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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 186 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.514

10.06.2017 15:17
Schatten der Nacht (1949) Zitat · antworten



BEWERTET: "Schatten der Nacht" (Deutschland 1949)

mit: Hilde Krahl, Carl Raddatz, Willy Fritsch, Josef Sieber, Hermann Schomberg, Carl-Heinz Schroth, Arnim Dahl, Inge Meysel, Ursula Herking, Thessy Kuhls, Lilo Müller-Olias, Franz Schafheitlin, Albert Florath u.a. | Drehbuch: Otto-Heinz Jahn | Regie: Eugen York

Richard Struwe plant mit seinen beiden Komplizen, beschlagnahmtes Rauschgift aus dem Depot der Kriminalpolizei zu stehlen. Dabei werden seine Freunde geschnappt, er selbst taucht bei einem Faschingsball unter. Seine Geliebte Elga will ihn verlassen, weil sie seine Machenschaften nicht billigt. Richard schlägt ihr vor, sie künftig in Ruhe zu lassen, falls sie ihm dabei hilft, den reichen Ernst Magnus um dessen Geldbörse zu bringen. Der Versuch scheitert und Struwe landet für zwei Jahre im Gefängnis. In der Zwischenzeit verliebt sich Elga in Magnus und heiratet ihn. Doch auch eine Haftstrafe geht einmal zu Ende....

Hilde Krahl hatte den Ruf, auch nach über dreißig Filmhauptrollen nicht für ein bestimmtes Genre stigmatisiert zu sein, was sie in "Schatten der Nacht" beeindruckend und für den Zuschauer manchmal irritierend unter Beweis stellt. Ihre Elga ist eine Frau, die in einem Hamburger Kontor ihren zweifelhaften Geliebten, einen höheren Beamten mit Hang zu kriminellen Alleingängen, kennenlernte. Nachdem Richard sich ganz auf dubiose Gaunereien verlegt, arbeitet sie im Wachsfigurenkabinett des gutmütigen Mumme und erhält dann unerwartet die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg, als sie den Verleger Magnus kennenlernt, den Richard sich als Opfer eines Raubes auserkoren hatte. Die unerwartete und selbstzerstörerische Richtung, die sie aus Angst und Verzweiflung einschlägt, führen zu einem völligen Rollenwechsel und zeigen, wie vielschichtig die Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspielerin waren.

Zitat von Friederike Mat: Unsere Filmlieblinge - Ein Bilderbuch, Verlag Bernhard Reiff, 1956
Hilde Krahl gilt ganz mit Recht als eine der eigenwilligsten und begabtesten Schauspielerinnen der deutschen Filmwelt. Sie macht ihren Zuschauern das Leben nicht leicht - aber sie macht auch sich selbst das Leben nicht leicht.


Die Ehefrau des Regisseurs Wolfgang Liebeneiner, mit dem sie die Passion für die Welt der Kunst teilte, trifft auf drei Männer, von denen Carl Raddatz den größten und verheerendsten Einfluss auf ihr Schicksal hat. Die Rolle des Ganoven unterlegt er mit dem ihm eigenen maliziösen Schalk und heftet sich wie das personifizierte schlechte Gewissen, das Elga unbewusst beherrscht, an die Fersen der verlorenen Geliebten. Willy Fritsch als vornehmer Verleger ist nicht ausschließlich edel, hilfreich und gut, sondern wird seinerseits von Obsessionen gequält, die sich nach Elgas Verschwinden zu einem Totenkult steigern, der sein Urteilsvermögen lähmt.



Nachdem sich das Ausmaß der Verbrechen anfangs als gegen gesichtslose Institutionen gerichtet auf einem moderaten Niveau bewegt und durch die Verstärkung von Bandenmitgliedern wie dem Frauenschmeichler Carl-Heinz Schroth gemildert wird, wendet sich das Blatt, als Richard nach seiner Haftentlassung auf sich selbst gestellt ist. Mit Charme kann er bei seiner ehemaligen Freundin nichts mehr erreichen und droht deshalb zunächst mit der Gefühlskeule, bevor er sein wahres Gesicht zeigt und sie gnadenlos erpresst. Hat Elga bisher auf ihren Verstand gehört und Standhaftigkeit bewiesen, wankt sie nun jedoch und sinnt auf einen Ausweg, der nur den Verbrecher schont und ansonsten niemandem nutzt. Der langsame Abstieg der stolzen Frau bis in die Gosse dreht die bisher glaubhafte Handlung und lässt den Film ins Tragisch-Groteske umkippen. Das Entsetzen von Magnus setzt sich auf den Gesichtern des Publikums fort. Zeitweise fühlt man sich wie in Hans Albers' St. Pauli und es wird kaum besser, als der Verleger die totgeglaubte Frau per Zufall in ihrem neuen Milieu entdeckt. Die Ereignisse, die nun folgen, sind ein Konglomerat aus der "Vertigo"-Story und einem Moralstück von Herbert Reinecker, wirken zunehmend peinlich und enden in einem unbefriedigenden plötzlichen Abbruch der Geschichte. Schade, denn die Voraussetzungen waren optimal und die Klimax der Erpressung hätte genügend andere Möglichkeiten eines Rätselfaktors hergegeben. So wirkt alles am Ende wie der Untertitel: "Ein Frauenschicksal". Dabei leistet die Kamera zweifellos Hervorragendes und zaubert Bilder an die Wand, die im Stile der Fritz-Lang-Klassiker sehr düster anmuten. Doch die Intention der Macher und die Erwartungen des heutigen Publikums gehen eventuell doch auseinander.

Stringentes Grundthema, das ohne Not verschenkt wird und sich vom Kriminalfilm zum Melodrama wandelt. Überzeugende Leistungen von Krahl und Raddatz. 2,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.392

18.06.2017 21:00
#2 RE: Schatten der Nacht (1949) Zitat · antworten



Schatten der Nacht (Ein Frauenschicksal)

Kriminaldrama, BRD 1949. Regie: Eugen York. Drehbuch: Otto-Heinz Jahn. Mit: Hilde Krahl (Elga), Willy Fritsch (Ernst Magnus), Carl Raddatz (Richard Struwe), Josef Sieber (Mumme), Hermann Schomberg (Edgar Elsberg), Arnim Dahl (Freitag), Carl-Heinz Schroth (Minjes), Lilo Müller-Olias (Heidi), Ursula Herking (Julia), Thessy Kuhls (Margit) u.a. Uraufführung: 10. März 1950. Eine Produktion der Real-Film Hamburg im Herzog-Filmverleih Berlin.

Zitat von Schatten der Nacht
Ihr krimineller Freund, der Elga immer wieder zu unfreiwilliger Beihilfe zu verschiedenen Verbrechen überredet, droht seinem „Schneeflöckchen“ am Faschingsabend erneut: Sie soll ihm helfen, den Verleger Magnus in eine Falle zu locken. Da „Assessor“ Struwe aber kurz vor seiner geplanten Tat verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird, steht Elgas persönlichem Glück auf einmal nichts mehr im Wege. Aus ernsthafter Zuneigung heiratet sie Magnus und verbringt mit ihm zwei herrliche Jahre. Dann kommt Struwe wieder auf freien Fuß ...


Auf Sylt und in Hamburg entstanden die Aufnahmen zu diesem nostalgischen Film, der für seine Entstehungszeit durchaus typisch ist: War es gerade zum Ende des Dritten Reiches hin oberste Devise, für leichtfüßige Alltagsablenkung in den Kinos zu sorgen, stand die zweite Hälfte der 1940er Jahre im deutschen Film umgekehrt ganz im Zeichen der Problematisierung. Dabei nahm man sich nicht immer hochgestochener Themen wie Kriegsschuld („Die Mörder sind unter uns“, „Ehe im Schatten“) oder gesellschaftlicher Desillusionierung („Nachtwache“) an; auch die Schilderung klatschmagazinreifer Einzelschicksale in möglichst überhöhter, dramatisierter, düsterer Form gehörte in die Repertoirekiste des filmischen Neuanfangs. So schildert „Schatten der Nacht“ den Aufstieg und Fall des Gangsterliebchens Elga, das sich von Anfang an nicht unbedingt durch einen starken eigenen Willen auszeichnet. Vielleicht um von der harten Arbeit der Frauen in den Jahren nach Kriegsende abzulenken, strahlt den harmoniesuchenden Kinogängerinnen eine weiche, formbare Hilde Krahl entgegen, die sich zwar gegen das von Carl Raddatz personifizierte Böse auflehnt, diesen Kampf aber mit Pauken und Trompeten verliert. Mit tragischer Treffsicherheit trifft Elga stets die scheinbar leichtesten, tatsächlich aber folgenschwersten Entscheidungen, die sich manchmal kurzfristig nützlich, im Ganzen aber fatal für sie auswirken.



Von Elgas unstetem Verhalten angetrieben, wechselt der Film immer wieder das Sujet: Was zunächst in überlangen Karnevalsszenen als Schwof der kleinen Leute beginnt, wird mit dem Erscheinen Willy Fritschs zum eleganten Liebesdrama, mit Raddatz’ Wiederkehr zum Erpresserkrimi und schließlich zur überzeichneten Sozialstudie der Flucht und Selbstverleugnung einer Frau. Vielleicht fühlte der geschäftstüchtige Gyula Trebitsch, dass Autor Otto-Heinz Jahn den Bogen etwas überspannt hatte; jedenfalls testete man – mit gemischtem Erfolg – die Wirkung des Films auf das Publikum noch vor dem Massenstart mit einer ungewöhnlichen Marketing-Maßnahme:

Zitat von Heike Goldbach: Ein Feuerwerk an Charme – Willy Fritsch, Tredition Verlag, Hamburg 2017
Um den Film sicher zum Erfolg zu führen, lässt ihn die Produktionsfirma mit noch junger Methode der Marktforschung innerhalb einer Überraschungsvorstellung von vierhundert ins Hamburger Urania-Kino gebetenen Zuschauern beurteilen. Ursprünglich ist für diesen Abend des 10. Januar 1950 der Film „Schicksal aus zweiter Hand“ angekündigt, wird jedoch kurzfristig gegen „Schatten der Nacht“ getauscht. Den überraschten Kinogängern macht dies wenig aus, niemand verlässt das von Stammgästen als „Flohkiste“ bezeichnete Filmtheater. Bereitwillig beantworten die Zuschauer im Anschluss an den Film einen acht Punkte umfassenden Fragebogen über die Spielweise der Darsteller, Regie, Musik sowie die Handlung im Allgemeinen und stellen dem Film insgesamt ein positives Zeugnis aus. „Einfach die Wucht“, schreibt eine Näherin auf ihren Zettel, und ein Gartenarbeiter beschreibt den Film „bis wo Hilde Krahl die Dirne spielt, sehr gut, ab dann etwas drastisch“.


Den Dreh der letzten halben Stunde hätte der Film vom Standpunkt der Glaubwürdigkeit wahrlich nicht benötigt. Allerdings gibt er den Darstellern die Gelegenheit, sich aufs Ernsthafteste in ihre Rollen hineinzusteigern, was – insbesondere durch die guten Leistungen von Krahl und Fritsch – in einem ergreifenden offenen Ende mündet. Die Kamera verharrt, während Elga am menschenleeren Sylter Strand in die Nacht davonläuft, so wie Bildgestalter Willy Winterstein auch zuvor schon einige sehr ansprechende Motive geglückt sind. Insgesamt also vielleicht nicht unbedingt „die Wucht“, aber ein hochwertiges, wenn auch etwas angestaubtes Zeitprodukt.

Inhaltlich gleichen die „Schatten der Nacht“ einem wankelmütigen Chamäleon, da die Einflüsse auf und Entscheidungen von Elga immer wieder für abrupte Umbrüche sorgen, die den Zuschauer die Handlung nie vorausahnen lassen können. Klassisch ausgebildete Akteure und Filmhandwerker versuchen, diese Unruh nach Möglichkeiten auszuwuchten und den Eindruck eines nicht unbedingt anspruchsvollen, aber doch ambitionierten Dramas zu erwecken. 3,5 von 5 Punkten.

PS: Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, müsste sich also auch mit dem Zeitraum des Zweiten Weltkriegs überschneiden. Davon findet sich im fertigen Film, einer dezidierten Weltfluchtfabel, natürlich nicht die geringste Spur.

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