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  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Deine Ausführungen klingen absolut plausibel. Wie eingangs erwähnt, liegt es mir fern, Reinls Rolle bei Wallace kleinzureden. Natürlich war er für die inszenatorische Gestaltung in der Frühphase der Serie enorm wichtig und hat den Stil auf diese Weise entscheidend mitgeprägt. Nur war er es eben nicht alleine und auf so dominante Art wie bei den Winnetou-Filmen; um diese Unterscheidung ging es mir.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Tarzan im Beitrag #70
    Jedenfalls hat Reinl für mich zunächst die Wallace-Filme geprägt und auch einen Stil hineingebracht. Roland hat sich ja auch am Frosch bei seiner ersten Arbeit orientiert. Die Inszenierung haben ja auch nicht Hummels oder Eis besorgt.

    Aber daran sieht man, dass viele Dinge im Einflussbereich der Produktion lagen und auch den Drehbuchautoren zu verdanken sind, die man immer schnell leichtfertig dem Regisseur als "Film-Magier" zuschreibt. Kramp betont explizit, dass er unbedingte Wille/Perfektionsdrang aller Beteiligten und die sorgfältige Vorbreitung/Auswahl der Schauspieler usw. den Erstling zum Erfolg brachten. Da war Reinls Regie wichtig, aber eben auch nur ein Baustein. Wäre das anders gewesen, hätte Kramp - als Reinl-Fan - dessen Rolle deutlich stärker hervorgehoben. Im Falle der Betonung der unbeachteten Bedeutung Hummels ist ihm das seinerzeit ja sehr negativ ausgelegt worden. Auch im Sinne Reinls kann ich nicht mit der Einschätzung mitgehen, Roland habe sich an Reinl orientiert. Roland hatte im Gegensatz zu Reinl seine ganz filmische Ausbildung in England absolviert und er war ein junger, aufstrebender Regisseur, der sein eigenes Ding machen wollte. Das merkt man an der sehr nüchternen, bodenständig-britischen Art, wie er den "Kreis" und auch beim "Stahlnetz" inszenierte. Dadurch wirkt der "Kreis" auch britischer als der "Frosch". Viele Fans und Zuschauer finden den "Kreis" im Vergleich deswegen ja auch langweiliger bzw. biederer als den "Frosch". Dagegen wird beim "Frosch" Reinls energiegeladene, melodramatische und effektheischende Inszenierung hervorgehoben. Dieses Gleichsetzen wird folglich auch Reinl nicht gerecht. Gerade weil Reinl und Roland unterschiedliche Ansätze verfolgten und diese jeweils - meiner Meinung nach - ab 1961 keinen großen Einfluss mehr auf den Stil der Reihe hatten, stelle ich diese angeblich unausweichliche Stilbeeinflussung infrage. Das ändert nichts daran, dass diese Herrschaften kompetent inszenierten und exzellente Filme lieferten. Aber anders als bei Karl May halte ich Reinls kolportierte stilistische Vormachtstellung bei Wallace für weitgehendes Wunschdenken der Reinl-Fans.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Tarzan im Beitrag #62
    Dann frage ich mich, weshalb Bartsch (Reinls Drehbuchmann) beim "Frosch" als Bearbeiter des Eis-Buches genannt ist. Genau jener Herr Bartsch, der, siehe einen Beitrag zuvor, beim Drehbuch zum hochgelobten "Der unheimliche Mönch" beteiligt ist. Reinl hat wegen Bartschs Bearbeitung mit Sicherheit nicht ganz konsequent das Eis-Drehbuch umgesetzt. Das halte ich persönlich für sehr unwahrscheinlich. [...] Dann zitiere ich mal eine Schweizer Filmkritik zum FROSCH MIT DER MASKE, worin schon deutlich wird, was Harald Reinls "neuer Weg", auch gegenüber der genannten Schweizer Co-Produktion "Es geschah...", für eine Stiländerung brachte:
    "... Die Spannung führt nie zur Explosion; stets wird sie aufgelockert durch erheiternde Einlagen, hier geliefert von einem ebenso pflichtbewussten wie ,schlagfertigen‘ Butler. Der wichtigste Grund freilich, der diesen Film erst zur (trotz harten Szenen) angenehmen Unterhaltung macht, liegt darin, dass für diesmal sämtliche Darsteller glaubhaft wirken."

    Also nichts von Härte und "eiskaltem Touch" stehen für diesen neuen deutschen Krimi. Und das rechne ich persönlich Harald Reinl an. Vielleicht nennt mir aber auch jemand einen deutschen Krimi aus 1958/59, der das auch schon aufzuweisen hatte.

    Kramp schreibt als Kenner der Drehbuchinternas deutlich, dass im Wesentlichen Eis die filmische Vorstellung für den ersten Wallace-Film in seine Fassungen entworfen hat; mit teils präzisen Anweisungen für die Umsetzung. Mit Härte und "eiskaltem Touch" meine ich die sehr direkten Mordszenen wie etwa an Lolita oder Lady Doringham und beispielsweise die morbide präsentierte Hinrichtungsthematik in den ersten beiden Filmen (siehe auch die abweichenden Henker-Versionen zum "Kreis" im "Hallo!"-Buch). Sieht man sich die Arbeiten von Eis für Epigonen wie "Wirtshaus" und "Spinne" an, so wirken diese auch brutaler und "eiskalter" als die Arbeiten anderer Autoren in diesem Bereich. Den Butler haben laut Kramp Eis & Bartsch wechselseitig erarbeitet. Die Produzenten waren von Bartschs finaler Fassung nicht überzeugt und haben das Script in den Wochen vor Drehbeginn selbst drehfertig geschrieben. Reinl hat den Film dann im Wesentlichen so gedreht, wie die Produzenten ihm das Drehbuch in die Hand gedrückt haben. Und wie er für "Frosch" und "Bande" Bartsch mitbrachte, so brachte Roland für "Kreis" und "Bogenschütze" Wolfgang Menge mit. Und da sie einander nicht kopierten (bestes Beispiel die Paar-Szenen - Reinl: "stimmungsvoll romantischer"; Roland: "britisch unterkühlter"), zeigt, dass Reinl und Roland die Reihe mit zwei Doppelarbeiten simultan ins Laufen brachten. Arent ist auch im "Kreis" humorvoll (aber auf eine trockenere Art) und auch hier sind alle Darsteller glaubhaft. Die zeitgenössische Kritik könnte man folglich genauso auf Rolands "Kreis" anwenden und auf den "Bogenschützen" (Stichwort: Auflockerung) sogar noch viel mehr...

    Zitat von patrick im Beitrag #65
    Ich muss gestehen, dass ich zu Mr.Igle's Vergleich mit den anderen deutschen 50er-Jahre Krimis nur bedingt mitreden kann. [...] Ich konnte mich für die Prä-Frosch-Filme der 50er nie ernsthaft begeistern. Die waren einfach alle weniger.

    Da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Der Unterschied liegt in der größeren Action (Schießereien, Attentate und Co.) und dem allgemein größeren pulphaften Unterhaltungsfaktor der Wallace-Streifen, während die 50er-Kriminalfilme wie etwa "Es geschah am hellichten Tag" bodenständiger, psychologischer und seriöser konzipiert waren. Mein Punkt ist: Ich kann nicht erkennen, inwieweit Reinl und/oder Roland in ihren ersten beiden Filmen in der reinen Inszenzierung Stilmerkmale geprägt haben, die für die weitere Entwicklung der Serie prägend und unausweichlich waren. Beide haben die Filme kompetent, auf der Höhe der Zeit und sehr gewissenhaft gedreht, aber rein stilistisch sehe ich die Reihe 1959-1961 noch in einer Findungsphase ohne dominanten Kurs. Der erste durch und durch typische Wallace-Film wäre für mich sogar erst die "Gräfin", die dann zu den deutlich formelhafteren 62er- und 63er-Filmen überleitet. Hier ist der "Wallace-Stil" dann wirklich vollständig ausgeprägt.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Tarzan im Beitrag #58
    Es ist völlig unstrittig, dass Reinl die Stilrichtung der Serie ausgab.
    Ist es das? Vieles war auch stilistisch bereits schon durch die Romane vorgegeben. Joachim Kramp hat - trotz seiner bekannten "Affenliebe" zu Reinl - stets betont wie wichtig der Einfluss Hummels als Wallace-Kenner und vor allem von Egon Eis als Autor für die frühen Wallace-Filme war. Kramp hat hierbei hervorgehoben, dass der Stil der ersten beiden Wallace-Filme vor allem in Sachen Atmosphäre, Härte und "eiskaltem Touch" konkret durch die Drebücher von Eis vorgegeben wurde. Die haben Reinl und Roland jeweils simultan umgesetzt. Ich sehe nicht, wo Reinl oder Roland groß inszenatorische Neuerungen gegenüber den Kriminalfilmen von vor 1959 geliefert hätten. Was soll diese einmalige "Handschrift" denn bitte sein? Wenn man sich zum Beispiel "Es geschah am hellichten Tag" (1958) ansieht, ist der auch nicht groß anders inszeniert als "Frosch" oder "Kreis". Die frühen Wallace-Streifen hatten meines Erachtens kein sonderlich von zeitgleichen Kriminalfilmen abweichendes Flair was Bildkompositionen und Schnitt angeht, sondern hingegen inszenatorisch noch allgemein sehr am Kinotopp der 50er Jahre.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Tarzan im Beitrag #55
    Heiße Luft ist ein gutes Stichwort. Jetzt auch noch Roland mit Reinl gleichsetzen zu wollen, ist der Versuch Reinls Starter-Verdienste abzumildern.
    Die Luft ist sogar so heiß, dass du dich nicht einmal fähig siehst, auf nur eines meiner Argumente einzugehen. Dann lass als Fan den guten Reinl auf dem Podest, auf den du ihn gesetzt hast. Ich sehe das ein wenig anders, obwohl ich Reinl - wie du meinem obigen Beitrag entnehmen kannst - sehr schätze. Ich habe es nicht nötig, Verdienste kleinzureden oder abzumildern, habe aber einen abweichenden Blickwinkel. Fakt ist, dass es den "Roten Kreis" auch gegeben hätte, wenn der "Frosch" gefloppt wäre. Hätte man das Reinl angekreidet? Wohl kaum. Der "Frosch" wurde ein Erfolg, der "Kreis" auch. Roland hat Reinls Stil nicht kopiert, sondern seine eigenen Akzente gesetzt. Dasselbe Spiel bei "Bande" und "Bogenschütze". Dann kam Vohrer. Nimmt man den "Rächer" hinzu (der Kinozuschauer scherte sich damals nicht um Produktionsfirmen), dann hat Reinl von den ersten sieben Wallace-Filmen gerade einmal zwei Beiträge inszeniert. Was genau ist also seine unfassbare Starter-Leistung? Hätte Reinl die ersten vier oder fünf Filme am Stück gedreht, dann würde ich dir zustimmen. So jedoch sehe ich nicht ein, weshalb man im Gegenzug Rolands Simultan-Leistung kleinreden sollte. Auch die Gesamtreihe gesehen, war Reinl natürlich einflussreicher, weil er länger dabei war und fünf Filme insgesamt abgeliefert hat. Aber die Serie lief ohne ihn und seine "Handschrift" problemlos weiter (gleiches gilt für Roland), anders als bei Karl May, wo er wirklich so dominant war, dass kein Regisseur gänzlich an seinem etablierten May-Stil vorbeikam und er alle maßgeblichen Winnetou-Filme inszenierte. Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass die Reihe genauso gut gestartet wäre, hätte Roland "Frosch" & "Bande" und Reinl "Kreis" & "Bogenschütze" inszeniert. Vielleicht sollte man die Regisseure auch nicht so überbewerten. Joachim Fuchsberger etwa war für den Erfolg der Reihe noch wesentlich bedeutender als irgendein Regisseur. Das sieht man immer daran, dass in der Frühphase der Reihe (1959-1961) die Zuschauerzahlen immer dann in die Höhe schnellten, wenn er die Hauptrolle spielte; egal, welcher Regisseur inszenierte (Reinl, Vohrer, von Ráthonyi). Der "Fälscher" wäre wohl viel erfolgreicher gewesen, hätte Blacky die Hauptrolle gespielt. Wenn folglich Roland Fuchsberger als Zugpferd gehabt hätte, würden wir heute vielleicht über ihn als "Starter" der Wallace-Reihe streiten...

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Count Villain im Beitrag #50
    Wir können nicht sagen, ob sie unter Vohrer nicht genauso gut angelaufen wäre. Gerade viele der frühen Vohrer-Wallace-Filme gelten generell als gelungene Klassiker. Ich will Reinls Leistung damit nicht klein reden. Ganz im Gegenteil! Aber man sollte es Vohrer nicht zum Vorwurf machen, dass damals Reinl für die Regie engagiert worden ist.
    Das gehe ich zu 100 % mit konform. Und zwar aus mehreren Punkten: 1. Wallace war gewissermaßen - auch wenn die Produzenten angeblich so große Bedenken hatten - ein Selbstläufer und prädestiniert für eine Verfilmung, sonst hätte der Goldmann-Verlag seinerzeit sicherlich keine so hohen Auflagen verkauft; 2. Es gab schon vor 1959 bundesdeutsche Kriminal- und Sittenfilme und ich sehe nicht, wo Reinl sich mit dem Erstling der Reihe da inszenatorisch von diesem Kino-Reißern groß unterscheiden würde (Stichwort: Novum), abgesehen vom Handlungsort; und der "Frosch" wirkt trotzdem sehr "deutsch" in der Machart; 3. Jürgen Roland hat parallel zu Reinl ebenfalls jeweils einen Wallace-Film gemacht; wenn, dann hat er einen genauso großen Anteil am Unterfangen "Serie ans Laufen bringen" wie Reinl; 4. Von den drei erfolgreichsten Wallace-Filmen stammen zwei von Vohrer, aber keiner von Reinl. In jedem der drei Filme war Joachim Fuchsberger der Hauptdarsteller. Und obwohl Reinl dreimal mit Fuchsberger in der Hauptrolle (zweimal in Kombination mit Dor) drehte, hat es keiner dieser Streifen aufs Podium geschafft. Das alles soll, wie schon mein Vorgänger schrieb, nicht Reinls Verdienste auf irgendeine Weise schmälern, aber Reinls hier hervorgehobene Rolle als "Geburtshelfer" und "Serienprimus" schon in einem ausgewogeneren Licht erscheinen lassen.

    Ich glaube auch nicht, dass sich viele Kinobesucher groß darüber den Kopf zerbrochen haben, wer denn nun bei welchem Film auf dem Regiestuhl saß. Reinl hatte offensichtlich einen Stil, der den bundesdeutschen Geschmack genre-übergreifend sehr gut traf. Bei Karl May ist Reinl hingegen unumstritten der bedeutendste Regisseur. Vohrer hatte hier auch das Pech, dass er sehr spät zum Zuge kam und die Filme mit Stewart Granger und "Firehand" drehen musste. Hier verlangte die Produktion bereits eine Hinwendung zum aufkommenden Italowestern mit mehr Härte und mit Grangers selbstironisch-versnobter Art, die durchscheinen ließ, dass er den ganzen BRD-Western ohnhehin nicht für voll nahm, konnte man eben wenig schwärmerische Romantik auf die Kinoleinwand zaubern. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn Vohrer einen Winnetou-Film mit Lex Barker hätte drehen können. Auch das wäre Spekulation. Reinl hingegen war für Karl May prädestiniert, weil er als Berg- und Heimatfilm-Spezialist ein natürliches Gespür für die malerische jugoslawische Berg-, Höhlen-, Land-, und Seenwelt besaß und seine Art der Film-Romatik gut zu Karl May passte. Das war - meines Erachtens - Reinls größte Stärke als Regisseur und seine "Handschrift": Die Verbindung aus Abenteuerlust, großen Gefühlen und einer atemberaubenden Naturkulisse. Vohrer war hingegen ein exzellenter Thrillerspezialist mit einem famosen Gespür für Kriminalthemen, Pulp-Charaktere und skurrile Übertreibungen. Müsste ich benennen, wo sich die beiden am meisten unterscheiden, so würde ich sagen: Reinl war ein "Stimmungs"-, Vohrer ein "Spannungs"-Regisseur. Zusammen mit Roland waren sie die wichtigsten Regisseure für den Erfolg der Serie. So würde ich das sehen.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Zitat von Jan im Beitrag #45
    Noch absurder wäre, einzelne Macher - wie beispielsweise Herbert Reinecker - herauszupicken und eine Analogie zum Schaffen im NS-Staat herbeizudichten.

    Zumal dieser Ansatz ja wenig mit der praktischen Arbeit eines Drebuchautoren zu tun hat. Hier ist immer der Produzent das Korrektiv. Reinecker war ein Schnell- und Vielschreiber und war demenstprechend sehr flexibel. Er konnte sehr schnell und kompetent das liefern, was die Produzenten so möglichst zügig haben wollten. Das war nicht unbedingt immer qualitativ hochklassig oder kreativ, aber erfüllte in der Regel seinen Zweck. Während beispielsweise Hanns Wiedmann/Johannes Kai (interessanterweise ebenfalls mit NS-Vergangenheit) ein Autor mit seinem ganz eigenen Anspruch war und quasi immer seine Version des Films durchboxen wollte. Kein Wunder also, dass er sich rasch mit Wendlandt überwarf und ab Mitte der 60er Jahre keine Drehbuchaufträge in der Branche mehr erhielt. Von daher sehe ich solche Zuweisungen auch eher abwegig; man muss ja auch berücksichtigen in welchem - für heutige Verhältnisse - aberwitzigem Tempo die Wallace-Filme produziert wurden. Aber bei Reinecker ist halt - wie erwähnt - das verbindende Element seine Arbeit als Autor. Tappert wird ja nicht unter dem Signum eines NS-Muster-Schauspielers geführt. Von daher finde ich es legitim eine Verbindung zwischen Reineckers literarischer Tätigkeit vor 1945 und manchen teils sehr moralisierenden "Kommissar"- und "Derrick"-Folgen, wo Reinecker sich als Autor ja viel freier und ungezwungener austoben konnte, herzustellen; wenn es diese stilistischen Linien gibt. Und wenn es sie gibt, fände ich es nicht dramatisch. Das muss keinem den Genuss dieser Serien nehmen, aber ich finde es auch nicht per se abwegig, weil die Arbeit eines Autors über seine gesamten Schaffenszeitraum meist prinzipiell gewissen stilistisch durchgehenden Linien unterworfen ist. Und Reinecker selbst hat einer solchen Interpretation ja durchaus Nahrung gegeben, indem er in Interviews diese beiden Serien immer als "seine" Serien titulierte und immer die starke moralisierende, gesellschaftskritische Komponente hervorhob. Tappert wurde das - nach eigenem Bekunden - in der Spätphase von "Derrick" ja selbst etwas zu viel. Für die Wallace-Filme oder für Reineckers allgemeines Wirken zwischen 1950 und 1969 im Kino sehe ich einen solchen Ansatz aber auch nicht, weil seine Arbeitssituation (gefällige Genreware, Schnelligkeit, viele verschiedene Engagements, viele Produzenten als Korrektiv) zu dieser Zeit halt eben eine andere war.

    Zitat von Jan im Beitrag #45
    Nichts ist leichter als eine Recherche im Bundesarchiv und nichts ist leichter als das Recherchierte bei einem Glas Rotwein, funktionierender Zentralheizung und bequemem Ohrensessel zum moralinsauren Cocktail zu verwursten.

    Das ist aber im Umkehrschluss genauso ein Totschlag-Argument. Aus dieser Perspektive wird jeder kritische Blick auf die NS-Vergangenheit der Akteure unmöglich; wie überhaupt auf jegliche Form der Vergangenheit, weil man die Verhältnisse ja nicht selbst nachempfinden kann. Von daher rate ich zur Mäßigung. Sowohl im Urteil über die Vergangenheit, wie auch über die eigene Gegenwart und wie sie den Blick auf bestimmte Aspekte bestimmt. Ein gutes Beispiel ist da das durchaus kontroverse Buch von Sabine Pamperrien über Helmut Schmidts Biographie von 1918 bis 1945, wo man beim Lesen der negativen Amazon-Rezensionen auch bisweilen den Eindruck gewinnen könnte, als säße die Autorin vor dem "Volksgericht". Rationales historisches Verständnis und massvolle Kritik & Gegenkritik wären hier angebracht. Wie dürfen auch nicht vergessen, dass die Menschen in 30 Jahren wieder ganz anders urteilen werden. Über unsere Zeit genauso, wie über bestimmte Aspekte der NS-Vergangenheit.

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Prinzipiell sehe ich das ähnlich. Aber gerade im Falle Reineckers - finde ich - ist diese Trennung doch sehr schwer möglich, weil das verbindendene Element eben sein Metier ist: Das Schreiben. Wer als Propaganda-Mitarbeiter mit seinem literarischen Geschick dabei half Kinder und Jugendliche zu indoktrinieren und bis zum Kriegsende fürs "Schwarze Korps" schrieb, dem steht eben das belehrende, moralisierende Element einiger der späteren "Kommissar"- und "Derrick"-Arbeiten nicht sonderlich gut zu Gesicht. Trotzdem schätze ich Reinecker als ungemein fähigen Autor. Mich stört es nicht, aber ich kann verstehen, wenn das jemandem aufstößt. Vielleicht wird heute vorschnell und überhart geurteilt, aber man kann die Menschen weder durch die Prägung, noch durch irgendetwas anderes vollends von ihrer persönlichen Verantwortung entbinden. Es gibt Menschen, die genauso alt oder noch jünger waren und sich unter widrigen Umständen trotzdem für ein anderes Verhalten entschieden haben. Die Denkrichtung "Die sind eben zu anderen Zeiten aufgewachsen und wurden alle verführt" greift in ihrer Pauschalität eben auch zu kurz. Die meisten Menschen wussten damals sehr genau was sie (häufig aus Überzeugung) taten und sie wussten auch viel mehr, als sie später zugeben wollten. Nur war es später sehr viel leichter, die Verantwortung nach oben abzuschieben, anstatt sich einzugestehen, dass man sich selbst geirrt und einen Fehler begangen hatte. Zu diesem simplen Eingeständnis waren viele leider nicht in der Lage und zwar unabhängig davon, ob sie persönlich schwere moralische Schuld auf sich geladen hatten oder nicht. Dieser größtenteils fehlende Wille zur Reflexion über mehrere Jahrzehnte hinweg hat unter anderem zur Folge, dass man heute eben ganz genau hinschaut und bisweilen mit dem Moralisieren übertreibt. Ich kann diese Biographien mit all ihren Brüchen akzeptieren, aber man muss diese Menschen für ihr Handeln weder entschuldigen, noch muss man endgültig den Stab über sie brechen. Tiefere Botschaften in den Wallace-Filmen kann ich weder in die eine, noch in die andere Richtung allerdings auch nicht erkennen. Wallace ist klassische Genre-Ware, die durch die von der Produktion engagierten Regie-Handwerker wie Reinl oder Vohrer als Unterhaltung für die breite Masse konzipiert wurde.

  • Louba der Spieler (1927)Datum05.09.2019 23:15
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Vielen herzlichen Dank für deinen sehr freundlichen Kommentar, @Dr. Oberzohn!

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #4
    Da könnte es ruhig ein bisschen mehr von geben, die Bücher kommen immer ein wenig stiefmütterlich weg.

    Ich bestätige hiermit, dass es bald eine zweite Rezension geben wird. Und sogar noch drei weitere. Auch wenn es im Spätsommer erst etwas langsam und schleppend anlief, bin ich jetzt wieder voll und ganz im Wallace-Fieber. Es ist unmöglich von Edgar Wallace..., ach, ihr wisst schon...

  • Louba der Spieler (1927)Datum04.09.2019 19:37
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    LOUBA, DER SPIELER, Original: Flat Two, 1927, dt. Übersetzung Louba, der Spieler von Mechthild Sandberg für den Scherz Verlag, 1. Auflage 1987.

    Inhalt:

    An den Roulettetischen seines Spielcasinos auf Malta nimmt der gewiefte Lebemann Emil Louba regelmäßig seine Gäste aus. Reggie Weldrake, ein junger Offizier des auf der Mittelmeerinsel stationierten britischen Regiments, hat bei Louba horrende Spielschulden angehäuft. Um seiner Familie die Schmach zu ersparen, begeht der verzweifelte Leutnant Selbstmord. Von da an hat sein Vorgesetzter Captain Hurley Brown sich zum Ziel gesetzt, Loubas Treiben ein Ende zu setzen. Eines Nachts geht dessen Spielhölle in Flammen auf und der verschlagene Geschäftsmann verlässt Malta. Jahre später taucht Louba in London wieder auf und ruiniert mit einem neuen Etablissement gut situierte britische Bürger. Hurley Brown, der mittlerweile ein hoher Beamter bei Scotland Yard ist, sind jedoch weitgehend die Hände gebunden. Doch Louba soll für seine Verbrechen eines Tages bezahlen. Brown ist jedoch beileibe nicht der Einzige, der seinen Hass auf den Orientalen richtet. Ein Verwandter des unglücklichen Weldrake überwacht jeden von Loubas Schritten in der Hauptstadt, sein aufbrausender, krimineller Rivale da Costa würde nur zu gern dessen Geschäft übernehmen und Frank Leamington treibt rasende Eifersucht, da seine Verlobte Beryl Martin die Verbindung zu ihm löst, um den schurkischen Casinobesitzer zu ehelichen. Doch auch einige Schandtaten der Vergangenheit scheinen Louba allmählich einzuholen. In seinem Apartment, das sich in einem hochmodernen Hochhauskomplex befindet, den er mitfinanziert hat und der mit einer neuartigen Alarmanlage gesichert ist, fühlt der aalglatte Lebemann sich vor seinen Feinden völlig sicher. Doch eines Nachts kann sein Leibarzt Dr. John Warden nur noch Loubas Tod feststellen. Inspektor Trainor steht vor einem großen Problem: Fast jeder der Beteiligten hatte ein Motiv, aber keiner die Möglichkeit die Tat zu begehen...

    Besprechung:

    Dieser Roman gehört zu den sichtlich sorgfältiger und komplexer konzipierten Büchern des Altmeisters. Tatsächlich hat sich Edgar Wallace im vorliegenden Fall einmal an einem lupenreinen Whodunit versucht. Insgesamt sicherlich ein mit gewissen Abstrichen geglücktes Unterfangen; zumal einer der Tatverdächtigen im Laufe der Handlung auch noch ermordet wird und sich das Verwirrspiel erst zum Ende gekonnt auflöst. Was dem Werk ein wenig fehlt ist das Tempo. Es dauert recht lange bis alle Figuren eingeführt und charakterisiert sind und sich schließlich der Mord ereignet. Danach geht es mit den Ermittlungen zwar etwas zügiger voran, aber durch die Verwicklungen der Vergangenheit kann die Spannungsschraube erst im letzten Drittel so richtig angezogen werden. Die Auflösung überzeugt, auch wenn sie für den geübten Krimileser recht absehbar erscheint. Aber der King of Crime dreht es zum Schluss natürlich wieder auf seine Weise und wählt einen Schluss, der für ihn durchaus typisch ist und auch bei diesem Werk zu überzeugen weiß. Dass der Roman eher zu den Geheimtipps aus dem Oeuvre gehört, verwundert dagegen nicht, denn das Buch ist dahingehend a-typisch für den Wallace-Leser, als dass es keinen klaren Protagonisten gibt; selbst das obligatorische junge Liebespaar hat nur eine Nebenrolle inne.

    Während zu Beginn der titelgebende Schurke im Mittelpunkt steht, widmet der Autor nach dessen Ermordung allen Verdächtigen und Ermittlern mehr oder minder die gleiche Aufmerksamkeit; ein Umstand, der auch für eine potenzielle Verfilmung des Werks innerhalb der deutschen Wallace-Kinoserie der 1960er Jahre ein echtes Hemmnis gewesen wäre. Zugleich lässt sich aus diesen ungewöhnlichen Abweichungen ableiten, wieso der Roman bei den Wallace-Lesern so unterschiedlich ankommt. Wird das Buch hier im entsprechenden Thema zwischen spannender Lektüre und gutem Durschnitt verortet, hielt Wallace-Spezialist Joachim Kramp den Roman zeitlebens für eines der besten Werke des Altmeisters. Unterm Strich empfinde ich das Buch auch als sehr rund und in den Details und Beschreibungen raffinierter arrangiert als so manches andere Fließbandwerk aus den Jahren der seriellen Hochproduktion. Auf der anderen Seite hätte man sich als Leser zwischendrin vielleicht etwas mehr Nervenkitzel und mysteriöse Ereignisse gewünscht. Wie mein Vorschreiber treffend ausführt, ist es halt ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr so interessant, welcher Charakter wann und aus welchem Motiv heraus in Loubas Arbeitszimmer eingedrungen war.

    Die verschiedenen Figuren innerhalb der Handlung werden erfreulich plastisch und lebendig geschildert. Emil Louba ist natürlich ein vortrefflich exotisch-extravaganter Unhold aus der Unterwelt der Goldenen Zwanziger, der am Ende seines Lebens einfach so viel auf dem Kerbholz hat, dass seine Schandtaten nun eben ihren Tribut zollen. Das übliche Liebesgespann bilden Frank Leamington und Beryl Martin, die in ihrer recht beliebigen Zeichnung zum Wallace-Standardpersonal gehören. Commissioner Hurley Brown, Dr. John Warden und Inspektor Trainor bilden quasi ein Trio, das versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, wobei Brown - aufgrund seiner früheren Scharmützel mit dem Casinobesitzer - sich selbst bald in der Rolle des Verdächtigen wiederfindet. Die sonstigen Handlungsträger sind sehr individuell und abwechslungsreich beschrieben und erhalten alle ein glaubwürdiges Motiv dem Orientalen an den Kragen zu wollen. Von Loubas leutseligen Diener Miller, über den feisten Finanzier da Costa, den traurigen, alten Weldrake bis hin zu dem gegensätzlichen, sich wechselseitig mit Verachtung straffenden Ehepaar Charles und Kate Berry. Zusammengenommen ein ausgesprochen authentischer und verzweigter Verdächtigenkreis mit diversen Verbindungen untereinander und zum Mordopfer.

    Fazit:

    Im Gesamtbild ein souveräner Roman des King of Crime, der es zwar gewiss nicht mit den großen Meisterwerken aus der Feder des Altmeisters aufnehmen kann, aber durch seine ungewöhnlich ausgearbeitete Whodunit-Struktur, vielseitige Charaktere und intensive Beschreibungen von Personen und Schauplätzen zu überzeugen weiß. Dagegen mangelt es ein wenig an Tempo, am Einbrechen von rätselhaften Ereignissen in die Rahmenhandlung und an großen Mysterien. Ansonsten erwarten den Leser atmosphärische Schilderungen im gepflegt-gehobenen Wallace-Stil.

    Meine Wertung: SEHR GUT

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Hallo @Dr. Oberzohn,

    das Buch mit dem gleichnamigen Sittenstrolch lautet Louba, der Spieler. Und ja, es wird in kurzer Zeit eine Rezension des Romans geben.
    Aktuell lese ich bereits ein weiteres Werk des King of Crime. Die Lektüre macht wieder großen Spaß und ich denke, dass weitere Besprechungen nicht ausgeschlossen sind.
    Vielleicht nehme ich Das Geheimnis der gelben Narzissen auch noch in meinen momentanen Lesestapel auf. Mal sehen...

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Eine sehr schöne Rezension zu diesem Roman, @Dr. Oberzohn! Meine letzte Lektüre des Buchs ist schon mehrere Jahre her, allerdings habe ich das Werk auch eher als mittelprächtig bis schwach in Erinnerung. Wie Gubanov bin ich auch immer wieder überrascht, wieso genau dieser Roman seinerzeit für eine Verfilmung ausgewählt wurde; wo es doch so viele bessere und vor allem leichter verfilmbare bzw. spektakulärere Titel gibt. Vermutlich war jedoch auch den Verantwortlichen nur ein Bruchteil des Wallace-Gesamtwerks bekannt; wer mag es ihnen verübeln. Die Verfilmung von 1961 - auch wenn es ewig her ist, dass ich sie gesehen habe - habe ich aber als positiv abgespeichert und fand, dass sie einige Schwächen des Romans geschickt ausgleicht. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

    Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
    Ziemlich direkt wird angedeutet, dass er sie wohl nicht nur zum Händchenhalten genötigt hat. Ein solches unziemliches Verhalten kann bei Wallace nur zum Tode führen, sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit.

    Treffend ausgeführt! Dem schmierigen Delinquenten bei meiner aktuellen Wallace-Lektüre widerfährt als "Sittenstrafe" genau dasselbe Schicksal.

  • eBay - Kennt ihr schon das?Datum28.06.2019 17:59
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Kennt jemand zufällig den "Edgar Wallace - Film Katalog"? Habe ich heute zum ersten Mal gesehen...

    https://www.ebay.de/itm/EDGAR-WALLACE-fi...8AAAOSw8aBc9tkS

  • Edgar Wallace - die neuen FälleDatum14.06.2019 21:03
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Famos, Mr. Wooler!

    Der Altmeister in neuem Gewand? Neue Fälle? Als Hörspiel oder im (E-)Book-Format?
    Wenn Sie nun auch noch in den Drehbuch-Sektor vorstoßen, dürfen wir Wallace vielleicht auch endlich wieder im Kino erleben?
    Eine super Sache! Ich bin schon sehr gespannt.

  • Neue Wallace-Buch-AusgabenDatum16.05.2019 23:11
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    @Gubanov

    Bin doch noch fündig geworden bei Lidl/Österreich: https://www.lidl.at/de/angebote.htm?articleId=21972

    Vielleicht nur Vertrieb im Süden/Südwesten + Österreich? Ich wohne in Rheinland-Pfalz. Wenn die Dinger aber so rar sein sollten, will ich morgen aber doch mal schnell nochmal hinflitzen, um mir welche zu sichern...

  • Neue Wallace-Buch-AusgabenDatum16.05.2019 22:31
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    @ Dr. Oberzohn
    Der Markt hat nur einen farblich akzentuierten Vokal im Namen. Und er lohnt sich, laut eigener Aussage.

  • Neue Wallace-Buch-AusgabenDatum16.05.2019 13:49
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    In meinem Discounter mit den vier Buchstaben (jeder kann sich jetzt aussuchen welcher...) lag heute ein Stapel mit Taschenbüchern aus. Fast alles waren Sonderausgaben bekannter Krimi-Klassiker (Poe, Stout, Christie). Zu meiner großen Freude stellte ich fest, dass der Goldmann-Verlag auch einige Wallace-Romane für eine Sonderausgabe/2019 neu aufgelegt hat. In dem Konvolut lagen allerdings nur Der Hexer & Der grüne Bogenschütze.
    Covergestaltung und Schriftsatz sehen sehr modern und frisch aus. Eins steht fest: Der Altmeister lebt!

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Ich kenne die Blu-Ray Edition des "Mönchs" noch nicht, könnte mir aber vorstellen, dass man mit dem gestochen, scharfen Bildmaterial noch besser arbeiten könnte. Beispielsweise hinsichtlich der Materialbeschaffenheit der Fassade. Ich bin kein Berlin-Kenner und auch nicht in der Nähe ansässig, wäre aber auch der Meinung, dass besonders die "lange Gerade", die Harriet Foster vor dem Finale bis hin zur Villa entlangfährt, für eine Ortsidentifizierung am geeignetsten wäre.

  • Der Rächer (1926)Datum29.08.2018 23:02
    Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    DER RÄCHER, Original: The Avenger, 1926, dt. Übersetzung Der Rächer von Edith Walter für den Scherz Verlag, 2. Auflage 1987.

    Inhalt:

    Captain Michael Brixan vom Nachrichtendienst des Außenministeriums wird von seinem Chef Major Staines kurzfristig zurück nach London beordert. Der Nachrichtenoffizier Francis Elmer hatte sich nach massiven Unterschlagungen abgesetzt. Doch Staines will seinen besten Mann nicht mit Elmers Verfolgung beauftragen, denn dieser ist bereits tot. Man fand Elmers Kopf in einem Karton. Er wurde zum zwölften Opfer des "Kopfjägers", eines unheimlichen Mörders, der binnen sieben Jahren ein Dutzend meist ihrer gerechten Strafe entronnener Verbrecher enthauptete. Brixan nimmt sich des Falles widerwillig an und reist nach Chichester, wo Elmer zuletzt lebend gesehen wurde und wo dessen Nichte als Komparsin bei einer Filmproduktion arbeitet. Brixan macht die Bekanntschaft der reizenden Adele Leamington und schleust sich selbst als Komparse bei Knebworth Film ein. Alsbald stößt Brixan bei seinen Nachforschungen auf dubiose Zeitungsinserate eines "Wohltäters", die der unglückliche Elmer fieberhaft sammelte und bekommt den Verdacht, dass der "Rächer" im Umfeld der Filmgesellschaft agiert. Verdächtige gibt es mehr als genug: Jack Knebworth, dessen berufliche Zukunft am Gelingen des Films hängt, Stella Mendoza, die Filmdiva, die ihre Rolle wegen ihrer Eskapaden an Adele verliert, Reggie Connolly, der intrigante eitle Liebhaber, Lawley Foss, der verschwiegen-hinterhältige Filmdramaturg, Sampson Longvale, der merkwürdige alte Schlossbesitzer und Sir Gregory Penne, der schwerreiche und grobschlächtige Weltenbummler mit einer großen Sammlung exotischer Schwerter und Exponate sowie einem dressierten Orang-Utan als Diener. Bald mehren sich beängstigende Ereignisse und die Beteiligten beginnen zu frösteln; denn die schwarze Limousine des "Kopfjägers" wurde mehrfach in der Gegend gesehen. Brixan versucht den Mörder in die Enge zu treiben, doch der ist ihm immer einen Schritt voraus. Eines Tages findet Scotland Yard wieder einen Karton mit einem Kopf…

    Besprechung:

    Dieser Roman stammt aus den Jahren der großen Serienproduktion des King of Crime. Ein Umstand, dem man dem Buch nur bedingt anmerkt. Anders als manche andere Werke aus dieser Schaffensphase ist Der Rächer kohärent und dicht geschrieben und die Handlung wird immer wieder mit stimmigen Detailbeschreibungen bereichert. Manchen Rezensenten hat dies offenkundig die Lektüre verleidet. Der Roman wird gemeinhin sehr unterschiedlich bewertet. Von enthusiastischen Kritiken bis hin zu äußerst negativen Bewertungen reicht das Spektrum. Für Wallace-Experte Joachim Kramp war es schlicht ein "langweiliger Roman". Tatsächlich bietet das Werk gerade in der ersten Hälfte durchaus Anlass zur Kritik; denn die Exposition der Handlung ist äußerst zäh geraten. Das ist aber auch der ausführlichen und zeitnahen Schilderung einer Filmproduktion jener Jahre geschuldet, die zwar die Story bisweilen auf der Stelle treten lässt, zugleich das Buch in Sachen atmosphärischer, detailverliebter Dichte auch enorm bereichert. So lassen die kriminalistisch interessanten Vorfälle und Ermittlungen ein wenig auf sich warten, brechen dann aber umso rasanter auf den Leser herein, bis der Altmeister zum Ende hin gegenüber der langen Einführung ein geradezu atemberaubendes Tempo vorlegt.

    Vor allem die letzten Kapitel müssen besonders gelobt werden, sorgen doch die von Edgar Wallace bekannten, jeweils wechselnden Erzählperspektiven bei der finalen Hatz auf den "Kopfjäger" für ausgezeichneten Thrill. Dessen Identität stellt den geneigten Leser – auch ohne die Kenntnis der Kurt Ulrich-Produktion von 1960 bzw. des Klappentextes der Werksausgabe – vor keine allzu großen Herausforderungen. Zwar bemüht sich der King of Crime immer wieder um falsche Fährten und unvollständige Annahmen, die sich im Nachhinein als übereilt erweisen, aber insgesamt wäre hier deutlich mehr herauszuholen gewesen. Vielleicht hätte man den einen oder anderen Anwohner mehr verdächtig machen können oder einige Nebencharaktere hätten mehr dubiose Geheimnisse haben dürfen. So jedoch ist sehr schnell klar, wohin der Hase läuft. Immerhin entschädigt ein nervenaufreibender Schlusskampf für das zeitweilige Ausbleiben des Whodunit-Rätselns. Unterm Strich sind die Längen und die offensichtliche Auflösung die einzigen großen Mankos des Buchs. Auf der Habenseite stehen dagegen plastische Beschreibungen einer Filmproduktion der 1920er Jahre, das gruselige Mysterium und die Auftritte des "Rächers", ein deutlich angezogenes Tempo in der zweiten Romanhälfte und schön ausgestaltete, gut gezeichnete Handlungsträger. Insgesamt ein durchaus gelungener Roman des Altmeisters mit kleineren Schwächen.

    Die Charaktere des Werks sind ausgesprochen vielseitig und für die Verhältnisse von Wallace mit deutlich treffsicherer Raffinesse beschrieben. Michael Brixan ist der gewohnt zupackende Mann mit kriminalistischem Sachverstand und gewissen Marotten. Ein etwas kühlerer und direkterer Typ, weshalb die Besetzung der Rolle mit Heinz Drache im späteren Serienkontext der Rialto als geradezu prophetisch erscheint. Demgegenüber ist die weibliche Hauptperson etwas individueller geraten. Adele Leamington ist zielstrebig, schlagfertig und hat ihren eigenen Kopf. Ganz besonders ihre Souveränität am Ende des Romans ist dem deutlich schmalzigeren Abschluss der Filmversion eindeutig vorzuziehen. Das Filmteam um den jovialen Regisseur Jack Knebworth, die hochnässigen Stars Stella Mendoza und Reggie Connolly und den schmierigen Dramaturgen Lawley Foss ist wunderbar vielseitig geraten. Auch die Gutsbesitzer Sampson Longvale und Sir Gregory Penne sind echte Prachttypen des Wallace-Kosmos und werden sehr ausführlich beschrieben. Major Staines ist der seriöse Chef, während die Malaysier und der Diener Bhag für einen gewissen exotischen Touch sorgen.

    Zur Filmadaption von Karl Anton ist zu sagen, dass der Streifen sich sehr nah an der Handlung des Romans orientiert. Manche Dialoge werden fast wortgleich wiedergeben. Gewisse Anpassungen und Kürzungen waren natürlich unumgänglich; vor allem was die Figur des Bhag betrifft. Mag man den Machern aus heutiger Sicht latenten Rassismus unterstellen, muss man sich aber auch fragen, was denn die Alternative gewesen wäre. Ein dressierter Orang-Utan stand schließlich nicht zur Disposition. So ist die Idee eines wilden Eingeborenen, der vor Penne nie Kontakt zu Menschen hatte, zwar eine fragwürdige, aber doch gelungene Lösung. Vermutlich ist hier auch eher die optisch-mimische Darstellung im Film selbst das Problem. Ansonsten ist der Adaption anzumerken, dass die Autoren und der Regisseur die gepflegte Langatmigkeit des Stoffes nicht haben ausmerzen können. Als fatal erweist sich außerdem die Entscheidung, die drei nervenaufreibenden Begegnungen mit dem Wagen des "Rächers" nicht in den Film zu übernehmen. Gerade aus spannungstechnischer bzw. inszenatorischer Hinsicht hätte man aus diesen Passagen viel machen können. Ansonsten ist Anton aber ein ordentlicher Thriller mit viel Atmosphäre gelungen. Besonders exzellent ist die Besetzung. Vor allem Heinz Drache, Friedrich Schoenfelder, Ingrid van Bergen, Klaus Kinski und Benno Sterzenbach passen ganz ausgezeichnet in ihre Rollen. Lediglich Ludwig Linkmann erscheint etwas bemüht und kann nicht unbedingt als Idealbesetzung bezeichnet werden. Ina Duscha ist eine gute Heroine, deren Ausstrahlung und Aufmachung in Kostüm und Schminke ihren Aufstieg von der Komparsin zur Hauptdarstellerin ungemein glaubhaft erscheinen lässt. Und Siegfried Schürenberg beweist, dass er auch ohne Slapstick einen angenehm-sympathischen Vorgesetzten verkörpern konnte. Diese Seite von ihm hätte man im späteren Verlauf der Serie gerne auch das eine oder andere Mal stärker herausstreichen können.

    Fazit:

    Ein durchaus gelungener Roman, der sicher nicht zum Besten gehört, was der King of Crime in seiner Laufbahn geschrieben hat, der aber dennoch überdurschnittliche Unterhaltung bietet. Zwar sorgen das gedrosselte Tempo der ersten Buchhälfte und die zu offensichtliche Täterauflösung für eine gewisse Ernüchterung, aber der rasante Storyfluss des letzten Romandrittels und die liebevoll-lebhaften Schilderungen des Filmhandwerks der Goldenen Zwanziger machen diesen Eindruck mehr als wett. Hinzu kommen ein vielseitig ausgestaltetes Figurenpersonal, atmosphärisch dicht beschriebene Tatorte und eine wahrhaft furchteinflößende Verbrecherfigur. Summa summarum ein Werk aus dem guten bis gehobenen Bereich des Wallace-Oeuvres.

    Meine Wertung: SEHR GUT

  • Foren-Beitrag von Mr. Igle im Thema

    Grundsätzlich stimme ich dir schon zu, aber eine Halbierung der Zuschauerzahlen binnen drei Jahren finde ich schon ganz schön deftig. Ich kenne die ganzen Querelen rund um Wixxer#3, denke aber doch, dass die Angst vor einem Misserfolg da auch mit rein spielt (siehe auch der Jerry Cotton-Flop). Der deutsche Kinomarkt ist da in den letzten acht bis zehn Jahren auch völlig unkalkulierbar geworden. Anfang/ Mitte der 2000er Jahre konnte man mit so einer comediangespickten Parodie noch 2 Mio. Zuschauer (+ x) einfahren. Heute kann es sein, dass so ein Film mit 200.000 Zuschauern oder noch weniger Konsumenten gänzlich absäuft.

    Selbst Bully Herbigs Stern ist da enorm gesunken. Seine frühen Filme kamen alle über 7 Millionen Zuschauer, während der Bullyparade-Film (Best of aller seiner Rollen & Marken!) letztes Jahr den Zuschauern gerade mal noch 1,9 Millionen Tickets wert war. Sicher auch kein Flop, aber man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass die Zeit für diese Art Filme vorbei zu sein scheint. Auch ohne Pastewka glaube ich daher nicht, dass Kalkofe/RatPack den dritten Wixxer fürs Kino machen. Wenn er überhaupt produziert wird, dann sicher fürs Fernsehen. Aber das geht jetzt auch zu weit vom Thema hier ab.

    Zum Thema Wallace und seinem heutigen Stellenwert habe ich übrigens beim Stöbern dieses Special auf krimicouch.de entdeckt. Ganz interessant zu lesen: https://www.krimi-couch.de/krimis/specia...ar-wallace.html

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