriebs aber durchaus möglich gewesen wäre. Zum Vergleich hier zwei Bilder von 2015 (zum Vergrößern anklicken):

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.531

01.04.2018 14:42
#3 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



BEWERTET: "Der Tag der Hinrichtung"
mit: Wolf Roth, Rudolf Platte, Johanna von Koczian, Uwe Friedrichsen, Karl Lange u.a. | Drehbuch: Alfred Weidenmann nach einer Erzählung von Henry Slezar | Regie: Alfred Weidenmann

Staatsanwalt Curtelin kann zufrieden sein: Roger Calfan wurde wegen Mordes an seiner Frau zum Tode durch die Guillotine verurteilt. Curtelins flammendes Plädoyer ließ die Geschworenen die Höchststrafe akzeptieren. Die Gratulation des Generalstaatsanwalts nimmt der ehrgeizige Mann mit Genugtuung entgegen. Da meldet sich am Tag vor der Vollstreckung des Urteils ein alter Mann bei Curtelin: er sei der wahre Mörder und wolle nicht, dass ein Unschuldiger an seiner Stelle stürbe....

Das Dilemma des Staatsanwalts ist, dass er will, dass Calfan der Täter ist, weil er es bewiesen hat. Der Karrieremacher hält sein Hemd blütenweiß, seine Fassade tadellos und brachte seine stoisch unbeeindruckte innere Haltung zur Perfektion. Nur das Blitzen seiner Augen verrät seinen Genuss am Sieg über die Umstände, die öffentliche Meinung und die erbärmliche Kreatur im allgemeinen. Der strukturierte Ablauf einer Gerichtsverhandlung kommt seinem Bedürfnis nach Berechenbarkeit zugute; dem Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und sich über das gemeine Volk zu erheben. Verfehlungen stören seine Ansicht von Disziplin und Zielstrebigkeit, sie sind lästige Flecken auf der Weste des Lebens und deuten auf einen schwachen, verachtenswerten Charakter hin. Der alte Mann stiehlt ihm seine Zeit, er stoppt Curtelins glorreiche Fahrt über die Chaussee des Erfolgs und zerrt Dinge ans Licht, die der Staatsanwalt als sinnfreies Geschwätz eines gesellschaftlich Gescheiterten abtut. Seinen Triumph will er sich unter keinen Umständen nehmen lassen, schon gar nicht von einem Mann, auf den er mit Abscheu und Unbehagen herabblickt. Wolf Roth, der der Arroganz stets seinen kühlen Blick zu leihen bereit ist und sich ungern auf andere einstellt, wirkt im Zusammenspiel mit dem fahrigen Rudolf Platte zunehmend nervöser und gereizter.

Es scheint so, als habe der ungepflegte Mann mit dem flehenden Gesicht den Schlüssel zur Klärung der wahren Hintergründe des Mordfalls in der Hand und das passt dem Staatsanwalt ganz und gar nicht. Nach und nach beschleichen ihn Zweifel und verfolgen ihn bis ins Private, wo er von seiner eleganten Frau darin bestärkt wird, dass sie allein für seinen beruflichen Aufstieg verantwortlich ist. Er weiß, wie schnell er in der Pariser Gesellschaft erledigt ist, sollte sein Leumund durch einen Skandal befleckt werden. Johanna von Koczian zeigt einmal mehr die Rolle der kühlen Vertreterin des Bildungsbürgertums, die diskrete, aber nachdrückliche Anteilnahme an den Interessen von Politik, Wirtschaft und öffentlicher Meinung und deren Auswirkungen auf ihr persönliches Leben. Sie spiegelt sich im Erfolg ihres Gatten, den sie gefördert hat und hält ein Druckmittel in der Hinterhand, das ihn zu Dank und Loyalität verpflichtet. Das Verlieren der Contenance sind für sie erste Anzeichen, dass ihr Mann sich auf fragilem Boden bewegt und sie wird in dieser Ansicht letztendlich bestätigt werden. Unüberlegtes Handeln, der Verlust der Nerven und ein Überstrapazieren von Gefühlsregungen negativer Art führen bei Curtelin zum Scheitern und berauben ihn seiner rationalen Distanz zum Verhandlungsobjekt.

Die Saat des Zweifels geht auf: Nicht nur Staatsanwalt Curtelin, sondern auch der Zuschauer fragt sich, ob hier wirklich ein irreversibler Justizirrtum vorliegt. Rudolf Plattes Spiel kippt gen Ende leider, der schmale Grad zwischen Beharrlichkeit und Renitenz wird überschritten, eine Eigenart, die Platte mehrfach in seiner Karriere überstrapazierte. Wolf Roths Spiel ist so akkurat wie seine Garderobe und besticht erneut durch seine Präzision. Die doppelte Tragik wird so nüchtern serviert wie die Kommentare der Kollegen Lange und Friedrichsen. 4 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.531

02.04.2018 13:10
#4 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



BEWERTET: "Spezialität des Hauses"
mit: Klaus Schwarzkopf, Detlev Eckstein, Ferdy Mayne u.a. | Drehbuch: Alfred Weidenmann nach einer Erzählung von Stanley Ellin | Regie: Alfred Weidenmann

Der Geschäftsmann Laffler ist Junggeselle und sein einziges Vergnügen besteht für ihn darin, gut zu speisen. Eines Abends bleibt er wie so oft länger in der Firma und trifft beim Verlassen seines Büros auf seinen Angestellten Costain, einen ehrgeizigen jungen Mann, der an diesem Abend ebenfalls noch nichts vor hat. Laffler schlägt ihm vor, ihn zu Sbirro zu begleiten, einem befreundeten Restaurantbesitzer, der in seinem Gourmet-Tempel wahre Köstlichkeiten auftischt. Zu besonderen Gelegenheiten wird Lamm Ämirstan serviert, das zarteste Fleisch, das ein Gaumen je gekostet hat. Bald schon wird es Costain zur Gewohnheit, jeden Abend mit seinem Chef bei Sbirro einzukehren. Doch Lafflers sehnlichster Wunsch, einmal die Küche des Hauses betreten zu dürfen, wird stets abgelehnt. Vorerst jedenfalls....

Die Besuche bei Sbirro sind wie das Eintauchen in eine Welt, in der die Zeit still steht. Das ausschließlich männliche Publikum bildet den Rahmen für die Genüsse, die in einer feierlichen Zeremonie von emsigen Dienern kredenzt werden. Für einige Stunden wird die Illusion einer friedlichen Oase aufrechterhalten, zu der die Beladenen und Sorgengeplagten ebenso pilgern wie die Einsamen der hektischen Welt draußen vor der Tür. Das geheimnisumwobene Restaurant ist ein Geheimtipp, den Laffler wie ein Vermächtnis an seinen Mitarbeiter weitergibt. Er teilt das Wissen um das versteckte Kleinod aus purem Eigensinn, weil er nach zehn Jahren, in denen er allabendlich allein am Tisch saß, einen Gesprächspartner sucht. In schwärmerischen Worten vermittelt er seinem jungen Gast die sublimen Momente, in denen Sbirros Gerichte seine Geschmacksknospen kitzeln und jede Art von Stimulanzien und Narkotika überflüssig machen. Der Vorgang des Essens wird zur Kunst erhoben und jeder Bissen mit dankbarer Bewunderung gewürdigt. Klaus Schwarzkopf ist freilich der richtige Mann für die Rolle des begeisterungsfähigen Einzelgängers, dessen feine Antennen jede Nuance eines kulturellen Genusses auskosten und der in der Lage ist, diesen in elegante Worte zu kleiden, die jedes Detail angemessen berücksichtigen.

Zitat von DER SPIEGEL vom 21. März 1962
"Die zehn "ruchlosen Geschichten" des 45jährigen amerikanischen Kriminalschriftstellers gehören jenem angelsächsischen Typus der Mystery-Story an, der seit Edgar Allan Poe mit dem Entsetzen des Lesers subtilen Spott treibt. Der prominente Mystery-Autor Ellin verwendet geschickt schwarzen Humor, um seine Grusel-Fabeln zu würzen - so bei der Enthüllung, wie ein exklusives Restaurant die "Spezialität des Hauses" gewinnt.... Übersetzer Arno Schmidt traf trotz eigensinniger Sprach-Usancen den hinterhältigen Plauderton des Originals."


Detlev Eckstein, Schauspieler am Wiener Burgtheater, harmoniert aufs Angenehmste mit seinem älteren Kollegen und erweist sich als gelehriger Schüler in Sachen Essenskultur. Seine kultivierten Umgangsformen und die Offenheit für neue Erfahrungen weisen ihn als rechtmäßigen Nachfolger seines Vorgesetzten aus. Das Unbehagen, das den Zuseher schon sehr bald beschleicht, richtet sich gegen die heile Welt der Exklusion, die ihren Gästen keine Wahlmöglichkeit lässt und sie wie Marionetten an den unsichtbaren Fäden des geschmeidigen Sbirro baumeln lässt. Ferdy Mayne, der in Physiognomie und Auftreten einem Untoten aus Transsilvanien ähnelt und seine Gäste im Auge behält wie eine Spinne, die ein klebriges Netz webt, besticht durch eine Präsenz, die gleichzeitig einschüchternd und beruhigend wirkt. Die heiteren Momente am Tisch sind vergänglich wie das Leben selbst und im Seufzer des Gastgebers liegt Wehmut und die Erkenntnis, dass die Fassade der Schönheit jederzeit einstürzen kann und sich dahinter ein hässlicher, klaffender Spalt auftut, den das Schweigen und die Loyalität bisher kitten konnten. Kein Wunder, dass Alfred Hitchcock mit seinem Sinn für schwarzen Humor und das Makabre die 1948 veröffentlichte Kurzgeschichte von Ellin innerhalb seiner Fernsehreihe "Alfred Hitchcock presents" umsetzte. Sie entspricht seinem Credo, dass das Grauen im Kopf des Zuschauers stattfindet.

Klaus Schwarzkopf entführt Detlev Eckstein und den Zuschauer in eine Welt von gestern, in der stilvolle lukullische Genüsse ein Bollwerk gegen die Vergänglichkeit des Lebens bilden und man in jedem Bissen die Sehnsucht nach Perfektion schmeckt. Während sich die Gewissheit einer unglaublichen Wahrheit nach und nach des Zusehers bemächtigt und ihn das Gefühl beschleicht, eine kalte Hand greife nach ihm, besticht das Fernsehspiel mit gelassener Anteilnahme an den Träumen eines Mannes, der nach der Höchstform der Zufriedenheit strebt. 5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.531

08.04.2018 13:35
#5 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



BEWERTET: "Der zweite Napoleon"
mit: Peer Schmidt, Wolfgang Wahl, Christiane Rücker, Rainer Basedow | Drehbuch: Alfred Weidenmann nach einer Erzählung von Robert Bloch | Regie: Alfred Weidenmann

Napoléon Bonaparte fährt in Berlin mit dem Bus. Seine Siege über Russland und Österreich stärken ihm den Rücken, als er sich zu Charles de Talleyrand begibt, seinem Feind, der liquidiert werden muss, wenn der Kaiser der Franzosen siegreich bleiben will. In Wahrheit spielen sich Triumph und Untergang nur vor dem geistigen Auge Herrn Braumüllers ab, der seit geraumer Zeit beim Facharzt für Psychiatrie Dr. Gordon in Behandlung ist. Überall lauern imaginäre Feinde und im Gespräch gesteht Braumüller, dass er seine Gattin ermordet hat....

Der Name Robert Bloch ist untrennbar mit seinem größten Erfolg verbunden: "Psycho". Seine gebrochenen Charaktere kommen auf Papier bei weitem nicht so geschmeidig daher wie ein Anthony Perkins auf der Leinwand und sicher gibt auch Peer Schmidt seiner Figur erhabenere Seiten als das literarische Vorbild bereithält. Wer im Publikum nicht ein ausgesprochenes Faible für den kleinen Korsen hegt, wird sich rasch langweilen, obwohl dies wirklich nicht am engagierten Spiel Schmidts liegt. Selbst Wolfgang Wahl sinkt müde in seinen Stuhl zurück und verzieht keine Miene, als sein Patient zum hundertsten Mal über die Intrigen spricht, die gegen ihn gesponnen werden und Austerlitz, St. Helena und Waterloo aufs Tapet bringt. Das graue Berlin vor dem Fenster liefert wenig Erbauliches und unterstützt die Routine, mit der Dr. Gordon seinem zahlenden Patienten zuhört, obwohl er ihn weder kurieren, noch irgendetwas tun kann, um ihm Linderung zu verschaffen. Die Zweifel über die Sinnhaftigkeit solcher Sitzungen wird einmal mehr bestätigt, weil der Patient nur die einseitige Möglichkeit erhält, sich erneut zu exponieren und im eigenen Wahn zu baden. Wieder und wieder wird er dadurch in seiner eigenen Einmaligkeit bestätigt und nutzt jede Minute, um andere für sein Scheitern verantwortlich zu machen.

Peer Schmidt ist aufgrund seiner Körpergröße und Physiognomie überzeugend und liefert einen Schwall von Worten, die wie Pistolenkugeln durch sein Gegenüber gehen. Die Selbstüberhöhung des Usurpators, der "von seinem Glücke geblendet ist und nur sich selbst und sein persönliches Interesse kennt", wie die preußische Königin Luise 1808 in einem Brief vermerkte, erfasst Schmidt ganz und gar und drängt Wolfgang Wahl zunehmend in die Ecke, wo er wort- und anscheinend auch teilnahmslos verharrt. Christiane Rücker hält einstweilen im Vorzimmer die Stellung am Telefon und letztendlich ist sie es, die diesem Spuk ein Ende bereitet, indem sie Hilfe holt, wo ihr Chef versagt. Die Passivität, mit der sich der Psychiater berieseln lässt, stehen für das Versagen seiner Zunft, die desinteressiert merkwürdige, verzweifelte und ungehörige Erzählungen aus dem Leben ihrer Klientel anhört und dabei zum Abladeplatz oder wahlweise der Müllhalde der Emotionen wird. Die Klimax entlarvt das Prozedere im Sprechzimmer des Arztes als Farce. Unwillkürlich fragt sich der Zuschauer, welche Lehren er nun aus der Geschichte ziehen soll und es bleibt ihm nur die Erkenntnis, dass der Zugriff des Gesetzes oft zu spät kommt und nur mehr die Scherben eines Lebens zusammengekehrt werden können.

Wer gern die wesentlichen Lebensstationen des Kaisers der Franzosen erfahren möchte, schlägt lieber in einem Geschichtsbuch nach. Wer jedoch kurzweilige Unterhaltung sucht, schaut sich die anderen drei Episoden der Reihe "Sanfter Schrecken" an. Peer Schmidts Größenwahn füllt zwar die zwanzig Minuten spielend, die Frage nach der Sinnhaftigkeit bleibt jedoch im Raum. Schade, dass der geschilderte Mord nicht genutzt wurde, um Suspense aufzubauen. 2,5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.531

15.04.2018 13:50
#6 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



BEWERTET: "Tödliches Blau"
mit: O.E. Hasse, Willy Semmelrogge, Evelyn Opela, Friedrich Schoenfelder, Rainer Rudolph | Drehbuch: Alfred Weidenmann nach einer Geschichte von Jack Sharkey | Regie: Alfred Weidenmann

Lord Sherwood hat eine weitaus jüngere Frau geheiratet, deren Ausritte mit ihrem Freund er heimlich beobachtet. Aus gekränktem Stolz beschließt er, sie zu ermorden. Er weiß natürlich, dass bei einem Mordfall im kleinen Kreis der Ehemann als Hauptverdächtiger gilt. So überlegt er, wen er dazu bringen könnte, Lady Sherwood zu töten. Sein scharfer Blick fällt auf seinen treuen Diener, den er mit der Androhung, ihn zu entlassen, unter Druck setzt....

O.E. Hasse als Schlossherr trägt die Episode mit seinen präzisen Überlegungen, die seiner verletzten Männerehre und dem Hang nach Rache entspringen. Wohlwissend, dass Anita und er eine platonische Lebensgemeinschaft führen würden, hat er die gutaussehende Frau geheiratet, um seinem Anwesen neuen Glanz zu verleihen und sich mit ihrem Charisma und ihrer Vitalität zu schmücken. Während der greise Gatte den jungen Leuten nachstellt, entlarvt er seinen Egoismus und ein Misstrauen, das gleich mehreren Menschen zum Verhängnis werden wird. Als Patriarch der alten Schule nutzt er die Abhängigkeit aus, in der sein Umfeld zu ihm steht und berechnet eiskalt den Radius, in dem er sich bewegen darf, ohne Verdacht zu erregen. Das Vertrauen in seine Angestellten resultiert aus deren jahrzehntelanger Pflichterfüllung und dem Wissen, dass sie in ihrem Alter kaum eine adäquate Stellung finden würden. Erneut spielt Lord Sherwood die Karte der Loyalität aus, die er von seiner Umgebung erwartet, geht diesmal jedoch ein nicht zu kalkulierendes Risiko ein. Hasse, dessen Autorität sich mit den Jahren zu unerbittlicher Härte versteifte und dessen Worte keinen Widerspruch dulden, verleiht dem knorrigen Adeligen ein Flair der spleenigen Grausamkeit.

Die Farbe Blau wird in der Literatur gern mit Unglück und Tod in Verbindung gebracht, man denke nur an bekannte Spukhäuser, in denen sich die Geistererscheinungen im blauen Salon bzw. Schlafzimmer in besonderer Intensität zeigen. Agatha Christie hat in ihrer Erzählung "Die blaue Geranie" unheimliche Spannung erzeugt, indem Blumen an der Tapete sich plötzlich blau verfärbten. Im Lebensmittelbereich hat Blau die Bedeutung von Gift, in der Charaktertypisierung von Menschen steht die Farbe für Perfektionismus, analytisches Denken und ein unzugängliches, überkritisches Wesen. Evelyn Opela bewegt sich in Haus und Natur mit einer ungezwungenen Heiterkeit, sie ahnt nichts von den destruktiven Plänen ihres Mannes. Ihre Fröhlichkeit und der angenehme Umgang mit ihren Partnern lassen die Verschwörung, die im Hintergrund abläuft, umso bösartiger erscheinen, weil sie das Klima vergiftet und Rückschritten das Wort redet, während Lady Sherwood für Erneuerung steht. Das Schloss bildet dabei den stilvollen Rahmen für die Handlung und erweist sich als großes Plus. Während Anita Sherwood an Kornblumen denkt, streift ihr Gatte durch braunes Herbstlaub und tritt mit seinen schweren Stiefeln auf Zeugen der Fäulnis. Das Ambiente unterstützt die Story nach Kräften und bügelt die eine oder andere Unglaubwürdigkeit aus.

Ein Mordkomplott hinter hohen Schlossmauern mit einem dominant aufspielenden O.E. Hasse, dem seine Rolle teuflischen Spaß bereitet, erfreut auch den Zuseher, der das Potential eines ausführlicheren Fernsehspiels im Stil von "Das Geheimnis von Lismore Castle" erkennt. Gerne hätte man der Geschichte mehrere Kapitel zugebilligt; Darsteller, Drehorte und Plot bieten sich förmlich für eine längere Laufzeit an. 4,5 von 5 Punkten

Georg Offline




Beiträge: 2.938

16.04.2018 09:58
#7 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten

Sehr schöne Besprechungsserie der einzelnen Episoden dieses angenehmen Gruselfilms mit Bombenbesetzung! Als beste Episode würde ich auch Spezialität des Hauses sehen, ein Fest für Schwarzkopf-Fans!

Gubanov Offline




Beiträge: 15.450

18.08.2018 15:00
#8 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten

Ich kann mich bei @Percy Lister auch nur für den spannenden Tipp „Sanfter Schrecken“ und die ausführlichen Besprechungen bedanken. Vom Pidax’schen DVD-Cover und dem etwas bräsigen Titelzusatz mit den „unheimlichen Geschichten am Kamin“ ausgehend, hätte ich nicht vermutet, dass dieses TV-Experiment etwas für mich wäre. Doch da lag ich falsch und möchte nun ebenfalls meine Sichtungseindrücke schildern, um vielleicht noch etwas zusätzliches Interesse zu generieren.



Sanfter Schrecken: Der Tag der Hinrichtung

Episode 1 des TV-Kriminalkrimis, BRD 1976/77. Regie und Drehbuch: Alfred Weidenmann (Vorlage „The Day of the Execution“, 1957: Henry Slesar). Mit: Rudolf Platte (Jacques Delfosse), Wolf Roth (Staatsanwalt Robert Curtelin), Johanna von Koczian (Catherine Curtelin), Carl Lange (Generalstaatsanwalt), Uwe Friedrichsen (Assistent Camille) u.a. Erstsendung: 23. November 1977. Eine Produktion von Bertelsmann Fernseh-Produktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Sanfter Schrecken (1): Der Tag der Hinrichtung
Robert Curtelin ist ein junger, aber hoffnungsvoller Staatsanwalt. Gerade hat er den aufsehenerregenden Prozess gegen einen Gattinnenmörder gewonnen – sein Durchbruch am hohen Gericht, denn die Verurteilung stützt sich vor allem auf Curtelins überzeugende Darlegung der Indizien. Dummerweise scheint die Sache einen Schönheitsfehler zu haben: Kurz vor der Hinrichtung des überführten Mörders meldet sich der Stadtstreicher Delfosse bei Curtelin und gesteht, die Tat in Wahrheit selbst begangen zu haben ...


Eine kuriose Produktion ist dieser „Sanfte Schrecken“ mit seiner Vier-Fälle-zum-Preis-von-einem-Strategie. In übersinnlicher Atmosphäre auf einem sturmumtobten Schloss treffen sich die Geister vierer Verstorbener, die einander die kuriosen Weisen schildern, auf die sie zu Tode gekommen sind. In nur 75 Minuten packt Alfred Weidenmann neben dieser Rahmenhandlung vier Kriminalerzählungen renommierter Autoren – zunächst eine von Henry Slesar, die auch 1985 noch einmal im Rahmen der Serie „Die Krimistunde“ von Hartmut Griesmayr verfilmt wurde. Slesars Erzählung ist typisch für die pointierte Perfektion, die der amerikanische Schriftsteller beim Verfassen von Kurzgeschichten erreichte und verlässt das windige Geisterparkett auch sogleich wieder, um es gegen ein handfestes psychologisches Drama einzutauschen. Die zentralen Rollen darin übernehmen ein übereifriger Staatsanwalt und ein leutseliger Tippelbruder, was sich ebenso kurios anhört wie es sich letztlich auch entwickelt. Wo in anderen Krimis verzweifelt um Tatgeständnisse gerungen wird, will Robert Curtelin hier nun das Eingeständnis von Jacques Delfosse unter allen Umständen vertuschen, um auf seine eigene Arbeit nicht auch nur den Schatten eines Zweifels fallen zu lassen.

Die Kulmination im Duell des gefassten und gebildeten, aber auch nach Bestätigung suchenen und zunehmend gehetzt wirkenden Justizmannes mit seinem naiven, trunksüchtigen Gegenspieler kommt nicht überraschend – gerade weil die zielstrebige Frau des Staatsanwalts eine bedeutsame Rolle spielt und schnell klar wird, dass sich Curtelin um ihretwillen keine Niederlage leisten kann, ist es für ihn unmöglich, als Verlierer gegen eine so jämmerliche Person wie Delfosse vom Platz zu gehen. Die Macht der Verschlagenheit, des Einflusses und des Geldes liegt ebenfalls auf Curtelins Seite, aber dennoch kann er nicht verhindern, dass die unerwartete Zwangslage immer größere Kreise zieht, die ihm schließlich selbst den Kopf kosten werden. Wolf Roth ist auf Rollentypen festgelegt, die ihre Nöte aufgrund von Selbstüberschätzung zunächst als zu gering ansehen, und passt entsprechend auch hier wie die Faust aufs Auge. Auch Rudolf Platte spielt nicht zum ersten Mal den Part des Gescheiterten und wirkt ausgesprochen überzeugend. Im Gegensatz dazu hätte man der Rolle der quälenden, herrischen Ehefrau eine durchdringlichere, unangenehmere Besetzung als die doch recht „nette“ Johanna von Koczian gewünscht. Dann hätte der abseitige Teil der vielschichtigen Story, der Curtelins eigentliche Charakterschwäche hervorhebt, vielleicht noch besser funktioniert.

Mehr Psychogramm als Justizposse und damit eine dankbare Spielwiese für die vielleicht faszinierendste aller vier Besetzungslisten in „Sanfter Schrecken“. Bei „Der Tag der Hinrichtung“ gibt es wohl die größten Reserven für eine noch umfangreichere Verfilmung, die mit mehr Details zum Fall Calfan und mit weiteren Glanzmomenten für Wolf Roth hätte aufwarten können. In der vorliegenden Form ein spannendes Auf-den-Kopf-Drehen der herkömmlichen Krimistrukturen, das jedoch zu abrupt endet. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.450

18.08.2018 21:00
#9 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



Sanfter Schrecken: Spezialität des Hauses

Episode 2 des TV-Kriminalkrimis, BRD 1976/77. Regie und Drehbuch: Alfred Weidenmann (Vorlage „The Speciality of the House“, 1948: Stanley Ellin). Mit: Klaus Schwarzkopf (Mr. Laffler), Detlev Eckstein (Mr. Costain), Ferdy Mayne (Restaurantbesitzer Sbirro) u.a. Erstsendung: 23. November 1977. Eine Produktion von Bertelsmann Fernseh-Produktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Sanfter Schrecken (2): Spezialität des Hauses
Seinen treuen Angestellten Costain lädt der kauzige Unternehmer Laffler regelmäßig zu eleganten Abendessen ein. Die beiden einsamen Männer schätzen gehobene Küche und bekommen diese im exklusiven Lokal des geheimniskrämerischen Mr. Sbirro serviert. Vor allem von der Spezialität des Hauses schwärmt Laffler – es handele sich um das besonders seltene, vom Aussterben bedrohte Lamm Ämirstan. Was Sbirro seinen Gästen nicht verrät: Kein einziges Weidetier musste bisher für die erlesenen Filetstücke sterben ...


Die älteste Kurzgeschichtenvorlage der „Sanfter Schrecken“-Sammlung entstand kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs – zu einer Zeit also, als lukullischer Saus und Braus noch großer Luxus und in einer Zeit des Mangels und Verzichts schwer auf die Beine zu stellen war. Die entsprechenden Zweifel, wie das mysteriöse Lokal Sbirro’s seine exklusiven Speisen und Spezialitäten auf die Tische zaubern kann, gehen in Alfred Weidenmanns gutbürgerlicher Verfilmung ein wenig unter, die aber stattdessen mit einem konstanten Flair der Unsicherheit und Bedrohung punktet. Dieses geht einerseits vom Prinzip des Serienformats aus, dass man als Zuschauer von Anfang an weiß, dass der Protagonist Mr. Laffler sterben wird; andererseits wird es aber auch von Ferdy Maynes wahrhaft diabolischen Auftritten als offenkundig wahnsinniger Restaurantchef getragen. Sbirro übt eine dauerhafte Überwachung, ja Erziehung seiner Gäste zur Demut ihm gegenüber aus und lässt sein Personal in ehrfürchtiger Angst vor ihm und seinem ungesehenen Küchenmeister schweben.

Mr. Laffler ahnt bis zum Ende nicht, dass er bald im wahrsten Sinne des Wortes den Löffel abgeben muss und schwärmt in den höchsten Tönen vom todbringenden Lokal. Dieses verlegte Weidenmann aus Manhattan in einen stimmigen nebelverhangenen einsamen Hinterhof, hinter dessen eher nach Dienstboteneingang aussehender Tür sich ein regelrechter Tempel der Gelüste eröffnet. Dass Setgestalter Götz Heymann ein Gemälde von Alfred Hitchcock direkt hinter Lafflers Stammtisch aufhing, ist noch ein harmloser Gimmick, wenn man die letztliche Perversion der Geschichte bedenkt, die absolut eindeutig ist, obwohl sie nie offen ausgesprochen wird. Ähnlich doppelbödig gestaltete Klaus Schwarzkopf seine Interaktion mit Filmpartner Detlev Eckstein, der von ihm ebenso wie von Ferdy Mayne mit gierigen Augen, engem Griff am Arm und wehmütigen Hinweisen auf dessen vergängliche Jugend umzirzt wird. Ein sehr düsterer Fall, der von seinen Innuendos lebt.

Bei seinen kulinarischen Entdeckungen strebt der kultivierte Mr. Laffler nach Vollkommenheit in Reduktion. Dies könnte auch eine Umschreibung für die Geschichte „Spezialität des Hauses“ sein, die keiner aufsehenerregenden Stimulanzien bedarf, um von der Essenz des Plots oder der Präsenz der Hauptdarsteller abzulenken. Hier wurde – wie bei der Zubereitung von Lamm Ämirstan – alles richtig gemacht. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.450

19.08.2018 15:15
#10 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



Sanfter Schrecken: Der zweite Napoleon

Episode 3 des TV-Kriminalkrimis, BRD 1976/77. Regie und Drehbuch: Alfred Weidenmann (Vorlage „The Man Who Looked Like Napoleon“, 1961: Robert Bloch). Mit: Peer Schmidt (Herr Braumüller), Wolfgang Wahl (Psychiater Dr. Gordon), Christiane Rücker (Sekretärin), Rainer Basedow (Streifenpolizist) u.a. Erstsendung: 23. November 1977. Eine Produktion von Bertelsmann Fernseh-Produktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Sanfter Schrecken (3): Der zweite Napoleon
Herr Braumüller fährt mit dem Bus zum Psychiater, weil seine Ehefrau ihn hingeschickt hat. Er selbst beurteilt die Situation jedoch völlig anders: Als Reinkarnation von Napoleon Bonaparte stehe ihm eine royale Behandlung zu und jeder, der nicht an seine Geistesverwandtschaft mit dem berühmten Korsen glaubt, sei ein Spion oder ein Vorbote Nelsons und Gneisenaus. Herrn Braumüllers Behandlung macht leider keine Fortschritte – im Gegenteil: Sein Größenwahn nimmt immer bedrohlichere Formen an. Schließlich gesteht der Wahnsinnige den Mord an seiner Frau und bedroht auch das Leben des Arztes ...


Als Autor von „Psycho“ genießt Robert Bloch Weltruhm, doch seine Erzählung „Der zweite Napoleon“ ist von der Überzeugungskraft der berühmten Filmvorlage weit entfernt. Dabei beschäftigen sich beide Stoffe mit Charakteren, deren Geist nicht mehr in normalen Bahnen verläuft und deren Drang, in eine andere Haut zu schlüpfen, in ihnen mörderische Tendenzen weckt. Im Gegensatz zu Norman Bates geht von Herrn Braumüller aber für den Zuschauer keine knisternde Bedrohung aus, die über die geladenen Kolts in seinen Händen hinausgeht – zu simpel ist die willkürliche „Ich bin halt jemand anderer“-Rhetorik dieser Figur gestrickt. Da hätte auch eine andere Besetzung vermutlich wenig geholfen, wenngleich Peer Schmidt von den vier Hauptdarstellern der „Sanfter Schrecken“-Episoden der am wenigsten spannende und schillernde gewesen sein dürfte. Immerhin funktioniert er gut im Zusammenspiel mit Wolfgang Wahl, der als Psychiater entspannter und weniger gekünstelt wirkt als das Klischee, das man mit diesem Berufsstand in Film und Fernsehen verbindet.

Die Episode bricht im Stil deutlich mit den anderen drei Geschichten, spielt als einzige in Deutschland (genauer gesagt am zumindest namentlich recht passenden Kaiserdamm in Berlin), bringt als einzige in Gestalt von Sekretärin Christiane Rücker ein komödiantisches Moment ein und versäumt es auch als einzige, die Schrecken des Mordes für den Zuschauer greifbar zu machen. Im sicheren Gewissen, dass er hier nicht das Ei des Kolumbus gefunden hatte, räumte Weidenmann diesem Teil dann auch nur reichlich 10 Minuten Spielzeit ein, die für Schmidts Napoleon-Abenteuer mehr als genügen, wohingegen man den anderen drei Erzählungen mit ihrer mysteriösen, unheimlichen Atmosphäre auch gern noch länger beigewohnt hätte, obwohl diese schon deutlich umfangreicher gerieten (Roth 17 Minuten, Schwarzkopf 21, Hasse 18).

Diese eher dröge Geschichte mag sich nicht recht entscheiden, ob sie mit ihrer eigenen Kuriosität prahlen oder wie aus dem Alltagsleben eines Psychiaters gegriffen wirken soll. Letztlich verunglückt sie auf dem Mittelwege und lässt Peer Schmidt in Napoleon-Montur albern und profan aussehen, wenngleich sich der Mime alle Mühe gibt, die historisch überlieferte Bestimmtheit des Herrschers auf sein Spiel zu übertragen. 3 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.450

19.08.2018 20:45
#11 RE: Sanfter Schrecken (1977, TV) Zitat · antworten



Sanfter Schrecken: Tödliches Blau

Episode 4 des TV-Kriminalkrimis, BRD 1976/77. Regie und Drehbuch: Alfred Weidenmann (Vorlage „Deadly Shade of Blue“, 1962: Jack Sharkey). Mit: O.E. Hasse (Lord Sherwood), Willy Semmelrogge (sein Diener Shamley), Evelyn Opela (Lady Anita Sherwood), Rainer Rudolph (ihr Liebhaber), Friedrich Schönfelder (Butler) u.a. Erstsendung: 23. November 1977. Eine Produktion von Bertelsmann Fernseh-Produktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Sanfter Schrecken (4): Tödliches Blau
Verbittert hat Lord Sherwood beschlossen, seine deutlich jüngere Ehefrau ins Jenseits zu befördern, weil diese ihn nur wegen seines Geldes geheiratet habe und nun eine Liebschaft pflege. Um nicht selbst unter Verdacht zu geraten, will er seinen Diener in den Wahnsinn treiben und alsdann als Erfüllungsgehilfen des Mordes missbrauchen. Lord Sherwood droht dem Bediensteten mit Entlassung, wenn er nicht einen völlig abstrusen Auftrag erfülle: die Entfernung jedes blauen Gegenstands aus dem gesamten Schloss. Schneller als gedacht verfängt der teuflische Plan und Diener Shamley wird zum mordlustigen Irren. Doch seine Aggressivität richtet sich auf ein anderes Ziel ...


Weil eine simple Eifersuchtsgeschichte in einer Ehe, die einen beträchtlichen Altersunterschied überbrücken muss, für einen Krimi keine besonders ungewöhnliche Grundlage ist, führen Alfred Weidenmann und O.E. Hasse das Publikum in Windeseile in die Grundzüge des tödlichen Plans von Lord Sherwood ein. Danach verschwenkt die Aufmerksamkeit augenblicklich auf die ungewöhnlichen Nebenschauplätze, die diese Geschichte von anderen ihrer Art unterscheiden – die ausgeprägt klassische Note, die an Erzählungen aus der Frühzeit des Genres aus dem 19. Jahrhundert erinnert, und vor allem auf den Plan zur Unterjochung des Dieners Shamley. Gerade aufgrund der zielstrebigen und regelrecht despotischen Art des Lords, die O.E. Hasse mit einer militärischen Disziplin in Verhalten und Stimme umsetzt, wirkt die Abstrusität und scheinbare Nutzlosigkeit des Unterfangens, mit dem er seinen Diener betraut, so überraschend wie abstoßend. Die Gedankengänge, die hinter der Sisyphusarbeit stehen, jede blaue Färbung aus der Inneneinrichtung des Schlosses zu tilgen, erschließen sich dem Betrachter nicht, sodass aus der einfachen Mordgeschichte plötzlich eine unüberschaubare Parabel wird.

Lord Sherwoods Berechnung geht dennoch auf – aufgrund der gedrängten Erzählweise im „Sanften Schrecken“ sogar schneller als vermutet. Trotz des übereilten Wandels des Dieners schafft es Willy Semmelrogge, diesen nicht zur Karikatur verkommen zu lassen und der Abschlussszene echte Wildheit zu verleihen. Ihrer Härte und Explizität dürfte die bis heute hohe Altersfreigabe der Mini-Serie geschuldet sein, die sich bis dato eher auf das indirekte, psychologische Grauen verließ. Billig wirkt der Gewaltausbruch aber auch deshalb nicht, weil er als großer Donnerschlag von der Gediegenheit seiner Umgebung aufgefangen wird. Fast wie in einer Mixtur verschiedenster Edgar-Wallace-Klassiker entstanden die Innen- und Außenaufnahmen dieses Teils am Schloss Tremsbüttel, am Jagdschloss Grunewald und im Schlosshotel des gleichen Stadtviertels. Die Aufnahmen schließen den Kreis zur Rahmenhandlung und es fühlt sich wieder wesentlich standesgemäßer an, Hasse in Gesellschaft von Roth, Schwarzkopf und Schmidt ums Feuer sitzen zu sehen als in jener der eher deplatzierten Evelyn Opela.

Nicht nur mit hochgiftiger Blausäure, sondern auch auf anderen „blauen Wegen“ lässt sich ein Mordkomplott aushecken. Man sieht O.E. Hasse aufgrund seiner unhinterfragbaren Dominanz als ebenbürtigen Partner der vorherigen drei Geschichtenerzähler an, obwohl sein verwegener und nicht ganz nachvollziehbarer Plan im Gegensatz zu den andern schon schiefgeht, bevor er das beabsichtigte Opfer findet. Was die Geschichte zu wünschen übriglässt, wird hier durch eine hochherrschaftliche Atmosphäre im wehenden Herbstlaub wieder ausgebügelt. 3,5 von 5 Punkten.

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