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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 537 mal aufgerufen
 Kurzgeschichten-Wettbewerb
Count Villain Offline



Beiträge: 3.781

29.04.2011 18:39
Der Schleicher - KGW 2011 Zitat · antworten

So, dann äußere ich mich nun auch einmal. Was kann ich alles über den Schleicher sagen?

Die Grundidee
In meiner Schublade lagen mehrere Konzeptentwürfe, darunter auch einer um einen Erpresser. In den Grundzügen ging es darum, dass dieser sich ein Sicherheitsnetz aufgebaut hatte, das ihn für seine Opfer nahezu unantastbar werden ließ, dieses Netz aber nach und nach von einem Unbekannten zerstört wurde, was den Erpresser in Angst versetzen sollte bis er am Ende selbst dran glauben muss (man denke an den Psychoterror, den Sir Cecil im Banne des Unheimlichen durchleben muss), während es die Aufgabe der Ermittler sein sollte, einen gemeinsamen Nenner unter den unterschiedlichen Anschlägen zu finden. Die Geschichte startete also als Variation eines Themas, das auch schon einer meiner liebsten Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle war (Charles Augustus Milverton, ihm ist der Schleicher auch ein wenig nachempfunden).

Das Wallace-Universum
War die Grundidee noch abseits von Wallace und nur als Aufbereitung eines klassischen Kriminalstoffs gedacht, so galt es als nächstes, den Wallace-Bezug herzustellen. Und auch hier habe ich die Geschichten, aus denen ich meine Inspiration gezogen habe, nach Sympathie ausgewählt. Allerdings kann ich auch nicht wirklich sagen, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. Also ob es die Geschichten waren, aus denen ich Archetypen entnommen habe oder ob ich unbewusst Archetypen kreiert habe, die Charakteren aus von mir besonders geschätzten Romanen gleichen (Die blaue Hand, Die seltsame Gräfin, Das indische Tuch). Da ich mich ebenfalls dazu entschieden hatte, dieses Mal zum ersten Mal keine Originalcharaktere von Wallace zu verwenden, habe ich überdies versucht, möglichst viele wallace-typische Plotelemente in die Geschichte einzubauen (seltsames Testament, mysteriöse Umschläge, vermeintlich irrsinniger Adelsspross, Liebesgeschichte, nichts ahnende Erbin, Identifizierung durch körperliches Merkmal, Entführung der Heldin, Flucht des Täters zu Wasser, ...). Desweiteren habe ich mich entschlossen, die Geschichte - zum zweiten Mal nach "Die schwarze Soutane" (die ebenfalls als mögliche Wettbewerbsgeschichte geschrieben wurde, aber bald in anderer Form einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird) - in der Originalromanzeit spielen zu lassen. Schließlich war es auch die Romanatmosphäre, die ich mit meiner Geschichte hauptsächlich treffen wollte. Da ich aber auch dort auf Originalcharaktere zurückgegriffen habe (Alan Wembury, Mary und John Lenley) und gerade diese in der Regel einer der stärksten Bezüge der wallace-kundigen Leser zu meinen Geschichten war (Hexer als bekanntester Verbrecher, Sir Arnold Long als weiterentwickelte, starke Identifikationsfigur), wollte ich auch einmal schauen wie weit ich im Wettbewerb komme, wenn tatsächlich alles von der Geschichte nur von mir selbst ist. Die Erwähnung von verschiedenen Anwaltskanzleien aus Wallace' Feder ist daher auch mehr wie ein Easter Egg zu verstehen. Das ist mir zwar gut, aber - wenn ich mir Kaeuflins Bewertung ansehe - scheinbar noch nicht gut gelungen. Es war wohl doch ein wenig zu sehr Wallace-Kopie trotz meiner nachfolgenden Bemühungen. Die wirklich außerordentlich guten Bewertungen im Bereich des Wallace-Faktors ("bricht durch die Decke" [Gubanov]) bestärkt mich allerdings darin, in dieser Hinsicht alles richtig gemacht und mein Ziel erreicht zu haben.

Variationen
Wer sich erinnert - oder im entsprechenden Thread nachliest - wird wissen, dass ich auch Die letzte Wette über die Charaktere, über Archetypen angegangen bin (krimineller Arzt, falscher Geistlicher, kleiner Ganove, Unterschichtler, mondäne Schauspielerin, dienstbeflissene Sekretärin, ...). Beim Schleicher sollten es natürlich nicht dieselben Archetypen werden, so dass ich beim Anwalt, der Lady, dem jungen Lord usw. gelandet bin. Einzig der Archetyp des Reporters fehlt mir nun immer noch. Doch auch diese Archetypen wollte ich ein wenig variieren, mit den Erwartungen der Leser spielen und ihnen quasi meinen eigenen Stempel aufdrücken. So stellt sich am Ende der Erpresser als Ehrenmann und Freund seiner Klienten heraus und der junge Lord ist nicht wahnsinnig, sondern Bluter.

Alternativen
Es war schon von Anfang an geplant, dass Metzger nicht der Haupttäter, sondern auch ein Opfer seiner eigenen Machenschaften sein sollte. Er hebt sich von gewöhnlichen Verbrechern ab und stolpert letztendlich auch genau über diesen Umstand. Wesentlich mehr verschiedene Möglichkeiten ergaben sich für mich aber in der Person des letztendlichen Täters und des Handlungsverlaufs. Walter Fellowes hieß zum Beispiel zu Anfang noch Toby Walters und war ein Reporter, der sich bei Metzger eingeschlichen hatte, um das belastende Material in dessen Obhut schließlich einer Zeitung anzubieten. Letzten Endes hatte ich aber mit meiner "Liebestriangel" schon genug junge Leute und Sympathieträger. Dies ist ebenfalls ein Grund dafür, dass Edric Dunnington in der Mitte der Geschichte daran glauben musste. Er hätte im Finale einfach nur gestört. In diversen Alternativverläufen habe ich nämlich auch Metzger als Mordopfer durchgespielt, aber nun war es halt Edric, der quasi en passant als Kollateralschaden bei Fellowes Flucht daran glauben musste. Edric war allerdings auch seit jeher als tragische Figur geplant.

Verworfene Szenen
Etwas, das mittlerweile - seit ich das Schreiben professioneller betreibe - immer häufiger vorkommt, sind Szenen, die ich zwar anfange, aber schließlich doch aus der Geschichte nehme, da sie für mich im Handlungsverlauf nicht funktionieren (auch bei der Soutane gibt es so einige geschnittene Szenen, in der Wette immerhin einige Szenen, die ich nachträglich etwas umgeschrieben habe, während beim Judasbaum noch alles in einem Rutsch durchgeschrieben wurde). Das ist beim Schleicher zunächst eine Szene in der Anwaltskanzlei am Morgen nach dem Einbruch. Diese fand ich zum einen als unnötige erzählerische Dopplung, da Lane ja Blossom in der nächsten sowieso davon erzählen würde, und zum anderen war es ja auch schon ein Merkmal der Soutane (tut mir leid an alle, die diese Geschichte von mir noch nicht kennen, aber die wenigen, die es hier im Forum tun, werden meine Bezüge nachvollziehen können), dass die Verbrechen quasi nebenher im Hintergrund geschehen und der Fokus auf anderen unheilvollen oder merkwürdigen Verwicklungen liegt. Von daher war auch das nur eine logische Fortführung meiner Erzählweise. Der nächste Cut erfolgte dann eben in jener Szene im Teehaus. Usprünglich haben sich Blossom und Stafford dort am Ende über das Testament und eine wahrscheinlich bei Edric ausgebrochene Geisteskrankheit unterhalten. Da fand ich allerdings, dass diese Enthüllung der nachfolgenden Szene zwischen Edric und seiner Mutter ein gutes Maß der Dramatik nehmen würde. Was in meinen Augen auch zu früh kam und deshalb gestrichen wurde, war eine Enthüllung Carsons, was sich in diesen ominösen Umschlägen befindet. Auch dieses Mysterium wollte ich noch etwas länger beibehalten. Was ich ebenfalls zuerst als Möglichkeit ansah, dann allerdings als unpassend und den Fluss der Geschichte störend empfand, war, dass man Stafford neben Edrics Leiche findet und als Hauptverdächtigen verhaftet. Das brachte aber nur unnötige Unruhe in die Handlung hinein, obwohl es mir ermöglichte, gerade in dieser Szene ein paar passende Zitate aus den Wallace-Filmen zu bringen. Auch rückte dadurch die Enthüllung der Todesursache Edrics um eine Szene nach hinten. Ebenfalls angedacht - aber nicht über wenige Sätze hinausgekommen - war eine Szene, die Staffords Entern der Jacht und seine Überwältigung von Fellowes beschreiben sollte. Aber auch das kam mir letztendlich als unnötige Verlängerung der Geschichte vor.

Hinzugefügte Szenen
Auch das gab es damals. In der Ursprungsfassung fehlte die Szene zwischen Blossom und Fellowes im Wagen. Diese wurde nach der Kritik von Billyboy hinzugefügt, dass Fellowes, der sich letztendlich als Täter entpuppt, in der Geschichte zu wenig präsent sein würde.

Sprachliches
Hier habe ich mich bemüht, verstärkt mit Bildern zu arbeiten. Einiges wurde ja schon in den Kritiken zu meiner Geschichte erwähnt (Blossom, Metzger, "zwei Zigarettenlängen"), aber auch solche Stellen wie "während die schlanke Spitze der weißen Luxusyacht immer schneller immer näher kam wie ein scharfer Eckzahn im Gebiss eines Raubtieres, das dabei war, sich fest im Genick seiner Beute zu verbeißen" oder die Beschreibung des Anwesens der Dunningtons möchte ich hier noch einmal erwähnen. Gerade letzteres war auch als Abbild der Familie konzipiert.

Symmetrie - die traditionsbehaftete Lady
roter Backstein - Edrics Bluterkrankheit
wilder Efeu, beschädigte Ornamente - die ehemalige Stärke des Geschlechts ist dahin, die Fassade wird mit letzter Kraft und allen Mitteln aufrechterhalten
gut gepflegter Garten - Blossom, die junge "Blüte", die das Geschlecht wieder zum Erblühen bringen wird

Kritik
Die einzige Kritik, die ich am Schleicher sehe, ist der Umstand, dass er von Handlung, Plotpotential und Aufbau eher einem Kurzroman gleicht als einer wirklichen Kurzgeschichte. Ein echter Edgar Wallace hätte auf dieser Basis sicher auch einen kompletten Roman fertigen können. Aber das ist ja ein Punkt, der auch auf andere Geschichten in diesem Jahrgang zutrifft - und insbesondere auf alle Geschichten von Billyboy.

Zum Schluss jetzt noch ein paar direkten Erwiderungen zu den Bewertungen.

Zitat von Gubanov
(...) obwohl ich als Leser von Zeit zu Zeit das Gefühl hatte, dass gerade die junge Romanze ein wenig zu Lasten von Spannung und Plotentwicklung geht. Der Mord spielt nur ganz am Rande eine Rolle und leider wird dem Leser nicht erlaubt, näher an den Einbrüchen teilzuhaben.



Dass die ganzen Verbrechen bewusst eher nebenher geschehen ist - wie oben schon erwähnt - beabsichtigt. Und ich denke, dass dies auch Wallace gerecht wird, wo ich auch oft das Gefühl habe, viele Verwicklungen um die Verbrechen herum mitzuerleben und weniger eine stringente Ermittlung wie z. B. bei Agatha Christies Morden. Und die Liebesgeschichte zwischen Held und unschuldigem Mädchen ist für Wallace so klassisch, das musste endlich mal in einer Wettbewerbsgeschichte aufgegriffen werden.

Zitat von Gubanov
(...) lässt eventuell auftauchende Längen um die „Frau zwischen zwei Männern“ und die nicht immer ganz authentischen Anbändelungsversuche verzeihen. Auf der anderen Seite wäre mir eine stärkere Fokussierung auf den Mord innerhalb der Geschichte lieb gewesen. Schon im gleichen Kapitel, in dem er entdeckt wird, findet der Gerichtsmediziner die Todesursache im Mordfall Edric Dunnington.



An welchen Stellen fandest du es denn nicht authentisch? Und die Feststellung der Todesursache ist im nächsten Kapitel, wenn auch nur eine einzige Szene später. Allerdings verstehe ich die Kritik dahinter nicht ganz, wenn jemand z. B. erschossen wird, sieht man die Todesursache doch auch sofort.

Zitat von Percy Lister
Die Anbahnung der Freundschaft zwischen Blossom Cope und Strafford Lane wird ungekünstelt und sympathisch geschildert - ein Paar wie aus dem Leben gegriffen.



Aber scheinbar ist die Wahrnehmung der Liebesgeschichte tatsächlich auch sehr subjektiv.

Zitat von Billyboy03
(...) nur die Auflösung kam für mich ein klein wenig enttäuschend daher, weil sich der Urheber der Verbrechen beinahe als Nebenfigur entpuppt, auch wenn Fellowes in dieser überarbeiteten Fassung schon mehr Gewicht bekommen hat als in einer ersten Version, die ich bereits lesen durfte.



Auch das ist eigentlich Wallace pur, wie ich erstaunt beim kürzlichen Lesen des Romans "Die unheimlichen Briefe" festgestellt habe. Auch dort entpuppt sich am Ende ein Chauffeur, der zuvor wenig präsent war, als Haupttäter Drahtzieher hinter der ganzen Geschichte.

Zitat von Billyboy03
(...) Holbrook entpuppt sich als Vater von Blossom, weil er vor Jahren eine Affäre mit Lady Agathas Schwester hatte



Zitat von INA
Störend ist für mich die plötzliche Vaterschaft des Anwalts und warum muss das Mädchen mit dem schönen Namen Blossom auch bis zum 30. Lebensjahr auf die Erbschaft warten?



Lady Agathas Schwägerin, die Schwester der verstorbenen Lords, aber nicht so schlimm. Auch das ist für mich typisch Wallace, dass alle Figuren irgendwie in das Geschehen verstrickt sind. Es fügt sich so für mich am Besten zusammen. Sei es nun übertrieben oder nicht. Und Blossom muss ebenfalls auf das 30. Lebensjahr warten, weil diese Klausel selbstverständlich auch für weibliche Nachkommen gilt.

Auf Pery Lister bin ich ja im Bewertungsthread schon eingegangen. Dazu nur noch eines: Edric ist in der Tat ebenfalls ein korrekter englischer Name. Und weil er tatsächlich etwas exzentrischer klingt als Cedric habe ich ihn auch verwendet.

Hiram Metzger
Dieser Kritikpunkt kam wirklich häufiger. Metzger ist mir nicht bedrohlich genug geraten. Da weiß ich jetzt nich viel darauf zu sagen, außer schade. Ich habe natürlich evrsucht eine Art Mysterium um diesen Mann herum zu bilden. Scheinbar ist es mir nicht optimal gelungen. Allerdings sollte er auch eher etwas Gehimnisvolles ausstrahlen als etwas physisch bedrohliches - dieser Part war ja Fellowes zugedacht. Ich wüsste jetzt auch nicht,w ie ich das noch verbessern könnte. Aber vielleicht habt ihr ja noch Anregungen.

So, das war es dann von mir. Danke an alle, die diesen langen Text durchgehalten haben und danke an alle, denen mein Schleicher so gut gefallen hat, dass ich auf dem zweiten Platz gelandet bin.

Count Villain Offline



Beiträge: 3.781

09.05.2011 17:07
#2 RE: Der Schleicher - KGW 2011 Zitat · antworten

Noch keine Resonanz? Schade.

Dann mache ich hier noch ein bißchen alleine weiter.

Wie schon in den Wettbewerben zuvor, habe ich mir auch diesmal wieder über eine Besetzung im Zuge der Rialto-Reihe Gedanken gemacht und bin nach einigem Hin und Her zu folgendem Ergebnis gekommen.

Besetzung

Hiram Metzger --- Siegfried Schürenberg
Blossom Cope --- Karin Baal
Edric Dunnington --- Dietmar Schönherr
Agatha Dunnington --- Elisabeth Flickenschildt
Rufus Holbrook --- Hans Söhnker
Stafford Lane --- Horst Buchholz
Walter Fellowes --- Reinhard Kolldehoff
Sir Gregory Patton --- Werner Peters
Neil Carson --- Harald Leipnitz
Leichenwäscher --- Wilhelm Vorwerg

Die klar gezeichneten Charaktere in meiner Geschichte haben es mir da natürlich verhältnismäßig einfach gemacht, passende Pendants zu finden. Fast schon zu sehr, denn für viele Rollen bin ich eine ganze Reihe möglicher Alternativen durchgegangen. Auch für Vorschläge eurerseits bin ich natürlich offen und obendrein sehr gespannt darauf.

Als Bonus gibt es zur Veranschaulichung eines möglichen Schleicher-Films dieses Mal keinen Trailer - drängte sich ja kein Musikstück auf - sondern wieder eine Collage. Ich hoffe, es gefällt trotzdem.

Billyboy03 Offline




Beiträge: 687

04.06.2011 11:27
#3 RE: Der Schleicher - KGW 2011 Zitat · antworten

Schöne Fotocollage!

Ich selber mache mir beim Schreiben weniger Gedanken zu Filmbesetzungen. Ich suche schon (allerdings eher für mich als Anhaltspunkt) manchmal ein schauspielerisches Vorbild (Anwalt Stewart Amersham = Harry Wüstenhagen in "Der Todesbote" z.B.), allerdings ist das eher die Ausnahme und dient nur meiner Orientierung, wie ich die Figur anlegen möchte. So´nst versuche ich eher, gewisse Typen zu treffen, so wie ich denke, daß sie wallacetypisch agieren könnten.

Beim Schleicher merkt man die Beachtung der Vorlage-Personen recht deutlich, was das Lesen durchaus erleichtert.

BillyBoy03 - alles andere ist nur Gummi

Count Villain Offline



Beiträge: 3.781

04.06.2011 16:44
#4 RE: Der Schleicher - KGW 2011 Zitat · antworten

Vorlagepersonen kann man dazu eigentlich nicht sagen, denn die endgültige Besetzung entstand in der Tat erst nach dem Wettbewerb. Allerdings hast du natürlich insofern recht als dass ich so wallacetypische Charaktere für die Geschichte erschaffen habe, dass sich sehr leicht, fast automatisch sogar, passende Pendants aus den Romanen oder eben den Filmen und Filmschauspielern finden lassen (für die Lady eben Flickenschildt oder auch Horney oder Dagover usw.).

Count Villain Offline



Beiträge: 3.781

03.07.2011 23:13
#5 RE: Der Schleicher - KGW 2011 Zitat · antworten

Vielleicht ganz interessant: Die Outtakes vom Schleicher. Szenen oder Szenenfragmente, die es gar nicht oder nur in stark veränderter Form ins Buch geschafft haben.

Zitat
Als Stafford Lane am Freitag morgen wie immer die Baker Street entlang ging, konnte er schon von weitem den Schutzpolizisten ausmachen, der vor der Tür zu Holbrooks Kanzlei stand. Sofort beschleunigte er seine Schritte. Das Aufsetzen seines Stockschirms auf dem harten Pflaster ähnelte schon bald dem Rattern einer Nähmaschine. Dementsprechend atemlos war er auch, als er den Beamten erreichte: „Was ist hier geschehen, Constable?“
„Tut mir leid, Sir“, brummte dieser und strich über seinen buschigen Schnurrbart, der einem Walross zur Ehre gereicht hätte. „Ich darf Ihnen darüber keine Auskunft geben.“
„Ich denke schon, dass Sie das dürfen. Ich arbeite nämlich hier. Mein Name ist Lane. Stafford Lane. Ich bin Angestellter in der Kanzlei Holbrook.“
„Oh, das ist natürlich etwas anderes, Sir.“ Der Constable machte einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei. „Inspektor Carson erwartet Sie schon.“
Beunruhigt eilte Lane die Treppe zu den Büroräumen hinauf und entledigte sich an der Garderobe rasch seines Mantels, Huts und Schirms. Dann betrat er die Kanzlei. Er sah sofort, dass irgendjemand seinen Schreibtisch aufgebrochen hatte. Mit einem leichten Gefühl des Unwohlseins ging er weiter, klopfte an die angelehnte Tür zum Büro des Anwalts und trat dann ein. Holbrook stand mit einem anderen Mann inmitten eines Schlachtfelds. Auch hier waren Schränke und Schubladen aufgebrochen worden. Überall im Raum lagen wild verstreut Papiere und Akten. Lane öffnete leicht den Mund, war aber noch unfähig zu sprechen.
„Ja, mein Lieber. Hier hat ein Irrer gewütet“, kam es aus dem Mund des fremden Mannes, der mit seinem pomadigen Haar und den auffallenden, violetten Handschuhen wie ein Heiratsschwindler wirkte.
„Habe ich die Ehre mit Inspektor Carson?“, fragte Lane.
„Sie haben“, bestätigte dieser und holte ein silbernes Zigarettenetui hervor.
„Darf ich Ihnen Feuer anbieten?“, kam es sofort dienstbeflissen von Lane, der nun ebenfalls in die Tasche seines Jacketts griff.
„Sie dürfen schon, es hat nur keinen Sinn. Ich rauche nicht mehr, seitdem Wettbetrüger meine Hände mit brennenden Zigarren bearbeitet haben. Aber nichtsdestotrotz danke für Ihre Aufmerksamkeit.“
„Oh, das tut mir leid“, murmelte Lane betroffen.
„Keine Sorge. Ich bin nicht so leicht einzuschüchtern.

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Und es muss auch irgendetwas mit dem Testament zu tun haben. Aber ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll.“ Hilfe suchend schaute sie Lane an. „Ich bin in echter Sorge um Edric. Leidet er vielleicht sogar an Wahnvorstellungen? Hat er deswegen überall das Mobiliar zertrümmert?“
„Sollte das der Fall sein, würde ihn dieser Umstand das Erbe kosten.“
„Was sagen Sie da?“ Blossom starrte ihn an. „Kennen Sie das Testament etwa, Mr. Lane?“
Er nickte. „Ja. Ich war dabei, als der Nachlass übergeben wurde.“
„Ich weiß, dass ich keinerlei Rechte habe, den Inhalt des Testaments zu erfahren, aber ich bitte Sie inständig, es mir trotzdem zu verraten. Bitte, Mr. Lane. Ich muss es einfach wissen“, flehte Blossom.
Die Verzweiflung und aufrichtige Sorge in ihrer Stimme blieb dem Anwaltsgehilfen nicht verborgen. Und da er ohnehin sehr viel für die junge Frau empfand, konnte er ihr die Antwort nicht lange verwehren. „Also … Im Großen und Ganzen ist der Kern der Sache, dass jeder Nachkomme der Dunningtons das dreißigste Lebensjahr bei völliger körperlicher und geistiger Gesundheit vollenden muss. Der alte Lord hat ganz offensichtlich eine Erbkrankheit befürchtet.“
„Jetzt wird mir einiges klar. Edrics merkwürdiges Zimmer, der übertriebene Beschützerinstinkt seiner Mutter … Aber welchen Grund kann es geben, dass man das Testament auch vor Edric die ganze Zeit geheim hielt?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht war er immer schon labil und man wollte ihn nicht beunruhigen.“
„Auf mich wirkte Edric immer ganz normal. Überbehütet zwar, aber ganz und gar nicht auffällig.“
„Das ist wohl die Tücke bei den meisten Geisteskrankheiten. So lange der Auslöser fehlt, sind es Menschen wie du und ich.“
Blossom fröstelte. „Was passiert mit dem Erbe, wenn sich erst im Nachhinein der Wahnsinn zeigen sollte?“
„Ich bin nicht sicher.“ Lane strich sich nachdenklich über sein glattrasiertes Kinn. „Aber wenn bewiesen werden kann, dass er in den dreißig Jahren ganz gesund war, dann wird er Titel und Besitzungen wohl behalten können. Ich fürchte nur, dass man ärztliche Gutachten auch kaufen kann.“
Blossom setzte sich auf. Sollte dies des Rätsels Lösung sein? Sie musste das Ganze analytisch angehen. „Aber es muss doch schon ein solches Gutachten existieren, sonst hätte das Erbe doch gar nicht gefordert werden können, oder?“
„Ja, das ist richtig.“
„Und wer hat es ausgestellt?“
Lane kaute auf seiner Unterlippe. „Das ist ja gerade des Pudels Kern. Der Arzt, der das Gutachten unterschrieben hat, ist absolut vertrauenswürdig. Sir George Gratham, der berühmte Psychiater. Und dass Edric Dunnington körperlich nichts fehlt, ist offensichtlich und wurde vom Hausarzt der Familie bestätigt.“
„Tragisch, wenn gerade diese Heimlichtuerei seiner Mutter nun zu dem Ausbruch einer Geisteskrankheit geführt haben sollte.“ Blossom blickte deprimiert zu Boden. „Man wird ihn verhaften, oder?“
„Wenn tatsächlich überall die Umschläge von Metzger fehlen, ja.“

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Blossoms Stimme klang leicht schrill. „Das bist nicht mehr du. Das kann doch unmöglich deine Idee gewesen sein.“
„Ist es auch nicht. Es ist der Wunsch meiner Mutter, dass wir beide heiraten.“
„Das hätte ich mir denken können!“ Blossom warf entrüstet den Kopf zurück. „Aber verstehen tue ich es nicht. Ich bin doch alles andere als eine gute Partie. Ich bin nur eine arme Sekretärin.“

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„Verstehen Sie das, Inspektor?“, fragte Lane mit Besorgnis in der Stimme.
„Nein. Hiram Metzger hätte zwar mit Sicherheit die Mittel, einem Straftäter zur Flucht zu verhelfen, aber warum sollte er das bei einem Mann tun, der ihn beklaut hat?“
„Womit wir wieder bei diesen ominösen Umschlägen gelandet wären.“
„So ominös wie Sie glauben, sind diese Umschläge gar nicht, Mr. Lane. Ich weiß ganz genau, was sie enthalten“, gab Carson beifällig von sich, um auf das erstaunte Gesicht des anderen hin fortzufahren: „Brisantes Material. Metzger hat seinen Reichtum dadurch erhalten, dass er sich um pikante Probleme der vornehmen Gesellschaft kümmert. Fragwürdig sind allein die Wege, wie er Kenntnis über die Probleme erlangt.“
„Ein Erpresser also?“
„Wenn Sie so wollen, ja. Früher war er das bestimmt. Mittlerweile ist er aber so gut mit den Reichen und Mächtigen der Stadt vernetzt, dass er ungleich mehr ist. Man könnte ihn die graue Eminenz Londons nennen.“

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„Das möchte ich gerne von ihm selbst hören.“
Carson ließ ein Grunzen vernehmen und verfolgte schweigend den kreisrunden Weg des Anwalts auf den abgetretenen Holzbohlen. Schließlich öffnete sich die Tür und der Mordverdächtige wurde unsanft von dem uniformierten Beamten hinein geschoben. Es war Stafford Lane und er erkannte seinen Arbeitgeber sofort. „Mr. Holbrook! Gott sei Dank, dass Sie da sind.“
Der Anwalt blieb stehen und schaute zu Lane. Sein Gesicht hatte wieder einen väterlichen Ausdruck angenommen. „Es ist doch selbstverständlich, dass ich sofort komme, wenn Sie in Schwierigkeiten sind.“
„Schwierigkeiten ist gar kein Ausdruck“, erwiderte der junge Mann verbittert. „Dieser Mann dort“ – er deutete mit einem Nicken zu Carson, seine Augen funkelten – „will mich augenscheinlich hängen sehen. Wahrscheinlich hängt er mir sogar noch die Einbrüche an.“
„Nichts dergleichen werde ich tun“, versuchte ihn der Inspektor zu beschwichtigen. „Obwohl es zu den Tatsachen passen würde.“
„Die ich jetzt gerne einmal in vollem Umfang hören würde“, warf Holbrook rasch ein, ehe die Atmosphäre im Raum noch weiter zu kochen anfing.
Carson bedeutete dem Anwalt und seinem Angestellten Platz zu nehmen und letzterem zu erzählen. „Wiederholen Sie ihre Aussage, Mr. Lane.“
Dieser atmete tief durch und begann. „Nachdem ich mich von Miss Cope getrennt hatte, teilte ich umgehend dem Inspektor die neuen Verdachtsmomente mit, die gegen Lord Dunnington sprachen. Daraufhin wurde die Fahndung nach ihm eingeleitet. Ich hatte es irgendwie im Gefühl, dass er nach der Durchsicht der gestohlenen Unterlagen von Metzger bei diesem auftauchen würde und bezog unweit des Hauses Stellung. Als er tatsächlich dort auftauchte, informierte ich Carson, wartete ab und beobachtete weiter das Haus. Kurze Zeit später hörte ich einen Aufschrei von Miss Cope aus dem Gebäude kommen und drang gewaltsam dort ein.“
„Töricht“, kommentierte Holbrook. „Töricht, aber Anbetracht ihrer Gefühle für Miss Cope nachvollziehbar.“
Lane errötete ein wenig und fuhr fort. „

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„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Inspektor“, echauffierte sich Rufus Holbrook. Der ansonsten so ruhig und reserviert wirkende Anwalt ging rastlos in einem Büro der Kriminalabteilung von Scotland Yard auf und ab und blieb schließlich vor dem Schreibtisch stehen. „Wenn ich jemals einen wirklich unschuldigen Menschen gesehen habe, dann ist es Mr. Lane.“
Carson blieb unbeeindruckt. „Wir mussten ihn festnehmen“, erklärte er sich emotionslos und faltete seine Hände, die in fliederfarbenen Samthandschuhen steckten. „Wir fanden ihn im Haus Hiram Metzgers neben dem Leichnam Lord Dunningtons.“
„Und?“ Holbrook zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. „Das beweist absolut gar nichts. Irgendjemand muss eine Leiche ja zwangsläufig finden und in diesem Fall war es halt Mr. Lane.“
„Der Erste am Tatort ist immer verdächtig, wie mein Vorgesetzter zu sagen pflegt“, entgegnete Carson kühl.
„Wenn das die neuen Ermittlungsmethoden der Polizei sein sollen, dann steht es um das gute alte England schlechter als ich dachte.“
Der Inspektor winkte nur müde ab. „Es gibt noch mehr, das gegen ihren Mr. Lane spricht.“
„Bitte klären Sie mich auf.“
„Er hat zugegeben, von der Absicht des Lords Miss Cope zu heiraten gewusst zu haben. Und da er selbst um ihre Gunst gebuhlt hat, war Dunnington ihm im Weg. Was blieb ihm in der Situation anderes übrig als den Lord gewaltsam aus selbigem zu räumen?“
„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ausgerechnet dieser bescheidene junge Mann so etwas getan haben könnte?“
„Nicht jedem steht es ins Gesicht geschrieben, ob er ein Mörder ist“, dozierte Carson altklug und schaute zur Tür, als diese sich öffnete und ein uniformierter Beamter das Büro betrat. „Und wer weiß schon zu was er fähig ist, wenn erst die Leidenschaft in seinem Blut zu kochen beginnt? Was gibt es, Constable?“
„Sie möchten bitte in die Pathologie kommen, Inspektor“, richtete der Polizist aus. „Man hat die Leiche einer jungen Frau aus der Themse gefischt.“
Der Inspektor erhob sich aus seinem Stuhl. „Gut. Holen Sie Mr. Lane aus seiner Zelle und bringen Sie ihn ebenfalls dorthin. Ich möchte sehen, wie er reagiert. Vielleicht haben wir es sogar mit einem Doppelmörder zu tun.“
Der Uniformierte nickte und verließ den Raum.
Holbrook schaute ungläubig zu Carson. „Doppelmörder? Was soll das schon wieder heißen?“
„Nichts weiter. Nur, dass Miss Cope seit ihrem Gespräch mit Mr. Lane in dem kleinen Teehaus spurlos verschwunden ist“, antwortete der Inspektor dem Anwalt und ging dann mit diesem in die Pathologie. Dort wartete schon der Mordverdächtige in Begleitung des uniformierten Beamten auf die beiden.
„Mr. Holbrook“, rief er aus. „Bin ich froh, Sie zu sehen!“
Dieser blickte milde auf seinen Angestellten hinab. „Das glaube ich Ihnen. Ich werde Sie schon hier heraus bringen.“
Stafford Lane war – verständlicherweise – nicht ganz so optimistisch. „Hoffentlich.“
„Wenn Sie mir bitte folgen würden.“ Ein runzliger alter Mann in einer schmutziggrauen Kittelschürze war zu der Gruppe getreten und ging dann voran zu einem schmalen Obduktionstisch. Der Körper, der darauf lag, war noch mit einem weißen Tuch abgedeckt. „Größe, Körperbau und Haarfarbe stimmen mit der Vermissten überein. Eine eindeutige Identifikation ist allerdings schwer, aber sehen Sie selbst, meine Herren.“
Mit diesen Worten schlug er das Leichentuch zurück und entblößte einen grauenhaften Anblick, der es Holbrook flau im Magen werden ließ: Man hatte das Gesicht der Toten mit einem Messer zerschnitten.
„Das ist nicht Blossom“, kam es trotz dieser Verletzungen wie aus der Pistole geschossen von Lane.
Carson fasste ihn scharf ins Auge. „Sind Sie sich sicher, Mr. Lane?“
„Ich bin mir absolut sicher, Inspektor“, bestätigte der junge Mann. „Blossom … Miss Cope hat an ihrem Hals ein sichelförmiges Muttermal, während diese Frau dort ganz ebenmäßige Haut hat.“
Carson wollte gerade etwas erwidern, als ein hustendes Geräusch von Holbrook die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zog.
„Verzeihung“, entschuldigte sich der alte Anwalt und trat grüblerisch vom Tisch zurück.
Carson wandte sich wieder Stafford Lane zu. „Gibt es jemanden, der ihre Angabe bestätigen kann?“
„Ich weiß nicht genau. Hiram Metzger vielleicht. Ach, und die Kellnerin im Teehaus könnte das Muttermal auch gesehen haben, als Miss Cope dort ohnmächtig geworden ist.“
„Gut. Ich werde das überprüfen lassen. Danke“, nickte er dem Leichenwäscher zu.
Dieser deckte den Leichnam wieder zu, ging dann zu einem kleinen Schreibtisch und entnahm diesem eine Akte. „Ach ja, bevor ich es vergesse“, murmelte er. „Dr. Graham hat den Bericht über den jungen Dunnington hier gelassen. Er meinte, der Obduktionsbefund würde Sie überraschen.“
„Na dann schauen wir mal.“ Der Inspektor nahm das Dokument entgegen und las es durch. Sein Gesicht verfinsterte sich. „Das ist nicht gut … Das ist gar nicht gut …“
„Was ist denn, Mr. Carson?“ Holbrook war wieder hinzugetreten. „Wenn es Mr. Lane betrifft, verlange ich von Ihnen aufgeklärt zu werden.“
„Das tut es“, nickte der Angesprochene. Sein Gesicht war mehr als ernst. „Er wird dadurch entlastet. Aber das besprechen wir am Besten in meinem Büro.“

Eine eigenartige Stimmung lastete über den Männern, als sie sich am Schreibtisch gegenüber saßen. Inspektor Carson auf der einen, Holbrook und Lane auf der anderen Seite. Der Jüngste der Runde durchbrach schließlich die Stille. „Wie ist Lord Dunnington gestorben, Inspektor?“

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„Das tut es.“ Der Angesprochene verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Es scheint, er wird dadurch teilweise entlastet. Der verstorbene Lord Edric Dunnington war Bluter. Er starb an einer inneren Blutung. Die stumpfe Verletzung, die dazu geführt hat, muss ihm schon einige Zeit vor seinem Tod beigebracht worden sein. Ohne seine Krankheit würde er wahrscheinlich sogar noch leben. Das heißt, die Anklage wird nicht auf Mord, sondern nur auf Körperverletzung mit Todesfolge lauten.“ Carsons Augen verengten sich. „Es sei denn, Mr. Lane wusste um diesen Umstand.“
„Ich bin sicher, er wusste es nicht“, ging Holbrook dazwischen. „Wenn diese Tatsache allgemein bekannt gewesen wäre, dann hätte Edric Dunnington niemals den Titel des Lords führen dürfen. Meiner Kanzlei liegen Gutachten vor, die die geistige und körperliche Gesundheit Dunningtons bestätigen.“
Carson hob die Augenbrauen und zupfte seelenruhig an seinen Handschuhe herum. „Oh, der Wissensstand Mr. Lanes muss sich nicht unbedingt mit dem ihrer Kanzlei decken, Mr. Holbrook. Zumindest ging er mit Miss Cope aus, die auf sehr vertrautem Fuß mit dem Verstorbenem stand. Und immerhin sind nur Sie der Testamentsvollstrecker, der nichts davon erfahren durfte, und nicht Mr. Lane.“
„Selbst wenn ich davon erfahren hätte, hätte ich keine Zeit gehabt, dem Lord den tödlichen Schlag zu versetzen“, erwiderte dieser. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich schließlich aus einer Telefonzelle heraus mit Ihnen telefoniert.“
„Das haben Sie ausgesagt, ja“, bestätigte Carson. „Aber vielleicht waren Sie auch so kaltblütig, aus Metzgers Haus mit mir zu telefonieren. Was wäre ein Mord ohne ein geschickt konstruiertes Alibi?“
„Inspektor“, zischte der ansonsten sehr gutmütige junge Mann, dessen Sorge um Blossom seinen Langmut beinahe aufgezehrt hatte, nun ärgerlich. „An Ihrer Stelle würde ich versuchen praktisch zu denken und nicht wie ein Autor von verblüffenden Kriminalromanen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Das fragen Sie noch? Was ist zum Beispiel mit den anderen Bewohnern des Hauses? Und gibt es dort überhaupt einen Telefonanschluss?“
„Letzteres werde ich selbstverständlich überprüfen lassen. Aber im Moment bleibt es dabei. Sie hatten die Gelegenheit und ein Motiv. Bringen Sie ihn zurück in die Zelle, Constable.“
Lane wollte zunächst protestieren, doch der Inspektor hatte sich schon von ihm ab- und Rechtsanwalt Holbrook zugewandt. Sein Blick war mehr als ernst. „Ich möchte noch einmal vertraulich in meinem Büro mit Ihnen sprechen.“

Kapitel 7

Rufus Holbrook saß Inspektor Carson nun gegenüber. Er hatte eine bequeme Sitzposition eingenommen, die Beine übereinander geschlagen und die Arme locker auf die Seitenlehnen des Stuhls gelegt. „Was haben Sie mit mir zu bereden?“, fragte er ruhig.
Carson griff sich in den Nacken und strich über sein pomadiges Haar. Zweifellos eine Geste der Verlegenheit. „Ich möchte offen zu Ihnen sein, Mr. Holbrook. Sie machen auf mich den Eindruck eines sehr vernunftbegabten Menschen.“
Der Anwalt nickte leicht. Teils als Dank für das Kompliment und teils als Zeichen, dass der Beamte fortfahren möge.
Carson zog seine Hand zurück und nahm eine aufrechte Haltung ein. „Die Sache ist die, dass ich bereits weiß, dass es im Haus Hiram Metzgers keinen Telefonanschluss gibt. Ich hege keinen Zweifel daran, dass sich alles so abgespielt hat, wie Mr. Lane ausgesagt hat.

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„Die Situation ist nicht einfach“, begann Inspektor Carson langsam und schaute auf Rufus Holbrook und Stafford Lane, die auf der anderen Seite seines Schreibtischs saßen. „Auch wenn eigentlich alles ganz offensichtlich scheint. Lord Dunnington will die mysteriöse Verbindung zwischen seiner Mutter und Hiram Metzger aufdecken und bricht zu diesem Zweck in die Anwaltskanzleien ein. Er findet was er sucht, stellt Metzger zur Rede und wird dann von diesem zum Schweigen gebracht, da er mehr erfahren hat als eigentlich gut für ihn ist. Metzger tritt die Flucht an. Miss Cope muss er mitnehmen, nötigenfalls gewaltsam, da sich Dunnington ihr anvertraut hat.“
„Ja … Hm … Das ist ja alles gut und schön“, erwiderte Lane unsicher. „Aber wo ist jetzt genau das Problem? An Ihrer Stelle würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Metzger und Miss Cope zu finden. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich hier überhaupt noch sitze. Wenn er Blossom etwas antut, ich wüsste nicht, was ich dann tue.“
Der junge Mann wollte aufspringen, doch eine beruhigende Geste des Anwalts ließ ihn in den Stuhl zurück sinken.
„Der Inspektor hat Recht, Lane“, seufzte Holbrook. „Das Problem ist Metzger selbst.“
„Genau“, bestätigte Carson. „Dieser Mann hat sich über die Jahrzehnte hinweg so viel Einfluss erschlichen, dass er mittlerweile so gut wie unantastbar ist.“

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Walter Fellowes, der am Steuer der Jacht stand, lachte laut auf, als die Polizeibarkassen hinter ihm immer kleiner wurden. „Mehr Glück beim nächsten Mal, ihr verdammten Polypen!“

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„Hier bin ich, Inspektor“, tönte ihre glockenhelle Stimme von der Tür zur Brücke her. Ein sanfter Ausdruck legte sich auf Holbrooks Gesicht. Seine Tochter. Und sie war unversehrt. Blossom trat auf die Gruppe zu und überreichte Carson eine abgewetzte Ledertasche. „Sie stand neben dem Steuer und gehört Fellowes. Sie enthält die geraubten Dokumente.“

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