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 Film- und Fernsehklassiker international
Prisma Offline




Beiträge: 7.549

21.03.2014 20:50
Der römische Frühling der Mrs. Stone (1961) Zitat · Antworten


Vivien Leigh in

DER RÖMISCHE FRÜHLING DER MRS. STONE / THE ROMAN SPRING OF MRS. STONE (1961)

mit Warren Beatty, Coral Browne, Jill St. John, Jeremy Spenser, Stella Bonheur, Josephine Brown und Lotte Lenya
eine Produktion der Seven Arts Productions | im Verleih der Warner Bros.
nach dem gleichnamigen Roman von Tennessee Williams
ein Film von José Quintero





»Rom ist eine sehr alte Stadt. 3000 Jahre. Wie alt bist du? 50?«


Die Kritiker und das Publikum sind sich einig. Die Schauspielerin Karen Stone (Vivien Leigh) ist zu sehr in die Jahre gekommen und hat den Zenit ihrer Karriere längst überschritten. In einer Kurzschlussreaktion versucht sie der Realität zu entkommen und unternimmt eine Italien-Reise mit ihrem wesentlich älteren Mann Tom (John Phillips), der jedoch plötzlich verstirbt. Karen lässt sich in Rom nieder und lebt in den Tag hinein, bis sie eines Tages einen Jungen Mann namens Paolo di Leo (Marlon Brando) kennen lernt, der ihr von der zweifelhaften Gräfin Magda Terribili-Gonzales (Lotte Lenya) vorgestellt wird, die nichts anderes als eine Kupplerin ist. Paolo hofiert die bekannte Schauspielerin, und man geht fast jeden Tag miteinander aus. Die Gräfin ist mit der Entwicklung allerdings unzufrieden, da Paolo nur teure Geschenke gemacht bekommt, aber kein Bargeld einbringt. So arrangiert sie kurzerhand eine Affäre zwischen dem jungen und hübschen Starlet Barbara Bingham (Jill St. John) und Paolo, und provoziert damit eine Eifersuchtsszene seitens Karen. Sie wiederum sieht sich mit Ängsten konfrontiert, da ihr seit Tagen ein Unbekannter auf Schritt und Tritt folgt...

»Der Vergrößerungsspiegel auf ihrem Toilettentisch sagte ihr, dass sie zwar immer noch außerordentlich schön, aber nicht mehr jung war. Ihr vierzigster Geburtstag näherte sich, und der Gedanke erschreckte sie. Sie beneidete jeden Menschen, der noch jung war, und sie trauerte der verlorenen Jugend nach.« Dieser Auszug aus "Das Leben der Vivien Leigh" von Anne Edwads, schildert wohl nicht nur die Bedenken von Vivien Leigh selbst, sondern charakterisiert vor allem den Lebensabschnitt der Karen Stone sehr gut. José Quinteros Film (nach der einzigen Romanvorlage von Tennessee Williams) ist besondere Beachtung zu schenken, da man hier die Kunst sehen kann, dass enorme Stärken die vorhandenen Schwächen überlagern, und einfach wegdividieren. Auch dass er von Hause aus Theater-Regisseur war, und man hier seinen ersten und einzigen Kinofilm sehen kann, macht das Endergebnis schon wieder recht beachtlich. Vivien Leigh ist dabei wie geschaffen für diese Rolle, weil sie dem Empfinden nach sehr viele Anteile von ihrer Filmrolle besitzt und ihr die nötigen Charakteristika überzeugend mit auf den Weg gibt. Die britische Schauspielerin sieht man hier bereits in ihrem vorletzten Film, den sie nach sechsjähriger Leinwand-Abstinenz drehte, und man muss neidlos anerkennen, dass sie nichts von ihrer Leinwand-Dominanz, ihrer Anmut, Faszination und der typischen Präsenz um ihre Person verloren hatte. Die Geschichte vermittelt genau wie deren Umsetzung einen ruhigen Aufbau, und man sieht einen schönen Ausstattungsfilm, der trotz der pessimistischen Grundthematik immer wieder eine eigenartige Art von Idylle zu vermitteln weiß. Der Film spart sich große, temperamentvolle Ausbrüche aus, und die Konzentration liegt primär auf der genauen Zeichnung der Psychogramme seiner Protagonisten, die in Form einer spektakulären Besetzung mit von der Partie sind.





Vivien Leigh, die bereits Bühnenerfahrung mit Stoffen von Tennessee Williams hatte, litt zu dieser Zeit an schweren depressiven Episoden. Ihre Erkrankungen sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass sie es in einem langen Zeitraum von gut dreißig Jahren lediglich auf zwanzig Kino- und TV-Produktionen brachte, was sehr bedauerlich ist, denn Leigh war definitiv eine der begnadetsten Schauspielerinnen, die man in mehreren Jahrzehnten finden konnte. Die Besetzung mit Vivien Leigh hat beinahe etwas Zynisches, da man die Vergleiche zu ihrer Filmfigur Karen Stone ganz unverblümt auf einem Silbertablett serviert bekommt. Andererseits erscheint sie nach dieser großartigen Leistung auch vollkommen alternativlos zu sein. Die Einführung der Titelfigur geschieht Schlag auf Schlag. Man sieht den Star während einer Aufführung, der durch die eigene Körpersprache wie ein Koloss auf tönernen Füßen wirkt, Mrs. Stone zeigt sich einerseits gut reflektiert, aber andererseits auch von diffusen Ängsten geplagt, weil sie genau weiß, dass ihr Starruhm am bröckeln ist, und die Leute nur darauf warten, beim ersten Fehltritt über sie herzufallen. Daher fasst sie den schnellen Entschluss, dass sie sich zurückziehen muss, doch ihr Mann stirbt bereits beim Antritt ihrer Reise nach Rom, wo sie ab sofort zwar lebt wie eine Königin, doch von der Lethargie heimgesucht wird. Sie lässt sich treiben, lebt in den Tag hinein und macht bei ihrer Suche nach sich selbst schließlich die Bekanntschaft eines Gigolos. Vivien Leigh strahlt eine auffällige Melancholie aus und es ist überaus erstaunlich, wie jede Kleinigkeit in ihrem Schauspiel abgestimmt zu sein scheint, was man im Endeffekt als große Choreografie zu beschreiben ist, oder einfach nur als Perfektionismus. Bei ihr werden kleinste Nebensächlichkeiten, wie beispielsweise das Rauchen einer Zigarette oder ihr Blick, in dem man immer noch die jugendliche Kraft einer Scarlett O’Hara lodern sehen kann, zum fesselnden Spektakel. Sie hatte einfach nichts von ihrer Sphinx-artigen Schönheit verloren, und wirkt in ihrer Reife nach wie vor anziehend. Eine Leistung der Spitzenklasse!

Im Rahmen derartiger Qualitätssiegel muss im gleichen Atemzug ebenfalls Lotte Lenya als zuhälterische Gräfin genannt werden, die es wegen ihrer bemerkenswerten Interpretation zu einer Oscar-Nominierung, und zu einer Golden Globe-Nominierung brachte, jeweils in der Kategorie beste Nebendarstellerin. Sie wurde hier übrigens genau wie in "Liebesgrüße aus Moskau" ganz hervorragend von Alice Treff synchronisiert. Lenya gibt der Gräfin Terribili-Gonzales einen absolut irren Anstrich. Sie verkuppelt junge, gut aussehende Herren an solvente, alleinstehende Damen (und wenn es sein muss, auch an Herren) mittleren Alters, und zwar nach dem lukrativen 50:50-Prinzip. Als Karen Stone in der Stadt auftaucht, wittert sie ihre große Chance. Es ist herrlich mit anzusehen, als sie sich die möglichen Vorteile dieser Situation ausmalt, als sie plötzlich verträumt davon spricht, einmal wieder richtig essen zu können. Kaviar und Trüffel für sie, außerdem Hummer für Ludovico, ihren Kater. Doch die potentielle Allianz zwischen der reichen Witwe und Paolo, einem der besten Hengste aus ihrem Stall, scheint nur schleppend voranzugehen. Marlon Brando spielt den italienischen Gigolo mehr als überzeugend, denn er bedient sich nach Herzenslust allerhand landläufige Klischees und scheint tatsächlich mit allen Wassern gewaschen zu sein. Zunächst scheint er sich an Karen Stone die Zähne auszubeißen, jedoch schildert der Verlauf schließlich überaus exemplarisch, wie er sich im Leben dieser ziellosen Frau immer massiver unentbehrlich macht, obwohl beide Seiten eigentlich vor klaren Verhältnissen stehen. Insgesamt zeigen sich unheimlich interessante Charakter-Konstellationen, die dem Film sein Profil geben.





Insgesamt gesehen, weiß José Quintero den Zuschauer in einer eigenartigen Art und Weise zu fesseln. Der Film transportiert einen sehr stillen, und beinahe zu simplen Aufbau, und es kommt nur selten zu Offensiven. Dennoch wittert man als Zuseher eine bevorstehende Szene, oder die unausweichliche Eskalation, denn das ungleiche Paar liefert genügend Zündstoff, weil zwei vollkommen unterschiedliche Welten aufeinander treffen. Die große Dame von Welt wirkt extravagant, und für das typische Bild der Amerikanerin fast schon viel zu reflektiert und kultiviert, ihre offensichtlichen Schwächen werden Freibriefe für Nutznießer. Ihr stolzer Liebhaber hat nichts außer seiner Jugend und dem guten Aussehen zu bieten, also alles, was Karen begehrt. Dass der Zweck eben doch alle Mittel heiligt, erscheint dabei wie die älteste Geschichte der Welt zu sein. Der pessimistische Grundtenor, der ausschließlich über die gestochen scharfen Psychogramme der Beteiligten vermittelt wird, lässt also Paukenschläge vermuten, doch eigentlich passiert nicht wirklich viel. Eher werden fatale Irrtümer angesichts bestehender Beziehungen geschildert, falsche Erwartungen und Hoffnungen, oder Abhängigkeiten demonstriert, die das (Zusammen-)Leben unerträglich werden lassen, wobei das schlimmste daran ist, dass der Eindruck aufkommt, dass es alleine noch viel unerträglicher wäre. Mich beeindruckte dieser unscheinbare Verlauf doch nachhaltig, und ich mag "Der römische Frühling der Mrs. Stone" wirklich gerne. Dass dem Film sein Ruf in Form eines angeblich schwachen Drehbuches immer wieder vorauseilt, kann man zur Kenntnis nehmen, oder dem teilweise vielleicht sogar zustimmen, dennoch erlebt man ersatzweise absolut beeindruckende schauspielerische Leistungen, die primär im Gedächtnis bleiben dürften. Das offene Ende mit seinem subtil-schockierenden Finale führt dem Zuschauer schließlich wieder die prosaischen Kehrseiten des Lotterlebens vor Augen. Für mich ist "Der römische Frühling der Mrs. Stone" unterm Strich ein wirklich sehenswerter Film mit viel Fingerspitzengefühl, den der ein oder andere vielleicht eher als unspektakulär vor sich hinplätschernd abqualifizieren würde, aber das soll jeder Betrachter für sich entscheiden.

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